04 Mai 2019

Da waren es nur noch 9 (nein: 8) - die Kandidaten für den neuen Präsidenten in Litauen


Nachtrag: 
In der Zwischenzeit hat einer der kleineren Kandidaten - Naglis Puteikis - das Handtuch geworfen. Mit dem Argument. dass er keine Chancen sieht, in die zweite Wahlrunde einzuziehen, hat er seine Wahlkampagne eingestellt. Statt eine Wahlempfehlung auszusprechen, hat er  nur gesagt, wen man nicht wählen sollte: Da er sich gegen die "Herrschaft der Banken und Oligarchen" ausspricht, rät er ab, für den Ex-Banker Gintanas Nausėda zu stimmen. Mindaugas Puidokas (ein anderer Kandidat)  geht davon aus, dass er einen Deal mit der regierenden "Union der Bauern  und Grünen" geschlossen hat und damit die Chancen von Premierminister Skvernelis erhöht, in die zweite Wahlrunde zu kommen ... 
https://www.delfi.lt/news/daily/lithuania/puteikis-nebemato-galimybiu-patekti-i-antraji-tura-ragina-balsuoti-pries-viena-is-kandidatu.d?id=81111657

Recht unspektakulär - im Vergleich zur Ukraine - verläuft die Präsidentenwahl in Litauen, die am 12. Mai in ihre erste Runde geht...
Von ursprünglich 15 Kandidaten haben 9 die nächste Hürde im Rennen um die Präsidentschaft in Litauen genommen: Wie die litauische oberste Wahlkommission am 12. April bestätigte haben sie über 30.000 unterstützende Unterschriften vorgelegt (auf Papier und digital). Da mich Alina Rotaru um meine Einschätzung fragte, hier nun ein Überblick über die Anwärter, die den Job im Palast am Daukantas-Platz in Vilnius wollen. Die Wahl findet in zwei Wahlgängen im Mai statt, da es sehr unwahrscheinlich, dass einer der Kandidaten die absolute Mehrheit im ersten Wahlgang erreicht. Gleichzeitig mit dem ersten Wahlgang findet auch ein Referendum über die doppelte Staatsbürgerschaft statt, das die Gemüter erregt. Es ist also mit einer hohen Wahlbeteiligung zu rechnen, auch wenn keiner der Kandidaten so wirklich überzeugen kann. Amtsinhaberin Dalia Grybauskaitė kann nach zwei Amtsperioden nicht mehr kandidatieren. Vielleicht ist das Referendum auch der Grund, dass die Einwohnerzahl Litauens plötzlich auf wieder über 3 Millionen gestiegen ist: Viele der Auslands-Litauer haben sich in Litauen angemeldet um an Referendum und Wahl teilzunehmen

Aber zu unseren 9 Kandidaten. Da gibt es drei, die als Favoriten gelten, zwei, die vielleicht einen Überraschungserfolg erzielen können und vier, denen keine große Chancen eingeräumt werden.
Die Teilnehmenden an der Wahl müssen ihre Eigentumsverhältnisse offenlegen und auch das ist sehr aufschlussreich für die Frage wie "volksnah" die Anwärter sind.

Die Top 3

In den Umfragen führen diese drei. Interessanterweise ist keiner der drei Parteimitglied obwohl er oder sie mit Parteien identifiziert wird.

Gintanas Nausėda
ehemaliger Hauptfinanzanalyst der schwedischen Bank SEB in Litauen, führte bis vor kurzem knapp in  Umfragen. In den Medien ist er deshalb seit Jahren präsent und strahlt Staatsmännigkeit aus.
Er steht als Kandidat der liberalen Partei nahe und gilt als Vertreter der großen litauischen Konzerne. In letzter Zeit hat der Finanzwolf natürlich viel Kreide gefressen und gibt sich sehr sehr menschlich. Programmatisch gibt er sich auch sehr pragmatisch und diplomatisch. Nicht sehr konkret, aber alles was für einen Präsidenten eben ganz gut aussieht.


Ingrida Šimonytė.
Die einzige Frau im Rennen. Scharfzüngig und kompetent wurde sie zwar von der konservativen Partei aufgestellt gilt aber eher als Vertreterin eines modernen, liberalen, weltoffenen Litauens und damit repräsentiert eher das städtische als das ländliche Litauen. Und dann wird ihr noch die Vergangenheit zu Last gelegt: sie war Finanzministerin im Krisenjahr 2009 und ihr werden schwere finanzielle Einschnitte bei Renten und Gehältern zugeschrieben.
Und letzten Endes ist nicht klar, ob die Mehrheit schon wieder für eine Frau wählt.
In den letzten Wochen vor der Wahl hatte sie Nausėda in der Wählergunst knapp überholt.

Saulius Skvernelis
zur Zeit Premierminister für die Regierung unter der Führung der Union der Grünen und Bauern.
Leider gibt es keinen Amtsbonus, im Gegenteil. Die kleinen Skandale der Regierung - Lehrerstreik, Waldrodung, geschasste Minister - und der zunehmende Reformstau wirken sich negativ aus. Der Bauernpartei würde ihr Kandidat im Amt das Leben wesentlich einfacher gemacht. Skvernelis war früher Polizist und dem Führungsduo aus Premier Skvernelis und Parteivorsitzenden Ramunas Karbauskis könnte man leicht autoritäre Tendenzen im Führungsstil zuschreiben.

Die Verfolger

Alvydas Juozaitis. Unabhängiger Journalist, Olympiamedailliengewinner im Schwimmen (!), Unterzeichner der Litauischen Unabhängigkeitserklärung von 1990 und DER Underdog. Verteidiger der Litauischen Werte, Familie, gegen Migration sowieso. Deklariertes Eigentum: Null. Zitat: "die Leute sollen kein Eigentum anhäufen, sondern Kinder kriegen". Eine Facebook-Seite heißt dann auch gleich "Kaiser Juozaitis"
Mangels Finanzen läuft seine Kampagne "hier ist Litauen" vor allen in der sozialen Medien. Bei der Debatte der 9 Kandidaten im staatlichen Fernsehen verließ Juozaitis demonstrativ das Studio, um gegen die Dominanz der 3 großen Kandidaten (und die Ignoranz der "kleinen Kandidaten") zu demonstrieren.
Und kein Wunder: Juozaitis wurde auch schon auf AfD-Seminaren gesehen.

Vytenis Andriukaitis.
Zur Zeit Europakommissar für Gesundheit und Kandidat der Sozialdemokraten. Manche räumen ihm gute Chancen ein, es doch in die zweite Runde zu schaffen (siehe http://rokiskis.popo.lt/2019/03/30/kandidatai-i-prezidentus-apzvalga/)
Die sozialdemokratische Basis ist gut organisiert und hier haben wir einen passablen erfahrenen Politiker. Eine Bekannte aus dem Gesundheitsministerium erinnerte sich an den damaligen Minister allerdings als Choleriker. Und hat jemand in letzter Zeit etwas von europäischen Gesundheitskommissar gehört?



Die Zählkandidaten

Diesen Vieren geht es vor allen darum, aus taktischen Gründen  im Gedächtnis der Wähler zu bleiben.

Valentinas Mazuronis. Vorsitzender der leicht rechtslastigen populistischen "Arbeitspartei" und Europaabgeordneten. Die Partei, die einst von dem russischen "Konservenkönig" Viktor Uspaskich gegründet wurde, hat ihren Zenit lange hinter sich und kämpft am rechten Rand um den Erhalt ihres Status.

(hat seinen Wahlkampf eingestellt und dazu aufgerufen, NICHT für Nausėda zu stimmen)
Naglis Puteikis.
Hans Dampf in allen Gassen. Das "Phänomen Puteikis" kommt aus der konservativen Partei. Den letzten Parlamentswahlkampf bestritt er zusammen mit einem Filmproduzenten als "Anti-Korruptions-Koalition". Und finanzierte ihn mit schnellen Kurz-Krediten. Einfallsreich und unterhaltsam stellt sich mir die Frage wie lange das gut geht.
In der Zwischenzeit hat Puteikis die Führung der traditionsreichen aber völlig unbedeutenden Zentrumspartei übernommen. Teile der Zentrumpartei streben allerdings in der Zwischenzeit des Parteiausschluss ihres eigenen Vorsitzenden an ...

Valdemaras Tomaševskis. Vorsitzender der Polnischen Wahlaktion und Europaabgeordneter. Eine Frage der Ehre, dabei zu sein und seine Schäfchen einzusammeln. Die polnische Minderheit - das sind rund 7% der Einwohner - wählt fast geschlossen polnisch. Das war's dann auch. Einen kleinen Skandal gab es  die "stalinistischen Methoden" wie in den mehrheitlich polnischen Regionen Unterschriften gesammelt wurde. In Schulen wurden Eltern zum Zeichnen der polnischen Liste angehalten, und ihnen wurde gleichzeitig angedeutet, das eine Verweigerung Auswirkung auf die Schulnoten der Kinder haben könnte ...

