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30 September 2015

Palast mit Vergangenheit

Der Sportpalast in Vilnius ist heute eine eher einsame Stätte: das "Žalgirio stadionas", 1950 zunächst mit Fußballsplatz, Aschenbahn und Westtribüne eröffnet, später mit Ringtribünen aus Stahlbeton weiter ausgebaut, heute als Überrest vermeindlich heroischer Sowjetzeit leerstehend. Es grüßen noch zwei schöne, mit Reliefs geschmückte Eingangstore. Zu Zeiten des Baus mit 18.000 Zuschauern das größte von damals drei Stadien in Vilnius, 1955 noch durch ein Hallenbad ergänzt - das allerdings bereits 2004 abgerissen wurde.
In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich der von Eduardas Chlomauskas projektierte Sportpalast, dem wegen des üppig zur Schau gestellten Baumaterial (béton brut) das Stichwort "Brutalismus" zugeordnet wird.
Zuletzt einige Jahre ungenutzt: der inzwischen unter
Denkmalschutz gestellte Ex-Sportpalast in Vilnius
Angeblich sei der Entwurf nur vom Sportpalast in Minsk kopiert worden, meinen Architekturkritiker, andere wiederum meinen auch Parallelen in Westeuropa zu erkennen. 6.000 Gäste sollten im Inneren Platz finden, und zu Sowjetzeiten gab es ein Restaurant, zu dem nur hochrangige Parteimitglieder Zutritt hatten.
Auch der zweite Kongress der "Sajudis" tagte einmal hier. Im Januar 1991, nachdem die sowjetischen Sondereinheiten der "Schwarzen Barette" versucht hatte die Volksfront-Regierung zu stürzen, waren einige Tage die Toten der Ereignisse rund um den Fernsehturm im Sportpalast aufgebahrt.

Einen etwas anderen Blick auf den Sportpalast gewinnen diejenigen, die sich auch für die jüdische Vergangenheit von Vilnius interessieren. Da ist - neben den reichhaltigen Beiträgen jüdischer Kulturschaffender zum unabhängigen Litauen, der sowjetischen Besetzung wie der durch die Nazis, und dem darauf folgenden Holocaust - auch die Nachkriegszeit interessant. Die sowjetischen Behörden taten wenig bis nichts, um die jüdische Gemeinde zu fördern. Der Historiker Götz Aly schrieb dazu in einem Beitrag für die Berliner Zeitung: "Von den 60.000 Juden Wilnas tauchten nach dem Rückzug der Wehrmacht im Sommer 1944 einige Hundert wieder auf. Sie eröffneten eine Volksschule, ein Museum und feierten von 1944 bis 1946 ihre Gottesdienste in der stark beschädigten, etwas hergerichteten und reparablen Großen Synagoge."
Das schwer beschädigte Gebäude der Große Synagoge wurde dann abgerissen, den berühmten Friedhof im Stadtteil Šnipiškes ebnete man ein - genau, um Platz zu schaffen für den Bau des Sportpalastes.

So bleibt auch noch ein Stückchen Diskussion um die zukünftige Nutzung des Gebäudes. 2009 wehte Vilnius dann ganz offiziell die Dynamik dieser Diskussion ins Gesicht: nicht nur, dass die Litauer gerade in diesem Jahr von der weltweiten Wirtschaftskrise überrascht wurden und viele gute Projektideen unrealisiert blieben, sondern auch die Überbeibsel unvollständig oder gar nicht aufgearbeiteter jüdischer Geschichte der Stadt flogen den Organisatoren damals ins Gesicht (siehe Zeitungsbeiträge wie WELT, Süddeutsche Zeitung,

Gegenwärtig bemüht sich der litauische Ministerpräsident Algirdas Butkevičius in Gesprächen mit Vertretern der jüdischen Gemeinde Vilnius eine gemeinsame Basis zu finden für die Zukunft. Denn abgerissen werden wird der Sportpalast zwar nicht, aber Butkevičius hatte das Versprechen abgegeben, künftige Projekte an diesem Ort nur dann zu realisieren, wenn die jüdische Gemeinde zustimmt. Auch mit seinem Amtskollegen in Isreal, hatte der litauische Regierungschef das Vorhaben erörtert.
Nun soll das Gebäude also als Ort für Konferenzen und Kongresse modernisiert werden. Ein neues Zugeständnis ist nun, dass in der Halle keine Konzerte stattfinden sollen. Ein kleines, eher symbolhaftes Zugeständnis in Erinnerung an diesen Ort.
Geplant ist der Kauf des Geländes durch die staatliche "Turto Bankas", die 5,6 Millionen Euro dafür bereit stellt. Ein Teil des Geländes war bisher im Besitz der inzwischen bankrotten "Ūkio Bankas Investicinė Grupė", ein anderer wird von der "Žalgirio Sporto Arena" angekauft.
Butkevičius äußerte die Hoffnung, das neue Konferenzzentrum im Jahr 2018 fertiggestellt zu sehen, pünktlich zum 100.Jubiläum der wieder hergestellten litauischen Unabhängigkeit.

03 Dezember 2013

Es gipfelt

Litauen hatte sich sehr viel Mühe gegeben. Für das halbe Jahr ihrer EU-Präsidentschaft sollte vor allem die „Östliche Partnerschaft“ Schwerpunkt werden, Thema des EU-Gipfeltreffens vom vergangenen Wochenende. Aber Europa geht nicht mit "Heldenschritten" voran, das wissen wohl die meisten, die mit den entscheidenden Fragen an verantwortlicher Stelle befasst sind. Die heroischen Zeiten, aus deutscher Sicht der Fall der Mauer, aus litauischer Sicht der Kampf um die Unabhängigkeit, sie sind lange vorbei.

Vielleicht stehen über den gegenwärtigen Zeitungsberichten auch die falschen Überschriften. Gut, der ukrainische Präsident Janukowitsch hat das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterschrieben. Die litauische Präsidenschaft hätte es sich sicher gewünscht, hier im Umfeld des eigenen Landes mehr Europa-Freunde zu gewinnen, mehr Verlässlichkeit und weniger auf der ewigen Klippe des "entweder-oder" entlang spazieren zu müssen. Aber manchmal hilft sich bewußt zu machen, wie es hätte auch (anders) kommen können.

Der Litauen-Freund hat es ja nicht immer leicht. Nun sind wir also zunächst damit zufrieden, dass es Litauen es geschafft hat eine "ganz normale" EU-Präsidentschaft abzuliefern. Aus Brüsseler und deutscher Perspektive war es gut "angewärmt" durch die Karlspreis-Verleihung an Präsidentin Grybauskaite. Die litauischen Partner ehren, bevor sie gebraucht werden - es sieht aus wie die richtige Reihenfolge. Manche Litauer hatten es ja so gesehen: Baltischer Weg, Wiedererlangung der Unabhängigkeit, Beitritt zur EU und NATO - und nun die Präsidentschaft. Das Ende des langen Wegs zurück nach Europa.

