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12 August 2011

Fettige Näpfchen und diplomatische Pauken

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen donnert der Name "Litauen" gewaltig über die Flure diplomatischer Vertretungen und europäischer Ministerien. Rächt es sich jetzt, dass in der Diplomatie die Benutzung einer größt möglichen Pauke fast nie zum geeigneten Mittel der Verständigung erklärt wird? Hatte die Diskussion um den ehemaligen KGB-Oberst Mihail Golowatow noch Diskussionen um die genaue Bewertung der Ereignisse von 1991 und dem litauischen Weg zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit ausgelöst, so dreht es sich jetzt ebenfalls um einen Fall der Zusammenarbeit zwischen Justizministerien.

In Belorussland (der "letzten Diktatur Europas", wie viele sagen) ist Ales Belyatsky, einer der bekanntesten Menschenrechtsaktivisten des Landes, unter dem Vorwurf der angeblichen Steuerhinterziehung festgenommen worden. Belyatsky's Organisation "Vjasna"unterstützt vor allem politisch Verfolgte und deren Angehörige (siehe TAZ 9.8.11 und 10.8.11).
Es war das litauische Justizministerium, dass sich veranlaßt sah, Hunderte von Kontodaten von Weißrussen bei litauischen Banken an die Justizbeamten des Lukaschenko-Regimes weiterzureichen. So verschaften sie ihren "Kollegen" einen guten Überblick, welcher belorussische Staatsbürger mittels Konten in Litauen zum Beispiel über Unterstützung durch Projektgelder der EU verfügt - daher der Vorwurf des "Steuervergehens". 


Ein Teil der litauischen Presse empört sich nun über das Verhalten des eigenen Ministers - aber einen Rücktritt wird es wohl nicht geben. Außenminister Ažubalis ließ über den litauischen Botschafter in Minsk eine mühsam formulierte Erklärung gegenüber der Frau Beliatsky's und belorussischen Menschenrechtlern abgeben. Litauen verurteile "den Gebrauch von im Zuge von Amtshilfeverfahren gegebenen Informationen für politische Zwecke". Hm. Von der Möglichkeit grundsätzlichen Schutzes sensibler Daten für jeden einzelnen Bürger ist nicht die Rede.

Manche reden ja in Litauen auch gerne von einer "Nord-Süd-Achse" in Osteuropa oder Nordosteuropa. Also eine regionale Zusammenarbeit ohne eine vorherrschende Rolle weder von Russland noch von Deutschland. Wer vielleicht nicht glauben mag, dass Litauen in der Mitte Europas liegt, dann aber doch im Zentrum einer Interessenvereinigung von Estland über Lettland, der Ukraine, Polen, möglichst bis Georgien. Und natürlich Belorussland. Schon seit Jahren versucht sich die litauische Außenpolitik hier zu positionieren, mal als Vermittler hier, mal als Konferenzveranstalter dort. Schon deshalb ist der Fall Belyatsky nun ein großer Fleck auf der gewünschten weißen Weste des Regionalpartners Litauen.

Klar, dass gerade österreichische Medien den Fall interessiert beobachten (siehe z.B. Wiener Zeitung). Linas Jegelevicius bezeichnet das litauische Verhalten bezüglich Belorussland in der BALTIC TIMES als "Imitieren Österreichs".Es kann ja schon jemand mal den Antrag stellen, das Wort "österreichisieren" (= Unterstützung von undemokratischem Regierungshandeln?) in die entsprechenden Wörterbücher aufzunehmen.

01 August 2011

Europäische Nachhilfestunden

Wer dieser Tage weder Österreicher noch Litauer ist, an dem geht die hitzige Diskussion wohl vorbei. Anfangs schien es hauptsächlich eine Sache von 52 Minuten zu sein - genau diese Zeitspanne lag zwischen der Wieder-Freilassung des Ex-KGB-Mannes und Einsatzleiters der Sondereinheiten der "Schwarzen Barette" von 1991 in Vilnius, Michail Golowatow, und dem Eintreffen der von Litauen geforderten detaillierteren Angaben zu dem auf Golowatow ausgestellten Haftbefehl.

KGB auf Alpenurlaub
Dies geschah am Donnerstag, den 14.Juli. In den darauf folgenden Stunden des herannahenden Wochenendes muss bei vielen Behörden ja mit frühem Feierabend gerechnet werden - so auch hier. Aber wäre das Ergebnis - die Freilassung des kurzfristig Festgehaltenen - ein anderes gewesen, wenn ein paar Stunden oder vielleicht auch ein paar Tage verstrichen wären? Golowatow war - so das österreichische Juristenösterreichisch - in "verfügte Anhaltung" genommen worden, also nicht etwa in Haft. Dass Golowatow gar nicht erst in eine Haftanstalt überstellt wurde, soll die russische Botschaft in Österreich erreicht haben. Angehalten und wieder gehen lassen, das klingt schon sehr noch einem sehr kurzfristigen und gar nicht dringlichen Vorgang. 

