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04 November 2022

Vilnius first!

Bei Aufzählungen in deutscher Sprache landet das Land oft an dritter Stelle: Estland, Lettland, Litauen. Und auch Riga wurde schon öfters für die Hauptstadt Litauens gehalten als anders herum. 

Wie das litauischen Nachrichtenportal LRT meldete, sei nun aktuell durchgezählt worden: amtlich bestätigt seien es in Vilnius 615.242 Einwohnerinnen und Einwohner, in Riga seien aber nur noch 605.802 Menschen gemeldet. Damit habe sich der Trend bestätigt, der bereits seit etwa 10 Jahren zu beobachten gewesen sei. Auch Remigijus Šimašius, Bürgermeister von Villnius und nach eigener Aussage "passionierter Denker und Macher", habe das bereits auf seiner Facebook-Seite bestätigt. 

Noch aber wird an diesen Zahlen gezweifelt. Quellen sind teilweise Einwohnermeldeämter, andere Zahlen stammen von Statistikinstituten. Laut litauischem Statistikamt liegt die Einwohnerzahl von Vilnius erst bei etwa 576.000 Menschen. Als Mensch mit ständigem Wohnsitz in Vilnius seien alle gezählt worden, die mindestens seit 12 Monaten in der Stadt leben. 

Auch die lettische Presse hat das Thema aufgenommen, und zumindest den Trend als korrekt bestätigt: Schätzungen von Fachleuten zufolge wird, wenn die Entwicklungstrends in beiden Städten so weitergehen, Vilnius im Jahr 2025 größer sein als Riga. Aber gegenwärtig liege die Einwohnerzahl in Vilnius eben doch nur bei 552.787 Menschen, während die Zahl 605.802 als Einwohnerzahl von Riga auch von lettischer Seite bestätigt wird. Und angesichts des Zustroms ukrainischer Flüchtlinge sei der Bevölkerungsrückgang in Riga höchstwahrscheinlich vorerst gestoppt. (nra)

Aber wie Analysen bestätigen, geht die Bevölkerung Rigas beständig zurück, die Sterblichkeit übersteigt die Geburtenrate, und es ziehen mehr Menschen weg als es Neubürger/innen gibt. Wer eine Familie gründe, der tue es lieber außerhalb von Riga - nach Vilnius dagegen ziehen auch viele jüngere Leute. (Makroekonomika)

In einem Kommentar zum Thema meint der lettische Journalist Bens Lakoviskis, eine typischer Schilderung in den sozialen Medien lese sich in etwa wie folgt: "Geschäftsreise nach Vilnius: - beim Betreten fühlt man sich wie in einer Großstadt; das Zentrum wimmelt von Touristen; alles ist aufgeräumt; die Preise für Essen ähneln dem lettischen Niveau, Bier ist billiger - und rings herum Neubauten." Da hinke Riga doch wirklich hinterher. Und wer von Riga aus nach Tallinn fahre, der fühle sich sowieso wie jemand der in eine Zeitmaschine gestiegen sei. (NRA)

"Vilnius will die Metrople der gesamten baltischen Region werden!" - solche Schlagzeilen rufen die Trends des schrumpfenden Riga und wachsenden Vilnius schon seit einigen Jahren hervor. Nach Meinung lettischer Journalisten liegt es eben daran, dass Lettinnen und Letten eher im "Speckgürtel" rund um Riga leben und dort hinziehen - Litauerinnen und Litauer aber zunehmend ein Leben direkt in der Hauptstadt suchen (jauns). Zahlenmäßig ist Vilnius also - Stand heute - noch nicht größer als Riga. Aber dass Bürgermeister Šimašius Gegenteiliges als Gezwitscher verbreitet - es folgt wohl den gesellschaftlich inzwischen verankerten Kommunikationswegen. Ganz nach dem Motto: ein bischen Wahres ist tatsächlich dran.

19 Dezember 2016

Bitte nicht freundlich!

Seltsame Verhaltenstipps für Ausländer in Litauen waren kürzlich bei der Agentur Reuters nachzulesen. Die Anweisungen galten offenbar der Bevölkerung Litauens. "Haben Sie einen Ausländer gesehen, der sich auffallend freundlich benimmt? Sind Sie sicher, dass es keine Spione sind?"

Ungewöhnliche Vorwürfe. Aber offenbar sehen sich litauische Behörden veranlasst, so etwas als TV-Spots zu verbreiten. Seit der Annexion der Krim durch Russland und der unsicheren Lage in der benachbarten Ukraine, wachsen die Zeichen der Nervosität in Litauen. "Die Leute denken sich nichts dabei, wenn sie nach Informationen ausgequetscht werden - und dann ist es schon zu spät!" meint Darius Jauniškis, Chef des litauischen staatlichen Sicherheitsdienstes VSD (Reuter). Jauniskis wurde 2015 vom litauischen Parlament in sein Amt berufen (Baltic Course). Erst vor wenigen Wochen wurde auch eine Telefon-Hotline eröffnet, mittels der Bürgerinnen und Bürger Beobachtungen an den Sicherheitsdienst melden können sollen (Dailystar). Spot1 Spot2  Spot3

 
Wer einen geschenkten Daten-Stick nutzt, der einfach bei einer Einladung zum Kaffee überreicht wird, könnte auch einem Spionage-Virus das virtuelle Tür und Tor öffnen, meinen die litauischen Sicherheitsexperten. Auch Margarita Šešelgytė, Wissenschaftlerin und Politikwissenschaftlerin an der Uni Vilnius, hält die Verwundbarkeit durch mögliche Spione als eine der Schwachstellen des Landes ausgemacht.Pressemeldungen zufolge plant der litauische VSD nun sogar, Schulungen für neugewählte Abgeordnete anzubieten (delfi).

Wollen die litauischen Sicherheitsdienste ihren Bürgerinnen und Bürgern also ernsthaft einreden, lieber zurückhaltend zu reagieren, wenn sie von unbekannten Personen zum Tee oder Bier eingeladen werden? Der heutige Sicherheitsschef Jauniškis stand 1991 selbst Wache vor dem litauischen Parlament, als russische Sondereinheiten damals das unabhängige Litauen verhindern wollten. Damals war er 22 Jahre alt. Heute warnt er Litauerinnen und Litauer sogar vor Einkaufstouren nach Moskau: auch dort würden Agenten angeworben, etwa dadurch, dass sie zunächst der Schmuggelei angeklagt und dann - mit Gegenleistung - ein Erlaß der Strafen in Aussicht gestellt würde (business-insider). "Als ehemaliger Soldat weiss ich, dass Verteidigung allein keinen Krieg gewinnt," lässt sich Jauniskis zitieren, "wir brauchen einen Gegenangriff". 

Nur wenige Strafsachen gegen "Spione" landeten allerdings bisher vor litauischen Gerichten: 2015 und 2016 waren es jeweils weniger als eine Handvoll. Zu befürchten ist, dass mit Verstärkung der Medien (von beiden Seiten) die Spion-Paranoia noch weiter um sich greift. Cool zu bleiben und auf die eigenen Bürger plus die NATO zu vertrauen, scheint nicht in Mode zu sein in Litauen. Sicherheitschef Jauniškis meint sogar, in "Zeiten des Krieges" (meint er die Gegenwart?) müssten eben auch liberale zivile Freiheiten eingeschränkt werden. Hm, liebes Litauen, hoffentlich gilt dann nicht bald der schöne Spruch vom "sich selbst ins Knie schießen". Eines scheint klar zu sein: Demokratie muss beständig neu errungen werden, gegen welche noch so populären Trends auch immer.

18 April 2016

Bier-Renaissance, litauisch

Eigenwerbung litauischer
Bier-Bars: urig, ländlich, kräftig
(Šnekutis, Vilnius)
Bier war nie wirklich aus der Mode in Litauen - ich glaube, das kann man behaupten. In den vergangenen 25 Jahren haben nur die vielen Übernahmen litauischer Traditionsmarken durch ausländische Investoren die Qualität nicht immer befördert; nun aber hoffen die litauischen Brauerinnen und Brauer auf einen neuen Trend: alles redet von "Craft-Bieren". Vier Kennzeichen werden da besondern gelobt: kleinen Mengen, Unabhängigkeit von großen Konzernen, traditionelle Brauweise und eigener Charakter - na, da müssten litauische Biere doch wohl mithalten können?