Mindaugas Puidokas. Ehemaliger Abgeordnete der Union der Grünen und Bauern. Hat sich mit dem autoritäre Führungsstil überworfen. sein Programm ist de facto nicht existent, irgendwas mit "Grünen Werten" und "Bewahrung der traditionellen Familie".
Allerdings ist er mit 40 Jahren der jüngste Kandidat und dass er bis in diese Runde geschafft hat ist beachtlich. Nur ist seine politische Zukunft unklar.

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Wer es in der zweite Runde schafft, das ist wirklich unklar. Zu viele Wähler entscheiden sich im letzten Moment. Inwieweit wird das Referendum einen Einfluss haben? Was ist der Einfluss der nahenden Europaparlamentswahl? Der Vorsitzende der regierenden Bauernpartei erklärte die Wahlen gerade zu einer "Schicksalswahl": Sollte die Bauernpartei bei der Wahl das Vertrauen entzogen werden, würde sie aus der Regierung austreten. Das würde Litauen ins politische Chaos stürzen, soll aber aus meiner Sicht nur auf Biegen und Brechen einen konservativen Präsidenten verhindert.
Wer kann seine Wähler am besten motivieren für einen oder gegen einen bestimmten Kandidaten zu stimmen? Einige Komentaroren ziehen schon Vergleiche zu den Wahlen von 2003 und 2004 als Rolandas Paksas überraschend ins Amt gewählt wurde und kurz darauf wegen Mauscheleien mit russischen Geldgebern des Amtes enthoben werden.

In der Nacht vom 12. auf dem 13. Mai wissen wir mehr ...

Bilder von: https://www.15min.lt/projektas/prezidento-rinkimai

18 März 2019

Superwahljahr in Litauen, die Erste

Litauen - Ein Flickenteppich

Schön bunt ist es geworden, das Wahlergebnis der Kommunalwahlen am 3. und 17. März (Stichwahl Bürgermeisterwahlen) in Litauen.
Hier zuerst einmal welche politische Vereinigung die meisten Stimmen in welcher Stadt oder Landkreis geholt hat:


 


















Erklärung der Farben:
Rot - Sozialdemokraten
Rosa - Wahlkomitees
Grün - Konservative
Dunkelgrün - Union der Bauern und Grünen
Gelb - Ordnung und Gerechtigkeit
Blau - Arbeitspartei
Orange - Liberale
Hellbraun - Freiheitsunion
Grau - Allianz der Wahlaktionen der Polen und Russen "Union der Christlichen Familien"

Anmerkung: Die Wahlbeteiligung lag im ersten Wahlgang bei knapp unter 50%, im zweiten bei knapp unter 40%.

Warum ist das so?

Neben 23 Parteien und Koalitionen (darunter versteht man die gemeinsame Liste von Parteien) traten dieses Mal 86 Wahlkomitees an (die nur in jeweils einer Kommune kanditierten).
Darüber hinaus kann man auf der Liste, die man auswählt 5 Kandidaten seine Priorität geben (das kann ändern, wer dann das Mandat bekommt)

Wer hat denn jetzt gewonnen?

a) Prozentual
Der Gewinner der Wahl heißt "Öffentliches Wahlkomitee" (VKM) landesweit entfielen 27% auf die lokalen Wahlkomitees, damit liegen sie deutlich vor den traditionellen Parteien. Da führen die Konservativen (TS-LKD) mit 16%, gefolgt von den Sozialdemokraten (13%) und der Union der Bauern und Grünen (11%).
Visvaldas Matijošaitis. Bürgermeister von Kaunas
Wenn an diesem Sonntag Parlamentswahl gewesen wäre (die berühmte "Sonntagsfrage"), dann wären auch noch die Liberalen mit rund 6%, die Arbeitspartei und die "Union des Chirstlichen Familien" (Allianz der Russen und Polen) mit jeweils 5% in den Seimas eingezogen. Draußen wären allerdings die "Ordnung und Gerechtigkeit" des Ex-Präsidenten Rolandas Paksas, die Zentrumspartei unter Naglis Puteikis und die "Sozialdemokratische Arbeitspartei", die zur Zeit in der Regierung sitzt. Bemerkenswert auch, dass der Ex-Bürgermeister von Vilnius, Arturas Zuokas, mit seiner Partei "Freiheitsunion" auf landesweit 3% kommt und sich damit nicht allzu weit von der 5%-Hürde befindet.
Der bunte Flickenteppich sagt uns aber, dass es sehr verschiedene Ergebnisee in den einzelnen Kommunen gibt.

b) Anzahl der Mandate
Auch hier führen die Wahlkomitees mit 306 Mandaten, gefolgt von dem Konservativen Christdemokraten mit 263, den Sozialdemokraten mit 259, den Bauern und Grünen 216, den Liberalen 120, der Arbeitspartei 61, Allianz der Russen und Polen - 54, Ordnung und Gerechtigkeit - 49, Freiheitsunion (Liberale) - 31, Sozialdemokratische Arbeitspartei - 24

c) Anzahl der Bürgermeister
Von 60 Bürgermeistern wurden 19 in der Ersten Wahlrunde gewählt, der Rest musste die Stichwahl am 17. März. Das heißt: so eindeutige "Lokalfürsten", die in der ersten Runde über 50% der Wähler erreichen (obwohl es mehrere Kandidaten gibt) kann man in einem Drittel der Litauischen Kommunen finden. 
Regionalfürsten wie Vivaldas Matijošaitis in Kaunas: der Eigentümer des Lebensmittelkonzerns "Viči / Vičiūnai" wurde mit knapp 80% zum Bürgermeister wiedergewählt, natürlich mit seinem eigenem Wahlkomitee "Einiges Kaunas". Ähnlich sieht im Kurort Druskininkai unter Ričardas Malinauskas aus, oder in Širvintai unter Živilė Pinskuvienė.
Ansonsten heißt hier der Gewinner: Sozialdemokraten! Sie sackten 15 Bürgermeisterposten ein, 12 gingen an Vertreter von Wahlkomittees, 11 an die Konservativen, jeweils 6 an Liberale und "Grüne Bauern", 5 an "Ordnung und Gerechtigkeit", 5 gingen noch an andere, kleinere Parteien, davon 2 an die Allianz der Polen und Russen und ein Direktkandidat wurde Bürgermeister in Jurbarkas. 
Dabei ist interessant wie sehr stark der Unterschied zwischen den Parteien lokal ist und das nicht immer die stärkste Partei auch den Bürgermeister stellt. Nicht nur bei den Wahlkomitees spielt bei der Wahl die "Führungsperson" der jeweiligen Partei vor Ort eine wesentliche Rolle. 

Grafik: Gewählte Bürgermeister nach Parteizugehörigkeit



Mit Häkchen: Bürgermeister, die im ersten Wahlgang gewählt wurden
Erklärung der Farben:
Rot - Sozialdemokraten   
Rosa - Wahlkomitees
Grün - Konservative
Dunkelgrün - Union der Bauern und Grünen
Gelb - Ordnung und Gerechtigkeit
Blau - Arbeitspartei
Orange - Liberale
Hellbraun - Freiheitsunion
Pink - Allianz der Wahlaktionen der Polen und Russen "Union der Christlichen Familien"
Grau - Unabhängiger Kandidat

Showdown in Vilnius

In der Hauptstadt ist vieles anderes: Hier kam wieder mal zum traditionellem Schaukampf um den Bürgermeisterposten zwischen dem Amtsinhaber Rimigijus Šimašius (ehemals Liberale) mit seinem eigenem Wahlkomitee "Für ein Vilnius, auf das wir stolz sind" und dem dreimaligen Ex-Bürgermeister Artūras Zuokas, der sich selbst aufgestellt hat und formal eine "Koalition" aus der Freiheitspartei (Liberale), deren Vorsitzender er ist und dem Wahlkomitee "Glückliches Vilnius" anführt. Wer jetzt aufgepasst hat, kann feststellen, dass bei Zuokas drei Mal "ich" vorkommt: 1 - selbst aufgestellt, 2 - eigene Partei, 3 - eigenes Wahlkomitee.
Artūras Zuokas und Remigijus Šimašius
Zu den Eigenheiten der Hauptstadt könnte man viel schreiben. Viele landesweit bekannte und bedeutende Politiker kanditieren in Vilnius. So wollten sowohl die Vorsitzende der Arbeitspartei, der Sozialdemokraten und der Partei "Ordnung und Gerechtigkeit" Bürgermeister werden.
Die Sozialdemokraten unter ihrem neuen Vorsitzenden und bis dato Vizebürgermeister Gintautas Paluckas sind ganz aus dem Stadtrat rausgeflogen, dafür haben es die "Grünen Bauern" mit 3 Vertretern neu ins Stadtparlament geschafft.
Neben den beiden größten Fraktionen Šimašius (17 Mandate) und Zuokas (10 Mandate) sind der lachende Dritte wieder mal die Konservativen (9 Mandate). Für eine Mehrheit benötigt man allerdings 26 Stimmen.
Im zweiten Wahlgang setzte sich der Amtsinhaber 
Šimašius deutlich mit 60% gegen Zuokas durch und konnte seinen Vorsprung im Vergleich zu vergangenen Wahl noch eine bisschen ausbauen.
Für eine Koalition hat der alte und neue Bürgermeister Šimašius nun zwei Möglichkeiten: entweder eher rechte mit den Konservativen oder eher links mit der Arbeitspartei, Allianz der Polen und Russen und den Grünen. Beides ist problematisch: Eine Koalition mit den Konservativen gab es in der ersten Hälfte der vergangenen Amtszeit schon. Da die Christdemokraten Šimašius immer wieder Knüppel in die Beine schoben und an ihrer Selbstprofilierung arbeiten, entschied er sich zu einem Schwenk zu einer linken Koalition. Da mit dem Sozialdemokraten der Hauptpartner weggefallen ist und sich führende Vertreter der Bauernpartei und der Arbeitspartei für Zuokas bei der Stichwahl ausgesprochen haben, sieht diese Option dieses Mal wesentlich schwieriger aus.

