28 Oktober 2008

Wiedergeboren als Club der Vier

Schon einen Tag nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses der Wahlen zum litauischen Parlament haben sich vier Parteien haben sich zur Bildung einer neuen Regierung in Litauen zusammengefunden: die Vaterlandsunion (die litauischen Christdemokraten), die beiden liberalen Gruppierungen "Liberale Bewegung" und "Liberale und Zentrumsunion", und auch die "Fernsehstar-Partei" der "nationalen Wiedergeburt". Diese vier Parteien würden zusammen über 79 der 141 Sitze im Parlament verfügen. Die vier Parteichefs Andrius Kubilius, Arunas Valinskas, Eligijus Masiulis and Arturas Zuokas unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Bildung einer neuen Regierung.
Das Wahlergebnis gründet sich allerdings auf weitgehendes Desinteresse des Wahlvolkes: nur noch durchschnittlich 32% nahmen an der 2.Wahlrunde teil.
Gediminas Kirkilas, Noch-Ministerpräsident und Chef der Sozialdemokraten, gab indessen bekannt, dass er seine Partei keineswegs als Verlierer sähe, da sie mehr Wählerstimmen bekommen habe als vor vier Jahren.

Als weiteres Ergebnis hat sich herausgestellt, dass im neuen litauischen Parlament weniger Frauen vertreten sein werden: 2004 hatten es noch 28 weibliche Abgeordete gegeben (20%), nun werden es voraussichtlich nur noch 22 sein (18%)

Die 141 Sitze des litauischen Parlaments sind nun unter den Parteien wiefolgt aufgeteilt:
Vaterlandsunion / Christdemokraten 44
Partei der Nationalen Wiedergeburt 16
Liberale Bewegung 11
Liberale und Zentrumsunion 8
Sozialdemokraten 26
Partei Ordnung und Gerechtigkeit 15
Arbeitspartei 10
sonstige zusammen 11

Postengerangel
Nun wird es in konkrete Koalitionsverhandlungen gehen, und dabei geht es - entgegen den meist in Deutschland geübten Sitten - gleich öffentlich um Ämter und Posten. Neben dem Regierungschef will die Heimatunion am liebsten auch den Finanz-, Wirtschafts-, Verteidigungs- und auch noch das Außenministerium selbst besetzen.
Gemäß Presseberichten erhebt die Wiedergeburts-Partei Anspruch auf vier, die Liberale Bewegung auf zwei Ministerämter, und beide möchten gleichermaßen eine/n Kandidat/in stellen für das Amt des Parlamentspräsidenten.
Angeblich soll auch die Neuschaffung des Amtes eines Energieministers noch in der Diskussion sein.

Famlienklatsch
Wer sich weniger für die politischen Taktiken interessiert, wird vielleicht eher verfolgen, dass drei "Familien" es ins Parlament geschafft haben:
- neben der Leitfigur der "nationalen Wiedergeburt", Arunas Valinskas, auch seine Frau Inga Valinskiene (ebenfalls Kandidatin derselben Partei)

- mit TV-Moderatorin Daiva Tamosiunaite und ihrem Mann Dainius Budrys gibt es noch ein weiteres Ehepaar bei den national Wiedergeborenen.

- Valentinas Mazuronis bringt seinen Sohn Andrius mit ins Parlament, beide in der Partei "Ordnung und Gerechtigkeit"

Agne Zuokiene, Frau des Spitzenkandidaten der Liberalen und Zentrumsunion und ehemaligen Bürgermeisters von Vilnius, Arturas Zuokas, hat nur um einen Platz den Parlamentseinzug verpasst. Falls noch jemand auf das Mandat verzichtet, kommt es also auch hier zu einer "Familienzusammenführung".

Infolinks:
Wahlergebnisse

Kandidatenlisten

Nachrichten des litauschen Radio und Fernsehens (LRT) engl.

24 Oktober 2008

Karolis im Westwind

Vielleicht haben YouTube-Fans und Litauen-Freunde bald ein neues, gemeinsames Lieblingsgericht: Weißbrot mit Apelmus. Das sind die Bilder, die Karolis Spinkis, 17 Jahre, der nun mit seiner Mutter in Ilmenau/Thüringen lebt, für seine Erinnerungen an die Kindheit in Litauen findet. Karolis hat einen Film gedreht ("dem Westwind entgegen") - und wie die Thüringer Landeszeitung meldete, ist dieser für die Preisverleihung des MDR-Yougendmedienpreises am kommenden Montag, den 27.Oktober 2008, im Landesfunkhaus Erfurt vorgesehen.

Wer den 8-minütigen Streifen sieht, und als Deutscher Litauen in jüngster Zeit kennengelernt hat, könnte folgende Gedanken beim Betrachten haben:

a) endlich mal ein junger Litauer, der sich in der Öffentlichkeit äussert! So können die Deutschen mehr über die litauischen Denkweisen und Mentalitäten erfahren!
b) Verglichen mit teuer produzierten Filmchen litauischer Werbeagenturen (meist sehr bunt & klischeehaft) ist dies aber besser, ehrlicher, und man erfährt auch etwas über die persönliche Perspektive.
c) Mensch, Karolis, wenn du im wirklichen Leben auch so auf die Dinge zugehst, wie Du im Film wirkst: da darf Deutschland noch etwas von litauischen Meinungsäußerungen erwarten! Nur zu!


Leider sind alle entsprechenden Links zu Preisverleihung 2008, zur Filmergruppe "Waschbärenbande", und in den Thüringischen Medien inzwischen aus dem Netz verschwunden. Schade!

