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14 November 2018

Zwischen Litauen und Litauen

Als Denkmal für Klein-Litauen und dessen Bewohner wollen die Autor/innen und Herausgeber/innen ein neues Buch verstanden wissen, das am 7. November in den Räumen der Botschaft Litauens in Berlin vorgestellt wurde. Denn die Legenden über die alten litauischen Fürsten wie Mindaugas, Gedeminas oder Algirdas sind das eine - das Gebiet des damaligen Großfürstentums Litauen erstreckte sich vor allem nach Osten, in Regionen des heutigen Weißrussland, Polens und der Ukraine. Dafür war zunächst die Burg Trakai ein Symbol, 1323 wurde Vilnius gegründet.

Dr. Vaclovas Bagdonavičius mit Silke Brohm
(Übersetzerin) bei der Vorstellung des Buches in Berlin
Das erste gedruckte litauische Buch, dazu eine Bibelübersetzung ins Litauische, und auch die erste Grammatik der litauischen Sprache - das alles entstand in dem Gebiet von der Memel im Norden, Goldapp im Süden, und von Labiau im Westen bis zur litauischen Grenze im Osten.

Das jetzt frisch erschienene Werk hat den Titel "Preußisch-Litauen: Ein enzyklopädisches Handbuch / Mažosios Lietuvos enciklopedinis žinynas". Geschrieben haben dieses Buch über 300 Autorinnen und Autoren - die heute über die ganze Welt verstreut leben, von Kanada über Norwegen, Deutschland, den USA, Russland bis nach Australien. Die Idee entstand bereits 1983, 1985 wurde die "Stiftung Klein-Litauen" gegründet. Zwischen 2000 und 2009 konnten das fertige Werk in seiner litauischen Fassung (in vier Bänden) erscheinen. Für diese Ausgabe zeichnete der Philosoph und Literaturwissenschaftler Vaclovas Bagdonavičius verantwortlich.

Dr. Christiane Schiller
Die Projektleitung zur Erstellung einer deutschen Ausgabe dieses Werkes hatte Frau Dr. Christiane Schiller, Lituanistin und Baltistin. Es waren viele Aufgaben zu vergeben: die große Themenvielfalt bedingt es, dass sich Übersetzerinnen und Übersetzer sehr anstrengen mussten, um sorgfältig überprüfte Lösungen anbieten zu können. Da kam sicher zu gute, dass Frau Dr. Schiller auch Litauisch lehrt, also einen Teil der Schülerinnen und Schüler ansprechen konnte.

Also ein "Denkmal für die Westbalten"? Oder eher "Ostpreußen aus der Sicht der Litauer"?
"Nicht einmal die reichen Deutschen, die so viele verschiedene Enzyklopädien herausgaben, haben bisher ein Nachschlagewerk zu dem über Jahrhunderte von ihnen beherrschten und bewohnten Altpreußen und Ostpreußen erstellt, wenn sie auch Tausende von Arbeiten darüber schrieben," schrieb der litauische Historiker Algirdas Matulevičius schon 2001 für die "Annaberger Annalen". Aus litauischer Sicht war es also ein tiefes Bedürfnis, die Definition zu Geschichte, Kultur und Gegenwart der im Fokus stehenden Region nicht nur der deutschen Seite zu überlassen.
Prof. Dr. Manfred Klein
Mit dem vorliegenden Buch - dessen genaues Studium angesichts der Informationsfülle sicher längere Zeit dauern wird - haben nun auch deutsche Leserinnen und Leser ein Werkzeug, um eigene Schablonen und Sichtweisen mal auf die Probe zu stellen.

Auch der Historiker Dr. Manfred Klein, schon durch sein Buch "Das alte Litauen - dörfliches Leben zwischen 1861 und 1914" (siehe Annaberger Annalen) bekannt, beteiligte sich an der anschließenden Diskussion. Auch er hatte sich erst kürzlich mit einem eigenen Buch zu "Preussens Litauern" zu Wort gemeldet, wo Sätze zu lesen sind wie dieser: "Man kann Studien über Minderheiten in Deutschland oder der preußischen Gesellschaft lesen, in denen Ostpreußens Litauer nicht einmal erwähnt werden” - das dies sich ändert, auch dazu ist das neue Nachschlagewerk sicher nützlich. Alle Anwesenden waren sich einig: alle Beteiligten an der deutschen Ausgabe dieser neuen Enzyklopädie gebührt großen Dank, denn ohne ihr Engagement und ihre Leidenschaft wäre die Arbeit und der Zeitaufwand an diesem Projekt kaum realisierbar gewesen.

