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24 Dezember 2023

Litauen - was war das noch genau?

Es ist noch nicht so lange her, dass Deutsche, egal ob im Osten oder Westen aufgewachsen, die drei baltischen Staaten nicht auseinanderhalten konnten: Hauptstadt von Litauen? Riga? Unsichere Rückfragen waren die Antwort. 

Heute, Ende des Jahres 2023, drohen die Potentiale Litauens wieder zu verschwimmen - ausgelöst von Putins gewaltsamen Agressionen gegen die Ukraine. Aber selbst wenn wir sicher sind, wer und was der Auslöser ist - diese Dominanz des Militärischen ist nur allzu bedauerlich. Einige von denen, die vor 10, 20 Jahren noch gar nicht wissen wollten, wo Litauen genau liegt meinen heute die Befindlichkeiten einschätzen zu können - sie vermuten, dass die Litauerinnen und Litauer vor allem froh seien, Mitglied der NATO zu sein.

Deutsche schicken zum Jahresende "Weihnachtsgrüße an Soldaten im Ausland" (SWR), und meinen damit auch Litauen. Litauer reparieren deutsche Panzer (Merkur) und freuen sich, dass die deutschen Soldaten bald kommen (Regionalheute). Zitiert werden litauische Aussagen wie diese: „Kein anderes Nato-Land leistet an der Ostflanke so viel wie Deutschland“ (RND). Eine "deutsche Kampfbrigade" wird als "Jahrhundertprojekt" (t-online) ausgerufen - was bedeuten würde, dass die deutsche Sicht auf Litauen nun auf Jahrzehnte (militärisch) verstellt sein würde. Wer es richtig "martialisch" mag, liest bei "3sat" nach: dort stellen die baltischen Staaten inzwischen "drei Stacheln im russischen Fleisch", und Litauen besteht hier aus einer unablässigen Folge militärischer Aktivitäten. 

Auch die finanzielle Seite wird immer wieder erwähnt: Deutschland stellt ein "Sondervermögen" (sprich: Schulden mit Deckname) bereit, müht sich aber - im Gegensatz zu Litauen - mit dem allseits diskutierten "2%-Ziel" ziemlich ab (= Anteil vom Bruttoinlandsprodukt, siehe "Tagesschau"), 2019 waren es auf deutscher Seite lediglich 1,2%. - Die deutsche Presse aber sorgt sich, ob Litauen die Stationierung "einer zweiten Armee" (so bezeichnete es Verteidigungsminister Anušauskas), also 5.000 deutsche, neben den eigenen 15.000 litauischen Soldaten, auch leisten kann. Derweil reformiert Litauen die Wehpflicht, auch ein Studium kann jetzt kein Grund mehr für eine Verschiebung sein (LRT)

Tja, somit können wir uns also vorstellen, woran Deutsche gegenwärtig denken, wenn das Stichwort "Litauen" fällt. Wohl nicht mehr zuerst an das Sommerhaus von Thomas Mann, zum Beispiel. Und es wird nicht besser, wenn wir mal vom Militärischen absehen. Immer noch irrlichtert die alte Legende durch die deutschen Medien, fast alle gestohlenen Autos würden irgendwann in Litauen landen (siehe "Die Zeit") Und es gibt inzwischen nicht nur Sorgen, über Belarus würden absichtlich Flüchtlinge nach Litauen und somit in die EU geschleust werden - es gibt auch angeworbene litauische Schleuser, die zum selben Zweck, mit nebulösen Versprechungen gelockt, in anderen osteuropäischen Ländern aktiv sind (Grenzecho)

Also: was sind die wichtigsten Schlagworte für Deutsche in Bezug auf Litauen? "Gefechtsbereit"? Es kingt wie eine seltsame Musik aus der Ferne, wenn wir uns erinnern, dass die Litauen-Werbung mal von Vilnius als "G-Punkt Europas" sprach (Blogbeitrag). Das war 2018. Inga Romanovskienė, bis vor kurzem noch Leiterin des Stadtmarketings von Vilnius, verteidigte den Slogan unter anderem mit dem Argument, in Deutschland habe man durch Umfragen festgestellt, nur 40 bis 50 von 1000 Menschen wollten überhaupt wissen, was Vilnius ist und wo es liegt. Ihr Ausruf damals: "wir haben nicht mal theoretisch die Chance, irgendein Image zu beschmutzen, denn wir haben überhaupt keins!" (eurotopics / madeinivilnius). 

Nein, die deutsch-litauischen Beziehungen werden andere Anknüpfungspunkte brauchen. Auch wenn Putin uns zu weiteren militärischen Anstrengungen zwingt. Immerhin registrierte ein einzelner Beitrag in der Berliner Zeitung (3.12.23) auch mal Litauen als "unterwegs ins Wirtschaftswunder" - abseits vom deutschen Medien-Mainstream. Zitat: "In für deutsche Verhältnisse erstaunlicher Geschwindigkeit werden da Straßen gebaut, Netze gelegt und öffentliche Nahverkehrsverbindungen eingerichtet. Die vollen Parkplätze zeigen zudem, dass es genügend Arbeitskräfte gibt. Das eine bewirkt das andere. Die Löhne steigen – und damit auch, derzeit, die allgemeine Zufriedenheit." Ein Stimmungsbericht, ausnahmsweise mal nicht aus irgendwelchen Kasernen. Aber Litauen, das sind auch nicht nur ökonomische Statistiken. Ich denke, Litauen ist mehr. 

Empfehlenswert zu lesen sind zum Beispiel die Aussagen von Laurent Le Bon, Chef des "Centre Pompidou" in Paris, über seine Litauen-Erfahrungen. Da finden sich Aussagen wie diese: "Litauen einfach als baltischer Staat zu präsentieren, ist ein Fehler!" (LRT) Litauen habe eine spezielle Identität aufzuweisen, die sich auch von den beiden "baltischen" Nachbarn unterscheide. Also: lesen wir nach, und schauen wir vor Ort mal nach!

28 April 2022

Neues aus Vokietija

Wahre und falsche Anwälte

In den frühen 90iger Jahren, als Bundeskanzler Kohl sich noch scheute, die baltischen Staaten mal mit einem Besuch zu beehren, prägte sein Aussenminister Kinkel den Spruch von "Deutschland, Anwalt der Balten". Allerdings meldeten böse Zungen schon damals: "ein Anwalt, der mit seinen Klienten nie zum Gericht ging". (siehe auch: Helge Dauchert) Symbolpolitik anstelle von klaren Worten. Da muss selbst Andreas M. Klein in einem Beitrag für die Adenauer-Stiftung konstatieren: manchmal sei Deutschland auch eher "advocatus diaboli" gewesen, nämlich dann, wenn "wenn die baltischen Belange die Erreichung deutscher Ziele und insbesondere das Verhältnis der Bundesrepublik zu Russland zu beeinträchtigen drohten." Was Deutschland anbot, waren "ultraspannende" 3+1-Treffen, also einmal jährliche Routine-Fototermine der jeweiligen deutschen Außenminister mit den baltischen Amtskolleg/innen. 

Deutsche Schablonen

Deutschland steht in Litauen eher selten im Fokus. Manches scheint selbst-verständlich: die Stärke der deutsche Wirtschaft wird auch von Litauen nicht angezweifelt, nicht zuletzt weil ja viele litauische Arbeitsmigrant/innen in den verganenen Jahren ihren Arbeitsplatz in Deutschland fanden. Und im Tourismus begügen sich die Litauer/innen damit, dass viele Deutsche eben nur die Kurische Nehrung kennen, und manche es eben auch nur für "ehemaliges Deutschland" (also Ostpreußen) halten. Zudem kommt manchen Deutschen nicht einmal der Name der litauischen Hauptstadt Vilnius über die Lippen - es wird streng behauptet, der "deutsche Name" (aus welchen deutschen Zeiten?) sei Wilna. 