19 Oktober 2008

"Ostalgie" in Litauen? Der neue Film "Balkon"

"Ach, es war ja nicht alles schlecht..." Ein Satz, den man in Litauen eigentlich nicht hört. Die "Sowejtzeit", das war die Zeit der Besetzung. Da waren die bösen Russen (denen auch die heutigen Machthaber und Gazprom entsprechen) und die heldenhaften litauischen Partisanen. Gelegentlich bekommt das Bild Risse durch litauische KGB-Reservisten oder durch die russische Unterstützung für Politiker, aber im Allgemeinen ist die Behandlung der Sowjetzeit als solche Tabu. Geschichten wie "Sonnenallee" oder "Good Bye, Lenin"? Unvorstellbar, vor allem als Verhöhnung derer die unter dem Regime gelitten haben. Und so freuen sich die alten Kader insgeheim, dass ein Großteil der Akten unerreichbar in Moskau liegt.

Jetzt ein ganz anderes Phänomen: Die Wiedergeburt des litauischen Films. Jedes Jahr gibt es mindestens einen, doch recht hochwertigen, litauischen Spielfilm im Kino: Von der Verfilmung des Buches "Der Götterwald" von Balys Sruoga - ein anderer Blick auf ein Konzentrationslager über kleine Businessgangsterfilme wie "Diringas" bis zum Schicksal der Emmigranten in "Unnütze Menschen".

Und jetzt auf einmal sowas: Ja, auch in der Sowjetunion haben "ganz normale Menschen" gelebt. Aus der Selbstdarstellung des Films: "Die Sowjetunion in den 80ern. Eine Kleinstadt an der Peripherie. In die Nachbarschaft der 11jährigen Emilija zieht nach der Scheidung der Elten der gleichaltige Rolanas [offensichtlich ein Russe] mit seinem Vater. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung jedoch auch Furcht nur durch die Wand, wenn jeder auf seiner Seite des Balkones sitzt oder über den Stromschalter. Auch Emilijas Eltern sind nah der Scheidung und die Kinder finden viel gemeinsames. Doch ein beinahe tragischer Unfall versperrt Emilija den Weg auf den Balkon und die beiden werden zu einem "richtigen" Treffen gezwungen."

Klingt auf jeden Fall nicht uninteressant und seit Monaten sind Freunde und Bekannte "heiß" auf diesen Film. Ob er die Erwartungen erfüllt, kann ich selbst erst sagen, wenn ich ihn gesehen habe, er ist nämlich gerade erst angelaufen. Ich bin mir fast sicher, dass die Hälfte der Kino-Besucher sagt "Super" und die andere Hälfte "Schwach", das ist nämlich immer so.

Gespannt darf man auch sein, was als nächster Film folgen wird. Und alle, können jetzt schon einen Filmsselbstdarstellung via You tube und die Filmhomepage

http://balkonas.wordpress.com/

sehen.

14 Oktober 2008

Nach der Wahl ist vor der Wahl ....


Auch einen Tag nach der Parlaments-Wahl ist in Litauen eigentlich nichts klar. Neben zahlreichen Zahlenspielen gilt es jetzt den zweiten Wahlgang am 26.10. abzuwarten.

Hier ersteinmal für die ganz ungeduldigen die Ergebnisse: "Gewinner" mit 19,5 % sind die Konservativen, gefolgt von der "Volkswiederauferstehungspartei" (15%), "Ordnung und Gerechtigkeit" (12,7%), den Sozialdemokraten (11,7%), und der "Arbeitspartei" (9%). Darüber hinaus haben es dann noch zwei liberale Parteien über die 5-Prozent-Hürde und in den Seimas geschafft.

Und jetzt sagt ich Euch, warum diese Ergebnisse erst einmal nicht weiterhelfen:
Zuallererst ist da das litauische Wahlsystem. Von den 141 Sitzen im Parlament werden 70 nach Listen (also den oben genannten Prozentzahlen bezetzt). 71 Sitze werden davon völlig getrennt in Direktmandaten bestimmt (also nicht irgendwie angerechnet). Und da werden in Litauen vor allem die vor Ort beliebten und bekannten Gesichter gewählt, die Parteizugehörigkeit spielt keine große Rolle. Von diesen 71 Sitzen wurden im ersten Wahlgang nur 4 Sitze besetzt.

Zweitens sind von den 7 Parteien im Parlament, 3 "Populisten", also Parteien ohne wesentliches Programm, die von ihrer Führungsperson abhängen: Die "Volksauferstehung" unter dem Fernsehmoderator Arūnas Valinskas (der unter anderem die litauische Variante von "Deal oder No Deal" moderiert), "Ordnung und Gerechtigkeit" unter dem abgestetzten Präsidenten Rolandas Paksas und die Arbeitspartei des russischen "Konserven-Millionärs" Viktoras Uspaskich.
Alle drei haben dann bereits in der Wahlnach mitgeteilt mit wem sie ausdrücklich nicht könnten (aus persönlichen Abneigungsgründen).

Zwar stehen die Zeichen darauf, dass der zukünftige Premier Andrius Kubilius heißen wird, also dass unter Führung der Konservativen eine Regierung gebildet wird. Es bleiben zwei Varianten: Mitte-Rechts - mit den Liberalen oder Links - mit den ehemaligen "Erzfeinden", den Kadern der Sozialdemokraten . Und welche der Populisten-Partein wird mitmachen?

