13 Juni 2018

Zwischen Altlasten und Schlußstrich

Es gibt ein Thema, über das litauische Regierungsstellen offenbar nicht gerne reden: die früher der CIA zur Nutzung in Litauen eingeräumten "Geheimgefängnisse" (Black sites). Geheim deshalb, weil dort offenbar Dinge geschahen, von denen die Beteiligten gerne den Eindruck erwecken, es gäbe sie gar nicht - vor allem Folter. Es wäre also wohl falsch zu erwarten, Informationen hierzu im sogenannten "CIA World Factbook" finden zu können.

Als 2009 Einzelheiten zu CIA-Gefängnissen in Litauen veröffentlicht wurden (z.B. "Washington Post" / "Spiegel online") wirkte alles gleich sehr konkret: nicht nur was die Orten und Gebäude anging (Reithof Antaviliai), wo entsprechendes geschah, sondern auch was die Foltertechniken anging, die dort praktiziert wurden. Die Kritik richtet sich dabei gegen Litauen als Unterzeichnerstaat der UN-Anti-Folter-Konvention, die seit 1986 in Kraft ist (siehe auch: Die Presse). Allerdings zeigen zum Beispiel die jährlichen Berichte von "Amnesty International", dass Folter trotz des völkerrechtlich zwingenden Folterverbots weiterhin in vielen Ländern alltäglich ist (siehe auch: DW).

Als Gründe der litauischen Dienstbarkeit gegenüber US-Behörden wurden bald der litauische Wunsch nach besseren Beziehungen zu den USA vermutet - so habe es "ein ehemaliger CIA-Agent" erzählt. Den Grad des Geheimnisvollen bestärkten auch litauische Offizielle, denn die Regierung Litauens bestritt damals alle Gerüchte und Interpretationen über angebliche Geheimgefängnisse, die es auf litauischem Boden gegeben haben soll und möglicherweise (von der CIA) benutzt wurden (Die Welt). Als stärkstes Indiz galten damals Flugbewegungen von Maschinen der "Richmor Aviation", die dafür bekannt sein sollen öfter im Auftrag der CIA zu fliegen.

Eine der seltenen Stellungnahmen von litauischer Seite zu diesem Thema im Dezember 2009 von der frisch ins Amt gewählten Präsidentin Dalia Gribauskaite. "Litauen wird als Staat nur dann respektiert werden, wenn wir nicht Menschenrechte geringschätzen, oder Kompromisse in unserer nationalen Sicherheit machen - das eine darf das andere nicht beeinträchtigen." - In derselben Erklärung steht aber auch: "Das Komitee für nationale Sicherheit und Verteidigung des litauischen Parlaments hat Anfragen der CIA festgestellt, Einrichtungen für Gefangene einrichten zu dürfen, und das diese Einrichtungen auch entsprechend ausgerüstet wurden; es weist jedoch nichts darauf hin dass hier auch tatsächlich Gefangene gehalten wurden."

Also: Gefängnisse ja, Gefangene nein. Es stellte sich allerdings bald heraus, dass es in Litauen mehrere solche Orte potentieller CIA-Gefängnisse gab - und einer davon durchaus auch genutzt wurde. Quelle für diese Info: Domas Grigaliunas, ein ehemaliger litauischer Geheimdienstmitarbeiter. Litauen selbst startete zunächst auch eine Untersuchung in dieser Sache, stellte diese aber nach nur einem Jahr wieder ein.
Eine neue Entwicklung ergab sich 2013, als Litauen wegen der EU-Präsidentschaft im Fokus der internationalen Öffentlichkeit stand. Das "Human Right Watch Institute" in Vilnius forderte die litauische Regierung auf, die Untersuchungen zu den potentiellen CIA-Gefängnissen wieder aufzunehmen.

Im Jahresbericht für 2013 sagt "Amnesty International" für Litauen: "Die Behörden nahmen die Untersuchung zur Beteiligung Litauens an den CIA-Programmen für außerordentliche Überstellungen und Geheimgefängnisse nicht wieder auf, obwohl es neue Ermittlungsansätze gab und NGOs neue Daten über außerordentliche Überstellungsflüge nach Litauen vorgelegt hatten. Die Behörden versäumten es auch, strafrechtliche Schritte gegen Personen einzuleiten, die für möglicherweise auf litauischem Hoheitsgebiet verübte Menschenrechtsverletzungen wie Folter und Verschwindenlassen verantwortlich waren.
Im April 2012 besuchten Delegierte des Europäischen Parlaments das Land und kamen zu dem Schluss, dass Litauen keine unabhängige, unparteiische, gründliche und wirksame Untersuchung seiner Beteiligung an den CIA-Programmen durchgeführt hatte. In einem im September vom Europäischen Parlament angenommenen Bericht wurde Litauen aufgefordert, eine Untersuchung zu seiner Mitverantwortung für diese Programme durchzuführen, die mit den international geltenden Menschenrechtsstandards in Einklang steht."

Schon 2010 gab es offenbar einen UN-Bericht über die Existenz von Geheimgefängnissen weltweit - über dessen Veröffentlichung lange gestritten wurde (Tagesspiegel). Allerdings war hier nicht nur vom CIA war darin die Rede, sondern auch von Ländern wie China, Russland, Syrien, Pakistan, Saudi-Arabien, Indien und Usbekistan, wo ähnliches an der Tagesordnung sei.

2015 wurde mit Henrikas Mickevičius ein Litauer in die UN-Kommission "gegen gewaltsames Verschwindenlassen" (engl. = "Working Group on Enforced or Involuntary Disappearances") berufen (liberties). Mickevičius ist Mitgründer, Anwalt und heutiger Berater des litauischen "Human Rights Monitoring Institute" (HRMI) in Vilnius.

Und dann kam Zayn Al-Abidin Muhammad Husayn, genannt Abu Zubaydah. Als einer von zwei Anklägern behauptete er, von der CIA nach Litauen gebracht und dort festgehalten und gefoltert worden zu sein (beide sind mittlerweile im umstrittenen US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba interniert). Das Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) vom 31.5.2018 fiel eindeutig aus: Die Behörden Litauens hätten von den Gefängnissen gewusst und mit dem US-Auslandsgeheimdienst kooperiert. Damit hätten sie drohende Menschenrechtsverletzungen in Kauf genommen. (DW / ARD / liberties) Die EGMR-Entscheidung fiel einstimmig aus, mit Egidijus Kūris war auch ein Litauer unter den Richtern.
Festgestellt werden konnte auch der genaue Zeitpunkt, wann der Ankläger in Litauen festgehalten wurde: vom 17. oder 18. Februar 2005 bis zum 25. März 2006. Das Gericht verurteilte Litauen zur Zahlung von 100.000 Euro an den Ankläger, zusätzlich 30.000 Euro zur Begleichung von entstandenen Kosten.(siehe auch: HRMI). Außerdem wird Litauen aufgefordert, die Vorwürfe schnellstmöglich aufzuklären und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen.

14 Mai 2018

Litauisch Oberhausen

Die diesjährigen 64.Kurzfilmtage Oberhausen haben mit der Vergabe des Großen Preises der Stadt Oberhausen einen Filmemacher aus Litauen geehrt: Deimantas Narkevičius.Ein Name, der in Deutschland wohl in Kunstkreisen und unter Kulturschaffenden - aber nicht so sehr in allgemeinen Öffentlichkeit bekannt ist.

Narkevičius, geboren 1964 in Utena, studierte zunächst Bildhauerei an der Kunstakademie Vilnius. 1992/93 verbrachte er ein Jahr in London. Nach seiner Rückkehr begann er Gespräche mit Künstler/innen aufzuzeichnen - das narrative Element hat er sich in seinen Filmen erhalten, wie etwa in "The role of Lifetime".
Heute gilt Narkevičius als einer der international bekanntesten und anerkanntesten Künstler Litauens. 2001 repräsentierte er sein Heimatland bei der Bienale von Venedig, und auch 2003 war er in Venedig präsent. Seine Ausstellungsprojekte erstrecken sich über die ganze Welt: über London, Paris oder Brüssel bis nach Melbourne.

In seinen Filmen versucht er stets ein Thema aus der Geschichte aufzugreifen. Hier scheut er auch nicht vor schwierigen Themen zurück, die in er litauischen Gesellschaft kontrovers diskutiert werden, wie zum Beispiel die jüdische Vergangenheit und der Holocaust in Vilnius, oder die Schwierigkeiten von Homosexuellen im Alltag.

