24 November 2019

Mutters Rückkehr ins Remigrantenland

Es ist ein aktuelles Thema derzeit in Litauen: die Diskussion um die vielen Arbeitsmigrant/innen, die auf der Suche nach angemessen bezahlten Jobs zeitweilig oder längerfristig in anderen EU-Ländern leben. Gerade aus Anlaß verschiedener Jahrestage - ob 30 Jahre "Baltischer Weg", oder "30 Jahre Mauerfall" - fühlen sich viele Litauerinnen und Litauer erinnert an die eigentlichen Ziele, die einmal für das eigene Land erträumt wurden. Viele würden es gerne sehen, wenn der Trend umgekehrt werden könnten und die Auswanderer "remigrieren" würden - zurück in die Heimat. Der litauische Regisseur Tomas Vengris versetzt uns mit seinem neuen Film "Motherland" (Gimtinė) in eine ebensolche Situation: allerdings als ein Rückblick auf das Jahr 1992.

Basis dieser Geschichte ist Viktorija (Severija Janušauskaitė), die 20 Jahre zuvor Litauen verlassen hatte und in die USA ging. Nun kehrt sie zusammen mit Kovas (Matas Metlevski), ihrem 12-jährigen Sohn, nach Litauen zurück. Zu Anfang des Films passiert in etwa das, was erwartbar ist: Ankunft am Flughafen Vilnius, Treffen mit Verwandten, Fahrten aufs Land. Der Film macht sich aber vor allem die Sichtweise von Kovas zu eigen: er scheint auf der Schwelle zu stehen zwischen Befolgung dessen, was seine Mutter gerne will, und der Suche nach der eigenen Identität. Mit fast ungläubigem Staunen nimmt er die schier unübersehbare Vielzahl angeblicher Verwandter wahr, und nimmt es gleichmütig hin, dass ihm die gleichaltrigen jungen Litauerinnen und Litauer die US-Kaugummis fast aus der Hand reißen.

Wie so oft in Filmen, in denen Audrius Kemežys für die Kameraführung verantwortlich zeichnet, ist es der Fokus für Details am Rande, feine, detaillierte Beobachtungen, die im Verlauf langsam den Zuschauern einen roten Faden anbieten. "Aha, die Ameriker sind da!", ruft einer der wieder entdeckten Verwandten angesichts des Besuchs aus der Ferne aus. Zunehmend verschiebt sich der Blickwinkel zugunsten von Kovas - während seine Mutter immer mal wieder telefonieren muss und klar wird: sie ist frisch geschieden und sucht hier im gerade unabhängig gewordenen Litauen auch einen persönlichen Neuanfang.

1992 ist der Gegensatz Ost-West noch groß und spürbar. Den "Wessis" scheinen dabei die Gesetzmäßigkeiten des litauischen Dorflebens, die Beziehungen der Menschen untereinander als ziemlich undurchschaubar. Dabei existieren keinerlei sprachliche Barrieren: auch Kovas spricht fließend Litauisch, aber seine Zurückhaltung bezieht sich auch daraus, dass er den wirklichen Absichten seiner Mutter erst auf die Spur kommen muss. Was will sie von Romas (Darius Gumauskas), der offenbar so etwas wie eine "Jugendliebe" der Mutter ist? Romas bietet Hilfe an bei den Versuchen, den alten Hof wiederzubekommen, der enteignet wurde als die (Groß-)Eltern abgeholt und ins Arbeitslager nach Sibirien gezwungen wurden. Die realen Verhältnisse, 20 Jahre nach der Emigration Richtung USA, erweisen sich als schwierig: die stark renovierungsbedürftigen Gebäude werden überraschend von einer verarmten russischen Familie bewohnt, die alles andere als gewillt scheint, ihren bisher wohl eher unauffälligen Wohnsitz so einfach aufzugeben.

Viktorija will jedoch nicht aufgeben und auch Romas scheint fest entschlossen, den Besitz zurückzufordern. Für Kovas indessen rückt Romas Tochter Marija (Barbora Bareikytė) in das Blickfeld. Während die erotischen Anbändeleien seiner Mutter und der schier allgegenwärtige Alkoholzuspruch ihn eher langweilen, lernt er von Marija zunächst mal was es bedeutet, sich in dieser engen, konservativen Wagenburg des litauischen Landlebens zu behaupten. Am Schluß wird deutlich, dass die allgemein menschlichen Attribute viel mehr weiterhelfen als die scheinbaren Vorteile der Wessis oder die sture Widerspenstigkeit der Dörfler.

Regisseur Tomas Vengris kann auf eigene Erfahrungen zurückblicken bei der Auswahl seines Filmthemas: er wuchs in Washington als Sohn litauischer Einwanderer auf und kam tatsächlich mit seiner Mutter Virginija Vengrienė und seiner Schwester Indre im Alter von 7 Jahren 1992 erstmals nach Litauen (moteris.lt). Vengrienė, langjährige Aktivistin der Litauischen Gemeinschaft in den USA und Mitarbeiterin bei "Voice of America", bekam 2018 aus den Händen des litauischen Außenministers einen Preis als Anerkennung für ihr Lebenswerk überreicht ("Global Lithuanian Award" - delfi). Die Filmgeschichte hat also nicht nur einen realen Hintergrund - sondern ist auch verbunden mit Personen, die in Litauen inzwischen fast jeder kennt; auch Tomas' ältere Schwester Indre, erfolgreiche Tänzerin und Modemacherin, die in die Rockefeller-Familie einheiratete (žmonės).
Im Pressegespräch erzählt Tomas Vingris von wichtigen Begegnungen auf der Berlinale 2015, als er seinen Kurzfilm "Squirrel" präsentieren konnte. "Dort habe ich auch die litauische Produzentin Uljana Kim kennengelernt", verrät er (Draugas).

Auf einen hohen Bekanntheitsgrad in Deutschland kann Hauptdarstellerin Severija Janušauskaitė bereits aufbauen - es muss nur an die Serie "Babylon Berlin" erinnert werden, wo sie als russische Doppelagentin glänzte und sogar einen Auftritt mit dem Song "Zu Asche, zu Staub" hatte (siehe Interview). Fans von Sverija wissen längst, dass sie bald auch wieder mit dem Moka Efti Orchester auf Deutschlandtour gehen wird.

Filmsohn Matas Medlevski (Kovas) dagegen konzentriert sich eher aufs litauische Publikum, wenn er im Interview bekennt "Ich liebe Litauen mehr als Amerika" (Respublika). Aufgewachsen ist der Film-Newcomer tatsächlich in den USA: in Manhattan, Kansas. Jemand wie ihn hatte Vengris offenbar gezielt unter den Mitgliedern der Litauischen Gemeinschaften in den USA gesucht.

