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13 März 2019

Sommer Fünfundsechzig mit Žanas Polis

Porträts von Jean Paul Sartre und Simone
de Beauvoir, angefertigt vom litauischen Künstler
Erikas Varnas - am
4.8.1965 veröffentlicht in
der Zeitung "Tiesa"
/ "Wahrheit" (© LATGA)
Auf dem Portal "deepbaltic" ist ein sehr interessanter Beitrag zu besonderen Ereignissen des Sommers 1965 nachzulesen:eines der prägensten Zusammentreffen im Kulturleben des sowjetischen Litauen war der Besuch des französischen Philosophen Jean Paul Sartre (lit = Žanas Polis Sartras) und seiner Lebensgefährtin Simone de Beauvoir in Litauen. Die Erinnerungen daran werden auch durch die schönen Fotos von Antanas Sutkus illustriert, der Sartre durch die Sandwüsten der Kurischen Nehrung schreitend ablichtete. Es war nicht der erste, und auch nicht der letzte Besuch der beiden Gäste in der Sowjetunion - in Litauen jedenfalls hinterließ er weitreichende Folgen.

"Der Besuch dieser beiden Persönlichkeiten gab uns Hoffnung, dass die Kultur unseres kleinen Landes auch für andere interessant sein kann", schreibt Literaturwissenschaftlerin Solveiga Daugirdaitė, die sich seit mehr als 10 Jahren mit damaligen Ereignis und den damaligen Umständen beschäftigt. Aus ihrem Buch "Švystelėjo kaip meteoras" sind die auf der "Deepbaltic"-Seite ins Englische übersetzten Texte und Ilustrationen entnommen.

Auch eine Passage der fünfbändigen Memoiren de Beauvoirs ("Tout compte fait", deutsch = "Alles in allem") widmet sich dem Besuch in Litauen und lässt erahnen, wie es aus der Perspektive der beiden Gäste aussah. Litauen, das 1940 von der Sowjetunion besetzt wurde und seine Unabhängigkeit nach Kriegsende nicht wiedererlangte, war bis in die 1960iger Jahre für Besucher aus dem Westen nahezu für verschlossen gewesen.Vom 26.Juli bis 3. August 1965 hielten sich Sartre und de Beauvoir in Litauen auf: am Flughafen begrüßt mit einem Strauß weißer Margariten, mit Zwischenstationen in Vilnius, Kaunas, Klaipėda, Palanga, Nida, Pirčiupiai, und Trakai.

Sutkus in Nida - der zweite Schatten durfte nicht ins Bild
Fotograf Anatans Sutkus war damals 26 Jahre alt. Es waren vor allem die Fotos, die er von dem berühmten Besucherpaar schoss, die mit der Zeit immer mehr an Wert stiegen. Daugirdaitė stellt im Rückblick auch ein Ungleichgewicht fest: Sarte fand weitaus mehr Beachtung, wurde in Litauen häufig interviewt, Simone de Beauvoir fast gar nicht. Dabei habe sie auch registriert, dass Frauenrechte in der Sowjetunion nur auf dem Papier standen, und in der Realität Frauen ziemlich nachrangig behandelt wurden. Auch den damaligen (sowjet-litauischen) Presseberichten zufolge wurde de Beauvoir lediglich als "Sartres Begleiterin" gesehen. Allerdings waren bis dahin auch kaum Werke von Sartre übersetzt worden - in Litauisch gar nichts, ein wenig in Russisch oder Polnisch. Werke von de Beauvoir waren völlig unbekannt im damaligen Litauen. So konzentrierten sich die Gespräche denn auch mehr auf Fragen zur französische Kultur allgemein.

Zu beachten ist hier allerdings auch, dass es eine langjährige Affäre zwischen Sartre und der Übersetzerin Lena Zonina gab - von vielen, die eher über Sartre schreiben, nur ungern erwähnt. Carole Seymour-Jones, die ein Buch über Sartre und de Beauvoir schrieb ("A Dangerous Liaison"), weist auch auf die vorhergehende Reise Sartres mit Zonina durch Estland hin, "mit de Beauvoir als Anstandsdame". Aber davon gibt es nicht so schöne Fotos. Interessant, dass "EstonianWorld" es heute so beschreibt: "1964 besuchte Simone de Beauvoir auf Einladung Lennart Meri's Estland. Sie wurde begleitet von dem Philosophen Jean Paul Sartre." Sahen die Est/innen es femininer? Oder gentleman-like: Meri sprach französisch, half bei der Weinauswahl, und führte die Gäste in den "Kuku Club." Dass eigentlich drei Personen zu Gast waren, verschweigt dieser Bericht allerdings völlig.