Unruhe im Wirtschaftsparadies

Nun aber, seit der "Zeitenwende", ändert sich aber offenbar die Tonlage. Da ist zum Beispiel Vytenis Šimkus, Chefökonom bei der "Swedbank". Beruflich also in einer sehr ähnlichen Position, was Gitanas Nausėda machte, bevor er Präsident wurde. Deutschland gelte als "eines der konservativsten Länder Europas", meint Šimkus, und damit ist offenbar nicht "Traditionspflege" oder Ähnliches gemeint. Nach der Wiedervereinigung habe man Deutschland "Europäischer Patient" nennen müssen, meint der litauische Ökonom. Staatliche Sparmaßnahmen hätten in Deutschland dazu beigetragen, die Binnennachfrage weiter zu dämpfen und die Arbeitskosten zu kontrollieren, auch mit Hilfe der Hartz4-Regeln.Und 2008 habe man eben diese Bestimmung eingeführt, dass das strukturelle Haushaltsdefizit 0,35 % des BIP nicht überschreiten. "Sparsamkeit als staatliches Prinzip", diagnostiziert Šimkus, "eine sicher kurzsichtige Politik" (LRT / delfi)

Das "erste Opfer" der deutschen Sparpolitik sei eben das Militär gewesen, meint der Banker, denn in Deutschland "habe Millitär eben einen schlechten Ruf". In den letzten 10 Jahren habe Deutschland eben nur 1,2% für die Verteidigung ausgegeben, und das habe eben weder für Modernisierung noch für Instandhaltung gereicht. Allerdings sei das Militär nicht das einzige Opfer gewesen - auch bei der Infrastruktur und bei der Digitalisierung habe Deutschland Nachholbedarf. Und bei der Energieversorgung habe Deutschland eben auf "eine billige russische Tankkarte" gesetzt. Šimkus zitiert Constanze Stelzenmüller, Analystin für internationale Beziehungen, mit den Worten: „Deutschland hat seine Sicherheit an die Vereinigten Staaten, seine Energiepolitik an Russland und sein Wirtschaftswachstum an China abgegeben.“ (LRT/ delfi)

Neue deutsche Tugend: allein der Geiz?

Letztendlich möchten auch Ökonomen wie Vytenis Šimkus für ein stärkeres Europa plädieren. Aus der litauischen Presse lässt sich die Tendenz erkennen, nun eher den Worten von Außenministerin Baerbock zu glauben, als sich an den Sozialdemokraten Scholz und Steinmeier zu orientieren, ebenso wie ihre Aussage: "Wir unterstützen das Recht der Ukraine, sich zu verteidigen." (delfi) Auch die Aussagen Baerbocks zu verstärkten deutschen Bemühungen, die NATO-Brigade in Litauen weiter auszubauen, werden registriert. Und auch ein neues "Wording" finden die Litauer/innen: Baerbock sei "Vokietijos diplomatijos vadovė" ("die Leiterin der deutschen Diplomatie") (LRT). Deutlicher kann wohl kaum ausgedrückt werden, wo der Wunschpartner (also die Partnerin) auf deutscher Seite zu finden ist. Bezüglich "Olafas Scholzas" ztiert die litauische Presse da schon eher Umfragen, denen zufolge viele Deutsche mit der Scholzeschen Vorgehensweise unzufrieden seien (Respublika). Und etwas unglücklich für die deutschen Sozialdemokraten wirkt sich der Umstand aus, dass eben vor allem Scholz mit Deutschland identifiziert wird - und zum Beispiel Gesprächsergebnisse der Bundestagspräsidentin Bärbas Bas (ebenfalls SPD) mit ihrer litauischen Amtskollegin Viktorija Čmilytė-Nielsen eher unbeachtet blieben (mfa / lrs)

Es bleibt aber dennoch zu hoffen, dass sich das neue litauische Selbstbewußtsein, angesichts neuer Gefahren besonders geschärft, sich nicht aufs Abarbeiten militärischer Wunschlisten beschränkt. Und schon gar nicht auf Rechthaberei und Hochmut - gepaart mit dem sicheren Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen - Ähnliches wurde in den 1990igern mal den "Wessis" vorgeworfen. Denn wir wissen ja: diejenigen auf die es in solchen Situationen ankommt, die wirklich in der Lage wären, Tendenzen und den Lauf der Dinge zu verändern - die merken sowas immer viel zu spät.

18 Januar 2022

Mythen gesucht - oder gefunden?

Das neue Jahr ist angebrochen, das Kulturhauptstadtjahr für Kaunas hat begonnen. Erstes Schlagwort der Berichterstattung scheint die "Suche nach dem Mythos" der Stadt Kaunas zu sein. Doch was soll das bedeuten? In Beiträgen wie z.B. im "Stern" oder "Die Zeit" sind mehrere Punkte genannt:
- Kaunas steht im Schatten von Vilnius
- es gab im 20. Jahrhundert sowohl Blütezeit und Traumata in Kaunas

Gleichzeitig wird auch an die Schwierigkeiten mit der Kulturhauptstadt Vilnius 2009 erinnert: eine nationale Fluggesellschaft, die genau zu diesem Zeitpunkt bankrott ging, und oben drauf die internationale Wirtschaftskrise, die viele Projektideen undurchführbar machte. Eigentlich gab es noch mehr geplatzte Träume damals, die heute lieber nicht mehr erwähnt werden: so derjenige, den neu aufgebauten Palast 2009 feierlich einweihen zu können. Oder auch der Rücktritt von Kulturhauptstadt-Intendantin Elona Bajoriniene, und das daraufhin abgesagte Treffen des Netzwerks der "European Capitals of Culture" (ECOC) in Vilnius. Dazu die schwierige Aufarbeitung des Holocaust und der litauische Anteil daran: in Vilnius sei es sehr schwierig, nach jüdischen Spuren zu suchen, meinte Matthias Kolb im Deutschlandfunk damals. Und Andrew Baker klagte in der "Welt" sogar, Vilnius sei "keine würdige Kulturhauptstadt".

Aber macht es überhaupt Sinn, nach "Mythen" zu suchen? Oder, anders gesagt: wenn ein Mythos gefunden und definiert wird, was folgt danach? Die "Wiener Zeitung" interpretiert das Motto anders: "Kaunas will Mythen schaffen". Ziel wäre dann, Zitat "Wiener Zeitung": "Kaunas soll nun von einer in Nostalgie schwelgenden Stadt zu einer wachsenden, offenen Stadt werden, die an sich und ihre Zukunft glaubt." 

Das klingt logisch. Denn was weiß der "gewöhnliche Europäer" heute über diese ehemalige litauische Hauptstadt, die sich nun für ein Jahr wieder Hauptstadt nennen darf? .... Eben. Ein Beitrag in der "Augsburger Allgemeinen" zitiert einen Satz aus dem Programmheft: im Gegensatz zu Ungarn oder Polen sei hier ein klares Bekenntnis zur „Idee Europas“ zu finden.Ergänzt durch das Bekenntnis: „wir haben ans Publikum gedacht. Wenn Ihr aber nicht kommt, kann es kein Kulturhauptstadt-Jahr werden“.

Schade nur, dass Kaunas sich so ein langweiliges Logo gewählt hat. Oder soll es wirklich auf eine Verbindung zu katholischen Vereinen hinweisen? Katholische Kaunas Kolping Kultur? Da fragen nicht nur die Schweizer: Wer hat denn das erfunden??? wir werden versuchen, es 2022 aktiv zu ignorieren ... - denn dieses Logo hat Kaunas nicht verdient.



15 August 2021

Brennpunkt mit Vorgeschichte

Für Litauen ist es keine ungewohnte Situation: zwischen widerstrebenden Interessen verschiedener größerer Mächte. Nun in neuer Variante: Litauen als Eingangstor für Flüchtlinge, die aufwändig zu dieser ungewöhnlichen Route eingeladen werden. 

Ungemütliche Nachbarschaft

Wie Lukashenko das anstellt, gibt zum Beispiel die NZZ wieder, indem litauische Quellen (LRT) zitiert werden: "irakische «Reisebüros» werben Menschen für eine Reise nach Weissrussland an. Die «Touristen» müssen mehrere tausend Dollar hinterlegen, die einkassiert werden, sollten sie nicht zurückkehren. Hunderte Migranten gelangen so in die weissrussische Hauptstadt Minsk, wo sie sich einige Tage in Hotels aufhalten, bevor es in Minibussen an die litauische Grenze geht. Von da sind es nur noch wenige Meter in die EU. Instruktionen, wo der Grenzzaun einfach zu passieren sei, werden ihnen von den «Reiseleitern» mit auf den Weg gegeben." 

Hat also Diktator Lukaschenko das Nachbarland Litauen "in eine Falle gelockt", wie ebenfalls die NZZ schreibt? Der "Merkur", wo es noch "Belarus (ehemals: Weißrussland)" heißt, schreibt sogar, Lukashenko habe "sich mit 80,1 Prozent der Stimmen vor einem Jahr im Amt bestätigen lassen" - ja sind denn diese vom Diktator diktierten Zahlen glaubhaft? (Merkur)

Aus deutscher Sicht gibt es wohl vor allem zwei Sichtweisen: die einen denken vor alllem an die vergeblichen Versuche der belarussischen Opposition, Lukashenko, der sich offenbar nur noch durch Wahlbetrug und massenhafte Gewaltwendung an der Macht halten kann, zu verdrängen. Die anderen meinen wohl, das Ziel von Flüchtlingen könne wohl nur Deutschland sein, und Litauen nur ein Trittstein auf dem Weg dahin.