Aber wie auch immer: dieser immer noch anhaltende Streit zwischen Litauen und Österreich zeigt interessante Ergebnisse und Schattierungen, und geht weit über die Frage von einer möglichen privaten Schuld Michail Golowatows an den Toten vom Januar 1991 in Vilnuis hinaus. Vielleicht werden später einmal beide Seiten sagen: gut, dass diese Diskussion damals im Juli 2011 wieder aufgebrochen ist. Denn angesichts vieler schöner Reden zur Freundschaft und dem Zusammenhalt der Länder und Völker in Europa zeigen sich hier viele Einzelfragen, die offenbar über längere Zeit ungelöst und unberührt liegen geblieben sind.

Historisches Gedächtnis
Dieses "Infoset" schenkte der litauische Außenminister Ažubalis
seinem österreichischen Amtskollegen Spindelegger
als Antwort auf dessen Erläuterungsversuche im Fall Golowatow
Es gibt ja den schönen Spruch vom "Mantel der Geschichte", den man ergreifen müsse, um im richtigen Moment den Lauf der Ereignisse beeinflussen zu können. Aber so richtig bekannt und im allgemeinen Bewußtsein verwurzelt sind nur die Daten, die auch für Deutschland akzeptabel erschienen (das sich unter Kohl und Kinkel immer als "Anwalt der Balten" bezeichnet hatte). Erst nachdem es im August 1991 einen Putsch gegen den im Westen positiv bewerteten Sowjetführer Gorbatschow gab, wandten sich die Machthaber denen zu, die ihn überwanden und Konsequenzen daraus zogen. Aber was ist mir den Volksbewegungen zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit, die sich schon 1987/88 in den baltischen Staaten gründeten? Selbst in den damals noch bestehenden "Obersten Sowjets" errangen nach und nach diese Volksbewegungen die Mehrheit. Bereits ab dem Februar 1990 hatte die Sympathisanten der im Juni 1988 gegründeten "Sąjūdis" im litauischen Obersten Sowjet die meisten Sitze. Bereits am 23.August 1989 hatte es die gewaltige Menschenkette von Vilnius über Riga nach Tallinn gegeben, so dass in dieser Zeit bereits klar wurde, was die Menschen wollten. Das Oberste sowjetische Gremium (der Oberste Rat) in Litauen wählte Vytautas Landsbergis zu seinem Vorsitzenden. Nur Moskau sträubte sich noch - und zwar ausdrücklich Gorbatschow, der ja an eine innere "Reform" des Systems glaubte, und den baltischen Staaten das Recht auf eigene Entscheidungen abstritt. Am 11.März 1990 erklärte Litauen die Wiederherstellung seiner Unabhängigkeit. Es war also nicht - wie manche österreichische Zeitungen auch heute noch melden - ein Aufstand gegen eine eigene (sowjet-litauische?) Regierung. Nein, die Mehrheit der litauisch-sowjetischen Amtsträger hatten sich längst auch von der kommunistischen Partei losgesagt - auch wenn bei einigen vielleicht ein wenig Populismus mitgeschwungen haben mag. Gorbatschow - der in Deutschland zur gleichen Zeit bereits um die Modalitäten einer Wiedervereinigung verhandelte - verhängt im April 1990 eine Wirtschaftsblockade. 

Erst Monate danach - am 13.Januar 1991 - dann die blutigen Ereignisse in Vilnius, rund um den Fernsehturm und das Parlament. Die Sondereinheiten der "schwarzen Barette" (Gruppe "Apha", unter Kommandant Golowatow) versuchen zurückzudrehen, was inzwischen Zehntausende von Menschen mit ihrem eigenen Körper und ihrer Präsenz - aber ohne Waffen - zu verteidigen bereit sind. 11 Menschen wurden erschossen, zwei von Panzern überfahren, einer starb an einem Herzinfarkt. Es gab Hunderte von Verletzten.

Wer schreibt Geschichte? 
Aber heute - 20 Jahre später - kommt die eher von den Wessis geschriebene Geschichte wieder zum Vorschein. Die besteht offenbar nur aus den Stichworten: Gorbi war gut, die Putschisten gegen ihn waren böse, und danach wurde alles gut (nur seltsam, dass die Sowjetunion zusammenbrach?). Aber beide Seiten haben Defizite in der Diskussion unter- und miteinander - das wurde nicht nur durch die schlecht kommunizierenden Behörden deutlich.Auch in Litauen sind die Kenntnisse über Österreich oder auch Deutschland nicht gerade gewachsen - allzu sehr haben sich viele konzentriert auf die rein ökonomische und konsumorientierte Seite einer Beziehung. 
Es ist die Stunde der europäischen Nachhilfestunden. Viele Äußerungen auf beiden Seiten prägen nicht das Zuhören, was andere zu sagen haben, sondern Versuche Vorbedingungen zu formulieren für die Akzeptanz des Diskussionspartners. So als ob beide Seiten sich nicht ganz ernst nehmen würden gegenseitig.