Ein Bündnis mit Zuokas ist eher unwahrscheinlich, zu stark ist die persönliche Abneigung zwischen den beiden. Der Charakterkopf Zuokas ist ein Thema für sich: Er ist mehrfach für Korruption verurteilt worden und - wie schon angedeutet - ein Egomane.
Šimašius hingegen gilt als etwas spröder Realist und Team-Mensch. Zu seinen Verdiensten zählen so langweilige Dinge wie der Schuldenabbau der Stadt, das Asphaltieren von Straßen und Höfen, sowie der Erwerb von 200 neuen Stadtbussen. Zuokas hingegen begeistert die Massen mit gigantischen Visionen wie einem Guggenheim-Museum oder einer Straßenbahn. 
Es bleibt also spannend in Vilnius.
 
Ein kleiner Aufreger in den Wahlkampfdebatten: Šimašius zu Zuokas "Was fassen Sie mich ständig an, hören Sie auf mir auf die Schulter zu klopfen. Wir sind keine Freunde oder so ..."


Die Rolle der Wahlkommittees und Erosion des litauischen Parteiensystems

Nachdem bei der vergangenen Kommunalwahl erstmals die Direktwahl der Bürgermeister durchgeführt wurden, war die größte Neuerung dieses Mal die "Wahlkomittees".Bürger können sich auf lokaler Ebene zu einem solchen zusammenschließen und landesweit entfielen auf sie 27% der Stimmen, das ist im landesweiten Schnitt 10% mehr als auf die nächstgelegene Partei.
Die erfolgreichsten Wahlkomitees haben einen deutlichen "Frontmann" (ich wollte jetzt hier das Wort "Führer" vermeiden). Und sie haben eine Partei mit ihrer Struktur, einem Programm oder gar einer Ethikkommission gar nicht nötig.
Und diese beliebten lokalen Größen hielten es für nötig, sich der lästigen Partei zu entledigen: Das gilt sowohl für Malinaukas (ehemals Sozialdemokrat) und Pinskuvienė (ehemals Arbeitspartei), die in diverse Korruptionsskandale verwickelt waren.
Aber auch für Rimigijus Šimašius in Vilnius, der sich als ehemaliger Vorsitzender der Liberalen dem Schatten eines Schmiergeldskandals entledigen musste.
Der ursprüngliche Gedanke der Wahlkomitees, nämlich eine einfachere Bürgerbeteiligung auf lokaler Ebene zu ermöglichen, tritt in den Hintergrund.
Welche Bedeutung das dauerhaft für die nationale Politik hat, ist völlig unklar. Wie wird in Zukunft das Zusammenspiel zwischen Kommunen und Zentralverwaltung funktionieren? Vielen nationalen Parteien hatte man schon vorher vorgeworfen im Wesentlichen "Wahlverein" für ihren Vorsitzenden zu sein, ohne eine stabile Mitgliederstruktur zu haben.

Einige Schlussfolgerungen ...

Von den traditionellen Parteien haben sich die Sozialdemokraten (LSDP) und Liberalen (LRLS) überraschend gut geschlagen. Beide hatten mit großen Problemen zu kämpfen:
Von den Sozialdemokraten hat sich eine Gruppe von altgedienten Parteimitgliedern abgespalten, die entgegen des Parteibeschlusses in der Regierung bleiben wollten und die "Sozialdemokratische Arbeitspartei" gegründet.
Die Liberalen haben immer noch unter dem großen Schmiergeldskandal von vor der Parlamentswahl zu leiden. Der Vertrauensverlust führte dazu, dass einige Spitzenkandidaten - wie Šimašius in Vilnius oder Grubliauksas in Klaipėda - lieber mit ihren eigenen Wahlkomitees als mit der Partei antreten.
LSDP und LRLS verteidigten dennoch ihre Positionen in vielen Kommunen, fielen allerdings in den größeren Städten durch.
Auch die führende Regierungspartei, die Union der Bauern und Grünen, kann diese Wahl als Sieg für sich verbuchen, konnte sie doch die Anzahl der Mandate und Bürgermeisterposten deutlich steigern. Normalerweise wirkt sich Regierungstätigkeit deutlich negativ auf die Wählergunst aus.
Die Konservativen stehen in einer ständigen Lauerposition: Zwar sind sie die stabilste Partei, haben in letzter Zeit nicht mit Skandalen oder Abspaltungen zu kämpfen. Deutlich absetzen können sie sich von den anderen Parteien allerdings nicht.
Nur wer bei den nächsten nationalen Wahlen die Stimmen der Wahlkommitees bekommt ist unklar,

Ausblick auf die kommenden Präsidentenwahlen

Im Mai stehen die nächsten Wahlen an: Europa- und Präsidentenwahlen.
Während die Europawahl wohl vor allem als eine Testwahl für die Regierung gesehen wird (mal schauen welche Skandale des noch bis dahin gibt), ist die Frage, die Litauen mehr beschäfigt: Wer wird Nachfolger oder Nachfolgerin von Dalia Grybiauskaitė im Präsidentenpalast am Daukantas Platz? Sie selbst kann nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren.
Von ursprünglich 17 Prätendenten sind zur Zeit 13 Kandidaten übrig geblieben, davon gilt als wahrscheinlich, dass 2 von diesen Drei in die Stichwahl kommen:
Der ehemalige Banker Gintanas Nausėda führt zur Zeit die Umfragen, gefolgt von der ehemaligen konservativen Finanzministerin Ingrida Šimonytė und Premierminister Saulius Skvernėlis.
Gintas Nausėda, Ingrida Šimonytė, Saulius Skvernėlis

Allen dreien haften irgendein Makel an: Nausėda gilt als kaltherziger Banker mit wenig Verständnis für einfachen Leute, Šimontytė wird als Finanzministerin für die harten Einschnitte während der Finanzkrise verantwortlich gemacht und Skvernėlis kämpft mit den Problemen in der Regierung.
Die Frage ist, wer am Ende den Ausschlag gibt: Wenn es nach der Stadtbevölkerung geht hat die weltoffene Šimonytė einen Vorteil, für die ländliche Bevölkerung eher der volksnahe Skvernėlis und Nausėda ist der neutralste (was allerdings am meisten der Rolle des Präsidenten entspricht).
Vielleicht kommt auch noch ein Underdog wie der Philosoph Alvydas Juozaitis mit seinem populistisch nationalistischem Kurs hoch - seine Anhänger sind in den sozialen Netzwerken sehr aktiv.

Alle Wahl-Ergebnisse im Detail kann man auf der Internet-Seite der Obersten Wahlkommission Litauens finden: https://www.vrk.lt/ 

13 März 2019

Sommer Fünfundsechzig mit Žanas Polis

Porträts von Jean Paul Sartre und Simone
de Beauvoir, angefertigt vom litauischen Künstler
Erikas Varnas - am
4.8.1965 veröffentlicht in
der Zeitung "Tiesa"
/ "Wahrheit" (© LATGA)
Auf dem Portal "deepbaltic" ist ein sehr interessanter Beitrag zu besonderen Ereignissen des Sommers 1965 nachzulesen:eines der prägensten Zusammentreffen im Kulturleben des sowjetischen Litauen war der Besuch des französischen Philosophen Jean Paul Sartre (lit = Žanas Polis Sartras) und seiner Lebensgefährtin Simone de Beauvoir in Litauen. Die Erinnerungen daran werden auch durch die schönen Fotos von Antanas Sutkus illustriert, der Sartre durch die Sandwüsten der Kurischen Nehrung schreitend ablichtete. Es war nicht der erste, und auch nicht der letzte Besuch der beiden Gäste in der Sowjetunion - in Litauen jedenfalls hinterließ er weitreichende Folgen.

"Der Besuch dieser beiden Persönlichkeiten gab uns Hoffnung, dass die Kultur unseres kleinen Landes auch für andere interessant sein kann", schreibt Literaturwissenschaftlerin Solveiga Daugirdaitė, die sich seit mehr als 10 Jahren mit damaligen Ereignis und den damaligen Umständen beschäftigt. Aus ihrem Buch "Švystelėjo kaip meteoras" sind die auf der "Deepbaltic"-Seite ins Englische übersetzten Texte und Ilustrationen entnommen.