Rückblick

Ist das zu kurz gedacht? Als 2015 Deutschland (und andere Länder) hauptsächlich mit Flüchtlingen aus Syrien zu tun hatte, zeigte sich Litauen zunächst bereit 40 Flüchtlinge aufzunehmen (Zusage Butkevicius / NZZ), dann gestand man 250, schließlich 325 zu (Standard). Die damalige Präsidentin Grybauskaite musste beruhigen: "Wir müssen uns nicht vor Menschen fürchten, die vor Krieg, Verfolgung und Hunger fliehen." Die EU in Brüssel forderte damals Litauen auf, 780 Flüchtlinge aufzunehmen (heise). Eine Verteilung nach festen Quoten lehnte Litauen ab. 

Damals kam auch von deutscher Seite die Idee auf, EU-Länder bei Ablehnung von festen Flüchtlingsquoten mit der Kürzung von Finanzmitteln zu bestrafen (Sächsische). Auf litauischer (wie auch auf polnischer) Seite hätten manche auch gern "nur christliche" Familien aufgenommen. Schließlich lag die Zahl dann bei 1.105 Flüchtlingen, die Litauen aufzunehmen bereit war (Standard). Und der damalige litauische Innenminister Jankevicius reiste nach Griechenland und erklärte dort, Aufnahmewillige selbst aussuchen zu wollen - aber die griechischen Behörden hätten keinen einzigen Flüchtling identifizieren können, der nach Litauen wolle.

In der Folge reisten nun Journalisten nach Litauen, um aus Unterkünften für Asylbewerber/innen zu berichten (z.B. Pabrade). Und im November 2015 verabschiedete dann das litauische Parlament auch endlich mal ein Asylrechtsgesetz (LRT).

Ab Dezember 2015 übernahm dann Litauen einzelne Flüchtlinge aus Griechenland (Ntv / Euronews). Schon damals war gleichzeitig von einer Sicherung der Grenze zu Belarus die Rede. Ansonsten waren es eher Ukrainer/innen, Russ/innen oder Georgier/innen, die damals in Litauen Asylanträge stellten. Ein »Bund der litauischen Nationalisten« protestierte in Litauen gegen die Aufnahme muslimischer Flüchtlinge. (JungleWorld). 

Im März 2016 kam dann die Meldung, auch eine Flüchtlingsroute über Litauen werde vom Grenzschutz für möglich gehalten - verbunden mit einer vermuteten Weiterreise Richtung Skandinavien. (Focus) Als Litauen dann Grenzschützer und Polizisten nach Griechenland schickte (NZZ), erregte der Fall von Abdul Basir Yousofy Aufsehen, ein Afghane, der von dort aus Litauen um Asyl bat - ein litauisch sprechender Flüchtling, denn er hatte in Afghanistan fürs litauische Militär als Übersetzer gearbeitet (Stern).

Während Journalist Tomas Čyvas sogar einen "neuen eisernen Vorhang" fordert, diesmal als Abschottung für Litauen (eurotopics), berichtet die russische Agentur Sputnik schon 2016, Litauen bereite sich nun auf die Abriegelung der Grenze zu Belarus vor. 

Quoten, Anträge, Abschottung

"Diese Migrationskrise ist komplizierter als die Wirtschaftskrise", seufzte 2016 Präsidentin Grybauskaite im Interview mit dem Deutschlandfunk und gibt gleichzeitig zu Bedenken: "wir haben keine Erfahrung mit der Integration muslimischer Menschen." Im November 2016 wird gemeldet, dass 35 gemäß EU-Verteilungsplan nach Litauen geschickte Flüchtlinge das Land wieder verlassen hätten - aus Enttäuschung über ausbleibende Hilfe und Unterstützung (RP-online).

In dieser Zeit schreibt der deutsche Autor Nils Mohl vom "Land der Helden – Litauens ganz eigene Flüchtlingskrise" (Baden online). Von einem "Land der Helden" (Nationalhymne) ohne Willkommenskultur und fast ohne Einrichtungen für Flüchtlinge, hingegen mit einem enormen Alkoholkonsum und dem Europameistertitel in der Suizidrate. So Nils Mohl. 

2017 wehrt sich der aus dem Iran stammende Journalist Sirus A. juristisch gegen seine Abschiebung nach Litauen und flüchtet sich ins Kirchenasyl in Rheiberg: "Ich habe Angst um mein Leben" (RP-online). 

Schon zu dieser Zeit wies Litauen immer wieder auf die besondere Lage des Landes hin: einerseits die massenhafte Auswandung besonders junger Litauerinnen und Litauer in Richtung besser bezahlter Jobs in anderen EU-Ländern, und andererseits die Unterstützung für die demokratischen Bewegungen in den östlischen Nachbarländern wie der Ukraine und Belarus.

Keine Einigkeit unter Demokraten?

Aktuell besteht wohl die Gefahr, dass Litauens Haltung von deutscher Seite entweder nur sarkastisch bis ironisch betracht wird, oder aber offen ablehnend - denn "flüchtlingsfreundlich" war Litauen in den vergangenen Jahren nie, höchstens "EU-bündnistreu".

Mit der Willkommenskultur gehe es zu Ende, meint ein Leserbriefschreiber, dem der "Trierer Volksfreund" Platz zum exklkusiven Abdruck einräumt, und der gleichzeitig behauptet, 2015 sei "für eine Politik der offenen Grenzen" geworben worden. Nun ja, viele sind eben nur in der Lage, es aus der eigenen Perspektive zu sehen. Interesse für die litauische Perspektive? Hm, solange es schlagzeilenträchtig ist ...

Inzwischen hat Nachbarland Lettland den "Ausnahmezustand" erklärt; unter diesen Bestimmungen dürfen Sicherheitskräfte in bestimmten Fällen physische Gewalt anwenden, um Migranten zurückzudrängen. Grenzbeamte sind während des Ausnahmezustands außerdem nicht verpflichtet, Asylanträge von Migranten zu akzeptieren. (Tagesspiegel) Und "Euronews" schreibt ein bischen selbstverliebt: "Niemand hat die Absicht, einen Zaun zu errichten" - was hier die Gemeinsamkeit zwischen der Mauer, die Deutschland teilte, und der litauischen Grenzsicherung sein soll - hier wird wohl auf Kosten von Litauen gewitzelt. Wohl weil es gerade zum Jahrestag des Mauerbaus passte - das nennt sich verantwortungsvoller Journalismus. Jeder nach eigenen Maßstäben offenbar.

S

20 Juli 2021

General Grybauskaite?

Jens Stoltenberg war Ministerpräsident Norwegens und wurde 2014 Generalsektretär des Militärbündnisses der NATO. Seine Amtzeit endet zwar erst im September 2022, aber das Magazin "Politico" hat schon jetzt die Diskussion um seinen Nachfolger eröffnet. Nachfolger? Warum sollte es denn nicht mal eine Frau sein? So fragt Autor David M. Herszenhorn. Seinen Angaben zufolge wünschen sich einige nach 72 Jahren NATO einfach mal eine Frau an der Spitze, andere setzen die Priorität eher in "einem starken Signal in Richtung Moskau" - also eine Person aus Osteuropa. 

Andererseits heißt ja eine alte Regel: wer seinen Hut zuerst in den Ring wirft, hat meistens schon verloren. Oft werden die mehrheitsfähigen Kandidat/innen erst ganz zuletzt "aus dem Hut gezaubert" (um mal beim Hut zu bleiben), so ging es ja auch Ex-Ministerin von der Leyen. Ob also die beiden Expräsidentinnen Grabar-Kitarović (Kroatien) oder Kaljulaid (Estland) realistische Chancen hätten? Oder gar die Litauerin Dalia Grybauskaite als "General"-sekretärin des NATO-Militärbündnisses? (LRT / LRytas) Würde sie 2022 ernannt, könnte sie beim NATO-Summit 2023 in Litauen "Gastgeberin" sein (Baltic Times). Aber könnte sich Deutschland damit anfreunden, dass Grybauskaite eine "militärische Führungsrolle" der Deutschen fordert? (FAZ / Süddeutsche / Augsburger Allgemeine / Volksstimme)

Nun ja, in Deutschland hätten wir da noch eine Annegret Kramp-Karrenbauer: ihre Vorgängerin hat ja vorgemacht, dass frau aus diesem Ministeramt heraus gut Karriere machen kann. Angeblich soll auch noch die britische Ex-Premierministerin Theresa May bei einigen auf der Vorschlagsliste stehen. Und in Italien gibt es ja noch Federica Mogherini, Ex-Außenministerin und von 2014 bis 2019 zuständig für die EU-Außen- und Sicherheitspolitik.

Abb.: NATO
Braucht die NATO weibliche Führung? Brauchen wir die NATO? 