Eine meiner Lieblingsszenen im Film: Mutter und Sohn sitzen inmitten den Resten einer sowjetlitauischen Kirmesanlage. Es ist wiederum der Kamerablick, der stets in großer Nähe zu den Darstellern bleibt, auch in diesem Moment, in dem die beiden Neu-Litauer fast wie abgeworfen wirken vom schnell sich drehenden litauischen Schicksalskarussel. Der Mutter wird klar, dass ihre Träume ohne eine kräftige Finanzspritze von Seiten ihres Ex-Ehemannes wohl keine großen Chancen haben, sie beginnt aber wahrzunehmen, dass ihr Sohn ganz eigene Erfahrungen im Heimatland der Mutter macht, dabei der Kontakt zwischen den beiden aber nicht verlorengeht.

Es gibt auch noch eine weitere super Szene - aber die hat mit dem Ende des Films zu tun, mit beiden jungen Leuten, und die möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten - ein Argument jedenfalls, dass der Film es schafft bis zum Ende Spannung zu erzeugen auch daraus, dass die Zuschauer die Mechanismen des allzu litauischen Beziehungsgeflechts langsam kennenzulernen beginnen - stabiles gegenseitiges Vertrauen den Turbulenzen zwischen dem zusamenbrechenden Sowjetsystem und aufblühenden Illusionen der frisch kapitalisierten Litauerwelt zu trotzen vermag. Selbst inmitten der schnellen Veränderungen von Gesellschaft und Staat im Jahre 1992 offenbaren sich Konstanten: am Ende bleibt die Liebe plus ein Stück Wagemut und menschlicher Wärme.

Tomas Vengris mit seiner Produzentin Uljana Kim
(als Preisträger des "
Eurimages Co-Production
Development Award")
Einen Teil seiner Qualität gewinnt der Film durch die Kamera von Audrius Kemežys, einem der besten Kameraleute Litauens, der es hier schafft immer sehr nahe an den Akteuren zu sein und so beim Zuschauer eine Verbundenheit zum Geschehen zu erzeugen. Ob durch halb geschlossene Türen, vorbei am Vorhang am Fenster, oder inmitten eines Pulks von Menschen, die zwar als miteinander verwandt angekündigt werden, aber doch sehr unterschiedliche Eigeninteressen vertreten. - Leider verstarb Kemežys, vierfachter Träger des Litauischen Kamerapreises, im Februar 2018 kurz nach Fertigstellung des Filmes.

"Motherland" ist eine Produktion unter Beteiligung von in vier Ländern: das Studio "Uljana Kim" in Litauen, "Locomotive Productions" in Lettland, Faliro House aus Griechenland und "Heimathafen Film" aus Deutschland. Das Projekt wurde unterstützt vom Litauischen Filmzentrum mit 360.000 Euro und vom Nationalen Filmzentrum Lettlands mit 60.000 Euro. Dazu kommen 130.000 Euro von Eurimages (der Kulturstiftung des Europarats) und einer Unterstützung für die Projektentwicklung vom "Creative Europe Programme - Media". (20.000 Euro). Im Verleih bei Alphaviolet (Trailer).

13 August 2019

Gedächtnis zum dreißigsten

An große Momente der Geschichte erinnert man sich auch in Litauen gerne. Dabei war der Anlass alles andere als hoffnungstrunken: am 23. August 1989 versammelten sich die Menschen in Litauen, Lettland und Estland, um dem Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes zu gedenken. Eine Aktion, deren Realisierung absolut unsicher war: schon oft waren Protestaktionen durch Polizei und Miliz verhindert worden, an bestimmten symbolreichen Orten war ein Versammlungsverbot absehbar. Aber an diesem Tag ließ sich niemand stoppen: es war die machtvolle und erstmals in diesem Ausmaß öffentlich sichtbare Vereinigung der Unabhängigkeitsbewegungen der drei baltischen Staaten, der lettischen "Tautas Fronte", der estnischen "Rahvarinne" und der litauischen "Sajudis".

Insgesamt sollen es um die 2 Millionen Menschen gewesen sein, die von Vilnius über Riga bis nach Tallinn eine 600 km lange Menschenkette bildeten. In Litauen sollen nun, 30 Jahre später, 10.000 Menschen erneut zusammenkommen. Aber Ignas Brazauskas, offenbar einer der verantwortlichen Organisatoren des Events, will mehr: "Vor 30 Jahren waren es eine halbe Million Litauer und Litauerinnen, die sich beteiligten," meint er, "diesmal können wir wohl knapp 10.000 erreichen. Aber wenn wir es alle fünf Jahre wiederholen, es wäre schön es 2039 zum fünftzigsten Jubiläum nochmals ganz groß zu machen!" (Baltic Times)

"Baltijos Kelią" - der "Baltische Weg" - als ständig wiederholte Erinnerung an einen kurzen Moment des Zusammenhalts, der machtvollen Aktionen? Die Initiative "Baltic Way 30" hat die Idee des "Händchen-haltens" auch schon in andere Länder exportiert: direkt vor das Capitol in Washington, USA. Nachglühen im Biergarten inklusive.
In Brüssel plant es das litauische Außenministerium mehrere Nummern kleiner: ganze 600 Meter, offenbar die Strecke zwischen den Botschaften der drei Länder Litauen, Lettland und Estland, soll die Solidaritätskette lang werden. Und um ganz sicher zu gehen dass es nicht zu aufwändig wird, soll es auch nicht am 23. August passieren - sondern am 22.September, in Brüssel ein autofreier Sonntag.

Das alles zeigt, dass Regierungen doch wohl Ereignisse nicht nachstellen können, die von den Menschen selbst aus einem aktuellen Bedürfnis geschaffen wurden - ohne Rücksicht auf mögliche berufliche Nachteile, zuviel nervöse und ärgerliche Autofahrer auf den Straßen, oder gar Hoffnung auf Unterstützung der zuständigen Behörden. Vielleicht ist da ein anderes Projekt viel treffender: es wird eine Oldtimerrallye (senovinės technikos žygis) geben, von FanClubs historischer Fahrzeuge gemeinsam organisiert.Auf diese Art und Weise werde man auch Fahrzeuge auf die Straße bringen so wie sie 1939 in Gebrauch waren, schreiben die Organisatoren. Zwischen dem 18. und 20. August soll die Strecke von Vilnius über Riga nach Tallinn zurückgelegt werden.

Da ist es doch fast schade, dass es auch zu dieser Veranstaltung ein Konkurrenzprojekt gibt: "Baltijos Kelias", aber mit schnöden Gegenwartsautos, ausgewählt und dekoriert von der litauischen Staatskanzlei und der Stadt Vilnius. Gestartet wird am 23. August in Vilnius und auch in Tallinn, mit Zwischenstop in Riga, direkt übertragen auf dem Portal "delfi". Wer wird angesichts dieser künstlich produzierten Autosschlangen noch der Opfer des Hitler-Stalin-Paktes gedenken? Es erinnert doch eher an lärmende Hochzeitsfeiern, die dekoriert und wahrscheinlich laut hupend durch die Stadt (hier: durch viele Städte) fahren sollen. Nicht zu vergessen: alles üppig mit Nationalflaggen dekoriert. Und nicht nur das: wer sich hier für einen Newsletter anmeldet, stimmt gleichzeitig der Nutzung seiner Daten durch den "Jeep Club Lithuania" zu Marktingzwecken zu. Da steigt doch die Begeisterung! Also, gehen wir mal davon aus: eine Aktion zur Klimarettung wird dieses Event schon mal nicht werden.