Preußisch-Litauen: Ein enzyklopädisches Handbuch / Mažosios Lietuvos enciklopedinis žinynas

21 Oktober 2014

Vilnius ist nicht Tokio

Rote Beete-Suppe (Šaltibarščiai) lieber fotografieren, als essen? Lieber bleiche Haut als Sonnenbaden? Kein Räucherfleisch, aber gerne Barockarchitektur? Solche Trends berichteten litauische Reiseagenturen kürzlich von Touristen aus Japan. In Litauen wird offenbar immer noch mit großen Erstaunen auf die sensiblen Bedürfnisse von Gästen aus Japan reagiert - jedenfalls wird das Thema in den litauischen Medien ausführlich behandelt.

Immer gern gesehen:Japaner mit Litauen-Fanschal.
(hier beim Besuch des litauischen Verteidigungs-
ministers Juozas Olekas in Japan, Februar 2014)

Foto des lit.Verteidigungsministeriums
Vitalijus Milkovas, litauischer Reiseleiter für japanische Gästegruppen, erzählte der Presse von seinen Erfahrungen (siehe "Delfi"). "Wenn man in der Altstadt von Vilnius umher geht, kann es schon mal sein, dass für einen Japaner etwas alt erscheint, was tatsächlich aber ziemlich neu ist", verdeutlicht er. Nicht immer laufen da Stadtführungen wie gewohnt. "Manchmal erzähle ich etwas über Napoleon, und die Gäste fangen plötzlich an ein kleines Kätzchen zu fotografieren. Vielleicht liegt das daran, dass es vorwiegend ältere Leute sind, die aus Japan kommen, für die lebende Dinge interessanter sind als abstrakte Darstellungen."

Ausserdem geht es auch bei den Japanern - Architektur hin, Geschichte her - immer gern ums Shoppen. Die neu gebauten Einkaufszentren werden gerne und ausgiebig genutzt. Die traditionellen litauischen Gerichte werden auch von Japanern gerne bestellt, aber manches wird nur fotografiert und auf dem Teller liegen gelassen. Da wird eine unterschiedliche Herangehensweise deutlich: Essen soll Spaß machen, nicht in erster Linie den Magen füllen. Eines allerdings machen Gäste aus Japan in Litauen offenbar nicht: sie besuchen keine japanische Restaurants. Besonders dann nicht, wenn der Eigentümer kein Japaner ist. Und Soya-Soße, die fehlt ihnen - und sie wird, sofern verfügbar, gern bei allerlei Gerichten ergänzt.

gefunden auf "demotyvacijos.lt"
Dass Japaner in Litauen wenig Fleisch essen, führen die litauischen Tourguides auch darauf zurück, dass sie eben gesundheitsbewußt seien und auf den Rat ihrer Ärzte hören. Aber so wie es Rasa Levickaitė, ebenfalls litauische Reiseleiterin, erzählt, klingt es eher nach Medienmacht und Massenpfänomenen als nach ärztlichen Anweisungen: "Da wird mal im japanischen Fernsehen gesagt, mit Bier könne man gut einschlafen, und so wird Bier getrunken. Dann wird gesagt, zuviel Bier sei schlecht für den Schlaf, und sie trinken weniger Bier." Viele Trends seien auch von den USA übernommen, genauso wie der Yen an den Dollar gekoppelt ist. Auch den Trend zu mehr gesundheitsbewusstem Leben wird aus litauischer Sicht als US-amerikanischer Einfluß auf Japan gesehen. So zum Beispiel die Verbannung des Rauchens aus den Restaurants. "Vor 10 Jahren waren noch 30-40% der männlichen Gäste Raucher," berichtet Levickaitė. "Heute gibt es kaum noch einen Raucher unter ihnen."

Nun ja, das hätte sie auch bei Touristen aus Westeuropa berichten können. Vor allem wäre interessant, in wieweit sich diese Trends auch auf die Litauer auswirken. Angeblich haben japanische Touristen besonders Angst vor Quallen, achten Katzen mehr als Hunde, und wundern sich über Bettler auf litauischen Straßen.

