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24 Dezember 2023

Litauen - was war das noch genau?

Es ist noch nicht so lange her, dass Deutsche, egal ob im Osten oder Westen aufgewachsen, die drei baltischen Staaten nicht auseinanderhalten konnten: Hauptstadt von Litauen? Riga? Unsichere Rückfragen waren die Antwort. 

Heute, Ende des Jahres 2023, drohen die Potentiale Litauens wieder zu verschwimmen - ausgelöst von Putins gewaltsamen Agressionen gegen die Ukraine. Aber selbst wenn wir sicher sind, wer und was der Auslöser ist - diese Dominanz des Militärischen ist nur allzu bedauerlich. Einige von denen, die vor 10, 20 Jahren noch gar nicht wissen wollten, wo Litauen genau liegt meinen heute die Befindlichkeiten einschätzen zu können - sie vermuten, dass die Litauerinnen und Litauer vor allem froh seien, Mitglied der NATO zu sein.

Deutsche schicken zum Jahresende "Weihnachtsgrüße an Soldaten im Ausland" (SWR), und meinen damit auch Litauen. Litauer reparieren deutsche Panzer (Merkur) und freuen sich, dass die deutschen Soldaten bald kommen (Regionalheute). Zitiert werden litauische Aussagen wie diese: „Kein anderes Nato-Land leistet an der Ostflanke so viel wie Deutschland“ (RND). Eine "deutsche Kampfbrigade" wird als "Jahrhundertprojekt" (t-online) ausgerufen - was bedeuten würde, dass die deutsche Sicht auf Litauen nun auf Jahrzehnte (militärisch) verstellt sein würde. Wer es richtig "martialisch" mag, liest bei "3sat" nach: dort stellen die baltischen Staaten inzwischen "drei Stacheln im russischen Fleisch", und Litauen besteht hier aus einer unablässigen Folge militärischer Aktivitäten. 

Auch die finanzielle Seite wird immer wieder erwähnt: Deutschland stellt ein "Sondervermögen" (sprich: Schulden mit Deckname) bereit, müht sich aber - im Gegensatz zu Litauen - mit dem allseits diskutierten "2%-Ziel" ziemlich ab (= Anteil vom Bruttoinlandsprodukt, siehe "Tagesschau"), 2019 waren es auf deutscher Seite lediglich 1,2%. - Die deutsche Presse aber sorgt sich, ob Litauen die Stationierung "einer zweiten Armee" (so bezeichnete es Verteidigungsminister Anušauskas), also 5.000 deutsche, neben den eigenen 15.000 litauischen Soldaten, auch leisten kann. Derweil reformiert Litauen die Wehpflicht, auch ein Studium kann jetzt kein Grund mehr für eine Verschiebung sein (LRT)

Tja, somit können wir uns also vorstellen, woran Deutsche gegenwärtig denken, wenn das Stichwort "Litauen" fällt. Wohl nicht mehr zuerst an das Sommerhaus von Thomas Mann, zum Beispiel. Und es wird nicht besser, wenn wir mal vom Militärischen absehen. Immer noch irrlichtert die alte Legende durch die deutschen Medien, fast alle gestohlenen Autos würden irgendwann in Litauen landen (siehe "Die Zeit") Und es gibt inzwischen nicht nur Sorgen, über Belarus würden absichtlich Flüchtlinge nach Litauen und somit in die EU geschleust werden - es gibt auch angeworbene litauische Schleuser, die zum selben Zweck, mit nebulösen Versprechungen gelockt, in anderen osteuropäischen Ländern aktiv sind (Grenzecho)

Also: was sind die wichtigsten Schlagworte für Deutsche in Bezug auf Litauen? "Gefechtsbereit"? Es kingt wie eine seltsame Musik aus der Ferne, wenn wir uns erinnern, dass die Litauen-Werbung mal von Vilnius als "G-Punkt Europas" sprach (Blogbeitrag). Das war 2018. Inga Romanovskienė, bis vor kurzem noch Leiterin des Stadtmarketings von Vilnius, verteidigte den Slogan unter anderem mit dem Argument, in Deutschland habe man durch Umfragen festgestellt, nur 40 bis 50 von 1000 Menschen wollten überhaupt wissen, was Vilnius ist und wo es liegt. Ihr Ausruf damals: "wir haben nicht mal theoretisch die Chance, irgendein Image zu beschmutzen, denn wir haben überhaupt keins!" (eurotopics / madeinivilnius). 

Nein, die deutsch-litauischen Beziehungen werden andere Anknüpfungspunkte brauchen. Auch wenn Putin uns zu weiteren militärischen Anstrengungen zwingt. Immerhin registrierte ein einzelner Beitrag in der Berliner Zeitung (3.12.23) auch mal Litauen als "unterwegs ins Wirtschaftswunder" - abseits vom deutschen Medien-Mainstream. Zitat: "In für deutsche Verhältnisse erstaunlicher Geschwindigkeit werden da Straßen gebaut, Netze gelegt und öffentliche Nahverkehrsverbindungen eingerichtet. Die vollen Parkplätze zeigen zudem, dass es genügend Arbeitskräfte gibt. Das eine bewirkt das andere. Die Löhne steigen – und damit auch, derzeit, die allgemeine Zufriedenheit." Ein Stimmungsbericht, ausnahmsweise mal nicht aus irgendwelchen Kasernen. Aber Litauen, das sind auch nicht nur ökonomische Statistiken. Ich denke, Litauen ist mehr. 