Wein jedenfalls war in Litauen noch nie eine Alternative - oder, wie es die Weinexporteure aus Österreiche ausdrücken: "Aufgrund der geschichtlichen Entwicklung und des Klimas Litauens konnte sich keine „Weintradition“ bilden" (weinlogistik.at). Und nicht nur das, die Weinbranche konstatiert sogar: "Die Mehrheit der litauischen Weinkonsumenten zählt nicht unbedingt zu den Weinkennern". Während in Deutschland 28% des Alkoholkonsums in Wein getrunken wird, sind es in Litauen nur 8% (Bier-Universum).

Bier spielt also in Litauen die Hauptrolle. Kein Wunder also, dass gleich an mehreren litauischen Orten eigene Bier-Touren oder Brauereibesichtigungen für Gäste angeboten werden, wie etwa die Kaunas Bierroute, den Bierweg von Biržai, Bier-Wanderungen (wir berichteten), oder eine Brauereibesichtigung in Klaipeda.

ob "English bitter", "Altbier",
"Porter" oder "Stout" -
litauische "Bierblogger"
sortieren im Internet die Vielfalt
(im Bild: "Breadandbeer")
Die neuen Trends der sogenannten "Craft-Biere" spielen dabei den litauischen Brauereien nochmals in die Karten. Auch beim Streifzug durch das Nachtleben des hauptstädtischen Vilnius wird der Gast in zahlreichen Bars und Kneipen immer mehr Geschmacksrichtungen litauischen Gerstensaftes probieren können. Allerdings ist dabei die Frage: werden hier eigentlich litauische Biere getrunken? "Die Litauer wissen zwar, wie sie Bier brauen können - aber was fehlt, ist eine Bier-Kultur," meint Jonas Lingys, Sommelier bei Švyturys, der gegenwärtig einzigen großen Brauerei in Litauen, die nicht von ausländischen Investoren abhängig ist. Lingys meint auch, das typische geröstete Knoblauchbrot, das in der Regel in Litauen zum Bier gereicht wird, mit weiteren Snacks variieren zu können - um die Litauer auf den Geschmack unterschiedlicher Sorten zu bringen. "Vielleicht Räucherkäse, Schinken, Oliven, oder verschiedene Würstchen." (LRT)

In dieser Bibliothek stehen in einigen Regalen
Bier statt Bücher: die "Alaus Biblioteka" in Vilnius
"Manche Leute kommen ja tatsächlich rein und wollen ein Bier einer bestimmten Farbe," erzählt Tomas Bartninkas, Eigentümer der "Alaus biblioteka" (Bier-Bibliothek), "und wir versuchen ihnen dann zu erzählen, dass man es nach dem Geschmack auswählen sollte, nicht nach der Farbe!" Bitter oder süßer, stärker oder milder, hopfig, oder sogar schokoladig - die "Alaus Biblioteka" hat immerhin auch einige litauische Marken im Angebot. 15 verschiedene Marken im Ausschank zu haben, ist natürlich auch ein Wagnis - doch bisher scheint es zu funktionieren.

Ob mit solchen Bieren die Liebhaber
litauischer Fruchtweine überzeugt werden
sollen? Die litauischen Bierbrauer sind an-
gesichts der "Craft-Beer"-Mode ins heftige
Experimentieren geraten (
breadandbeer)
Auch im litauischen Internet wird mehr und mehr über Bier diskutiert: vom "alusalus", "beergeek", "breadandbeer", bis zu "Tikrasalus", "Modestas", "apiealu", "pingvi" oder "alusit" - die Vielfalt der "Bierglogger" scheint beinahe so groß wie die Auswahl der Biersorten selbst, und hierbei sind die verschiedenen Facebookseiten und -gruppen noch gar nicht genannt. Eine komplette Geschichte des litauischen Bieres ist zumindest in Englisch in finden (Sviekata) - dort kann man auch nachlesen, dass noch zu Sowjetzeiten biertrinkende Frauen in Litauen sehr ungewöhnlich gewesen sein sollen.

In Deutschland sind litauische Biere noch nicht so recht angekommen - offenbar müssen Interessierte wirklich einen Litauen-Urlaub einplanen. Weder die "Craft-Bier-Lounge", "Craftbeermarket", "Beercraftinfo", "Craftbeerstore", "Craftbier-Shop", und auch auf der "Craftbiermesse" in Mainz waren Litauer bisher noch nicht vertreten. Beim Shop der "Brewcomer" ist immerhin Estland schon verzeichnet, und einige deutsche "Bier-Blogger" haben die Litauer bereits entdeckt: "Alkoblog" - obwohl der Name eher auf "Menge statt Qualität" hindeutet - hat immerhin vier (allerdings sehr gängige) litauische Biere entdeckt, "Bierbasis" führt immerhin neun Brauereien in Litauen auf.

Litauische "Bierblogger"
schrecken offenbar vor
nichts zurück: Hauptsache
verrückter Name und Design
locken ...
Deutsche Anbieter sind auch schon beim "Craft-Beer-Zubehör" angekommen - wie zum Beispiel das Angebot von speziellen "Craftbier-Gläsern" zeigt. In Litauen dagegen müssen die Hersteller wohl auch hoffen, dass der Lebensstandard - also Einkommen und Lebensumstände - langsam besser werden. Bier nur für Touristen brauen, das widerspräche wohl litauischer Mentalität und Lebensart (und auch der Selbstachtung). Denn allzu verständlich ist es bisher, wenn viele nur nach dem billigsten Bier und dem größten Glas fragen. Also: į sveikatą , auf Litauen!

08 Januar 2016

Basteln am Wohlfühlfaktor

Zum Neuen Jahr 2016 gibt es in Litauen einige Änderungen und Neuerungen. Manches dabei wirkt wenig sensationell -so etwa die Erhöhung des Mindestlohns von monatlich 325 € auf 350 € und des Mindest-Stundenlohnes auf 2,13 €. Man wird sich weiter fragen müssen, wie man davon überhaupt überleben kann. Gegeben und genommen: dabei ist dann noch der Rentenbeitrag von 1% auf 2% des Monatslohns erhöht worden - der staatliche Rentenfond gibt weitere 2% dazu und der Staat noch einmal 2% des Durchschnittslohns. So hofft man, in Zukunft eine stabilere Alterssicherung aufbauen zu können. Die Durchschnittsrente liegt in Litauen derzeit bei 265 €, etwa 860.000 Litauerinnen und Litauer bekommen sie in dieser Höhe.
Zukünftig dürfen 200 € statt bisher 166 € dazu verdient werden, ohne das es versteuert werden muss.

Die staatliche Kommission zur Regulierung der Energiepreise (VKEKK) hat unveränderte Tarife zumindest für die erste Jahreshälfte 2016 zugesagt: 0,66 € per Kubikmeter Haushaltsgas, 0,42 € für Heizgas (3,99 €3.99.Weiterhin wird der bisherige Energieversorger "Lesto" sich mit "Lietuvos Dujos", dem litauischen Gasversorger, zusammentun - in Zukunft heißt dann das neue Unternehmen "Energijos Skirstymo Operatorius" (ESO).

Auch neu: an litauischen Tankstellen darf ab sofort kein Alkohol verkauft werden. (LRT) Eine von mehreren Maßnahmen des Gesundheitsministeriums beim Kampf gegen Alkoholismus; auch die Mehrwertsteuer auf Alkoholika soll demnächst erhöht werden. Einige Vorfälle auf der Grundlage exzessivem Alkoholgenuß machten im vergangenen Jahr Schlagzeilen: Gewalt, Selbstmorde, andere Verbrechen.

Auch das Flüchtlings-Thema bewegt Litauen, obwohl die Verantwortlichen sich bisher erfolgreich gegen eine europäisch geregelte verbindliche Flüchtlingsquote gewehrt hat. Das Parlament bastelt gegenwärtig an einer Gesetzesvorlage, die es den litauischen Behröden ermöglichen soll, Personendaten aller nach Litauen einreisenden Fluggäste von den Fluggesellschaften zu bekommen. Innenminister Saulius Skvernelis begründet das mit dem Kampf gegen Terrorismus.

26 Oktober 2015

Geburtsort: Litauen!

