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09 November 2021

Kartoffelland

250 Gramm Kartoffeln isst ein durchschnittlicher Litauer (eine Litauerin) jeden Tag, so berichtet es die litauische Presse (LRT). Das würden pro Jahr etwa 100 kg ergeben. Aber gemeint ist hier eine Werbemaßnahme des litauischen Tourismus. Was wird beworben?

Liebhaber/innen der Erdäpfelklöße bekommen nun mehr Übersicht: präsentiert wird Litauens Zeppelini-Landkarte - also "nach Z sortiert", gewissermaßen. 

Auffindbar ist davon bei "Lithuania.travel" bisher allerings nur die litauischsprachige Variante. Vornehmliches Ziel scheint hier zu sein, Vielfalt zu demonstrieren: Zeppelini mit Buchweizen, Karotten, Käse, Pilzen, Sauerkraut - ja sogar mit Hanfsamen.

Nicht immer wurden die allgegenwärtigen Kartoffelklöße für tauglich befunden, im Ausland positiv für Litauen zu werben. Aber im Fokus stand eben auch bisher die traditionelle Variante: serviert mit Schmand und Specksoße. Nichts für Liebhaber/innen leichter oder vegetarischer Kost. Ob sich also die Varianten durchsetzen werden? Oder werden die Verbraucher/innen und Tourist/innen vielleicht genau anders herum denken: wenn schon Pilze, Karotten, Käse oder Hanfsamen - warum müssen dann Kartoffelklöße dazu?

Die Wochenzeitung "Freitag" überschrieb kürzlich einen Bericht über die künftige Europäische Kulturhauptstadt Kaunas mit "Led Zeppelini". Also? Vielleicht haben die Kartoffelklöße ja doch mehr Werbewirkung als vermutet?

04 Oktober 2021

Es summt und brummt

Zeichnung von Piotr Socha,
Cartoonist und Sohn
eines Imkers

Im Herbst ist Erntezeit - und auch die Imkerinnen und Imker Litauens ziehen ihre Bilanz. Etwa 12.000 Menschen sollen es sein, die sich als Imker/innen registriert haben (LRT). Die Lobeshymnen auf das Naturprodukt Honig sind vielfältig. "Lange Zeit hinter dem Eisernen Vorhang gehalten, haben sich größere Gebiete mit Wildpflanzen halten können" (welthonig.at) "Ein einziges Glas goldener Honig könnte die tausendjährige glorreiche Geschichte Litauens erzählen", schreibt Gražina Pavliatenko, die Honig der Imkerei von Donatas Žilaitis mit ihrer Firma "Hanf&Honig" von Deutschland aus verkauft.

Selbstvermarktung betreibt dagegen Familie Počas mit der eigenen Marke "Poco Honig". Eigenen Angaben zufolge verkauft die Familie bisher hauptsächlich nach Frankreich, aber auch nach Dänemark und Deutschland. 

Im Bezirk Šakiai zum Beispiel gibt es einen eigenen Imkerverband mit inzwischen 83 Mitgliedern und über 2000 Bienenvölkern. Früher mal seien auch Hobbyimker/innen hier angeschlossen gewesen, heißt es. Interessant ist hier auch die Information, welche Verbrauchergruppen Honigabnehmer/innen sind: da werden Wohltätigkeitsorganisationen genannt, Alten- und Kinderheime, die medizinische Forschung, und natürlich auch Supermarktketten und Honigexportunternehmen. Manche Imker produzieren auch nur für den Eigenbedarf, oder verkaufen auf Märkten. 

Seit 2013 wird versucht, Honig unter dem Label “Visos Lietuvos MEDUS” zu vermarkten. Durch billigen Honig aus China und auch aus der Ukraine war der Honigpreis in Litauen gefallen, neue Ideen wurden gesucht. Etwa 200.000 Bienenvölker sammeln in Litauen jedes Jahr fleissig die Pollen ein, aber wenn es zuviel Honig gibt, sinkt der Preis, und somit der Verdienst der Imkersmenschen. So hat auch der litauische Imkerverband ("Lietuvos bitininkų sąjunga" LBS) eigene Regeln formuliert, was als "Honig aus Litauen" gelten darf.

"Die Pflanzen, Bienen und Menschen, das hängt alles eng zusammen", sagt Algirdas Amšiejus, selbst Imker und Autor des Buches "Bičių metai" ("Das Bienenjahr") (LRT). Imkerverbandschef Sigitas Uselis meint: "An Honig wird es in Litauen bis zum nächsten Sommer nicht fehlen!" (lrytas) Und wer als Gast demnächst nach Litauen kommt, macht vielleicht im "Honigtal" Rast, 15km östlich von Jurbarkas nicht weit vom Nemunas gelegen: hier ist der Imker gleichzeitig Campingplatzbetreiber und garantiert sozusagen "ein süßes Leben den ganzen Tag" - Honigprobe inklusive.

02 Juli 2021

Kaunas: Blogger auf Durchreise

Wer liest noch Reiseführer? Scheinbar ist genug Ersatz vorhanden: Reiseblogs im Internet, inklusive Selfies, selbst erfundenen Bewertungsranglisten und Wort-Klischees wie das vom "Seele baumeln lassen". Leider ist es im Netz auch üblich geworden, zwei bis drei Sätze zu einer Stadt, aber 20 bis 30 beliebige Foto-Schnappschüsse zu posten. 

Kaunas hat sicher Nachholbedarf. Die europäische Kulturhauptstadt des kommenden Jahres 2022 würde sich sicher freuen, öfters auch von den Reisebloggern berücksichtigt zu werden. Aber nun reisen ja die meisten Blogger quer durch ganz Europa, oder sogar durch die ganze Welt! Beim Blick ins Netz stellen wir fest: es ist gar nicht so einfach, mehr als nur ein, zwei allgemeine Sätze über Kaunas in den Blogberichten zu finden.

Kaunas, ist das nur Basketball, Teufelsmuseum, weißer Schwan - vermischt mit Erinnerungen an den Holocaust?

Ein bloggender Gast aus Erfurt, der sich "El-Roadie" nennt, diagnostiziert "fehlenden Altstadtcharme" in Kaunas - hat aber auch das Pech, gerade zur Zeit einer Großbaustelle in der Laisves iela in der Stadt zu weilen. 

Frauke Zander genehmigt sich nur ein paar Nachmittagsstunden für Kaunas, um dann festzustellen: "der runden Wehrturm ist richtig schön anzusehen. Für eine Besichtigung ist es heute schon zu spät, daher bleibt mir nur der Blick von außen." Für alle "die mehr Zeit haben" stellt Frauke dann Tipps zusammen, nicht ohne anzufgen: "ward ihr schon mal in Kaunas? Dann schreibt doch davon in euren Kommentaren". Tja, Frauke, da gäbe es viel zu schreiben - aber hättest Du die Zeit, es zu lesen?

Christian Volk aus Leipzig schafft es immerhin bis zur Aussichtsplattform Aleksotas auf der anderen Fluseite - und das, obwohl die Seilbahn nicht in Betrieb ist. Was wurde entdeckt von hier aus? "Wir konnten den Kontrast zwischen Altstadt und Plattenbauten erkennen", schreibt Volk. 

Lena Marie Hahn schreibt sogar vom Reisen mit der ganzen Familie. Ihre drei Sprößlinge bezeichnet sie als "erfahrene Couchsurfer und abenteuerlustige Kulturkinder", und dementsprechend wird hier auch schon mal ein "Café mit Kinderspielecke" entdeckt und aus der privaten Perspektive von Couchsurfing-Gästen auch bemerkt, dass es in Kaunas eine Waldorfschule gibt. Aber Fakt ist auch: Lena Marie schreibt nahezu nichts ohne sich von kommerziellen Partnern "unterstützen" zu lassen - einfach eine "unabhängige Stimme" ist das also nicht. Und es gibt deutliche Missverständnisse: was hier als "Sowjet-Erbe" vermeintlich identifiziert und auch mit Fotos illustriert wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Architektur der Zwischenkriegzeit, auf die Kaunas ja zurecht stolz ist.Und dann schaut Lena Marie ausgerechnet den Frauen hinterher, und meint feststellen zu können: "Selbst junge Mütter tragen keinen Bauchspeck vor sich her". Litauisch kann sie nicht, aber "Frauen belauschen" hat bei ihr das Ergebnis: "ich habe mir die Mühe gemacht, genau hinzuhören, und fast immer ist es mir gelungen, sie russisch sprechen zu hören - denn wie in allen baltischen Staaten lebt immer noch eine recht große russische Minderheit im Land". Ist das wirklich Kaunas? Eine Stadt, die mal litauische Hauptstadt war, mit einem sehr großen Bevölkerungsanteil an Litauer/innen? Wir beginnen zu zweifeln, ob die eifrige deutsche Bloggerin hier vielleicht nur eigene Vorurteile sich selbst bestätigen möchte? - Wie zur Bekräftigung ihrer deutschen Brille steht hier am Schluss: "Aber sauber ist es!" 