Empfehlenswert zu lesen sind zum Beispiel die Aussagen von Laurent Le Bon, Chef des "Centre Pompidou" in Paris, über seine Litauen-Erfahrungen. Da finden sich Aussagen wie diese: "Litauen einfach als baltischer Staat zu präsentieren, ist ein Fehler!" (LRT) Litauen habe eine spezielle Identität aufzuweisen, die sich auch von den beiden "baltischen" Nachbarn unterscheide. Also: lesen wir nach, und schauen wir vor Ort mal nach!

02 März 2022

Zeitenwende - in Deutschland und Litauen

Proteste vor der russischen Botschaft in Vilnius
Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat es uns überdeutlich gezeigt: etwas ist anders geworden. Wahrscheinlich ist die These einer "Zeitenwende" richtig - und die aktuell drängende Sorge um das Schicksal der Menschen in der Ukraine legt nahe zu sagen: jetzt wirkt alles Nachdenken über mögliche Fehler der Vergangenheit sinnlos. Jetzt ist alles anders. Gegenüber jemand, der keinen sachlichen Argumenten mehr zugänglich erscheint, der systematisch betrügt und auch Andersdenkende im eigenen Land gezielt ausschaltet - vor diesem Hintergrund sind wir gezwungen, uns von einigen Träumen zu verabschieden: von denen, dass Pazifismus Vorrang vor allem Waffengebrauch und Waffenproduktion haben könnte, und von der Absicht, Frieden in Europa nur mit gutem Willen erreichen zu können. 

Dass der Umgang zwischen Litauen und Deutschland anders geworden ist, zeigt schon der Satz des litauischen Präsidenten Gitanas Nausėda vom 10. Februar 2022: "Litauen betrachtet Deutschland als zuverlässigen strategischen Partner".
Hatten wir es bisher nicht zumeist anders herum verstanden? Als 2004 Litauen der EU beitrat - was werden die Litauerinnen und Litauer wollen? Viele Deutsche zögerten nicht, auf diese Frage mit "unser Geld" zu antworten.

Bei der Überlegung, was für die Zusammenarbeit zwischen Litauen und Deutschland bisher an erster Stelle stand, können wir zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das Auswärtige Amt zum Beispiel nennt bisher an erster Stelle die Städte Šilute und Klaipeda, Zitat: "Durch die frühere Zugehörigkeit Kleinlitauens (Memelland) mit den Städten Klaipėda (Memel) und Šilutė (Heydekrug) zum Deutschen Reich besteht eine besondere historische Verbindung zu Deutschland."

In der Werteskala folgen ein 1993 unterzeichnetes Kulturabkommen sowie die Eröffnung eines Goethe-Instituts in Vilnius. Aus deutscher Sicht scheint weiterhin wichtig zu sein, dass es litauenweit einen "Tag der deutschen Sprache" gibt, etwa 60 Städte- und Kreispartnerschaften und ein litauisch-deutschen Kriegsgräberabkommens aus dem Jahr 1996. 

Bedrohung aus dem Osten? - Nein, in diesem Fall
ist es nur Christian, Quartiermeister in Rukla ...

Im litauischen Rukla, wo 2017 "der Startschuss gefallen" war (wie es einige Berichte ausdrückten), führt seitdem die deutsche Bundeswehr ein Nato-Bataillon. Wahrscheinlich müssen heute viele zugeben: der These vom "Vorrücken der NATO nach Osteuropa" haben viele zwar nicht zugestimmt, jedoch die Betongung allen Militärischen erzeugte Unbehagen. Gerne wären wir beim Literaturaustausch, bei gemeinsamen Projekten der Wissenschaft, bei Diskussionen in Goethe-Instituten und bei Sprachkursen (Deutsch in Litauen, Litauisch in Deutschland) geblieben. 

Ich erinnere mich zum Beispiel an den Satz aus dem "German-policy-report", den deutschen Militäreinsatz in Litauen betreffend: "das Land, in dem die deutschen Besatzer ab Ende Juni 1941 gemeinsam mit ihren litauischen Kollaborateuren die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, wie Historiker berichten, 'rascher, radikaler und vollständiger betrieben' als anderswo im okkupierten Europa." Oder an die Schlagzeile der FAZ: "Deutsche Rüstungsfirmen profitieren von der Ukraine-Krise". An die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Litauen 2015 (FAZ). Und auch an den Bericht des Bayrischen Rundfunks vom Januar 2017: "Dass es zu Gefechten kommen werde, halten die Soldaten für unwahrscheinlich. Deshalb ist es auch kein offizieller Auslandseinsatz, sondern wird 'Mission' genannt." (BR).

Militärstrategisch war vom "Schließen der Suwalki-Lücke" die Rede - ein Begriff, der es unter anderem zu einem ausführlichen Wikipedia-Eintrag gebracht hat und von manchen auch als "Achillesferse der NATO" (Focus) oder auch "Nadelöhr nach Westeuropa" (Nordkurier) bezeichnet wird. Oder, wie die NZZ es jetzt aktuell im Hinblick auf Litauen formuliert: die "russische Zange". - Jetzt wurde in Deutschland "für Litauen trainiert" (Mittelbayrische). Und die "Bots" und "Fake-News"-Produzenten fingen ebenfalls an, sich an Rukla "abzuarbeiten". Schon im Februar 2017 war beim litauischen Parlamentspräsidenten eine E-Mail eingegangen, in der deutsche Soldaten beschuldigt wurden, ein litauisches Mädchen vergewaltigt zu haben (Stellungnahme Bundesregierung).
Und CSU-Politiker Brandl wurde mit der Auffassung in Bezug auf Rukla zitiert, "die Truppe sei darauf jedoch nicht eingestellt und auch nicht ausgerüstet" gewesen (Donaukurier). - Nebenbei bemerkt: fast gleichzeitig mit der Entsendung deutscher Truppen nach Litauen gab es im Frühjahr 2017 bei der Buchmesse Leipzig eine große Präsentation Litauens als Gastland. 

