13 August 2018

Alle Wege führen zum G

Europäische Knautschzone:
immer schön die Landkarte im Blick
Vilnius liegt nicht am Meer - sonst würden vielleicht, wie in Tallinn, im Sommer zehntausende Kreuzfahrttouristen die Altstadt überschwemmen. "Nur 50 von 1000 Deutschen wissen, was Vilnius ist und wo es liegt!" weiß Inga Romanovskienė, Leiterin des Stadtmarketings der litauischen Hauptstadt, zu berichten. Daher läuft momentan neben London auch in Berlin eine Kampagne um Vilnius bekannter zu machen. Der Slogan, der hier voran steht, erzeugte schon vorab zumindest großes Aufsehen: "Vilnius, the G-spot of Europe!"

Nun, vielleicht gibt es ja Menschen, die mit diesem "G" nicht viel anfangen können - vielleicht 50 von 1000. Die anderen haben vermutlich wegen der großen Aufregung von dieser Kampagne erfahren, die darum inzwischen medial gemacht wurde. Aus Litauen war vor allem der Hinweis auf den kurz bevorstehenden Papstbesuch zu vernehmen - denn dem amtierenden Argentinier ist wohl zuzutrauen dass er überall nachfragt. Hauptstadt mit G? Vilnius?
Werbeslogan "Atomic Garden School"

"Vilnius, der G-Punkt Europas!" Dazu der Zusatz: "Niemand weiß wo er ist, aber wenn Du in findest, es ist fantastisch!" - perfekt illustriert ins Bild gesetzt. Solche Sprüche fanden manche mehr als nur zweideutig. "Nicht mal für einen Junggesellen-Abend tauglich" befand der Ex-Bürgermeister von Vilnius, Arturas Žuokas, der zu eigenen Amtszeiten viel lieber sich selbst als Vilnius-Werbefigur zu inszenieren versuchte.  Andere Litauer dachten vielleicht auch an die Schlagzeilen, die Litauen-Werbung vor zwei Jahren machte, als sich herausstellte dass mit Fotos geworben wurde die gar nicht in Litauen aufgenommen worden waren.

Oder war es eher kalkulierte Aufregung? Eine "Schlüpfrige Werbekampagne" meinte der "Kurier" zu erkennen, und die litauische katholische Kirche befürchtet sogar eine Werbung für Sextourismus. Die Kollegen der Werbeindustrie geraten da mehrheitlich eher ins Schmunzeln. Auch der litauische Regierungschef Saulius Skvernelis meldete sich zu Wort, meinte aber, trotz vorhandenen Merkwürdigkeiten überschreite die Stadtwerbung aber keine moralischen Grenzen.

Eher stolz auf die große Aufmerksamkeit sind Jurgis Ramanauskas, 25, und Skaistė Kaurynaitė, 27 Jahre alt - Studierende der Atomic Garden School in Vilnius.Die Kampagne solle sich an 18- bis 35-jährige junge Leute richten, meinen sie. Auffällig ist dabei, dass der neue Slogan bereits seit einigen Monaten in Medien und Internet diskutiert wird. Vielleicht musste also der Papst absichtlich herhalten? "Es ist uns eine Freude, wenn Arbeiten unserer Studierenden so viele Aufmerksamkeit bekommen", sagt Kęstutis Kuskys, Projektleiter an der "Atomic Garden School". Kuskys zufolge verdiene die Schule nichts an der studentischen Idee, auch wenn das Stadtmarketing Vilnius nun sogar Poster im Ausland damit produziere.

Was kann einer Werbekampagne besseres passieren, als bereits vor dem Start in aller Munde zu sein? (stern, MDR, The Sun, DW, Travelnews, Arileht, The Telegraph, Insider, NYTimes). Vor wenigen Tagen startete dann eine Plakatkampagne in Berlin und London. Aber auch virtuell, also im Internet, werden Interessierte weiter betreut. "Mit Zunge, oder ohne?" Was bei "VilniusGspot" auf den ersten Blick wie eine Verschärfung erotischer Anspielungen wirkt, entpuppt sich dann aber als harmlose Variante eines interaktiven Fragebogens. Es entsteht eine "pleasure map" mit Hinweisen zum guten Geschmack, dem aufregendsten Nachtleben, sehenswerten Aussichtspanoramen und aussergewöhnlichen Einkaufsmöglichkeiten. Weitgehend nur auf Englisch übrigens. 

Da ist es doch schade, dass die diesjährige sommerliche Reisesaison schon fast vorüber  ist. Vermutlich wird auch der Papst seine für September vorgesehenen Besuchspläne in Litauen nicht stornieren. Und die G-Spot-Filmchen, die inzwischen ebenfalls im Umlauf sind, bemühen sich die Assoziation zum "lustvolle Stöhnen" etwas abzubremsen - als erholsames Ausatmen. Auch das haben sich bereits jetzt zehntausende angesehen. Na dann: fröhliches Atmen zusammen!
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