Holger Post aus Bremen hat in Kaunas erst einmal Schwierigkeiten, seine gebuchte Unterkunft zu finden. Ein "dicker Mann auf einem Balkon" entpuppt sich dann als Vermieter, von dem Holger vermutet er habe nicht nur vergessen "die Werbung anzubringen", sondern auch sein Gewerbe anzumelden. Klingt ganz wie "modernes Reisen". Auch Holger meint in Kaunas "olle Bauten aus Sowjetzeiten" zu entdecken, findet es sogar "klein, bieder und etwas langweilig". Holger vergleicht Kaunas mit Orten in Brandenburg oder der Uckermark, findet Litauen aber trotzdem schön. 

Ein ausführlicherer Bericht über Kaunas ist sicher bei Dirk Matzen aus Hamburg zu finden. Er wagt es auch mal sich vom Trolleybus bis zur Endhaltestelle entführen zu lassen, und kann sich nicht erklären, dass diese Oberleitungsbusse in deutschen Städten fehlen. Er freut sich über "viele, liebevoll gestaltete Details" im Stadtbild. Aber auch er sieht im Postamt Kaunas "sozialistischen Baustil in Reinkultur" (nun ja, auch er: ein Wessi!). Dennoch: viele Eindrücke sind hier versammelt zu finden, verbunden mit dem Fazit: "die Stadt macht zwar einen etwas verschlafenen Eindruck, aber dabei vor allem auch einen sehr freundlichen, liebenswerten!" 

Also, liebe Bloggerinnen und Blogger: auf nach Kaunas! 2022 müsst ihr dann mit mehr Konkurrenz rechnen, vermutlich. Wer seine Erwartungen schon mal abgleichen möchte mit der Art und Weise, wie die Stadt sich selbst darstellt, kann bei Visit-Kaunas einen Eindruck bekommen.

27 November 2018

Unbekannte und unbenannte Gipfel

Litauer sind in den Bergen Kirgisiens offenbar keine Seltenheit. Einige Siebentausender locken, das ganze Land besteht zu 80% aus Bergen. "Kirgisien ist das Nirvana für Bergsteiger!" so schwärmen Reiseexperten wie Michael Voss.
Es ist allerdings nicht immer leicht: zuletzt starb 2005 eine litauische Bergsteigerin in den Tian Shan Bergen der Kirgisischen Republik (delfi)

Chingiz Aidarbekov, Aussenminister der Republik Kirgisien, sicherte kürzlich bei einen Treffen mit seinem litauischen Amtskollegen Linkevičius zu, die Namensgebung für einige Berge zu beschleunigen - zwischen 1959 und 2018 hätten Bergsteiger/innen aus Litauen insgesamt sechs Berge in Kirgisistan bestiegen, die bis dahin ohne Namen waren. Mit kirgisischen Bergen, benannt nach Litauerinnen und Litauern, sieht die litauische Seite auch für den Tourismus nach Kirgisien zusätzliche Möglichkeiten.
Teaser zu "Leaving the comfort zone"

Wie den amtlichen Quellen zu entnehmen war, sollen die Berge nach Gediminas Akstinas, einem litauischen Bergsteigerpionier, Algimantas Vidugiris, einem Filmregisseur, und nach Martynas Mažvydas, dem Autor des ersten in litauischer Sprache gedruckten Buch benannt werden. Weitere Namensvorschläge sind Žalgiris, Nemunas, und "Millennium of Lithuania".

Auch das Filmprojekt der Regisseurin Miglė Satkauskaitė "Leaving the comfort zone" thematisiert die Erlebnisse litauischer Bergsteiger in Kirgisistan. Der Film, der bald in die litauischen Kinos kommen soll, nimmt mit Algimantas Jucevičius einen der bekanntesten litauischen Bergsteiger in den Fokus. "Algimantas kennt den Tian Shan und die Berge des Pamir besser als seinen eigenen Hinterhof - selbst wenn er in einem Land geboren ist dessen höchster Berg weniger als 300Meter hoch ist," sagt Filmemacherin Satkauskaite über ihn. "Auch wegen Algimantas reisen hunderte Litauerinnen und Litauer jedes Jahr hinauf zu Gipfeln, die sogar nach Litauern benannt sind, und verlieben sich in die Berglandschaft", sagt Saulius Damulevičius, Präsident des litauischen Bergsteigerverbands.

13 August 2018

Alle Wege führen zum G

Europäische Knautschzone:
immer schön die Landkarte im Blick
Vilnius liegt nicht am Meer - sonst würden vielleicht, wie in Tallinn, im Sommer zehntausende Kreuzfahrttouristen die Altstadt überschwemmen. "Nur 50 von 1000 Deutschen wissen, was Vilnius ist und wo es liegt!" weiß Inga Romanovskienė, Leiterin des Stadtmarketings der litauischen Hauptstadt, zu berichten. Daher läuft momentan neben London auch in Berlin eine Kampagne um Vilnius bekannter zu machen. Der Slogan, der hier voran steht, erzeugte schon vorab zumindest großes Aufsehen: "Vilnius, the G-spot of Europe!"

Nun, vielleicht gibt es ja Menschen, die mit diesem "G" nicht viel anfangen können - vielleicht 50 von 1000. Die anderen haben vermutlich wegen der großen Aufregung von dieser Kampagne erfahren, die darum inzwischen medial gemacht wurde. Aus Litauen war vor allem der Hinweis auf den kurz bevorstehenden Papstbesuch zu vernehmen - denn dem amtierenden Argentinier ist wohl zuzutrauen dass er überall nachfragt. Hauptstadt mit G? Vilnius?
Werbeslogan "Atomic Garden School"

"Vilnius, der G-Punkt Europas!" Dazu der Zusatz: "Niemand weiß wo er ist, aber wenn Du in findest, es ist fantastisch!" - perfekt illustriert ins Bild gesetzt. Solche Sprüche fanden manche mehr als nur zweideutig. "Nicht mal für einen Junggesellen-Abend tauglich" befand der Ex-Bürgermeister von Vilnius, Arturas Žuokas, der zu eigenen Amtszeiten viel lieber sich selbst als Vilnius-Werbefigur zu inszenieren versuchte.  Andere Litauer dachten vielleicht auch an die Schlagzeilen, die Litauen-Werbung vor zwei Jahren machte, als sich herausstellte dass mit Fotos geworben wurde die gar nicht in Litauen aufgenommen worden waren.

Oder war es eher kalkulierte Aufregung? Eine "Schlüpfrige Werbekampagne" meinte der "Kurier" zu erkennen, und die litauische katholische Kirche befürchtet sogar eine Werbung für Sextourismus. Die Kollegen der Werbeindustrie geraten da mehrheitlich eher ins Schmunzeln. Auch der litauische Regierungschef Saulius Skvernelis meldete sich zu Wort, meinte aber, trotz vorhandenen Merkwürdigkeiten überschreite die Stadtwerbung aber keine moralischen Grenzen.

Eher stolz auf die große Aufmerksamkeit sind Jurgis Ramanauskas, 25, und Skaistė Kaurynaitė, 27 Jahre alt - Studierende der Atomic Garden School in Vilnius.Die Kampagne solle sich an 18- bis 35-jährige junge Leute richten, meinen sie. Auffällig ist dabei, dass der neue Slogan bereits seit einigen Monaten in Medien und Internet diskutiert wird. Vielleicht musste also der Papst absichtlich herhalten? "Es ist uns eine Freude, wenn Arbeiten unserer Studierenden so viele Aufmerksamkeit bekommen", sagt Kęstutis Kuskys, Projektleiter an der "Atomic Garden School". Kuskys zufolge verdiene die Schule nichts an der studentischen Idee, auch wenn das Stadtmarketing Vilnius nun sogar Poster im Ausland damit produziere.