Bisher haben wir immer die Buchmessen und Kulturveranstaltungen besucht, nicht die Kasernen. Was wird zukünftig in der Darstellung der Beziehungen zwischen Deutschland und Litauen genannt werden (können)? Wird Rukla zukünftig an einem Schützengraben liegen, hinter dem sich Putin-Russland verschanzt hat? Werden zwischenmenschliche Kontakte, über diesen Schützengraben hinweg, unmöglich werden, und wird in Litauen die Angst regieren, das Regime Putin könnte die militärische Aufrüstungsspirale (die ja mit den deutschen "100 Milliarden" nun in Gang gesetzt ist) noch weiter treiben, und Litauens Unabhängigkeit und Existenzrecht ebenfalls massiv bedrohen? Antworten darauf gibt es derzeit noch keine.

20 Juli 2021

General Grybauskaite?

Jens Stoltenberg war Ministerpräsident Norwegens und wurde 2014 Generalsektretär des Militärbündnisses der NATO. Seine Amtzeit endet zwar erst im September 2022, aber das Magazin "Politico" hat schon jetzt die Diskussion um seinen Nachfolger eröffnet. Nachfolger? Warum sollte es denn nicht mal eine Frau sein? So fragt Autor David M. Herszenhorn. Seinen Angaben zufolge wünschen sich einige nach 72 Jahren NATO einfach mal eine Frau an der Spitze, andere setzen die Priorität eher in "einem starken Signal in Richtung Moskau" - also eine Person aus Osteuropa. 

Andererseits heißt ja eine alte Regel: wer seinen Hut zuerst in den Ring wirft, hat meistens schon verloren. Oft werden die mehrheitsfähigen Kandidat/innen erst ganz zuletzt "aus dem Hut gezaubert" (um mal beim Hut zu bleiben), so ging es ja auch Ex-Ministerin von der Leyen. Ob also die beiden Expräsidentinnen Grabar-Kitarović (Kroatien) oder Kaljulaid (Estland) realistische Chancen hätten? Oder gar die Litauerin Dalia Grybauskaite als "General"-sekretärin des NATO-Militärbündnisses? (LRT / LRytas) Würde sie 2022 ernannt, könnte sie beim NATO-Summit 2023 in Litauen "Gastgeberin" sein (Baltic Times). Aber könnte sich Deutschland damit anfreunden, dass Grybauskaite eine "militärische Führungsrolle" der Deutschen fordert? (FAZ / Süddeutsche / Augsburger Allgemeine / Volksstimme)

Nun ja, in Deutschland hätten wir da noch eine Annegret Kramp-Karrenbauer: ihre Vorgängerin hat ja vorgemacht, dass frau aus diesem Ministeramt heraus gut Karriere machen kann. Angeblich soll auch noch die britische Ex-Premierministerin Theresa May bei einigen auf der Vorschlagsliste stehen. Und in Italien gibt es ja noch Federica Mogherini, Ex-Außenministerin und von 2014 bis 2019 zuständig für die EU-Außen- und Sicherheitspolitik.

Abb.: NATO
Braucht die NATO weibliche Führung? Brauchen wir die NATO? 

Arvydas Anušauskas, gegenwärtig Verteidigungsminister der Republik Litauens, setzte in einem Interview kürzlich die Prioritäten der NATO so: Stärkung des Artikels 5 des NATO-Vertrags (Angriff gegen einen ist Angriff gegen alle), eine realistische Bewertung der Bedrohungen aus Russland, und eine gleiche Verteilung der finanziellen Lasten (= Zusage Litauens, 2% des BSP für Militärausgaben zu reservieren). Zu einer Notwendigkeit für Frauen in Führungspositionen sagte er nichts. 

"Es wäre eine große Errungenschaft für Litauen, wenn Dalia Grybauskaite eine solche Position ausfüllen könnte," so lässt sich Povilas Mačiulis, Chef-Berater des amtierenden Präsidenten Nauseda, zitieren (Baltic Times). Allerdings, so Mačiulis, müssten dann alle litauischen Institutionen sich auch dafür einsetzen, dass es auch realisiert werde.

41% der von der NATO Beschäftigten seien Frauen, so steht es auf einem NATO-Factsheet "Women, peace and security" (Stand Oktober 2020), zusammen mit einem Bekenntnis zu genderneutraler Sprache. Ob sich eine Frau also mit der weiblichen Form des Titels "Sekretär" überhaupt anfreunden könnte?

16 April 2018

Diplomatie der Hundertjährigen

Endlich auch mal gemeinsam auf Tournee gehen - war das die Idee hinter der diplomatischen Frühlingsoffensive der drei baltischen Präsidentinnen und Präsidenten? Erst in Washington bei US-Trump, dann in Paris bei Macron, und kurz danach dann die lange erwartete Eröffnung der "London Book Fair" (mit Schwerpunkt auf den drei baltischen Staaten).

Der Ausflug zum US-Präsidenten wird unter einem zweispältigen Motto gestanden haben: die einen sehen hier die treuen US-Vasallen ihrem Herrn und Befehlshaber berichten, die anderen wollen eher ängstlichen Nachfragen erkennen, ob denn der wankelmütige und eher unberechenbare Chef im Weißen Haus es überhaupt noch wichtig findet, den Schutz der NATO für die baltischen Staaten zu bestätigen - die Litauerin Dalia Grybauskaite hatte von "unpredictable leadership" gesprochen (CNN) (siehe auch: Pressekonferenz1 / Pressekonferenz2 ).