Arvydas Anušauskas, gegenwärtig Verteidigungsminister der Republik Litauens, setzte in einem Interview kürzlich die Prioritäten der NATO so: Stärkung des Artikels 5 des NATO-Vertrags (Angriff gegen einen ist Angriff gegen alle), eine realistische Bewertung der Bedrohungen aus Russland, und eine gleiche Verteilung der finanziellen Lasten (= Zusage Litauens, 2% des BSP für Militärausgaben zu reservieren). Zu einer Notwendigkeit für Frauen in Führungspositionen sagte er nichts. 

"Es wäre eine große Errungenschaft für Litauen, wenn Dalia Grybauskaite eine solche Position ausfüllen könnte," so lässt sich Povilas Mačiulis, Chef-Berater des amtierenden Präsidenten Nauseda, zitieren (Baltic Times). Allerdings, so Mačiulis, müssten dann alle litauischen Institutionen sich auch dafür einsetzen, dass es auch realisiert werde.

41% der von der NATO Beschäftigten seien Frauen, so steht es auf einem NATO-Factsheet "Women, peace and security" (Stand Oktober 2020), zusammen mit einem Bekenntnis zu genderneutraler Sprache. Ob sich eine Frau also mit der weiblichen Form des Titels "Sekretär" überhaupt anfreunden könnte?

13 Mai 2021

Gelbes Litauen

Seitdem das Schlagwort "Corona" weltweit bekannt wurde, ebenso ein Zustand im "Lockdown" und ähnlichen Zuständen, sind viele kulturelle Aktivitäten vollständig zum Stillstand gekommen. Auch im Mai 2021, wo in Deutschland alles von der "Bundesnotbremse" dominiert wird (oder vor kurzem wurde) haben wir uns daran gewöhnt, dass viele Veranstaltungen entweder ausfallen oder in den digitalen Raum verlegt werden. Nun ist es wieder Mitte Mai, und, da war doch was?

Noch nie hat ein litauischer Beitrag die "Eurovision" (früher: Grand Prix d-Eurovision) gewonnen. Außer im pandemischen Lockdown 2020. "The Roop" gewannen 2020 das sogenannte "deutsche Finale" vor leeren Rängen in der Elbphilharmonie (RND). Litauen sei "Sieger der Herzen", so schrieben die deutschen Fans auf "eurovision.de". Die Reaktionen in Litauen können wir uns beinahe denken: ganz nett, aber besser wäre, wenn wir mal "wirklich gewinnen".

Gelber Klamauk auch
im Krankenhaus - ob das
die Gesundheitsbranche in
Litauen, die momenten viele
andere Sorgen hat, wirklich
witzig findet?

Nun wird ja "The Roop" 2021 erneut antreten dürfen - schon das symbolisiert den "Entschädigungscharakter" dieser Entscheidung zur Genüge. Aber immerhin war also auseichend Zeit, eine ordentliche Kampagne zu starten. Motto: Weg mit den schwarzen Pluderhosen von 2020, her mit der grellsten Farbe, die Litauens Nationalflagge zu bieten hat: GELB! Die gelbe Werbekampagne rollt (zumindest in Litauen), und entsprechende Imagefilme und Videos versuchen sogar den Eindruck zu erwecken, ganz Litauen trage im Mai 2021 gelb. 

Wer sich mitreißen läßt, dem und der wird einiges geboten: Bandleader Vaidotas bezeichnen die Fans als "charismatisch", es gibt neben dem Song "Discotheque" auch einige spezielle "Moves" und Handbewegungen, und natürlich das allgegenwärtige Gelb. Und das letzte Argument, wenn alle anderen vielleicht vom "Trällerwettbewerb" reden, bringen die Fans: "Genau das ist eben der ESC! Verrückt, bunt, überdreht!". Und genau das erwarten ja viele. 

Der "Roop-Rhythmus" in vielfacher
Variante - vielleicht eine Methode, um
den eigenen Arbeiter/innen
über die pandemische Melancholie
hinüberzuhelfen? (hier: Lietuvos Rytas)

Ob allerdings die Be-mühungen, ganz Litauen im "gelben Rausch" zu zeigen, immer so ganz glücklich ausfallen? Einerseits konnten viele der Videoclips vielleicht günstig auf pandemisch geleerten  Straßen und Plätzen gedreht werden. In stillstehenden Fabriken tanzen die Lagerarbeiterinnen und die Praktikant/innen - litauische Art, optimistisch mit dem vom Virus und seinen Varianten erzwungenen Stillstand umzugehen? - Andererseits sehen wir dann auch Krankenhaus-Angestellte sinnlos durch die Flure hüpfen - ist es eher Aufmunterung oder Veralberung der Gesundheitsbranche? 

Vorstadtkids für Litauen: alles in Schwung!
Nun ja, vielleicht ziemt es sich aus litauischer Sicht nicht, hier Kritik üben zu wollen. Wie gesagt: Litauen hat den ESC noch nie gewonnen. Wie stehen die Chancen? "ESC-kompakt" findet immerhin, dass Litauen im Halbfinale den zweiten Platz machen wird. Ja, eine Finalteilnahme wäre schon mal die erste Stufe zum Erfolg - und würde die vielen "vergilbten Maßnahmen", so wie sie zum Beispiel bei "Kulturport.de" gut wiedergegeben sind, rechtfertigen. 

Das Finale steigt am 22. Mai 2021 in Rotterdam. Alle Teilnehmenden mussten bis zum 26. März Videos einreichen - vorsorglich für den Fall, dass auf einer Bühne am 22.5. nichts stattfinden kann. Der Veranstalter EBU kündigte an, dass bis zu 3500 Fans in der Rotterdamer Ahoy-Arena dabei sein können - aber das steht noch unter Vorbehalt. Die Halbfinals werden voraussichtlich vom TV-Sender ONE übertragen, das Finale dann in der ARD. Aber auch beim Platz vor dem Fernseher oder PC ist ja noch ist nicht klar, mit wievielen Bekannten aus wievielen Haushalten das dann an welchen Orten geschaut werden kann - und was macht eigentlich der diesjährige deutsche Beitrag? In der ARD-Vorschau präsentiert er sich in gelber Jacke - ist das ein Vorzeichen?  

Noch mehr Gelb: Lithuaniagoesyellow

18 März 2020

Litauen repatriieren

Schlagzeile dieser Tage (MOZ 17.3.): Litauer*innen per
Sondertransport ab "nach Hause"
Ja, wer in letzter Zeit ein paar Wochen irgendwo einsam im Wald gelebt hätte, ohne Zeitung, Fernseher oder Internet, der würde sich sicher wundern: noch vor kurzem schien es ziemlich unabwendbar, dass Zehntausende von Litauer*innenin ganz Europa verstreut arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Billigreisen und Billigjobs verteilten die Arbeitskräfte in Europa neu, oft weit entfernt von den Heimatländern. Nun plötzlich, nahezu von einem Tag auf den anderen, fast gegensätzlich: Züge, Busse und Schiffe werden regierungsamtlich gechartert, um Litauer*innen "heimzuholen", oder zu "repatriieren", wie manche es ausdrücken.

Krise im Frühjahr? Dann bewerben wir eben den Sommer!
(litauische Reisereklame im März 2020)
Der litauischen Nachrichtenagentur LRT zufolge erfreuen sich Menschen in Vilnius zu Quaratänezeiten fröhlich auf den Straßen mit dem litauischen Beitrag zur diesjährigen Eurovision - dabei ist allerdings inzwischen der ESC 2020 in Rotterdam ebenfalls bereits abgesagt.
Abends um 19 Uhr solle den im litauischen Gesundheitswesen tätigen Menschen applaudiert werden - dazu rief der litauische Radiosender "Zipfm" auf.

Auch Rückflüge für Litauer*innen werden offenbar organisiert - allerdings für die Betroffenen alles andere als kostenfrei. Angeblich sollen sich allein auf der spanischen Insel Teneriffa 6.000 Litauer*innen aufhalten; Rückflüge von dort nach Litauen sollen 500 Euro kosten. (LRT) Die Firma TEZ-Tour kündigte "Repatriierungsflüge" von Amsterdam nach Vilnius für 235 Euro an.

Andere heimkehrenden Litauer*innen erzählten in den litauischen Presse, man habe auf einen "humanitären Korridor" gehofft - also dass heimkehrende Litauer*innen Deutschland und auch Polen durchqueren dürfen. Das sei aber so nicht eingetreten. Hunderte sassen an der polnischen Grenze fest, und wurden schließlich zum Hafen Sassnitz auf Rügen zu einer Überfahrt per Schiff geleitet.