Was kann einer Werbekampagne besseres passieren, als bereits vor dem Start in aller Munde zu sein? (stern, MDR, The Sun, DW, Travelnews, Arileht, The Telegraph, Insider, NYTimes). Vor wenigen Tagen startete dann eine Plakatkampagne in Berlin und London. Aber auch virtuell, also im Internet, werden Interessierte weiter betreut. "Mit Zunge, oder ohne?" Was bei "VilniusGspot" auf den ersten Blick wie eine Verschärfung erotischer Anspielungen wirkt, entpuppt sich dann aber als harmlose Variante eines interaktiven Fragebogens. Es entsteht eine "pleasure map" mit Hinweisen zum guten Geschmack, dem aufregendsten Nachtleben, sehenswerten Aussichtspanoramen und aussergewöhnlichen Einkaufsmöglichkeiten. Weitgehend nur auf Englisch übrigens. 

Da ist es doch schade, dass die diesjährige sommerliche Reisesaison schon fast vorüber  ist. Vermutlich wird auch der Papst seine für September vorgesehenen Besuchspläne in Litauen nicht stornieren. Und die G-Spot-Filmchen, die inzwischen ebenfalls im Umlauf sind, bemühen sich die Assoziation zum "lustvolle Stöhnen" etwas abzubremsen - als erholsames Ausatmen. Auch das haben sich bereits jetzt zehntausende angesehen. Na dann: fröhliches Atmen zusammen!

08 Dezember 2017

Der Berg rutscht

Wer Vilnius besucht, der gönnt sich auch gern den schönen Rundblick vom Gediminas-Berg, vielleicht auch vom Gediminas-Turm. Von hier aus sind Altstadt, die zahlreichen Kirchen und bewaldeten Höhen hervorragend zu sehen. Die Litauen-Touristik beschrieb die Burgmauer kürzlich auch noch als "idealer Ort für vertrauliche Gespräche" - wohl in Erinnerung an die Sowjetzeit (Lithuania.travel). Am 4. November jedoch musste der Zugang bis auf weiteres gesperrt werden - auch der Aufzug ist derzeit nicht in Betrieb.

Hier noch ohne Erdrutsch, und mit Aufzug: eine der beliebtesten
Aussichtspunkte in Vilnius (Foto aus dem Sommer 2015)
Seit einigen Monaten hatte es immer wieder Hangrutschungen gegeben: bereits im Juli war nach starken Regenfällen der Zugang vorübergehend geschlossen worden. Damals aber hatte der litauische Kulturminister Renaldas Augustinavičius den Zugang schon nach einer Woche wieder öffnen lassen - verbunden mit einer Finanzzusage in Höhe von 3 Millionen Euro für notwendige Reparaturen. Die Behörden erklärten damals eine Absperrung von besonders gefährdeten kleinen Bereichen für ausreichend.

Das Erdreich sackt jedoch weiter ab - dabei ist der Hügel keineswegs künstlich angelegt, sondern schon vor Jahrhunderten Standort von Burgen und Befestigungsanlagen. Vor allem die Nordflanke ist jetzt gefährdet. Allerdings soll es auch einmal in entfernter Vergangenheit einen Erdrutsch am Gediminas-Hügel gegeben haben: 1396 kamen dadurch sogar 15 Menschen zu Tode (Milkulėnas).

Was könnte - außer heftigen Regenfällen - zur gegenwärtigen Instabilität unter dem Gediminas-Turm beigetragen haben? Da gibt es Spekulationen in viele Richtungen. Eine Theorie geht davon aus, dass es zu Zeiten des 2.Weltkriegs einen Tunnel unter dem Hügel gegeben haben soll, gebaut von den deutschen Besatzern der Nazizeit. Der Eingang sei 1948 eingestürzt - aber vielleicht gibt es noch Tunnelreste? Andere halten die in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder vorgenommenen Ausbesserungen für wenig effektiv - mit der Folge, dass es immer wieder neue Erdrutschungen geben könnte. Wieder andere beschuldigten sogar Diebe, immer mal wieder Steine - Überbleibsel der früheren Befestigungen - vom Berg fortgeschafft zu haben (Baltic Times). Manche sehen auch Vibrationen von Seiten der am Hügel vorbeiführenden Durchgangsstraße als Grund. Auch Bäume galten schon mal als Ursache für Unstabilität am wichtigsten Hügel der litauischen Hauptstadt - es wurden alle gefällt. Es half nichts. 

Einige Jahre vergingen zudem mit Streit über Verantwortlichkeiten. Lange Zeit war auch gar nicht klar, wer eigentlich Eigentümer des Geländes ist - der Staat? Das Nationalmuseum? Das Denkmalschutzamt? Zwar sind nach Auskunft der Behörden die Gebäude auf dem Gediminas-Hügel nicht gefährdert, aber die bereitgestellten Finanzmittel wurden inzwischen schon auf 9 Mill. Euro erhöht.
Und auch über den 2003 neu gebaute Aufzug wird noch diskutiert - Kritiker bemängeln, der Aufzug störe die Optik der Stadtsilhouette. Momentan stören aber wohl eher die Erdrutschungen die Optik. "Der Stolz Litauens - Traurig, traurig!", registrieren es auch schon die Tourismusverantwortlichen beim lettischen Nachbarn (Delfi).
Mehrere litauische Ministerien arbeiten inzwischen an Unterstützungsmaßnahmen und fachlichen Stellungnahmen, dazu zählen auch Möglichkeiten der Unterstützung durch die Europäische Union. Ob die für Ostern 2018 geplante Wiedereröffnung der Touristenattraktion dann wirklich erfolgen kann, bleibt vorerst offen. Manchem Litauer bleibt da nur noch Ironie: "Wir sind eben ein flaches Land - da müssen wir jeden Hügel retten, und sei es nur vor der natürlichen Erosion!"

12 Februar 2017

Beautiful - ist Litauen wirklich real in Litauen?

Es ist Aufgabe der Tourismusindustrie, schöne Bilder zu produzieren. Doch angesichts der aktuellen Schlagzeilen rund um die touristische Werbekampagne für Litauen könnten auch dem Betrachter bei manchen Motiven Zweifel kommen.
Ein Eisfischer - aber ist es wirklich Litauen? Wenn die Pressemeldungen stimmen, könnten es vielleicht auch Fotos von Landschaften außerhalb Litauens sein - die bisherige Leiterin der "Real is Beautiful" (Echt ist schön), Jurgita Kazlauskiene, musste kürzlich genau wegen solcher Verdächtigungen ihren Rücktritt einreichen (Wochenblatt, Standard).

Vielleicht aus Geldmangel hatte man sich Fotodatenbanken bedient, so vermutet das Schweizer Fernsehen. Die Nachricht von den touristischen "Fake-News" aus Litauen scheint sich europaweit schnell verbreitet haben (siehe auch: BBC), auch in Ländern wie Norwegen, die Fotos aus ihren eigenen Ländern als angebliches "Litauen" wiedererkannten (norwegischer Rundfunk NRK). Eigentlich gilt ja - gerade zur Zeit der wichtigen touristischen Frühjahrsmessen - der Grundsatz "bad news are good news" (Hauptsache es berichtet jemand über uns); in diesem Fall darf das aber bezweifelt werden. Die neue Kampage war erst im vergangenen Oktober neu gestartet worden.

Aber wie die Online-Ausgabe des "Merkur" zeigt, ist "lachen über Litauen" auch nicht so leicht, wenn man Litauen gar nicht kennt - die Redaktion dieser in München erscheinenden Zeitung traut Litauen immerhin zu, dass dort die Berge "nur" 3000 Meter hoch sind.


Also, vielleicht kann eine neue Touristikchefin aus der ganzen Aufregung doch noch etwas Positives machen: Lachen über Litauen, und mit den Litauern - und wenn, dann aber richtig!

18 April 2016

Bier-Renaissance, litauisch

Eigenwerbung litauischer
Bier-Bars: urig, ländlich, kräftig
(Šnekutis, Vilnius)
Bier war nie wirklich aus der Mode in Litauen - ich glaube, das kann man behaupten. In den vergangenen 25 Jahren haben nur die vielen Übernahmen litauischer Traditionsmarken durch ausländische Investoren die Qualität nicht immer befördert; nun aber hoffen die litauischen Brauerinnen und Brauer auf einen neuen Trend: alles redet von "Craft-Bieren". Vier Kennzeichen werden da besondern gelobt: kleinen Mengen, Unabhängigkeit von großen Konzernen, traditionelle Brauweise und eigener Charakter - na, da müssten litauische Biere doch wohl mithalten können?