Zwar ist Raum genug für Spekulationen - und was alle Berichte genug haben, sind Fragezeichen. Wie politikmüde die Litauer sind, zeigt sich nicht nur in der Wahlbeteiligung von gerade einmal 48,5%, die zudem durch das gleichzeitige Referendum über die Laufzeitverlängerung des billigen Stromlieferanten und Bruder von Tschernobyl, dem Atomkraftwerk Ignalina, hochgetrieben wurde, sondern auch darin, dass schon einem Tag nach der Wahl die Spekulationen um eine neue Regierung in den Medien nicht mehr an wichtigster Stelle sind.

Genaues weiß man eben noch erst nach dem 26., wenn auch die restlichen 67 Sitze im Parlament besetzt sind. Aber wenn den Litauern etwas überhaupt nicht liegt, dann eine pragmatische Sichtweise.

kleiner Nachtrag: Liste der zukünftigen Parlamentsmitglieder, soweit bekannt.
Eine andere Nuance des litauischen Wahlsystems ist, dass man nicht nur die Liste, sondern auch einen Listenkandidaten auswählen und somit die Reihenfolge ändern kann.
Wahlergebnisse (Staatliche Wahlkommission)


13 Oktober 2008

Litauen: der große Atombluff

Die ersten Ergebnisse des 1.Wahlgangs der Parlamentswahlen in Litauen trudeln ein - daraus ist zunächst nur erkennbar, dass eine Regierungsbildung nicht einfach werden wird. Aber auch ein anderes Ergebnis ist schon jetzt klar: an der "Volksabstimmung" über die Zukunft des maroden Atommeilers Ignalina nahmen nur 47,9% der Wahlberechtigten teil (mindestens 51% hätten es sein müssen, um eine gesetzliche Verbindlichkeit zu ereichen). Damit nahm die ganze aufwendig inszenierte Aktion nicht den von den Atombefürwortern erhofften Ausgang.

Wie auf der Webseite der staatlichen Wahlkommission nachzulesen ist, stimmten sogar 8,27% gegen die Laufzeitverlängerung, obwohl sie damit das Risiko eingingen, die Wahlbeteiligung soweit zu erhöhen, dass mit der Erhöhung der Beteiligung das Ergebnis als Pro-Atomkraft hätte ausgelegt werden können. Nur rund ums AKW selbst sank die Zahl der mit-abstimmenden Atomgegner auf 4,4%, überall sonst schwankt sie zwischen 7,5 und 9%, in einigen Stadtteilen von Vilnius sogar über 11%. Auch die Zahl derjenigen, die wissentlich oder unwissentlich ungültig abstimmten, ist mit 3,31% relativ hoch.

Damit haben die wahltaktischen Versuche, mit dem EU-vertragswidrigen Versprechen die angeblich technisch einwandfrei laufende Atomanlage einfach weiterlaufen lassen zu können, wohl auch politisch eine Niederlage erlitten. Welche Interpretationskünste die Atombefürworter nun finden werden, um eine relative Mehrheit der Abstimmungsteilnehmer nun doch noch zum "heimlichen Volkswillen" zu erklären, muss allerdings wohl offen bleiben.

Nicht nur litauische Umweltschützer hatten kritisiert, dass die parallel zur Parlamentswahl zur Abstimmung vorgelegte Frage wenig Auswahl übrig ließ.
Keine der größeren Parteien in Litauen hatten den umstrittenen "Deal" zum Bau eines neuen Atomkraftwerks vor der Wahl in Frage gestellt, der mit den Eigentümern der Supermarktkette "Maxima" und anderen Gesellschaftern des zukünftigen Atombetreibers "LEO LT"verabredet worden war. Parteiunabhängige Kritiker dagegen vermuten schon aufgrund des wenig transparenten Absprachen rund um "Leo LT" schlicht ein Profitstreben privater Investoren.

Bei "Maxima" übrigens waren schon beim Referendum um den EU-Beitritt für diejenigen, die ihre Beteiligung am Referendum per Stempel nachweisen konnten, kostenlos Waschpulver oder je eine Flasche Bier verteilt worden. Damals - die Litauer stimmten mit großer Mehrheit für den Beitritt - hatte die gesamte politische Elite Litauens auch einmütig die Schließung des Atomkraftwerks Ignalina befürwortet (eine Vorbedingung für Litauens Beitritt).

Es ist aber nicht die litauische Bevölkerung, die nun ihre Meinung geändert hätte, meinen nun litauische Umweltschützer. Die Funktionäre aller Parteien hätten vielmehr seitdem auf der faulen Haut gelegen und einfach keine alternativen Energiekonzepte entwickelt - denn sonst hätte ja jetzt über verschiedene Wege abgestimmt werden können. Die totale Abhängigkeit der litauischen Energieversorgung sei auch ein Teil des noch aus der Sowjetzeit verbliebenen Zentralismus und Größenwahns. Zunächst sei die Schließung des AKW Ignalina ja schon für 1994 vorgesehen gewesen - weitere lange Jahre seien nun vertan, ohne das die Verantwortlichen die wirklichen Probleme auch angepackt hätten.

Mehr Infos zur Sache:
Infos des österreichischen Umweltbundesamts zum KKW Ignalina

12 Oktober 2008

Litauen: Erste Gewinnerin des Abends

Nein, es sind noch keine Wahlergebnisse, die von litauischen Siegerinnen künden an diesem Abend. Es ist mal wieder ein sportlicher Erfolg, und zwar ein ziemlich überraschender: bei den Europameisterschaften im Tischtennis holte die 31-jährige Litauerin Rūta Paškauskienė den Titel.