Erkenntnisse, oder eher Stereotypen? Für Litauer wirkt jedenfalls der Blick auf die asiatische Kultur offenbar immer noch ungewöhnlich. Um 37,5% stieg der Touristenstrom aus Japan nach Litauen im ersten Halbjahr 2014, verglichen mit dem ersten Halbjahr des Vorjahres (lietuva.lt). In absoluten Zahlen erscheint das allerdings weit weniger sensationell und noch steigerungsfähig: in einem Interview mit der japanischen Botschafterin in Litauen, Shiraishi Kazuko (Lithuanian Tribune), werden Zahlen für 2011 genannt: 7654 japanische Gäste in Litauen, 1449 litauische Gäste in Japan. Die meisten sicher auf Geschäftsreise.

Was verbindet Litauen ansonsten mit Japan? Vor kurzem noch stellte ein japanisches Konsortium den Bau eines neuen Atomkraftwerks in Litauen in Aussicht - bis sich eine Volksabstimmung dagegen aussprach.
Weitgehend vergessen scheint dagegen Chiune Sugihara (1900 - 1986) zu sein, der als Konsul des japanischen Kaiserreiches in Litauen während des Zweiten Weltkrieges Tausende von Juden rettete (siehe Wikipedia, "Kosherdelight" oder auch "Freiburger Rundbrief"). Die litauischen Reiseleiter jedenfalls, die über die "Andersartigkeit" der Japaner lange Abhandlungen verfassen, erwähnen dieses Thema jedenfalls mit keinem Wort. Ein Grund könnte sein, dass sich das ehemalige japanische Konsulat und heutige "Sugihara-Haus" in Kaunas befindet, und es hier nur um Vilnius-Tourismus geht - nun ja, eigentlich keine Entschuldigung. Umgekehrt berichtet die japanische Presse aber sehr wohl über den litauischen Holocaust-Gedenktag (siehe Japan Times).

Es könnte sich ja auch um eine Neuentdeckung Japans handeln, was Litauen angeht. Immerhin war erst im Sommer 2014 die allererste Delegation des japanischen Parlaments zu Besuch in Litauen - erstaunlich, nach immerhin fast 25 Jahren Unabhängigkeit. Unter den Japan-Liebhabern Litauens kursiert die Idee, in Vilnius einen japanischen Garten (“Vilniaus japoniškas sodas”) zu schaffen; die dafür notwendigen 4 Millionen Euro Finanzmittel sollen durch Spenden aufgebracht werden.

Und was fällt Japanern zu Litauen ein? Leider kann ich kein Japanisch lesen. Eine Internetseite "Japan-Lithuania" scheint auf Messebeteiligungen aus zu sein, die Spalte "Lithuanian cuisine" jedenfalls ist noch leer.
"Little Lithuania" berichtet über einen kleinen Laden zum Verkauf von Leinen in Hiroshima. 
Die japanische Botschaft in Vilnius veranstaltet, neben Seminaren zur Reaktorsicherheit (offenbar gibt es noch Hoffnungen auf einen Deal), und Einladungen in einen "Sakura-Club", Wettbewerbe im Haiku-Dichten. Aus über 800 Einsendungen von 259 Einsendern wurde 2013 das folgende aus Litauen ausgewählt, Autor ist Andrius Luneckas (hier in litauischer und englischer Fassung, passend zum Herbst):

rudens vakaras
už aplyto lango
šešėlių teatras

autumn evening
beyond the wet window
shadow theater

12 November 2009

Litauische Prinzessin für Vechta

Die Zeiten litauischer Herzöge und Könige sind eigentlich lange vorbei. Aber vielleicht lässt sich so manchen wieder aufleben, wenn litauische und deutsche Traditionen vermischt werden.

Im niedersächsischen Vechta, ein hübsches Städtchen mit 30.000 Einwohner im Oldenburger Münsterland, ist nun eine litauische Prinzessin gekrönt worden. Ja, richtig, ob sie von litauischem "blauen Blute" ist, das ist nicht bekannt.  
Bekannt ist aber, dass "Jolanta die Erste" in Vechta zunächst ihren Prinz Matthias fand, und beide am 11.11. zu "Prinz und Prinzessin" des örtlichen Karnevalsvereins berufen wurden.

Mit einem dreifachen "Vechta Helau" wurden sie im Rathaus begrüßt, so berichtet die Nord-West-Zeitung.
So eine Regentschaft ist ja manchmal nicht billig. Aber vielleicht fällt diesmal ja auch noch etwas Werbung für die Druckerei Ostendorf in Vechta dabei ab - denn im "bürgerlichen Leben" ist Prinz Matthias dort Juniorchef.