Niemand wird wohl diejenigen zählen, die am 23. August 1989 irgendwo auf der Strecke zwischen Vilnius, Riga und Tallinn standen, einfach Spaß hatten an der Aktion, und sich erfreuten dass Nachbarn, Freunde und Familienangehörige auch dabei waren. Soweit ich weiß, hatte damals nicht einmal irgend jemand an der Strecke Schaschliki verkauft, oder "ledai ant pagaliuko" angeboten. Heute ist jeder froh, nicht 600 km täglich auf der Suche nach angemessen bezahlter Arbeit fahren zu müssen - mit oder ohne Jeep. Also werden wir am 23.August wohl eher zu Hause sitzen, möglichst mit guten Freunden und Freundinnen zusammen, und ein Gläschen vom Getränk unserer Wahl zu uns nehmen - und uns an die mutigen Menschen des Jahres 1989 still erinnern.

29 Juli 2019

Stabwechsel

Wenn es in Deutschland in der politischen Diskussion um Litauen geht, dann ist damit gegenwärtig meist die Entsendung von Einheiten der Bundeswehr gemeint. Gerne auch, wenn da etwas nicht klappt oder ein Flugzeug nicht startet (MDR / Süddeutsche). Die überraschende Ernennung der CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin, und auch der Abgang von Ursula von der Leyen nach Brüssel hat diesen Fokus noch verstärkt - auch weil "AKK" dann gleich das besonders von den USA ausgerufene "2%-Ziel" sich zu eigen machte. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) habe aber 2023 nur 44 Milliarden Euro eingeplant, zitiert "Die Welt" und rechnet vor: die Nato-Quote würde damit von 1,37 Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung auf 1,24 Prozent zurückgehen.

Wo sonst oft eher von "Frauenquoten" die Rede war, sollen jetzt "Rüstungsquoten" eingeführt werden? Oh, pardon - sie sind ja längst eingeführt; schon 2004, beim Beitritt der baltischen Staaten zur Nato, war davon die Rede - und es wurde kommentarlos ein "Nachlass" gewährt, da es ja völlig unsicher schien, ob diese Staaten wirtschaftlich stabil bleiben würden. Auch heute ist klar: wer in deutschen Medienberichten nach dem Wort "Litauen" sucht, wird zu einem hohen Prozentsatz Beiträge über deutsche Hilfssammlungen und karitative Spenden finden. Zehntausende Litauerinnen und Litauer sind ins Ausland gegangen, um eine angemessen bezahlte Arbeit zu finden.

Dr, Gitanas Nausėda im Oktober 2014 in einer
Bremer Straßenbahn - auf dem Weg zur Vorstellung
des Buches "Chro
nik der Schule zu Nidden"
(zusammen mit Dr. Gabrielė Žaidytė, damals
Kulturattaché der Litauischen Botschaft in Berlin)


Den Wechsel hat es in Litauen im Präsidentenamt gegeben: Gitanas Nausėda, man könnte ihn den "Vater des litauischen Euro" nennen, ist seit dem 12. Juli litauischer Präsident. Einen Teil seines Studiums hat er in Deutschland absolviert, er spricht Deutsch ausgezeichnet, also könnte er ja auch eine neue Farbe ins deutsch-litauische Verhältnis bringen. Das zeigt auch sein Interesse für Kulturgeschichte: beim Buch über die Schule von Nidden ist er Mitherausgeber, er selbst entdeckte die alte Schulchronik. Auch bei seinem Antrittsbesuch im Nachbarland Lettland gab es ein Buchgeschenk (lrp.lt) - und auch Präsident Steinmeier ist ja zu seinen Zeiten als Außenminister schon in Nidden gewesen (Baltic Times / AA), da liegen die Vorschläge für die nächsten Buchgeschenke nahe.

Was bedeutet der Wechsel für Litauen? Nun ja, einige beklagen, dass der litauische Präsident zwar von allen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern gewählt werde - aber mal wieder keine akzeptable Person zur Wahl gestanden habe. Zum Präsident wird eben doch nicht jede/r gewählt.

Vom "Ende der Ära der eisernen Lady" schreibt die lettische Presse, auf den Abschied Dalia Grybauskaites fokussierend (lsm). Gleichzeitig wird prognostiziert, der neue Präsident Nausėda könne sich nun wieder verstärkt den direkten Nachbarn Lettland, Polen und Estland zuwenden, nachdem Grybauskaite viel von der EU. den USA und dem Schicksal Europas geredet habe. - Einige in Litauen hatten sich wohl erhofft, Grybauskaite könne auf einem hohen Posten in Brüssel weitermachen.

Nausėda seinerseits sprach sich sehr zeitig zugunsten einer Kandidatur Ursula von der Leyens zur EU-Kommissionspräsidentin aus (lrp.lt) "Litauen wird von ihrer Kenntnis der Sicherheitslage profitieren," so zitiert ihn die "Baltic Times". Laut aktuellen Umfragen sehen 73,7% der Litauerinnen und Litauer ihren Präsident gegenwärtig positiv (Baltic Times). Nausėda wird aber sicher noch daran arbeiten müssen, nicht nur als Präsident der Wirtschaftsbosse zu gelten - ein großer Teil der Bevölkerung erwartet, wieder mit größerer Zuversicht im eigenen Lande das Auskommen zu finden.
Und worauf warten die Deutschen? Na, vielleicht auf einen Staatsbesuch in Mannheim ... !

04 Mai 2019

Da waren es nur noch 9 (nein: 8) - die Kandidaten für den neuen Präsidenten in Litauen


Nachtrag: 
In der Zwischenzeit hat einer der kleineren Kandidaten - Naglis Puteikis - das Handtuch geworfen. Mit dem Argument. dass er keine Chancen sieht, in die zweite Wahlrunde einzuziehen, hat er seine Wahlkampagne eingestellt. Statt eine Wahlempfehlung auszusprechen, hat er  nur gesagt, wen man nicht wählen sollte: Da er sich gegen die "Herrschaft der Banken und Oligarchen" ausspricht, rät er ab, für den Ex-Banker Gintanas Nausėda zu stimmen. Mindaugas Puidokas (ein anderer Kandidat)  geht davon aus, dass er einen Deal mit der regierenden "Union der Bauern  und Grünen" geschlossen hat und damit die Chancen von Premierminister Skvernelis erhöht, in die zweite Wahlrunde zu kommen ... 
https://www.delfi.lt/news/daily/lithuania/puteikis-nebemato-galimybiu-patekti-i-antraji-tura-ragina-balsuoti-pries-viena-is-kandidatu.d?id=81111657