Viel ist im deutschsprachigen Raum offenbar nicht bekannt über diesen neuen Sportstar Litauens:
Wikipeda weiß immerhin, dass sie 1977 in Kaunas geboren wurde. Kürzlich bei den Olympischen Spielen in Peking (siehe Foto) hatte sie lediglich die zweite Runde erreicht (also ein Spiel gewonnen) - den dort nachlesbaren Infos zufolge hat Paškauskienė früher auch schon mal in der deutschen Tischtennis-Bundesliga gespielt, gegenwärtig nun bei einem Club in Frankreich. In Peking verlor sie in der zweiten Runde gegen die Ungarin Krisztina Toth, die diesmal im EM-Halbfinale gegen Paškauskienės unterlegene Finalgegnerin Liu Jia (Österreich) verlor.

Ganz unbekannt ist die nun vergoldete Ping-Pong-Künstlerin (gegenwärtig Platz 90 der Weltrangliste) aber nicht: immerhin gewann sie 2007 im Mix gemeinsam mit dem Serben Aleksandar Karakasevic den Europatitel.
Die Webseiten des litauischen Olympiateams verraten etwas mehr über Paškauskienės Laufbahn, aber nur wenig über Erfolge im Einzel: 2006 war sie litauische Meisterin.

mehr dazu:

Ein Foto der Siegerin (yahoo-News)

Bericht "Neues Volksblatt" (Österreich)

Bericht "Kurier" (Österreich)

07 Oktober 2008

Wer geht zur Wahl?

Am kommenden Sonntag wird in Litauen ein neues Parlament gewählt. Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten ging 2004 zur Wahlurne. Wofür setzen sich die Parteien und deren Abgeordnete ein, was wollen sie erreichen? Das ist in Litauen noch immer nicht einfach zu verstehen, wo doch Personen und kurzfristige Aktionen viel mehr Aufmerksamkeit erregen. "Spass, Spam und wenig Inhaltliches", so das Fazit etwa des "Standard" aus Österreich zum litauischen Wahlkampf.

Auch in Litauen hat die zentrale Wahlkommission nun ihr virtuelles Projekt auf - per Internet wählen bedeutet das noch nicht, aber das Ziel heißt hier: finde dein Wahllokal virtuell (Abbildung links).
Nur
46,8% der Wahlberechtigten gingen 2004 noch zur Wahl - allgemein ist nichts von einer wesentlichen Steigerung des Interesses zu vernehmen. Viele schütteln sich schon, wenn sie nur einen Kommentar zur Arbeit der eigenen Politiker/innen abgeben sollen. Da hilft nur eines (aus Regierungssicht): dramatisieren.

Plötzlich soll der Untergang Litauens bevorstehen. Einerseits wegen der russischen Vorgehensweise in Georgien ("die Urangst der Litauer vor den Russen" - so sieht es Hannes Gamillscheg in "
die Presse"), andererseits weil angeblich ohne Atomkraft in Litauen "das Licht ausgeht". Welche Konsequenz die Wähler aber aus dieser Lage ziehen - selbst wenn sie diese Szenarien für glaubwürdig halten - das bleibt unklar. Was soll ich bloß wählen? Soll ich überhaupt wählen?

Mitbestimmung nur dort, wo es der Regierung in den Kram passt?
Nebenbei ist aber noch regierungsamtlich verordnet worden, dass volksabgestimmt wird. Auch mal eine neue Variante: wo die politische Überzeugungskraft fehlt, installieren sich die Regierenden selbst eine Volksbewegung inklusive Volksabstimmung, passend zum Wahlkampf. Neue Konzepte zur Versorgung des Landes mit Energie ausarbeiten und umsetzen? Zu kompliziert. Vier Jahre Zeit, vier Jahre Klagen über die EU-Auflagen (deren Erfüllung einst Voraussetzung für den EU-Beitritt Litauens waren!).

Nun wird den Litauerinnen und Litauern eine schwer zu beantwortende Frage vorgelegt. Wörtlich: "Ich befürworte die Verlängerung der Betriebsdauer des Atomkraftwerks Ignalina für eine technisch sichere Periode, aber nicht länger als bis ein neues Atomkraftwerk fertiggestellt ist."
Den Wählerinnen und Wählerin - denen ja nun parallel zur Ausübung des demokratischen Wahlrechts diese Frage vorliegt - wird also vorgegaukelt, die Verträge mit der EU könnten nochmal nachverhandelt werden.

Unbekannte und bekannte Kandidaten
Immerhin lassen sich von den im Internet zur Verfügung stehenden Kandidatenlisten einige Informationen ablesen. Angaben zu Geburts- und Wohnort sowie Geburtsdatum finden sich bei jedem Kandidaten. Dazu kommen schriftlich dokumentierte Antorten auf Fragen zum Beispiel nach evtl. ausstehenden Gefängnisstrafen, ob man Bürger eines anderen Staates sei, oder etwa gar in Diensten fremder Staaten arbeite. Wer das säuberlich mit nein beantwortet hat, muss dann noch Angaben zum Schulabschluß öffentlich machen, auch zu Fremdsprachenkenntnissen, Name der Frau/des Mann es und der Kinder, und sogar zu Hobbies. Und es findet sich auch ein direkter Link zu Angaben zur Höhe des versteuerten Einkommens.