Wein jedenfalls war in Litauen noch nie eine Alternative - oder, wie es die Weinexporteure aus Österreiche ausdrücken: "Aufgrund der geschichtlichen Entwicklung und des Klimas Litauens konnte sich keine „Weintradition“ bilden" (weinlogistik.at). Und nicht nur das, die Weinbranche konstatiert sogar: "Die Mehrheit der litauischen Weinkonsumenten zählt nicht unbedingt zu den Weinkennern". Während in Deutschland 28% des Alkoholkonsums in Wein getrunken wird, sind es in Litauen nur 8% (Bier-Universum).

Bier spielt also in Litauen die Hauptrolle. Kein Wunder also, dass gleich an mehreren litauischen Orten eigene Bier-Touren oder Brauereibesichtigungen für Gäste angeboten werden, wie etwa die Kaunas Bierroute, den Bierweg von Biržai, Bier-Wanderungen (wir berichteten), oder eine Brauereibesichtigung in Klaipeda.

ob "English bitter", "Altbier",
"Porter" oder "Stout" -
litauische "Bierblogger"
sortieren im Internet die Vielfalt
(im Bild: "Breadandbeer")
Die neuen Trends der sogenannten "Craft-Biere" spielen dabei den litauischen Brauereien nochmals in die Karten. Auch beim Streifzug durch das Nachtleben des hauptstädtischen Vilnius wird der Gast in zahlreichen Bars und Kneipen immer mehr Geschmacksrichtungen litauischen Gerstensaftes probieren können. Allerdings ist dabei die Frage: werden hier eigentlich litauische Biere getrunken? "Die Litauer wissen zwar, wie sie Bier brauen können - aber was fehlt, ist eine Bier-Kultur," meint Jonas Lingys, Sommelier bei Švyturys, der gegenwärtig einzigen großen Brauerei in Litauen, die nicht von ausländischen Investoren abhängig ist. Lingys meint auch, das typische geröstete Knoblauchbrot, das in der Regel in Litauen zum Bier gereicht wird, mit weiteren Snacks variieren zu können - um die Litauer auf den Geschmack unterschiedlicher Sorten zu bringen. "Vielleicht Räucherkäse, Schinken, Oliven, oder verschiedene Würstchen." (LRT)

In dieser Bibliothek stehen in einigen Regalen
Bier statt Bücher: die "Alaus Biblioteka" in Vilnius
"Manche Leute kommen ja tatsächlich rein und wollen ein Bier einer bestimmten Farbe," erzählt Tomas Bartninkas, Eigentümer der "Alaus biblioteka" (Bier-Bibliothek), "und wir versuchen ihnen dann zu erzählen, dass man es nach dem Geschmack auswählen sollte, nicht nach der Farbe!" Bitter oder süßer, stärker oder milder, hopfig, oder sogar schokoladig - die "Alaus Biblioteka" hat immerhin auch einige litauische Marken im Angebot. 15 verschiedene Marken im Ausschank zu haben, ist natürlich auch ein Wagnis - doch bisher scheint es zu funktionieren.

Ob mit solchen Bieren die Liebhaber
litauischer Fruchtweine überzeugt werden
sollen? Die litauischen Bierbrauer sind an-
gesichts der "Craft-Beer"-Mode ins heftige
Experimentieren geraten (
breadandbeer)
Auch im litauischen Internet wird mehr und mehr über Bier diskutiert: vom "alusalus", "beergeek", "breadandbeer", bis zu "Tikrasalus", "Modestas", "apiealu", "pingvi" oder "alusit" - die Vielfalt der "Bierglogger" scheint beinahe so groß wie die Auswahl der Biersorten selbst, und hierbei sind die verschiedenen Facebookseiten und -gruppen noch gar nicht genannt. Eine komplette Geschichte des litauischen Bieres ist zumindest in Englisch in finden (Sviekata) - dort kann man auch nachlesen, dass noch zu Sowjetzeiten biertrinkende Frauen in Litauen sehr ungewöhnlich gewesen sein sollen.

In Deutschland sind litauische Biere noch nicht so recht angekommen - offenbar müssen Interessierte wirklich einen Litauen-Urlaub einplanen. Weder die "Craft-Bier-Lounge", "Craftbeermarket", "Beercraftinfo", "Craftbeerstore", "Craftbier-Shop", und auch auf der "Craftbiermesse" in Mainz waren Litauer bisher noch nicht vertreten. Beim Shop der "Brewcomer" ist immerhin Estland schon verzeichnet, und einige deutsche "Bier-Blogger" haben die Litauer bereits entdeckt: "Alkoblog" - obwohl der Name eher auf "Menge statt Qualität" hindeutet - hat immerhin vier (allerdings sehr gängige) litauische Biere entdeckt, "Bierbasis" führt immerhin neun Brauereien in Litauen auf.

Litauische "Bierblogger"
schrecken offenbar vor
nichts zurück: Hauptsache
verrückter Name und Design
locken ...
Deutsche Anbieter sind auch schon beim "Craft-Beer-Zubehör" angekommen - wie zum Beispiel das Angebot von speziellen "Craftbier-Gläsern" zeigt. In Litauen dagegen müssen die Hersteller wohl auch hoffen, dass der Lebensstandard - also Einkommen und Lebensumstände - langsam besser werden. Bier nur für Touristen brauen, das widerspräche wohl litauischer Mentalität und Lebensart (und auch der Selbstachtung). Denn allzu verständlich ist es bisher, wenn viele nur nach dem billigsten Bier und dem größten Glas fragen. Also: į sveikatą , auf Litauen!

21 August 2015

Litauischer Bernstein, teurer Bernstein

Werden die Souvenirs in Litauen demnächst erheblich teurer werden? Jedenfalls sind erhebliche Steuererhöhungen für die Bernsteingewinnung im Gespräch - Bernstein wird ja nicht nur, wie manche vielleicht glauben, von Sammeln am Strand gefunden, sondern auch in großen Mengen aus oberflächennahen Bernsteinschichten abgebaut. Wie das genau vor sich geht, haben die litauischen Bernsteinmuseen anschaulich (auch auf Deutsch) dargestellt (siehe Webseite). Diesen Angaben zufolge wird nahe des Ortes Prikulė schon seit Mitte des 19.Jahrhunderts industriell nach Bernstein gesucht, damals mit dampfbetriebenen Bernsteinbaggern.

Bernsteinstaub wurde ja angeblich früher als Opfer für die Götter verwendet - heutzutage wird das Opfer eher der Steuerbehörde gemacht. Die Bemessungsgrenze liegt dabei bei 40mm (0,4cm): Stücke die kleiner sind, sollen laut einem Vorschlag des litauischen Umweltministeriums künftig pro Kilogramm 280 Euro Steuerabgabe verpflichten, größere Stücke sogar 900 Euro.

Auf 120 Tonnen Berntstein wird das Vorkommen bei Juodkrante geschätzt. Gegenwärtig liegt der Steuersatz für jedes Kilogramm Bernstein auf 20,22 Euro. Die neuen Steuersätze würden also eine erhebliche Steigerung der Steuerbelastung bedeuten. Litauen hofft, aus dem Abbau dieses Bernsteins 21 Millionen Euro Steuereinnahmen zu erzielen - 70% dafür ginge dann ins Staatssäckel, 20% könnte die Gemeinde vor Ort verwenden und 10% würde dem Umweltschutz zu Gute kommen. 
Da seit der gespannten Situation mit Russland litauische Unternehmer nicht mehr so leicht an Lizenzen für den Import von Bernstein aus dem Gebiet Kaliningrad (Königsberg) gelangen können, wo 95% des Weltvorkommens von Bernstein vermutet werden, könnte litauischer Bernstein damit vor nicht unerheblichen Preissteigerungen besonders für den Verkauf von Souvenirs und Schmuck stehen (siehe "Baltic Course", "LRT", "Delfi")
Litauische Umweltschutzbehörden fordern zudem Einschränkungen der Bernsteingewinnung, falls dadurch "Natura2000"-Schutzgebiete betroffen sein sollten (siehe Umweltministerium). Nachdem der Import von Rohbernstein aus dem Kaliningrad-Gebiet von den russischen Wirtschaftssanktionen erfasst worden war, hatte das Ministerium Gutachten in Auftrag gegeben, ob und wenn ja wo Litauen sich selbst mit Bernstein versorgen könnte.

03 Juni 2015

Buchen Sie litauisch!

Mehr Sicherheit für Touristen soll eine Gesetzesvorlage in Litauen bringen, die im litauischen Parlament kürzlich diskutiert und beschlossen wurde. Die meisten Schlagzeilen machte der Bankrott der litauischen Fluggesellschaft Air Lithuania - mit Wirkung zum 22.Mai wurden alle Flugbewegungen eingestellt.