Recht unspektakulär - im Vergleich zur Ukraine - verläuft die Präsidentenwahl in Litauen, die am 12. Mai in ihre erste Runde geht...
Von ursprünglich 15 Kandidaten haben 9 die nächste Hürde im Rennen um die Präsidentschaft in Litauen genommen: Wie die litauische oberste Wahlkommission am 12. April bestätigte haben sie über 30.000 unterstützende Unterschriften vorgelegt (auf Papier und digital). Da mich Alina Rotaru um meine Einschätzung fragte, hier nun ein Überblick über die Anwärter, die den Job im Palast am Daukantas-Platz in Vilnius wollen. Die Wahl findet in zwei Wahlgängen im Mai statt, da es sehr unwahrscheinlich, dass einer der Kandidaten die absolute Mehrheit im ersten Wahlgang erreicht. Gleichzeitig mit dem ersten Wahlgang findet auch ein Referendum über die doppelte Staatsbürgerschaft statt, das die Gemüter erregt. Es ist also mit einer hohen Wahlbeteiligung zu rechnen, auch wenn keiner der Kandidaten so wirklich überzeugen kann. Amtsinhaberin Dalia Grybauskaitė kann nach zwei Amtsperioden nicht mehr kandidatieren. Vielleicht ist das Referendum auch der Grund, dass die Einwohnerzahl Litauens plötzlich auf wieder über 3 Millionen gestiegen ist: Viele der Auslands-Litauer haben sich in Litauen angemeldet um an Referendum und Wahl teilzunehmen

Aber zu unseren 9 Kandidaten. Da gibt es drei, die als Favoriten gelten, zwei, die vielleicht einen Überraschungserfolg erzielen können und vier, denen keine große Chancen eingeräumt werden.
Die Teilnehmenden an der Wahl müssen ihre Eigentumsverhältnisse offenlegen und auch das ist sehr aufschlussreich für die Frage wie "volksnah" die Anwärter sind.

Die Top 3

In den Umfragen führen diese drei. Interessanterweise ist keiner der drei Parteimitglied obwohl er oder sie mit Parteien identifiziert wird.

Gintanas Nausėda
ehemaliger Hauptfinanzanalyst der schwedischen Bank SEB in Litauen, führte bis vor kurzem knapp in  Umfragen. In den Medien ist er deshalb seit Jahren präsent und strahlt Staatsmännigkeit aus.
Er steht als Kandidat der liberalen Partei nahe und gilt als Vertreter der großen litauischen Konzerne. In letzter Zeit hat der Finanzwolf natürlich viel Kreide gefressen und gibt sich sehr sehr menschlich. Programmatisch gibt er sich auch sehr pragmatisch und diplomatisch. Nicht sehr konkret, aber alles was für einen Präsidenten eben ganz gut aussieht.


Ingrida Šimonytė.
Die einzige Frau im Rennen. Scharfzüngig und kompetent wurde sie zwar von der konservativen Partei aufgestellt gilt aber eher als Vertreterin eines modernen, liberalen, weltoffenen Litauens und damit repräsentiert eher das städtische als das ländliche Litauen. Und dann wird ihr noch die Vergangenheit zu Last gelegt: sie war Finanzministerin im Krisenjahr 2009 und ihr werden schwere finanzielle Einschnitte bei Renten und Gehältern zugeschrieben.
Und letzten Endes ist nicht klar, ob die Mehrheit schon wieder für eine Frau wählt.
In den letzten Wochen vor der Wahl hatte sie Nausėda in der Wählergunst knapp überholt.

Saulius Skvernelis
zur Zeit Premierminister für die Regierung unter der Führung der Union der Grünen und Bauern.
Leider gibt es keinen Amtsbonus, im Gegenteil. Die kleinen Skandale der Regierung - Lehrerstreik, Waldrodung, geschasste Minister - und der zunehmende Reformstau wirken sich negativ aus. Der Bauernpartei würde ihr Kandidat im Amt das Leben wesentlich einfacher gemacht. Skvernelis war früher Polizist und dem Führungsduo aus Premier Skvernelis und Parteivorsitzenden Ramunas Karbauskis könnte man leicht autoritäre Tendenzen im Führungsstil zuschreiben.

Die Verfolger

Alvydas Juozaitis. Unabhängiger Journalist, Olympiamedailliengewinner im Schwimmen (!), Unterzeichner der Litauischen Unabhängigkeitserklärung von 1990 und DER Underdog. Verteidiger der Litauischen Werte, Familie, gegen Migration sowieso. Deklariertes Eigentum: Null. Zitat: "die Leute sollen kein Eigentum anhäufen, sondern Kinder kriegen". Eine Facebook-Seite heißt dann auch gleich "Kaiser Juozaitis"
Mangels Finanzen läuft seine Kampagne "hier ist Litauen" vor allen in der sozialen Medien. Bei der Debatte der 9 Kandidaten im staatlichen Fernsehen verließ Juozaitis demonstrativ das Studio, um gegen die Dominanz der 3 großen Kandidaten (und die Ignoranz der "kleinen Kandidaten") zu demonstrieren.
Und kein Wunder: Juozaitis wurde auch schon auf AfD-Seminaren gesehen.

Vytenis Andriukaitis.
Zur Zeit Europakommissar für Gesundheit und Kandidat der Sozialdemokraten. Manche räumen ihm gute Chancen ein, es doch in die zweite Runde zu schaffen (siehe http://rokiskis.popo.lt/2019/03/30/kandidatai-i-prezidentus-apzvalga/)
Die sozialdemokratische Basis ist gut organisiert und hier haben wir einen passablen erfahrenen Politiker. Eine Bekannte aus dem Gesundheitsministerium erinnerte sich an den damaligen Minister allerdings als Choleriker. Und hat jemand in letzter Zeit etwas von europäischen Gesundheitskommissar gehört?



Die Zählkandidaten

Diesen Vieren geht es vor allen darum, aus taktischen Gründen  im Gedächtnis der Wähler zu bleiben.

Valentinas Mazuronis. Vorsitzender der leicht rechtslastigen populistischen "Arbeitspartei" und Europaabgeordneten. Die Partei, die einst von dem russischen "Konservenkönig" Viktor Uspaskich gegründet wurde, hat ihren Zenit lange hinter sich und kämpft am rechten Rand um den Erhalt ihres Status.

(hat seinen Wahlkampf eingestellt und dazu aufgerufen, NICHT für Nausėda zu stimmen)
Naglis Puteikis.
Hans Dampf in allen Gassen. Das "Phänomen Puteikis" kommt aus der konservativen Partei. Den letzten Parlamentswahlkampf bestritt er zusammen mit einem Filmproduzenten als "Anti-Korruptions-Koalition". Und finanzierte ihn mit schnellen Kurz-Krediten. Einfallsreich und unterhaltsam stellt sich mir die Frage wie lange das gut geht.
In der Zwischenzeit hat Puteikis die Führung der traditionsreichen aber völlig unbedeutenden Zentrumspartei übernommen. Teile der Zentrumpartei streben allerdings in der Zwischenzeit des Parteiausschluss ihres eigenen Vorsitzenden an ...