Auf diese Art und Weise lässt sich also - wen es interessiert nachlesen, dass Ministerpräsident Kirkilas gern Tennis spielt und dass seine Kinder Diana und Rolandes heißen, oder dass der ehemalige Präsidentschaftskandidat und Parlamentspräsident Paulauskas sich als Literaturfan outet und 79512,56 Litas Einkommen versteuert hat.

Ob es das aber ist, was zur Wahlbeteiligung motiviert? Vorläufig sind noch die schein-demokratischen Wahlen in Weißrussland Thema politischer Kommentare, für die sich Litauen sehr interessiert hat. In einer Woche muss es dann wieder um das Geschehen im eigenen Lande gehen.

Infos:
Text des Refendums zum Atomkraftwerk Ignalina

Infos zum Litauischen Parlament

Litauische Wahlkommission (Wahlergebnisse 2008)

Kandidatenlisten der zur Wahl stehenden Parteien

12 September 2008

Österreich blickt auf Litauen (3)

Gerai - Litauen hat gegen Österreich zwei Fußballtore erzielt. Dass es aber zwischen Österreich und Litauen noch mehr aktuelle Bezüge gibt, haben die beiden Herren Juhann und Jod thematisiert. In Linz kommentierten sie auch das Fußballspiel (eine Dokumentation ist bisher nicht überliefert). Die eigentliche Perspektive richtet sich aber auf das Jahr 2009, wenn das österreichische Linz und das litauische Vilnius gemeinsam den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" innehaben werden.

Bis dahin sind es jetzt noch etwas mehr als 100 Tage. Die ersten Veranstaltungen mit litauischem Bezug werden in Linz angekündigt: am 23.Februar 2009 ist
der Lyriker Laurynas Katkus zu Gast, am 4.März 2009 werden Bibelpfad und Bücherschmuggel thematisiert. Musik aus Litauen und Österrreich wird am 13.März 2009 vorgestellt, am 18.März geht es im Linzer Volkshaus Franckviertel um die Sprachen Deutsch und Litauisch. Am 2.April 2009 wird die Frage gestellt, ob Vilnius oder Linz die schmackhaftere Küche hervorgebracht haben, und schließlich gibt es (voraussichtlich) am 10.Oktober 2009 das Fußball-Rückspiel des WM-Qualifikationsspiels Österreich gegen Litauen.

11 September 2008

Österreich blickt auf Litauen (2)

"Warum dauern österreichische Fußballmärchen immer so kurz?" So fragte sicher nicht nur ZDF-Moderator Johannes B.Kerner nach dem litauischen 2:0 Sieg. Österreich schaut auf Litauen: mit wenig Vergnügen.

Einige Schlagzeilen:

"Litauen sorgt für österreichische Ernüchterung" (Die Presse)

"Nach der Sensation folgte das Trauerspiel" (networld.at)

"Verdiente Pleite" (Kurier)

"Andreas Herzog hat sich seinen 40. Geburtstag anders vorgestellt" (Sportlive.at)

Auch österreichisches "Fußball-Chinesisch" konnte man dazulernen. Das 2:0 des Litauers Danilevicius bezeichnet "die Presse" als "Ferserl, fast schon ein Scheiberlspiel". Armes Österreich!

Andere beschreiben ein paar Erlebnisse in Litauen - angesichts der Niederlage offenbar zusätzlich ernüchternd beschrieben:

"Gespielt wurde nämlich im kleinen Marijampole Football Club Stadion, das aus nur einer einzigen Tribüne besteht, auf der sich allerdings beinahe 4500 Zuschauer drängten. Ein besserer Dorfplatz, der ein wenig an Kottingbrunn erinnerte, in näherer Umgebung aber fanden sich weder Geschäfte, noch Gasthäuser, eine Tankstelle war der einzig belebte Platz." (Die Presse)

10 September 2008

Österreich blickt auf Litauen

Während die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sich heute im regnerischen Finnland vergnügt, blickt Sport-Österreich gebannt auf Litauen. Vor wenigen Tagen hatte Litauen im Rahmen der Qualifikationsspiele für die Weltmeisterschaft 2010 in Rumänien 3:0 gesiegt, Österreich gleichzeitig gegen Ex-Weltmeister Frankreich 3:1. Heute treffen beide im Stadion von Marijampole aufeinander; ein Spiel, für das auch Regierungschef Gedeminas Kirkilas seinen Besuch angekündigt hat. Österreichische Medien - vielleicht etwas enttäuscht von der Gastgeberrolle bei der EM - sprechen nun bereits von einem "Gigantenduell" (OE24, 9.9.08) (Foto: Webseite FC Suduva).

Auch im Vereinsfußball gab es zuletzt vermehrt ähnlich spannende Duelle zu sehen: der FC Suduva (Marijampole - in dessen Stadion des heutige Spiel stattfindet) scheiterte in der Qualifikation zur UEFA-Pokal-Hauptrunde nur knapp an Red Bull Salzburg (1:4 /1:0), dem FBK Kaunas (aktueller litauischer Meister) gelang beinahe die Qualifikation zur Champions-League (Sieg gegen Glasgow Rangers, Niederlage gegen den dänischen Aalborg BK).

Auch Valdas Ivanauskas, ehemaliger Profi des Hamburger SV (dessen Frau dann nicht nach Wolfsburg umziehen wollte, und der danach auch bei Austria Wien spielte), kürzlich aber nach wenigen Wochen als Trainer bei Carl Zeiss Jena gescheitert (Abstieg aus der 2.Liga), äussert in österreichischen Medien nun Respekt vor dem Alpenlande. In Litauen werde zuwenig Jugendarbeit betrieben, meint er - da sei Österreich Vorbild. Vielleicht will er sich dort für einen neuen Trainerjob bewerben?