Ganz abgesehen von den fehlenden großen Erfolgen des Gipfelwochenendes ist es doch erstmal begrüßenswert, dass Litauen so ein halbes Jahr unauffällig, aber professionell abwickelt. Begleitet mit einem verstärkten Kulturprogramm in Deutschland waren litauische Zusammenhänge oft im Blickpunkt in diesen Monaten. Es hat schon wankelmütigere (litauische) Präsidentschaftsperioden gegeben - mir fällt da zum Beispiel die litauische Präsidentschaft im Ostseerat ein, wo Sätze fielen wie "ach wissen Sie, es gibt so viele verschiedene Kooperationen" (siehe NGO-Blog). Prioritäten, Ziele, Standards des Umgangs miteinander? Damals noch unbekannt.
Auch das Kulturhauptstadtjahr 2009 hatte Litauen nicht sehr viel Positives gebracht, und das nicht nur wegen der ausbrechenden Wirtschaftskrise. Gegenwärtig steht Litauen dagegen erstmal in der gewünschten guten Position: mit gutem Kontakt sowohl zur Brüsseler EU-Zentrale, wie auch in die östlichen EU-Nachbarschaftsländer.

Ob die übrigen EU-Länder auch bezüglich Litauen dazu gelernt haben, bleibt vorerst unentschieden. Immerhin klingt der Name "Vilnius" etwas selbstverständlicher als Bezeichnung einer "normalen europäischen Hauptstadt". Auch die litauische Präsidentin kennen in Deutschland inzwischen schon einige - auch wenn viele dieser Geschichten eher von Mythen und Legenden ausgehen als von tatsächlichen Machtverhältnissen.

Wie es in der Ukraine weitergeht werden die Menschen dort entscheiden müssen. Schon seit der "Orangenen Revolution" war klar geworden, dass dieses Land ziemlich zwischen Ost und West zerrissen ist, und selbst wer in Kiew dominiert hat Donezk noch nicht für sich gewonnen. Der amtierende Präsident Janukowitsch ist durch eine zumindest halbwegs reguläre Wahl an die Macht gekommen, nachdem sich die Oppositionsparteien heillos zerstritten hatten und mit gegenseitigen Vorwürfen überschütteten. Auch bezüglich der Ex-Ministerpräsidentin Timoschenko behauptet ja gegenwärtig keiner der Politiker aus dem Westen, die sich für sie einsetzen, sie sei ungerechtfertigt verurteilt worden - nein, man möchte ihr nur einen Krankenhausaufenthalt an einem besseren Ort ermöglichen und so auch etwas Pulver aus dem Faß nehmen.

Fast vergessen ist der Einfuhrboykott Russlands für einige Lebensmittel aus Litauen.Er kam - wie man das von Russland gewohnt ist - unvorhergesehen und unbegründet: "Stop" heißt auf Russisch eben genau "Stop". Auch in diesem Punkt blieb Litauen sachlich, verlangte den Nachweis der angeblichen verringerten Lebensmittelqualität, aber verzichteten darauf eine breitere Anti-Russland-Front aufzubauen, die allerdings wegen der westlichen Interessen in und an der Ukraine diesmal sowieso vorhanden zu sein scheint. Über Gründe dieser russischen Sperren ist aus neutraler Quelle wenig zu lesen; folgt man einem Bericht bei "Schweizerbauer" dann scheinen die Lieferungen von Lebensmitteln nach Russland vielfach noch auf das Prinzip "haben wir immer schon so gemacht, machen wir wieder so" zu bauen.

Gar nicht aufgetaucht im Bewußtsein der europäischen Öffentlichkeit während der litauischen EU-Präsidentschaft: die Atomkraftfrage. Zwar tauchten kurzfristig in der litauischen Presse Schlagzeilen auf, Regierungschef Butkevičius wolle eine neue Volksabstimmung ansetzen, um den Neubau eines AKW doch noch durchzusetzen. (15min). Solche Aussagen lassen sich jedoch auch anders interpretieren: WENN ihr denn unbedingt ein AKW durchsetzen wollt, DANN müsst ihr MINDESTENS eine neue Volksabstimmung ansetzen, ausreichend Beteiligte haben, und dabei die Mehrheit gewinnen.
Den litauischen Atomfreunden hat sicherlich der kürzliche Rücktritt des lettischen Ministerpräsidenten Dombrovskis ebenfalls einen Strich durch die Rechnung gemacht. In Zeitungskommentaren ist zu lesen, bis zum regulären Termin der Parlamentswahlen im Herbst 2014 sei nun keine starke lettische Regierung mehr zu erwarten. "Stark" in diesem Sinne, dass ein "Ja" zu einer lettischen Beteiligung an der Finanzierung eines (teuren) neuen Atomkraftwerks auch notfalls ohne Volksbefragung in Lettland durchgesetzt wird. Das wird also vorerst auch nicht passieren, Litauen, magst ruhig sein. 

30 Dezember 2009

Litauisches 2009 - kulturell


War 2009 ein litauisches Jahr? Viele Menschen in Litauen lässt es eher ernüchtert zurück. Nicht nur wegen zerplatzender Illusionen, die gerade frisch ins Amt gekommene konservative Regierung würde ein besseres und für die Litauerinnen und Litauer erträglicheres Krisenmanagement auf Lager haben als ihre Vorgängerregierung. Zwar steht Litauens Image international nicht so stark angekratzt da wie das Nachbarland Lettland - von Staatsbankrott kann noch keine Rede sein. Aber wenn immer mehr Menschen im eigenen Land keine Zukunft mehr sehen, keine Chance sehen sich etwas aufzubauen (und auf Arbeitssuche in ganz Europa ausschwärmen), dann ist auch das Selbstverständnis und das Selbstbewußtsein Litauens betroffen. Gleichzeitig wird keine Litauerin oder kein Litauer, der (vorübergehend?) im Ausland lebt, vom Stolz auf sein / ihr "Litauisch-Sein" so ohne weiteres Abstand nehmen - aber zunehmend wird das Bedürfnis artikuliert, das eigene Land müsse nicht den Rückblick auf wichtige Phasen der Geschichte betonen, sondern auch etwas für die Zukunft entwickeln.

Krise mit Feuerwerk
Vor allem die Auswirkungen der Wirtschaftskrise trafen Litauen hart. Zumindest hatten sich die Verantwortlichen das Projekts "Vilnius - Kulturhauptstadt Europas 2009", die am 28.November 2008 in der litauischen Botschaft in Vilnius ihre Planungen und Projekte vorstellten, vielleicht ein positiver verlaufendes Kulturjahr gewünscht. "Vilnius soll wichtiger als Basketball werden", so wurde der Schauspieler Marijus Jampolskis in der oberösterreichischen Presse zitiert. - Nun gut, von großen internationalen Basketball-Erfolgen Litauens war 2009 auch nicht viel zu hören.

"Wer einmal in Vilnius war, schwärmt von der Schönheit dieser baltischen Stadt und der Sorgfalt und Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner," solche Stimmungen - obwohl bei jedem Litauen-Besuch jederzeit leicht nachzuvollziehen - fanden sich in der deutschsprachigen Presse bezüglich Vilnius eher in den Vorberichten (in diesem Fall ein Zitat aus dem Schweizer Tagblatt vom 9.10.2007 - die gleiche Zeitung berichtete 2009 über die Kulturhauptstadt Vilnius übrigens nur ein mal: am 1.Januar). 