Valdemaras Tomaševskis. Vorsitzender der Polnischen Wahlaktion und Europaabgeordneter. Eine Frage der Ehre, dabei zu sein und seine Schäfchen einzusammeln. Die polnische Minderheit - das sind rund 7% der Einwohner - wählt fast geschlossen polnisch. Das war's dann auch. Einen kleinen Skandal gab es  die "stalinistischen Methoden" wie in den mehrheitlich polnischen Regionen Unterschriften gesammelt wurde. In Schulen wurden Eltern zum Zeichnen der polnischen Liste angehalten, und ihnen wurde gleichzeitig angedeutet, das eine Verweigerung Auswirkung auf die Schulnoten der Kinder haben könnte ...

Mindaugas Puidokas. Ehemaliger Abgeordnete der Union der Grünen und Bauern. Hat sich mit dem autoritäre Führungsstil überworfen. sein Programm ist de facto nicht existent, irgendwas mit "Grünen Werten" und "Bewahrung der traditionellen Familie".
Allerdings ist er mit 40 Jahren der jüngste Kandidat und dass er bis in diese Runde geschafft hat ist beachtlich. Nur ist seine politische Zukunft unklar.

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Wer es in der zweite Runde schafft, das ist wirklich unklar. Zu viele Wähler entscheiden sich im letzten Moment. Inwieweit wird das Referendum einen Einfluss haben? Was ist der Einfluss der nahenden Europaparlamentswahl? Der Vorsitzende der regierenden Bauernpartei erklärte die Wahlen gerade zu einer "Schicksalswahl": Sollte die Bauernpartei bei der Wahl das Vertrauen entzogen werden, würde sie aus der Regierung austreten. Das würde Litauen ins politische Chaos stürzen, soll aber aus meiner Sicht nur auf Biegen und Brechen einen konservativen Präsidenten verhindert.
Wer kann seine Wähler am besten motivieren für einen oder gegen einen bestimmten Kandidaten zu stimmen? Einige Komentaroren ziehen schon Vergleiche zu den Wahlen von 2003 und 2004 als Rolandas Paksas überraschend ins Amt gewählt wurde und kurz darauf wegen Mauscheleien mit russischen Geldgebern des Amtes enthoben werden.

In der Nacht vom 12. auf dem 13. Mai wissen wir mehr ...

Bilder von: https://www.15min.lt/projektas/prezidento-rinkimai

18 März 2019

Superwahljahr in Litauen, die Erste

Litauen - Ein Flickenteppich

Schön bunt ist es geworden, das Wahlergebnis der Kommunalwahlen am 3. und 17. März (Stichwahl Bürgermeisterwahlen) in Litauen.
Hier zuerst einmal welche politische Vereinigung die meisten Stimmen in welcher Stadt oder Landkreis geholt hat:


 


















Erklärung der Farben:
Rot - Sozialdemokraten
Rosa - Wahlkomitees
Grün - Konservative
Dunkelgrün - Union der Bauern und Grünen
Gelb - Ordnung und Gerechtigkeit
Blau - Arbeitspartei
Orange - Liberale
Hellbraun - Freiheitsunion
Grau - Allianz der Wahlaktionen der Polen und Russen "Union der Christlichen Familien"

Anmerkung: Die Wahlbeteiligung lag im ersten Wahlgang bei knapp unter 50%, im zweiten bei knapp unter 40%.

Warum ist das so?

Neben 23 Parteien und Koalitionen (darunter versteht man die gemeinsame Liste von Parteien) traten dieses Mal 86 Wahlkomitees an (die nur in jeweils einer Kommune kanditierten).
Darüber hinaus kann man auf der Liste, die man auswählt 5 Kandidaten seine Priorität geben (das kann ändern, wer dann das Mandat bekommt)

Wer hat denn jetzt gewonnen?

a) Prozentual
Der Gewinner der Wahl heißt "Öffentliches Wahlkomitee" (VKM) landesweit entfielen 27% auf die lokalen Wahlkomitees, damit liegen sie deutlich vor den traditionellen Parteien. Da führen die Konservativen (TS-LKD) mit 16%, gefolgt von den Sozialdemokraten (13%) und der Union der Bauern und Grünen (11%).
Visvaldas Matijošaitis. Bürgermeister von Kaunas
Wenn an diesem Sonntag Parlamentswahl gewesen wäre (die berühmte "Sonntagsfrage"), dann wären auch noch die Liberalen mit rund 6%, die Arbeitspartei und die "Union des Chirstlichen Familien" (Allianz der Russen und Polen) mit jeweils 5% in den Seimas eingezogen. Draußen wären allerdings die "Ordnung und Gerechtigkeit" des Ex-Präsidenten Rolandas Paksas, die Zentrumspartei unter Naglis Puteikis und die "Sozialdemokratische Arbeitspartei", die zur Zeit in der Regierung sitzt. Bemerkenswert auch, dass der Ex-Bürgermeister von Vilnius, Arturas Zuokas, mit seiner Partei "Freiheitsunion" auf landesweit 3% kommt und sich damit nicht allzu weit von der 5%-Hürde befindet.
Der bunte Flickenteppich sagt uns aber, dass es sehr verschiedene Ergebnisee in den einzelnen Kommunen gibt.

b) Anzahl der Mandate
Auch hier führen die Wahlkomitees mit 306 Mandaten, gefolgt von dem Konservativen Christdemokraten mit 263, den Sozialdemokraten mit 259, den Bauern und Grünen 216, den Liberalen 120, der Arbeitspartei 61, Allianz der Russen und Polen - 54, Ordnung und Gerechtigkeit - 49, Freiheitsunion (Liberale) - 31, Sozialdemokratische Arbeitspartei - 24

c) Anzahl der Bürgermeister
Von 60 Bürgermeistern wurden 19 in der Ersten Wahlrunde gewählt, der Rest musste die Stichwahl am 17. März. Das heißt: so eindeutige "Lokalfürsten", die in der ersten Runde über 50% der Wähler erreichen (obwohl es mehrere Kandidaten gibt) kann man in einem Drittel der Litauischen Kommunen finden. 
Regionalfürsten wie Vivaldas Matijošaitis in Kaunas: der Eigentümer des Lebensmittelkonzerns "Viči / Vičiūnai" wurde mit knapp 80% zum Bürgermeister wiedergewählt, natürlich mit seinem eigenem Wahlkomitee "Einiges Kaunas". Ähnlich sieht im Kurort Druskininkai unter Ričardas Malinauskas aus, oder in Širvintai unter Živilė Pinskuvienė.
Ansonsten heißt hier der Gewinner: Sozialdemokraten! Sie sackten 15 Bürgermeisterposten ein, 12 gingen an Vertreter von Wahlkomittees, 11 an die Konservativen, jeweils 6 an Liberale und "Grüne Bauern", 5 an "Ordnung und Gerechtigkeit", 5 gingen noch an andere, kleinere Parteien, davon 2 an die Allianz der Polen und Russen und ein Direktkandidat wurde Bürgermeister in Jurbarkas. 
Dabei ist interessant wie sehr stark der Unterschied zwischen den Parteien lokal ist und das nicht immer die stärkste Partei auch den Bürgermeister stellt. Nicht nur bei den Wahlkomitees spielt bei der Wahl die "Führungsperson" der jeweiligen Partei vor Ort eine wesentliche Rolle. 