In einem Interview bezeichnete er Ferneh-Dokumentationen der 70iger Jahre als bevorzugtes Arbeitsmaterial: "Die Interviews wurden damals meist mit 16mm-Kameras gemacht, dann wurden sie geschnitten und noch am selben Abend verwendet - es geschah also oft in ziemlicher Hektik. So musste zu einem gewissen Maß auch experimentiert werden. Diese Filme wurden durchgesehen und gesendet, sie schufen interessante Möglichkeiten um Film zu nutzen. Ich habe darüber erst sehr viel später nachgedacht." 
aus: "Manifesta 10" (Sad songs of war)

Eine andere Aussage von Narkevičius ist, dass seine Filme auch als "Ausweitung seiner Skulpturen" angesehen werden können. "Für Manifesta2 habe ich auch Filmmaterial benutzt", sagt er. "Und der Prozess, eine Skulptur zu schaffen, ist bei mir auch ähnlich wie das Arbeiten mit Film." So wundert es auch nicht, dass sowohl die Riesenbüste von Karl Marx im heutigen Chemnitz (zu DDR-Zeiten=Karl-Marx-Stadt) bei Narkevičius Thema sind, wie auch die ehemals ganz Litauen dominierenden Lenin-Skulpturen (heute versammelt im "Grūto Parkas" zu sehen), oder der Abbau der letzten Sowjetmonumente von der "Grünen Brücke" in Vilnius. Dabei kann Narkevičius mit diesen Statuen ganz anders umgehen, wie er es als Bildhauer könnte: "gewöhnlich sind diese Figuren ja nicht dafür geschaffen worden, damit sie in dem Moment betrachtet werden wie sie aufgestellt oder wieder abgebaut werden."

Hat Narkevičius Vorbilder? Beeindrucked habe ihn die Persönlichkeit von Werner Herzog: "Ich war beeindruckt von seiner Persönlichkeit", erzählt er. Auch sein Film "Revisiting Solaris" ist einem Filmmacher und einem Visionär gewidmet: Adrejs Tarkowski und Stanisław Lem, dazu werden Landschaftsmotive von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis genutzt.
Inzwischen, nach all seinen internationalen Erfolgen, wird Deimantas Narkevičius wohl selbst schon zum Vorbild für viele jüngere Künster/innen geworden sein.

Interview mit Deimantas Narkevičius   / Forum der Berlinale 2012

Deimantas Narkevicius - The Role of a Lifetime    / The arrow of time

Deimantas Narkevicius in Münster     / Head (Der Kopf)

Baltic Bites   / Kurzfilmtage Oberhausen  /  Lo Schermo Dell’Arte Film Festival (Interview)

Into the Unknown   /   Manifesta 10    / Ausgeträumt

16 April 2018

Diplomatie der Hundertjährigen

Endlich auch mal gemeinsam auf Tournee gehen - war das die Idee hinter der diplomatischen Frühlingsoffensive der drei baltischen Präsidentinnen und Präsidenten? Erst in Washington bei US-Trump, dann in Paris bei Macron, und kurz danach dann die lange erwartete Eröffnung der "London Book Fair" (mit Schwerpunkt auf den drei baltischen Staaten).

Der Ausflug zum US-Präsidenten wird unter einem zweispältigen Motto gestanden haben: die einen sehen hier die treuen US-Vasallen ihrem Herrn und Befehlshaber berichten, die anderen wollen eher ängstlichen Nachfragen erkennen, ob denn der wankelmütige und eher unberechenbare Chef im Weißen Haus es überhaupt noch wichtig findet, den Schutz der NATO für die baltischen Staaten zu bestätigen - die Litauerin Dalia Grybauskaite hatte von "unpredictable leadership" gesprochen (CNN) (siehe auch: Pressekonferenz1 / Pressekonferenz2 ).

Kulturelle Aktivitäten waren beim USA-Besuch offenbar nicht geplant - und der Wortlaut der Presseerklärungen lässt sich schnell zusammenfassen: wir, die Balten, sind froh dass die USA für unsere Sicherheit bürgt, als Gegenleistung sorgen wir für ein vorteilhaftes Klima für US-Investoren und gegen 2% unseres Bruttosozialproduktes für Rüstung aus. Einschließlich dem verdeckten Versprechen, in den USA die Waffen für die eigene Armee einzukaufen (so funktioniert doch "Amerika first"?). Immerhin ging Grybauskaite soweit, gleich mehrfach öffentlich die vermeintlichen Trump'schen Vorwürfe gegen andere NATO-Mitglieder zu wiederholen ("they have not paid their bills"), und speziell gegen Deutschland sogar noch nachzulegen: die Nord-Stream-Pipeline mache abhängig vom russischen Gas.

Zurück auf dem europäische Kontinent, kam wieder mehr "Kultur" auf, als beim "Auswärtsspiel" in Washington. "Wilde Seelen" heißt die Ausstellung im Musée d'Orsay in Paris - Malerei der Zeitperiode zwischen den 1890er Jahren und der Zeit von 1920 bis 1930. Oder auch: "Čiurlionis und mehr!" So gelingt es zumindest für die Ausstellungsbesucher den Zugang zu öffnen für die Sichtweisen vor 100 Jahren. "Unsere Etnografie, unsere Wurzeln, unser Kulturerbe" - so beschreiben die Ausstellungsmacher das, was sie zeigen wollen.

Dalia Grybauskaite nennt die Beziehungen zu Frankreich "strategische Partnerschaft" (Presseerklärung); und sie kommt auch schnell wieder auf Zahlen und Finanzen: schließlich habe Frankreich 22 Tonnen Gold aus litauischen Besitz während der Okkuptationszeit aufbewahrt und danach an Litauen zurückgegeben. Und das Bild "Rex" von Čiurlionis sei schließlich mit 1 Millon Euro Versicherungssumme das teuerste der gesamten Ausstellung - so als ob rein kulturelle Aktivitäten in Litauen keine Währung mehr seien, und alles in Zahlen statistische Erfolge umgerechnet werden muss. 

Und schließlich die "London Book Fair" - mit Länderschwerpunkt Estland, Lettland und Litauen. Die Ankündigungen dazu klangen teilweise sehr kreativ: "die Bücherschmuggler kommen!" (Bookseller). - Hier konnte Litauen sicher Erfahrungen der Buchmesse Leipzig 2017 nutzen (mit Schwerpunkt Litauen). Gleichzeitig wurde bekannt, dass Buchverleger aus den baltischen Staaten mehrere Preise gewannen: darunter war auch "Alma Littera" aus Litauen, denen der  "Market Focus Baltics Young Adult Publisher Award" zugesprochen wurde. "Die Stärke des Kinderbuchmarkts in den baltischen Staaten hat die Jury beeindruckt" (Börsenblatt).

Es ist anzunehmen, dass der Auftritt der litauischen
Buchverleger/innen und Schriftsteller/innen weniger
Ängste hervorgerufen hat, als es hier ein lettischer
Karikaturist befürchtet ...
Für manche Medien und Berichterstatter scheinen auch die litauischen Namen schlichtweg zu lang und zu kompliziert zu sein - so wird bei "Gulf News" von der Buchmesse und einer "Cristina Sabalia" berichtet. Die litauische Presse berichtet von der Londoner Buchmesse auch als "Nischensuche auf dem englischsprachigen Markt": 200 Bücher seien präsentiert worden, darunter 19 Neuübersetzungen ins Englische, unter der Beteiligung von 26 litauischen Verleger/innen.

Für den Rest des Jahres ist anzunehmen, dass die drei Hundertjährigen (ok, Litauen war 1918 bereits "wiedergeboren") ganz auf den Tourismus setzen werden. Sogar der Papst hat ja für September sein Kommen bereits angekündigt. 