Karnevalsklub Vechta

Stadt Vechta

02 Dezember 2007

Es weihnachtet Litauisch

Einen litauischen Weihnachtsmarkt veranstaltete die Botschaft Litauens in Berlin am 30.November, pünktlich zum 1.Advent. Eine schöne Gelegenheit für Berlinerinnen und Berliner, mal einige der tradionell erzeugten und sehr schmackhaften Backwaren zu probieren (allein schon das dunkle Kümmelbrot ist legendär!), sowie sich mit Kunsthandwerk und Kinderspielzeug aus Litauen bekannt zu machen. Der Verkaufserlös kam der litauischen Sonntagsschule in Berlin zugute.

Wer sich bis zum Abend noch nicht satt gegessen hatte, konnte zur Repräsentanz des Landes Sachsen-Anhalt in Berlin (nur wenige Häuser weiter) herüberwechseln, wo erstmals ein vorweihnachtlicher litauischer Abend veranstaltet wurde. Landwirtschaftsministerin Petra Wernicke aus Sachsen-Anhalt konnte hier auch die litauische Ministerkollegin Prof. Kasimira Danute Prunskiene als Gast begrüßen. Prunskiene erinnerte in einer kurzen Ansprache an Litauens mehrfache erfolgreiche Teilnahme an Messen und Wirtschaftsausstellungen in Berlin, zum Beispiel der Grünen Woche. Der Leiter der Landesvertretung, Dr. Michael Schneider, betonte besonders die vielfältigen wirtschaftlichen Kontakte seines Bundeslandes nach Litauen.
Für musikalische Unterhaltung sorgte ein Akkordeon-Quartett aus Kaunas, und das Bindeglied sowohl zwischen den Generationen wie auch den Kulturen stellte eine Kinder-Modenschau dar.

Ebenfalls am gleichen Tag
e fand ein Treffen des Deutsch-Litauischen Forums statt. Es wurden Erfahrungen ausgetauscht zwischen Mitgliedern, die aus verschiedenen Arbeits- und Tätigkeitsbereichen mit Litauen zu tun haben.


Mehr dazu:
Webseite Litauische Botschaft

Vertretung Sachsen-Anhalts in Berlin

Deutsch-Litauisches Forum


19 Januar 2007

Schweinchenparade zu Weihnachten

Interessante Eindrücke aus Litauen sind in einem Bericht der "Allgemeinen Zeitung" in Bad Kreuznach nachzulesen. Karen Schewina (die auch das Foto unten gemacht hat) kommentierte für die heimatliche deutsche Lokalpresse litauische Weihnachts- und Neujahrsbräuche.Einen Weihnachtsmarkt haben die deutschen Augen dabei beim Besuch in Kaunas vergeblich gesucht, selber Plätzchen zu backen kam ihren litauischen Gastgebern eher erstaunlich vor - dafür aber wurden Verkaufsstände mit deutschem Glühwein gefunden, und die Dominanz englischer Weihnachtsmusik im litauischen Radio bemerkt.

"Weihnachten ist in Litauen ein wenig wie Karneval", erzählt Karen Schewina. Die 19-jährige Deutsche absolviert ein
Praktikum im Rahmen
des Europäischen Freiwilligendienst, kurz EFD. Ihre litauischen Arbeitskollegen haben sie offensichtlich mit dieser Verkleidung, als gemeinsamer Auftritt mit dem Weihnachtsmann, überrascht. Aber auch die Anmerkungen zu Essen und Trinken in Litauen geben vielleicht den einen oder anderen Hinweis an interessierte Deutsche, was sie in Litauen erwarten könnte. Kümmel im Brot, einheimische Milchprodukte, viel Rote Beete und "alles, was sich anbauen läßt" (Kartoffeln, Kohl, Karotten). Natürlich Cepeliniai ("Zeppelini"), die manchmal "wie ein Stein im Magen liegen" - aber Kartoffelklößchen mit Quarkfüllung oder Mayonaise zur Pizza, das waren offensichtlich eher die außergewöhnlichen kulinarischen Besonderheiten. Egal. ob abschreckend oder zum Nachmachen motivierend - es wird noch eine ganze Reihe solcher Berichte brauchen, um das gemeinsame Verständnis zwischen Litauern und Deutschen zu fördern.