Beispiele gefällig? Einige Zitate aus Zeitungen und Internetforen.
- die Litauer sollen erst mal im eigenen Lande die Korruption beseitigen, bevor sie sich über eine nicht funktionierende österreichische Justiz beschweren
- die Litauer sollen sich nicht über die 14 Toten von 1991 beschweren, sondern froh sein dass sie so günstig aus der Sowjetunion entlassen wurden
- die Litauer sollen doch froh sein, dass sie 2004 in die EU rein gelassen wurden, und nun können sie auch noch nach Österreich oder Deutschland gehen um dort zu arbeiten, wenn sie wollen
- die Litauer sollen bitte lieber die Täter des Holocaust verfolgen als die Funktionsträger der Sowjetzeit
- diese Litauer sollen bitte andere nicht mit in ihre Russophobie hineinziehen
- europäische Haftbefehle gelten eben nicht rückwirkend, sondern - was Litauen angeht - erst ab 2004

Aber auch auf litauischer Seite gibt es Vorbehalte, die Argumente der österreichischen Seite zu akzeptieren.
- Europa müsse erstmal die Verbrechen Stalins und des Bolschewismus genauso anerkennen wie die des Nationalsozialismus
- die viel gepriesenen "europäischen Werte" würden wohl eher den Interessen einiger Staaten entsprechen, als denen aller zusammen
- das Interesse an der Lieferung von russischem Gas sei nun mal mehr wert als ein kleines Nachbarland
- selbst falls KGB-Mann Golowatow keine Schuld an den Ereignissen vom Januar 1991 trage, so müsse auch bei dessen "Chef" Gorbatschow nachgefragt werden, wieviel Einblick und Kenntnis er damals in das Geschehen hatte

Litauen? Was ist eigentlich Litauen?
Bisher verstand der Westen die europäische Einigung weitgehend als Einbahnstraße: wir kratzen gnädig etwas Geld zusammen, um den armen Brüdern und Schwestern im Osten zu helfen. Staunend steht zumindest ein Teil Österreichs nun vor der Tatsache, dass diese "Geholfenen" durchaus in der Lage sind, bei gegebenem Anlaß spöttische Karikaturen über das "Helferland" zu veröffentlichen. Litauen? Was glauben die denn wer die sind? 

Andererseits hat auch Litauen durchaus ein ambivalentes Verhältnis zur eigenen Sowjetvergangenheit. Es gibt keinerlei Gesetze, die frühere Sowjetfunktionäre heute von hohen Ämtern in Staat und Verwaltung fernhalten würde. Und es gibt bisher auch keinerlei Erklärung dafür, warum das Haftgesuch gegen Golowatow erst im Oktober 2010 ausgestellt wurde.

Jedenfalls sollten Europäer nicht glauben, nur weil sie vielleicht keine Österreicher oder Litauer sind, sie hätten mit dieser Diskussion nichts zu tun. Ob wir auf absehbare Zeit mit Putin-Russland zu einer gemeinsamen Auffassung von den wichtigen Geschehnissen der jüngeren Geschichte gelangen werden, ist bisher nicht absehbar. Zusammen mit Litauen sollte es eigentlich ein wenig leichter sein. 

Wer's heute noch glaubt: konstruierte
SowjetHarmonie, hier Abbildung aus einer
Propagandazeitschrift aus dem Jahre 1980
Hoffnungen der Ewig-Gestrigen
Wer sich am Beispiel ansehen möchte, wie es in Deutschland ausschaut, wenn wir diese Art Diskussion um aus baltischer Sicht wichtige Themen vernachlässigen, darf sich gern mal die Beiträge der "alten Genossen" ansehen - also jener einfältigen Menschen, die uns als Zeitreise gleich mehr als 20 Jahre zurück versetzen und die so tun, als habe es den Hitler-Stalin-Pakt, die Aufteilung der Interessengebiete unter den beiden Terrorregimes und deren erneute unrechtmäßige Besetzung nach dem Krieg nie gegeben. 


Mal wieder finden wir Beispiele solcher Ewig-Gestrigen ausgerechnet in Zeitschriften, die sich vom Namen her ziemlich jung gebaren. Da wird unter Bezugnahme auf "die litauische Seite" folgendes geschrieben, Zitat: "Die Erzählung von der »illegalen russischen Besatzung« der baltischen Länder, der alle Maßnahmen der sowjetischen Behörden zur Aufrechterhaltung der verfassungsmäßigen Ordnung als Kriegshandlungen erscheinen läßt. Die Existenz der Sowjetunion und der baltischen Sowjetrepubliken in ihrem Bestand war indes eine völkerrechtlich anerkannte Tatsache" (Werner Pirker in Junge Welt, 23.7.11). Und weiter: "Bei der Auseinandersetzung um den Fernsehturm von Vilnius, die am 13. Januar 1991 entbrannt war und vier Menschen das Leben kostete, handelte es sich deshalb auch nicht um eine ausländische Aggression, sondern um die Niederschlagung eines Aufstandsversuches. Der Kampf um Rundfunk- und Fernsehstationen ist stets ein Kampf um die strategische Oberhoheit (über die öffentliche Meinung)."
 
