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18 April 2010

Ein unbekanntes Land wie Litauen?


Island, Europa und Litauen
Viele sehen sich dieser Tage veranlasst, ein paar schöne Glossen über das Verhältnis der Deutschen zu kleinen Ländern zu schreiben. Auch bei Witzen wie "erst verbrennen sie unsere Kohle, und dann schicken sie uns noch die Asche rüber" wissen die meisten, wer und was gemeint ist. "Vielen Dank, liebes Island, aber es reicht jetzt wirklich!" schreibt heute "DIE WELT" etwas genervt, und dann weiter: "Es gibt Länder, über die weiß man erfreulich wenig: Litauen zum Beispiel. Auch Laos und Benin machen dem Planeten keine Scherereien. Andere Staaten hingegen drängen, obzwar gering an Fläche und Bevölkerungszahl, permanent in die Nachrichten."

Dass Island ein ganz besonders gutes Verhältnis zu den baltischen Staaten hat und vor 20 Jahren die sich unabhängig erklärenden Staaten mit als erste anerkannten, das wird an dieser Stelle natürlich aus deutscher Sicht vergessen. Aber auch in der Realität sind die Beziehungen von Deutschland ins südliche der drei baltischen Staaten wohl sehr viel ausgeprägter, als es die großen Schlagzeilen so vermuten lassen. Würde man die Regional- und Lokalnachrichten in Deutschland sorgfältiger lesen, so taucht dort Litauen in schöner Regelmäßigkeit ziemlich oft auf. 

Überall Litauen! Kulturell, alt und jung, sozial.
In Erkelenz im Rheinland zum Beispiel. Dort bringt es ein litauisch-schwedisch-deutsches Austauschprogramm mit sich, dass in dieser Woche im dortigen Gymnasium litauische Schüler musizieren. Oder im niedersächsischen Beverstedt, wo der Kirchenchor aus Klaipeda kürzlich zu Gast war, und in Duisburg, wo durch Musik einer Partnerschule geholfen wird. Beim Thorgauer "Elbe-Day" steht dieser Tage auch eine litauische Band auf der Bühne, in Kassel war litauisches Tanztheater zu Gast, beim "Danzfescht" in Bad Urach waren Litauer zu Gast, und im niederrheinischen Emmerich wiederum wurden Veranstaltungsgäste mit litauischen Osterbräuchen bekannt gemacht. Jugendliche aus dem westfälischen Steinfurt wiederum fuhren nach Litauen und bauten dort einen Hochseilgarten, in Nottuln war eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern zu Gast. Und in Ahrenshoop an der Ostsee lassen sich die Werke der beiden litauischen Künstler Neringa und Mindaugas Bumbliai bewundern. 

Beinahe noch häufiger als in den Bereichen Jugendaustausch oder Kultur ist von sozialen Projekten die Rede. In Drensteinfurt wurden vom Malteser-Hilfsdienst Rollstühle und Rollatoren für Litauen gesammelt, und auch in Damme sind es die Malteser, die Hospitale und Altenheime in Litauen unterstützen. In Heek (Münsterland) ist es die Kolpingfamilie, die für Litauen sammelt, in Kerpen gingen die Kolpingmitglieder mit ihren litauischen Gästen auf Wandertour. In Hude  und in Bookholzberg (Niedersachsen) denkt man an Kinder als zu Beschenkende. Auch das Rote Kreuz im württembergischen Münsingen steht mit Litauen in Kontakt, gleiches gilt für Metzingen, wie ebenso in der Region Wesermarsch und in Allerbüttel. Die Big-Band der Bundeswehr unterstützte in Rheine ein Projekt mit Behinderten in Litauen, und auch in der Region Cloppenburg (Barßel, Elisabethfeen) hat man die Litauenhilfe wieder aufgenommen.