Weniger Schlagzeilen machen heimgekehrte Litauer*innen. Denn nicht alle Nachbarn und Mitbewohner*innen sind offenbar froh, wenn alte Bekannte aus fernen Ländern ins geliebte Litauen zurückkehren: manche erwarten offenbar, dass alle Heimkehrer*innen sich "freiwillig" zunächst in Quarantäne begeben. Die Informationsseite der litauischen Regierung scheint entsprechende Befürchtungen zu bestätigen. Hier lesen sich die akutellen Meldungen in nüchternen Zahlen: drei neue Corona-Kranke in Litauen am 15. März - alle waren kürzlich aus dem Ausland zurückgekehrt. Zwei neue Fälle am 16. März, einer war aus Spanien, einer aus Deutschland zurückgekehrt. Klar ist: ob Staatsbürger*innen, Eu-Bürger*innen oder Ferntourist*innen - die Viruserkrankung läßt sich weder auf Volksgruppen noch auf Altersgruppen beschränken. Die Maßnahmen der litauischen Regierung gelten zunächst bis zum 31. März. 

29 Juli 2019

Stabwechsel

Wenn es in Deutschland in der politischen Diskussion um Litauen geht, dann ist damit gegenwärtig meist die Entsendung von Einheiten der Bundeswehr gemeint. Gerne auch, wenn da etwas nicht klappt oder ein Flugzeug nicht startet (MDR / Süddeutsche). Die überraschende Ernennung der CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin, und auch der Abgang von Ursula von der Leyen nach Brüssel hat diesen Fokus noch verstärkt - auch weil "AKK" dann gleich das besonders von den USA ausgerufene "2%-Ziel" sich zu eigen machte. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) habe aber 2023 nur 44 Milliarden Euro eingeplant, zitiert "Die Welt" und rechnet vor: die Nato-Quote würde damit von 1,37 Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung auf 1,24 Prozent zurückgehen.

Wo sonst oft eher von "Frauenquoten" die Rede war, sollen jetzt "Rüstungsquoten" eingeführt werden? Oh, pardon - sie sind ja längst eingeführt; schon 2004, beim Beitritt der baltischen Staaten zur Nato, war davon die Rede - und es wurde kommentarlos ein "Nachlass" gewährt, da es ja völlig unsicher schien, ob diese Staaten wirtschaftlich stabil bleiben würden. Auch heute ist klar: wer in deutschen Medienberichten nach dem Wort "Litauen" sucht, wird zu einem hohen Prozentsatz Beiträge über deutsche Hilfssammlungen und karitative Spenden finden. Zehntausende Litauerinnen und Litauer sind ins Ausland gegangen, um eine angemessen bezahlte Arbeit zu finden.

Dr, Gitanas Nausėda im Oktober 2014 in einer
Bremer Straßenbahn - auf dem Weg zur Vorstellung
des Buches "Chro
nik der Schule zu Nidden"
(zusammen mit Dr. Gabrielė Žaidytė, damals
Kulturattaché der Litauischen Botschaft in Berlin)


Den Wechsel hat es in Litauen im Präsidentenamt gegeben: Gitanas Nausėda, man könnte ihn den "Vater des litauischen Euro" nennen, ist seit dem 12. Juli litauischer Präsident. Einen Teil seines Studiums hat er in Deutschland absolviert, er spricht Deutsch ausgezeichnet, also könnte er ja auch eine neue Farbe ins deutsch-litauische Verhältnis bringen. Das zeigt auch sein Interesse für Kulturgeschichte: beim Buch über die Schule von Nidden ist er Mitherausgeber, er selbst entdeckte die alte Schulchronik. Auch bei seinem Antrittsbesuch im Nachbarland Lettland gab es ein Buchgeschenk (lrp.lt) - und auch Präsident Steinmeier ist ja zu seinen Zeiten als Außenminister schon in Nidden gewesen (Baltic Times / AA), da liegen die Vorschläge für die nächsten Buchgeschenke nahe.

Was bedeutet der Wechsel für Litauen? Nun ja, einige beklagen, dass der litauische Präsident zwar von allen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern gewählt werde - aber mal wieder keine akzeptable Person zur Wahl gestanden habe. Zum Präsident wird eben doch nicht jede/r gewählt.

Vom "Ende der Ära der eisernen Lady" schreibt die lettische Presse, auf den Abschied Dalia Grybauskaites fokussierend (lsm). Gleichzeitig wird prognostiziert, der neue Präsident Nausėda könne sich nun wieder verstärkt den direkten Nachbarn Lettland, Polen und Estland zuwenden, nachdem Grybauskaite viel von der EU. den USA und dem Schicksal Europas geredet habe. - Einige in Litauen hatten sich wohl erhofft, Grybauskaite könne auf einem hohen Posten in Brüssel weitermachen.

Nausėda seinerseits sprach sich sehr zeitig zugunsten einer Kandidatur Ursula von der Leyens zur EU-Kommissionspräsidentin aus (lrp.lt) "Litauen wird von ihrer Kenntnis der Sicherheitslage profitieren," so zitiert ihn die "Baltic Times". Laut aktuellen Umfragen sehen 73,7% der Litauerinnen und Litauer ihren Präsident gegenwärtig positiv (Baltic Times). Nausėda wird aber sicher noch daran arbeiten müssen, nicht nur als Präsident der Wirtschaftsbosse zu gelten - ein großer Teil der Bevölkerung erwartet, wieder mit größerer Zuversicht im eigenen Lande das Auskommen zu finden.
Und worauf warten die Deutschen? Na, vielleicht auf einen Staatsbesuch in Mannheim ... !

08 Januar 2019

Wünsche für das Neue

Was bringt das Neue Jahr in Litauen? Bereits im Dezember hatte es landesweite Streiks der Pädagogen in über 100 Schulen und Kindergärten gegeben - sie fordern eine Lohnerhöhung um nicht weniger als 20%.

so illustriert die
litauische Regierung
ihre Arbeit
Der Haushaltsentwurf von Ministerpräsident Skvernelis für das Jahr 2019 sah allerdings keine erhöhte Zuwendung für Lehrerinnen und Lehrer vor (bnn). Wohl eingeplant hat die Regierung eine Erhöhung des Verteidigungshaushalts auf 2,05% BSP.

Immerhin stehen 2019 in Litauen dreifache Wahltermine an: den Anfang machen die litauischen Kommunalwahlen am 3. März. Im Mai 2019 wird dann gleich zweimal gewählt: am 12. Mai stehen Präsidentschaftswahlen an (Präsidentin Grybauskaite kann nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren, gesucht wird ein Nachfolger / eine Nachfolgerin). Und am 26. Mai folgen dann noch die Europawahlen.

Stehen also für Litauen in diesem Jahr besonders schwierige Zeiten an? Der Politologe Kęstutis Girnius wird mit dem Satz zitiert: "Lehrer und medizinisches Personal streiken bei uns eigentlich immer, unter jeder Regierung. Weder diese Regierung noch die nächste wird dieses Problem lösen." - Ist es so einfach? Oder dehnt die litauische Regierung das Militärbudget unnötig aus, um US-Präsident Trump zu gefallen, vernachlässigt aber die Sorgen der Menschen im eigenen Lande, so wie bei den Lehrern? Skvernelis vermutete schon vom Kreml unterstützte radikale Oppositionelle hinter den Streiks der Lehrer/innen (bnn / heise).

"Unser Ziel ist es zu sichern dass Litauen ein guter Platz ist zu leben, jeder Mensch sich glücklich und respektiert fühlt, mit einem starken Staat." Dieser Satz findet sich auf der Webseite von Ministerpräsident Skvernelis. Nehmen wir es mal als guten Vorsatz fürs Jahr 2019!

12 April 2018

Der Baltenbeste

"Baltische" (litauisch-lettische) Projekte, auch
von der EU gefördert (INTERREG)
Was sind eigentlich "Balten"? Vielleicht die Bewohner des "Baltikums"? Tatsächlich steht es so im "Duden" (online). Aber viele haben sich diese Fragen schon gestellt, und ebenso viele wurden schon mit vereinfachenden Antwortschablonen abgespeist. Manche führen die Bezeichnung auf die "baltischen" Stämme zurück, so wie sie vor einigen Jahrhunderten existierten - also Selonen, Schamaiten, Galinder oder Jadwinger. Andererseits begannen auch die Deutschen, die im bis zum 1.Weltkrieg existierenden, alten "Livland" wohnten, sich als "Balten" zu bezeichnen - "Baltendeutsche" eben (ein vor allem in der Nazizeit üblicher Begriff), oder "Deutschbalten" (wie es heute üblich ist).
Für wieder andere ist "Twangste" der Schlüsselbegriff, eine (alt-)prussische Burg, die ungefähr dort gestanden haben soll wo später die Deutschen ihr Königsberg erbauten - als geschichtlicher Beweis, dass nicht erst die Deutschen diese Gegend als erste besiedelten und "kultivierten", wie sie es oft meinten.
Sogar vom lettisch/litauischen Wort für "weiß" (= "balts", litauisch = "baltas") leiten manche den Begriff "Baltikum" ab - das "weiße Meer" ("Baltijas Jūra" / "Baltijos Jūra"). Oder doch das "Baltikum-Meer"? (Die Esten sind da eindeutiger: Ostsee = Läänemeri / "Westsee")

"Balten" also. Schwierig wird es vielleicht, wenn sich aus Estland stammende Deutsche als "Balten" bezeichnen, ihre (ehemaligen) Nachbarn, die Estinnen und Esten, aber ausdrücklich nicht. Schließlich sprechen Esten eine finno-ugrische, keine indoeuropäische Sprache, und nähern sich gern dem "Nordischen" an - ihren Brüdern und Schwestern, den Finninnen und Finnen, und Skandinavien eben.