Aber bei dem neuen Gesetz geht es eigentlich nicht um dieses Problem (viele Flüge der Air Lithuania wurden durch Air Baltic übernommen). Wer zukünftig in Litauen eine Lizenz als Reiseveranstalter beantragen möchte, muss nachweisen, dass die Firmengründer die vorhergehenden fünf Jahre nicht in einen Bankrott oder eine Insolvenz einer anderen Firma verwickelt waren (LRT). 2014 hatten sich gleich vier litauische Tourismusagenturen nacheinander bankrott erklärt: "Fresh Travel" , "Go Baltic Travel", "Go Planet Travel" and "Neoturas". 2015 stellte auch "Voyage Voyage" den Betrieb ein. Das abrupte Ende von "Fresh Travel" hatte verursacht, dass 470 litauische Touristen sich plötzlich ohne Rat und Hilfe in Ägypten und Portugal wiederfanden, und Tausenden von Kunden der Urlaub verdorben wurde oder ihr Geld verloren, der Gesamtschaden wurde auf über 600.000 Euro geschätzt. Schätzungen zufolge arbeiteten 37% der litauischen Tourismusanbieter bisher mit sehr geringen Rücklagen.


21 Oktober 2014

Vilnius ist nicht Tokio

Rote Beete-Suppe (Šaltibarščiai) lieber fotografieren, als essen? Lieber bleiche Haut als Sonnenbaden? Kein Räucherfleisch, aber gerne Barockarchitektur? Solche Trends berichteten litauische Reiseagenturen kürzlich von Touristen aus Japan. In Litauen wird offenbar immer noch mit großen Erstaunen auf die sensiblen Bedürfnisse von Gästen aus Japan reagiert - jedenfalls wird das Thema in den litauischen Medien ausführlich behandelt.

Immer gern gesehen:Japaner mit Litauen-Fanschal.
(hier beim Besuch des litauischen Verteidigungs-
ministers Juozas Olekas in Japan, Februar 2014)

Foto des lit.Verteidigungsministeriums
Vitalijus Milkovas, litauischer Reiseleiter für japanische Gästegruppen, erzählte der Presse von seinen Erfahrungen (siehe "Delfi"). "Wenn man in der Altstadt von Vilnius umher geht, kann es schon mal sein, dass für einen Japaner etwas alt erscheint, was tatsächlich aber ziemlich neu ist", verdeutlicht er. Nicht immer laufen da Stadtführungen wie gewohnt. "Manchmal erzähle ich etwas über Napoleon, und die Gäste fangen plötzlich an ein kleines Kätzchen zu fotografieren. Vielleicht liegt das daran, dass es vorwiegend ältere Leute sind, die aus Japan kommen, für die lebende Dinge interessanter sind als abstrakte Darstellungen."

Ausserdem geht es auch bei den Japanern - Architektur hin, Geschichte her - immer gern ums Shoppen. Die neu gebauten Einkaufszentren werden gerne und ausgiebig genutzt. Die traditionellen litauischen Gerichte werden auch von Japanern gerne bestellt, aber manches wird nur fotografiert und auf dem Teller liegen gelassen. Da wird eine unterschiedliche Herangehensweise deutlich: Essen soll Spaß machen, nicht in erster Linie den Magen füllen. Eines allerdings machen Gäste aus Japan in Litauen offenbar nicht: sie besuchen keine japanische Restaurants. Besonders dann nicht, wenn der Eigentümer kein Japaner ist. Und Soya-Soße, die fehlt ihnen - und sie wird, sofern verfügbar, gern bei allerlei Gerichten ergänzt.

gefunden auf "demotyvacijos.lt"
Dass Japaner in Litauen wenig Fleisch essen, führen die litauischen Tourguides auch darauf zurück, dass sie eben gesundheitsbewußt seien und auf den Rat ihrer Ärzte hören. Aber so wie es Rasa Levickaitė, ebenfalls litauische Reiseleiterin, erzählt, klingt es eher nach Medienmacht und Massenpfänomenen als nach ärztlichen Anweisungen: "Da wird mal im japanischen Fernsehen gesagt, mit Bier könne man gut einschlafen, und so wird Bier getrunken. Dann wird gesagt, zuviel Bier sei schlecht für den Schlaf, und sie trinken weniger Bier." Viele Trends seien auch von den USA übernommen, genauso wie der Yen an den Dollar gekoppelt ist. Auch den Trend zu mehr gesundheitsbewusstem Leben wird aus litauischer Sicht als US-amerikanischer Einfluß auf Japan gesehen. So zum Beispiel die Verbannung des Rauchens aus den Restaurants. "Vor 10 Jahren waren noch 30-40% der männlichen Gäste Raucher," berichtet Levickaitė. "Heute gibt es kaum noch einen Raucher unter ihnen."

Nun ja, das hätte sie auch bei Touristen aus Westeuropa berichten können. Vor allem wäre interessant, in wieweit sich diese Trends auch auf die Litauer auswirken. Angeblich haben japanische Touristen besonders Angst vor Quallen, achten Katzen mehr als Hunde, und wundern sich über Bettler auf litauischen Straßen.

Erkenntnisse, oder eher Stereotypen? Für Litauer wirkt jedenfalls der Blick auf die asiatische Kultur offenbar immer noch ungewöhnlich. Um 37,5% stieg der Touristenstrom aus Japan nach Litauen im ersten Halbjahr 2014, verglichen mit dem ersten Halbjahr des Vorjahres (lietuva.lt). In absoluten Zahlen erscheint das allerdings weit weniger sensationell und noch steigerungsfähig: in einem Interview mit der japanischen Botschafterin in Litauen, Shiraishi Kazuko (Lithuanian Tribune), werden Zahlen für 2011 genannt: 7654 japanische Gäste in Litauen, 1449 litauische Gäste in Japan. Die meisten sicher auf Geschäftsreise.

Was verbindet Litauen ansonsten mit Japan? Vor kurzem noch stellte ein japanisches Konsortium den Bau eines neuen Atomkraftwerks in Litauen in Aussicht - bis sich eine Volksabstimmung dagegen aussprach.
Weitgehend vergessen scheint dagegen Chiune Sugihara (1900 - 1986) zu sein, der als Konsul des japanischen Kaiserreiches in Litauen während des Zweiten Weltkrieges Tausende von Juden rettete (siehe Wikipedia, "Kosherdelight" oder auch "Freiburger Rundbrief"). Die litauischen Reiseleiter jedenfalls, die über die "Andersartigkeit" der Japaner lange Abhandlungen verfassen, erwähnen dieses Thema jedenfalls mit keinem Wort. Ein Grund könnte sein, dass sich das ehemalige japanische Konsulat und heutige "Sugihara-Haus" in Kaunas befindet, und es hier nur um Vilnius-Tourismus geht - nun ja, eigentlich keine Entschuldigung. Umgekehrt berichtet die japanische Presse aber sehr wohl über den litauischen Holocaust-Gedenktag (siehe Japan Times).

Es könnte sich ja auch um eine Neuentdeckung Japans handeln, was Litauen angeht. Immerhin war erst im Sommer 2014 die allererste Delegation des japanischen Parlaments zu Besuch in Litauen - erstaunlich, nach immerhin fast 25 Jahren Unabhängigkeit. Unter den Japan-Liebhabern Litauens kursiert die Idee, in Vilnius einen japanischen Garten (“Vilniaus japoniškas sodas”) zu schaffen; die dafür notwendigen 4 Millionen Euro Finanzmittel sollen durch Spenden aufgebracht werden.

Und was fällt Japanern zu Litauen ein? Leider kann ich kein Japanisch lesen. Eine Internetseite "Japan-Lithuania" scheint auf Messebeteiligungen aus zu sein, die Spalte "Lithuanian cuisine" jedenfalls ist noch leer.
"Little Lithuania" berichtet über einen kleinen Laden zum Verkauf von Leinen in Hiroshima. 
Die japanische Botschaft in Vilnius veranstaltet, neben Seminaren zur Reaktorsicherheit (offenbar gibt es noch Hoffnungen auf einen Deal), und Einladungen in einen "Sakura-Club", Wettbewerbe im Haiku-Dichten. Aus über 800 Einsendungen von 259 Einsendern wurde 2013 das folgende aus Litauen ausgewählt, Autor ist Andrius Luneckas (hier in litauischer und englischer Fassung, passend zum Herbst):

rudens vakaras
už aplyto lango
šešėlių teatras

autumn evening
beyond the wet window
shadow theater

09 November 2013

Gestresste Reiseleiter

Schock für die kommende Touristensaison: die Reiseleiter in Litauen streiken! Nun, ganz so weit ist es noch nicht, aber zumindest beschweren sie sich lautstark. Für deutsche Verhältnisse erstaunlich allein schon, dass litauische Reiseleiter und Stadtführer in einer eigenen Gewerkschaftgruppierung zusammengeschlossen sind: Mitglieder von "Solidarität" (Solidarumas) demonstrierten Mitte Oktober sogar vor dem Präsidentenpalast in Vilnius. "In Litauen wird von Reiseleitern verlangt, dass sie einen Universitätsabschluß vorweisen können, dann spezielle Kurse besuchen müssen, einen Test in litauischer Geschichte ablegen und dann auch noch ihre Tourenleiter-Fähigkeiten testen lassen müssen," so erzählt es Gewerkschaftsvertreter Ričardas Garuolis. "In keinem anderen EU-Land gibt es so viele Einzelbestimmungen für Reiseleiter."