Erstaunlich, erstaunlich: 25 Jahre lang ist Litauen nun wieder ein unabhängiger Staat, spätestens seit dem EU-Beitritt 2004 sollte ja auch in Deutschland bekannt sein, dass es dieses Land gibt, und das es gar nicht mal soweit weg ist - sogar ein Telefongespräch mit entsprechenden Behördenkollegen wäre möglich, falls Zweifel aufkommen sollten.
Nun beschwert sich Litauen ganz offiziell darüber, viele Beschwerden von Litauerinnen und Litauern zu bekommen, die in Deutschland leben.

Deutsche Dokumente, die Litauern ausgestellt werden, haben offenbar bisher immer das Geburtsland als "Sowjetunion" ausgewiesen, wenn es um ein Datum zwischen 1940 und 1990 lag. Litauen (das litauische Außenministerium) erinnert nun daran, dass die Bundesrepublik Deutschland ja die Okkupation Litauens nie rechtlich annerkannt habe, also schon deshalb der Vorgang merkwürdig sei, wenn deutsche Behörden heute nun plötzlich einen Geburtsort "Sowjetunion" ausweisen wollen. Litauer sind stolz darauf in Litauen geboren zu sein! Zumindest das wird hier deutlich. Und nun, am 22.Oktober, meldeten die litauischen Behörden Erfolg: in einer diplomatischen Note des Auswärtigen Amtes in Berlin sei mitgeteilt worden, das deutsche Ministerium für Inneres darauf hingewiesen zu haben, dass als Geburtsort immer "Litauen" ausgewiesen werden solle.

Nur ein Stück Bürokratie? Postsozialisten und Poststalinisten reden und schreiben ja gern vom "postsowjetischen Raum" - obwohl zu sowjetischen Zeiten ja auch niemand einen "postlitauischen Raum" erkennen wollte. Ob "Novosti", "RTDeutsch" und "Sputniknews" da wieder "Geschichtsfälschung!" schreien werden?? - Die litauische Haltung scheint klar: Wir wurden in jedem Fall in Litauen geboren, das sollte doch einfach zu merken sein!

Ganz eindeutig liegt die Sache allerdings nicht - wenn man sich vergleichbare Fälle ansieht. Zwar zeigen sich die Litauer in dieser Sache hartnäckig, wie ähnliche Ersuchen in Richtung Belgien zeigen. Auf deutsche Verhältnisse übertragen könnten ja auch diejenigen klagen, in deren Dokumenten ein Ort der früheren DDR eingetragen ist, so wie im Streitfall der vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden Württemberg entschieden worden ist. Dort hatte eine Frau geklagt, in amtlichen Dokumenten ihren Geburtsort nur "Chemnitz" eingetragen zu sehen, und nicht etwa "Karl-Marx-Stadt, jetzt Chemnitz". Ihr Einspruch wurde vom Gericht mit der Begründung abgewiesen, die Umbenennug der Stadt Chemnitz, die seit 1953 auf Beschluß der DDR-Regierung  "Karl-Marx-Stadt" genannt wurde, sei "sachlich richtig" gewesen (1990 votierten 75% bei einer Volksabstimmung für die Rückbenennung). Es wurde allerdings zugestanden, dass es in den 16 Bundesländern auch unterschiedliche Rechtssprechung und Verfahrensweise geben könne, und die teilweise mit Abkürzungen versehene Ortsbezeichnung besonders im Ausland zu Irritationen führen könne.

Ob also Litauer in Deutschland wirklich auf eine formelle Distanzierung von ihrer Sowjetvergangenheit Anspruch haben werden? Es gibt sicher noch andere Beispiele, dass nachträgliche Änderung der staatlichen Zugehörigkeit eher unüblich ist. So gibt es Menschen, die im Elsaß geboren wurden, als es zu Deutschland gehörte (1940-45 "deutsch besetzt"), bei Ostpreußen könnten ähnliche Fragen auftauchen - in beiden Fällen wird niemand nachträglich sich als geborenen Franzosen, Russen oder Polen ausweisen wollen. Wer allerdings nur den Zusatz "DDR" zu seiner Geburtsstadt löschen lassen möchte, soll auch schon erfolgreich gewesen sein. - "Back in the USSR" sangen 1968 die Beatles, und setzten fort "you don't know how lucky you are". Manche unterstellten ihnen damals Sympathie für die Sowjetunion. Allerdings gaben sie später zu: "Wir wussten fast nichts über die UdSSR, als wir das Lied schrieben." "Geboren in Sowjet-Litauen" ist nun offenbar im Land Lietuva ein "No-Go" geworden. 

02 April 2015

Mindestens? Litauen!

Wenn es nach den Berechnungen der sogenannten "Mindestlöhne" in Europa geht, findet sich Litauen eher am Ende der Skala. Aber angesichts dieser Statistiken ist es auch eine Überlegung wert, was sie eigentlich aussagen.

Statistische Erhebungen macht in der EU in der Regel "Eurostat". Damit ist zumindest eines gesichert: in jedem Land wird dieselbe Fragestellung angewendet. Bei der jüngsten Veröffentlichung zu den Mindestlöhnen findet sich Litauen auf dem drittletzten Platz wieder (von 24). Dahinter (darunter, von der Summe her gesehen) befinden sich nur noch Bulgarien und Rumänien. Für Litauen wird ein Mindestlohn von 300 Euro festgestellt (Lettland 360€, Estland 390€, Deutschland 1473€). In Deutschland ist ja eher der Stundenlohn Gegenstand der Diskussion: 8,50€ pro Stunde wurden kürzlich regierungsamtlich festgelegt. Diese kann aber nur funktionieren, weil sie mit der sogenannten "Berichtspflicht" verknüpft ist - alle Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern weniger als 3.000€ monatlich zahlen sind verpflichtet, die genauen Arbeitszeiten zu protokollieren. Maximal zulässig sind in Deutschland 348 Arbeitsstunden monatlich - das sind selbst bei 31 Tagen im Monat mehr als 11 Arbeitsstunden pro Tag. Litauen dagegen berechnet monatlich: die 300 Euro würden auch bei nur 8 Stunden pro Tag (x31) einen Stundenlohn von etwa 1,20 Euro "Mindestlohn" ergeben. So erscheint es noch logischer, warum so viele Litauer im EU-Ausland auf Jobsuche gehen müssen.

Doch Eurostat variiert die eigenen Statistiken ja auch selbst noch zweimal. Bezogen auf die Durchschnittsverdienste in den jeweiligen Staaten liegt der litauische Mindestlohn hier bei 53%, heißt es hier (Estland 40%, Lettland 50%, Deutschland 49%). Es gibt ja auch die Meinung, die Definition von "Armut" wäre bereits bei allen anzusetzen, die weniger als 50% des Durchschnittslohnes bekommen.Seit 2008 ging der Mindestlohn demzufolge nur in Griechenland zurück - in Litauen stieg er um 29%, in Lettland +57%, in Estland +40%.
Und dann rechnet Eurostat noch einen "Kaufkraftstandard" aus. Dort sollen dann "Preisniveau-Unterschiede" berücksichtigt werden. So gerechnet, landet Lettland plötzlich im Mittelfeld der Euro-Länder - der Mindestlohn von 360€ hat laut Eurostat einen "Kaufkraftwert" von 507 Euro. Estland landet, dieser Rechnung zufolge, bei 488€, Litauen bei 464€. Deutschland liegt auch nach dieser Rechnung übrigens weit vorn: mit 1481€ auf Platz 2 nach Luxemburg.

Aus deutscher Sicht wäre es interessant, mal umgekehrt darüber nachzudenken: wie fühlt sich das an, in Litauen zu arbeiten? Was brauche ich mindestens? Zwei Tipps dazu. Der eine stammt vom "Jugendnetz", einem von mehreren Jugendstiftungen betriebenen Infoportal. Hier findet sich eine Liste von "Lebenshaltungskosten", die für den Fall eines Praktikums oder Studiums im Ausland hilfreich sein sollen. Berücksichtigt werden hier: Getränke, Tabak, Nahrungsmittel, Bekleidung und Schuhe, Heizung, Wasser, Strom, Ausgaben in Hotels und Gaststätten, Aus- und Weiterbildung, Kraftfahrzeug-Betriebskosten, Gesundheitsausgaben. Für Litauen werden hierfür 300€ monatlich angesetzt (Lettland 400€, Estland 600€) - mit einem deutlichen Verweis auf das (teure) Leben in den Hauptstädten allerdings.
Nehmen wir nun eine der Quellen, das "European Job Mobility Portal" (EURES), so finden sich hier noch Angaben in Litas: 854Litas pro Haushalt und Monat (das wären knapp 270Euro) auf dem Lande und 923Litas (290€) in der Stadt. Allerdings bezieht sich das ausschließlich auf das Allernotwendigste: Lebensmittel, Wohnen, Wasser, Strom, Gas und andere Energieträger, für Gesundheitsvorsorge und Bildung. Freizeitgestaltung, Kultur und Vergnügen kostet extra.