Ja, sie mal an! Nun verstehen wir, warum Kommandant Golowatow so enttäuscht war, als er nach den Januarereignissen 1991 nach Moskau zurückkehrte (siehe das Interview mit ihm aus dem Jahr 2004). Denn niemand lobte ihn dort - hatte er doch nur versucht, die "strategische Oberhoheit" über ein Land zu bewahren, in dem fast alle nichts anderes mehr wollten als dass endlich die längst beschlossene und verkündete Unabhängigkeit anerkannt werden würde. Angesichts der Toten - und der internationalen Aufmerksamkeit - wollte in Moskau mit dieser Aktion damals niemand mehr etwas zu tun haben (nichts gewußt, nichts gesehen, nicht gewollt). Wenn das sich heute wieder geändert haben sollte - und Golowatow als "Pensionär" nun plötzlich posthum zum "Helden der Sowjetunion" erhoben werden sollte - dann sicher nicht den gemeinsamen Werten in Europa wegen - dessen sollten wir uns bewußt sein.

19 Juli 2011

Eine Frage der Geschwindigkeit

Gut, das Ähnliches nicht während des Kulturhauptstadtjahres 2009 zwischen Litauen und Österreich passierte - da kooperierten Linz und Vilnius einträglich und realisierten manches Kulturprojekt trotz Wirtschaftskrise. Litauen ist verärgert über Österreich - und Österreich über Litauen? "Ein Fall wie Ratko Mladic" sagt Litauens Außenminister Audronius Ažubalis (KURIER). 

Es geht um Mikhail Golowatow, einen 62-Jährigen Ex-KGB-Offizier und ehemaligen Kommandant der sowjetischen Spezialeinheit „Alpha“. Gesucht per internationalem Haftbefehl, ausgestellt am 18.Oktober 2010, und am 14.Juli am Flughafen Wien-Schwechat in Österreich festgenommen. Er wird verdächtigt, am brutalen Vorgehen der benannten Sondereinheiten am 13.Januar 1991 an entscheidender Stelle beteiligt gewesen zu sein. Nachdem die österreichische Staatsanwaltschaft zunächst mitgeteilt hatte, das Auslieferungsverfahren nach Litauen könne bis zu einem Monat dauern (Meldung ORF), teilten die österreichischen Behörden bereits in der Nacht zum 16.Juli Litauen mit, der Verdächtigte sei wieder freigelassen worden (Pressemitteilung lit. Außenministerium).Die Anschuldigungen seien "zu vage" gewesen, so die österreichische Staatsanwaltschaft. Zumindest betreffen sie Ereignisse, deren öffentliche Darstellung für Litauen essentiell wichtig sind - auch als historische Grundlage des heutigen, demokratischen Litauen.

Die Situation von 1991 ist in sofern außergewöhnlich gewesen, da die meisten Staaten der Welt die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens erst ein halbes Jahr nach den blutigen Januartagen 1991 in Vilnius anerkannt hatten. Das litauische Parlament (ehemaliger Oberste Sowjet), in dem die Unabhängigkeitsbewegung Sajudis seit dem 24.Februar 91 die Mehrheit hatte, erklärte am 11.März 1990 Litauen als ersten der damaligen Sowjetstaaten für unabhängig. Deutschland erkannte das unabhängige Litauen am 28.August 1991 an. 

Die überraschend schnelle Freilassung des festgenommenen Beschuldigten ruft nun scharfe Protestnoten auf litauischer Seite hervor. Außenminister Ažubalis: "Wir wissen, dass der Mann der Kommandant der Einheiten war, die 1991 den Fernsehturm gestürmt haben. Dabei sind vierzehn Menschen getötet und tausend verletzt worden, einige leiden heute noch." Auch die beiden Amtskollegen aus Estland und Lettland, Paet und Kristovskis, haben sich heute in Form eines gemeinsamen offenen Briefes mit Ažubalis solidarisiert. "Obwohl wir selbstverständlich die Unabhängigkeit der Gerichte akzeptieren", äußern darin die drei Minister, "so sind wir doch von der Geschwindigkeit überrascht, mit der die österreichischen Behörden Golowatow wieder freigelassen haben. Dies schwächt die Internationale Zusammenarbeit der Strafvollzugsbehörden, und offenbart auch wenig Anzeichen der Solidarität von EU-Staaten untereinander." Der derzeitige österreichische Geschäftsträger in Vilnius, Botschaftsrat Josef Sigmund, bekam ein Geschichtsbuch mit Schilderungen der Ereignisse des Januar 1991 aus litauischer Sicht überreicht (Botschafter Helmut Koller befindet sich derzeit auf Urlaub). Und die Wiener Zeitung zitiert die litauische Staatspräsidentin und Ex-EU-Kommissarin Dalia Grybauskaite mit der Aussage: "eine politisch nicht zu rechtfertigende Handlung, die die Rechtszusammenarbeit der EU-Mitgliederstaaten kompromittiert". Litauen berief seinen Botschafter in Österreich zu Konsultationen nach Vilnius, und die litauische Parlamentspräsidentin Irena Degutiene kündigte an, das Thema vor das Europaparlament bringen zu wollen. Dagegen sieht Österreichs Außenminister Spindelegger den diplomatischen Konflikt mit Litauen zumindest von juristischer Seite bereits als erledigt an, indem er behauptete, Litauen eine Frist zur Beibringung weiterer Fakten gesetzt zu haben, und diese Frist sei verstrichen. (der Standard). Einzelne Abgeordnete des österreichischen Nationalrats, wie der grüne Justizsprecher Albert Steinhauser, forderten Aufklärung über die Geschehnisse - was aber, wie sie selbst zugeben mussten, wegen der Sommerpause des Parlaments vor September nicht möglich sei. Die österreichische Handelskammer sieht den Konflikt offenbar ebenfalls kaufmännisch-gelassen. In "Die Presse" ist ein Zitat eines Wirtschaftsvertreters wiedergegeben, der meint: Österreich liefert kaum Konsumgüter nach Litauen, nichts was durch öffentliche Boykottaufrufe bedroht werden könnte. 