12 April 2018

Der Baltenbeste

"Baltische" (litauisch-lettische) Projekte, auch
von der EU gefördert (INTERREG)
Was sind eigentlich "Balten"? Vielleicht die Bewohner des "Baltikums"? Tatsächlich steht es so im "Duden" (online). Aber viele haben sich diese Fragen schon gestellt, und ebenso viele wurden schon mit vereinfachenden Antwortschablonen abgespeist. Manche führen die Bezeichnung auf die "baltischen" Stämme zurück, so wie sie vor einigen Jahrhunderten existierten - also Selonen, Schamaiten, Galinder oder Jadwinger. Andererseits begannen auch die Deutschen, die im bis zum 1.Weltkrieg existierenden, alten "Livland" wohnten, sich als "Balten" zu bezeichnen - "Baltendeutsche" eben (ein vor allem in der Nazizeit üblicher Begriff), oder "Deutschbalten" (wie es heute üblich ist).
Für wieder andere ist "Twangste" der Schlüsselbegriff, eine (alt-)prussische Burg, die ungefähr dort gestanden haben soll wo später die Deutschen ihr Königsberg erbauten - als geschichtlicher Beweis, dass nicht erst die Deutschen diese Gegend als erste besiedelten und "kultivierten", wie sie es oft meinten.
Sogar vom lettisch/litauischen Wort für "weiß" (= "balts", litauisch = "baltas") leiten manche den Begriff "Baltikum" ab - das "weiße Meer" ("Baltijas Jūra" / "Baltijos Jūra"). Oder doch das "Baltikum-Meer"? (Die Esten sind da eindeutiger: Ostsee = Läänemeri / "Westsee")

"Balten" also. Schwierig wird es vielleicht, wenn sich aus Estland stammende Deutsche als "Balten" bezeichnen, ihre (ehemaligen) Nachbarn, die Estinnen und Esten, aber ausdrücklich nicht. Schließlich sprechen Esten eine finno-ugrische, keine indoeuropäische Sprache, und nähern sich gern dem "Nordischen" an - ihren Brüdern und Schwestern, den Finninnen und Finnen, und Skandinavien eben.

Nun wollen offenbar Lettland und Litauen ein Zeichen setzen - und suchen "den besten Balten". Die beiden Außenministerien, das litauische wie das lettische, wollen damit auf den 22. September hinweisen - den von beiden Ländern inzwischen festgelegten "Tag der Baltischen Einheit" (siehe Blogbeitrag). Auf dass dieses Datum nicht nur eine Art romantische Erinnerung an verlorene Zeiten und Chancen sei (hätten wir nur damals so weitergemacht, so einig!), sondern neuen, aktuellen Sinn ergebe. Der "Baltische Preis" ("Balt's Award" / "Baltų apdovanojimas" / "Baltu balva"). Linguisten, Historiker, Journalisten oder Übersetzer seien damit besonders angesprochen - vermutlich besonders solche, die insbesondere zusammen mit dem "baltischen" Nachbarn wirken.

Künftig also: "der beste Balte" - im litauisch-lettischen Sinne (die Bezeichnung "Baltų apdovanojimas" als "Weißen Preis" zu übersetzen wäre vielleicht nicht angemessen). Öffentlich geehrt, die Ausgaben für das Preisgeld von 3000 Euro wollen sich die beiden zuständigen Ministerien teilen. Bis zum 31. Mai werden Vorschläge gesammelt, am 22.9. soll erstmals geehrt werden. Kommunikationssprache ist dabei - baltisch neutral - ausschließlich Englisch. Die Vergaberichtlinien sind im Internet abrufbar. Demnach soll eine zehnköpfige Jury über die Vergabe entscheiden - in geheimer Abstimmung. Mit welcher Mehrheit, in wie vielen Wahlgängen - das ist nicht festgelegt.Bleibt abzuwarten, ob dies eher - wie in so vielen anderen Fällen - ein Hilfsmittel zur Prestigeerhöhung der sowieso Bevollmächtigten sein wird; ob also wieder Präsident/innen, Stars des Kulturlebens, Politiker/innen geehrt werden, oder vielleicht mal die eher unbekannten, aber umso aktiveren Individualisten, Nichtregierungsorganisationen, Unberufene. Die Jury und die Ministerien werden es entscheiden.

23 März 2018

Durchreisende Kickerfreunde

In Litauen steht die Fußballweltmeisterschaft an. In Litauen? Bekanntlich schied das Fußballteam Litauens in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Russland sang- und klanglos aus. Aber, wer genau hinschaut, wird feststellen: die WM 2018 findet nicht nur in Zentral-Russland statt, sondern eben auch in Kaliningrad. Wer Fußballfan ist, und diese Spiele besuchen möchte, wird meist nicht anders können - als durch Litauen zu reisen.

So wird also am 16. Juni das Spiel Kroatien gegen Nigeria, am 22. Juni Serbien gegen die Schweiz, am 25. Juni Spanien gegen Marocco, und auch am 28. Juni das Spiel England gegen Belgien im Stadion von Kaliningrad stattfinden. Dafür spendierten die Organisatoren der Stadt ein völlig neues Stadion mit einem Fassungsvermögen von 35.000 Zuschauern, nach der WM soll hier dann der FC Baltika Kaliningrad spielen. Das Stadion sollte eigentlich am 22.3. auf Wunsch des russischen Konzerns GAZPROM, durch ein Gastspiel des FC Schalke 04 eröffnet werden - das verhinderten aber die derzeit in Kaliningrad herrschenden arktischen Minustemperaturen (siehe "Kicker").

Derweil haben litauische Stellen ganz andere Sorgen, wie ein Bericht der "Baltic Times" zeigt. Einerseits gibt es Vereinbarungen zwischen litauischen und russischen Behörden, die Anzahl der Transitzüge während der Fußball-WM zu verdreifachen: viermal täglich wird es dann Verbindungen geben, für bis zu 2400 Gäste. Aber reicht das aus? Remigijus Motuzas, Botschafter Litauens in Russland, äußerte die Annahme, viele Fans würden auf das Angebot kostenlosen Zugtransfers zurückgreifen, wenn sie erstmal in Russland angekommen seien und im Besitz von Tickets für Spiele in Kaliningrad sind. Wegen des freien Bahntransfers sei es einfacher, über Moskau nach Kaliningrad zu reisen.
Die WM-Organisatoren bemühen sich (sprachlich noch
verbesserungsbedürftig) um Infos für Zugreisende


Schwieriger wird es werden für Reisende, die ein Visum für die Durchreise durch Litauen benötigen - so zum Beispiel Fans aus Nigeria oder Marokko, die ihre Mannschaften in Kaliningrad erleben wollen. Renatas Pozela, Chef der litauischen Grenzpolizei, äußerte zudem die Hoffnung dass es nicht zu illegalen Grenzübertritten komme. In der englischen Presse sind Reisetipps zu lesen, die für Kaliningrad-Reisende preisgünstige Flüge entweder über Gdansk (Danzig) oder das litauische Palanga empfehlen. Wie der Ablauf bei den PKW-Reisenden aussehen wird - alle beteiligten Behörden hoffen auf einen reibungslosen Grenzverkehr.
Transitverkehr Moskau-Kaliningrad per Zug: noch sind Plätze frei!

18 März 2018

Von toten Pferden, notwendigen Paten, und neuem Aufbruch

Litauen hat sich etabliert auf dem deutschen Buchmarkt. Warum? "Vielleicht, weil die Deutschen immer schon die Kurische Nehrung kannten," bekomme ich am Litauen-Stand in Leipzig zu hören. Allerdings: warum wurde Litauen so lange aus deutscher Sicht ignoriert, wenn denn die Kurische Nehrung angeblich so bekannt war?

Litauen-Diskutanten in Leipzig 2018: Journalist Gregor Dotzauer,
Verleger Sebastian Guggolz,
Matthias Weichelt (Sinn und Form),
und Torsten Ahrend (Wallmann-Verlag)
Nein, keine Sorge, von Thomas Mann war an dieser Stelle nicht schon wieder die Rede. 2017 war Litauen-Schwerpunkt auf der Buchmesse Leipzig - ein sehr sonniges Wochenende war es übrigens - und 2018 war Nachbereitung angesagt (bei heftigem Schneeregen draußen). "Hilft der Gastland-Titel beim Bücherverkauf?" so das Thema einer halbstündigen Diskussionsrunde.

Von Pferden war die Rede. Nein, nicht von Tiertransporten aus Litauen, sondern von denen die anderen zum Erfolg verhelfen sollen: die Zugpferde. Vor allem Tomas Venclova wurde hier strapaziert - nicht ohne die besorgte Nachfrage, ob Venclova überhaupt in Litauen genauso beliebt sei wie im Ausland.

Pate Venclova

Es diskutierten: zwei Journalisten, die 2017 in den Genuß einer kostenlosen Geschäftsreise ins Buchmessen-Gastland spendiert bekommen hatten, und zwei Verleger, von denen aber nur einer ein (in Worten: ein) Buch eines litauischen Schriftstellers herausgegeben hatte. Ob auch tote Pferde taugen - wurde der Verleger gefragt, denn Antanas Škėma, der Autor eines der 2017 über 30 neu erschienenen Bücher aus Litauen, starb schließlich bereits 1961, weit entfernt von Litauen.