Auch Nachhaltiges für die Zukunft
Gelegentlich geht es sogar um Zukunftsprojekte oder Vergangenheitsbewältigung - beides gleich wichtig. in Wittenberge machte man sich um alternative Energiegewinnung Gedanken, und in Westerstede befragten deutsche Gymnasiasten auch Litauer nach ihren Erfahrungen nach Ende des 2.Weltkriegs.

Und manchmal stecken hinter den Kooperationsprojekten und deutsch-litauischen Treffen auch Litauerinnen und Litauer, die in Deutschland leben. In Osnabrück wird eine Litauerin Preisträgerin im Bereich "Ankommen im Beruf". Und in Niederdorla in Thüringen, wo litauische Rezepte und Gerichte für den Ausruf sorgten "Essen wie Gott in Litauen!"

Also, liebe deutsche Presse: so "unbekannt" scheinbar Litauen ist, so viel näher rücken sich aber die Menschen anlässlich der Vielzahl von Begegnungen und Projekten der Zusammenarbeit. Zitiert sind hier nur ein paar "Lokalberichte" der vergangenen Wochen. In diesem Sinne kann Litauen vielleicht sogar unbekannt bleiben, den Abwesenheit aus den großen Schlagzeilen hat manchmal auch sein Gutes.

20 Januar 2009

nun auch hier

Nun auch hier. So drücken es manche Litauer aus, die ähnlich wie die Letten einige Tage zuvor sich plötzlich mit zornigen, aber auch mit gewaltbereiten Menschen vor ihren Parlamentsgebäuden zu tun bekommen. Nun auch hier. Importiert mit westlicher Lebensart, zusammen mit den bunten Kaufhäusern, den Freizeit-Vergnügungsparks, sexuellen Freiheiten, und den Sportwagen auf Abzahlung? Oder ist es so eine "Mode", ähnlich der Pressekonferenz wo US-Präsident Bush mit einem Schuh beworfen wurde, und anschließend sowohl der tatsächliche Verkäufer genau dieser Schuhmarke reißende Nachfrage meldte, wie auch anderswo auf der Welt plötzlich phantasievolle Schuhaktionen gemeldet wurden?

Phantomschmerzen oder kultureller Bruch?
In Litauen werden in diesen Tagen vielen die Löhne gekürzt, die litauische Fluggesellschaft FlyLaL ist pleite (Pressemeldungen: "fast 30.000 Flugtickets mit Ziel Kulturhauptstadt Vilnius sind wertlos"), überall werden Stellen abgebaut und Leute entlassen, Steuern werden erhöht (statt sie "konsumfreundlich" zu senken), und die Preise drohen weiterhin nahe des zweistelligen Bereichs zu steigen. Nun auch bei uns - ach nein, alle diese schwierigen Lebenssituationen gibt es doch eigentlich schon ein paar Jahre lang! Nun auch bei uns.
Litauer wie Ruslanas Iržikevičius, der in Vilnius lebt und seine Gedanken in seinem "Lituanica"-Blog aufschreibt, der sich als zugehörig einer "Perestroika-Generation" fühlt die sich damals immer Freiheit und Demokratie gewünscht hat, Ruslanas bezeichnet die unruhigen Tage etwas despektierlich als "Egg riots" (Eier-Unruhen). Dennoch sagt auch er, es seien die "ernsthaftesten politischen Aktionen seit dem Wiedergewinn unserer Unabhängigkeit" gewesen. Er weist auch auf Rita Grumadaite hin, Pressesprecherin von Präsident Adamkus. Sie hatte die Unruhen vom 16.Januar mit den Worten kommentiert, die Regierung möge nochmals die Belastungen überprüfen, die im Zuge des neuesten "Krisenbekämpfungsplans" den Geschäftsleuten und allen Einwohnern auferlegt worden wären.