Kulturelle Aktivitäten waren beim USA-Besuch offenbar nicht geplant - und der Wortlaut der Presseerklärungen lässt sich schnell zusammenfassen: wir, die Balten, sind froh dass die USA für unsere Sicherheit bürgt, als Gegenleistung sorgen wir für ein vorteilhaftes Klima für US-Investoren und gegen 2% unseres Bruttosozialproduktes für Rüstung aus. Einschließlich dem verdeckten Versprechen, in den USA die Waffen für die eigene Armee einzukaufen (so funktioniert doch "Amerika first"?). Immerhin ging Grybauskaite soweit, gleich mehrfach öffentlich die vermeintlichen Trump'schen Vorwürfe gegen andere NATO-Mitglieder zu wiederholen ("they have not paid their bills"), und speziell gegen Deutschland sogar noch nachzulegen: die Nord-Stream-Pipeline mache abhängig vom russischen Gas.

Zurück auf dem europäische Kontinent, kam wieder mehr "Kultur" auf, als beim "Auswärtsspiel" in Washington. "Wilde Seelen" heißt die Ausstellung im Musée d'Orsay in Paris - Malerei der Zeitperiode zwischen den 1890er Jahren und der Zeit von 1920 bis 1930. Oder auch: "Čiurlionis und mehr!" So gelingt es zumindest für die Ausstellungsbesucher den Zugang zu öffnen für die Sichtweisen vor 100 Jahren. "Unsere Etnografie, unsere Wurzeln, unser Kulturerbe" - so beschreiben die Ausstellungsmacher das, was sie zeigen wollen.

Dalia Grybauskaite nennt die Beziehungen zu Frankreich "strategische Partnerschaft" (Presseerklärung); und sie kommt auch schnell wieder auf Zahlen und Finanzen: schließlich habe Frankreich 22 Tonnen Gold aus litauischen Besitz während der Okkuptationszeit aufbewahrt und danach an Litauen zurückgegeben. Und das Bild "Rex" von Čiurlionis sei schließlich mit 1 Millon Euro Versicherungssumme das teuerste der gesamten Ausstellung - so als ob rein kulturelle Aktivitäten in Litauen keine Währung mehr seien, und alles in Zahlen statistische Erfolge umgerechnet werden muss. 

Und schließlich die "London Book Fair" - mit Länderschwerpunkt Estland, Lettland und Litauen. Die Ankündigungen dazu klangen teilweise sehr kreativ: "die Bücherschmuggler kommen!" (Bookseller). - Hier konnte Litauen sicher Erfahrungen der Buchmesse Leipzig 2017 nutzen (mit Schwerpunkt Litauen). Gleichzeitig wurde bekannt, dass Buchverleger aus den baltischen Staaten mehrere Preise gewannen: darunter war auch "Alma Littera" aus Litauen, denen der  "Market Focus Baltics Young Adult Publisher Award" zugesprochen wurde. "Die Stärke des Kinderbuchmarkts in den baltischen Staaten hat die Jury beeindruckt" (Börsenblatt).

Es ist anzunehmen, dass der Auftritt der litauischen
Buchverleger/innen und Schriftsteller/innen weniger
Ängste hervorgerufen hat, als es hier ein lettischer
Karikaturist befürchtet ...
Für manche Medien und Berichterstatter scheinen auch die litauischen Namen schlichtweg zu lang und zu kompliziert zu sein - so wird bei "Gulf News" von der Buchmesse und einer "Cristina Sabalia" berichtet. Die litauische Presse berichtet von der Londoner Buchmesse auch als "Nischensuche auf dem englischsprachigen Markt": 200 Bücher seien präsentiert worden, darunter 19 Neuübersetzungen ins Englische, unter der Beteiligung von 26 litauischen Verleger/innen.

Für den Rest des Jahres ist anzunehmen, dass die drei Hundertjährigen (ok, Litauen war 1918 bereits "wiedergeboren") ganz auf den Tourismus setzen werden. Sogar der Papst hat ja für September sein Kommen bereits angekündigt. 

25 Februar 2016

Essen für alle

Wer Litauen kennt und mag, wird sich vielleicht nicht so sehr wundern dass es immer wieder Themen gibt, wo es gar nicht so klar ist, in welche Richtung man sich eigentlich mehr Sorgen machen soll um Litauen: es gibt einfach verschiedene Sichtweisen. Wer dabei stärker auf die vor 25 Jahren wiedererkämpfte Unabhängigkeit Litauens schaut, könnte dabei heute vor allem froh sein, dass es diese Unabhängigkeit ÜBERHAUPT GIBT - im Hinblick auf die vielen komplizierten internationalen Entwicklungen und Verwicklungen, die sich seitdem aufgetan haben. Andere erwidern darauf: ja, richtig, aber mit dem Beitritt zur EU haben wir dann ja unsere Unabhängigkeit auch schon wieder aufgegeben.

Nichts von dem, was sich gegenwärtig in Europa so tut, erzeugt dabei viel Beruhigung hinsichtlich dessen, welche Konsequenzen eine negative Entwicklung für Litauen hätte. Gut, die einen meinen, Litauen vor Flüchtlingsströmen und Muslimen abschotten zu müssen, um Negatives zu vermeiden - oft ohne beides richtig zu kennen. Noch bedrohlicher erscheinen die militärischen Szenarien: aus litauischer Sicht war die Entwicklung in der Ukraine ein wichtiges Zeichen auch dafür, was gegenwärtig von einer russischen Regierung unter Putin zu erwarten ist: gewissermaßen der Versuch der Rettung von "Einflusssphären", und damit auch eine Reanimation von Stimmungen und Tendenzen, die zuletzt das Sowjetsystem für sich beanspruchte. Andere Stimmen, zumeist von europäischen Partnern Litauens, wie auch Deutschland, warnen eher vor dem "Aussen-vor-lassen" Russlands, möchten diese europäische Großmacht nicht zu absehbaren Gegenreaktionen treiben - weshalb auch lange Zeit ein offensives Agieren von NATO- oder US-Truppen in Litauen als Tabu galt.