Grafik: Gewählte Bürgermeister nach Parteizugehörigkeit



Mit Häkchen: Bürgermeister, die im ersten Wahlgang gewählt wurden
Erklärung der Farben:
Rot - Sozialdemokraten   
Rosa - Wahlkomitees
Grün - Konservative
Dunkelgrün - Union der Bauern und Grünen
Gelb - Ordnung und Gerechtigkeit
Blau - Arbeitspartei
Orange - Liberale
Hellbraun - Freiheitsunion
Pink - Allianz der Wahlaktionen der Polen und Russen "Union der Christlichen Familien"
Grau - Unabhängiger Kandidat

Showdown in Vilnius

In der Hauptstadt ist vieles anderes: Hier kam wieder mal zum traditionellem Schaukampf um den Bürgermeisterposten zwischen dem Amtsinhaber Rimigijus Šimašius (ehemals Liberale) mit seinem eigenem Wahlkomitee "Für ein Vilnius, auf das wir stolz sind" und dem dreimaligen Ex-Bürgermeister Artūras Zuokas, der sich selbst aufgestellt hat und formal eine "Koalition" aus der Freiheitspartei (Liberale), deren Vorsitzender er ist und dem Wahlkomitee "Glückliches Vilnius" anführt. Wer jetzt aufgepasst hat, kann feststellen, dass bei Zuokas drei Mal "ich" vorkommt: 1 - selbst aufgestellt, 2 - eigene Partei, 3 - eigenes Wahlkomitee.
Artūras Zuokas und Remigijus Šimašius
Zu den Eigenheiten der Hauptstadt könnte man viel schreiben. Viele landesweit bekannte und bedeutende Politiker kanditieren in Vilnius. So wollten sowohl die Vorsitzende der Arbeitspartei, der Sozialdemokraten und der Partei "Ordnung und Gerechtigkeit" Bürgermeister werden.
Die Sozialdemokraten unter ihrem neuen Vorsitzenden und bis dato Vizebürgermeister Gintautas Paluckas sind ganz aus dem Stadtrat rausgeflogen, dafür haben es die "Grünen Bauern" mit 3 Vertretern neu ins Stadtparlament geschafft.
Neben den beiden größten Fraktionen Šimašius (17 Mandate) und Zuokas (10 Mandate) sind der lachende Dritte wieder mal die Konservativen (9 Mandate). Für eine Mehrheit benötigt man allerdings 26 Stimmen.
Im zweiten Wahlgang setzte sich der Amtsinhaber 
Šimašius deutlich mit 60% gegen Zuokas durch und konnte seinen Vorsprung im Vergleich zu vergangenen Wahl noch eine bisschen ausbauen.
Für eine Koalition hat der alte und neue Bürgermeister Šimašius nun zwei Möglichkeiten: entweder eher rechte mit den Konservativen oder eher links mit der Arbeitspartei, Allianz der Polen und Russen und den Grünen. Beides ist problematisch: Eine Koalition mit den Konservativen gab es in der ersten Hälfte der vergangenen Amtszeit schon. Da die Christdemokraten Šimašius immer wieder Knüppel in die Beine schoben und an ihrer Selbstprofilierung arbeiten, entschied er sich zu einem Schwenk zu einer linken Koalition. Da mit dem Sozialdemokraten der Hauptpartner weggefallen ist und sich führende Vertreter der Bauernpartei und der Arbeitspartei für Zuokas bei der Stichwahl ausgesprochen haben, sieht diese Option dieses Mal wesentlich schwieriger aus.

Ein Bündnis mit Zuokas ist eher unwahrscheinlich, zu stark ist die persönliche Abneigung zwischen den beiden. Der Charakterkopf Zuokas ist ein Thema für sich: Er ist mehrfach für Korruption verurteilt worden und - wie schon angedeutet - ein Egomane.
Šimašius hingegen gilt als etwas spröder Realist und Team-Mensch. Zu seinen Verdiensten zählen so langweilige Dinge wie der Schuldenabbau der Stadt, das Asphaltieren von Straßen und Höfen, sowie der Erwerb von 200 neuen Stadtbussen. Zuokas hingegen begeistert die Massen mit gigantischen Visionen wie einem Guggenheim-Museum oder einer Straßenbahn. 
Es bleibt also spannend in Vilnius.
 
Ein kleiner Aufreger in den Wahlkampfdebatten: Šimašius zu Zuokas "Was fassen Sie mich ständig an, hören Sie auf mir auf die Schulter zu klopfen. Wir sind keine Freunde oder so ..."


Die Rolle der Wahlkommittees und Erosion des litauischen Parteiensystems

Nachdem bei der vergangenen Kommunalwahl erstmals die Direktwahl der Bürgermeister durchgeführt wurden, war die größte Neuerung dieses Mal die "Wahlkomittees".Bürger können sich auf lokaler Ebene zu einem solchen zusammenschließen und landesweit entfielen auf sie 27% der Stimmen, das ist im landesweiten Schnitt 10% mehr als auf die nächstgelegene Partei.
Die erfolgreichsten Wahlkomitees haben einen deutlichen "Frontmann" (ich wollte jetzt hier das Wort "Führer" vermeiden). Und sie haben eine Partei mit ihrer Struktur, einem Programm oder gar einer Ethikkommission gar nicht nötig.
Und diese beliebten lokalen Größen hielten es für nötig, sich der lästigen Partei zu entledigen: Das gilt sowohl für Malinaukas (ehemals Sozialdemokrat) und Pinskuvienė (ehemals Arbeitspartei), die in diverse Korruptionsskandale verwickelt waren.
Aber auch für Rimigijus Šimašius in Vilnius, der sich als ehemaliger Vorsitzender der Liberalen dem Schatten eines Schmiergeldskandals entledigen musste.
Der ursprüngliche Gedanke der Wahlkomitees, nämlich eine einfachere Bürgerbeteiligung auf lokaler Ebene zu ermöglichen, tritt in den Hintergrund.
Welche Bedeutung das dauerhaft für die nationale Politik hat, ist völlig unklar. Wie wird in Zukunft das Zusammenspiel zwischen Kommunen und Zentralverwaltung funktionieren? Vielen nationalen Parteien hatte man schon vorher vorgeworfen im Wesentlichen "Wahlverein" für ihren Vorsitzenden zu sein, ohne eine stabile Mitgliederstruktur zu haben.