Wie hatte es noch Cornelius Hell, einer der bekanntesten Litauen-Kenner Österreichts, Literaturkritiker und Übersetzer aus dem Litauischen, Autor mehrerer Bücher über Litauen, anläßlich einer Festrede zum 40jährigen Bestehen der Partnerschaft Salzburg-Litauen gesagt? "Nicht vergessen sollte man auch, dass der sogenannte „Westen“ – ganz anders als in Ex-Jugoslawien – die Bestrebungen der drei baltischen Staaten, die völkerrechtswidrige sowjetische Okkupation zu beenden und ihre Staaten wiederherzustellen, gar nicht so gerne gesehen hat. Die österreichische Bundesregierung hat sich in einer sehr peinlichen Erklärung sogar mit den Putschisten im August 1991 arrangiert." 

Aus österreichischer Sicht wiederum ist die Ansicht nachzulesen, Litauen hätte in diesem Fall eben besser den EU-Gerichtshof in Den Haag anrufen sollen - ein EU-Haftbefehl sei für diese Art "Kriegsverbrechen" eben nicht geeignet (sondern eher für Schmuggel, Geldwäsche oder Urheberrechtsverletzungen). Und Golowatow habe auch noch in andere EU-Länder problemlos einreisen können - nur Österreich habe ihn zurückgeschickt. Andererseits gibt es auch Äußerungen, die von Litauen eine bessere Behandlung "ihrer russischen Mitbürger" einfordern - und das Land damit zumindest mit ihren nördlicheren Nachbarn verwechseln dürften. Als "Russenhasser" wollen sich offenbar weit weniger Österreicher identifiziert sehen denn als "Litauen-Hasser".
Die Diskussion ist ungewöhnlich heftig: Vladimiras Laucius, litauischer Politologe, äußert sich in litauischen Nachrichtenportalen und beim "Standard" - und erntet hunderte von Leserreaktionen auch in Österreich - darunter sind auch solche, die Litauen für "tendenziell korrupt" halten, und ein solches Land solle sich eben hüten Österreich Vorschriften machen zu wollen. Litauer protestieren ihrerseits gegen Österreich auf den Straßen von Vilnius - darunter die EU-Abgeordnete Radvile Morkunaite-Mikuleniene.

Vorläufig kann man sich nur in einem einig sein: allein schon der auffällig eilige Beschluß, den Beschuldigten lieber mal wieder frei zu lassen, hat der Freundschaft beider Länder eher einen "Bärendienst" geleistet.
Bedenklich auch, dass einige österreichische Medien offenbar selbst beim Versuch Schwierigkeiten haben, die Ereignisse von 1991 in Litauen zusammenzufassen. Hier ein Beispiel aus der "Kleinen Zeitung" vom 19.7., bezogen auf Golowatow: "Der 62-Jährige soll in den letzten Tagen der Sowjetherrschaft als Kommandant der Spezialeinheit Alpha am 13. Jänner 1991 den Angriff auf den Fernsehturm in Vilnius geleitet haben, der von Regimegegnern besetzt worden war. Beim Versuch, den Aufstand niederzuschlagen, wurden 14 Menschen getötet und 700 verletzt." - Von welchem "Aufstand" ist hier bitteschön die Rede? Wer regierte zu diesem Zeitpunkt das Land? Bitte nachlesen! (aber Vorsicht, auch bei Wikipedia klaffen bei diesem Thema Lücken ...)

Infos des litauischen Außenministeriums zur litauischen Reaktion auf die Freilassung Golowatows

25 November 2008

Freiwillig in Vilnius

Manche Fans der litauischen Hauptstadt Vilnius (ja, Vilnius! angeblich können Deutsche ja nur Wilna, Vilne oder Vilno sagen - aber warum nicht V-I-L-N-I-U-S?) können die letzten Tage des Jahres 2008 gar nicht mehr erwarten. 2009 wartet ein europäisches Hauptstadtgefühl. Und, wer könnte uns das Warten auf diese wahrscheinlich glorreiche Zeit verkürzen? In diesen globalen Medienzeiten ist es natürlich - ein neuer Blog.
Zwei Monate Kulturhauptstadtfeeling
"Wir kennen Vilnius inzwischen ein wenig, aber was wissen andere darüber?" so fragen sich Carina und Anna, die für zwei Monate im Rahmen des EFD (Europäischer Freiwilligendienst) im Büro der Europäischen Kulturhauptstadt Vilnius mitmachen dürfen. Im Herzen des Orkans also! Und dann auch noch deutschsprachig! Also: Nichts wie verschlungen, diese News.