Auch eine Passage der fünfbändigen Memoiren de Beauvoirs ("Tout compte fait", deutsch = "Alles in allem") widmet sich dem Besuch in Litauen und lässt erahnen, wie es aus der Perspektive der beiden Gäste aussah. Litauen, das 1940 von der Sowjetunion besetzt wurde und seine Unabhängigkeit nach Kriegsende nicht wiedererlangte, war bis in die 1960iger Jahre für Besucher aus dem Westen nahezu für verschlossen gewesen.Vom 26.Juli bis 3. August 1965 hielten sich Sartre und de Beauvoir in Litauen auf: am Flughafen begrüßt mit einem Strauß weißer Margariten, mit Zwischenstationen in Vilnius, Kaunas, Klaipėda, Palanga, Nida, Pirčiupiai, und Trakai.

Sutkus in Nida - der zweite Schatten durfte nicht ins Bild
Fotograf Anatans Sutkus war damals 26 Jahre alt. Es waren vor allem die Fotos, die er von dem berühmten Besucherpaar schoss, die mit der Zeit immer mehr an Wert stiegen. Daugirdaitė stellt im Rückblick auch ein Ungleichgewicht fest: Sarte fand weitaus mehr Beachtung, wurde in Litauen häufig interviewt, Simone de Beauvoir fast gar nicht. Dabei habe sie auch registriert, dass Frauenrechte in der Sowjetunion nur auf dem Papier standen, und in der Realität Frauen ziemlich nachrangig behandelt wurden. Auch den damaligen (sowjet-litauischen) Presseberichten zufolge wurde de Beauvoir lediglich als "Sartres Begleiterin" gesehen. Allerdings waren bis dahin auch kaum Werke von Sartre übersetzt worden - in Litauisch gar nichts, ein wenig in Russisch oder Polnisch. Werke von de Beauvoir waren völlig unbekannt im damaligen Litauen. So konzentrierten sich die Gespräche denn auch mehr auf Fragen zur französische Kultur allgemein.

Zu beachten ist hier allerdings auch, dass es eine langjährige Affäre zwischen Sartre und der Übersetzerin Lena Zonina gab - von vielen, die eher über Sartre schreiben, nur ungern erwähnt. Carole Seymour-Jones, die ein Buch über Sartre und de Beauvoir schrieb ("A Dangerous Liaison"), weist auch auf die vorhergehende Reise Sartres mit Zonina durch Estland hin, "mit de Beauvoir als Anstandsdame". Aber davon gibt es nicht so schöne Fotos. Interessant, dass "EstonianWorld" es heute so beschreibt: "1964 besuchte Simone de Beauvoir auf Einladung Lennart Meri's Estland. Sie wurde begleitet von dem Philosophen Jean Paul Sartre." Sahen die Est/innen es femininer? Oder gentleman-like: Meri sprach französisch, half bei der Weinauswahl, und führte die Gäste in den "Kuku Club." Dass eigentlich drei Personen zu Gast waren, verschweigt dieser Bericht allerdings völlig.

In Litauen soll sich Simone de Beauvoir beeindruckt gezeigt haben besonders von der Gegend bei Trakai, und auch von einer in Holz geschnitzten Christusfigur in Kaunas. Sartre erwähnte besonders die Werke M.K.Čiurlionis. Schriftsteller Justinas Marcinkevičius erinnert sich aber auch an vergebliche Versuche, Sartre zur Unterstützung von Literatur aus "kleinen Sprachen" zu bewegen. Und Solveiga Daugirdaitė weist auf einen wesentlichen Eingriff hin, den Fotograf Anatanas Sutkus damals vornahm. Bei seinen inzwischen berühmten Fotos von Sarte auf den Dünen der Kurischen Nehrung schnitt er radikal Simone de Beauvoir nachträglich heraus. So änderte sich die Bildstimmung völlig, und Sutkus rechtfertigte sich: "ein einsamer Sartre, das ist wie eine Metapher der Philosopie."

Und obwohl Sartre selbst schrieb, er sei gegenüber der Natur eher gleichgültig, schrieb ihm Sutkus in seinen Notizen die Aussage zu: "Ich fühle mich wie am Eingang des Himmels." Das Foto aber zeige Sartre als "existenzialistisches und lakonisches Subjekt", so zitiert Johanna Müller für das Magazin "The article" den französischen Philosophenkollegen Francis Jeanson. "Bildwerdung von Philosophie" (Zitat "The article") - es passierte in Litauen. Seit 2018 gibt es Sartre im Sand von Nida als Bronzefigur zu bewundern. Sutkus war übrigens von Sartre während seines Aufenthalts für einen Schriftsteller gehalten worden, der lediglich ein paar Amateuraufnahmen machte, wie Milda Seputyte in "Baltic Times" enthüllt. Sutkus sei ein Bücherliebhaber gewesen und sei von Sartre nach seinen Lieblingsbüchern gefragt worden. "Ich konnte ihm aber doch nicht erzählen, dass alles was ich las auf dem sowjetischen Index für verbotene Literatur war," beschreibt Sutkus seine Nöte damals. "Ich konnte ihm auch nicht erzählen, dass ich für 25 Rubel ein Buch von Hemingway aus 'speziellen Quellen' ausleihen konnte. Wir waren schon beim Abschlußdinner, als Sartre mich plötzlich fragte: 'Und was schreiben Sie?' Da gestand ich ihm, dass ich ein Fotograf sei."

Spuren von Eindrücken dieser Besuchstage finden sich später in Werken u.a. von Herkus Kunčius, Jurgis Kunčinas und Jokūbas Švarcas wieder. Ein Jahr später, 1966, konnte Sartres erstes Werk in litauischer Sprache in Litauen herausgegeben werden ("Les mots" / "Die Wörter" / "Žodžiai"). Viele seiner bekannteren Werke konnten aber erst nach 1990 in Litauen in Übersetzung erscheinen.

Nur kurze Zeit später aber, als Sarte und de Beauvoir den Einmarsch der Sowjettruppen in Prag öffentlich verurteilten, fielen sie in den Augen der Sowjetmacht in Ungnade.

Webseite Antanas Sutkus / Sutkus Fotoausstellung in Rüsselsheim (bis 28.4.19)

08 Januar 2019

Wünsche für das Neue

Was bringt das Neue Jahr in Litauen? Bereits im Dezember hatte es landesweite Streiks der Pädagogen in über 100 Schulen und Kindergärten gegeben - sie fordern eine Lohnerhöhung um nicht weniger als 20%.

so illustriert die
litauische Regierung
ihre Arbeit
Der Haushaltsentwurf von Ministerpräsident Skvernelis für das Jahr 2019 sah allerdings keine erhöhte Zuwendung für Lehrerinnen und Lehrer vor (bnn). Wohl eingeplant hat die Regierung eine Erhöhung des Verteidigungshaushalts auf 2,05% BSP.

Immerhin stehen 2019 in Litauen dreifache Wahltermine an: den Anfang machen die litauischen Kommunalwahlen am 3. März. Im Mai 2019 wird dann gleich zweimal gewählt: am 12. Mai stehen Präsidentschaftswahlen an (Präsidentin Grybauskaite kann nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren, gesucht wird ein Nachfolger / eine Nachfolgerin). Und am 26. Mai folgen dann noch die Europawahlen.

Stehen also für Litauen in diesem Jahr besonders schwierige Zeiten an? Der Politologe Kęstutis Girnius wird mit dem Satz zitiert: "Lehrer und medizinisches Personal streiken bei uns eigentlich immer, unter jeder Regierung. Weder diese Regierung noch die nächste wird dieses Problem lösen." - Ist es so einfach? Oder dehnt die litauische Regierung das Militärbudget unnötig aus, um US-Präsident Trump zu gefallen, vernachlässigt aber die Sorgen der Menschen im eigenen Lande, so wie bei den Lehrern? Skvernelis vermutete schon vom Kreml unterstützte radikale Oppositionelle hinter den Streiks der Lehrer/innen (bnn / heise).

"Unser Ziel ist es zu sichern dass Litauen ein guter Platz ist zu leben, jeder Mensch sich glücklich und respektiert fühlt, mit einem starken Staat." Dieser Satz findet sich auf der Webseite von Ministerpräsident Skvernelis. Nehmen wir es mal als guten Vorsatz fürs Jahr 2019!