Nun wollen offenbar Lettland und Litauen ein Zeichen setzen - und suchen "den besten Balten". Die beiden Außenministerien, das litauische wie das lettische, wollen damit auf den 22. September hinweisen - den von beiden Ländern inzwischen festgelegten "Tag der Baltischen Einheit" (siehe Blogbeitrag). Auf dass dieses Datum nicht nur eine Art romantische Erinnerung an verlorene Zeiten und Chancen sei (hätten wir nur damals so weitergemacht, so einig!), sondern neuen, aktuellen Sinn ergebe. Der "Baltische Preis" ("Balt's Award" / "Baltų apdovanojimas" / "Baltu balva"). Linguisten, Historiker, Journalisten oder Übersetzer seien damit besonders angesprochen - vermutlich besonders solche, die insbesondere zusammen mit dem "baltischen" Nachbarn wirken.

Künftig also: "der beste Balte" - im litauisch-lettischen Sinne (die Bezeichnung "Baltų apdovanojimas" als "Weißen Preis" zu übersetzen wäre vielleicht nicht angemessen). Öffentlich geehrt, die Ausgaben für das Preisgeld von 3000 Euro wollen sich die beiden zuständigen Ministerien teilen. Bis zum 31. Mai werden Vorschläge gesammelt, am 22.9. soll erstmals geehrt werden. Kommunikationssprache ist dabei - baltisch neutral - ausschließlich Englisch. Die Vergaberichtlinien sind im Internet abrufbar. Demnach soll eine zehnköpfige Jury über die Vergabe entscheiden - in geheimer Abstimmung. Mit welcher Mehrheit, in wie vielen Wahlgängen - das ist nicht festgelegt.Bleibt abzuwarten, ob dies eher - wie in so vielen anderen Fällen - ein Hilfsmittel zur Prestigeerhöhung der sowieso Bevollmächtigten sein wird; ob also wieder Präsident/innen, Stars des Kulturlebens, Politiker/innen geehrt werden, oder vielleicht mal die eher unbekannten, aber umso aktiveren Individualisten, Nichtregierungsorganisationen, Unberufene. Die Jury und die Ministerien werden es entscheiden.

25 Januar 2018

Brex-Lit für Zehntausende

Mit 170.000 Litauerinnen und Litauern, die in Großbritannien registriert sind, bildet Litauen die zweitstärkste Gruppe von Ausländern im Vereinigten Königreich, nach Polen. Insgesamt seien es 1,4 Mill. Menschen aus Osteuropa, darunter 916.000 Polen (Guardian). Das britische Office for National Statistics (ONS) stellt in einer aktuellen Studie außerdem fest, dass die britische lebensmittelverarbeitende Industrie am meisten von Arbeitskräften aus dem EU-Ausland abhängt: bis zu 25%. Die Arbeitslosenquote stellte das Institut mit 4,3% fest.

Immerhin haben "Litauer in Großbritannien" ja auch schon einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Inzwischen aber ist die Einwanderung nach Großbrittannien auf ein Rekordtief gefallen (so berichtet der "Telegraph"). Es kamen 2016 aber noch 248.000 - während Prime-Ministerin Theresa May mal davon sprach, sie strebe eine "Obergrenze" von 100.000 an. Was die "EU8” angeht - dazu zählen die Briten Tschechien, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, Polen, die Slowakei und Slowenien - so fielen die Zuwandererzahlen um 25.000 auf 48.000, während die Zahlen der Rückwanderung in diese Länder um 16.000 auf 43.000 stiegen (im Jahr 2016).

Auch die englische Presse interessiert sich für Litauen. Einen aktuellen Bericht aus Litauen bringt der "Economist" -  aus Panevežys im Norden Litauens. 40 Arbeitsplätze habe dort ein norwegischer Investor im Bereich Textil geschaffen - er findet aber nicht genügend Mitarbeiter. Es gebe nur noch halb soviel Studierende in seiner Gemeinde, wird der Bürgermeister zitiert; Fachleute sagen daher den Litauern ein um 3-4% geringeres Bruttosozialprodukt für 2030 voraus, als es ohne die starke Arbeitsemigration der Fall wäre.
Berichtet wird auch über staatliche Programme, litauische Experten ins Land zurückzuholen ("Kurk Lietuvai" / "Create Lithuania"). Milda Darguzaite, eine der Programmverantwortlichen erzählt, das Programm habe 100 litauische Expert/innen zurückholen können - im Laufe von 5 Jahren. Unter diesen Rückkehrern sei ein Politiker, ein stellvertretender Bürgermeister und mehrere Berater des Regierungschefs gewesen; die Ärzte oder Ingenieure zurückzubringen, das sei weitaus schwieriger.


"Let's move to Wisbech" - diese Aufforderung scheinen besonders Litauer/innen gehört zu haben. Die kleine, mittelenglische Markt- und Hafenstadt an der Ostküste gilt als einer derjenigen Orte, wo viele Litauer/innen leben (bis zu 5.000, bei 28.000 Einwohner / The Sun). Als "Little Lithuania" bezeichnete es 2014 die örtliche Zeitung "Wisbeck Standard". Auch Polen und Rumänen prägen den Ort - aber damit sei keine Beeinträchtigung der öffentlichen Sicherheit damit verbunden, urteilten die meisten Zeitungsleser. Allerdings in der Stadt bei den vergangenen Wahlen ein starker Zuwachs der Anti-EU-Partei UKIP zu beobachten gewesen. Im Oktober 2017 gab es dann den Fall eines Litauers, der erst seine Frau zu Tode geschlagen haben soll, und dann schlafend in einem Zelt im Wald nahe Wisbech festgenommen wurde. Litauer als Thema in der britischen Öffentlichkeit - inzwischen keine Seltenheit mehr.

Wie wird es mit den Litauern unter den Briten weitergehen? "Auch der Brexit hat nichts daran geändert, dass Litauen eine der am stärksten schrumpfenden Bevölkerungen in der EU hat," schreibt das Portal Bloomberg. Offenbar haben sich im Ausland an verschiedenen Orten litauische Gemeinschaften gebildet, die einfach den Zustrom aufrechterhalten und vereinfachen, vermutet dieser Bericht. Einem Beitrag bei "Euroaktiv" zufolge überlegt gegenwärtig die litauische Regierung, im Ausland lebenden Litauern unter gewissen Bedingungen eine doppelte Staatsbürgerschaft zu erlauben. "Wir wollen diese letzte Verbindung zum Heimatland nicht zerstören", wird Regierungschef Skvernelis zitiert.

09 November 2017

Bono's Bonus

Ja, das ist schon krass. Da stellt ein international bekannter Künstler einen Teil seiner persönlichen Ersparnisse zur Verfügung, um dass in Litauen die ländliche Infrastruktur verbessert werde. Oder wie sollten wir es nennen? "Bono investiert in litauische Firma" (Tagesschau), "Bonos Litauen-Tournee" titelt die Süddeutsche Zeitung. Ein Journalist des STERN war sogar schon vor Ort, um sich anzusehen, wie dieses Einkaufszentrum in Utena denn wohl aussieht, als Steuersparmodell für Rocklegenden. Der "Stern" zumindest ist enttäuscht: "piefig, provinziell, langweilig."

Investment in Litauen: wer investiert hier in wen?
Etwas griffiger liest sich die Schlagzeile im schwedischen "Aftonbladet": "Bono köpte köpcenter".  Aber so simpel ist die Sache gar nicht, die da unter dem Schlagwort "Paradise papers" vom "Netzwerk investigativer Journalisten ICIJ" öffentlich gemacht wurde. Was genau die Firmen, an denen der Brite mit dem unscheinbaren Namen Paul David Hewson Anteile hält, wirklich machten, hat ihn sehr wahrscheinlich gar nicht so im Detail interessiert - davon zeugt schon die Tatsache, dass weder U2 noch Bono jemals in Litauen waren.