Litauen auf der Buchmesse Leipzig 2018
Es gibt in Deutschland eigentlich keine Vorurteile oder Klischees gegenüber Litauen, stellte die versammelte Runde gemeinsam fest. "Vielleicht noch eine Spur Sowjetvergangenheit," meint Verleger Guggolz, "aber in meiner Generation steht das Baltikum für Aufbruch." -
Baltikum? - "Ich habe vor allem gelernt, diese drei Länder zu unterscheiden," meinten Ahrend wie auch Weichelt, "die drei Länder verstehen sich gar nicht als Baltikum. Das ist vielleicht nur unser grober, deutscher Blick." - Eine Erkenntnis, die allerdings offenbar nicht durchs Bücherlesen gewachsen ist, sondern durch "unser Privileg nach Litauen reisen zu dürfen".

Litauisch-lettische Geschwister

Ahrend erzählt anschließend von der Litauerin Irena Veisaite, die er als "Schwester von Valentina Freimane" bezeichnet (deren Buch 2015 im Wallstein-Verlag erschien). Oha, sensationelle neue kulturelle Verwandschaften? Nun ja, es ist wohl als eine kleine Rechtfertigung gemeint, denn in seinem Verlag erschien 2017 kein einziges der vielen neuen Litauen-Bücher. Ein Buch von Veisaite, das stehe nun aber bevor.
Gibt es eine "Literatur der Region"? fragt Moderator Dotzauer in die Runde, nicht ohne in seiner Frage tatsächlich den direkten Vergleich von "Balkan" zu "Baltikum" ziehen zu wollen und damit den vorher von den Kollegen so betonten Erkenntnisgewinn zu den Unterschieden wieder in Frage zu stellen. Guggolz weist auf den gemeinsamen Schwerpunkt der Buchmesse London hin - immerhin treten dort alle drei baltische Staaten gemeinsam auf. Guggolz wie auch Ahrend nutzten die Gelegenheit, auch ihre nächsten Buchprojekte zum Thema Estland gleich mit zu bewerben: "da geht es auch um Heimat, Nostalgie, Aufbruch und Verlorenheit".

Abschlußbild mit litauischen und deutschen Beteiligten
Immerhin durfte jeder der Podiumsgäste zum Abschluß noch ein paar andere seiner Litauen-Lieblingsbücher nennen - sonst wäre diese halbe Diskussionsstunde fast zu reiner Ankündigungs-rhethorik der jeweiligen Verlagsprojekte geworden. So kam auch Jonas Mekas noch zu Ehren, und sogar Ričardas Gavelis, dessen "Vilnius Poker" allerdings immer noch nicht auf Deutsch vorliegt.

Litauen - kaum zu toppen!

Jedenfalls auch die finanzielle Unterstützung der Übersetzungen sei reibungslos, das betonten die auf dem Podium vertretenen Verleger. Wie überhaupt der Buchmessen-Auftritt Litauens 2017 sensationell gut gelaufen sei. Sebastian Guggolz meinte sogar: "Es wird schwer sein, den litauischen Auftritt zu übertreffen!" Für ein Land von der Größe von Litauen sei Leipzig zudem besser gewesen als etwa Frankfurt. Die Zuständigkeiten seien sehr klar geordnet gewesen, und immer habe er Unterstützung von vielen Seiten gespürt, und auch die Zusammenarbeit mit den Übersetzer/innen sei sehr befruchtend gewesen. - Die Litauerinnen und Litauer im Publikum, besonders die Vertreterinnen des litauischen Kulturinstituts, werden es gern gehört haben.

12 Februar 2018

Singen zum Hundertsten

Eigentlich haben ja die Nachbarn Estland und Lettland die längere Tradition: ein "Liederfest", von vielen auch "Sängerfest" genannt - litauisch "Dainų šventė" - gibt es in Estland seit 1869, Lettland seit 1872. Die Geschichte der litauischen Liederfeste (Dainų šventė) beginnt 1924 - seitdem fand es 17mal statt. Hier steht das Hundertjährige also noch bevor.

2003 wurde das Liederfest gemeinsam mit den anderen baltischen Liederfesten (Estland und Lettland) von der UNESCO als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit anerkannt und 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Wenn am 1. Juli 2018 das diesjährige litauische "Dainų šventė" eröffnet wird, dann soll, gemäß Programm, auch speziell auf die geschichtliche Entwicklung eingegangen werden. Nicht nur auf die 1918 erfolgreich erneuerte Selbstständigkeit Litauens, sondern die Litauer/innen definieren ihr Traditionen, mehr als die estnischen oder lettischen Nachbarn, international verwurzelt. Also ist auf dieser litauischen Geschichtstafel manches bunte zu finden:
- das Erste Eidgenössische Sängerfest in Zürich / Schweiz des Jahres 1843, das mit 80 Chören und 2100 Sänger/innen als der erste der Welt gilt;
- ein Sängerfest in Würzburg im Jahr 1845, eine Tradition die selbst in Deutschland eher unbekannt ist (hier soll unter anderem die Landeshymne Schleswig-Holsteins zum ersten Mal erklungen sein);
- das erste "baltische" Sängerfest in Tartu (Dorpat) 1869, Die Litauer nennen auch vier litauische Komponisten, deren Lieder während der estnischen Sängerfeste der ersten Estnischen Unabhängigkeit dort aufgeführt wurden: Domas Andrulis, Eduardas Balsys, A. Andriulis und Zigmas Venckus;
- das erste lettische Sängerfest 1873, aber besonders das Lettische Sängerfest 1931, an dem auch 100 Gäste aus Litauen teilnahmen;
- 1895 als das Jahr, in dem der erste litauische Chor, und auch die erste litauische Sängervereinigung gegründet wurden;
- der Komponist Stasys Šimkus soll dann 1909 zum ersten Mal mehrere Chöre eingeladen haben zu einer gemeinsamen Aufführung. Die Idee zur Schaffung eines litauischen Sängerfestes scheiterte damals noch am Ausbruch des 1.Weltkriegs.
- 1924 war dann der Boden bereitet für die ersten "Tage des Liedes".

Interessant nachzulesen sind auch die Aktivitäten der sowjetlitauischen Zeit. Ob 1946 wirklich fröhlich gefeiert werden konnte ist unklar - wo doch manche noch hofften, Litauen könnte sich wieder vom sowjetischen Zugriff befreien, und viele andere waren nach Westen geflohen. Aber 1946 gab es erstmals einen Wettbewerb der Chöre untereinander, seitdem ist so ein Chörewettstreit schon traditionell. Mit dem Liederfest 1950 spielte sich ein vorübergehender Fünfjahres-Rhythmus der Liederfeste ein. Ab 1955 wurde mit “Skambėk, daina” ("Klinge, Lied") auch eine eigene Zeitschrift zum Festival herausgegeben - insgesamt erschienen 47 Ausgaben. Die 1960 fertiggestellte Liederfestbühne im VingisPark erstellten estnische Architekten - der Ort wurde später auch Bühne für so manche Kundgebungen zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Seit dem Jahr 2000 ist die Organisation der litauischen Liederfeste durch Regierungsentscheidung abgesichert - seit 2007 sogar mit einem speziell geschaffenen Gesetz.

Etwa 37.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden im Juli 2018 wieder zum Liederfest erwartet. 

25 Januar 2018

Brex-Lit für Zehntausende

Mit 170.000 Litauerinnen und Litauern, die in Großbritannien registriert sind, bildet Litauen die zweitstärkste Gruppe von Ausländern im Vereinigten Königreich, nach Polen. Insgesamt seien es 1,4 Mill. Menschen aus Osteuropa, darunter 916.000 Polen (Guardian). Das britische Office for National Statistics (ONS) stellt in einer aktuellen Studie außerdem fest, dass die britische lebensmittelverarbeitende Industrie am meisten von Arbeitskräften aus dem EU-Ausland abhängt: bis zu 25%. Die Arbeitslosenquote stellte das Institut mit 4,3% fest.

Immerhin haben "Litauer in Großbritannien" ja auch schon einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Inzwischen aber ist die Einwanderung nach Großbrittannien auf ein Rekordtief gefallen (so berichtet der "Telegraph"). Es kamen 2016 aber noch 248.000 - während Prime-Ministerin Theresa May mal davon sprach, sie strebe eine "Obergrenze" von 100.000 an. Was die "EU8” angeht - dazu zählen die Briten Tschechien, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, Polen, die Slowakei und Slowenien - so fielen die Zuwandererzahlen um 25.000 auf 48.000, während die Zahlen der Rückwanderung in diese Länder um 16.000 auf 43.000 stiegen (im Jahr 2016).