Nun haben sich ja seit Einführung der gegenüber Russland ausgesprochenen "Sanktionen" schon seit mehreren Jahren die eher Putin-kritischen Stimmen eigentlich in der EU durchgesetzt. Und seit März 2014 sind die wegen des Vorgehens auf der Krim verhängten Sanktionen nicht wieder aufgehoben worden, zudem gibt es immer mehr Übungen von NATO-Soldaten in Litauen. Die Perspektive mancher Litauer hat sich offenbar mit verschoben: galten früher noch die Gegner von Sanktionen als irregeführte "Russland-Versteher", so soll gleiches Prädikat nun offenbar auch denen verliehen werden, die überhaupt über Möglichkeiten der Aufhebung dieser Sanktionen nachdenken. "Besser ohne Russland Politik machen als unter Russland", verkündete Vytautas Landsbergis kürzlich in der "WELT", Ex-Staatschef Litauens und heutiger EU-Parlamentarier. Er zielt dabei bewußt auf Deutschland, und vermutet dort eine "unterwürfige Politik des Rückzugs". 

Ok. Wir müssen uns wohl ab jetzt daran gewöhnen, dass manche nur darauf gewartet haben, dass unsere Madame Merkel international als nicht mehr so stark gesehen wird (durch ihre vermeintlich einseitige Flüchtlingspolitik) - um nun ihre eigenen Süppchen als Patentrezepte verteilen zu können. Verglichen mit den möglichen Folgen von Zersplitterung Uneinigkeit und parallelen Gesellschaften, die in der Ukraine bereits Realität geworden sind, tut sich in Litauen bisher vergleichsweise Harmloses. Was machte da noch gleich kürzlich in Litauen aus dem militärischen Bereich Schlagzeilen? Die Essensverteilung.

Was ist da los? Werden die Soldaten nicht vernünftig ernährt? Wo haben die einen vielleicht böser Absichten Russland, und die anderen wachsenden Einfluß der bösen USA entdeckt? Nein, nichts dergleichen. Es läßt sich sehr gut schildern im Vergleich der beiden Berichte aus der "Lithuanian Tribune" und der "Jungen Welt", beide aus demselben Anlass.
Beim tatsächlichen Geschehen war offenbar kein Fotograf dabei: zur Illustration herhalten
müssen daher ein "US-Soldat in Afghanistan" ("Junge Welt") und "Litauische Wehrpflichtige"
(Lithuanian Tribune / delfi.lt)
Die "Lithuanian Tribune" prägt für die Ereignisse einen eigenen Begriff: "cheesed off" seien die litauischen Soldaten worden. Wie bitte? Zitiert wird hier die Aussage von Asta Galdikaitė vom Verteidigungsministerium Litauens, die behauptet, US-Soldaten hätten litauisches Essen verweigert. Daher sei man auf die Idee gekommen, ihnen etwas anderes anzubieten: mehr Brötchen, Pizza, Cornflakes, Dosenfrüchte und eben auch ... Käse. Statt nationale eben "universale Küche", so bezeichnet es Galdikaitė. Vermutlich müssen dann also auch alle anderen NATO-Soldaten, egal aus welchem Land sie kommen das essen, was die US-Vorkoster so bestellt haben. Ebenfalls erstaunlich dabei: die NATOesen bekommen neben mehr Früchten auch mehr Fleisch (als die Litauer).
Nun können wir uns denken, dass eine Devise "esst weniger Fleisch" bei den Litauern nicht automatisch Freude und Wohlgefallen auslösen würde. Nun soll aber, dem litauischen Journalisten Ignas Krupavičius zufolge, ausgerechnet der Ausruf "Schau mal, da ist Käse!" bei den Litauern Verwunderung und Verwirrung ausgelöst haben - denn ihnen sei von den Armeechefs erklärt worden, dieser Käse "sei nur für die Amerikaner". Vielleicht war es ja ein echter "Džiuga", ein "Sviestas", oder ein "Varškės sūrelis" - wir wissen es nicht. Oder etwas davon, was durch die Russland-Sanktionen nicht mehr verkauft werden konnte? Vielleicht auch nur eine langweile Scheibe Irgendeinkäse als "Burger"-Belag. Resumee jedenfalls: litauische Soldaten essen bei NATO-Manövern in Litauen für 5,40 Euro am Tag, diejenigen aus anderen Ländern für 8 Euro. "Finanziert wird das von den Allierten", den Aussagen von Frau Galdikaitė zufolge. "Wer zahlt, schafft an" ist hier offenbar noch das Prinzip - der litauische Bericht endet nicht mit einer Beschwerde.