27 November 2018

Unbekannte und unbenannte Gipfel

Litauer sind in den Bergen Kirgisiens offenbar keine Seltenheit. Einige Siebentausender locken, das ganze Land besteht zu 80% aus Bergen. "Kirgisien ist das Nirvana für Bergsteiger!" so schwärmen Reiseexperten wie Michael Voss.
Es ist allerdings nicht immer leicht: zuletzt starb 2005 eine litauische Bergsteigerin in den Tian Shan Bergen der Kirgisischen Republik (delfi)

Chingiz Aidarbekov, Aussenminister der Republik Kirgisien, sicherte kürzlich bei einen Treffen mit seinem litauischen Amtskollegen Linkevičius zu, die Namensgebung für einige Berge zu beschleunigen - zwischen 1959 und 2018 hätten Bergsteiger/innen aus Litauen insgesamt sechs Berge in Kirgisistan bestiegen, die bis dahin ohne Namen waren. Mit kirgisischen Bergen, benannt nach Litauerinnen und Litauern, sieht die litauische Seite auch für den Tourismus nach Kirgisien zusätzliche Möglichkeiten.
Teaser zu "Leaving the comfort zone"

Wie den amtlichen Quellen zu entnehmen war, sollen die Berge nach Gediminas Akstinas, einem litauischen Bergsteigerpionier, Algimantas Vidugiris, einem Filmregisseur, und nach Martynas Mažvydas, dem Autor des ersten in litauischer Sprache gedruckten Buch benannt werden. Weitere Namensvorschläge sind Žalgiris, Nemunas, und "Millennium of Lithuania".

Auch das Filmprojekt der Regisseurin Miglė Satkauskaitė "Leaving the comfort zone" thematisiert die Erlebnisse litauischer Bergsteiger in Kirgisistan. Der Film, der bald in die litauischen Kinos kommen soll, nimmt mit Algimantas Jucevičius einen der bekanntesten litauischen Bergsteiger in den Fokus. "Algimantas kennt den Tian Shan und die Berge des Pamir besser als seinen eigenen Hinterhof - selbst wenn er in einem Land geboren ist dessen höchster Berg weniger als 300Meter hoch ist," sagt Filmemacherin Satkauskaite über ihn. "Auch wegen Algimantas reisen hunderte Litauerinnen und Litauer jedes Jahr hinauf zu Gipfeln, die sogar nach Litauern benannt sind, und verlieben sich in die Berglandschaft", sagt Saulius Damulevičius, Präsident des litauischen Bergsteigerverbands.

20 November 2018

Auf ins Superwahljahr!

Das Jahr 2019 wird für Litauen ein "Superwahljahr" werden: zunächst die Kommunalwahlen am 3. März 2019. Dann folgen die Präsidentschaftswahlen am 12. Mai 2019, denn die zweite Amtszeit der gegenwärtigen Präsidentin Dalia Grybauskaite endet. Und schließlich folgen kurz darauf auch in Litauen am 26. Mai die Wahlen zum Europaparlament (seimas).

Eigentlich ist es also sogar ein "Superhalbjahr". Die Kommunalwahlen werden nach einer neuen vom Parlament beschlossenen Regelung durchgeführt, der zufolge ein Termin für Kommunalwahlen nicht später als fünf Monate vor Ende der alten Legislaturperiode festgesetzt werden muss.

Auch für die Präsidentschaftswahl gibt es genaue Regelungen. Die Wahl muss am letzten Sonntag des vorletzten Monats der laufenden Amtszeit abgehalten werden - die läuft im Fall von Dalia Grybauskaite bis zum 12. Juli 2019. Falls es bei den Präsidentschaftswahlen eine Stichwahl geben wird, dann findet die Entscheidungsrunde wahrscheinlich auch am Tag der Europawahl statt.

Die meisten Diskussionen gibt es momentan noch darum, wer zur Präsidentschaftswahl antreten wird. Potentielle Kandidaten und Kandidatinnen sind:

Valdemar Tomaševski könnte einer der Kandidaten sein; Vorsitzender der Parteiallianz der Polen Litauens (Lietuvos lenkų rinkimų akcija) / Christlichen Familien in Litauen (LLRA-KŠS). Er ist gegenwärtig  Mitglied im Europaparlament und kandidierte auch schon 2009 und 2014 - mit einem Ergebnis von 4,7% und dann 8,4%. Tomaševski fiel zuletzt im Europaparlament durch die ausdrückliche Unterstützung von Ungarns Viktor Orban auf, möchte gern die Krim als Teil Russlands anerkennen und unterstützt die selbsternannten Putin-Freunde im ukrainischen Donbass (Donezregion) . Sein Parteienbündnis lag zuletzt aber bei nicht mehr als 6% Unterstützung durch Wählerinnen und Wähler - unwahrscheinlich also, dass er als Präsidentschaftskandidat sehr viel mehr holen würde.

Arvydas Juozaitis, einerseits im Besitz eines Doktortitel der Philosophie, andererseits einer Bronzemedaille im Brustschwimmen bei den Olymischen Spielen 1986 in Monreal. Auch ein Studium der Wirtschaft an der Universität Vilnius kann Juozaitis vorweisen. Der 62-jährige gilt als Mitgründer der "Sąjūdis", galt dort aber nicht gerade als Freund von Vytautas Landsbergis (siehe auch: DER SPIEGEL). Zwischen 2004 und 2009 arbeitete er als Kulturattaché für die russische Region Kaliningrad, und 2012-2017 als Vizepräsident des litauischen Olympischen Komitees.Er lebte teilweise auch in Lettland. Politisch hat er sich offenbar als Kritiker der Aufnahme von Flüchtlingen profiliert - " Je mehr Toleranz, desto weniger Litauen", mit diesen Worten zitiert ihn Tomas Venclova.

Naglis Puteikis kommt beruflich aus dem Bereich Archäologie, Denkmalpflege und Kulturerbe - einer der wenigen Nicht-Ökonomen unter den Kandidat/innen. Puteikis war auch schon stellvertretender Kulturminister, Parlamentsmitglied und Stadtrat in Klaipeda. 1996 wurde er Mitglied der "Vaterlandsunion" ("Tėvynės sąjunga"), verließ die Partei 2014 und erreichte schon damals bei den Präsidentschaftswahlen 9,37% der Stimmen (Platz 4). 2016 trat Puteikis der litauischen Zentrumspartei ("Lietuvos Centro Partija") bei. Zusammen mit Kristupas Krivickas bildete Puteikis 2016 die sogenannte "Anti-Korruptions-Koalition" (delfi), erreichte aber keine 7%, die für solche Parteienkoalitionen für einen Sitz nötig gewesen wären.

Aušra Maldeikienė kommt aus Palanga und studierte schon zu Sowjetzeiten Finanz- und Kreditwesen in Vilnius und in Moskau. Dann war sie Dozentin an verschiedenen akademischen Einrichtungen, in den 1990igern auch Kolumnistin bei der Zeitung "Lietuvos Rytas". Nach einer Tätigkeit als Pressesprecherin einer Bank und beim Baltic News Service wurde sie Dozentin an der früheren Hochschule für Betriebswirtschaft, heute Vilnius University Business School. Sie schrieb auch Handbücher der Ökonomie für Schulen und übersetzte Fachbücher ins Litauische. Zunächst Mitglied der Liberaldemokratischen Partei (die inzwischen "Ordnung und Gerechtigkeit" / "Tvarka ir teisingumas" heißt) war Aušra Maldeikienė 2009 Kandidatin für die "Partei Bürgerdemokratie" ("Pilietinės demokratijos partija"), einer Abspaltung der "Arbeitspartei" ("Darbo Partija"). Inzwischen arbeitet sie mit der "Litauischen Liste" zusammen, ohne dort Mitglied zu sein. 2016 wurde Maldeikienė die erste Repräsentantin dieser Partei im litauischen Parlament.

Valentinas Mazuronis, arbeitete bis 2004 als Architekt in seinem eigenen Büro. Lange war er Mitglied im Stadtrat von Šiauliai, Mitglied der Litauischen Liberalen Union. Als sich diese spaltete, machte er bei der Partei "Ordnung und Gerechtigkeit" ("Tvarka ir teisingumas") weiter, deren bekanntester Kopf Ex-Präsident Paksas ist. 2012 zum dritten Mal ins Litauische Parlament gewählt, wurde er Umweltminister, trat aber von diesem Amt 2014 zurück nachdem er ins Europaparlament gewählt worden war. 2015 wechselte Mazuronis zur litauischen Arbeitspartei (Darbo Partija), deren bekannteste Figur Viktoras Uspaskich in der litauischen Politik ebenfalls einen sehr umstrittenen Ruf hat. 2015 wurde Mazuronis Parteivorsitzender, trat aber nach schlechten Ergebnissen bei der Parlamentswahlen 2016 von diesem Amt zurück.

Manche der Kandidat/innen haben
ihre Wahlkampagne bereits gestartet
Petras Austrevičius, unterstützt von der liberalen Bewegung, ist auch einer derjenigen, der bereits in den 1980iger Jahren Ökonomie an der Universität Vilnius studierte. Er half verschiedene Botschaften Litauens mit aufzubauen, unter anderem diejenige in Helsinki, wo er dann 1994 auch Botschafter wurde. 1998 war er Koordinator für die Beitrittsverhandlungen mit der EU. 2004 wurde er ins Parlament gewählt, zunächst für die "Liberale Zentrumsunion" ("Liberalų ir centro sąjunga"), dann für die "Liberale Bewegung" ("Lietuvos Respublikos liberalų sąjūdis"). Seit 2014 ist Austrevičius Mitglied im Europaparlament und ist dort u.a. bei der informellen Gruppe "Freunde der Europäischen Ukraine" aktiv. Er tritt für eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland ein und steht auf einer Liste von 89 Personen aus der Europäischen Union, denen die Einreise nach Russland gegenwärtig untersagt ist.