Einige Schlussfolgerungen ...

Von den traditionellen Parteien haben sich die Sozialdemokraten (LSDP) und Liberalen (LRLS) überraschend gut geschlagen. Beide hatten mit großen Problemen zu kämpfen:
Von den Sozialdemokraten hat sich eine Gruppe von altgedienten Parteimitgliedern abgespalten, die entgegen des Parteibeschlusses in der Regierung bleiben wollten und die "Sozialdemokratische Arbeitspartei" gegründet.
Die Liberalen haben immer noch unter dem großen Schmiergeldskandal von vor der Parlamentswahl zu leiden. Der Vertrauensverlust führte dazu, dass einige Spitzenkandidaten - wie Šimašius in Vilnius oder Grubliauksas in Klaipėda - lieber mit ihren eigenen Wahlkomitees als mit der Partei antreten.
LSDP und LRLS verteidigten dennoch ihre Positionen in vielen Kommunen, fielen allerdings in den größeren Städten durch.
Auch die führende Regierungspartei, die Union der Bauern und Grünen, kann diese Wahl als Sieg für sich verbuchen, konnte sie doch die Anzahl der Mandate und Bürgermeisterposten deutlich steigern. Normalerweise wirkt sich Regierungstätigkeit deutlich negativ auf die Wählergunst aus.
Die Konservativen stehen in einer ständigen Lauerposition: Zwar sind sie die stabilste Partei, haben in letzter Zeit nicht mit Skandalen oder Abspaltungen zu kämpfen. Deutlich absetzen können sie sich von den anderen Parteien allerdings nicht.
Nur wer bei den nächsten nationalen Wahlen die Stimmen der Wahlkommitees bekommt ist unklar,

Ausblick auf die kommenden Präsidentenwahlen

Im Mai stehen die nächsten Wahlen an: Europa- und Präsidentenwahlen.
Während die Europawahl wohl vor allem als eine Testwahl für die Regierung gesehen wird (mal schauen welche Skandale des noch bis dahin gibt), ist die Frage, die Litauen mehr beschäfigt: Wer wird Nachfolger oder Nachfolgerin von Dalia Grybiauskaitė im Präsidentenpalast am Daukantas Platz? Sie selbst kann nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren.
Von ursprünglich 17 Prätendenten sind zur Zeit 13 Kandidaten übrig geblieben, davon gilt als wahrscheinlich, dass 2 von diesen Drei in die Stichwahl kommen:
Der ehemalige Banker Gintanas Nausėda führt zur Zeit die Umfragen, gefolgt von der ehemaligen konservativen Finanzministerin Ingrida Šimonytė und Premierminister Saulius Skvernėlis.
Gintas Nausėda, Ingrida Šimonytė, Saulius Skvernėlis

Allen dreien haften irgendein Makel an: Nausėda gilt als kaltherziger Banker mit wenig Verständnis für einfachen Leute, Šimontytė wird als Finanzministerin für die harten Einschnitte während der Finanzkrise verantwortlich gemacht und Skvernėlis kämpft mit den Problemen in der Regierung.
Die Frage ist, wer am Ende den Ausschlag gibt: Wenn es nach der Stadtbevölkerung geht hat die weltoffene Šimonytė einen Vorteil, für die ländliche Bevölkerung eher der volksnahe Skvernėlis und Nausėda ist der neutralste (was allerdings am meisten der Rolle des Präsidenten entspricht).
Vielleicht kommt auch noch ein Underdog wie der Philosoph Alvydas Juozaitis mit seinem populistisch nationalistischem Kurs hoch - seine Anhänger sind in den sozialen Netzwerken sehr aktiv.

Alle Wahl-Ergebnisse im Detail kann man auf der Internet-Seite der Obersten Wahlkommission Litauens finden: https://www.vrk.lt/ 

13 März 2019

Sommer Fünfundsechzig mit Žanas Polis

Porträts von Jean Paul Sartre und Simone
de Beauvoir, angefertigt vom litauischen Künstler
Erikas Varnas - am
4.8.1965 veröffentlicht in
der Zeitung "Tiesa"
/ "Wahrheit" (© LATGA)
Auf dem Portal "deepbaltic" ist ein sehr interessanter Beitrag zu besonderen Ereignissen des Sommers 1965 nachzulesen:eines der prägensten Zusammentreffen im Kulturleben des sowjetischen Litauen war der Besuch des französischen Philosophen Jean Paul Sartre (lit = Žanas Polis Sartras) und seiner Lebensgefährtin Simone de Beauvoir in Litauen. Die Erinnerungen daran werden auch durch die schönen Fotos von Antanas Sutkus illustriert, der Sartre durch die Sandwüsten der Kurischen Nehrung schreitend ablichtete. Es war nicht der erste, und auch nicht der letzte Besuch der beiden Gäste in der Sowjetunion - in Litauen jedenfalls hinterließ er weitreichende Folgen.

"Der Besuch dieser beiden Persönlichkeiten gab uns Hoffnung, dass die Kultur unseres kleinen Landes auch für andere interessant sein kann", schreibt Literaturwissenschaftlerin Solveiga Daugirdaitė, die sich seit mehr als 10 Jahren mit damaligen Ereignis und den damaligen Umständen beschäftigt. Aus ihrem Buch "Švystelėjo kaip meteoras" sind die auf der "Deepbaltic"-Seite ins Englische übersetzten Texte und Ilustrationen entnommen.

Auch eine Passage der fünfbändigen Memoiren de Beauvoirs ("Tout compte fait", deutsch = "Alles in allem") widmet sich dem Besuch in Litauen und lässt erahnen, wie es aus der Perspektive der beiden Gäste aussah. Litauen, das 1940 von der Sowjetunion besetzt wurde und seine Unabhängigkeit nach Kriegsende nicht wiedererlangte, war bis in die 1960iger Jahre für Besucher aus dem Westen nahezu für verschlossen gewesen.Vom 26.Juli bis 3. August 1965 hielten sich Sartre und de Beauvoir in Litauen auf: am Flughafen begrüßt mit einem Strauß weißer Margariten, mit Zwischenstationen in Vilnius, Kaunas, Klaipėda, Palanga, Nida, Pirčiupiai, und Trakai.

Sutkus in Nida - der zweite Schatten durfte nicht ins Bild
Fotograf Anatans Sutkus war damals 26 Jahre alt. Es waren vor allem die Fotos, die er von dem berühmten Besucherpaar schoss, die mit der Zeit immer mehr an Wert stiegen. Daugirdaitė stellt im Rückblick auch ein Ungleichgewicht fest: Sarte fand weitaus mehr Beachtung, wurde in Litauen häufig interviewt, Simone de Beauvoir fast gar nicht. Dabei habe sie auch registriert, dass Frauenrechte in der Sowjetunion nur auf dem Papier standen, und in der Realität Frauen ziemlich nachrangig behandelt wurden. Auch den damaligen (sowjet-litauischen) Presseberichten zufolge wurde de Beauvoir lediglich als "Sartres Begleiterin" gesehen. Allerdings waren bis dahin auch kaum Werke von Sartre übersetzt worden - in Litauisch gar nichts, ein wenig in Russisch oder Polnisch. Werke von de Beauvoir waren völlig unbekannt im damaligen Litauen. So konzentrierten sich die Gespräche denn auch mehr auf Fragen zur französische Kultur allgemein.