Auch die englische Presse interessiert sich für Litauen. Einen aktuellen Bericht aus Litauen bringt der "Economist" -  aus Panevežys im Norden Litauens. 40 Arbeitsplätze habe dort ein norwegischer Investor im Bereich Textil geschaffen - er findet aber nicht genügend Mitarbeiter. Es gebe nur noch halb soviel Studierende in seiner Gemeinde, wird der Bürgermeister zitiert; Fachleute sagen daher den Litauern ein um 3-4% geringeres Bruttosozialprodukt für 2030 voraus, als es ohne die starke Arbeitsemigration der Fall wäre.
Berichtet wird auch über staatliche Programme, litauische Experten ins Land zurückzuholen ("Kurk Lietuvai" / "Create Lithuania"). Milda Darguzaite, eine der Programmverantwortlichen erzählt, das Programm habe 100 litauische Expert/innen zurückholen können - im Laufe von 5 Jahren. Unter diesen Rückkehrern sei ein Politiker, ein stellvertretender Bürgermeister und mehrere Berater des Regierungschefs gewesen; die Ärzte oder Ingenieure zurückzubringen, das sei weitaus schwieriger.


"Let's move to Wisbech" - diese Aufforderung scheinen besonders Litauer/innen gehört zu haben. Die kleine, mittelenglische Markt- und Hafenstadt an der Ostküste gilt als einer derjenigen Orte, wo viele Litauer/innen leben (bis zu 5.000, bei 28.000 Einwohner / The Sun). Als "Little Lithuania" bezeichnete es 2014 die örtliche Zeitung "Wisbeck Standard". Auch Polen und Rumänen prägen den Ort - aber damit sei keine Beeinträchtigung der öffentlichen Sicherheit damit verbunden, urteilten die meisten Zeitungsleser. Allerdings in der Stadt bei den vergangenen Wahlen ein starker Zuwachs der Anti-EU-Partei UKIP zu beobachten gewesen. Im Oktober 2017 gab es dann den Fall eines Litauers, der erst seine Frau zu Tode geschlagen haben soll, und dann schlafend in einem Zelt im Wald nahe Wisbech festgenommen wurde. Litauer als Thema in der britischen Öffentlichkeit - inzwischen keine Seltenheit mehr.

Wie wird es mit den Litauern unter den Briten weitergehen? "Auch der Brexit hat nichts daran geändert, dass Litauen eine der am stärksten schrumpfenden Bevölkerungen in der EU hat," schreibt das Portal Bloomberg. Offenbar haben sich im Ausland an verschiedenen Orten litauische Gemeinschaften gebildet, die einfach den Zustrom aufrechterhalten und vereinfachen, vermutet dieser Bericht. Einem Beitrag bei "Euroaktiv" zufolge überlegt gegenwärtig die litauische Regierung, im Ausland lebenden Litauern unter gewissen Bedingungen eine doppelte Staatsbürgerschaft zu erlauben. "Wir wollen diese letzte Verbindung zum Heimatland nicht zerstören", wird Regierungschef Skvernelis zitiert.

08 Dezember 2017

Der Berg rutscht

Wer Vilnius besucht, der gönnt sich auch gern den schönen Rundblick vom Gediminas-Berg, vielleicht auch vom Gediminas-Turm. Von hier aus sind Altstadt, die zahlreichen Kirchen und bewaldeten Höhen hervorragend zu sehen. Die Litauen-Touristik beschrieb die Burgmauer kürzlich auch noch als "idealer Ort für vertrauliche Gespräche" - wohl in Erinnerung an die Sowjetzeit (Lithuania.travel). Am 4. November jedoch musste der Zugang bis auf weiteres gesperrt werden - auch der Aufzug ist derzeit nicht in Betrieb.

Hier noch ohne Erdrutsch, und mit Aufzug: eine der beliebtesten
Aussichtspunkte in Vilnius (Foto aus dem Sommer 2015)
Seit einigen Monaten hatte es immer wieder Hangrutschungen gegeben: bereits im Juli war nach starken Regenfällen der Zugang vorübergehend geschlossen worden. Damals aber hatte der litauische Kulturminister Renaldas Augustinavičius den Zugang schon nach einer Woche wieder öffnen lassen - verbunden mit einer Finanzzusage in Höhe von 3 Millionen Euro für notwendige Reparaturen. Die Behörden erklärten damals eine Absperrung von besonders gefährdeten kleinen Bereichen für ausreichend.

Das Erdreich sackt jedoch weiter ab - dabei ist der Hügel keineswegs künstlich angelegt, sondern schon vor Jahrhunderten Standort von Burgen und Befestigungsanlagen. Vor allem die Nordflanke ist jetzt gefährdet. Allerdings soll es auch einmal in entfernter Vergangenheit einen Erdrutsch am Gediminas-Hügel gegeben haben: 1396 kamen dadurch sogar 15 Menschen zu Tode (Milkulėnas).

Was könnte - außer heftigen Regenfällen - zur gegenwärtigen Instabilität unter dem Gediminas-Turm beigetragen haben? Da gibt es Spekulationen in viele Richtungen. Eine Theorie geht davon aus, dass es zu Zeiten des 2.Weltkriegs einen Tunnel unter dem Hügel gegeben haben soll, gebaut von den deutschen Besatzern der Nazizeit. Der Eingang sei 1948 eingestürzt - aber vielleicht gibt es noch Tunnelreste? Andere halten die in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder vorgenommenen Ausbesserungen für wenig effektiv - mit der Folge, dass es immer wieder neue Erdrutschungen geben könnte. Wieder andere beschuldigten sogar Diebe, immer mal wieder Steine - Überbleibsel der früheren Befestigungen - vom Berg fortgeschafft zu haben (Baltic Times). Manche sehen auch Vibrationen von Seiten der am Hügel vorbeiführenden Durchgangsstraße als Grund. Auch Bäume galten schon mal als Ursache für Unstabilität am wichtigsten Hügel der litauischen Hauptstadt - es wurden alle gefällt. Es half nichts. 

Einige Jahre vergingen zudem mit Streit über Verantwortlichkeiten. Lange Zeit war auch gar nicht klar, wer eigentlich Eigentümer des Geländes ist - der Staat? Das Nationalmuseum? Das Denkmalschutzamt? Zwar sind nach Auskunft der Behörden die Gebäude auf dem Gediminas-Hügel nicht gefährdert, aber die bereitgestellten Finanzmittel wurden inzwischen schon auf 9 Mill. Euro erhöht.
Und auch über den 2003 neu gebaute Aufzug wird noch diskutiert - Kritiker bemängeln, der Aufzug störe die Optik der Stadtsilhouette. Momentan stören aber wohl eher die Erdrutschungen die Optik. "Der Stolz Litauens - Traurig, traurig!", registrieren es auch schon die Tourismusverantwortlichen beim lettischen Nachbarn (Delfi).
Mehrere litauische Ministerien arbeiten inzwischen an Unterstützungsmaßnahmen und fachlichen Stellungnahmen, dazu zählen auch Möglichkeiten der Unterstützung durch die Europäische Union. Ob die für Ostern 2018 geplante Wiedereröffnung der Touristenattraktion dann wirklich erfolgen kann, bleibt vorerst offen. Manchem Litauer bleibt da nur noch Ironie: "Wir sind eben ein flaches Land - da müssen wir jeden Hügel retten, und sei es nur vor der natürlichen Erosion!"

09 November 2017

Bono's Bonus

Ja, das ist schon krass. Da stellt ein international bekannter Künstler einen Teil seiner persönlichen Ersparnisse zur Verfügung, um dass in Litauen die ländliche Infrastruktur verbessert werde. Oder wie sollten wir es nennen? "Bono investiert in litauische Firma" (Tagesschau), "Bonos Litauen-Tournee" titelt die Süddeutsche Zeitung. Ein Journalist des STERN war sogar schon vor Ort, um sich anzusehen, wie dieses Einkaufszentrum in Utena denn wohl aussieht, als Steuersparmodell für Rocklegenden. Der "Stern" zumindest ist enttäuscht: "piefig, provinziell, langweilig."