Vom Engel, der nicht nach Deutschland darf
Ein Symbol, "um Vilnius für Resteuropa attraktiver zu machen" - so schreiben die beiden eifrigen Freiwilligen über den Engel als Kultursymbol von Vilnius. "Im Ausdruck mehr scherzhaft als biblisch" offenbar. Aber: in Mailand, Paris, Lissabon werden solche Vilnius-Engel zu sehen sein - in Österreich und Deutschland nicht. Zielgruppenstrategie? Engelverweigerung? Oder meint Vilnius, in Deutschland keine Konkurrenz zum bereits weitgehend bekannten Teufelsmuseum schaffen zu wollen / können (aber das liegt in Kaunas!)?

Was man über Vilnius wissen sollte
Anna und Carina machen "realtive Abgeschiedenheit" und "Sowjetvergangenheit" als Hindernisse für einen höhreren Bekanntheitsgrad der litauischen Hauptstadt aus. Und dann kommt die Liste der Dinge, die Besucher unbedingt wissen müssen:

- in Litauen wird mit Litas bezahlt (und noch nicht in Euro)
- für die Einreise nach Litauen ist kein Visum, und nicht einmal mehr ein Reisepaß nötig (zumindest für Österreicher, und auch Deutsche)
- Rauchen ist in Pubs, Restaurants und Cafés nicht erlaubt (anders als in Österreich!)
- Striktes Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen (was oft ignoriert wird, meinen A & C beobachtet zu haben)
- in Vilnius gibt es keine Straßenbahn, geschweige eine U-Bahn, dafür aber Bus und Bahn, auch Minibusse und O-Busse
- zur Wasserqualität ein hartes Urteil: theoretisch trinkbar, aber nicht unbedingt zu empfehlen (wenn das stimmt, oh Kulturhauptstadt, dann solltest du daran arbeiten!)
- als Hauptbestandteile der litauischen Küche werden Kartoffeln, Fleisch, Pilze und Sauerrahm erkannt, sowie bei den Getränken eine lange Tradition des Bierbrauens.
(Anna Wagner: "Müsste ich das Essen in wenigen Worten beschreiben, würde ich sagen: mit viel fett, viel kartoffeln und rosarote Suppe. Natürlich ist das eine Verallgemeinerung und kann sicherlich nicht auf alle Gerichte übertragen werden.....nur auf die, die ich bereits probiert hab...")

Ausgehen - wohin?
Anna und Carina lassen einige Tipps zur litauischen Disko- und Kneipenszene in Vilnius folgen.
"Transylvania - rustikal, und ähnlich einem Irish-Pub in Österreich", schreibt Carina. Aber: "für ein echtes Irish Pub - ich glaube, ich habe in Wien und Linz schon genug gesehen, um das beurteilen zu können - fehlt das richtige Interieur und die Stimmung. Wahrscheinlich ist Litauen zu weit von Irland entfernt, um den authentischen Stil zu besitzen…" Nun, liebe Carina, schon mal nachgemessen, die Entfernung zwischen Irland und Österreich??

Weitere Tipps: der "Play Club". Kommentar Carina: "Genau wie in „Vilnius in my pocket“ angemerkt, ist diese Location für mich auch mehr Bar als Club. Erstens ist das Pub viel zu klein, um sich Club nennen zu können und zweitens ist der Eintritt frei. (Welcher Club hat das schon?) .... Die Musik ist angenehm, um zu tanzen, Disko- und Elektromusik wird man hier aber nicht finden können. Letztes Mal z.B. legte der DJ hauptsächlich Reggae auf, normalerweise ist das Programm aber durchmischter."
Gut, da wissen wir schon Bescheid. Aber der Tipp mit dem freien Eintritt war doch nicht schlecht?

Oder das „Būsi Trečias“, in der Altstadt von Vilnius gelegen, wo Carina zufolge ungewöhnliche "Biercocktails" auf der Karte stehen.
Außerhalb von Vilnius haben die zwei Kulturfreiwilligen offenbar gemischte Erfahrungen gemacht. Während Trakai als Ausflugsziel ganz gut abschneidet ("wer sich unter eine der zahlreichen Touristengruppen mischt, kann sich die 4Litas Fotografiergebühr locker sparen"), wird Kaunas als eher langweilig beschrieben ("Keine belebten Straßen! Man kann einige der zahlreichen Hochzeitsgesellschaften bewundern, und das war's!"). Auch in Klaipeda hat den beiden Ösi-Mädels nicht wirklich gefallen: die Stadt "ist zwar groß, aber wirklich was zu sehen gibts auch nicht. (Außer natürlich man verbringt die Tage damit von einem Museum zum anderen zu pilgern...)"