Nun die "Junge Welt". Freudig berichtet wird hier -  aus demselben Anlass - von "Klassengegensätzen"; wie wunderbar! Freunde des Sozialismus, hier weiss man doch gleich wo man dran ist. Gleich im zweiten Satz darf dann auch behauptet werden, die NATO würde in Litauen das "Russenschießen" üben, und die Faktenquelle, Ignas Krupavicius, anderswo als "Journalist" bezeichnet, wird hier eher anhand seiner Facebook-Seite eingeordnet (wo er sich selbst als Freiwilligen der litauischen Armee bezeichnet). Jeder bastelt es sich so zurecht, wie es die Leser (vermutlich) lesen wollen, oder? Schon der Gewohnheit wegen. Es finden sich aber auch hier recht witzige und erstaunliche Aussagen. "Mit den »litauischen Nationalgerichten« – zum Beispiel in ausgelassenen Speckwürfeln gebratene Kartoffelpuffer – könne man sie nicht kampfbereit und kriegsgelaunt halten," dieser Satz wird ohne konkrete Quellenangabe abgedruckt - und schon wieder können die NATO-Soldaten, so ganz nebenbei, als "kriegsgelaunt" bezeichnet werden. Zu was man doch einen einzelnen Kantinenbesuch alles ausschlachten kann, erstaunlich! Abschließend wird Krupavicius, der das ganze Thema ja offenbar erst aufgebracht hatte, noch als "Muschkote" bezeichnet - eigentlich so etwas wie "einfacher Fußsoldat", ein Begriff, der eher abwertend gemeint ist und, Internetquellen zufolge, angeblich aus dem niedersächsischen Raum stammt. Oder sollen wir lieber bei "Lieder aus der DDR" (der gute Berthold Brecht, im Sinne der FDJ eingespannt) nachsehen? Dort heißt es: "Und es waren mächtge Zaren einst im weiten Russenreich. Und man sah sie niedertreten die Muschkoten und Proleten. Und sie speisten, in Pasteten, alle Hähne, die drum krähten. Und die Guten sah man bluten, und den Zaren war es gleich." Möööönsch, so schlaue Schreiberlinge habe die bei der "Jungen Welt"? Jede Vokabel ein kleiner Wink auf gewesene und noch ausstehende Revolutionen.

Bleibt zu hoffen, dass die Chefredakteure beiden Zeitungsredaktionen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch genug Käse kaufen - für die Kantine. Sonst schreibt noch jemand darüber.Immer friedlich bleiben, bitte!

23 Januar 2015

Ratschläge für Volk

Die Euro-Einführung ist problemlos absolviert, aber zu Jahresanfang macht Litauen andere Schlagzeilen. Eine kleine Infobroschüre sorgt für Aufsehen. Der Titel fordert fast zur Satire heraus: "Was Sie wissen müssen für einen Notfall oder Krieg" ("Ką turime žinoti apie pasirengimą ekstremaliosioms situacijoms ir karo metui“). Das deutliche Ausrufezeichen auf dem Titel macht klar: "nicht hingehen" wird als Antwort nicht reichen.

Ist das nun ein Zeichen dafür, dass Litauen nun endgültig nur noch vom Ukraine-Konflikt dominiert wird?
Rüstet Litauen für den Fall eines russischen Einmarsches? Minister Juozas Olekas verwendete bei der Vorstellung des fast 100 Seiten starken Büchleins einen Begriff, der immer mal wieder vom Westen für das angeblich unklakulierbare Handeln des russischen Präsidenten Putin verwendet wird: das Schlagwort vom "hybriden Krieg".

Was ist an der Situation in der Ukraine "hybrid" - bzw. was könnte es in Litauen sein? "Verschmelzung  traditioneller und unkonventioneller Mittel" heißt es im "Handelsblatt", eine "geschickte Mixtur aus klassischem Militäreinsatz mit plötzlichen Manövern über Desinformation und Computerangriffe bis hin zu Energieversorgung und wirtschaftlichem Druck", so beschreibt es die"Welt", und in der Regel werden dabei NATO-Quellen zitiert. Doch auch russische Stellen haben das Stichwort offenbar aufgenommen, wie ein Zitat der "Sputniknews" zeigt, wo die "hybride" Kriegsführung natürlich den USA unterstellt wird und so beschrieben wird: "eine Kombination von Sanktionen sowie von Diplomatie-, Wirtschafts- und Informationskrieg.“

Wenn also beide Seiten sich den Gebrauch "unkonventioneller" Mittel unterstellen, könnte da die litauische Broschüre beim Verständnis helfen? Auf den ersten Blick nicht. "Ruhe bewahren" und "Panik vermeiden" sind eigentlich doch zu profane Hinweise im Land der Waldbrüder. Ob das auch gegenüber Handlungen von Verantwortlichen gilt, denen offenbar eine Anheizung von Konflikten zwischen Staaten und Völkern nichts ausmacht? Ruhe bewahren und auf den "Sieg der Guten" hoffen? Über Wege, wie Frieden erhalten werden kann, verrät der Regierungsratgeber nichts.

"Auf Anfrage" habe man die Broschüre zusammengestellt, so die Pressesprecherin des litauischen Verteidigungsministeriums. Und dort finden sich dann Sätze wie dieser: "„Wenn eine Krise beginnt oder ein Krieg, dann werden Sie evakuiert. Falls dies nicht geschieht, suchen Sie eine Waffe und bleiben Sie drinnen." Ja, sie klingen schon ein wenig komisch, diese hybriden Verhaltensweisen. Der Satz "Ein Schuss hinter dem Fenster ist noch nicht das Ende der Welt" soll angeblich der Hinweis darauf sein, auch unter schwierigen Umständen "klaren Kopf" zu bewahren. Vielleicht sollten die Litauer diese schlauen Tipps probehalber mal in der östlichen Ukraine verteilen? Woran könnte erkannt werden, ob sich die Damen und Herren Einwohner gemäß den Wünschen ihrer Regierung verhalten? Und, wäre das im Kriegsfall überhaupt wünschenswert - sich exakt nach den Wünschen der Regierung zu richten?
"Dort, wo unfreundlich gesinnte Soldaten auftauchen, sollte sie nicht bleiben", meint das litauische Verteidigungsministerium. "Versorgen Sie sich als erstes mit Wasser", "wenn draußen geschossen wird setzen Sie sich nicht ins Auto", oder "falls in ihrem Haus Soldaten auftauchen und ihre Schränke durchwühlen, provozieren Sie keinen Konflikt". Süß, diese Sorge um einen "sauberen Krieg".Völlig zurecht weisen Kritiker des Satzes "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" darauf hin, dass der Krieg die Leute immer findet.
Ob auch auf fliegende Drohnen und deren mögliche Fehlschüsse hingewiesen wird? Es tut mir leid, liebe Kriegsexperten und Buchautoren: ich bin nach wie vor dafür, lieber noch etwas mehr für den Frieden zu tun, solange es ihn gibt.