Vorfreude und Nachwehen
Aber es gab auch bei den Vorberichten schon nicht ausschließlich Begeisterung. Allerdings mahnen diejenigen, die Holocaust und Judenmord zurecht anprangern und etwas Ähnliches in der Zukunft verhindern wollen (inklusive latent vorhandenem Antisemitismus), auch völlig unabhängig vom Projekt Kulturhauptstadt - die litauische Seite hätte sich also sowieso mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, und wahrscheinlich wären auch die einen mit dem Ergebnis zufrieden gewesen sein, die anderen eher nicht. In Vorberichten aber schon Vilnius die Berechtigung zur Kulturhauptstadt absprechen zu wollen (wie zum Beispiel Andrew Baker in DIE WELT vom 6.7.2008), erscheint da doch eher als willkommene Chance zum Beleuchten der eigenen Sache im aufkommenden Lichte der Kulturhauptstadt. (das es auch anders geht, siehe das Gespräch von Cornelius Hell mit Irena Versaite beim ORF, zum Thema Antisemitismus in Litauen, oder auch Matthias Kolb im Deutschlandradio)

Licht - ein gutes Stichwort für den Start ins Kulturhauptstadtsjahr 2009. Im weltweiten Netz diskutierten einige noch lange über die technischen Einzelheiten von Gerd Hof's spektakulären Lichtevent rund um die Kathedrale von Vilnius. Ob es nun Halogen-Metalldampflampen HMI 2500W waren, oder doch Xenon-Kurzbogenlampen XBO 7000W- jedenfalls wurde der Name des offensichtlichen Sponsors häufig genug genannt.

Selbst ausgewiesene Sozialisten (und damit potentielle Sowjet-Romantiker) mochten beim Start des Kulturhauptstadtjahres nicht abseits stehen; "der baltische Tiger springt nach Europa" schrieb am 2.Januar das "Neue Deutschland". Aber wer den "Tiger" lobt, schürt ja vielleicht auch gleichzeitig dessen Gedanken an den anderen Spruch, in dem von einem "Bettvorleger" die Rede ist. So mancher hat es beim Anblick von im Himmel verglühenden Sylvesterraketen und der bunt bestrahlten Kathedrale in Vilnius vielleicht schon geahnt: dieser leuchtende Höhepunkt kam vielleicht zu früh, um nachhaltig Wirkung zu erzielen.

Aller Anfang ist schön
Rund um den vergangenen Jahreswechsel waren die Kulturhauptstadt-Schlagzeilen am positivsten: "Auftakt zum Kulturmarathon" (news.de), "eine Tausendjährige tief im Osten" (Sächsische Zeitung), "vom Rand ins Zentrum Europas" (der Standard), "baltische Perle, blank poliert" (Die Presse) oder gar "verliebt in Vilnius" (Münstersche Zeitung).

Was danach kam, war eher so etwas wie "feiern trotz Krise". Von einer "Sparversion" war dann zu lesen, wenn die Rede auf Vilnius kam. Schon im November 2008 waren in der "Kleinen Zeitung" Warnungen zu vernehmen ("Litauen feiert sich mit teuren Werbespots"). Bereits am 3.Januar - also die Gerd Hofs Lichter waren kaum ausgegangen - schrieb der "Mannheimer Morgen": "Ein Land desertiert vor der eigenen Kultur" und schrieb von Kürzungen des Kulturhauptstadtetats um 50%. Zwei Tage später stand in der Basler Zeitung etwas von "Ein Land, verloren in der Mitte Europas" und beschrieben waren Hindernisse im Kulturaustausch mit Litauens Nachbarn Weißrussland und Kaliningrad. Und die Frankfurter Rundschau hatte schon zu Sylvester die Situation mit "schmaler, kürzer, ärmer" gekennzeichnet. Die WAZ schrieb am 12.Januar: "Neujahr strahlten sie noch, jetzt wird gespart". Nur DIE WELT wollte auch am 9.Januar 2009 ausschließlich "freudige Aufbruchstimmung" in Vilnius registriert haben.

Im März war auch bei der kommenden europäischen Kulturhauptstadt, Essen, angekommen, dass in Vilnius kaum Austauschmöglichkeiten übrig geblieben waren. Während in Bremen noch ein mehrtägiges Kulturprogramm zur Vorstellung der Kulturhauptstadt Vilnius über die Bühne gehen konnte, war anderswo von der Absage eines Treffens des Netzwerks europäischer Kulturhauptstädte (ECOC) zu lesen, dass in Vilnius hätte stattfinden sollen. Aus Protest gegen die Entlassung der Leiterin des Kulturhauptstadtbüros in Vilnius, wurde betont. Der "Österreichische Rundfunk" (ORF) - wegen der parallel erkorenen Kulturhauptstadt Linz immer besonders auch an Vilnius interessiert (und auch in vielen Sendungen darüber berichtete), bezeichnete die Vorgänge in Litauen am 9.März als "kulturpolitisches Lehrstück".

Und die Künstler?
Ja, es lässt sich durchaus beklagen, dass die kulturellen Leistungen und Veranstaltungen selbst oft leider viel weniger Schlagzeilen machen und "öffentliche" und "veröffentlichte" Meinungen beeinflussen, als die Rahmenbedingungen, ein bestimmtes "Image" eines Landes oder einer Stadt, Trends und Moden, wirtschaftliche oder politische Rahmenbedingungen. Ich habe noch keinen Jahresrückblick in der deutschsprachigen Presse gelesen, der rückblickend Vilnius als Europäische Kulturhauptstadt gewürdigt hätte. Bei keiner der inflationär gerade während Feiertagen sich vermehrender Fernsehquizsendungen wurde eine Frage nach Vilnius gestellt.
Tja, hätte mal Boris Becker seine (wievielte?) Hochzeit in Vilnius gefeiert, irgendeine Schauspielerin ihren neuen Film dort vorgestellt, Barack Obama seine Anti-Atomwaffen-Rede nicht in Prag gehalten, oder wenigstens deutsche Politiker mit (heimlichen?) Freundinnen in Litauen gesehen und fotografiert (was schon vorgekommen ist!).

Nun, immerhin: bis auf den absehbaren Geldmangel und den Personalwechsel zu Anfang des Jahres wurden in Vilnius keine weiteren Skandale produziert, die an die deutschsprachige Presse gedrungen wären. Die "Schuldfrage" wurde etwas verlagert: "die Presse" schrieb im April vom "harten Diktat des IWF" und meinte damit die (Spar-)bedingungen des Währungsfonds bei der Kreditvergabe an Litauen. Ähnlich beschrieb die Süddeutsche im gleichen Monat "Länder im Regen", und spielt dabei auf eine der möglichen Herleitungen des Namens "Litauen" an.
Ein Sängerfest wurde gefeiert - parallel zu Estland dieses Jahr - musste das sein? DIE WELT berichtet zwar, schreibt aber seltsamerweise von einem "baltischen Sängerfest". Ein "Pflichtbericht", wo doch wenigstens das Schlagwort "Sängerfeste" in Deutschland bekannt ist? Na ja, viele haben sich damit abgefunden, dass auch die drei "baltischen" Hauptstädte ständig verwechselt werden.

Hochsommer mit Palastfassade
Dann ein weiterer Höhepunkt. Zwar musste die Wiedereröffnung des ehemals zerstörten Großfürstenpalasts etwas "abgespeckt" werden, aber sie fand statt. Für den Rheinischen Merkur war Litauen damit "auf der Suche nach der nationalen Seele". "Das ist keine Hollywood-Fassade", wird hier ein örtlicher Palast-Guide zitiert, und der neue Kulturhauptstadt-Chef Kvietkauskas beteuert im Blick auf die vorgenommenen Einsparungen (jetzt ist von 40% die Rede): "die Ideen bleiben unverändert."