Im eigenen Land reichte es für "Ivan den Schrecklichen" trotz internationaler Bekanntheit noch nicht zum Nationaltrainer: Österreich holte den tschechischen Erfolgscoach Brückner, Litauen den Portugiesen
Jose Couceiro, der gleichzeitig auch bei Meister FBK Kaunas den Trainerjob wahrnimmt (dazu: ÖONachrichten).

Gespannt bin ich mal auf das Einlaufen der Mannschaften. Als Ösi-Coach Brückner im Frühsomm er 2008 noch als Trainer der Tschechischen Nationalmannschaft ein Vorbereitungsspiel gegen Litauen in Prag absolvierte, wurde den Litauern in Prag eine falsche Nationalhymne serviert. Was wohl nun in Marijampole zu hören sein wird?
Der österreichische "Kurier" warnt schon mal (vielleicht für das Rückspiel?): Vieles ist im Fußball ähnlich zwischen Litauen und Österreich, aber "Rot-weiß-rot, das sind die Farben Lettlands!"

20 August 2008

Viel zu tun in Litauen

Vor wenigen Tagen trat der neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Litauen, Hans Peter Annen, sein Amt in Vilnius an. Annen war zuvor als Botschafter in Albanien tätig, und war auch schon in New York, Budapest, Madrid und Kiew tätig gewesen.
Eine unruhige Zeit in Litauen -und das nicht, weil im Oktober Parlamentswahlen anstehen. Vor allem wegen dem Geschehen in Georgien ist dabei, die politische Gemütslage Litauens stark zu beeinflußen.

Das sieht auch der litauischen Außenminister Petras Vaitiekūnas ähnlich, der Annen am 20.August empfing. Bereits nächste Woche wird Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Besuch in Litauen erwartet. Eigentlich wäre ja vielleicht eine Zwischenbilanz der unter dem Label "essentia-baltica" konzentrierten Kulturveranstaltungen vielleicht ein angenehmeres Gesprächsthema gewesen. Nun hat aber heute auch noch Polen eilig seine Unterschrift unter die US-amerikanische Raketenaufrüstung gegeben, und auch aus litauischer Sicht wächst die Besorgnis, was sich da wohl im Osten zusammenbraut. Der EU-Russland-Rat ist vorerst auf Eis gelegt, und die NATO beeilt sich Georgien eine Beitrittsperspektive zu versichern. Die litauische Regierung betont, dass eine friedliche Lösung in Georgien nur auf Basis der Unantastbarkeit georgischen Territoriums erfolgen könne.

Wichtig wird für Litauen weiterhin die Frage der Sicherung der Energieversorgung bleiben - auch das ist mit der zukünftigen Entwicklung des Verhältnisses mit dem östlischen Nachbarn Russland verknüpft. Mal sehen, welche Rolle Deutschland in dieser Hinsicht in der nächsten Zeit übernehmen wird. Ende 2009 soll die veraltete Anlage des Atomkraftwerks Ignalina endlich geschlossen werden - was danach kommt, bleibt weiterhin teilweise unklar. Zu erwarten ist vielleicht eher, dass beide Seiten die guten wirtschaftlichen Beziehungen allgemein loben werden. Kanzlerin Merkel wird sicher ein paar fotogene Orte in Litauen finden, um sich dort nächste Woche ablichten zu lassen ...

Pressemeldung des litauischen Außenministeriums zur Amteinführung von Botschafter Annen

Pressemitteilung der Deutschen Botschaft in Vilnius

Litauische Pressemitteilung zum NATO-Treffen mit Thema Georgien

Zusammenfassung der litauischen humanitären Hilfe für Georgien

14 August 2008

12 August 2008

Zeit der Besinnung - auf Freunde und Nachbarn

Hin und hergerissen, verunsichert, besorgt müssen wir verfolgen, was sich in Georgien tut. Aus litauischer Sicht ist es ein Top-Thema: am 9.August (Samstag) war der litauische Außenminister Petras Vaitiekūnas selbst zu Besuch in Georgien. Zurecht glaubte er sich am Ort eines wichtigen Geschehens und telefonierte eifrig, unter anderem mit Javier Solana, mit Repräsentanten der NATO, und bereitet einen Bericht fürs EU-Außenministertreffen vor. Die EU-Initiative einer unabhängigen Friedensmission wurde von ihm mit ausgearbeitet.Litauische Vermittlung - funktioniert das?
Am 10.August entschied sich
Vaitiekūnas, in Georgien zu bleiben, und bemühte sich als Vermittler. Allerdings: immer wenn in den Pressestatements die russische Seite erwähnt wurde, hieß es von litauischer Seite immer nur schlicht: "die Russen stellten ihre Haltung dar." Mich hätten ja mal für Details interessiert: Putin und Medwedjew hatten ja da schon Statements abgegeben, die Georgiens Präsident Saakaschwili als "Kriegsverbrecher" bezeichnen, und das militärische Vorgehen Georgiens gegenüber Südossetien verurteilen. Was sagt Zaakaschwili selbst dazu? Was hatte das georgische Militär vor, was haben sie tatsächlich gemacht? Auch da haben Menschen gelitten - aber dazu nichts von litauischer Seite. (ich kann nur sagen: es hätte die Welt interessiert). Eine Auseinandersetzung mit den russischen Anschuldigungen findet eher in Blogs (schon wieder diese Blogs!) einzelner Aktivisten statt, so z.B. hier.