Touristenströme in Litauen - wer profitiert?
Auf der anderen Seite ist es offenbar möglich - die EU-Bestimmungen zur Freiheit von Dienstleistungen bringen es mit sich - dass ausländische Reiseleiter sich nur kurz mit den litauischen Behörden verständigen müssen und dann einfach als "vorübergehend zugelassener" Reiseleiter auch in Litauen arbeiten können. Dagegen haben nach Darstellung der Gewerkschaft bereits 4000 Litauerinnen und Litauer die speziellen Kurse für Reiseleiter absolviert - aber nur 600 von ihnen haben bisher auch die Zulassung bekommen. "Auf diese Weise werden viele litauische Reiseleiter ersetzt durch Polen, Deutsche oder Letten. Besonders bei den polnischsprachigen Kollegen sind die Zahl der verloren gegangenen Arbeitsmöglichkeiten hoch."

Getrübt werden diese klaren Aussagen, die vielleicht auch Nicht-Litauern ja Verständnis für litauische Reiseleiter entlocken können, vielleicht durch die Zusatzinformation, dass derselbe Herr Garuolis, der hier so eifrig Partei für die Unterschätzten und Benachteiligten ergreift, gleichzeitig auch aktives Mitglied im "Lietuvių tautininkų sąjunga" (Bund der litauischen Nationalisten) ist. Das bedeutet also - deren Parteiprogramm ernst genommen - er ist kein ausgeprochen eifriger Freund der Demokratie, sondern bevorzugt den "Volkswillen" und starke Führer. "Litauische (Reise)Führer für Litauen?"

Bei Gründung seiner Tourguide-Gruppierung innerhalb der "Solidarumas" im Jahr 2010 benannte Garuolis auch Ziele: bessere Arbeitsbedingungen und eine stärkere Position bei Verhandlungen um das Preisniveau für touristische Dienstleistungen. Bessere soziale Absicherung durch die auftraggebenden Agenturen. Der Stundenlohn für litauische Guides wurde damals mit 120-150 Litas (35-45Euro) benannt.

45 Euro pro Stunde? Damit - wenn man es als wenig bezeichnet - können ja nur Stadtführer gemeint sein; weniger die Tourguides, die tage- und wochenlang unterwegs sind (und froh sind wenn sie 100 Euro pro Tag bekommen). Zudem gibt es ja gerade bei deutschen Firmen die Gewohnheit, einen eigenen "Firmen"-Reiseleiter nach Litauen mitzuschicken, dem dann nur noch ein "örtlicher" Reiseleiter zur Seite gestellt wird. Während dann der deutsche "Kollege" eher die Hotelbetten und die gehobenen Restaurants "testet", darf der "örtliche" Partner sich um die organisatorischen Schwierigkeiten und den (landes-)sprachlichen Kontakt zu den "Einheimischen" kümmern. Nicht aber darum, ob es den deutschen Kunden gut geht - denn schließlich hat der Firmenreiseleiter schon vielfache Reisen des gleichen Typs hinter sich und glaubt zu wissen, was die (Stamm-)kunden wünschen (oder die Firmenleitung?), während litauische Kollegen nur "zugekauft" und kurzfiristig agieren. Solchen Erfahrungen zufolge müssten eigentlich deutsche und litauische Reiseleiter in DERSELBEN Gewerkschaft aktiv sein, bevor Abhilfe in Sicht sein könnte.

Ein anderer Punkt sind noch die Sprachkenntnisse. Muss ein deutscher Reiseleiter oder Guide, der sich in Litauen registrieren lassen möchte, eigentlich Litauisch beherrschen? Das wäre zu befürworten. Genauso ist es aber wünschenswert, dass in Litauen nicht einfach beliebige Arbeitslose "auf Reiseleiter" umgeschult werden, die Deutsch nur in dem Sinne verstehen dass sie die Wünsche der Deutschen verstehen und dienstbar zum Erfüllen derselben bereit stehen. Ein wenig tieferen Einblick in beide Länder zu haben, kann von großem Nutzen sein. Und aus dieser Sicht ist einfach der Trend zu beobachten, dass zu viele über eine Zwischenstation "Tourguide" dann doch lieber den Job in Deutschland annehmen, der besser bezahlt ist (und mit einem"normalen" Arbeitsvertrag lockt). Eine ganze Generation junger Sprachenkundiger, die nach 2004 in Litauen anzutreffen war, ist offenbar inzwischen nach Deutschland oder Brüssel weitergereist.
Es wird interessant sein, wie diese Diskussion weitergeht. Immerhin positiv aus litauischer Sicht ist noch, dass litauische Veranstalter von Rundreisen kein Problem haben auch Dienstleistungen in Lettland und Estland anzubieten und (in Deutschland) zu verkaufen. Zumindest aus Lettland war auch schon zu hören und zu lesen, dass litauische Firmen das Geschäft der deutschen "Baltikum"-Rundreisen dominieren - aber vielleicht profitieren davon nur die Agenturen, nicht die Guides.

Datenbank litauischer Tourguides  / Litauische Vereinigung "Solidarumas"

08 November 2010

Der blonde Standard

Litauen macht Schlagzeilen. Wo? Nein, weder in Litauen, noch in Deutschland. Allerdings in der internationalen Presse. Gäbe es eine Rubrik "verrückte Unwichtigkeiten", so würden diese Nachrichten hier landen. Oder dort, wo man gemeinhin das "Sommerloch" vermutet. 

Beamtenjogging
Manche Nachrichten scheinen auch geradezu durch die Welt zu reisen, als Produkt der Medienwelt. Da melden "Focus", "Hamburger Abendblatt", "Die Welt", "Spiegel" und viele mehr: "Staat setzt dicke Polizisten auf Diät". Oder ist es eher ein Produkt der gerade eben abgelaufenen ARD Themenwoche "Essen ist Leben"? Werde so Journalisten trainiert, aus dem großen Topf der täglichen Meldungen irgendwie Passendes zu liefern? Die NDR "Weltbilder" machen einen ganzen Filmbericht daraus. 
Die Themenwoche ist vorbei - die "Polizeidiät" hat offenbar Freunde gefunden. Der Redaktion der "Welt" zum Beispiel war es noch nicht genug, und berichtet nun über Litauen. Nicht über Cepelinai, nicht über schicke Restaurants in Vilnius, nicht einmal über das sonst im Herbst so beliebte Thema der Qualität litauischer Pfifferlinge. Nun sind es die Busfahrer, die angeblich zu dick sind. Das allein wäre ja noch keine Nachricht. Nun wird behauptet, eine litauische Firma wolle ihre Busfahrer nach Gewicht bezahlen: "Je dünner, desto fetter das Gehalt". Grundlage? Hm, das abgebildete Foto (ein städtischer Bus vor dem Hauptbahnhof von Vilnius) hat schon mal nichts damit zu tun. So klicken wir uns weiter, denn immerhin sind die Namen der betroffenen Firma (einem Busunternehmen aus Šiauliai), deren Chef und einer Gewerkschaftsvertreterin genannt. Auch die Quelle wird genannt: Ein Bericht der Regionalzeitung Šiaulių kraštas. Also: kein Witz leider, sondern nach den verschiedenen Berichten über deutsch-litauische Sozialprojekte und Hilftransporte in der vergangenen Woche auf Platz 3 der Litauen-Berichte.