Investment in Litauen: wer investiert hier in wen?
Etwas griffiger liest sich die Schlagzeile im schwedischen "Aftonbladet": "Bono köpte köpcenter".  Aber so simpel ist die Sache gar nicht, die da unter dem Schlagwort "Paradise papers" vom "Netzwerk investigativer Journalisten ICIJ" öffentlich gemacht wurde. Was genau die Firmen, an denen der Brite mit dem unscheinbaren Namen Paul David Hewson Anteile hält, wirklich machten, hat ihn sehr wahrscheinlich gar nicht so im Detail interessiert - davon zeugt schon die Tatsache, dass weder U2 noch Bono jemals in Litauen waren.

Vielleicht werden alle diejenigen in Litauen, die immer von einer glorreichen Zukunft steuerbegünstigter Projekte, von Sonderwirtschaftszonen oderdem freien Kapitalfluß schwärmen, sich irgendwann einmal doch mit Herrn Hewson treffen. Denn offenbar war keines der Argumente wie "Talente, Qualität, Kosten, Infrastruktur, Lebensstil" hier entschiedend, die beispielsweise "Invest Lithuania" so hervorhebt. Warum Litauen? Na, es war eben in dem Korb der Steuervermeidungsmodelle irgendwie mit drin. 

"Nude Estate" - nacktes Grundeigentum. Mit "Herrn Bono" als stillem Mehrheitseigner. Mehr Fantasie war nicht nötig. und wenn doch, dann eben "Nackt 1", "Nackt 2" und so weiter. Firmen, registriert auf der Steuersparinsel Malta (Steuersatz maximal 5%). Weit weniger romantisch, als es die 3700qm Konsummeile "Aušra" ("Morgenröte") nahelegen will. Und angeblich lief es ja auch nicht gut in Utena. Seit 2011 soll das Einkaufszentrum keinen einzigen Cent Unternehmensgewinn ausgewiesen haben, wie berichtet wird. "Verlustvortrag" nennt sich das im Finanzendeutsch. Schätzungen zufolge macht das eine "Steuerersparnis" von bis zu 47.000 Euro aus (BBC).

 "Aušra" wurde gebaut vom litauischen Projektentwickler EIKA. 2006 eröffnet, wurde das Objekt schon 2007 für 5,8 Millionen Euro verkauft - an einen damals nicht namentlich genannten "ausländischen Investor". Um das zu bewerkstelligen, eröffnete, vereinfacht gesagt, "Nackt Malta" eine Tochterfirma "Nackt Litauen2", nur um das Objekt 2012 dann wiederum weiterzuverkaufen an "Nackt1", registriert auf der Insel Guernsey. Der litauische Arm dieses Konstrukts wies 2010 einen angeblichen "Verlust" von 3 Millionen Euro (BBC). Auf Guernsey wiederum fällt auf Unternehmensgewinne 0% Steuern an, in Worten: Null.  

Paul David Hewson, der auch als einer der reichsten Musiker der Welt gilt, sorgte bereits vor 10 Jahren für Aufsehen, als er mit seiner Band den Steuersitz in die Niederlande verlegte - Irland hatte die Privilegien für Künstler abgeschafft.
Es gibt ja auch Künstler, die nach den Höhepunkten ihrer Karrieren durchaus auch in Einkaufszentren auftreten - "Bono" zählt wohl nicht dazu. Und schon gar nicht in Litauen.

Aber Litauens Wirtschaftspolitiker müssen sich vielleicht die Frage stellen: Was bringt die gegenwärtige Investitionsförderung? Wenn am Ende lediglich Projekte hin und her geschoben werden, in denen vordergründig zwar auch Menschen ihre Arbeitsplätze haben, aber um ein vielfaches größere Summen als Steuerersparnis auf das Konto derer geschaufelt werden, die sowieso schon viel haben - kann das in litauischem Interesse sein? 

15 Oktober 2017

Die Gintra-Ladies

Ein litauischer Fußballclub in der Champions-League? Scheinbar unglaublich, denn die litauischen Männermannschaften scheiterten bisher alle in den dafür notwendigen Qualifikationsrunden. Dazu kommt: die litauische Nationalmannschaft der Männer hat sich bisher noch nie für  Europa- oder Weltmeisterschaften qualifizieren können. Auf der FIFA-Weltrangliste rangieren die Fußball-Männer auf Platz 120, noch hinter Ruanda, Malawi und dem Libanon. Litauerinnen und Litauer trösten sich da lieber mit dem Weltranglistenplatz der Basketball-Männer: Rang 6 (Deutschland = Rang 23). 

Auch bei den Fußball-Frauen sieht es eigentlich nicht viel besser aus: Litauens Kicker-Ladies nehmen Rang 89 ein, immerhin noch zwei Plätze hinter Lettland und sieben Plätze hinter Estland.

Erstaunlich also, was das Frauen-Team "Gintra-Universitetas" aus dem nordlitauischen Šiauliai jetzt erreichte: durch einen Sieg auswärts bei den Frauen des FC Zürich (1:2) zogen sie ins Achtelfinale der Frauen-Championsleague ein - nach 2014 sogar schon zum zweiten Mal. Herausragende Spielerin im Spiel gegen Zürich war wieder einmal Zenatha Coleman, 24 Jahre alt und gebürtig aus Namibia - sie schoß sämtliche Tore für "Gintra" im Hin- und Rückspiel. Sie ist nicht die einzige Nicht-Litauerin: zum Team gehören auch Maria Jose Rojas Pino aus Chile, Toriana Patterson aus den USA, die Bulgarin Lyubov Gudchenko, die Serbin Jelena Čubrilo und Ana Alekperova aus Aserbeidschan.

"Gintra Universitetas" - ein ungewöhliches Muli-Kulti-Experiment? Vor einem Jahr waren sogar zwei Spielerinnen aus Namibia in Litauen zu Gast: Teamkollegin Thomalina Adams bekam jedoch nach mehreren Verletzungen keine Vertragsverlängerung. Ob Goalgetterin "Zz" Coleman noch lange bleibt, scheint vorerst unsicher - sie wurde geholt als Nachfolgerin der Ukrainerin Tatiana Kozyrenko und verbesserte in der vergangenen Saison den litauischen Torrekord auf 52 Treffer pro Saison. "Mein Traum wäre es, für einen Klub in Frankreich oder Spanien zu spielen," verriet sie Berichterstattern von "The Namibian". Eine andere Aussage: "Wenn ich aus Litauen weggehe, möchte ich die beste afrikanische Spielerin sein, die je hier gepielt hat!"

"Coleman versenkt Zürich!" schrieb "The Namibian" also zuletzt. Achtelfinale Championsleague? Ist das etwas Besonderes? Immerhin sind die Frauen von Bayern München, deutscher Meister 2015 und 2016, dieses Jahr daran gescheitert es zu erreichen. Spannend wird sein, ob die "Gintra-Ladies" in diesem Jahr es vielleicht noch eine Runde weiter schaffen: 2014 hatte "Gintra" den Einzug ins Achtelfinale nur durch Sieg im Elfmeterschießen (gegen Sparta Prag) geschafft, um dann an den Däninnen von Brøndby Kopenhagen zu scheitern. Einer lernt in jedem Fall ständig dazu: Coach Rimantas Viktoravičius, der auch das Frauen-Nationalteam trainiert und dort wesentlich weniger Erfolgserlebnisse hat als bei seinen "Gintra"-Frauen. Viktoravičius hält die Zusammenarbeit mit der Universität Šiauliai für derart vorbildhaft, dass er sich auch schon einmal für die Gründung einer litauischen Studentinnen-Liga aussprach (Futboloekspertas).

Gintaras Radavičius, "Gintra"-Vereinspräsident, baut auch auf die 2012 restrukturierte und modernisierte Sporthochschule in Kaunas: "Hier versammeln wir Talente aus ganz Litauen. Wenn sie studieren und auch in der Region Arbeit finden könnten, dann können wir auch in Zukunft erfolgreich sein." Aber er stimmt Trainer Viktoravičius zu wenn dieser sagt: "Wir brauchen erfahrene Spielerinnen. Im Fußball beginnt das im Alter von 26 bis 30 Jahren - und die meisten Litauerinnen denken in diesem Alter an die berufliche Karriere oder an die Gründung einer Familie. So sind die Spielerinnen aus dem Ausland sehr wichtig für uns - sie helfen uns, unsere Schwächen zu verdecken." (Futboloekspertas)

Was könnte der nächste Gegner im Championsleague-Achtelfinale  sein? "Barcelona, das wäre natürlich ein Traum," meint Zenatha Coleman. "Aber es ist egal, welcher Gegner. Angst haben wir nicht, wir sind Gintra!"
(die Auslosung am 16.Oktober ergab: "Gintra" spielt am 8./9. und 15./16. November tatsächlich gegen die Frauen vom FC Barcelona !)