Vielleicht werden alle diejenigen in Litauen, die immer von einer glorreichen Zukunft steuerbegünstigter Projekte, von Sonderwirtschaftszonen oderdem freien Kapitalfluß schwärmen, sich irgendwann einmal doch mit Herrn Hewson treffen. Denn offenbar war keines der Argumente wie "Talente, Qualität, Kosten, Infrastruktur, Lebensstil" hier entschiedend, die beispielsweise "Invest Lithuania" so hervorhebt. Warum Litauen? Na, es war eben in dem Korb der Steuervermeidungsmodelle irgendwie mit drin. 

"Nude Estate" - nacktes Grundeigentum. Mit "Herrn Bono" als stillem Mehrheitseigner. Mehr Fantasie war nicht nötig. und wenn doch, dann eben "Nackt 1", "Nackt 2" und so weiter. Firmen, registriert auf der Steuersparinsel Malta (Steuersatz maximal 5%). Weit weniger romantisch, als es die 3700qm Konsummeile "Aušra" ("Morgenröte") nahelegen will. Und angeblich lief es ja auch nicht gut in Utena. Seit 2011 soll das Einkaufszentrum keinen einzigen Cent Unternehmensgewinn ausgewiesen haben, wie berichtet wird. "Verlustvortrag" nennt sich das im Finanzendeutsch. Schätzungen zufolge macht das eine "Steuerersparnis" von bis zu 47.000 Euro aus (BBC).

 "Aušra" wurde gebaut vom litauischen Projektentwickler EIKA. 2006 eröffnet, wurde das Objekt schon 2007 für 5,8 Millionen Euro verkauft - an einen damals nicht namentlich genannten "ausländischen Investor". Um das zu bewerkstelligen, eröffnete, vereinfacht gesagt, "Nackt Malta" eine Tochterfirma "Nackt Litauen2", nur um das Objekt 2012 dann wiederum weiterzuverkaufen an "Nackt1", registriert auf der Insel Guernsey. Der litauische Arm dieses Konstrukts wies 2010 einen angeblichen "Verlust" von 3 Millionen Euro (BBC). Auf Guernsey wiederum fällt auf Unternehmensgewinne 0% Steuern an, in Worten: Null.  

Paul David Hewson, der auch als einer der reichsten Musiker der Welt gilt, sorgte bereits vor 10 Jahren für Aufsehen, als er mit seiner Band den Steuersitz in die Niederlande verlegte - Irland hatte die Privilegien für Künstler abgeschafft.
Es gibt ja auch Künstler, die nach den Höhepunkten ihrer Karrieren durchaus auch in Einkaufszentren auftreten - "Bono" zählt wohl nicht dazu. Und schon gar nicht in Litauen.

Aber Litauens Wirtschaftspolitiker müssen sich vielleicht die Frage stellen: Was bringt die gegenwärtige Investitionsförderung? Wenn am Ende lediglich Projekte hin und her geschoben werden, in denen vordergründig zwar auch Menschen ihre Arbeitsplätze haben, aber um ein vielfaches größere Summen als Steuerersparnis auf das Konto derer geschaufelt werden, die sowieso schon viel haben - kann das in litauischem Interesse sein? 

31 August 2017

Litauen - Europas Spitze?

Europas Spitze kann Litauen jederzeit darstellen - wenn es um Basketball geht. Bei der heute beginnenden Basketball-Europameisterschaft wird Litauen auch von der deutschen Presse als einer der Favoriten gehandelt. "Ganz Litauen fiebert dem sehnlich erwarteten ersten Titelgewinn seit 2003 entgegen", schreibt der "Kölner Stadtanzeiger" und liegt damit sicher nicht falsch. Der "Kicker" - sonst eher dem Fußball zugetan - ruft Litauen als Favorit aus. Das Sportportal "Spox" sieht es ähnlich, und macht bei den Litauern dazu noch die besten "Big-Man-Potentiale" aus; Vorteil Körpergröße - im Angriff wie in der Verteidigung.

Litauen wird einer der drei Gegner Deutschlands in der Vorrundengruppe sein, die in Israel ausgespielt wird. Da die EM diesmal in vier Austragungeorte geteilt ist, die Finalrunde aber in Istanbul stattfinden wird, wünschen sich diese deutschen Sportler tatsächlich einen Aufenthalt in der Türkei - ungewöhnlich, in einer Zeit der Reisewarnungen des deutschen Aussenministeriums. Wünschen wir also allen einen reibungslosen Verlauf. Und, ach ja: der beste möge natürlich gewinnen!


Webseite Eurobasket 2017 

P.S.: Na, das geht ja gut los! Litauen-Georgien 77:79 - das könnte heiß werden im Spiel gegen Deutschland (um den Gruppensieg?)

24 Juli 2016

Borisas wird's schon richten

Einige Europäer reagierten geschockt, als die neue britische Regierungschefin Theresa May ausgerechnet den bisherigen Wortführer der "Brexit"-Kampagne Boris Johnson zum Außenminister machte. Gut im Gedächtnis sind nicht nur seine populistischen Sprüche gegen die EU, sondern auch Aussagen über andere Politikerinnen und Politiker; so sagte er über Hillary Clinton schon mal, sie sehe aus wie eine "sadistische Krankenschwester in der Psychiatrie", US-Präsident Obama war für ihn ein "Halb-Kenianer", und sogar vor der Queen scheute er nicht zurück, indem er behauptete, sie möge ja die ehemaligen Kolonien deshalb so gern, weil sie dort bei ihren Staatsbesuchen regelmäßig "eine jubelnde Menge fähnchenschwingender Negerlein" zur Begrüßungerwarten könne. - Genüßlich notieren nun Journalisten Johnsons' Verhalten auf der ungewohnten diplomatischen Bühne, z.B. beim Zusammentreffen mit US-Amtskollege John Kerry (NZZ). Vom "Stolpern auf der Weltbühne" oder "Diplomatie-Stümper" (ZEIT) ist da die Rede - manche sehen den früheren Polterer auch schon in "eine Art offenem Strafvollzug" (Stern).

In Litauen ist das anders. Die Litauer schauten sich auch die Vergangenheit von Alexander Boris de Pfeffel Johnson (so der volle Name) an, und suchen nach Gemeinsamkeiten. Und, obwohl es bereits bekannt war, dass es einen türkischen Urgroßvater namens Ali Kemal gab - damals Innenminister des Osmanischen Reiches - suchten die Litauer weiter und fanden einen weiteren Urgroßvater: einen Litauer. 
rot eingefärbt: Länder, die Boris Johnson schon vor
seinem Amtsantritt als Außenminister beleidigt
haben soll - Litauen ist nicht dabei (Quelle:"Bigthink.com)
Die Recherche wurde hauptsächlich von der Zeitung "Lietuvos Rytas" betrieben. "Es gab einen Elias Avery Loew, geboren am 15. Oktober 1879 in Kalvarija, damals zum russischen Zarenreich gehörig", schreibt die Zeitung.
"Später änderte er seinen Namen in 'Low', und er war der Vater von Johnson's Großmutter. Die Eltern von Elias Low waren Juden und beide in Litauen geboren, die Familie wanderte aber später in die USA aus." Unter seinen Nachkommen ist auch die britische Künsterlin Charlotte Johnson Wahl - die Mutter des neuen Chefdiplomaten Boris.

Eventuelle Bezüge zum deutschen Fußball-Bundestrainer werden an dieser Stelle (leider) nicht aufgedeckt (Elias Avery Loew starb 1969 in Bad Nauheim, wie schon Wikipedia weiss). Beim Antrittsbesuch von Boris Johnson (Borisas Jonsonas?) in Vilnius lud der litauische Außenminister Linkevičius seinen britischen Amtskollegen zu einem Besuch des Wohnortes seiner Vorfahren ein - worauf dieser angeblich "very amused" reagierte.

Sollte Johnson Kalvarija besuchen, heute ein kleiner Ort nahe der litauisch-polnischen Grenze, wird er nach Spuren des Lebens, so wie es im 19.Jahrhundert war, ziemlich suchen müssen: der Ort wurde schon im 1.Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen und verlor viele seiner Einwohner. Im 2.Weltkrieg wurde vor allem die jüdische Bevölkerung verfolgt und ermordet (siehe auch "Holocaustatlas.lt") - Borisas würde wohl sagen: es war wohl besser, dass meine Vorfahren schon vorher ausgewandert sind.