Vielleicht sollte man eher die Urlaubszeit abwarten mit der Berichterstattung. Da können in den Reisebeilagen verschiedener Presseorgane ungestört von öffentlicher Diskussion die "must-see" Sehenswürdigkeiten dargestellt werden: ein wenig Užupis, ein wenig "Hauptstadt der Kirchen", dazwischen einige Opern- und Theateraufführungen, bildlich stimmhaft erhänzt manchmal sogar von Luftaufnahmen der Kurischen Nehrung. Die neue Züricher Zeitung findet am 10.August mit "Leben wie die Cowboys" eine eher ungewöhnliche Überschrift für einen Überblick zu dargebotenen Vielfalt in Vilnius (geschichtlich, kulturell, aktuell). Die in Litauen durchaus nicht unbeliebten Countryfestivals werden (wie der Titel es vielleicht vermuten ließe) allerdings nicht erwähnt.

Am 24.August bietet die Deutsche Welle schon Ansätze einer Bilanz - klar, die Hauptsaison scheint vorüber. Motto: Die Litauer lassen sich ihre Freude über ihr Vilnius nicht nehmen.
Im September greift der MDR schließlich auf die bevorstehenden Jahrestage von "Mauerfall" auf (so sie deutsche Sicht - der Jahrestag des Baltischen Wegs war ja schon im August), und spiegelt die Ereignisse des litauischen Kampfes für die Unabhängigkeit in einer Sendung.

Zum Jahresende macht der Evangelische Pressedienst schließlich noch aufmerksam auf ein "Kulturhauptstadtkreuz", das im Rahmen einer Vielzahl von Veranstaltungen auf Wanderschaft gehen soll, auch 2011 in "Tallin". Na gut, so etwas hätte auch im katholischen Litauen vielleicht Anklang gefunden - aber von dort wurde ja immer wieder betont, eher ein modernes Litauen dem Ausland darstellen zu wollen, abseits von Vorurteilen und Schablonen. Nun, ob in Essen gerade das Kreuz innovativ wirkt (und ob es dann auch in Tallinn ankommt), muss abgewartet werden.

Und was tun, wenn nicht fliegen?
Nein, das Programm der Kulturhauptstadt Vilnius 2009 war kein bewusst umwelt-grün-angestrichenes. Auch wenn zu Jahresanfang der Zusammenbruch der halbstaatlichen Fluggesellschaft FlyLAL umweltfreundliches Reisen hätte nahelegen können - Konkurrent AirBaltic eröffnete die Direktverbindung Berlin-Vilnius pünktlich zum Jahresabschluss. Nie wurden im litauischen Kulturhauptstadtjahr so viele Litauer/innen in Riga und in Bremen gesehen (nächste erreichbare Billigflieger). 10.000 Mitarbeiter/innen der Touristikbranche hätten im Zuge der Flieger-Pleite ihren Job verloren, war bei der Deutschen Welle zu lesen. Nein, dass bei solchen Zahlen Vilnius unbesucht von Touristen bleibt, und die Litauer/innen selbst auf Arbeitssuche in Europa gehen müssen, dass ist diesem schönen Land wirklich nicht zu wünschen.
Deutschsprachige werden allerdings ein wenig raten müssen, was die Kulturhauptstadt Vilnius 2009 eigentlich war - ein großer Teil der bereits erstellten deutschsprachigen Seiten wurden wieder vom Netz genommen. Da bleibt uns zur Kommunikation - falls nicht Lithuanist/in - nur "the most popular language of the world: bad English".

26 Dezember 2008

Weihnachtliche Litauerfahrt vor Australien

Es klingt ein wenig verspätet, wenn jetzt noch zur "Millenium Odysee" aufgerufen wird. Aber die Crew ist ja auch bereits seit Oktober 2008 unterwegs, und möchte mit der Segeljacht "Ambersail" den Namen Litauens in alle Winkel der Erde tragen. Aha - jetzt wird es klar - es ist ein anderes Millenium gemeint, das litauische. 1000 Jahre ist es her, dass der Name Litauen zuerst urkundlich erwähnt wurde (in den Quedlinburger Annalen). Daher feiert die Bernsteinseglertruppe dieses Jahr Weihnachten in ... Australien.

Am 8.Oktober 08 hatte die "Ambersail" einen Tag in Kiel Station gemacht (dort auch bekannt durch den "Baltic Sprint Cup"). Ansonsten geht die weite Reise meist entlang englisch- oder französischsprachiger Länder. Am 17.Dezember hatte der litauische Außenminister Vygaudas Ušackas die jetzige Besatzung in Litauen verabschiedet, und Weihnachten wird nun in Adelaide in Australien gefeiert, zusammen mit etlichen Litauern, die dorthin ausgewandert sind.

Insgesamt werden während 9 Reisemonaten des Segelbootes (ca. 200 Segeltagen) sich 120 verschiedene litauische Skipper auf dem Boot abwechseln. Das Schiff wird auf seiner Reise insgesamt 24 verschiedene litauische Volksgemeinschaften in 19 Ländern besuchen.

Die Route der Ambersail live online verfolgen

Webseite der Millenium-Reise

20 Dezember 2008

Ein litauischer Jimi Hendrix

Woran sind "junge Autoren" zu erkennen? Na, vielleicht an den Antworten auf die Frage, wieviel Zeit sie zum Schreiben ihrer Werke benötigen. Zwei Jahre, drei Jahre, das könnte die Antwort sein - versehen mit dem Zusatz: "inzwischen ist ja ganz schön viel passiert". Ungewöhnlich früher Erfolg bringt turbulente Lebensführung - so stellen es sich vielleicht diejenigen vor, die es gern nachahmen würden.
Was macht man an einem Abend (19.12.08), wo Wladimir Kaminer in der Stadt ist? Vielleicht mal JUNGE Autor/innen einladen, dachte sich vielleicht auch das Team der Schwankhalle in Bremen. Erstaunlich also, dass auch hier der Saal gut gefüllt und das Interesse groß war. Das anwesende Publikum traf Theresa Bäuerlein, Alina Bronsky und Benedikt Wells zum ersten Mal - und diese sich gegenseitig wohl gleichermaßen.

Alle drei haben sich inter-kulturelle Themen vorgenommen in ihren Büchern: Alina Bronsky die Lebenswelten von Russlanddeutschen in Deutschland, Theresa Bäuerlein den Blick einer jungen Deutschen auf das Alltagsleben in Israel. Benedict Wells, 24 Jahre alt, spiegelt in seinem Erstling "Becks letzter Sommer" einen alternden Musiklehrer ("Beck"), der einen Teil seiner verblichenen Jugendträume in einem unscheinbaren Schüler seiner Klasse heranreifen sieht - Rauli, ein Außenseiter aus Litauen. Aber als Solist an der E-Gitarre "besser wie Jimi Hendrix", wie sein Lehrer erstaunt feststellt. Aus Litauen? Ja, doch. Allerdings sind die osteuropäischen Versatzstücke (im Gegensatz zu den beiden Büchern von Alina Bronsky und Theresa Bäuerlein) auch eher etwas künstlich zusammengebastelt. Im Gespräch gibt Wells offen zu, noch nie in Litauen gewesen zu sein. Seine eigene Schulrealität hat er in drei verschiedenen bayrischen Internaten verbracht, glücklich, wie er sagt.

Warum also Litauen? Ein Land, das zwar 2002 schon mal Buchmessenschwerpunkt in Frankfurt war, aber sich doch die internationale Berühmtheit eigener Autor/innen immer wünscht, so dass der Name Litauen in die Welt hinausgetragen wird?
"Mir war klar, die Figur dieses Rauli muss ein Ausländer sein," sagt Wells, danach befragt. "Ein Außenseiter in der Klasse." Litauer in Deutschland also vor allem Außenseiter? Gut, die Frage wäre an die Litauer selbst zu stellen. "Ich wollte dem Lehrer Beck eine Chance geben, damit dieser Schüler sich überhaupt mit ihm abgibt und um ihn kümmert - so ein cooler deutscher Schüler, das hätte eben nicht gepasst."