11 Dezember 2008

Die Dame auf Truppenschau

Das neue Kabinett Kubilius stellte sich kürzlich im litauischen Parlament vor (Foto: LRT). Die internationale Öffentlichkeit bekam es schon einige Tage vorher mit: zwischen all den schwarzen Anzügen glänzt ein einziger Farbtupfer: Rasa Juknevičienė ist die einzige Frau in der neuen litauischen Ministerriege. Sie gebietet über einen vorwiegend männlich dominierten Bereich: das Militär.

Als Russland die Aufstellung eigener Kurzstreckenraketen im Gebiet von Kaliningrad ankündigte, und dies als Antwort auf die US-Raketenpläne in Osteuropa begründete, wurde Juknevičienė schon in der internationalen Presse mit der Forderung nach einem Verteidigungsplan der NATO zitiert (Die Presse, 9.11.08, Frankfurter Rundschau 6.11.08). Eins ist unbetritten: beim Thema NATO hat die neue Ministerin und ehemalige Kinderärztin Erfahrung. Bereits 1996 wurde sie Vorsitzende einer litauischen Pro-NATO-Vereinigung, so schreibt sie auf ihrer eigenen Homepage zu ihrem Lebenslauf. Seit 1999 wirkte sie dann in zwei litauischen parlamentarischen Komittees zu NATO-Fragen mit, im litauischen Parlament als Mitglied des Komittees für Sicherheits- und Verteidigung.

Allein auf der auch in Litauen gern in den Medien genutzten Umfrageskala nach den beliebtesten Politiker/innen taucht
Juknevičienė bisher noch nicht in führenden Positionen auf. Dort ist die gegenwärtige EU-Kommissarin Dalia Grybauskaitė an führender Stelle genannt - auch als Kandidatin für kommende Präsidentschaftswahlen (LRT 12.10.08).

21 Juli 2008

Muss Litauen die USA beschützen?

Das alte und das neue Europa - die letzten Monate der Amtszeit des US-Präsidenten Bush hinterlassen noch die Spuren dieses einst so abschätzig gemeinten Spruches. Noch hinken die neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union dem Wohlstandsniveau von Westeuropa weit hinterher - konsumieren aber soviel sie können, zur Not auch auf Pump. Da bieten sich andere Betätigungsfelder, wo man "ganz vorn" sein kann, und sich soweit interessanter machen kann, dass man Gegenstand einer internationalen Diskussion wird. Kurz gesagt: was nützen Litauen die gegenwärtigen Verhandlungen um die Stationierung eines US-amerikanischen Raketenabwehrsystems in Osteuropa?

Litauen bietet sich an
In manchen Medien taucht bereits das böse Wort von der "Agressionspolitik" auf - so im Schweizmagazin. Ob Litauen sich für den Fall bereit hält, dass Polen einer Stationierung der US-Raketen nicht zustimmt, darüber spekuliert die Öffentlichkeit bereits seit einiger Zeit, je nach politischer Sichtweise. Mittelbar könnte auch der Konflikt um eine mögliche NATO-Mitgliedschaft Georgiens der Hintergrund für vermehrte Aktivitäten sowohl von US-amerikanischer wie von russischer Seite sein - und Litauen steht dazwischen (als ausgewiesener Georgien-Unterstützer, so zum Beispiel als Mitbetreiber eines georgischen NATO-Informationszentrums).

Schon im Mai 2007 reagierten russische Duma-Abgeordnete sensibel auf Ankündigungen des litauischen Verteidigungsministers Juozas Olekas, er könne sich vorstellen, Elemente des US-Raketenabwehrsystems auch in Litauen aufzustellen (so zitiert es jedenfalls die russische RIA Novosti, auch Russland.ru). Bereits kurz darauf wurde gemeldet, dass Russland nun ebenfalls eine neue Interkontinentalrakete namens SS-24 bzw. SS-27 testen würde (russland.ru). Und ebenso aufmerksam wurde registriert, dass alle drei baltische Staaten demnächst von der US-Rüstungsfirma Lockheed mit neuen (konventionellen) Raketenabwehrsystemen ausgerüstet werden, um das gemeinsame Luftverteidigungssystem BALTNET zu stärken.

Die Entwicklung der vergangenen Monate fasste am 8.Februar 2008 ein Beitrag in der Neuen Züricher Zeitung zusammen: als "Antworten der NATO auf neue Gefahren" werden hier, bezug nehmend auf die litauische Sichtweise, auch Cyberattaken (wofür Estland als Beispiel genannt wird), aber auch Unterbrechungen der Energieversorgung genannt. Angesichts der als Willkür der russischen Seite empfundenen Unterbrechung der Rohölversorung für die Raffinerie Mažeikiai, der rasanten Verteurung anderer aus Russland gelieferter Energieträger (wie z.B. Gas), und der bevorstehenden Abschaltung des veralteten Atomkraftwerks in Ignalina sieht sich Litauen offenbar in die Enge getrieben - auch sicherheitspolitisch. Trotz schon lange bestehender Auflagen der EU will man nun über die Abschaltung des AKW Ignalina am 10.Oktober - parallel zu den Parlamentswahlen - ein Referendum abhalten. Und was die virtuelle Sicherheit angeht, so wurde es kürzlich dann auch noch auf litauischen Internetseiten ein wenig turbulent: auf hunderten von Seiten hatten Hacker sowjetische Symbole platziert.