25 Februar 2016

Essen für alle

Wer Litauen kennt und mag, wird sich vielleicht nicht so sehr wundern dass es immer wieder Themen gibt, wo es gar nicht so klar ist, in welche Richtung man sich eigentlich mehr Sorgen machen soll um Litauen: es gibt einfach verschiedene Sichtweisen. Wer dabei stärker auf die vor 25 Jahren wiedererkämpfte Unabhängigkeit Litauens schaut, könnte dabei heute vor allem froh sein, dass es diese Unabhängigkeit ÜBERHAUPT GIBT - im Hinblick auf die vielen komplizierten internationalen Entwicklungen und Verwicklungen, die sich seitdem aufgetan haben. Andere erwidern darauf: ja, richtig, aber mit dem Beitritt zur EU haben wir dann ja unsere Unabhängigkeit auch schon wieder aufgegeben.

Nichts von dem, was sich gegenwärtig in Europa so tut, erzeugt dabei viel Beruhigung hinsichtlich dessen, welche Konsequenzen eine negative Entwicklung für Litauen hätte. Gut, die einen meinen, Litauen vor Flüchtlingsströmen und Muslimen abschotten zu müssen, um Negatives zu vermeiden - oft ohne beides richtig zu kennen. Noch bedrohlicher erscheinen die militärischen Szenarien: aus litauischer Sicht war die Entwicklung in der Ukraine ein wichtiges Zeichen auch dafür, was gegenwärtig von einer russischen Regierung unter Putin zu erwarten ist: gewissermaßen der Versuch der Rettung von "Einflusssphären", und damit auch eine Reanimation von Stimmungen und Tendenzen, die zuletzt das Sowjetsystem für sich beanspruchte. Andere Stimmen, zumeist von europäischen Partnern Litauens, wie auch Deutschland, warnen eher vor dem "Aussen-vor-lassen" Russlands, möchten diese europäische Großmacht nicht zu absehbaren Gegenreaktionen treiben - weshalb auch lange Zeit ein offensives Agieren von NATO- oder US-Truppen in Litauen als Tabu galt.

Nun haben sich ja seit Einführung der gegenüber Russland ausgesprochenen "Sanktionen" schon seit mehreren Jahren die eher Putin-kritischen Stimmen eigentlich in der EU durchgesetzt. Und seit März 2014 sind die wegen des Vorgehens auf der Krim verhängten Sanktionen nicht wieder aufgehoben worden, zudem gibt es immer mehr Übungen von NATO-Soldaten in Litauen. Die Perspektive mancher Litauer hat sich offenbar mit verschoben: galten früher noch die Gegner von Sanktionen als irregeführte "Russland-Versteher", so soll gleiches Prädikat nun offenbar auch denen verliehen werden, die überhaupt über Möglichkeiten der Aufhebung dieser Sanktionen nachdenken. "Besser ohne Russland Politik machen als unter Russland", verkündete Vytautas Landsbergis kürzlich in der "WELT", Ex-Staatschef Litauens und heutiger EU-Parlamentarier. Er zielt dabei bewußt auf Deutschland, und vermutet dort eine "unterwürfige Politik des Rückzugs". 

Ok. Wir müssen uns wohl ab jetzt daran gewöhnen, dass manche nur darauf gewartet haben, dass unsere Madame Merkel international als nicht mehr so stark gesehen wird (durch ihre vermeintlich einseitige Flüchtlingspolitik) - um nun ihre eigenen Süppchen als Patentrezepte verteilen zu können. Verglichen mit den möglichen Folgen von Zersplitterung Uneinigkeit und parallelen Gesellschaften, die in der Ukraine bereits Realität geworden sind, tut sich in Litauen bisher vergleichsweise Harmloses. Was machte da noch gleich kürzlich in Litauen aus dem militärischen Bereich Schlagzeilen? Die Essensverteilung.

Was ist da los? Werden die Soldaten nicht vernünftig ernährt? Wo haben die einen vielleicht böser Absichten Russland, und die anderen wachsenden Einfluß der bösen USA entdeckt? Nein, nichts dergleichen. Es läßt sich sehr gut schildern im Vergleich der beiden Berichte aus der "Lithuanian Tribune" und der "Jungen Welt", beide aus demselben Anlass.
Beim tatsächlichen Geschehen war offenbar kein Fotograf dabei: zur Illustration herhalten
müssen daher ein "US-Soldat in Afghanistan" ("Junge Welt") und "Litauische Wehrpflichtige"
(Lithuanian Tribune / delfi.lt)
Die "Lithuanian Tribune" prägt für die Ereignisse einen eigenen Begriff: "cheesed off" seien die litauischen Soldaten worden. Wie bitte? Zitiert wird hier die Aussage von Asta Galdikaitė vom Verteidigungsministerium Litauens, die behauptet, US-Soldaten hätten litauisches Essen verweigert. Daher sei man auf die Idee gekommen, ihnen etwas anderes anzubieten: mehr Brötchen, Pizza, Cornflakes, Dosenfrüchte und eben auch ... Käse. Statt nationale eben "universale Küche", so bezeichnet es Galdikaitė. Vermutlich müssen dann also auch alle anderen NATO-Soldaten, egal aus welchem Land sie kommen das essen, was die US-Vorkoster so bestellt haben. Ebenfalls erstaunlich dabei: die NATOesen bekommen neben mehr Früchten auch mehr Fleisch (als die Litauer).
Nun können wir uns denken, dass eine Devise "esst weniger Fleisch" bei den Litauern nicht automatisch Freude und Wohlgefallen auslösen würde. Nun soll aber, dem litauischen Journalisten Ignas Krupavičius zufolge, ausgerechnet der Ausruf "Schau mal, da ist Käse!" bei den Litauern Verwunderung und Verwirrung ausgelöst haben - denn ihnen sei von den Armeechefs erklärt worden, dieser Käse "sei nur für die Amerikaner". Vielleicht war es ja ein echter "Džiuga", ein "Sviestas", oder ein "Varškės sūrelis" - wir wissen es nicht. Oder etwas davon, was durch die Russland-Sanktionen nicht mehr verkauft werden konnte? Vielleicht auch nur eine langweile Scheibe Irgendeinkäse als "Burger"-Belag. Resumee jedenfalls: litauische Soldaten essen bei NATO-Manövern in Litauen für 5,40 Euro am Tag, diejenigen aus anderen Ländern für 8 Euro. "Finanziert wird das von den Allierten", den Aussagen von Frau Galdikaitė zufolge. "Wer zahlt, schafft an" ist hier offenbar noch das Prinzip - der litauische Bericht endet nicht mit einer Beschwerde.

Nun die "Junge Welt". Freudig berichtet wird hier -  aus demselben Anlass - von "Klassengegensätzen"; wie wunderbar! Freunde des Sozialismus, hier weiss man doch gleich wo man dran ist. Gleich im zweiten Satz darf dann auch behauptet werden, die NATO würde in Litauen das "Russenschießen" üben, und die Faktenquelle, Ignas Krupavicius, anderswo als "Journalist" bezeichnet, wird hier eher anhand seiner Facebook-Seite eingeordnet (wo er sich selbst als Freiwilligen der litauischen Armee bezeichnet). Jeder bastelt es sich so zurecht, wie es die Leser (vermutlich) lesen wollen, oder? Schon der Gewohnheit wegen. Es finden sich aber auch hier recht witzige und erstaunliche Aussagen. "Mit den »litauischen Nationalgerichten« – zum Beispiel in ausgelassenen Speckwürfeln gebratene Kartoffelpuffer – könne man sie nicht kampfbereit und kriegsgelaunt halten," dieser Satz wird ohne konkrete Quellenangabe abgedruckt - und schon wieder können die NATO-Soldaten, so ganz nebenbei, als "kriegsgelaunt" bezeichnet werden. Zu was man doch einen einzelnen Kantinenbesuch alles ausschlachten kann, erstaunlich! Abschließend wird Krupavicius, der das ganze Thema ja offenbar erst aufgebracht hatte, noch als "Muschkote" bezeichnet - eigentlich so etwas wie "einfacher Fußsoldat", ein Begriff, der eher abwertend gemeint ist und, Internetquellen zufolge, angeblich aus dem niedersächsischen Raum stammt. Oder sollen wir lieber bei "Lieder aus der DDR" (der gute Berthold Brecht, im Sinne der FDJ eingespannt) nachsehen? Dort heißt es: "Und es waren mächtge Zaren einst im weiten Russenreich. Und man sah sie niedertreten die Muschkoten und Proleten. Und sie speisten, in Pasteten, alle Hähne, die drum krähten. Und die Guten sah man bluten, und den Zaren war es gleich." Möööönsch, so schlaue Schreiberlinge habe die bei der "Jungen Welt"? Jede Vokabel ein kleiner Wink auf gewesene und noch ausstehende Revolutionen.

Bleibt zu hoffen, dass die Chefredakteure beiden Zeitungsredaktionen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch genug Käse kaufen - für die Kantine. Sonst schreibt noch jemand darüber.Immer friedlich bleiben, bitte!