In Litauen soll sich Simone de Beauvoir beeindruckt gezeigt haben besonders von der Gegend bei Trakai, und auch von einer in Holz geschnitzten Christusfigur in Kaunas. Sartre erwähnte besonders die Werke M.K.Čiurlionis. Schriftsteller Justinas Marcinkevičius erinnert sich aber auch an vergebliche Versuche, Sartre zur Unterstützung von Literatur aus "kleinen Sprachen" zu bewegen. Und Solveiga Daugirdaitė weist auf einen wesentlichen Eingriff hin, den Fotograf Anatanas Sutkus damals vornahm. Bei seinen inzwischen berühmten Fotos von Sarte auf den Dünen der Kurischen Nehrung schnitt er radikal Simone de Beauvoir nachträglich heraus. So änderte sich die Bildstimmung völlig, und Sutkus rechtfertigte sich: "ein einsamer Sartre, das ist wie eine Metapher der Philosopie."

Und obwohl Sartre selbst schrieb, er sei gegenüber der Natur eher gleichgültig, schrieb ihm Sutkus in seinen Notizen die Aussage zu: "Ich fühle mich wie am Eingang des Himmels." Das Foto aber zeige Sartre als "existenzialistisches und lakonisches Subjekt", so zitiert Johanna Müller für das Magazin "The article" den französischen Philosophenkollegen Francis Jeanson. "Bildwerdung von Philosophie" (Zitat "The article") - es passierte in Litauen. Seit 2018 gibt es Sartre im Sand von Nida als Bronzefigur zu bewundern. Sutkus war übrigens von Sartre während seines Aufenthalts für einen Schriftsteller gehalten worden, der lediglich ein paar Amateuraufnahmen machte, wie Milda Seputyte in "Baltic Times" enthüllt. Sutkus sei ein Bücherliebhaber gewesen und sei von Sartre nach seinen Lieblingsbüchern gefragt worden. "Ich konnte ihm aber doch nicht erzählen, dass alles was ich las auf dem sowjetischen Index für verbotene Literatur war," beschreibt Sutkus seine Nöte damals. "Ich konnte ihm auch nicht erzählen, dass ich für 25 Rubel ein Buch von Hemingway aus 'speziellen Quellen' ausleihen konnte. Wir waren schon beim Abschlußdinner, als Sartre mich plötzlich fragte: 'Und was schreiben Sie?' Da gestand ich ihm, dass ich ein Fotograf sei."

Spuren von Eindrücken dieser Besuchstage finden sich später in Werken u.a. von Herkus Kunčius, Jurgis Kunčinas und Jokūbas Švarcas wieder. Ein Jahr später, 1966, konnte Sartres erstes Werk in litauischer Sprache in Litauen herausgegeben werden ("Les mots" / "Die Wörter" / "Žodžiai"). Viele seiner bekannteren Werke konnten aber erst nach 1990 in Litauen in Übersetzung erscheinen.

Nur kurze Zeit später aber, als Sarte und de Beauvoir den Einmarsch der Sowjettruppen in Prag öffentlich verurteilten, fielen sie in den Augen der Sowjetmacht in Ungnade.

Webseite Antanas Sutkus / Sutkus Fotoausstellung in Rüsselsheim (bis 28.4.19)

16 April 2018

Diplomatie der Hundertjährigen

Endlich auch mal gemeinsam auf Tournee gehen - war das die Idee hinter der diplomatischen Frühlingsoffensive der drei baltischen Präsidentinnen und Präsidenten? Erst in Washington bei US-Trump, dann in Paris bei Macron, und kurz danach dann die lange erwartete Eröffnung der "London Book Fair" (mit Schwerpunkt auf den drei baltischen Staaten).

Der Ausflug zum US-Präsidenten wird unter einem zweispältigen Motto gestanden haben: die einen sehen hier die treuen US-Vasallen ihrem Herrn und Befehlshaber berichten, die anderen wollen eher ängstlichen Nachfragen erkennen, ob denn der wankelmütige und eher unberechenbare Chef im Weißen Haus es überhaupt noch wichtig findet, den Schutz der NATO für die baltischen Staaten zu bestätigen - die Litauerin Dalia Grybauskaite hatte von "unpredictable leadership" gesprochen (CNN) (siehe auch: Pressekonferenz1 / Pressekonferenz2 ).