Litauische Haushalte gaben (bezogen auf 2012) ein Drittel (33,7 %) aller Konsumausgaben für Lebensmittel aus. Wachsende Ausgaben für Lebensmittel werden auch dadurch beeinflusst - Zitat EURES - "dass die Einwohner häufiger zu Hause essen – die Ausgaben für Cafés, Restaurants und Mensen sanken." Bei Studierenden aus dem Ausland werden die Gewohnheiten sicher gern anders organisiert. 19,4% der Ausgaben in den Städten muss dann für Wohnen, Wasser, Elektrizität, Gas zurückgehalten werden. EURES fasst die Folgen so zusammen: "Mit dem Ansteigen der notwendigsten Ausgaben bei nahezu nicht gewachsenem Einkommen, sparen die Einwohner bei der Wohnungseinrichtung und Haushaltsausstattung, Freizeit, Kultur, Cafés und Restaurants." 

Tja, keine super Voraussetzungen, um in Litauen auch Litauerinnen und Litauer kennenzulernen: Während die Einheimischen aus ihren Vorräten zu Hause etwas zubereiten (wenn sie nicht gleich im Ausland arbeiten gehen müssen), sitzen die Auslandsstudenten und Touristen in den litauischen Restaurants und Kneipen, mit den Augen wahrscheinlich auf Preisvergleiche mit Deutschland. Schade eigentlich. Ironisch gesagt: daran kann auch Putin nichts ändern. Bevor es Litauen wirklich im europäischen Vergleich "gut" geht, ist noch viel zu tun!

10 September 2011

Notizen im Basketballfieber

Zumindest die Basketball-Fans könnten doch die Gelegenheit mal nutzen, in diesen Wochen der Europameisterschaft mal Litauen zu besuchen. Zwar war von den Vorrundenspielen in Šiauliai auch zu lesen, dass dort Top-Teams wie Spanien auch schon mal vor nur 500 Zuschauern gespielt haben, aber gibt es auch andere Notizen, abseits des rein Sportlichen? 

Bei uns ist Basketball Religion - auch den Satz hat man schon etwas zu oft gelesen. Interessanter ist da schon ein Satz aus der FAZ: "Was Brasilien für den Fußball ist, ist Litauen für den Basketball". Oder auch - im selben Beitrag zu finden: "Ein Land will zeigen: hey, uns gibt es auch!"

Ungewöhnliche Alltagserlebsnisse eines EM-Besuchers in Litauen sind dagegen eher bei "Parkettgeschichten" zu lesen - neben der Spielberichterstattung natürlich. Hier berichtet Marcel Friedrich direkt vor Ort, und zunächst einmal von Anreiseschwierigkeiten: Marcel bleibt bei spätabendlicher Ankunft beinahe auf dem Flughafen in Kaunas hängen, und Marcel beschreibt es so, als sei der namentlich genannte "Martynas R." sein unzuverlässiger Betreuer bei einer litauischen Reiseagentur. Dessen Rolle - ob nun eher Organisationschef oder doch Journalistenkollege - bleibt etwas unklar, und so sind die ersten etwas missmutigen Notizen vielleicht eher deutschen Perfektionismusdrang zuzuschreiben.

Interessanter ist da schon, was Marcel aus Šiauliai schildert, nachdem er erstmal ordentlich ausgeschlafen hat. Nun, wie alle die zum ersten Mal in Litauen sind, fällt im die Veränderung der Namen auf: der deutsche Dirk heißt nun Dirkas. Zum zweiten gibt es ironische Bemerkungen über das nicht sehr ausgedehnt vorhandene Nachtleben in Šiauliai - die Bürgersteige werden früh abends hochgeklappt, um 21 Uhr macht die Tankstelle zu: aber immerhin hängen sogar an den Preisschildern der Tankstelle überall Basketballkörbe. Dann ein Schock: beim Versuch, im Supermarkt sich mit alkoholischen Getränken eindecken zu wollen, ist diese Abteilung abgesperrt und unzugänglich. Was ist das? Auch die freundlichen litauischen freiwilligen Helfer wissen keinen Rat. Marcel googelt und findet heraus, dass am 1.September 1993 die sowjetische Armee aus Litauen abzog, und daher der 1.September so eine Art Feiertag sei. "Nur gut, dass dieser Feiertag nicht auf den 18.September (den Tag des Endspiels) fällt!" notiert Parkettblogger Marcel erleichtert. 

Zumindest bis morgen - dem entscheidenden Spiel Litauen gegen Deutschland - wird Marcel noch weiterbloggen. Was ihm noch aufgefallen ist in Litauen bisher? Offenbar hat die Kommerzialisierung von touristischen Sehenswürdigkeiten zumindest während der EM Fortschritte gemacht, und Gästen wird am "Hügel der Kreuze" nun erzählt, es wäre Brauch dort erst ein Kreuz zu kaufen um es dann der gewaltigen Sammlung hinzuzufügen. Na ja. Aber Marcel Friedrich versäumt auch nicht zu bemerken, dass ein Ticket der EM unter 30 Euro nicht zu haben ist, und Litauer seinen Informationen nach zwischen 300 und 600 Euro im Monat verdienen. Sein anfänglicher Groll auf Litauen ist inzwischen offenbar differenzierter Betrachtung gewichen. Und ein Dankeschön für die vielen freiwilligen Helfer ist da auch noch drin. Na dann, weiter noch viel Spaß - obwohl eine von beiden Mannschaften, entweder Lietuva oder Dirkas, ab übermorgen anders planen muss ...

NACHTRAG: Na ja, und dann erwischte es leider beide, schneller als erhofft. Aber erstaunlich die Ergebnisse unserer Vorab-Umfrage: die einzigen, die es wagten ein konkretes Team als Europameister vorauszusagen, und nicht auf Litauen schwörten, wählten Spanien ...

08 Januar 2011

Litauen riecht - nach Männern

Wahrscheinlich ist es nicht richtig, "Gerücht" mit "Riechen" in Verbindung zu bringen. Nun geht aber dieses "Geriech" durch die Presse, das litauische Außenministerium höchstselbst habe ein eigenes "Litauen"-Parfum erfinden lassen, um das Ausland positiver auf das baltische Land zu stimmen. Es soll auch schon höchstamtlich verteilt worden sein: mindestens an die in Vilnius ansässigen Botschafter fremder Länder. Mindestens einige Journalisten müssen wohl auch gnädig bedacht worden sein - denn wie könnten sie sonst beschreiben, was sie nicht riechen können? 

Nun gut, auch Lettland hat schon mal an sämtliche Teilnehmer eines NATO-Gipfeltreffens gestrickte Handschuhe verteilen lassen - wohl als Versuch interkultureller Kommunikation. Wäre es nun also zum Beispiel Fruchtwein aus Anykšiai oder Käse aus Rokiškis gewesen, es hätte als "typisch litauisch" gelten können. Aber Parfum? 

Schauen wir uns zunächst mal die - ja wohl beabsichtigten - Pressereaktionen an. Die BZ in Berlin packt die Meldung unter "Vermischtes": hier wird eine "Mischung aus Sandel- und Zedernholz, Moschus und Wiesenblumen" er-rochen und gleichzeitig behauptet, auch die litauischen Soldaten in Afghanistan hätten schon daran geschnuppert. Ein Männerparfum also? Oder liefen im litauischen Außenministerium einfach zu viele schlecht riechende Männer herum? Wer nicht glaubt, dass in Litauen Parfums zuallererst den Männern geschenkt werden, kann auch im Blog von Matthias nachlesen, der sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einem Kinderdorf im litauischen Marijampolė ableistet, und die Übergabe von Weihnachtsgeschenken dort so beschreibt: "Die Kinder haben sich sehr über die Geschenke gefreut. Jedes Kind bekam ein Handtuch, ein Buch, die Mädchen jeweils einen Drogerie-Gutschein und die Jungs ein Parfum." Aha, bei den Mädchen muss man also Angst haben, Stress bei Übergabe eines falschen Geschenks zu bekommen - und gibt lieber einen Gutschein. Nun, liebes Ministerium: ein Gutschein für alle gutwilligen Litauer wäre doch auch eine Idee gewesen ...