Wer hilft wem?
Litauen sieht sich also in der Wahrung der eigenen Interessen bedroht, und bietet sich also auch als Standort für US-Raketenbasen an - rein propaganatechnisch geht aber Russland weiterhin voran. Die Schlagzeilen der staatlichen russischen Nachrichtenagentur reichen von "USA will Russland mit Raketenbasen einkreisen" bis "Polen manipuliert die USA". Unklar blieb dabei, in wieweit Polen und Litauen im Gespräch miteinander sind. Sucht nun die USA eine Alternative, um Polen zum Einverständnis zu bewegen, oder sucht Litauen eine Möglichkeit, stärkere Partner zu gewinnen für die Vertretung der eigenen Interessen in Europa?

Vielleicht würde man sich positivere Themen wünschen, um das litauische Image in Europa zu verbessern. Bald sind Olympische Spiele - da könnte es wieder mehr um Basketball oder Diskuswurf gehen. Aber vorerst schreiben Zeitungen wie die FAZ noch davon, dass die USA angeblich auf einen Abschluß der Gespräche um den "Raketenschild" noch vor Ende der Amtszeit von Präsident Bush dränge (18.6.08). Polen wolle US-Militärhilfe in möglichst großer Höhe heraushandeln (Reuters zufolge in Höhe von "Milliarden Dollar"). Aber was will Litauen? Da wird von russischer Seite (RIAN 26.6.08) auch schon mal behauptet, die angeblichen Gespräche Litauens mit den USA seinen nur eine polnische Erfindung zur Verbesserung der eigenen Verhandlungsposition. Russland dagegen denkt angeblich bereits über eine Verstärkung der eigenen Truppen im Gebiet Kaliningrad nach (Russland-Aktuell, 3.7.08). Nach Meinung des Schweizer Tagesanzeigers wiederum ist der Vertrag Polens mit der USA inzwischen abschlußreif, die ORF in Österreich meint dazu, Litauen schüre anti-russische Stimmungen, und die Junge Welt publiziert (am 12.7.) Gerüchte, ein Raketenstandort nahe Palanga sei bereits gefunden.

Wo soll das noch enden?
In Tschechien hat die Regierung inzwischen, im Gegensatz zu Polen, den US-amerikanischen Vorschlägen zugestimmt. Das dortige Parlament muss allerdings noch zustimmen - und manche hoffen nun auf Präsidentschaftskandidat Obama, der dieses Thema angeblich völlig anders angehen wolle. Bei Telepolis (heise.de) werden außerdem interessante Parallelen zwischen der Iran-Propaganda und der USA-Propaganda aufgezeigt, und in einem zweiten Beitrag wird zitiert, dass nur 36% der Polen die US-Raketenstationierung willkommen heißen würden (Telepolis 9.7.08). Umfragen in Litauen gibt es wohl noch keine. Derweil verkündet DIE WELT: "Auch Deutschland könnte vom Iran erpresst werden" (13.7.) und hält den Widerstand Russland gegen den geplanten Raktenschild für "irrational".

Da hilft es wohl auch wenig, auf all die Behauptungen hinzuweisen, die vor dem Irakkrieg so von denen in Umlauf gebracht wurden, die ein militärisches Einschreiten befürworteten. Blogger Ruslanas (ein Litauer), ein genauer Beobachter der Ereignisse in seinem Heimatland, beschreibt in seinem Blog Lituanica ebenfalls die polnisch-litauischen Irritationen. "Aber kein Rauch ohne Feuer", sagt auch er, und sorgt sich ebenfalls um die Sicherheitsinteressen von Litauen. Da liegt auch das Wort vom "Spiel mit dem Feuer" nicht mehr weit.

19 September 2007

Hafenzufahrt Klaipeda jetzt sicherer

"Die Schifffahrt vor Litauen ist ein Stück sicherer geworden," so lautet das Resumee von Fregattenkapitän Detlef Schäfer, Kommandeur des Internationalen Minenabwehr-Verbandes "OPEN SPIRIT 2007", das jetzt seitens der Bundesmarine veröffentlicht wurde. "Gastland" war diesmal Litauen, und im Visier der Minensucher war in diesem Jahr ein Gebiet südlich der Hafenzufahrt Klaipeda.

Wieviele Munitionsrückstände aus dem 2.Weltkrieg dabei beseitigt werden konnte, darauf kommt es den Minenräumern laut Pressemitteilung gar nicht so sehr an. "Entscheidend aus Sicht der Minenabwehr ist, dass die internationale Seeschifffahrt, die Fischerei und die Touristikindustrie, diese Zahl erfährt: 90 Quadratseemeilen Küstenstreifen vor Litauen können als frei von Munitionsrückständen - und damit als sicher - gemeldet werden. Das ist der konkrete Erfolg.“

Derweil laden Umweltschützer in Deutschand für den 19.Oktober 2007 zu einem Symposium nach Kiel ein, um im Kreis von Fachleuten und Interessierten über alternative Methoden der Munitionsbeseitigung nachzudenken. "
Hohe Schalldrücke und explosionsbedingte Druckwellen, wie sie bei Munitionssprengungen auftreten können, führen bei Meeressäugern zu schwerwiegenden Verletzungen und Hörschäden," heißt es in der Ankündigung zur Veranstaltung.

Pressemitteilung der Bundesmarine

Fotos "Open Spirit 2007"

Infos des Naturschutzbundes Deutschland zum Symposium am 19.10.07 in Kiel
Download des Veranstaltungsprogramms (PDF-Datei)

NAB'U-Meereschutz