Kulturelle Aktivitäten waren beim USA-Besuch offenbar nicht geplant - und der Wortlaut der Presseerklärungen lässt sich schnell zusammenfassen: wir, die Balten, sind froh dass die USA für unsere Sicherheit bürgt, als Gegenleistung sorgen wir für ein vorteilhaftes Klima für US-Investoren und gegen 2% unseres Bruttosozialproduktes für Rüstung aus. Einschließlich dem verdeckten Versprechen, in den USA die Waffen für die eigene Armee einzukaufen (so funktioniert doch "Amerika first"?). Immerhin ging Grybauskaite soweit, gleich mehrfach öffentlich die vermeintlichen Trump'schen Vorwürfe gegen andere NATO-Mitglieder zu wiederholen ("they have not paid their bills"), und speziell gegen Deutschland sogar noch nachzulegen: die Nord-Stream-Pipeline mache abhängig vom russischen Gas.

Zurück auf dem europäische Kontinent, kam wieder mehr "Kultur" auf, als beim "Auswärtsspiel" in Washington. "Wilde Seelen" heißt die Ausstellung im Musée d'Orsay in Paris - Malerei der Zeitperiode zwischen den 1890er Jahren und der Zeit von 1920 bis 1930. Oder auch: "Čiurlionis und mehr!" So gelingt es zumindest für die Ausstellungsbesucher den Zugang zu öffnen für die Sichtweisen vor 100 Jahren. "Unsere Etnografie, unsere Wurzeln, unser Kulturerbe" - so beschreiben die Ausstellungsmacher das, was sie zeigen wollen.

Dalia Grybauskaite nennt die Beziehungen zu Frankreich "strategische Partnerschaft" (Presseerklärung); und sie kommt auch schnell wieder auf Zahlen und Finanzen: schließlich habe Frankreich 22 Tonnen Gold aus litauischen Besitz während der Okkuptationszeit aufbewahrt und danach an Litauen zurückgegeben. Und das Bild "Rex" von Čiurlionis sei schließlich mit 1 Millon Euro Versicherungssumme das teuerste der gesamten Ausstellung - so als ob rein kulturelle Aktivitäten in Litauen keine Währung mehr seien, und alles in Zahlen statistische Erfolge umgerechnet werden muss. 

Und schließlich die "London Book Fair" - mit Länderschwerpunkt Estland, Lettland und Litauen. Die Ankündigungen dazu klangen teilweise sehr kreativ: "die Bücherschmuggler kommen!" (Bookseller). - Hier konnte Litauen sicher Erfahrungen der Buchmesse Leipzig 2017 nutzen (mit Schwerpunkt Litauen). Gleichzeitig wurde bekannt, dass Buchverleger aus den baltischen Staaten mehrere Preise gewannen: darunter war auch "Alma Littera" aus Litauen, denen der  "Market Focus Baltics Young Adult Publisher Award" zugesprochen wurde. "Die Stärke des Kinderbuchmarkts in den baltischen Staaten hat die Jury beeindruckt" (Börsenblatt).

Es ist anzunehmen, dass der Auftritt der litauischen
Buchverleger/innen und Schriftsteller/innen weniger
Ängste hervorgerufen hat, als es hier ein lettischer
Karikaturist befürchtet ...
Für manche Medien und Berichterstatter scheinen auch die litauischen Namen schlichtweg zu lang und zu kompliziert zu sein - so wird bei "Gulf News" von der Buchmesse und einer "Cristina Sabalia" berichtet. Die litauische Presse berichtet von der Londoner Buchmesse auch als "Nischensuche auf dem englischsprachigen Markt": 200 Bücher seien präsentiert worden, darunter 19 Neuübersetzungen ins Englische, unter der Beteiligung von 26 litauischen Verleger/innen.

Für den Rest des Jahres ist anzunehmen, dass die drei Hundertjährigen (ok, Litauen war 1918 bereits "wiedergeboren") ganz auf den Tourismus setzen werden. Sogar der Papst hat ja für September sein Kommen bereits angekündigt.