Hauptsache Blond
Auf Platz 1 rangiert eine noch verrücktere Geschichte. Litauische Tourismuswerbung in Deutschland - da stellt man sich zunächst mal Kurische Nehrung, und vielleicht noch Vilnius vor. Jetzt hat es aber eine andere Schlagzeile in die internationalen Medien geschafft -nur schade, dass sie gar nicht in Litauen spielt. 
Schon Riga hatte in den vergangenen Jahren versucht, mit "Blondinen-Paraden" Aufsehen zu erzeugen. Aber was Lettland kann, das kann Litauen offenbar schon lange. Jetzt sorgt ein litauisch betriebenes Hotel für Ausehen, in dem ausschließlich nur blonde Mitarbeiterinnen vorzufinden seien.Der Betreiber ist die Firma „Olialia“, verantwortlich eine Frau: Giedrė Pukienė. Allerdings gibt es das Hotel noch gar nicht: erst 2015 soll es auf den Malediven fertig gestellt werden, mit Hiilfe von Investoren aus Russland, Deutschland und England. Dem entsprechend stolz sind die Olialianer, dass Anfang Oktober das britische Boulevardblatt "Sun" die Geschichte mit großen Aufmacher herausbrachte - denn schließlich wären dessen Leser genau die potentiellen Kunden (siehe auch: BBC).
Zitiert wird in der britischen Presse gleichzeitig, dass es auf den Malediven Spannungen geben könnte, da konservative Islamisten diese touristischen Einrichtungen auf ihrer Insel wegen ihres offen propagierten exzessiven Alkoholausschanks kritisieren. Die blonde Kunde hat auch bereits die USA erreicht: auch CNN übernimmt offenbar gerne, was die litauischen Mangerin vorgibt: auch die anzustellenden Blondinen sollen mit einem speziellen Flugzeug zum Hotel gefolgen werden - assistiert von blonden Flugbegleiterinnen natürlich. Andererseits übernimmt "Olialia" gern, was andere schreiben: auch Kritik ist willkommen, ganz nach der Devise: Hauptsache jemand redet drüber.
Die Story zieht sich auch durch einen großen Teil der deutschen Medienlandschaft. Ob die einseitige Bevorzugung von Blondinen nicht "sexistisch" sein könnte, oder arbeitsrechtlich eine unrechtmäßige Bevorzugungen von Angestellten einer bestimmten Haarfarbe darstelle - es gibt viele schöne Argumente, über das Thema zu diskutieren (z.B. Frauenzimmer.de).
Und solange wie die Malediven noch "Zukunftsmusik" bleiben, bleibt "Olialia" aber nicht untätig. In Vilnius wurde ein "Olialia Blondinen-Nachtklub" eröffnet. Die Firma ist auf 75 verschiedenen Geschäftsfeldern tätig, von der "Olialia-Cola" bis zur IT-Branche.
Da fragt man sich doch langsam, wie abgehoben eine Tourismuswerbung noch sein kann - verglichen mit dem Litauen, was zumindest ich bisher kannte und schätzen lernte. Zwar sind die Cepelinai sowieso "blond", aber, liebe Litauerinnen, bleibt bitte wie ihr seid!

27 Oktober 2009

Vilnius als Projekt

Die litauische Hauptstadt Vilnius steht dieses Jahr als Europäische Kulturhauptstadt besonders im Fokus des Interesses. Vielleicht wird sich das durch ein Projekt in Zukunft noch optimieren lassen, das durch eine Gruppe von Studierenden aus drei Universitäten in Litauen, Polen und Deutschland gerade vorbereitet wird.
Der "Lauterbacher Anzeiger" zufolge ist Ihr Ziel: einen GPS-gestützten, dreisprachigen Reiseführer für Vilnius. Diesem Zeitungsbericht zufolge geht es einerseits um die Thematik der Holocaust-Aufarbeitung, andererseits um Studierende der Germanistik.

Weniger profan klingt die Zielsetzung des Studienprojekts dann schon auf der Hompepage der Studierenden selbst: Ziel sei die "interdisziplinären, multilateralen Erforschung der Rolle von Sprache und Literatur in nationalen und regionalen Identitätsfindungs- und Erinnerungsprozessen sowie der Komplexität solcher Identitätsfindungsprozesse in heterogenen Literaturlandschaften". 
Etwas einfacher zusammengefasst, wird Vilnius hier als "ideales Beispiel einer multinationalen und -kulturellen Literaturstadt" definiert. 

Vom 1.-14.Oktober 2009 waren die drei Gruppen der Studierenden nun zum ersten Mal an der Universität Gießen zusammen. Wer sich den Ablaufplan des dortigen Projekts ansieht, dem mag auch klar werden, wo die Schnittmenge zwischen den beiden Schlagworten vom "Reiseführer / Kneipenführer" und den "Literaturlandschaften" liegen soll: Projektziel ist die Erstellung eines "literarischen Reiseführers" (da werden sie das Buch von Claudia Sinnig als Vorbild haben?). Wollen wir hoffen, dass das Projekt gelingt, auch wenn die Partner in Litauen nicht etwa von einer Hochschule in Vilnius selbst kommen, sondern ...  aus Kaunas.

07 April 2009

Neue Reiserouten im Netz

Ergebnisse eines EU-finanzierten Projekts lassen sich jetzt auch für die allgemeine (Litauen-)interessierte Öffentlichkeit im Internet abrufen: REISEROUTEN LITAUEN (Lietuvos marsrutai) bietet Informationen zu 19 touristischen Routen in Litauen, auch in deutscher Sprache. Damit sind diese Inhalte nicht nur als CD oder DVD, sondern auch im Internet frei zugänglich.

Geboten werden neben 19 verschiedenen mit Fotos illustrierten Routenbeschreibungen auch eine aktuelle Wetterübersicht, eine Liste von touristischen Informationsstellen in Litauen, Panoramafotos und Videos aus Litauen, und natürlich Informationen zum Projekt selbst. In den Routenbeschreibungen enthalten sind vor allem Übernachtungs- und Freitzeittipps (leider ohne Fotos). Die interessierten Internet-Leser/innen können sich auch in den Rubriken "was wir essen" oder "was wir feiern" Tipps zu Orten mit landestypischem Gerichten oder turnusgemäßen Feierlichkeiten geben lassen.
Für eine erste Übversicht allemal geeignet!


26 Dezember 2008

Weihnachtliche Litauerfahrt vor Australien

Es klingt ein wenig verspätet, wenn jetzt noch zur "Millenium Odysee" aufgerufen wird. Aber die Crew ist ja auch bereits seit Oktober 2008 unterwegs, und möchte mit der Segeljacht "Ambersail" den Namen Litauens in alle Winkel der Erde tragen. Aha - jetzt wird es klar - es ist ein anderes Millenium gemeint, das litauische. 1000 Jahre ist es her, dass der Name Litauen zuerst urkundlich erwähnt wurde (in den Quedlinburger Annalen). Daher feiert die Bernsteinseglertruppe dieses Jahr Weihnachten in ... Australien.

Am 8.Oktober 08 hatte die "Ambersail" einen Tag in Kiel Station gemacht (dort auch bekannt durch den "Baltic Sprint Cup"). Ansonsten geht die weite Reise meist entlang englisch- oder französischsprachiger Länder. Am 17.Dezember hatte der litauische Außenminister Vygaudas Ušackas die jetzige Besatzung in Litauen verabschiedet, und Weihnachten wird nun in Adelaide in Australien gefeiert, zusammen mit etlichen Litauern, die dorthin ausgewandert sind.

Insgesamt werden während 9 Reisemonaten des Segelbootes (ca. 200 Segeltagen) sich 120 verschiedene litauische Skipper auf dem Boot abwechseln. Das Schiff wird auf seiner Reise insgesamt 24 verschiedene litauische Volksgemeinschaften in 19 Ländern besuchen.

Die Route der Ambersail live online verfolgen

Webseite der Millenium-Reise

29 Dezember 2007

Neues Jahr, neuer Pass

Zum 1.Januar 2008 wird Litauen neue Reisepässe einführen, um sich weiter an existierende EU-Standards anzupassen; dies kündigte Innenminister Regimantas Ciupaila im Rahmen einer Presseinformation an.
Äußerlich neu ist vor allem die Farbänderung: nicht mehr grün, sondern einheitlich EU-burgunderrot.
Foto: Gediminas Savickius

Dem Innenministerium zufolge werden in Litauen pro Jahr etwa 200.000 Passdokumente neu ausgestellt. Natürlich wird auch diese Änderung wieder einmal unter anderem damit begründet, es Passfälschern schwerer machen zu wollen. Seit dem 1.Januar 2003 sind in Litauen bereits Identitätskarten eingeführt (entsprechend den deutschen Personalausweisen).