Wer eher sarkastische Töne bevorzugt, könnte auch sagen: nun, wir haben uns (als Außenstehende) immer schon gefragt, woher dieser ganze neue Reichtum kam (an bestimmten Orten, bei bestimmten Bevölkerungsschichten - eher in den Städten als auf dem Lande). Bei so relativ geringen Löhnen teure Autos fahren, Neubauwohnungen nicht nur mieten sondern kaufen, immer das neueste Spielzeug für die Kinder kaufen, und all die vielen neuen Kneipen, Diskos und Bars von Zeit zu Zeit frequentieren - wie konnten sich das Litauerinnen und Litauer leisten? Sind es nur Phantomschmerzen der zukünftig ausbleibender Konsumvergnügungen, die nun zum medienträchtigen Protest treiben?
Sicher, es gibt eine gewissen Schicht neureicher Jungunternehmer, die solchen Lebensstil führen könnten, und in gewissen politischen Kreisen ließen sich solche Eindrücke auch sammeln - charakteristisch für "Durchschnitts-Litauer" sind sie nicht.

Frust und Randale - wo bleiben die "Sänger" der Revolution?
Ein anderes Kennzeichen der öffentlichen Proteste in Litauen war es, dass Demonstrationen nicht nur in Vilnius stattfanden: auch in Klaipeda, Siauiliai, Kaunas, in anderen Städten (Fotos der Aktionen in Klaipeda z.B. auf www.balsas.lt). Aber wer demonstriert da?
Es sind litauische Stimmen zu hören, die sagen: "So etwas gab es bisher bei uns nicht." So etwas? Ach ja, erinnern wir uns: die Massenproteste gegen das Sowjetregime Ende der 1980er Jahre waren unglaublich gewaltlos (die "singende Revolution"). Friedlich, geduldig, ja oft sogar mehrere Gruppen verschiedener Meinung in wenigen Hundert Meter Abstand erduldeten die gegenseitige Existenz und hofften auf die eigene Überzeugungskraft der Ideen. Für einen Außenstehenden (Deutschen) wie mich mutete das damals unglaublich demokratisch (die "Grünen" würden sagen: "basisdemokratisch") an. Nun könnten wir diskutieren, ob die damaligen Aktionen mehr von den durch Gorbatschows nur teilweise absichtlich gemachten Schritten hin zu mehr selbständigem Denken, oder von dem damit verursachten politischen Vakuum ausgelöste waren, oder mehr durch die Umsetzung eigener Ideen und Arbeitsformen der "Sajudis"-Bewegung. Aber offenbar hat niemand dieser damaligen Protestgeneration es weitergeben können: vor dem Parlament, DER Institution der erkämpften Demokratie in Litauen, treffen sich heute eher Mutlose und Frustrierte.

Schon sind Stimmen zu hören, denen zufolge die Protestierenden sich ja angeblich aus "Besoffenen, Vorbestraften und reisenden Chaoten" zusammengesetzt hätten. (in Lettland, noch besorgniserregender, sind wieder Sprüche zu hören, man hätte auf den gewalttägigen Demos "ja nur Russisch gehört" - Schuldige suchen, statt aufzuarbeiten, auch ein viel beobachteter Reflex). Zudem wird gerne darauf verwiesen, die meisten Litauer hätten eben keine Zeit zu demonstrieren, die müssten sich "ihren eigenen Problemen" widmen, und sie würden sowieso von den Politikern nichts halten ("alles Leute, die sich nur selbst bereichern").
Bei solcher Sachlage muss doch die Sorge erlaubt sein, wo Litauen hinsteuert. Wie stabil ist die Demokratie? Wie ausgeprägt ist auch das Bewußtsein der übrigen europäischen Länder für das, was inzwischen gemeinsam erreicht wurde? Werden plus und minus nicht mehr nur den betroffenen Ländern zur gefälligen Lösung zugeschoben, sondern ist ein gemeinsames Verantwortungsgefühl vorhanden? Schön wäre, auch in einigen anderen Punkten, die demokratischen Aufbruch sichtbar machen würden, ebenfalls sagen zu können: nun auch hier.