Das litauische Bemühen scheint mehr auf eine Stärkung der eigenen Rolle im europäischen Rahmen ausgerichtet zu sein. Vaitiekūnas telefoniert mit Steinmeier, mit Maris Riekstins, Radoslaw Sikorski, Alexander Stubb, Carl Bildt, Condoleezza Rice.
... und verspricht medizinische Hilfe für die georgische Stadt Gori. Beim
Democracy and Development Assistance Fund wird ein litauisches Sonderkonto für Georgien-Spenden eröffnet, ebenso beim litauischen Roten Kreuz. In einer Pressemtteilung am 10.August macht der litauische Außenminister unmißverständlich klar, wie er die Lage sieht: "eine offensichtliche Agression Russlands" sei im Gange. Dies müsse gestoppt werden, darüber seien sich die EU-Kollegen einig. "Unschuldige Zivilisten leiden darunter", so Vaitiekūnas.
Noch am gleichen Tag erreicht Präsident Adamkus ein Anruf von US-Präsident Bush. Adamkus informiert Bush darüber, dass er selbst zusammen mit den Präsidenten Estlands, Polens, und der Ukraine, sowie mit Regierungschef Godmanis aus Lettland in Kürze Tblissi besuchen wollen, um ihre so ihre Unterstützung für Präsident Saakaschwili zu zeigen.

Der nächste Schritt
Gut, nun also keine Vermittlung mehr, sondern Organisation der Georgien-Hilfe. Am 12.August kehrte
Vaitiekūnas nach Litauen zurück, dafür ist nun Adamkus in Georgien. Da die Webseiten der georgischen Regierung zeitweise nicht erreichbar waren (blockiert von Russland-freundlichen Hackern?). Das litauische Außenministerium schaltet auf der eigenen Webseite einen Hinweis: nutzen sie den Blog des georgischen Außenministeriums! Aha, so werden auch Minister zu Aushilfs-Bloggern. Seit dem 12.August schildert dort die georgische Regierungsseite ihre Sicht der Dinge.
Das von Russland verkündete "Ende der Kampfhandlungen" wird eilens von litauischer Seite so kommentiert, dass sich russische Truppen "aus ganz Georgien" zurückziehen müssten. Damit werden sie so schnell keine gemeinsame EU-Position aufbauen können.

Zeit der gemeinsamen Erklärungen
Bereits am 9.August - also bereits vor den oben beschriebenen Abläufen - hatten die Präsidenten Estlands, Lettlands, Litauens und Polens den Text einer gemeinsamen Erklärung veröffentlicht (Wortlaut). Darin wird festgestellt, man wolle gemeinsam alles tun, "damit es nicht still werde um die Agression Russlands gegen ein kleines Land in Europa". Gefordert wird quasi ein Stop der Verhandlungen um das neue EU-Russland Abkommen; das Aufkommen einer neuen "imperialistischen und revisionistischen Politik" in Osteuropa müsse verhindert werden. Weiterhin drückt die Erklärung gemeinsames Bedauern darüber aus, dass Georgien noch keine Beitrittsperspektive zur NATO eröffnet wurde. Mehr: die Ablehnung des NATO-Beitrittsgesuchs habe "grünes Licht gegeben für eine Agression in dieser Region". - Das kann - mit Verlaub, liebe Präsidenten - auch umgekehrt gesehen werden: mit Zaakaschwili wird es wohl keinen NATO-Beitritt geben, auch durch seine eigene Rolle bei den nun hoffentlich sich wieder beruhigenden Konflikten.

Einen Tag später, am 10.August, zogen die Parlamentspräsidenten Ergma (Estland), Daudze (Lettland) und Juršėnas (Litauen) mit einer eigenen Erklärung nach. Das, was im Moment in Georgien vorgehe, müsse in all jeden Ländern Besorgnis hervorrufen, in denen russische Staatsbürger wohnen. So steht es hier zu lesen. Die Regierungen der Unterzeichner seien nun aufgerufen Maßnahmen zu ergreifen - in Kooperation mit NATO und EU - damit es ähnliche Vorgänge in Zukunft nicht mehr geben könne.


Doch im Eifer des Gefechts (im wahrsten Sinne des Wortes) waren auch manche Töne zu hören, welche die Besorgnis nicht so schnell schwinden lassen.
Angesichts dessen, was die USA an "sicherheitspolitischen Maßnahmen" so alles in Osteuropa kürzlich veranstaltet hat (Raketenstationierung, Militärberater für Georgien), ist anzunehmen, dass Russlands Reaktion im Fall Georgien auch Sympathisanten hat - nicht nur unter den ethnischen Russen.

"Die EU muss dem russischen Agressor klar machen, dass er zu weit gegangen ist." Das meint ein Kommentar in der "Financial Times". Deutlich zu vernehmen sind aber auch Stimmen, die meinen, insbesondere der georgische Präsident Saakaschwili habe sich "verspekuliert" und wohl angenommen, die NATO käme ihm zuhilfe, wenn er die internen Konflikte Georgiens auf militärische Art und Weise zu lösen beginnt.
Abseits von allen Aufgeregtheiten bleibt hoffentlich klar: Europa muss in erster Linie an der Erhaltung des Friedens interessiert sein.