Dem FOCUS  riecht das litauische Nationalparfum vor allem nach Moschus, und das Blatt will auch wissen dass dem Duft "eine schwach-duftende Erinnerung an die Holzfeuer früherer heidnischer Rituale" beigemengt wurde. Na Glückwunsch! Mag sich da mancher denken - wenn schon der Winter so kalt ist, dann wenigstens riecht es nach Feuer. Sollte es dagegen eher nach so etwas wie verbranntem Holz riechen, könnten auch ganz andere Assoziationen wach werden.

Bei der Financial Times (wie riechen eigentlich Finanz-Journalisten?) tröpfelt gar ein wenig Neid durch. Deutschland könne sich da etwas abschauen, heißt es da zunächst (denn in Deutschland rieche es eher nach "Leitzordnern, Sauerkraut und Autobahnen"). Schon die Beschreibung dieses neuen Duftes klinge "aufregender als alles, was man bisher mit Litauen assoziiert hat". Eine Konsequenz schnuppern die Finanz-Geteimten bereits am Horizont: "Die immer noch verbreitete Verwechslung mit Lettland dürfte bald der Vergangenheit angehören, weil niemand die Letten riechen kann."

Auch die TAUNUS ZEITUNG inspiriert das litauische Duftgerücht zu einer Vorstellung, wie ein "deutsches Parfum" denn vielleicht riechen könnte: "Laubwald, Bratkartoffeln, Autoabgasen, blauer Blume und Weltuntergangs-Angstschweiß". Im Google-Forum "Baltics" glaubt man zunächst an einen Aprilscherz im Januar, um dann ein interessantes Details aufzudecken: 1000 Fläschchen des Parfums seien für Kosten von 28.900 Euro in Frankreich produziert worden - komplett finanziert von der Kosmetikindustrie. Ein offenbar willkommener Sponsor litauischer Außenpoltik.

Bis zu BALTIC-COURSE dagegen, mit Redaktion in Riga, scheinen die Parfumproben nicht vorgedrungen zu sein. Eine dort arbeitende litauische Journalistin musste die Nachricht der neuseeländischen Presse entnehmen, bevor sie die Geschichte recherchieren konnte und - wie einige andere - nun einen Bericht bei DIENA.LT zitieren. Dort spricht der Creation-Master himself, Mindaugas Stongvilas. Und siehe da, auch in Australien hat sich die Kunde seiner Genialität schon herumgesprochen: auf der Seite des Telekommunikations-Konzerns OPTUS wird Stongvilas als "Experte für emotionale Kommunikation" bezeichnet - leider ohne Vergleich, wie man sich einen Australien-Geruch" vorstellen würde. Auch die DAILY TIMES aus Pakistan berichtet ohne Geruchsvergleich: die Idee bei der Schaffung des Parfums sei, so steht es hier zu lesen, auch den "indo-europäischen Urspung der litauischen Sprache" symbolisieren. Riechen ohne Sprechen scheint in Pakistan wohl undenkbar.

Es sei eine Idee gewesen, übrig geblieben von den Ideen zur Kulturhauptstadt Vilnius, gibt Stongvilas bei DIENA.LT zu. Das Sandelholz solle speziell an Litauisch als vom Sanskrit herkommende Sprache symbolisieren, meint Stongvilas. Warum das gerade in Pakistan nicht so richtig verstanden wurde, erklärt er leider nicht. Der litauische Hotel- und Gaststättenverband hat bereits zugestimmt, den "Litauen-Duft" ("Lietuvos kvapas") bald vertreiben zu wollen. Kommt an Flughäfen nun die Geruchsprobe? WC-Lufterfrischer mit "Litauen-Duft" wird es immerhin keine geben, so lassen die Erfinder verlautbaren.

Nun denken die Herren doch tatsächlich über eine "Frauen-Variante" dieses neu geschaffenen Dufts nach. Lietuvos Rytas legt schließlich offen, dass für den "Litauen-Geruch" 120 verschiedene Essenzen benutzt worden seien. Einzigartig? In der litauischen Presse verrät Duft-Erfinder Stongvilas dann noch, dass er eigentlich Physiker sei, der an der Universität Vilnius angestellt sei. Ein Hobby-Duftologe also, und ein Außenminsterium, dass sich für Marketingkampagnen der Kosmetikindustrie kostenlos zur Verfügung stellt - oder hat "mann" sich da mehr patriotischen Idealismus vorgestellt?

Was sagen die Litauer dazu? In den Internetportalen sind Kommentare wie diese zu lesen: "Sorgt für ein menschenwürdiges Leben im eigenen Land, dann braucht ihr auch das Image Litauens im Ausland nicht überzuparfümieren ..."
Andere finden den Geruch des Meeres einfach schöner, und für Litauen typischer. Und wieder andere fordern, nun auch ein Parfum "Schlacht bei Grundwald (Tannenberg)" herauszugeben. Nun, wie wär's - geben wir eine Sammelbestellung auf? Mein Freund, Sie riechen heute wieder so eigenartig - waren Sie etwa wieder in der Litauischen Botschaft?

21 August 2010

Litauische Wettkämpfer/innen auf allen Ebenen

Sportliche Hoffnungen
Nur noch wenige Tage bis zum Start der Basketball-Weltmeisterschaft 2010 in der Türkei. Für Litauer ein großes Thema, klar. Vielleicht wird ja von einem "Spätsommermärchen" geträumt. Neu ist, dass nun auch deutsche Medien vorab über litauische Basketballspieler berichten. Vielleicht brachte sich das litauische Team ja durch den Sieg beim "Supercup" in Bamberg eindringlich in Erinnerung.
Die Spielberichte loben dort besonders Linas Kleiza. Dessen überragende Form veranlasste wohl auch das Sportportal SPOX zu einem gesonderten Beitrag über Kleiza. Interessant dabei mitzuverfolgen, dass unter deutschen Basketballfans eine Überschrift wie "Toronto muss mich wie Bosh bezahlen" für Aufregung sorgt. Das verlangt einige Hintergrundinfos. "Eine Überschrift wie die BILD-Zeitung!" so die Rückmeldungen der Leser auf dieser Seite, und das sollte wohl kein Lob sein (die tatsächliche Aussage Kleizas ist auf derselben Seite nachzulesen). Gut, Kleiza spielt erfolgreich in den internationalen Basketball-Ligen - hier geht es nicht um Interna zwischen Vilnius und Kaunas, sondern zwischen Kanada, den USA und Griechenland; da kennen sich deutsche Sportfans aus. Übrigens bezeichnet Spox Keizas Heimatland als "Mini-Staat" - das reklamierte keiner. Die Basketballer Litauens geben wohl genügend sportliche Antworten.

Sommerloch in Litauen entdeckt?
Eigentlich gab es in den vergangenen Wochen wenig Grund zu denken, die Presse habe nichts anderes zu schreiben als überflüssige "Sommerlochthemen". Von zu vielen Überschwemmungen, Großbränden und Hitzeperioden war in letzter Zeit zu berichten. Was aber ist das erfolgreichste litauische Pressestichwort der Woche? Erstaunlicherweise "Grazolyte". Fast schienen einige Presseblätter froh, von dieser "Misswahl der Ziegen" berichten zu dürfen (Westfälische Nachrichten, Krone, N-TV, Saarbrücker Zeitung, Focus, Westline SWR3, Nürnberger Nachrichten, Ostsee-Zeitung, Augsburger Allgemeine). 
"Wir wollen so berühmt werden wie der Stierlauf in Pamplona,", so wird ein Vertreter der Gemeinde von Ramygala zitiert. Für ein paar Tage hat es kurzfristig funktioniert. Angeblich leitet sich der Name des Ortes von "Ožkauostis" her - Hafen der Ziegen. Die zahlreichen Fotos auch in der deutschen Presse scheinen zu beweisen (zum Beispiel N-TV), dass hier  "Ziegenreporter" vor Ort in Litauen waren. Oder hat hier ein einzelner Berichterstatter alle interessierten deutschen Medien versorgt? Leider war auch nicht von vemehrtem Absatz litauischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse die Rede. Gab es keinen Ziegenkäse? Dafür machte eben das Stichwort von "Grazolyte" die Runde - der Name der angeblichen Siegerziege (wer nur die deutschen Beiträge liest). Das Thema kam auch in die litauischen Medien. Dort wird allerdings wesentlich mehr landwirtschaftlich "fachgesimpelt", zum Beispiel bei Diena.lt, und es wird klar, dass hier mehrere Siegertitel verliehen wurden.