Und warum ein Lehrerschicksal? "Alles so vorgeplant, vorhersehbar" - so Wells über das seiner Meinung nach typische Berufsbild der Lehrkörper- "Mittelmaß gegen Genie" als Themenentwurf. Und "Ich kannte einen Lehrer sehr gut, der in den 30ern war." Eine Ausnahme von dieser selbst aufgestellten "Langeweiler"-Regel? Dieser Lehrer
hat, so Wells, auch die ersten Fassungen des Buches gelesen und Ratschläge gegeben. Das wird keine leichte Arbeit gewesen sein: denn so sprudelnd Wells redet und sich reden hört ("ich vergesse manchmal schon, dass ich das geschrieben habe, was ich vorlese"), viel und lang schreibt er offenbar. Mit vielen Schmerzen und nach vielen Diskussionen auch mit den Lektoren musste ein Entwurf von 1500 auf 450 Seiten "eingedampft" werden. Selbst die Stelle wo vom Sterben eines alten Mannes die Rede ist, liest Wells rasch, ungeduldig, eher so, als ob es um eine Verfolgungsjagd im offenen Sportwagen ginge.

Und wie geht es jetzt weiter mit Benedict Wells? "Ja es stimmt, auch für den Musiker aus Litauen gab es Vorbilder," sagt er. "Der war auch relativ erfolgreich (in Litauen), spielte bei 'Flamingo' (verließ diese später aber), und wohnt in der Nähe von Vilnius. Nächstes Jahr, wenn Vilnius Kulturhauptstadt ist, will ich ihn unbedingt mal besuchen."
Dass aus dieser Begegnung dann sehr bald wieder Bücher werden, darauf dürfen die geneigten Fans leider kaum hoffen. Wells hat sein zweites Buch längst fertig und schreibt gegenwärtig an seinem dritten. Der Rest ist wohl eher Verlagspolitik oder Verkaufsmanagement, den jungen Autor ständig im Gespräch zu halten - Musiker können eine CD nach der anderen herausgeben, "junge Autoren" werden langsam aufgebaut. Stoff zum Schreiben scheint es aber genug zu geben.
Und wie fühlt es sich so an, als junges Mitglied im Literatur-Verkaufsgeschäft? "Manche Kritiker mögen mich nicht," hat auch Wells erkannt. "Es sind nicht viele - aber bei Google schwimmen sie leider oben wie Fettaugen in der Suppe."


Mehr:

Theresa Bäuerlein und "Das war der gute Teil des Tages"

Alina Bronsky und "Scherbenpark"

Benedict Wells und "Becks letzter Sommer"


Die litauische Gruppe "Flamingo"

Das Buch "Becks letzer Sommer" wird in der nächsten Sendung der "Baltischen Stunde" (Radioweser.tv) am Donnerstag, den 15.Januar 2009 ausführlich vorgestellt werden.

13 Dezember 2008

Kultur- und Mentalitätsforscher unterwegs

Was bedeutet es, eine Fremde oder ein Fremder zu sein? Diese Perspektive auf künstlerische Weise zu erforschen, haben sich Tomas Čiučelis und Jovita Ambrazaitytė (Foto rechts) vorgenommen. Dafür gehen sie zunächst auf Reisen: unterschiedliche Perspektiven müssen "erarbeitet" werden. Das Projekt erreichte am Freitag, den 12.Dezember 2008 - nach vorangegangenen Stationen in verschiedenen Orten Litauens und dem polnischen Krakau die Hansestadt Bremen. "MES VISI SKRITINGI, VISI VIENODI" (Wir sind alle verschieden, alle gleich), so lautete ihr Arbeitsmotto.

Was die beiden Künstler dann als Projektion auf Großleinwände zaubern, ist eine Kombination aus Fotos von möglichst verschieden aussehender Menschen und von Wörtern, in zufällig wechsender Kombination einfache Sätze bilden. So entstehen in zufälliger Reihenfolge entweder plötzlich logische Aussagen, wie auch fantasievolle zum Nachdenken anregende Behauptungen.

Das ganze Projekt erforderte eine Menge Vorarbeit. Angefangen damit, so erzählt die Kuratorin Rimantė Černiauskaitė, dass in Litauen gegenwärtig aufgrund der internationalen Banken- und Finanzkrise vor allem Kulturetats zusammengestrichen werden. Gerade die kleineren Projekte hätten darunter zu leiden, so die Projektinitiatorin, die für das Litauisch-Deutschen Forum aktiv ist. Aber sogar die Mittel für das Programm der Europäischen Kulturhauptstadt Vilnius sollen nun um 8 Mill. Litas gekürzt werden (Bericht dazu)

Die Künstler möchten mit ihrem Projekt ihre Mitmenschen provozieren, sich Gedanken zu machen über tiefverwurzelte Stereotypen, eigene und fremde Sichtweisen, oder möglichen Veränderungen und Gemeinsamkeiten zwischen Menschen. Grundlage der Projektionen sind Fotowerkstätten, in deren Rahmen als Ergebnis die Fotos von Menschen entstehen, die sich bereit erklärt haben mitzumachen - und so Teil des Projektes zu werden. Jede und jeder tritt so auf, wie sie oder er sich selbst wohlfühlt: allein oder zu zweit, in Volkstracht oder in Arbeitskleidung, mit Kind oder in Porträtform. "Fremdartig" oder auch vertraut wirken die Fotos als Bestandteil der Projektionen unter freiem Himmel erst durch die unterschiedlichen Aufführungsorte: in Bremen durfte also geraten werden, welche Fotos wohl in Litauen und welche in Polen entstanden waren. Als Projektpartner hatte sich die Medienwerkstatt im Bremer Kulturzentrum Schlachthof bereit gefunden.

"Und was passiert jetzt weiter?" Das wurden die drei "Kulturreisenden" am Ende der Vorführung gefragt. Das Publikum war auf den Geschmack gekommen: wie spannend doch Fotos und einfache Sätze sein können!
"Jetzt fahren wir erstmal nach Hause!" In dieser Antwort klang auch ein wenig Stolz mit, dass dieses Projekt trotz kleinen Budgets am Ende doch in drei Ländern durchgeführt werden konnte. Aber schon in wenigen Wochen beginnt das Jahr 2009 - und Europäische Kulturhauptstadt wird Vilnius sein. Da werden wir gespannt sein, was wir von diesen drei kreativen Menschen noch erwarten können und erleben dürfen!

mehr:
Projektselbstdarstellung bei "Tom Chatter" (litauisch)


Bericht bei Vtv.lt (Litauisch)

Bericht bei Alfa.lt (Litauisch)

25 November 2008

Freiwillig in Vilnius

Manche Fans der litauischen Hauptstadt Vilnius (ja, Vilnius! angeblich können Deutsche ja nur Wilna, Vilne oder Vilno sagen - aber warum nicht V-I-L-N-I-U-S?) können die letzten Tage des Jahres 2008 gar nicht mehr erwarten. 2009 wartet ein europäisches Hauptstadtgefühl. Und, wer könnte uns das Warten auf diese wahrscheinlich glorreiche Zeit verkürzen? In diesen globalen Medienzeiten ist es natürlich - ein neuer Blog.
Zwei Monate Kulturhauptstadtfeeling
"Wir kennen Vilnius inzwischen ein wenig, aber was wissen andere darüber?" so fragen sich Carina und Anna, die für zwei Monate im Rahmen des EFD (Europäischer Freiwilligendienst) im Büro der Europäischen Kulturhauptstadt Vilnius mitmachen dürfen. Im Herzen des Orkans also! Und dann auch noch deutschsprachig! Also: Nichts wie verschlungen, diese News.