Die erstmalige Einführung von allgemeinen Passdokumenten auf litauischem Gebiet soll übrigens auf die deutsche Besetzung im Ersten Weltkrieg zurückzuführen sein, darauf weist auch ein Beitrag in "Lithuania in the world" hin. Die Deutschen hätten damals verlangt, dass alle Einwohner ständig einen Pass bei sich tragen. Das war 1915-17, aber als Litauen 1918 wieder unabhängig wurde, war einer der ersten Maßnahmen litauische Pässe einzuführen. Interessante Informationen zu den Passvorschriften der damaligen Zeit versammelt auch das Portal "JewishGen" (siehe Abbildung)

Deutschland und Litauen haben seit 1990 wieder gute freundschaftliche Beziehungen erreicht. An historische Parallelen erinnert aber auch, dass auch die aktuell gültigen litauischen Pässe in der Bundesdruckerei in Berlin produziert werden.

Infoseiten:
Passbehörde des litauischen Innenministeriums

Infoseite zu Litauen in der EU

Übersicht zu allen noch gültigen litauischen Passdokumenten (ÖFFENTLICHES ONLINE‑REGISTER ECHTER IDENTITÄTS- UND REISEDOKUMENTE - PRADO), allerdings noch ohne die neue ab 2008 gültige Variante

Infos der Bundesdruckerei Berlin
- zum E-Pass-Upgrade
- zur Produktion von litauischen Führerscheinen
- zu Reisepass-Lesegeräten für Grenzbeamte

19 April 2007

Weiches Herz oder faule Haut

Nothlfe leisten, oder kaufen und genießen - so stark die sozialen Verhältnisse in Litauen auseinandergehen, so stark unterscheidet sich auch das Verhältnis vieler Deutscher zum Litauen von heute. Berichte aus vielen Einzelregionen Deutschlands bezeugen, dass vor allen Dingen auf dem Lande die Not sozialer Einrichtungen, sozial benachteiligter Gruppen, oder ganz einfach alter und kranker Menschen nach wie vor sehr groß ist. Lastwagenweise werden Spenden gesammelt, und diejenigen, die aus Deutschland zu ihren Projektpartnern in Litauen fahren, können auch eindrucksvoll erzählen, wie sehr die Hilfe bei den Empfängern in Litauen gebraucht wird. Auf der anderen Seite versucht Litauen sich als Urlaubsland attraktiv zu machen, und hier dominieren Argumente, die teilweise aus einer ganz anderen Welt zu kommen scheinen.

"In Litauen wird ihre Reisekasse wenig beansprucht," so meldete am 18.4.07 der Bundesverband deutscher Banken. Eine anschauliche Tabelle vereinfacht die vergleichenden Untersuchungen der Banken zur Kaufkraft des Euro in verschiedenen europäischen Ländern: während Deutsche in Großbritannien, Dänemark, Frankreich oder der Schweiz vergleichsweise wenig für den Euro erhalten können, ist die Kaufkraft in Polen und Litauen am höchsten. "Also nichts wie auf nach Litauen!" So könnte es da doch heißen. Doch besteht das südliche der baltischen Länder nun mal nicht nur aus der Kurischen Nehrung und der kommenden Kulturhauptstadt Vilnius.
"Es gibt immer Schönes und Interessantes, aber auch Nachdenkliches und Trauriges zu berichten, wenn ich nach Litauen fahre." So sieht es Ulla Amsler, Vorsitzende des Freundschaftsvereins "Hilfe für Plunge" in Menden (NRW). Die Mendener möchten ganz bewußt regionale Entwicklung unterstützten - Plunge liegt fern der litauischen Hauptstadt Vilnius, und die Kenntnisse vieler Deutscher über Litauen scheinen sich manchmal nur auf die Kurische Nehrung zu beschränken. Schließlich erreichen viele Touristen Vilnius per Flugzeug, während von der Hafenstadt Klaipeda aus der Weg zur Kurischen Nehrung kaum das übrige Litauen berührt.

So schwanken auch die Mendener zwischen der Begeisterung für die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Litauer, der sehenswerten Naturlandschaften, dem reichhaltigen Kulturleben - und der sozial sehr unausgewogenen Entwicklung im Partnerland. Aber es werden nicht nur Kleider gesammelt und gebrauchte Instrumente abgegeben: der Aufbau eines Kulturzentrums in Plunge wird aktiv unterstützt, und neue, medizinische Einrichtungen könnten ja auch für Deutsche nutzbar sein, meint Frau Amsler.
"Ich habe mir die medizinischen Angebote zum Beispiel in Reha-Kliniken in Palanga angesehen, die haben mir sehr gut gefallen," meint die engagierte Mendenerin, die Litauen gern auch als ihre "zweite Heimat" bezeichnet. "Das könnte doch auch für Deutsche, die eine Kur machen wollen, mal ein Tipp sein."
"Wir in Deutschland sind in der glücklichen Lage wirtschaftlich besser zu leben und können daher leichter materiell und finanziell unterstützen. - Die Litauer lassen uns an ihrer überaus reichen Musik und an ihrer sehr vielfältigen Kunst teilnehmen, am wichtigsten jedoch sind uns die vielen privaten Freundschaften."

Auch andere private Kontakte sind in den letzten Jahren zwischen Deutschland und Litauen entstanden. So berichtet Karen Schewina regelmäßig per eigenem Blog und Berichten in der örtlichen Tageszeitung ihrem Heimatort Bad Kreuznach von ihrem Litauen-Aufenthalt.
Rein auf den sozialen Hilfsgedanken konzentriert meldet auch die "Spargelstadt" Schrobenhausen (bei Augsburg) regelmäßige Kontakte durch die "Kinderhilfe Litauen". Ähnliches organisiert die Ökumenische Hilfe in Neunkirchen-Seelscheid (Bergisches Land) mit LKW-Ladungen voller Hilfmittel für Krankenhäuser, Altenheime und Kinderkliniken.
Auch Fläming und Havelland in Brandenburg unterstützen soziale Einrichtungen in Litauen, ebenso wie aus Aurich in Ostfriesland.
Diese zuletzt genannten Projekte beschränken sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit aber offensichtlich auf die Betonung der Hilfsbedürftigkeit ihrer Partner.

Aus Wolfenbüttel dagegen sind Erfahrungen aus einem Schüleraustausch zu vernehmen. "Die Schüler sind hier viel selbstbewußter," stellen litauische Gäste fest, die zur Vorbereitung der Reise offenbar von der Tatsache profitieren, dass deutsche Filme im litauischen Fernsehen im Original mit Untertiteln laufen. Vielleicht wird hier auf die sich natürlich entwickelnden Kontakte der jungen Generation gesetzt?
Auch das Gymnasium Münchberg in Franken pflegt einen regelmäßigen Schüleraustausch. "Wer hat Mut?" fragte dort Lehrer Gerhard Ströhla seine Schülerinnen und Schüler, und so knüpften 12 unternehmundslustige junge Leute im Jahr 2000 bereits die ersten Kontakte. "Von den Litauern haben wir Gastfreundschaft und Herzlichkeit gelernt," so Ströhla heute.

Vom persönlichen Kennenlernen zwischen einer Litauerin und einem Deutschen erzählt Laima Schrödel in der Frankenpost, und stellt gleichzeitig fest: "von der EU bekommt auch Litauen Geld für neue Projekte." Sie lobt vor allem den Straßenbau, ein Charakterzug, der bei vielen Litauern in Deutschland festzustellen ist.
Es bleibt zu hoffen, dass Kontakte zwischen beiden Ländern noch ein Stück normaler werden, und sich weder wegen sozialer Hilfe noch für sein Bedürfnis, im Sommer mal nur die schöne Landschaft zu genießen und auf der faulen Haut zu liegen in Zukunft jemand zu schämen braucht.

Presseberichte im Internet:
Pressemitteilung des Bundesverbandes Deutscher Banken
Verein "Hilfe für Plunge e.V."
Blog Karen Schewina "Im Osten was Neues"
Bericht Karen Schewina in der Allgemeinen Zeitung / Rhein-Main-Presse
Bericht DONAUKURIER zur Kinderhilfe Schrobenhausen
Bericht zur Hilfaktion in Neunkirchen-Seelscheid
Bericht der Märkischen Allgemeine zum Hilfstranport nach Litauen
Bericht der Ostfriesischen Nachrichten zu den von Aurich unterstützten Projekten
Bericht zum Schüleraustausch des Gymnasiums Wolfenbüttel
Bericht zum Schüleraustausch in Münchberg
Laima Schrödel: von Litauen nach Rehau