06 August 2008

Kaunas kommt groß raus

"Istorinis Kauno laimėjimas" - so jubeln die Sportfans in der zweitgrößten litauischen Stadt Kaunas. Aus verschiedenen Gründen wurden in dieser Woche Erinnerungen an bessere Zeiten im litauischen Männerfußball wach. Der "Fußball- und Baseball-Klub Kaunas" schlug in der Qualifikation zur Championsleague immerhin Glasgow Rangers (Hinspiel in Schottland 0:0, Rückspiel in Kaunas 2:1).

Dabei sind litauische Fußballer in Schottland nichts Unbekanntes. Der FBK Kaunas wird gesponsert von der
Ūkio-Bank, dessen Hauptanteilseigner der russische Unternehmer Vladimir Romanov ist (Vladimiras Romanovas - der SPIEGEL nannte ihn mal "Mini-Abramowitsch ohne Herz", die BBC "former soviet nuklear submariner"). Romanov ist auch Eigentümer des schottischen Klub "Hearts of Midlothian", und hat so schon für den einen oder anderen Transfer von Litauen nach Schottland gesorgt. Hat sich nun also genug Kenntnis über den schottischen Fußball in Litauen angesammelt? (Auch die Ūkio-Bank hat Filialen in Schottland...) Die UEFA-Webseite zur Championsleague titelt: "Kaunas überrascht ganz Europa", und verrät gleichzeitig, dass der FBK seit wenigen Wochen einen neuen Trainer hat, einen Portugiesen.

Der bisher bekannteste Trainer der Litauer war ihr bisheriger Nationaltrainer Algimantas Liubinskas. Ja richtig, derjenige, der 2003 die litauische Nationalmannschaft auch zum 1:1 im Länderspiel gegen Deutschland führte. Nun schmeisst Liubinskas seinen Job hin und wechselt in die Politik - zumindest kandidiert er zunächst mal, und zwar bei den litauischen Parlamentswahlen im Oktober auf der Liste er Partei "Tvarka ir Teisingumas" (Ordnung und Gerechtigkeit), dessen Vorsitzender der skandalumwitterte Rolandas Paksas ist. Nun muss der ehemalige Nationaltrainer zumindest mehr Offenheit üben, als es früher mit Mannschaftsaufstellungen und Trainingsmethoden nötig war: auf der Wahlliste seiner Partei steht er immerhin mit Email und Telefonnummer.
Ein Amt soll ihm, verschiedenen Medienberichten zufolge, schon sicher sein: das des Sportbeauftragten des Bezirks Vilnius.

Webseite FBK Kaunas

02 August 2008

Wer nach China fährt, müsste Mamontovas heißen!

"Nereikalingi žmonės - das mag gewöhnlichen Deutschen durchaus ähnlich wie chinesisch klingen. Aber gerade in China ist dieses litauische Kulturprodukt seit kurzem am besten bekannt. Es ist der Titel eines Films, der im Juni 2008 beim Filmfestival in Schanghai (einem der größten Filmfestivals der Welt) gleich zwei Preise gewann: beste Regie und beste Filmmusik. Der erste Preis auf einem internationalen A-Festival für einen litauischen Film.

Ein Film über Irland. Eine irisch-litauische Koproduktion, die stolz darauf verweist, der erste 100%ig privat finanzierte litauische Film zu sein. Der bald nach seinem Kinostart Anfang 2008 Rekorde an litauischen Kinokassen aufstellte. Mit Maris Martinsons ein Regisseur aus Lettland, der sich auch im litauischen TV in litauischsprachigen Interviews gut schlägt. Irland, ein Thema in Litauen spätestens mit dem Aufkommen der Insel als Zielland für Arbeitssuchende. Und Musik aus Litauen - auch über Irland. Nun hat auch Andrius Mamontovas seine "Rose of Irland" geschrieben. Soundtracks hat der ehemalige FOJÉ-Leadsänger und Mamlet-Darsteller schon einige geschrieben. Und bei der Eurovision ist er auch schon aufgetreten - relativ erfolgreich (LT United).

Mamontovas selbst spielt einen Priester in "Loss" (so der englische Filmtitel). Auch Kostas Smoriginas
ist wieder dabei - und so erinnert die Thematik auch etwas an "Geflüsterte Sünden", der mit Jurga Ivanauskaites Themen (und Mithilfe) entstandene Film. Wieder geht es um zwei zentrale und sehr unterschiedliche Frauen, aber letztlich auch um ein Kind. Um Illusionen und Zukunftshoffungen, Emigration und Heimat.

Regisseur Martinsons äusserte zur Szene der Filmproduktionen in Litauen wie in Lettland: "Ein geschlossener Kreis von Direktoren und Produzenten rund um das Ministerium für Kultur, die sich das Geld untereinander aufteilen." Martinsons zog zusammen mit seiner (zweiten) lettischen Frau Linda Krukle nach Litauen und gründete die Filmproduktionsfirma ARTeta. "Ich habe mich auch in Vilnius verliebt", sagt er. "Manchmal fahren wir noch nach Riga und besuchen das 'Osiris', unser Lieblingsrestaurant dort. In Litauen kann man eigentlich eher ein berühmter Basketballspieler oder Wissenschaftler werden. Aber wir können ja reisen."

Erfolge in China - also länderübergreifend möglich, unter der Flagge Litauens.

Mehr Infos zum Film

Intervieww mit Maris Martinsons, Linda Krukle und Andrius Mamontovas bei "Vilnius now" (Alfa.lt, engl.)

"Loss" bei Wikipeda

TV-Interviews zum Film (litauisch)

Filmrezension (litauisch)