Vom Engel, der nicht nach Deutschland darf
Ein Symbol, "um Vilnius für Resteuropa attraktiver zu machen" - so schreiben die beiden eifrigen Freiwilligen über den Engel als Kultursymbol von Vilnius. "Im Ausdruck mehr scherzhaft als biblisch" offenbar. Aber: in Mailand, Paris, Lissabon werden solche Vilnius-Engel zu sehen sein - in Österreich und Deutschland nicht. Zielgruppenstrategie? Engelverweigerung? Oder meint Vilnius, in Deutschland keine Konkurrenz zum bereits weitgehend bekannten Teufelsmuseum schaffen zu wollen / können (aber das liegt in Kaunas!)?

Was man über Vilnius wissen sollte
Anna und Carina machen "realtive Abgeschiedenheit" und "Sowjetvergangenheit" als Hindernisse für einen höhreren Bekanntheitsgrad der litauischen Hauptstadt aus. Und dann kommt die Liste der Dinge, die Besucher unbedingt wissen müssen:

- in Litauen wird mit Litas bezahlt (und noch nicht in Euro)
- für die Einreise nach Litauen ist kein Visum, und nicht einmal mehr ein Reisepaß nötig (zumindest für Österreicher, und auch Deutsche)
- Rauchen ist in Pubs, Restaurants und Cafés nicht erlaubt (anders als in Österreich!)
- Striktes Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen (was oft ignoriert wird, meinen A & C beobachtet zu haben)
- in Vilnius gibt es keine Straßenbahn, geschweige eine U-Bahn, dafür aber Bus und Bahn, auch Minibusse und O-Busse
- zur Wasserqualität ein hartes Urteil: theoretisch trinkbar, aber nicht unbedingt zu empfehlen (wenn das stimmt, oh Kulturhauptstadt, dann solltest du daran arbeiten!)
- als Hauptbestandteile der litauischen Küche werden Kartoffeln, Fleisch, Pilze und Sauerrahm erkannt, sowie bei den Getränken eine lange Tradition des Bierbrauens.
(Anna Wagner: "Müsste ich das Essen in wenigen Worten beschreiben, würde ich sagen: mit viel fett, viel kartoffeln und rosarote Suppe. Natürlich ist das eine Verallgemeinerung und kann sicherlich nicht auf alle Gerichte übertragen werden.....nur auf die, die ich bereits probiert hab...")

Ausgehen - wohin?
Anna und Carina lassen einige Tipps zur litauischen Disko- und Kneipenszene in Vilnius folgen.
"Transylvania - rustikal, und ähnlich einem Irish-Pub in Österreich", schreibt Carina. Aber: "für ein echtes Irish Pub - ich glaube, ich habe in Wien und Linz schon genug gesehen, um das beurteilen zu können - fehlt das richtige Interieur und die Stimmung. Wahrscheinlich ist Litauen zu weit von Irland entfernt, um den authentischen Stil zu besitzen…" Nun, liebe Carina, schon mal nachgemessen, die Entfernung zwischen Irland und Österreich??

Weitere Tipps: der "Play Club". Kommentar Carina: "Genau wie in „Vilnius in my pocket“ angemerkt, ist diese Location für mich auch mehr Bar als Club. Erstens ist das Pub viel zu klein, um sich Club nennen zu können und zweitens ist der Eintritt frei. (Welcher Club hat das schon?) .... Die Musik ist angenehm, um zu tanzen, Disko- und Elektromusik wird man hier aber nicht finden können. Letztes Mal z.B. legte der DJ hauptsächlich Reggae auf, normalerweise ist das Programm aber durchmischter."
Gut, da wissen wir schon Bescheid. Aber der Tipp mit dem freien Eintritt war doch nicht schlecht?

Oder das „Būsi Trečias“, in der Altstadt von Vilnius gelegen, wo Carina zufolge ungewöhnliche "Biercocktails" auf der Karte stehen.
Außerhalb von Vilnius haben die zwei Kulturfreiwilligen offenbar gemischte Erfahrungen gemacht. Während Trakai als Ausflugsziel ganz gut abschneidet ("wer sich unter eine der zahlreichen Touristengruppen mischt, kann sich die 4Litas Fotografiergebühr locker sparen"), wird Kaunas als eher langweilig beschrieben ("Keine belebten Straßen! Man kann einige der zahlreichen Hochzeitsgesellschaften bewundern, und das war's!"). Auch in Klaipeda hat den beiden Ösi-Mädels nicht wirklich gefallen: die Stadt "ist zwar groß, aber wirklich was zu sehen gibts auch nicht. (Außer natürlich man verbringt die Tage damit von einem Museum zum anderen zu pilgern...)"

Also: Vilnius als Kulturstandort ist offenbar keine schlechte Wahl. probieren wir die Vorzüge von Vilnius selbst aus! Dass manchmal "mangelnden Information und unprofessionellen Kommunikation" festgestellt werden, daran läßt sich ja noch arbeiten. Carinas Fazit über Vilnius: "Über Vilnius selbst lässt sich eine Menge erzählen. Generell habe ich den Eindruck, dass sich die Stadt nicht mit Wien oder einem anderen österreichischen oder zentraleuropäischen Ort vergleichen lässt. Aber genau das macht den besonderen Reiz hier aus."

Anna's & Carina's Blog

22 November 2008

Vilnius: Kulturkampagne startet

"Wir werden eine ganze Reihe von Veranstaltungen haben, die eine Zusammenarbeit mit deutschen Künstlerinnen und Künstlern beinhalten," so kündigt es Evaldas Ignatavičius, Botschafter der Republik Litauen und Gastgeber der Auftaktpräsentation "Vilnius - Europäische Kulturhauptstadt 2009" am vergangenen Dienstag in Berlin an. Und weil gleich schon die ersten Sekunden des litauischen Kulturhauptstadtjahres ebenfalls von einem Deutschen gestaltet werden, gebührte dem Hauptakteur und Lichtdompteur Gerd Hof auch gleich der Auftritt bei der ersten Präsentation der Kulturhauptstadt Vilnius in Deutschland.

Helle Nacht des Guten Rutsches
"Wo Gerd Hof auftritt, da sorgt er für Aufregung," - so steht es als Eigendarstellung auf der Hof'schen Webseite zu lesen. Daran gemessen, ging es in Berlin diese Woche ruhig zu. Außer der Nachfrage, ob angesichts des enormen Energieverbrauchs für so ein Lichtspektakel kein Sponsor aus der Industrie in Sicht sei (Antwort: "nein"), hatte die durchaus zahlreich versammelte deutsche Presse keinerlei Fragen. Ob dies ein Zeichen für pures Staunen war, oder einfach schlicht niemand etwas über Vilnius zu sagen oder fragen weiß, wird sich eventuell an der folgenden Berichterstattung ablesen lassen. Gerd Hof jedenfalls wird mit seinem Event @hofmann_Spragtukas die Nacht vom 31.Dezember in den 1.Januar 2009 in Vilnius erleuchten (eine moderne Interpretation von E.T.A Hoffmann's Märchen und Tschaikowskys Ballett "Nußknacker" - musikalisch untermalt von Kompositionen von Linas Rimša, Marius Matulevičius und Marius Adomaitis).