Während Ziegen also offenbar in Litauen gerade "in" sind, haben Biber einen ganz anderen Ruf. Mehrfach positionierten sich Litauer als potentielle Biber-Jäger. Als diesen Sommer in Riga eine Diskussion um Biber entstand, die sich im Rigaer Stadtpark mitten in der Stadt angesiedelt hatten, boten sich schließlich Litauer als ambitionierte Jäger an: "Bei uns werden die abgeschossen und zu Pelzen verarbeitet," hieß es da.Ähnliches berichtet jetzt "die Presse" in Österreich: nicht nur das litauische Forstbeamte Biber zur "Nagetier-Plage" erklären, sondern im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen. Als eßbare Delikatesse. Geräucherter Biberschwanz als litauische Delikatesse? Es wird vermutlich nicht vorwiegend positive Reaktionen verursachen. In Deutschland ist der Biber eine geschützte Tierart.

Nicht nur schöne Ziegen
Nein, wenn es um Schönheiten geht, hat Litauen aber nicht nur Ziegen zu bieten. Stolz verkündet das Außenministerium dieser Tage in einer Pressemeldung von neuen Maßnahmen im Kampf gegen Menschenhandel und Gewalt gegen Frauen. Die fürs Publikum gewohnten Laufstege kamen bei "Mrs Universe 2010" zum Einsatz.
Bei Youtube kann man bewundern, wie es jetzt offenbar im litauischen Außenministerium zugeht. Aber im Ernst: mehr Aufmerksamkeit für diese Thematik kann nicht schaden. Wenn schon die litauische Diplomatie so große Schwerigkeiten hat im Umgang mit engagierten Bürgern und unabhängig organisierten Initiativen (NGOs - siehe NGO FORUM Litauen), dann funktioniert es vielleicht eher bei Gelegenheiten, wo nach außen hin eigentlich nicht mehr als ein optischer Schönheitswettbewerb erwartet wird? Zumindest in Litauen war beiden Veranstaltungspartnern mehr Aufmerksamkeit gewiss.
Aber wo sind beim angesprochenen Problemthema eher die Schuldigen und die Verursacher zu suchen? Die schönen Frauen Litauens sind es nicht. Der Blick in die deutschsprachige Presse zum gleichen Thema aber irritiert: die "Badische Zeitung" berichtet zum Stichwort "Miss Universum" über schöne Frauen in Venezuela und missverständlche Kostümierung in Peru. "Die Presse" berichtete schon 2009 nach der Wahl einer Venezolanerin davon, dass diese davon schwärmte wie toll die US-Amerikaner ihr Kriegsgefangenencamp in Guantánamo organisierten. Alle anderen Presseberichte dieser Tage gehen davon aus, dass "Miss Universe 2010" in diesen Tagen in Las Vegas gewählt wird. Die gwohnten einschlägigen Fotos begleiten das Ganze, nirgendwo wird auf die Gefahr von Zwangsprostitution hingewiesen. Aber dann wird es auch "Spätzündern" klar: hier geht es nicht um junge Mädchen, sondern eher um "schöne Mütter"! Nicht "Miss", sondern "Mrs.". Schade, dass über diese Idee und die zugrunde liegenden Rahmenbedingungen (Sponsoren?) auf der Webeseite der Veranstalter wenig bis gar nichts zu lesen steht.
Eine Kandidatin aus Deutschland gab es übrigens in Litauen auch. Olena Koch spricht nach Angaben der Veranstalter fließend Ukrainisch, Weißrussisch, Russisch und Englisch. Das rundet das Bild ab, dass es sich hier offenbar eher um eine osteuropäische Veranstaltung handelt, die den Weg in die deutschen Medien dementsprechend nicht gefunden hat.

Bericht über Linas Kleiza bei Spox.com
Webseite zur Basketball-WM 2010

Webseite von Ramygala
Webseite der "Ziegenparade" (Ožkų parade)
Ziegenparade bei YouTube 

Webseite "Mrs Universe Litauen2010" 
Webseite "Miss Universe"

18 April 2010

Ein unbekanntes Land wie Litauen?


Island, Europa und Litauen
Viele sehen sich dieser Tage veranlasst, ein paar schöne Glossen über das Verhältnis der Deutschen zu kleinen Ländern zu schreiben. Auch bei Witzen wie "erst verbrennen sie unsere Kohle, und dann schicken sie uns noch die Asche rüber" wissen die meisten, wer und was gemeint ist. "Vielen Dank, liebes Island, aber es reicht jetzt wirklich!" schreibt heute "DIE WELT" etwas genervt, und dann weiter: "Es gibt Länder, über die weiß man erfreulich wenig: Litauen zum Beispiel. Auch Laos und Benin machen dem Planeten keine Scherereien. Andere Staaten hingegen drängen, obzwar gering an Fläche und Bevölkerungszahl, permanent in die Nachrichten."

Dass Island ein ganz besonders gutes Verhältnis zu den baltischen Staaten hat und vor 20 Jahren die sich unabhängig erklärenden Staaten mit als erste anerkannten, das wird an dieser Stelle natürlich aus deutscher Sicht vergessen. Aber auch in der Realität sind die Beziehungen von Deutschland ins südliche der drei baltischen Staaten wohl sehr viel ausgeprägter, als es die großen Schlagzeilen so vermuten lassen. Würde man die Regional- und Lokalnachrichten in Deutschland sorgfältiger lesen, so taucht dort Litauen in schöner Regelmäßigkeit ziemlich oft auf. 

Überall Litauen! Kulturell, alt und jung, sozial.
In Erkelenz im Rheinland zum Beispiel. Dort bringt es ein litauisch-schwedisch-deutsches Austauschprogramm mit sich, dass in dieser Woche im dortigen Gymnasium litauische Schüler musizieren. Oder im niedersächsischen Beverstedt, wo der Kirchenchor aus Klaipeda kürzlich zu Gast war, und in Duisburg, wo durch Musik einer Partnerschule geholfen wird. Beim Thorgauer "Elbe-Day" steht dieser Tage auch eine litauische Band auf der Bühne, in Kassel war litauisches Tanztheater zu Gast, beim "Danzfescht" in Bad Urach waren Litauer zu Gast, und im niederrheinischen Emmerich wiederum wurden Veranstaltungsgäste mit litauischen Osterbräuchen bekannt gemacht. Jugendliche aus dem westfälischen Steinfurt wiederum fuhren nach Litauen und bauten dort einen Hochseilgarten, in Nottuln war eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern zu Gast. Und in Ahrenshoop an der Ostsee lassen sich die Werke der beiden litauischen Künstler Neringa und Mindaugas Bumbliai bewundern. 

Beinahe noch häufiger als in den Bereichen Jugendaustausch oder Kultur ist von sozialen Projekten die Rede. In Drensteinfurt wurden vom Malteser-Hilfsdienst Rollstühle und Rollatoren für Litauen gesammelt, und auch in Damme sind es die Malteser, die Hospitale und Altenheime in Litauen unterstützen. In Heek (Münsterland) ist es die Kolpingfamilie, die für Litauen sammelt, in Kerpen gingen die Kolpingmitglieder mit ihren litauischen Gästen auf Wandertour. In Hude  und in Bookholzberg (Niedersachsen) denkt man an Kinder als zu Beschenkende. Auch das Rote Kreuz im württembergischen Münsingen steht mit Litauen in Kontakt, gleiches gilt für Metzingen, wie ebenso in der Region Wesermarsch und in Allerbüttel. Die Big-Band der Bundeswehr unterstützte in Rheine ein Projekt mit Behinderten in Litauen, und auch in der Region Cloppenburg (Barßel, Elisabethfeen) hat man die Litauenhilfe wieder aufgenommen.