Ingrida Šimonytė musste sich zunächst internen "Primaries"
stellen, um als Kandidatin der Vaterlandsunion /
Christdemokraten benannt zu werden
Ingrida Šimonytė, parteilos, Litauens Ex-Finanzministerin ausgerechnet zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise (2009-2012). Sie möchte gern die weibliche Tradition im litauischen Präsidentinnenamt fortsetzen (manche nennen sie "Grybauskaite 2.0"). Sie steht für eine strikt konservative Finanzpolitik, gibt sich sozial- und gesellschaftspolitisch aber liberal. 1997 kam sie ins litauische Finanzministerium und leitete die Abteilung für Steuern. 2013 ernannte sie Präsidentin Grybauskaite zur stellvertretenden Vorsitzenden der Litauischen Nationalbank. Ihre Kandidatur wird unterstützt von den Christdemokraten und der Vaterlandsunion - nachdem eine Mitgliederbefragung zu ihren Gunsten ausgegangen war.

Gitanas Nausėda, ehemaliger Chef-Ökonom der "SEB Bank Litauen", gilt in Litauen als einer der "Väter des Euro". studierte er an der Universität Mannheim und sammelte später weitere Erfahrungen beim Deutschen Bundestag, bei der Weltbank, der Litauischen Zentralbank und der SEB-Bank. Er war auch Dozent am Lehrstuhl für Finanzen der Universität Vilnius, später auch an der "Vilnius University Business School". Deutschen Kulturinteressierten ist Nauseda auch durch seine Mitherausgeberschaft beim Buch "Chronik der Schule zu Nidden" als Bücherfreund bekannt. Mitte September 2018 kündigte Nauseda seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen an.

Bis zum 21. Februar 2019 ist noch Zeit für potentielle Kandidaten oder Kandidatinnen eine Kandidatur zu erklären. Unklar ist noch, ob auch der gegenwärtige litauische Regierungschef Saulius Skvernelis kandidieren wird. Auch eine Kandidatur von Visvaldas Matijošaitis, Bürgermeister von Kaunas, wird noch für möglich gehalten. Gegenwärtig sind die Kräfteverhältnisse noch unklar - zwar führen Nauseda und Šimonyte in den Umfragen - aber beide sprechen auch einen ähnlichen Wählerkreis an, beide stehen für ähnliche Themen. Da ein neuer Präsident oder Präsidentin von allen Litauerinnen und Litauern gewählt werden wird, bleiben einstweilen noch viele Fragen offen.

14 November 2018

Zwischen Litauen und Litauen

Als Denkmal für Klein-Litauen und dessen Bewohner wollen die Autor/innen und Herausgeber/innen ein neues Buch verstanden wissen, das am 7. November in den Räumen der Botschaft Litauens in Berlin vorgestellt wurde. Denn die Legenden über die alten litauischen Fürsten wie Mindaugas, Gedeminas oder Algirdas sind das eine - das Gebiet des damaligen Großfürstentums Litauen erstreckte sich vor allem nach Osten, in Regionen des heutigen Weißrussland, Polens und der Ukraine. Dafür war zunächst die Burg Trakai ein Symbol, 1323 wurde Vilnius gegründet.

Dr. Vaclovas Bagdonavičius mit Silke Brohm
(Übersetzerin) bei der Vorstellung des Buches in Berlin
Das erste gedruckte litauische Buch, dazu eine Bibelübersetzung ins Litauische, und auch die erste Grammatik der litauischen Sprache - das alles entstand in dem Gebiet von der Memel im Norden, Goldapp im Süden, und von Labiau im Westen bis zur litauischen Grenze im Osten.

Das jetzt frisch erschienene Werk hat den Titel "Preußisch-Litauen: Ein enzyklopädisches Handbuch / Mažosios Lietuvos enciklopedinis žinynas". Geschrieben haben dieses Buch über 300 Autorinnen und Autoren - die heute über die ganze Welt verstreut leben, von Kanada über Norwegen, Deutschland, den USA, Russland bis nach Australien. Die Idee entstand bereits 1983, 1985 wurde die "Stiftung Klein-Litauen" gegründet. Zwischen 2000 und 2009 konnten das fertige Werk in seiner litauischen Fassung (in vier Bänden) erscheinen. Für diese Ausgabe zeichnete der Philosoph und Literaturwissenschaftler Vaclovas Bagdonavičius verantwortlich.

Dr. Christiane Schiller
Die Projektleitung zur Erstellung einer deutschen Ausgabe dieses Werkes hatte Frau Dr. Christiane Schiller, Lituanistin und Baltistin. Es waren viele Aufgaben zu vergeben: die große Themenvielfalt bedingt es, dass sich Übersetzerinnen und Übersetzer sehr anstrengen mussten, um sorgfältig überprüfte Lösungen anbieten zu können. Da kam sicher zu gute, dass Frau Dr. Schiller auch Litauisch lehrt, also einen Teil der Schülerinnen und Schüler ansprechen konnte.

Also ein "Denkmal für die Westbalten"? Oder eher "Ostpreußen aus der Sicht der Litauer"?
"Nicht einmal die reichen Deutschen, die so viele verschiedene Enzyklopädien herausgaben, haben bisher ein Nachschlagewerk zu dem über Jahrhunderte von ihnen beherrschten und bewohnten Altpreußen und Ostpreußen erstellt, wenn sie auch Tausende von Arbeiten darüber schrieben," schrieb der litauische Historiker Algirdas Matulevičius schon 2001 für die "Annaberger Annalen". Aus litauischer Sicht war es also ein tiefes Bedürfnis, die Definition zu Geschichte, Kultur und Gegenwart der im Fokus stehenden Region nicht nur der deutschen Seite zu überlassen.
Prof. Dr. Manfred Klein
Mit dem vorliegenden Buch - dessen genaues Studium angesichts der Informationsfülle sicher längere Zeit dauern wird - haben nun auch deutsche Leserinnen und Leser ein Werkzeug, um eigene Schablonen und Sichtweisen mal auf die Probe zu stellen.

Auch der Historiker Dr. Manfred Klein, schon durch sein Buch "Das alte Litauen - dörfliches Leben zwischen 1861 und 1914" (siehe Annaberger Annalen) bekannt, beteiligte sich an der anschließenden Diskussion. Auch er hatte sich erst kürzlich mit einem eigenen Buch zu "Preussens Litauern" zu Wort gemeldet, wo Sätze zu lesen sind wie dieser: "Man kann Studien über Minderheiten in Deutschland oder der preußischen Gesellschaft lesen, in denen Ostpreußens Litauer nicht einmal erwähnt werden” - das dies sich ändert, auch dazu ist das neue Nachschlagewerk sicher nützlich. Alle Anwesenden waren sich einig: alle Beteiligten an der deutschen Ausgabe dieser neuen Enzyklopädie gebührt großen Dank, denn ohne ihr Engagement und ihre Leidenschaft wäre die Arbeit und der Zeitaufwand an diesem Projekt kaum realisierbar gewesen.

Preußisch-Litauen: Ein enzyklopädisches Handbuch / Mažosios Lietuvos enciklopedinis žinynas

05 Oktober 2018

Mentalität der Schnittstellen


"Wir davon profitiert, aus Ländern zu kommen, die eine kulturelle Schnittstelle sind", meint Modestas Pitrenas, Chefdirigent des Sinfonieorchesters St. Gallen in der Schweiz. Journalist Martin Preisser, Journalist beim Schweizer "Tagblatts", begibt sich in einem Interview mit Pitrenas auf die Suche der Mentalität der Litauer. "Stärkere Leidenschaft" vermuteter.

Pitrenas sagt zur Musik Litauens: "Die Melancholie ist natürlich ein Thema. Und die Musik der baltischen Länder spiegelt diese wider, genau wie auch die Musik des Finnen Sibelius oder des Russen Tschaikowsky. In Litauen sagen wir: «Bei uns ist der Himmel sehr nah». Es gibt viele Wolken, nur wenig Sonne. Unsere Lieder sind in Moll gehalten. Und dennoch sagen wir: «Wir sind am Leben.» Letzteres ist durchaus als trotzige Entgegnung angesichts der hohen Selbstmordstatistik Litauens gedacht.

Selbsteinschätzungen von Litauerinnen und Litauern sind sonst ziemlich schwer zu finden, 100 Jahre nach der Wiedererrichtung eines unabhängigen Litauen.

Deutsche Gäste, Studierende oder dort Arbeitende geben meist eher schlichte Tipps weiter, auf Sehenswürdigkeiten oder Essen und Trinken bezogen. "In Litauen gibts gutes Essen" meint Janett auf "Teilzeitreisender.de", und hebt Juoda ruginė duona (litauisches Schwarzbrot), Baumkuchen und litauische Biersorten besonders positiv hervor. Natürlich auch Zepelinas und Rote-Beete-Suppe. Persönliche Einschätzungen zu Menschen und Mentalität finden sich sehr viel seltener. Ob es an den Werbepartnern liegt, von denen die eifrigen Autorinnen und Autoren belohnt zu werden hoffen?