Also: Vilnius als Kulturstandort ist offenbar keine schlechte Wahl. probieren wir die Vorzüge von Vilnius selbst aus! Dass manchmal "mangelnden Information und unprofessionellen Kommunikation" festgestellt werden, daran läßt sich ja noch arbeiten. Carinas Fazit über Vilnius: "Über Vilnius selbst lässt sich eine Menge erzählen. Generell habe ich den Eindruck, dass sich die Stadt nicht mit Wien oder einem anderen österreichischen oder zentraleuropäischen Ort vergleichen lässt. Aber genau das macht den besonderen Reiz hier aus."

Anna's & Carina's Blog

12 September 2008

Österreich blickt auf Litauen (3)

Gerai - Litauen hat gegen Österreich zwei Fußballtore erzielt. Dass es aber zwischen Österreich und Litauen noch mehr aktuelle Bezüge gibt, haben die beiden Herren Juhann und Jod thematisiert. In Linz kommentierten sie auch das Fußballspiel (eine Dokumentation ist bisher nicht überliefert). Die eigentliche Perspektive richtet sich aber auf das Jahr 2009, wenn das österreichische Linz und das litauische Vilnius gemeinsam den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" innehaben werden.

Bis dahin sind es jetzt noch etwas mehr als 100 Tage. Die ersten Veranstaltungen mit litauischem Bezug werden in Linz angekündigt: am 23.Februar 2009 ist
der Lyriker Laurynas Katkus zu Gast, am 4.März 2009 werden Bibelpfad und Bücherschmuggel thematisiert. Musik aus Litauen und Österrreich wird am 13.März 2009 vorgestellt, am 18.März geht es im Linzer Volkshaus Franckviertel um die Sprachen Deutsch und Litauisch. Am 2.April 2009 wird die Frage gestellt, ob Vilnius oder Linz die schmackhaftere Küche hervorgebracht haben, und schließlich gibt es (voraussichtlich) am 10.Oktober 2009 das Fußball-Rückspiel des WM-Qualifikationsspiels Österreich gegen Litauen.

11 September 2008

Österreich blickt auf Litauen (2)

"Warum dauern österreichische Fußballmärchen immer so kurz?" So fragte sicher nicht nur ZDF-Moderator Johannes B.Kerner nach dem litauischen 2:0 Sieg. Österreich schaut auf Litauen: mit wenig Vergnügen.

Einige Schlagzeilen:

"Litauen sorgt für österreichische Ernüchterung" (Die Presse)

"Nach der Sensation folgte das Trauerspiel" (networld.at)

"Verdiente Pleite" (Kurier)

"Andreas Herzog hat sich seinen 40. Geburtstag anders vorgestellt" (Sportlive.at)

Auch österreichisches "Fußball-Chinesisch" konnte man dazulernen. Das 2:0 des Litauers Danilevicius bezeichnet "die Presse" als "Ferserl, fast schon ein Scheiberlspiel". Armes Österreich!

Andere beschreiben ein paar Erlebnisse in Litauen - angesichts der Niederlage offenbar zusätzlich ernüchternd beschrieben:

"Gespielt wurde nämlich im kleinen Marijampole Football Club Stadion, das aus nur einer einzigen Tribüne besteht, auf der sich allerdings beinahe 4500 Zuschauer drängten. Ein besserer Dorfplatz, der ein wenig an Kottingbrunn erinnerte, in näherer Umgebung aber fanden sich weder Geschäfte, noch Gasthäuser, eine Tankstelle war der einzig belebte Platz." (Die Presse)

10 September 2008

Österreich blickt auf Litauen

Während die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sich heute im regnerischen Finnland vergnügt, blickt Sport-Österreich gebannt auf Litauen. Vor wenigen Tagen hatte Litauen im Rahmen der Qualifikationsspiele für die Weltmeisterschaft 2010 in Rumänien 3:0 gesiegt, Österreich gleichzeitig gegen Ex-Weltmeister Frankreich 3:1. Heute treffen beide im Stadion von Marijampole aufeinander; ein Spiel, für das auch Regierungschef Gedeminas Kirkilas seinen Besuch angekündigt hat. Österreichische Medien - vielleicht etwas enttäuscht von der Gastgeberrolle bei der EM - sprechen nun bereits von einem "Gigantenduell" (OE24, 9.9.08) (Foto: Webseite FC Suduva).

Auch im Vereinsfußball gab es zuletzt vermehrt ähnlich spannende Duelle zu sehen: der FC Suduva (Marijampole - in dessen Stadion des heutige Spiel stattfindet) scheiterte in der Qualifikation zur UEFA-Pokal-Hauptrunde nur knapp an Red Bull Salzburg (1:4 /1:0), dem FBK Kaunas (aktueller litauischer Meister) gelang beinahe die Qualifikation zur Champions-League (Sieg gegen Glasgow Rangers, Niederlage gegen den dänischen Aalborg BK).