Auch Nachhaltiges für die Zukunft
Gelegentlich geht es sogar um Zukunftsprojekte oder Vergangenheitsbewältigung - beides gleich wichtig. in Wittenberge machte man sich um alternative Energiegewinnung Gedanken, und in Westerstede befragten deutsche Gymnasiasten auch Litauer nach ihren Erfahrungen nach Ende des 2.Weltkriegs.

Und manchmal stecken hinter den Kooperationsprojekten und deutsch-litauischen Treffen auch Litauerinnen und Litauer, die in Deutschland leben. In Osnabrück wird eine Litauerin Preisträgerin im Bereich "Ankommen im Beruf". Und in Niederdorla in Thüringen, wo litauische Rezepte und Gerichte für den Ausruf sorgten "Essen wie Gott in Litauen!"

Also, liebe deutsche Presse: so "unbekannt" scheinbar Litauen ist, so viel näher rücken sich aber die Menschen anlässlich der Vielzahl von Begegnungen und Projekten der Zusammenarbeit. Zitiert sind hier nur ein paar "Lokalberichte" der vergangenen Wochen. In diesem Sinne kann Litauen vielleicht sogar unbekannt bleiben, den Abwesenheit aus den großen Schlagzeilen hat manchmal auch sein Gutes.

30 Dezember 2009

Litauisches 2009 - kulturell


War 2009 ein litauisches Jahr? Viele Menschen in Litauen lässt es eher ernüchtert zurück. Nicht nur wegen zerplatzender Illusionen, die gerade frisch ins Amt gekommene konservative Regierung würde ein besseres und für die Litauerinnen und Litauer erträglicheres Krisenmanagement auf Lager haben als ihre Vorgängerregierung. Zwar steht Litauens Image international nicht so stark angekratzt da wie das Nachbarland Lettland - von Staatsbankrott kann noch keine Rede sein. Aber wenn immer mehr Menschen im eigenen Land keine Zukunft mehr sehen, keine Chance sehen sich etwas aufzubauen (und auf Arbeitssuche in ganz Europa ausschwärmen), dann ist auch das Selbstverständnis und das Selbstbewußtsein Litauens betroffen. Gleichzeitig wird keine Litauerin oder kein Litauer, der (vorübergehend?) im Ausland lebt, vom Stolz auf sein / ihr "Litauisch-Sein" so ohne weiteres Abstand nehmen - aber zunehmend wird das Bedürfnis artikuliert, das eigene Land müsse nicht den Rückblick auf wichtige Phasen der Geschichte betonen, sondern auch etwas für die Zukunft entwickeln.

Krise mit Feuerwerk
Vor allem die Auswirkungen der Wirtschaftskrise trafen Litauen hart. Zumindest hatten sich die Verantwortlichen das Projekts "Vilnius - Kulturhauptstadt Europas 2009", die am 28.November 2008 in der litauischen Botschaft in Vilnius ihre Planungen und Projekte vorstellten, vielleicht ein positiver verlaufendes Kulturjahr gewünscht. "Vilnius soll wichtiger als Basketball werden", so wurde der Schauspieler Marijus Jampolskis in der oberösterreichischen Presse zitiert. - Nun gut, von großen internationalen Basketball-Erfolgen Litauens war 2009 auch nicht viel zu hören.

"Wer einmal in Vilnius war, schwärmt von der Schönheit dieser baltischen Stadt und der Sorgfalt und Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner," solche Stimmungen - obwohl bei jedem Litauen-Besuch jederzeit leicht nachzuvollziehen - fanden sich in der deutschsprachigen Presse bezüglich Vilnius eher in den Vorberichten (in diesem Fall ein Zitat aus dem Schweizer Tagblatt vom 9.10.2007 - die gleiche Zeitung berichtete 2009 über die Kulturhauptstadt Vilnius übrigens nur ein mal: am 1.Januar). 

Vorfreude und Nachwehen
Aber es gab auch bei den Vorberichten schon nicht ausschließlich Begeisterung. Allerdings mahnen diejenigen, die Holocaust und Judenmord zurecht anprangern und etwas Ähnliches in der Zukunft verhindern wollen (inklusive latent vorhandenem Antisemitismus), auch völlig unabhängig vom Projekt Kulturhauptstadt - die litauische Seite hätte sich also sowieso mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, und wahrscheinlich wären auch die einen mit dem Ergebnis zufrieden gewesen sein, die anderen eher nicht. In Vorberichten aber schon Vilnius die Berechtigung zur Kulturhauptstadt absprechen zu wollen (wie zum Beispiel Andrew Baker in DIE WELT vom 6.7.2008), erscheint da doch eher als willkommene Chance zum Beleuchten der eigenen Sache im aufkommenden Lichte der Kulturhauptstadt. (das es auch anders geht, siehe das Gespräch von Cornelius Hell mit Irena Versaite beim ORF, zum Thema Antisemitismus in Litauen, oder auch Matthias Kolb im Deutschlandradio)

Licht - ein gutes Stichwort für den Start ins Kulturhauptstadtsjahr 2009. Im weltweiten Netz diskutierten einige noch lange über die technischen Einzelheiten von Gerd Hof's spektakulären Lichtevent rund um die Kathedrale von Vilnius. Ob es nun Halogen-Metalldampflampen HMI 2500W waren, oder doch Xenon-Kurzbogenlampen XBO 7000W- jedenfalls wurde der Name des offensichtlichen Sponsors häufig genug genannt.

Selbst ausgewiesene Sozialisten (und damit potentielle Sowjet-Romantiker) mochten beim Start des Kulturhauptstadtjahres nicht abseits stehen; "der baltische Tiger springt nach Europa" schrieb am 2.Januar das "Neue Deutschland". Aber wer den "Tiger" lobt, schürt ja vielleicht auch gleichzeitig dessen Gedanken an den anderen Spruch, in dem von einem "Bettvorleger" die Rede ist. So mancher hat es beim Anblick von im Himmel verglühenden Sylvesterraketen und der bunt bestrahlten Kathedrale in Vilnius vielleicht schon geahnt: dieser leuchtende Höhepunkt kam vielleicht zu früh, um nachhaltig Wirkung zu erzielen.

Aller Anfang ist schön
Rund um den vergangenen Jahreswechsel waren die Kulturhauptstadt-Schlagzeilen am positivsten: "Auftakt zum Kulturmarathon" (news.de), "eine Tausendjährige tief im Osten" (Sächsische Zeitung), "vom Rand ins Zentrum Europas" (der Standard), "baltische Perle, blank poliert" (Die Presse) oder gar "verliebt in Vilnius" (Münstersche Zeitung).

Was danach kam, war eher so etwas wie "feiern trotz Krise". Von einer "Sparversion" war dann zu lesen, wenn die Rede auf Vilnius kam. Schon im November 2008 waren in der "Kleinen Zeitung" Warnungen zu vernehmen ("Litauen feiert sich mit teuren Werbespots"). Bereits am 3.Januar - also die Gerd Hofs Lichter waren kaum ausgegangen - schrieb der "Mannheimer Morgen": "Ein Land desertiert vor der eigenen Kultur" und schrieb von Kürzungen des Kulturhauptstadtetats um 50%. Zwei Tage später stand in der Basler Zeitung etwas von "Ein Land, verloren in der Mitte Europas" und beschrieben waren Hindernisse im Kulturaustausch mit Litauens Nachbarn Weißrussland und Kaliningrad. Und die Frankfurter Rundschau hatte schon zu Sylvester die Situation mit "schmaler, kürzer, ärmer" gekennzeichnet. Die WAZ schrieb am 12.Januar: "Neujahr strahlten sie noch, jetzt wird gespart". Nur DIE WELT wollte auch am 9.Januar 2009 ausschließlich "freudige Aufbruchstimmung" in Vilnius registriert haben.