Mit acht Takten ins Jahr 2009
Hof arbeitet nicht zum ersten Mal in Vilnius: bereits im Oktober 2007 hatte Hof seinen erleuchteten Beitrag zum Geschäftszentrum "Vilnius Vartai" in Vilnius abgeliefert. "Nun ich auch direkt an der Kathedrale, also im Herzen von Vilnius, arbeiten können", äußerte Hof sich erfreut, und fügte hinzu: "Ich werde selbstverständlich bemüht sein, die Würde dieses Platzes zu wahren."
Ein wenig zurückhaltend übte sich Hof auch im Vokabular der Feuerwerker, wo auch mal von "Bomben" die Rede ist, wenn eigentlich nur Feuerwerkssalven oder gigantsche Lichtanlagen und Laserkanonen gemeint sind. Das Hof-Spektakel wird - im Anschluss an die Nußknacker-Aufführung - insgesamt nur 20 Minuten dauern, aber mit seinen acht Teilen sicherlich einige Knalleffekte bereithalten (Bezeichnungen der einzelnen Teile: das Jahrtausend Litauens, der Pfeilschuß des Gediminas, die Nationalfarben Litauens, die Sonne von Vilnius, das Bild Europas, die Kathedrale von Vilnius, die Mündung des Flusses Vilnelė, die Basilika in Moll). Die Programmverantwortlichen versprechen sich sogar eine Verbindung mit dem Kosmos: mit etwas Glück (eine klimaerwärmte Nacht?) soll sich das Licht 400m im Durchmesser, aber 50km hoch ergießen - also vom Weltall aus zu sehen sein (ob da jemand beauftragt ist, das zu kontrollieren?).

Veranstaltungsmarathon

Wer aber nicht gleich am ersten Tag des Jahres 2009 in Vilnius sein kann, wird sich im weiteren Jahreslauf sicher nicht langweilen: insgesamt 120 künsterlische Pr
ojekte stehen auf dem Programm, 900 verschiedene Veranstaltungen - davon 600 mit freiem Eintritt. 11 musikalische Werke sind für diesen Anlaß neu geschaffen worden und werden uraufgeführt. Einige international bereits bekanntere Namen litauischer Künstler/innen sind dabei (wie Oskaras Koršunovas, Arūnas Matelis), und auch Kunstrichtungen, für die aus Litauen bereits bisher nachhaltige Beiträge kamen (wie „Kultfluxas").

Einige weitere deutsche Bezüge sind - wie schon Botschafter Ignatavičius ankündigte - zu verzeichnen. Hier einige Beispiele:

--- bei COOL! - dem Festival der Kinder- und Jugendtheater vom 12.-16.Mai 2009 werden sich auch deutsche Partner beteiligen

--- vom 14.-17.Mai werden sich im Haus der Philharmonie in Vilnius die Mitglieder der European Festivals Association (EFA) versammeln, ein europaweites Kulturnetzwerk auch mit Mitgliedern aus Deutschland (z.B. dem MDR Musiksommer, den Berliner Festspielen, oder dem Bonner Beethovenfest).

--- vom 8.-12.Juli 2009 werden eine Reihe bekannter deutscher Kunstgalerien an der ART VILNIUS teilnehmen

--- beim Jugendfestival "Junges Europa - junges Litauen" werden vom 26.-31.Juli 2009 auch deutsche Jugendliche in Vilnius zu Gast sein (Organisation: Litauischer Jugendring).

--- am 20. & 21.August 2009 wird Frido Mann, Enkelsohn des Schriftstellers Thomas Mann, seine Texte zum Projekt DELUGE beitragen, in dessen Rahmen der Jazzmusiker Vladimiras Tarasovas zusammen mit dem Trio GTC (Večiaslavas Ganelinas, Vladimiras Tarasovas and Vladimiras Čekasinas) und einigen weiteren Musikern spielen wird.

--- beim KLEZMER-FESTIVAL vom 25.-29.August in der Altstadt von Vilnius werden auch deutsche Gastmusiker/innen zu sehen und hören sein.

- vom 18.-20.September wird FOLK-SHOCK 2009 geboten, voraussichtlich mit Beteiligung von CORVUS CORAX und POLKAHOLIX aus Deutschland.

--- im Oktober 2009 wird auf dem Gelände des EUROPOSPARKAS ein Festival europäischer Dokumentalfilme stattfinden, zu dem es auch deutsche Entries geben wird.

--- vom 2.-26. Juni 2009 wird es im Rahmen des Projekts “ARTscape”/”MENOrama” eine Präsentation von Essen 2010 geben

--- und auch vom 28.November bis 6.Dezember 2009 präsentiert sich RUHR 2010 mit Unterstützung des Goethe-Instituts in Vilnius

--- nahezu das ganze Jahr 2009 über gibt es das Festival der sakralen Musik, in dessen Rahmen es dann am 21.Mai 2009 ein Konzert des Chors der Berliner Kathedrale in Vilnius geben wird.

In der österreichischen Presse - vielleicht motiviert durch Linz als Partner-Kulturhauptstadt von Vilnius - sind derweil Details zum Start der internationalen Werbekampagne von Vilnius zu lesen. Auf 9 Millionen Euro taxiert die Kleine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 12.11.08 die Kosten von litauischen Werbespots bei den Fernsehsendern CNN und BBC. Mit Linz wird das - taktvoll - nicht verglichen, aber da hier schon eine litauische "Marketingmaschine" vermutet wird, lässt doch auf einen gewissen Neidfaktor bei den Alpenländlern schließen. Auch das Gesamtbudget des Projekts Kulturhaupstadt Vilnius wird hier zitiert:
für die Jahre 2008-2010 seien es 300 Millionen Litas (86,9 Mio. Euro), aufgeteilt in 100 Mio. Litas für künstlerische Projekte (sowie für Werbe- und Marketingmaßnahmen, die mit umgerechnet 9 Mio. Euro budgetiert sind) und 200 Mio. Litas für Infrastruktur.

Weitere Infos:

Webseite Kulturhauptstadt Vilnius

Konzept "Young Europe - young Lithuania"

Infos zum Projekt DELUGE mit Frido Mann

12 September 2008

Österreich blickt auf Litauen (3)

Gerai - Litauen hat gegen Österreich zwei Fußballtore erzielt. Dass es aber zwischen Österreich und Litauen noch mehr aktuelle Bezüge gibt, haben die beiden Herren Juhann und Jod thematisiert. In Linz kommentierten sie auch das Fußballspiel (eine Dokumentation ist bisher nicht überliefert). Die eigentliche Perspektive richtet sich aber auf das Jahr 2009, wenn das österreichische Linz und das litauische Vilnius gemeinsam den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" innehaben werden.

Bis dahin sind es jetzt noch etwas mehr als 100 Tage. Die ersten Veranstaltungen mit litauischem Bezug werden in Linz angekündigt: am 23.Februar 2009 ist
der Lyriker Laurynas Katkus zu Gast, am 4.März 2009 werden Bibelpfad und Bücherschmuggel thematisiert. Musik aus Litauen und Österrreich wird am 13.März 2009 vorgestellt, am 18.März geht es im Linzer Volkshaus Franckviertel um die Sprachen Deutsch und Litauisch. Am 2.April 2009 wird die Frage gestellt, ob Vilnius oder Linz die schmackhaftere Küche hervorgebracht haben, und schließlich gibt es (voraussichtlich) am 10.Oktober 2009 das Fußball-Rückspiel des WM-Qualifikationsspiels Österreich gegen Litauen.