Zu beachten ist hier allerdings auch, dass es eine langjährige Affäre zwischen Sartre und der Übersetzerin Lena Zonina gab - von vielen, die eher über Sartre schreiben, nur ungern erwähnt. Carole Seymour-Jones, die ein Buch über Sartre und de Beauvoir schrieb ("A Dangerous Liaison"), weist auch auf die vorhergehende Reise Sartres mit Zonina durch Estland hin, "mit de Beauvoir als Anstandsdame". Aber davon gibt es nicht so schöne Fotos. Interessant, dass "EstonianWorld" es heute so beschreibt: "1964 besuchte Simone de Beauvoir auf Einladung Lennart Meri's Estland. Sie wurde begleitet von dem Philosophen Jean Paul Sartre." Sahen die Est/innen es femininer? Oder gentleman-like: Meri sprach französisch, half bei der Weinauswahl, und führte die Gäste in den "Kuku Club." Dass eigentlich drei Personen zu Gast waren, verschweigt dieser Bericht allerdings völlig.

In Litauen soll sich Simone de Beauvoir beeindruckt gezeigt haben besonders von der Gegend bei Trakai, und auch von einer in Holz geschnitzten Christusfigur in Kaunas. Sartre erwähnte besonders die Werke M.K.Čiurlionis. Schriftsteller Justinas Marcinkevičius erinnert sich aber auch an vergebliche Versuche, Sartre zur Unterstützung von Literatur aus "kleinen Sprachen" zu bewegen. Und Solveiga Daugirdaitė weist auf einen wesentlichen Eingriff hin, den Fotograf Anatanas Sutkus damals vornahm. Bei seinen inzwischen berühmten Fotos von Sarte auf den Dünen der Kurischen Nehrung schnitt er radikal Simone de Beauvoir nachträglich heraus. So änderte sich die Bildstimmung völlig, und Sutkus rechtfertigte sich: "ein einsamer Sartre, das ist wie eine Metapher der Philosopie."

Und obwohl Sartre selbst schrieb, er sei gegenüber der Natur eher gleichgültig, schrieb ihm Sutkus in seinen Notizen die Aussage zu: "Ich fühle mich wie am Eingang des Himmels." Das Foto aber zeige Sartre als "existenzialistisches und lakonisches Subjekt", so zitiert Johanna Müller für das Magazin "The article" den französischen Philosophenkollegen Francis Jeanson. "Bildwerdung von Philosophie" (Zitat "The article") - es passierte in Litauen. Seit 2018 gibt es Sartre im Sand von Nida als Bronzefigur zu bewundern. Sutkus war übrigens von Sartre während seines Aufenthalts für einen Schriftsteller gehalten worden, der lediglich ein paar Amateuraufnahmen machte, wie Milda Seputyte in "Baltic Times" enthüllt. Sutkus sei ein Bücherliebhaber gewesen und sei von Sartre nach seinen Lieblingsbüchern gefragt worden. "Ich konnte ihm aber doch nicht erzählen, dass alles was ich las auf dem sowjetischen Index für verbotene Literatur war," beschreibt Sutkus seine Nöte damals. "Ich konnte ihm auch nicht erzählen, dass ich für 25 Rubel ein Buch von Hemingway aus 'speziellen Quellen' ausleihen konnte. Wir waren schon beim Abschlußdinner, als Sartre mich plötzlich fragte: 'Und was schreiben Sie?' Da gestand ich ihm, dass ich ein Fotograf sei."

Spuren von Eindrücken dieser Besuchstage finden sich später in Werken u.a. von Herkus Kunčius, Jurgis Kunčinas und Jokūbas Švarcas wieder. Ein Jahr später, 1966, konnte Sartres erstes Werk in litauischer Sprache in Litauen herausgegeben werden ("Les mots" / "Die Wörter" / "Žodžiai"). Viele seiner bekannteren Werke konnten aber erst nach 1990 in Litauen in Übersetzung erscheinen.

Nur kurze Zeit später aber, als Sarte und de Beauvoir den Einmarsch der Sowjettruppen in Prag öffentlich verurteilten, fielen sie in den Augen der Sowjetmacht in Ungnade.

Webseite Antanas Sutkus / Sutkus Fotoausstellung in Rüsselsheim (bis 28.4.19)

08 Januar 2019

Wünsche für das Neue

Was bringt das Neue Jahr in Litauen? Bereits im Dezember hatte es landesweite Streiks der Pädagogen in über 100 Schulen und Kindergärten gegeben - sie fordern eine Lohnerhöhung um nicht weniger als 20%.

so illustriert die
litauische Regierung
ihre Arbeit
Der Haushaltsentwurf von Ministerpräsident Skvernelis für das Jahr 2019 sah allerdings keine erhöhte Zuwendung für Lehrerinnen und Lehrer vor (bnn). Wohl eingeplant hat die Regierung eine Erhöhung des Verteidigungshaushalts auf 2,05% BSP.

Immerhin stehen 2019 in Litauen dreifache Wahltermine an: den Anfang machen die litauischen Kommunalwahlen am 3. März. Im Mai 2019 wird dann gleich zweimal gewählt: am 12. Mai stehen Präsidentschaftswahlen an (Präsidentin Grybauskaite kann nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren, gesucht wird ein Nachfolger / eine Nachfolgerin). Und am 26. Mai folgen dann noch die Europawahlen.

Stehen also für Litauen in diesem Jahr besonders schwierige Zeiten an? Der Politologe Kęstutis Girnius wird mit dem Satz zitiert: "Lehrer und medizinisches Personal streiken bei uns eigentlich immer, unter jeder Regierung. Weder diese Regierung noch die nächste wird dieses Problem lösen." - Ist es so einfach? Oder dehnt die litauische Regierung das Militärbudget unnötig aus, um US-Präsident Trump zu gefallen, vernachlässigt aber die Sorgen der Menschen im eigenen Lande, so wie bei den Lehrern? Skvernelis vermutete schon vom Kreml unterstützte radikale Oppositionelle hinter den Streiks der Lehrer/innen (bnn / heise).

"Unser Ziel ist es zu sichern dass Litauen ein guter Platz ist zu leben, jeder Mensch sich glücklich und respektiert fühlt, mit einem starken Staat." Dieser Satz findet sich auf der Webseite von Ministerpräsident Skvernelis. Nehmen wir es mal als guten Vorsatz fürs Jahr 2019!