Im März war auch bei der kommenden europäischen Kulturhauptstadt, Essen, angekommen, dass in Vilnius kaum Austauschmöglichkeiten übrig geblieben waren. Während in Bremen noch ein mehrtägiges Kulturprogramm zur Vorstellung der Kulturhauptstadt Vilnius über die Bühne gehen konnte, war anderswo von der Absage eines Treffens des Netzwerks europäischer Kulturhauptstädte (ECOC) zu lesen, dass in Vilnius hätte stattfinden sollen. Aus Protest gegen die Entlassung der Leiterin des Kulturhauptstadtbüros in Vilnius, wurde betont. Der "Österreichische Rundfunk" (ORF) - wegen der parallel erkorenen Kulturhauptstadt Linz immer besonders auch an Vilnius interessiert (und auch in vielen Sendungen darüber berichtete), bezeichnete die Vorgänge in Litauen am 9.März als "kulturpolitisches Lehrstück".

Und die Künstler?
Ja, es lässt sich durchaus beklagen, dass die kulturellen Leistungen und Veranstaltungen selbst oft leider viel weniger Schlagzeilen machen und "öffentliche" und "veröffentlichte" Meinungen beeinflussen, als die Rahmenbedingungen, ein bestimmtes "Image" eines Landes oder einer Stadt, Trends und Moden, wirtschaftliche oder politische Rahmenbedingungen. Ich habe noch keinen Jahresrückblick in der deutschsprachigen Presse gelesen, der rückblickend Vilnius als Europäische Kulturhauptstadt gewürdigt hätte. Bei keiner der inflationär gerade während Feiertagen sich vermehrender Fernsehquizsendungen wurde eine Frage nach Vilnius gestellt.
Tja, hätte mal Boris Becker seine (wievielte?) Hochzeit in Vilnius gefeiert, irgendeine Schauspielerin ihren neuen Film dort vorgestellt, Barack Obama seine Anti-Atomwaffen-Rede nicht in Prag gehalten, oder wenigstens deutsche Politiker mit (heimlichen?) Freundinnen in Litauen gesehen und fotografiert (was schon vorgekommen ist!).

Nun, immerhin: bis auf den absehbaren Geldmangel und den Personalwechsel zu Anfang des Jahres wurden in Vilnius keine weiteren Skandale produziert, die an die deutschsprachige Presse gedrungen wären. Die "Schuldfrage" wurde etwas verlagert: "die Presse" schrieb im April vom "harten Diktat des IWF" und meinte damit die (Spar-)bedingungen des Währungsfonds bei der Kreditvergabe an Litauen. Ähnlich beschrieb die Süddeutsche im gleichen Monat "Länder im Regen", und spielt dabei auf eine der möglichen Herleitungen des Namens "Litauen" an.
Ein Sängerfest wurde gefeiert - parallel zu Estland dieses Jahr - musste das sein? DIE WELT berichtet zwar, schreibt aber seltsamerweise von einem "baltischen Sängerfest". Ein "Pflichtbericht", wo doch wenigstens das Schlagwort "Sängerfeste" in Deutschland bekannt ist? Na ja, viele haben sich damit abgefunden, dass auch die drei "baltischen" Hauptstädte ständig verwechselt werden.

Hochsommer mit Palastfassade
Dann ein weiterer Höhepunkt. Zwar musste die Wiedereröffnung des ehemals zerstörten Großfürstenpalasts etwas "abgespeckt" werden, aber sie fand statt. Für den Rheinischen Merkur war Litauen damit "auf der Suche nach der nationalen Seele". "Das ist keine Hollywood-Fassade", wird hier ein örtlicher Palast-Guide zitiert, und der neue Kulturhauptstadt-Chef Kvietkauskas beteuert im Blick auf die vorgenommenen Einsparungen (jetzt ist von 40% die Rede): "die Ideen bleiben unverändert."

Vielleicht sollte man eher die Urlaubszeit abwarten mit der Berichterstattung. Da können in den Reisebeilagen verschiedener Presseorgane ungestört von öffentlicher Diskussion die "must-see" Sehenswürdigkeiten dargestellt werden: ein wenig Užupis, ein wenig "Hauptstadt der Kirchen", dazwischen einige Opern- und Theateraufführungen, bildlich stimmhaft erhänzt manchmal sogar von Luftaufnahmen der Kurischen Nehrung. Die neue Züricher Zeitung findet am 10.August mit "Leben wie die Cowboys" eine eher ungewöhnliche Überschrift für einen Überblick zu dargebotenen Vielfalt in Vilnius (geschichtlich, kulturell, aktuell). Die in Litauen durchaus nicht unbeliebten Countryfestivals werden (wie der Titel es vielleicht vermuten ließe) allerdings nicht erwähnt.

Am 24.August bietet die Deutsche Welle schon Ansätze einer Bilanz - klar, die Hauptsaison scheint vorüber. Motto: Die Litauer lassen sich ihre Freude über ihr Vilnius nicht nehmen.
Im September greift der MDR schließlich auf die bevorstehenden Jahrestage von "Mauerfall" auf (so sie deutsche Sicht - der Jahrestag des Baltischen Wegs war ja schon im August), und spiegelt die Ereignisse des litauischen Kampfes für die Unabhängigkeit in einer Sendung.

Zum Jahresende macht der Evangelische Pressedienst schließlich noch aufmerksam auf ein "Kulturhauptstadtkreuz", das im Rahmen einer Vielzahl von Veranstaltungen auf Wanderschaft gehen soll, auch 2011 in "Tallin". Na gut, so etwas hätte auch im katholischen Litauen vielleicht Anklang gefunden - aber von dort wurde ja immer wieder betont, eher ein modernes Litauen dem Ausland darstellen zu wollen, abseits von Vorurteilen und Schablonen. Nun, ob in Essen gerade das Kreuz innovativ wirkt (und ob es dann auch in Tallinn ankommt), muss abgewartet werden.

Und was tun, wenn nicht fliegen?
Nein, das Programm der Kulturhauptstadt Vilnius 2009 war kein bewusst umwelt-grün-angestrichenes. Auch wenn zu Jahresanfang der Zusammenbruch der halbstaatlichen Fluggesellschaft FlyLAL umweltfreundliches Reisen hätte nahelegen können - Konkurrent AirBaltic eröffnete die Direktverbindung Berlin-Vilnius pünktlich zum Jahresabschluss. Nie wurden im litauischen Kulturhauptstadtjahr so viele Litauer/innen in Riga und in Bremen gesehen (nächste erreichbare Billigflieger). 10.000 Mitarbeiter/innen der Touristikbranche hätten im Zuge der Flieger-Pleite ihren Job verloren, war bei der Deutschen Welle zu lesen. Nein, dass bei solchen Zahlen Vilnius unbesucht von Touristen bleibt, und die Litauer/innen selbst auf Arbeitssuche in Europa gehen müssen, dass ist diesem schönen Land wirklich nicht zu wünschen.
Deutschsprachige werden allerdings ein wenig raten müssen, was die Kulturhauptstadt Vilnius 2009 eigentlich war - ein großer Teil der bereits erstellten deutschsprachigen Seiten wurden wieder vom Netz genommen. Da bleibt uns zur Kommunikation - falls nicht Lithuanist/in - nur "the most popular language of the world: bad English".

12 November 2009

Litauische Prinzessin für Vechta

Die Zeiten litauischer Herzöge und Könige sind eigentlich lange vorbei. Aber vielleicht lässt sich so manchen wieder aufleben, wenn litauische und deutsche Traditionen vermischt werden.

Im niedersächsischen Vechta, ein hübsches Städtchen mit 30.000 Einwohner im Oldenburger Münsterland, ist nun eine litauische Prinzessin gekrönt worden. Ja, richtig, ob sie von litauischem "blauen Blute" ist, das ist nicht bekannt.  
Bekannt ist aber, dass "Jolanta die Erste" in Vechta zunächst ihren Prinz Matthias fand, und beide am 11.11. zu "Prinz und Prinzessin" des örtlichen Karnevalsvereins berufen wurden.

Mit einem dreifachen "Vechta Helau" wurden sie im Rathaus begrüßt, so berichtet die Nord-West-Zeitung.
So eine Regentschaft ist ja manchmal nicht billig. Aber vielleicht fällt diesmal ja auch noch etwas Werbung für die Druckerei Ostendorf in Vechta dabei ab - denn im "bürgerlichen Leben" ist Prinz Matthias dort Juniorchef.

Karnevalsklub Vechta

Stadt Vechta