20 Oktober 2007

Lightshow für Vilnius

Am 26.Oktober wird ein weiteres Bauprojekt des "neuen Vilnius" eröffnet: VILNIUS VARTAI - das Tor von Vilnius. Es soll Geschäftszentrum, Freizeitoase und Mode-Mekka in einem werden. Neben den schon fertig gestellten Bauten des Europazentrums und der neuen Stadtverwaltung von Vilnius wird Vilnius Vartai die Stadtsillouhette mit prägen. Schicke Boutiquen und Galerien prägen das Angebot und sollen auch immer wieder für das eine oder andere Event sorgen.

Die Eröffnung am Freitag den 26.Oktober wird eine Lichtshow sein, die vom deutschen Künstler Gerd Hof gestaltet wird. "Finden Sie sich rechtzeitig auf der Goštauto Straße ein, von dort aus können Sie es am besten mitverfolgen," lädt die Geschäftsleitung auf ihrer Webseite ein. Um 20.00 Uhr abends soll es losgehen. Gerd Hof hat sich dazu etwas besonderes einfallen lassen: auf zwei Ebenen, am Boden und auf den Dächern des Vilnius Vartai wird mit Licht- und Pyrotechnik der "eiserne Wolf" in den Himmel gemalt, der Legende der Gründung der Stadt Vilnius nachempfunden. Die Musik dazu wird vom litauischen Komponisten Linas Rimša beigesteuert.

Gerd Hof wird 2009 auf weitere ähnliche Events in Vilnius inszenieren, wenn die Stadt Kulturhauptstadt Europas sein wird. "Wo Gerd Hof in Erscheinung tritt, sorgt er für Aufregung" - so ist es auf der Webseite des Künsters zu lesen. Im DDR-System beobachtete die Stasi den gebürtigen Leipziger mit Argwohn. Erst studierte er Brecht, inszenierte Shakespeare und Schiller, später waren es Rockopern oder die Zusammenarbeit mit Kultbands wie "Einstürzende Neubauten", Rammstein oder Kraftwerk. Hof arbeitete mit Musikern wie Blixa Bargeld, Mike Oldfield oder Mikis Theodorakis.

Mit europäischen Themen hatten die inszenierten Events von Gerd Hof schon öfter zu tun: am 1.Januar 2002 gestaltete er die "Night of the Euro" in Athen, illuminierte die Akropolis zum "Tag Europas" am 9.Mai 2003, und inszenierte in Malta am 1.Mai 2004 das "Welcome-Europa" Event.

Weitere Infos:

Selbstdarstellung Vilnius Vartai (Vilnius Gate)

Vilnius Gate bei Emporis.com

Pressemitteilung zum Gerd-Hof-Event

Webseite Gerd Hof

Wikipeda-Seite zu Gerd Hof

Gerd-Hof-Events und Vilnius 2009 (litauisch) (englisch)

Text von Birgit Walter zu Gerd Hof

DIE ZEIT über Gerd Hof

15 Mai 2007

Chaos statt Kultur - Team der Kulturhauptstadt Europas 2009 tritt zurück

Es hatte schon länger rumort als am 15. Mai um 11 Uhr die Bombe platzte: Nach der Programmdirektorin Elona Bajorinienė trat auch Rūta Vanagaitė, die ausführende Leiterin der Öffentlichen Gesellschaft "Vilnius - Kulturhauptstadt Europas 2009" zurück. Beide protestierten damit gegen die mangelnden Führungsqualitäten der Generaldirektorin Giedrė Kabašinskienė, die damit alleine im Führungsgremium der Gesellschaft sitzt. Auch die am Dienstag morgen hektisch zusammengerufene Krisensitzung im Kultusministerium brachte keine Lösung. Rūta Vanagaitė forderte öffentlich im Radio eine neue Leitung des Prestige trächtigen Projektes.

Wie immer haben die Litauer spät mit ernsthaften Vorbereitungen begonnen. Das geplante Budget von 80 Mio. Litas (rund 23 Mio. Euro) nimmt sich im Vergleich zu den 60 Mio. Euro von Linz in Österreich, der zweiten Kulturhauptstadt Europas 2009, eher bescheiden aus. Bei den Litauern gibt es ein Sammelsurium von 130 Projekten. Die Direktorin trat schon mal im staatlichen Radio auf und ließ sich von anrufenden Rentnern belehren, dass Litauen sich mit Volksmusik und Mittelaltergeschichte und nicht mit irgendwelchem bunten "Lärm" darstellen solle.
Zu den wenigen bis jetzt sichtbaren Aktionen der zukünftigen Kulturhauptstadt zählen: Bilder von berühmten Komponisten auf öffentlichen Bussen und ein Straßenmusikfest, das allerdings von einem der berühmtesten litauischen Poprock-Musiker, Andrius Mamontovas, organisiert wurde.
Es ist also nicht verwunderlich, dass der Generaldirektorin
Führungsschwäche vorgeworfen wird. Als ihre einzige bedeutende Berufserfahrung gilt ihre vorherige Arbeit als als Kulturataché in Frankreich.
Der Kulturminister indes stellte sich demonstativ hinter die Direktorin und tat die Kritik als "persönliche Ambitionen" ab. Unter Kulturschaffenden hingegen wird das ganze staatlich organisierte Programm wiederrum als bürokratisches Monstrum kritisiert, von denen wie immer nur wenige profitieren.

Offizielle Seite "Culture Life 09"
Nachricht von www.delfi.lt
Straßenmusikprojekt von Andrius Mamontovas

07 Mai 2007

Kulturhauptstädte machen Europa

Am 24.-26.April 2007 fand in Essen die dritte gemeinsame Tagung der aktuellen und zukünftigen Kulturhauptstädte statt. Erstmals wurde eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, deren Wortlaut auf jetzt auf der Webseite "Kultur macht Europa" nachzulesen ist.
Gleich zwei Städte aus den baltischen Staaten haben bei der Erklärung mitgewirkt: Außer Liverpool und Stavanger (Kulturhauptstädte 2008), Essen, Pécs, und Istanbul (2010), auch Linz und Vilnius für 2009 und Turku und Tallinn (2011 ).

Betont wird unter anderem, dass:
- über die Rolle der Kultur in der urbanen Gesellschaft neu nachgedacht werden soll
- eine nachhaltige Erneuerung der Kulturpolitik angestrebt wird,
- eine Balance der Betonung von Lokalem und Europäischen versucht werden soll, und
- Veränderungen im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung nicht mehr aufzuhalten seien, und daher der kreative Sektor vorangebracht werden muss, auch indem man voneinander lernt.


Am 7. und 8.Juni findet in Berlin der Kongreß "Kultur macht Europa" statt. (das Programm dazu findet sich
HIER)

Unterdessen trafen sich der litauische Ministerpräsident Gedeminas Kirkilas und der österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer in Wien zu Gesprächen zur wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit beider Länder (siehe auch: Österreich-Journal). Die Perspektive ist auch hier auf die beiden Kulturhauptstädte Linz und Vilnius im Jahr 2009 ausgerichtet.

Österreich würde in Litauen vor allem wegen seiner Literatur und seiner Musik geschätzt, so zitiert das Österreich-Journal. Die Berge, die Berge, wo aber bleiben die Berge? Außer der landschaftlichen Schönheit hängen für die Litauer damit ja wohl auch noch ein paar Arbeitsplätze in der Gastrowirtschaft er Alpen damit zusammen, oder?