Sehr viel aufschlußreicher sind die schon die Erfahrungsberichte von (Erasmus)Studierenden. "Von deutscher Ordnung keine Spur - außer bei der Bürokratie" traut sich Maike zu resümieren. Pluspunkte gibts aber für das litauische Nachtleben in Vilnius und Kaunas, und dann die Nützlichkeitserwägung: "wer will, kann in Litauen von allem ein bisschen haben, und das auch noch zu guten Preisen!"

Einen "Kulturschock im Studium" glaubt Anna Kokott auf "Krosse" diagnostizieren zu können. Gleichzeitig meint sie "überall" noch einen "Hauch von Sowjetunion" verspüren zu können - und wieder mal jemand, der sich mit dem Litauisch lernen nicht anfreunden kann. Kein Wunder also, dass in der allgemeinen Sprachlosigkeit dann auch "schlechtes Wetter und schlechte Laune" diagnostiziert werden. Der Höhepunkt hier: im Krankenhaus mit einer verstauchten Hand ignoriert werden, weil man kein Litauisch spricht. Den Hintergrund, "nach Litauen gezogen zu sein", beschreibt Frau Kokott leider nicht (zumindest nicht im selben Beitrag). Denn in Litauen wohnen ohne Litauisch lernen zu wollen - was das auslöst, ist ihr leider nicht bewußt.

Bedingungslose Freundlichkeit, Höflichkeit auch gegenüber Fremden, und gleichzeitig günstiges Preisniveau (was ja für Litauerinnen und Litauer ganz anders aussieht) - ist es nur das, was Deutsche von Litauen erwarten? Offenbar gar nicht so einfach, eine "Schnittstelle" zu sein. Übergang von einem zum anderen, möglichst reibungslos - wenn es eine Serviceleistung wäre. Es wäre doch schön, wenn auch die Deutschen verstehen würden: erst wenn Litauen ein Land geworden ist, wo Litauerinnen und Litauer selbst einigermaßen sorgenfrei, mit ausreichendem Einkommen und der ganzen Familie selbst leben können, werden Vergleiche mit Deutschen auch gerechter ausfallen.

13 August 2018

Alle Wege führen zum G

Europäische Knautschzone:
immer schön die Landkarte im Blick
Vilnius liegt nicht am Meer - sonst würden vielleicht, wie in Tallinn, im Sommer zehntausende Kreuzfahrttouristen die Altstadt überschwemmen. "Nur 50 von 1000 Deutschen wissen, was Vilnius ist und wo es liegt!" weiß Inga Romanovskienė, Leiterin des Stadtmarketings der litauischen Hauptstadt, zu berichten. Daher läuft momentan neben London auch in Berlin eine Kampagne um Vilnius bekannter zu machen. Der Slogan, der hier voran steht, erzeugte schon vorab zumindest großes Aufsehen: "Vilnius, the G-spot of Europe!"

Nun, vielleicht gibt es ja Menschen, die mit diesem "G" nicht viel anfangen können - vielleicht 50 von 1000. Die anderen haben vermutlich wegen der großen Aufregung von dieser Kampagne erfahren, die darum inzwischen medial gemacht wurde. Aus Litauen war vor allem der Hinweis auf den kurz bevorstehenden Papstbesuch zu vernehmen - denn dem amtierenden Argentinier ist wohl zuzutrauen dass er überall nachfragt. Hauptstadt mit G? Vilnius?
Werbeslogan "Atomic Garden School"

"Vilnius, der G-Punkt Europas!" Dazu der Zusatz: "Niemand weiß wo er ist, aber wenn Du in findest, es ist fantastisch!" - perfekt illustriert ins Bild gesetzt. Solche Sprüche fanden manche mehr als nur zweideutig. "Nicht mal für einen Junggesellen-Abend tauglich" befand der Ex-Bürgermeister von Vilnius, Arturas Žuokas, der zu eigenen Amtszeiten viel lieber sich selbst als Vilnius-Werbefigur zu inszenieren versuchte.  Andere Litauer dachten vielleicht auch an die Schlagzeilen, die Litauen-Werbung vor zwei Jahren machte, als sich herausstellte dass mit Fotos geworben wurde die gar nicht in Litauen aufgenommen worden waren.

Oder war es eher kalkulierte Aufregung? Eine "Schlüpfrige Werbekampagne" meinte der "Kurier" zu erkennen, und die litauische katholische Kirche befürchtet sogar eine Werbung für Sextourismus. Die Kollegen der Werbeindustrie geraten da mehrheitlich eher ins Schmunzeln. Auch der litauische Regierungschef Saulius Skvernelis meldete sich zu Wort, meinte aber, trotz vorhandenen Merkwürdigkeiten überschreite die Stadtwerbung aber keine moralischen Grenzen.

Eher stolz auf die große Aufmerksamkeit sind Jurgis Ramanauskas, 25, und Skaistė Kaurynaitė, 27 Jahre alt - Studierende der Atomic Garden School in Vilnius.Die Kampagne solle sich an 18- bis 35-jährige junge Leute richten, meinen sie. Auffällig ist dabei, dass der neue Slogan bereits seit einigen Monaten in Medien und Internet diskutiert wird. Vielleicht musste also der Papst absichtlich herhalten? "Es ist uns eine Freude, wenn Arbeiten unserer Studierenden so viele Aufmerksamkeit bekommen", sagt Kęstutis Kuskys, Projektleiter an der "Atomic Garden School". Kuskys zufolge verdiene die Schule nichts an der studentischen Idee, auch wenn das Stadtmarketing Vilnius nun sogar Poster im Ausland damit produziere.

Was kann einer Werbekampagne besseres passieren, als bereits vor dem Start in aller Munde zu sein? (stern, MDR, The Sun, DW, Travelnews, Arileht, The Telegraph, Insider, NYTimes). Vor wenigen Tagen startete dann eine Plakatkampagne in Berlin und London. Aber auch virtuell, also im Internet, werden Interessierte weiter betreut. "Mit Zunge, oder ohne?" Was bei "VilniusGspot" auf den ersten Blick wie eine Verschärfung erotischer Anspielungen wirkt, entpuppt sich dann aber als harmlose Variante eines interaktiven Fragebogens. Es entsteht eine "pleasure map" mit Hinweisen zum guten Geschmack, dem aufregendsten Nachtleben, sehenswerten Aussichtspanoramen und aussergewöhnlichen Einkaufsmöglichkeiten. Weitgehend nur auf Englisch übrigens. 

Da ist es doch schade, dass die diesjährige sommerliche Reisesaison schon fast vorüber  ist. Vermutlich wird auch der Papst seine für September vorgesehenen Besuchspläne in Litauen nicht stornieren. Und die G-Spot-Filmchen, die inzwischen ebenfalls im Umlauf sind, bemühen sich die Assoziation zum "lustvolle Stöhnen" etwas abzubremsen - als erholsames Ausatmen. Auch das haben sich bereits jetzt zehntausende angesehen. Na dann: fröhliches Atmen zusammen!

13 Juni 2018

Zwischen Altlasten und Schlußstrich

Es gibt ein Thema, über das litauische Regierungsstellen offenbar nicht gerne reden: die früher der CIA zur Nutzung in Litauen eingeräumten "Geheimgefängnisse" (Black sites). Geheim deshalb, weil dort offenbar Dinge geschahen, von denen die Beteiligten gerne den Eindruck erwecken, es gäbe sie gar nicht - vor allem Folter. Es wäre also wohl falsch zu erwarten, Informationen hierzu im sogenannten "CIA World Factbook" finden zu können.

Als 2009 Einzelheiten zu CIA-Gefängnissen in Litauen veröffentlicht wurden (z.B. "Washington Post" / "Spiegel online") wirkte alles gleich sehr konkret: nicht nur was die Orten und Gebäude anging (Reithof Antaviliai), wo entsprechendes geschah, sondern auch was die Foltertechniken anging, die dort praktiziert wurden. Die Kritik richtet sich dabei gegen Litauen als Unterzeichnerstaat der UN-Anti-Folter-Konvention, die seit 1986 in Kraft ist (siehe auch: Die Presse). Allerdings zeigen zum Beispiel die jährlichen Berichte von "Amnesty International", dass Folter trotz des völkerrechtlich zwingenden Folterverbots weiterhin in vielen Ländern alltäglich ist (siehe auch: DW).

Als Gründe der litauischen Dienstbarkeit gegenüber US-Behörden wurden bald der litauische Wunsch nach besseren Beziehungen zu den USA vermutet - so habe es "ein ehemaliger CIA-Agent" erzählt. Den Grad des Geheimnisvollen bestärkten auch litauische Offizielle, denn die Regierung Litauens bestritt damals alle Gerüchte und Interpretationen über angebliche Geheimgefängnisse, die es auf litauischem Boden gegeben haben soll und möglicherweise (von der CIA) benutzt wurden (Die Welt). Als stärkstes Indiz galten damals Flugbewegungen von Maschinen der "Richmor Aviation", die dafür bekannt sein sollen öfter im Auftrag der CIA zu fliegen.