26 September 2017

Verkostung Ost

Schmeckt Osteuropa anders? - Unter den Lebensmittelkonzernen hat wohl Pepsi Cola die längste Geschichte einer speziellen Geschmacksorientierung in Osteuropa: als infolge einer Übereinkunft zwischen Nikita Chruschtschow und Richard Nixon (1959) dem Pepsi Konzern erlaubt wurde den bräunlich-süßlichen Drink auch in der Sowjetunion zu verkaufen, war es rein ökonomisch ein Erfolg (im Austausch mit importiertem Wodka). Pepsi exportierte allerdings nur anfangs - später, ab 1974, wurde der begehrte Stoff in der Sowjetunion selbst hergestellt. Von nun an wurde Pepsi von den betroffenen Konsumenten als "sowjetisches Produkt" eingestuft - das konnte wohl kaum genauso gut schmecken wie im Westen. Auflösung gab es erst 1989 mit dem Fall des "eisernen Vorhangs": nun wurde der Markt in den Ex-Sowjetstaaten für Pepsi sogar zu einem ökonomischen Standbein, während in vielen anderen Ländern der Welt längst Coca-Cola der Marktführer war.

ein historisches Foto: Chruschtschow probiert
erstmals eine Cola (Quelle: ceuweekly)
Wir lernen: es ist nicht nur wichtig, wie es schmeckt, sondern auch wie die Erwartung davon ist, wie es wahrscheinlich schmecken wird. Auch Pepsi war keine reine Erfolgsgeschichte: vieles in Osteuropa sei schwer einzukalkulieren und wenig vorhersehbar. Weiterhin wurden die damaligen osteuropäischen Konsumenten als wenig markentreu eingeschätzt: natürlich trug man gern "Adidas", "Puma" oder "Nike", als die Bezugsquellen dafür noch nahezu unerreichbar (oder unbezahlbar) erschienen. Gleichzeitig jedoch wechselt man gern zu preisgünstigen Konkurrenzprodukten - oder trinkt in der Krise eben auch einfach Leitungswasser (so die Marktanalytiker). Zusammen mit Pepsi kamen später auch Ketten wie "Kentucky Fried Chicken" oder "Pizza Hut".

Wieviel davon gilt heute auch für Litauen? Versuchen wir also mal genauer hinzuhören, wenn der litauische Landwirtschaftsminister Bronius Markauskas Bedenken äußert; kürzlich hatte er die staatliche litauische Lebensmittelbehörde beauftragt, 33 Produkte identischer Marken aus Deutschland und Litauen genauer zu testen. Angeblich seien bei 23 davon deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung, aber auch in Geschmack, Farbe oder Konsistenz festgestellt worden. "Ein in der EU bekanntes Produkt sollte doch auch gleiche Qualität haben, egal ob in Lissabon, München oder Vilnius gekauft," so Markauskas. Wird hier ein alter Vorwurf gegen die EU-Bürokratie umgedreht? Gern sei an dieser Stelle der "Krümmungsgrad der Gurken" zitiert, den die EU ja angeblich mal vorgeschrieben hat. Völlig identische Einheitsprodukte in ganz Europa? Ist das wirklich wünschenswert?

In litauischen Medien sind Streitpunkte am häufigsten bei folgenden Produktgruppen genannt: Joghurt, Käse, Gebäck, Schokolade, Limonaden, Kaffee, Waschpulver. Genauere Zahlen lässt auch die Pressemitteilung der litauischen Kontrollbehörde leider offen. Als Grund für die Untersuchung gibt Darius Remeika, Chef der litauischen Lebensmittelüberwachung an, "8 von 10 litauischen Konsumenten" hätten behauptet von manchen Produkten "diskriminiert" zu werden. Allerdings habe man schnell festgestellt, dass in fast allen Fällen die Firmen "rein rechtlich" alles richtig gemacht hätten - also seien genauere Untersuchungen nötig gewesen.

Und, was wurde nun festgestellt? Konkret benannt wurden nur vier Beispiele, alle recht vage: Schokolade, die nicht 35% Kakao (wie eine der gleichen Marke in Deutschland), sondern nur 32% habe, Joghurt mit (in Deutschland) höherem Fruchtanteil, Nuß-Nougat-Creme mit ebenfalls höherem Kakaoanteil, und Sonnenblumenöl, das für Kartoffelchips benutzt wurde und in Litauen durch billiges (und umstrittenes) Palmöl ersetzt wurde.

Was das Palmöl angeht, so würde ich ja gern mal mit einem Litauer zusammen durch einen deutschen Supermarkt gehen und versuchen Produkte ohne Palmfett zu finden; kann es also sein, dass - wie schon in der Zeit kurz vor dem EU-Beitritt - die Unternehmen Litauen als "Testmarkt" nutzen? Wenn also Palmöl wirklich Geld spart, wird es dann wohl auch bald in Deutschland verwendet werden, anstatt dass Sonnenblumenöl zurückkehren wird.

Nun beschweren sich allerdings nicht nur die Litauer über angeblich schlechtere Produktqualität westlicher Marken, sondern auch Gäste in Litauen - nur auf ganz andere Art und Weise. "Ich kenne Pizza Hut. Der Fehler ist nur, sie versuchen hier, die Pizza auf litauische Art zu machen," schreibt ein Kunde auf "Travelblog" unter der Überschrift "Das schlechteste Essen in ganz Litauen." "Sie servieren es mit sehr wenig Tomatensauce, oder sogar mit verschiedenen Saucen zum selbst nachwürzen, sehr trockener Teig, und auch der Salat ist nur der Farbe nach vielfältig." Wenn schon Standardqualität, dann auch für ausländische Spezialitäten in Litauen? - Gespannt warte ich dann auf einen litauischen Prüfbericht, ob die Cepelinai in ganz Europa dieselbe Qualität aufweisen ...

31 August 2017

Litauen - Europas Spitze?

Europas Spitze kann Litauen jederzeit darstellen - wenn es um Basketball geht. Bei der heute beginnenden Basketball-Europameisterschaft wird Litauen auch von der deutschen Presse als einer der Favoriten gehandelt. "Ganz Litauen fiebert dem sehnlich erwarteten ersten Titelgewinn seit 2003 entgegen", schreibt der "Kölner Stadtanzeiger" und liegt damit sicher nicht falsch. Der "Kicker" - sonst eher dem Fußball zugetan - ruft Litauen als Favorit aus. Das Sportportal "Spox" sieht es ähnlich, und macht bei den Litauern dazu noch die besten "Big-Man-Potentiale" aus; Vorteil Körpergröße - im Angriff wie in der Verteidigung.

Litauen wird einer der drei Gegner Deutschlands in der Vorrundengruppe sein, die in Israel ausgespielt wird. Da die EM diesmal in vier Austragungeorte geteilt ist, die Finalrunde aber in Istanbul stattfinden wird, wünschen sich diese deutschen Sportler tatsächlich einen Aufenthalt in der Türkei - ungewöhnlich, in einer Zeit der Reisewarnungen des deutschen Aussenministeriums. Wünschen wir also allen einen reibungslosen Verlauf. Und, ach ja: der beste möge natürlich gewinnen!


Webseite Eurobasket 2017 

P.S.: Na, das geht ja gut los! Litauen-Georgien 77:79 - das könnte heiß werden im Spiel gegen Deutschland (um den Gruppensieg?)

19 Juli 2017

In Litauen herrscht Krieg. Im Internet

 #Кремльнашуисториюнеперепишешь
Die Sieger schreiben die Geschichte. Stalin

In Litauen steht die Front. Es herrscht Krieg. Die Krieg in Zeiten des Internets ist hybrid. Er wird an neuen Fronten gekämpft. Und die Front steht auch im Internet.

Was ist passiert?
1. Die NATO hatte auf ihrer Internetvertretungen (https://www.facebook.com/NATO/) einen Film verbreitet, in dem es um die sogenannten "Waldbrüder" geht, also junge Männer, die am Ende des Zweiten Weltkriegs in die Wälder zogen, um gegen die Sowjets zu kämpfen.