Auch Valdas Ivanauskas, ehemaliger Profi des Hamburger SV (dessen Frau dann nicht nach Wolfsburg umziehen wollte, und der danach auch bei Austria Wien spielte), kürzlich aber nach wenigen Wochen als Trainer bei Carl Zeiss Jena gescheitert (Abstieg aus der 2.Liga), äussert in österreichischen Medien nun Respekt vor dem Alpenlande. In Litauen werde zuwenig Jugendarbeit betrieben, meint er - da sei Österreich Vorbild. Vielleicht will er sich dort für einen neuen Trainerjob bewerben?

Im eigenen Land reichte es für "Ivan den Schrecklichen" trotz internationaler Bekanntheit noch nicht zum Nationaltrainer: Österreich holte den tschechischen Erfolgscoach Brückner, Litauen den Portugiesen
Jose Couceiro, der gleichzeitig auch bei Meister FBK Kaunas den Trainerjob wahrnimmt (dazu: ÖONachrichten).

Gespannt bin ich mal auf das Einlaufen der Mannschaften. Als Ösi-Coach Brückner im Frühsomm er 2008 noch als Trainer der Tschechischen Nationalmannschaft ein Vorbereitungsspiel gegen Litauen in Prag absolvierte, wurde den Litauern in Prag eine falsche Nationalhymne serviert. Was wohl nun in Marijampole zu hören sein wird?
Der österreichische "Kurier" warnt schon mal (vielleicht für das Rückspiel?): Vieles ist im Fußball ähnlich zwischen Litauen und Österreich, aber "Rot-weiß-rot, das sind die Farben Lettlands!"

25 April 2006

Österreichs Erfurcht vor Litauen

Der Frühling naht - aber noch spielt der Wintersport in allen drei baltischen Staaten gegenwärtig die Hauptrolle. Im Mai findet in der lettischen Hauptstadt Riga die Eishockey-WM statt - ein mit dem Fußball-Hype in deutschen Landen für lettische Verhältnisse durchaus vergleichbares Ereignis. Zuvor jedoch werden in zwei Spielgruppen die beiden Aufsteiger in die Eliteklasse gesucht, die dann 2007 in Moskau um die WM mitspielen dürfen. Die eine Gruppe wird in Frankreich ausgetragen (dort tritt auch Deutschland an), die andere spielt in dieser Woche ihre Spiele in der Saku Suurhall im estnischen Tallinn.

Sowohl Litauen wie auch Estland sind in Tallinn dabei, neben Turnierfavorit Österreich. Nach acht Jahren in der Elite des Eishockey und der Pleite bei der Heim-WM im Vorjahr soll für die österreichische Nationalmannschaft die Zweitklassigkeit nur kurz sein - so wünschen es sich auch die österreichischen Medien. Die meisten halten Polen für den härtesten Gegner, den Österreichs Spielbilanz ist gegen die Polen mit 19:24 negativ. Trainer Boni warte trotzdem vor möglicher Arroganz gegenüber vermeintlich leichten Gegnern. Und mit ungewohnten Verhältnissen muss sich das Austria-Team anfreunden: Das Auftaktspiel gegen Kroatien gewannen die "Ösis" zwar klar 6:0, spielten aber vor nur 400 Zuschauern in der 7600 Zuschauer fassenden Suurhall. 100 Österreicher, und nur 10 Kroaten (nach angeblich 48-stündiger Zugfahrt in Tallinn angekommen) zählte die Wiener Zeitung. Vielleicht lag es daran, dass es - ungewöhnlich für Estland - für den Ticketkauf im Internet zwar eine Webseite gibt, das aber nur in Estnisch gehalten.

Heimvorteil: Estland. Oder doch Litauen?
Die zweite große Hürde hätten also für die Österreicher im 2.Spiel die einheimischen Esten sein können (die Halle war ausverkauft!). 3:1 hieß es dann doch für das Team Austria - doch am selben Tag schaffte Litauen die Überraschung: sie schlugen Polen mit 2:1. Es war der erste Sieg der Litauer in ihrer Länderspielgeschichte im Eishockey gegen das südliche Nachbarland. Nun gerät die Kalkulation aus österreichischer Sicht etwas durcheinander: soll man sich nun freuen, dass man Polen nun einen Vorteil voraus hat, oder muss Litauen gefürchtet werden als nächster Gegner? (Spiel am 26.4. um 12 Uhr).
Sport1 hat es in Österreich ganz genau recherchiert: in Litauen seien 689 Eishockey-Spieler registriert, 16 männliche Schiedsrichter seien aktiv, und es gäbe fünf litauische Eisplätze (drei Hallen, zwei Freiluft). In Österreich seien es immerhin über 9.000 Spieler und über 100 Spielplätze. Wenn doch solche Statistik zu automatischen Siegen führen könnte!
Es scheint eher doch etwas Überheblichkeit sich auszubreiten. Als "Riverhockey auf einem zugefrorenen Teich" charakterisierte Austria-Teamchef Boni das 6:0 Spiel gegen Kroatien (Wiener Zeitung). Doch kennt er wirklich seine Gegner? Polen kenne er gut, schreibt DER STANDARD, von ihnen habe er sich "via DVD ein Bild gemacht."

Gute Vorbereitung? Am Mittwoch wird sich zeigen, ob Grund zu neuer sportlicher Erfurcht Östereichs gegenüber Litauen besteht.