Eine der seltenen Stellungnahmen von litauischer Seite zu diesem Thema im Dezember 2009 von der frisch ins Amt gewählten Präsidentin Dalia Gribauskaite. "Litauen wird als Staat nur dann respektiert werden, wenn wir nicht Menschenrechte geringschätzen, oder Kompromisse in unserer nationalen Sicherheit machen - das eine darf das andere nicht beeinträchtigen." - In derselben Erklärung steht aber auch: "Das Komitee für nationale Sicherheit und Verteidigung des litauischen Parlaments hat Anfragen der CIA festgestellt, Einrichtungen für Gefangene einrichten zu dürfen, und das diese Einrichtungen auch entsprechend ausgerüstet wurden; es weist jedoch nichts darauf hin dass hier auch tatsächlich Gefangene gehalten wurden."

Also: Gefängnisse ja, Gefangene nein. Es stellte sich allerdings bald heraus, dass es in Litauen mehrere solche Orte potentieller CIA-Gefängnisse gab - und einer davon durchaus auch genutzt wurde. Quelle für diese Info: Domas Grigaliunas, ein ehemaliger litauischer Geheimdienstmitarbeiter. Litauen selbst startete zunächst auch eine Untersuchung in dieser Sache, stellte diese aber nach nur einem Jahr wieder ein.
Eine neue Entwicklung ergab sich 2013, als Litauen wegen der EU-Präsidentschaft im Fokus der internationalen Öffentlichkeit stand. Das "Human Right Watch Institute" in Vilnius forderte die litauische Regierung auf, die Untersuchungen zu den potentiellen CIA-Gefängnissen wieder aufzunehmen.

Im Jahresbericht für 2013 sagt "Amnesty International" für Litauen: "Die Behörden nahmen die Untersuchung zur Beteiligung Litauens an den CIA-Programmen für außerordentliche Überstellungen und Geheimgefängnisse nicht wieder auf, obwohl es neue Ermittlungsansätze gab und NGOs neue Daten über außerordentliche Überstellungsflüge nach Litauen vorgelegt hatten. Die Behörden versäumten es auch, strafrechtliche Schritte gegen Personen einzuleiten, die für möglicherweise auf litauischem Hoheitsgebiet verübte Menschenrechtsverletzungen wie Folter und Verschwindenlassen verantwortlich waren.
Im April 2012 besuchten Delegierte des Europäischen Parlaments das Land und kamen zu dem Schluss, dass Litauen keine unabhängige, unparteiische, gründliche und wirksame Untersuchung seiner Beteiligung an den CIA-Programmen durchgeführt hatte. In einem im September vom Europäischen Parlament angenommenen Bericht wurde Litauen aufgefordert, eine Untersuchung zu seiner Mitverantwortung für diese Programme durchzuführen, die mit den international geltenden Menschenrechtsstandards in Einklang steht."

Schon 2010 gab es offenbar einen UN-Bericht über die Existenz von Geheimgefängnissen weltweit - über dessen Veröffentlichung lange gestritten wurde (Tagesspiegel). Allerdings war hier nicht nur vom CIA war darin die Rede, sondern auch von Ländern wie China, Russland, Syrien, Pakistan, Saudi-Arabien, Indien und Usbekistan, wo ähnliches an der Tagesordnung sei.

2015 wurde mit Henrikas Mickevičius ein Litauer in die UN-Kommission "gegen gewaltsames Verschwindenlassen" (engl. = "Working Group on Enforced or Involuntary Disappearances") berufen (liberties). Mickevičius ist Mitgründer, Anwalt und heutiger Berater des litauischen "Human Rights Monitoring Institute" (HRMI) in Vilnius.

Und dann kam Zayn Al-Abidin Muhammad Husayn, genannt Abu Zubaydah. Als einer von zwei Anklägern behauptete er, von der CIA nach Litauen gebracht und dort festgehalten und gefoltert worden zu sein (beide sind mittlerweile im umstrittenen US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba interniert). Das Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) vom 31.5.2018 fiel eindeutig aus: Die Behörden Litauens hätten von den Gefängnissen gewusst und mit dem US-Auslandsgeheimdienst kooperiert. Damit hätten sie drohende Menschenrechtsverletzungen in Kauf genommen. (DW / ARD / liberties) Die EGMR-Entscheidung fiel einstimmig aus, mit Egidijus Kūris war auch ein Litauer unter den Richtern.
Festgestellt werden konnte auch der genaue Zeitpunkt, wann der Ankläger in Litauen festgehalten wurde: vom 17. oder 18. Februar 2005 bis zum 25. März 2006. Das Gericht verurteilte Litauen zur Zahlung von 100.000 Euro an den Ankläger, zusätzlich 30.000 Euro zur Begleichung von entstandenen Kosten.(siehe auch: HRMI). Außerdem wird Litauen aufgefordert, die Vorwürfe schnellstmöglich aufzuklären und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen.

14 Mai 2018

Litauisch Oberhausen

Die diesjährigen 64.Kurzfilmtage Oberhausen haben mit der Vergabe des Großen Preises der Stadt Oberhausen einen Filmemacher aus Litauen geehrt: Deimantas Narkevičius.Ein Name, der in Deutschland wohl in Kunstkreisen und unter Kulturschaffenden - aber nicht so sehr in allgemeinen Öffentlichkeit bekannt ist.

Narkevičius, geboren 1964 in Utena, studierte zunächst Bildhauerei an der Kunstakademie Vilnius. 1992/93 verbrachte er ein Jahr in London. Nach seiner Rückkehr begann er Gespräche mit Künstler/innen aufzuzeichnen - das narrative Element hat er sich in seinen Filmen erhalten, wie etwa in "The role of Lifetime".
Heute gilt Narkevičius als einer der international bekanntesten und anerkanntesten Künstler Litauens. 2001 repräsentierte er sein Heimatland bei der Bienale von Venedig, und auch 2003 war er in Venedig präsent. Seine Ausstellungsprojekte erstrecken sich über die ganze Welt: über London, Paris oder Brüssel bis nach Melbourne.

In seinen Filmen versucht er stets ein Thema aus der Geschichte aufzugreifen. Hier scheut er auch nicht vor schwierigen Themen zurück, die in er litauischen Gesellschaft kontrovers diskutiert werden, wie zum Beispiel die jüdische Vergangenheit und der Holocaust in Vilnius, oder die Schwierigkeiten von Homosexuellen im Alltag.

In einem Interview bezeichnete er Ferneh-Dokumentationen der 70iger Jahre als bevorzugtes Arbeitsmaterial: "Die Interviews wurden damals meist mit 16mm-Kameras gemacht, dann wurden sie geschnitten und noch am selben Abend verwendet - es geschah also oft in ziemlicher Hektik. So musste zu einem gewissen Maß auch experimentiert werden. Diese Filme wurden durchgesehen und gesendet, sie schufen interessante Möglichkeiten um Film zu nutzen. Ich habe darüber erst sehr viel später nachgedacht." 
aus: "Manifesta 10" (Sad songs of war)

Eine andere Aussage von Narkevičius ist, dass seine Filme auch als "Ausweitung seiner Skulpturen" angesehen werden können. "Für Manifesta2 habe ich auch Filmmaterial benutzt", sagt er. "Und der Prozess, eine Skulptur zu schaffen, ist bei mir auch ähnlich wie das Arbeiten mit Film." So wundert es auch nicht, dass sowohl die Riesenbüste von Karl Marx im heutigen Chemnitz (zu DDR-Zeiten=Karl-Marx-Stadt) bei Narkevičius Thema sind, wie auch die ehemals ganz Litauen dominierenden Lenin-Skulpturen (heute versammelt im "Grūto Parkas" zu sehen), oder der Abbau der letzten Sowjetmonumente von der "Grünen Brücke" in Vilnius. Dabei kann Narkevičius mit diesen Statuen ganz anders umgehen, wie er es als Bildhauer könnte: "gewöhnlich sind diese Figuren ja nicht dafür geschaffen worden, damit sie in dem Moment betrachtet werden wie sie aufgestellt oder wieder abgebaut werden."

Hat Narkevičius Vorbilder? Beeindrucked habe ihn die Persönlichkeit von Werner Herzog: "Ich war beeindruckt von seiner Persönlichkeit", erzählt er. Auch sein Film "Revisiting Solaris" ist einem Filmmacher und einem Visionär gewidmet: Adrejs Tarkowski und Stanisław Lem, dazu werden Landschaftsmotive von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis genutzt.
Inzwischen, nach all seinen internationalen Erfolgen, wird Deimantas Narkevičius wohl selbst schon zum Vorbild für viele jüngere Künster/innen geworden sein.

Interview mit Deimantas Narkevičius   / Forum der Berlinale 2012

Deimantas Narkevicius - The Role of a Lifetime    / The arrow of time

Deimantas Narkevicius in Münster     / Head (Der Kopf)

Baltic Bites   / Kurzfilmtage Oberhausen  /  Lo Schermo Dell’Arte Film Festival (Interview)

Into the Unknown   /   Manifesta 10    / Ausgeträumt