2. Das wiederrum veranlasste das russische Außenministerium die folgende Darstellung zur veröffentlichen in der es um die "unschuldigen Opfer" der baltischen "Banditen" (so die offizielle sowjetische Bezeichung der Partizanen) und "Terroristen" (ein Begriff, der sich in den letzten 15 Jahren großer Beliebtheit erfreut) geht


3. Und jetzt kommt Litauen ins Spiel:
Der überaus beliebte Journalist Andrius Tapinas (https://www.facebook.com/andrius.tapinas) forderte die Litauer dazu auf, auf der Facebook-Seite des russischen Außenministriums den Hashtag #Кремльнашуисториюнеперепишешь übersetzt "Kreml, du schreibst unsere Geschichte nicht um" hinzuzufügen und die Seite hinabzustufen.
Andrius Tapinas ist Frontmann des Internetkanals "LaisvėsTV" (TV Freiheit) und seine Sendung "Laikykitės Ten" (Halten Sie sich dort! Untertitel "Intellektuelle satirische Abendshow") hat einen unglaublichen Erfolg bei jungen Litauern.
Resultat: Über 15.000 Menschen kamen der Aufforderung nach, die Seite fiel auf einen Stern hinunter.

Warum geht's?
Im Zuge des Propagandakrieges um die Ukraine geht es um die "richtige Geschichtsschreibung": Die Litauisch-Baltische Geschichtsschreibung verklärt die Waldbrüder zu patriotischen Märtyrern.
Inwieweit bei sich bei den "Waldbrüdern" Überreste der Nazi-Kollaborateure befanden, die am Holocaust beteiligt waren, wird völlig ausgeblendet.

Die Russen sehen sich in der Tradition der Sowjetunion und halten sich für die "Befreier vom Faschismus". Jeder Widerstand und jede andere Meinung kann es nicht geben
Es gibt eine Tendenz die stalinistischen Opfer, die wahrlose Massendeportation von ganzen Familien nach Sibirien hinwegzureden, zu relativieren und / oder zu verschweigen.

Beide Seiten sehen sich als Opfer: Die Litauer als Opfer der sowjetischen Besetzung, die Russen als Opfer der Nazis und ihrer Helfer (!). Ein Dialog ist nicht möglich und - schlimmer noch - andere Opfergruppe wie die litauischen Juden kommen in der Diskussion unter die Räder. Sie hatten nämlich sowohl unter der Nazis, als auch unter Sowjets und Litauern zu leiden ...

Ein differenziertes Geschichtsbild sieht anders, aber gerade im Zuge der neuen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen, welche die russische Führung geschickt für die Re-Patriotisierung ihrer Bevölkerung nutzt, sind die Fronten verhärtet.


Lehren aus dem Konflikt über die Waldbrüder
1. Am wichtigsten für die Litauer war, dass sie nicht wehrlos sind.
15.000 Menschen machten bei der Aktion mit und verneinten damit russische Spekulationen, dass heutzutage im Ernstfall die Balten nicht mehr um ihre Unabhängigkeit kämpfen würden.

2. Die Russen möchten "ihre Sichtweise" durchsetzen. Dabei ist schwer zu sagen, wie sehr die  Propagandamedien des Kreml wie "Russia Today" Einfluss auf die Meinungsbildung in Westeuropa haben.

3. Ja, es gibt auch bei den Balten einige "Leichen im Keller", Fakten die bei den Waldbrüdern nicht differenziert gesehen werden und einiges muss noch besser aufgearbeitet werden.

Sicher ist jedoch, dass die Litauer durch diese Propagandaschlacht wieder mal dichter zusammen gerückt sind und die Russen unter einer dauerhaften Rotlichtbeleuchtung des Kreml leben.

Die Diskussion geht weiter. Ich persönlich kann einen Blick auf die Seite des russischen Außenministeriums empfehlen, dass weiterhin "Fakten" über die litauischen Partisanen verbreitet - interessanter finde ich allerdings die Kommentare dazu, in denen diese "Fakten" dann kritisch hinterfragt werden (zumeist auf Englisch).

18 Juli 2017

Sportlermarkt: sind Litauer halbe Wikinger?

Litauer erfreuen sich steigener Beliebtheit in Deutschland - das scheint vor allem im Sport zu gelten. Vor allem im Handball und im Basketball. "Einen Litauer einkaufen" - damit bereiten sich gleich mehrere Bundesligisten auf die neue Saison vor. Der 24-jährige Marius Grigonis, der jetzt bei "Alba Berlin" unterschrieb, absolvierte zu Anfang seiner Karriere ebenso die Alvydas-Sabonis-Basketballschule wie Žygimantas Janavičius, der mit seinen 28 Jahren bereits ein erfahrener Spieler ist, und es jetzt bei den "Basketball-Löwen" in Braunschschweig versuchen wird. Im Interview wird deutlich, dass auch der deutsche Basketball vielleicht noch etwas von Litauen lernen kann: "Ich bin bereit, meine Erfahrungen aus der litauischen Basketballschule und aus den besten Klubs in Litauen, für die ich gespielt habe, nach Deutschland und zu den Löwen zu bringen."
Würzburgs Trainer Dirk Bauermann beantwortet
Fragen nach dem Wert litauischer Basketballspieler
Erst 18 Jahre alt war Eimantas Stankevičius, als er 2016 als Jugendnationalspieler nach Weißenfels zum MBC (Mitteldeutscher Basketball Klub) kam - auch er aus der Arvydas-Sabonis-Basketballschule in Kaunas.

Richtig fündig werden wir aber bei "S.Oliver Würzburg", wo gleich zwei Litauer neu hinzugekommen sind. Hier muss Trainer Dirk Bauermann (der selbst schon als Trainer in Litauen tätig war) schon Fragen beantworten muss, warum er so viele Litauer holt (diesmal zwei: Osvaldas Olisevičius und Vytenis Lipkevičius). Seine Antwort: es sind einige der talentiertesten Spieler Litauens, sie passen zu unserer europäischen Ausrichtung, und: "Sie gehen auch schon mal mit blutigen Knien und blutigen Ellenbogen nach Hause." Außerdem seien sie "halbe Wikinger" meint Bauermann mit dem Verweis seiner eigenen Erfahrungen in Litauen. Bauermann war 2013 bei "Lietuvos Rytas Vilnius" tätig, wo er jedoch nach nur wenigen Monaten entlassen wurde (siehe "Spiegel").

Es gibt natürlich auch Basketball-spielende Litauerinnen in Deutschland: gerade eben erst sicherte sich der deutsche Meister TSV Wasserburg die Dienste der Litauerin Santa Okockytė (ovb-online). 2016 holten die "Veilchen Ladies" in Göttingen die litauische Nationalspielerin Inesa Visgaudaite und stiegen in die 1.Bundesliga auf.

Einige weitere deutschsprachige Medien und Portale haben eher wegen "Yellow-Press"-Schlagzeilen Interna der litauischen Basketball-Liga entdeckt: so ging zum Beispiel Ex-NBA-Spieler Linas Kleiza kürzlich als neuer Vizepräsident zu Lietuvos Rytas (LR) (BBLprofis). Allerdings wird die eigentliche Ursache des Vorgangs nicht immer mit genannt: Kleiza erwarb ein ordentliches Aktienpaket vom Eigentümer, Ex-Pokerspieler und Politiker Antanas Guoga (weitere Anteile hält die Stadt Vilnius sowie der Unternehmer Darius Gudelis). Die Tatsache, dass Guoga überhaupt der Mehrheitseigentümer ist, verdanken wir wohl (außer seiner eigenen Selbstdarstellung) der Tatsache, dass er sein Vermögen durch Pokerspielen erwarb und die entsprechenden Seiten immer noch über ihn berichten (siehe "PokerFirma") - "Die Welt" sortierte ihn mal unter die "schillernsten EU-Ageordneten"; Guoga verdient gewissermaßen doppel am Basketball: das eigene Portal "Tonybet" nimmt die Wetteinsätze entgegen.
Guogas Vorgänger im Amt des LR-Präsidenten, Gedvydas Vainauskas, (derselbe, der auch Bauermann frühzeitig rausschmiss) war mit der Aussage aufgefallen, nie mehr als zwei "Schwarze" in seinem Team haben zu wollen, weil diese dann "Gangs bilden" würden. Die öffentlichen Proteste, vom litauischen Basketballverband wie auch von litauischen Ex-NBA-Spielern waren so groß dass er sich genötigt sah, seine Anteile zu verkaufen und zurückzutreten.