Posts mit dem Label Litauen und Deutschland werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Litauen und Deutschland werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

24 Dezember 2023

Litauen - was war das noch genau?

Es ist noch nicht so lange her, dass Deutsche, egal ob im Osten oder Westen aufgewachsen, die drei baltischen Staaten nicht auseinanderhalten konnten: Hauptstadt von Litauen? Riga? Unsichere Rückfragen waren die Antwort. 

Heute, Ende des Jahres 2023, drohen die Potentiale Litauens wieder zu verschwimmen - ausgelöst von Putins gewaltsamen Agressionen gegen die Ukraine. Aber selbst wenn wir sicher sind, wer und was der Auslöser ist - diese Dominanz des Militärischen ist nur allzu bedauerlich. Einige von denen, die vor 10, 20 Jahren noch gar nicht wissen wollten, wo Litauen genau liegt meinen heute die Befindlichkeiten einschätzen zu können - sie vermuten, dass die Litauerinnen und Litauer vor allem froh seien, Mitglied der NATO zu sein.

Deutsche schicken zum Jahresende "Weihnachtsgrüße an Soldaten im Ausland" (SWR), und meinen damit auch Litauen. Litauer reparieren deutsche Panzer (Merkur) und freuen sich, dass die deutschen Soldaten bald kommen (Regionalheute). Zitiert werden litauische Aussagen wie diese: „Kein anderes Nato-Land leistet an der Ostflanke so viel wie Deutschland“ (RND). Eine "deutsche Kampfbrigade" wird als "Jahrhundertprojekt" (t-online) ausgerufen - was bedeuten würde, dass die deutsche Sicht auf Litauen nun auf Jahrzehnte (militärisch) verstellt sein würde. Wer es richtig "martialisch" mag, liest bei "3sat" nach: dort stellen die baltischen Staaten inzwischen "drei Stacheln im russischen Fleisch", und Litauen besteht hier aus einer unablässigen Folge militärischer Aktivitäten. 

Auch die finanzielle Seite wird immer wieder erwähnt: Deutschland stellt ein "Sondervermögen" (sprich: Schulden mit Deckname) bereit, müht sich aber - im Gegensatz zu Litauen - mit dem allseits diskutierten "2%-Ziel" ziemlich ab (= Anteil vom Bruttoinlandsprodukt, siehe "Tagesschau"), 2019 waren es auf deutscher Seite lediglich 1,2%. - Die deutsche Presse aber sorgt sich, ob Litauen die Stationierung "einer zweiten Armee" (so bezeichnete es Verteidigungsminister Anušauskas), also 5.000 deutsche, neben den eigenen 15.000 litauischen Soldaten, auch leisten kann. Derweil reformiert Litauen die Wehpflicht, auch ein Studium kann jetzt kein Grund mehr für eine Verschiebung sein (LRT)

Tja, somit können wir uns also vorstellen, woran Deutsche gegenwärtig denken, wenn das Stichwort "Litauen" fällt. Wohl nicht mehr zuerst an das Sommerhaus von Thomas Mann, zum Beispiel. Und es wird nicht besser, wenn wir mal vom Militärischen absehen. Immer noch irrlichtert die alte Legende durch die deutschen Medien, fast alle gestohlenen Autos würden irgendwann in Litauen landen (siehe "Die Zeit") Und es gibt inzwischen nicht nur Sorgen, über Belarus würden absichtlich Flüchtlinge nach Litauen und somit in die EU geschleust werden - es gibt auch angeworbene litauische Schleuser, die zum selben Zweck, mit nebulösen Versprechungen gelockt, in anderen osteuropäischen Ländern aktiv sind (Grenzecho)

Also: was sind die wichtigsten Schlagworte für Deutsche in Bezug auf Litauen? "Gefechtsbereit"? Es kingt wie eine seltsame Musik aus der Ferne, wenn wir uns erinnern, dass die Litauen-Werbung mal von Vilnius als "G-Punkt Europas" sprach (Blogbeitrag). Das war 2018. Inga Romanovskienė, bis vor kurzem noch Leiterin des Stadtmarketings von Vilnius, verteidigte den Slogan unter anderem mit dem Argument, in Deutschland habe man durch Umfragen festgestellt, nur 40 bis 50 von 1000 Menschen wollten überhaupt wissen, was Vilnius ist und wo es liegt. Ihr Ausruf damals: "wir haben nicht mal theoretisch die Chance, irgendein Image zu beschmutzen, denn wir haben überhaupt keins!" (eurotopics / madeinivilnius). 

Nein, die deutsch-litauischen Beziehungen werden andere Anknüpfungspunkte brauchen. Auch wenn Putin uns zu weiteren militärischen Anstrengungen zwingt. Immerhin registrierte ein einzelner Beitrag in der Berliner Zeitung (3.12.23) auch mal Litauen als "unterwegs ins Wirtschaftswunder" - abseits vom deutschen Medien-Mainstream. Zitat: "In für deutsche Verhältnisse erstaunlicher Geschwindigkeit werden da Straßen gebaut, Netze gelegt und öffentliche Nahverkehrsverbindungen eingerichtet. Die vollen Parkplätze zeigen zudem, dass es genügend Arbeitskräfte gibt. Das eine bewirkt das andere. Die Löhne steigen – und damit auch, derzeit, die allgemeine Zufriedenheit." Ein Stimmungsbericht, ausnahmsweise mal nicht aus irgendwelchen Kasernen. Aber Litauen, das sind auch nicht nur ökonomische Statistiken. Ich denke, Litauen ist mehr. 

Empfehlenswert zu lesen sind zum Beispiel die Aussagen von Laurent Le Bon, Chef des "Centre Pompidou" in Paris, über seine Litauen-Erfahrungen. Da finden sich Aussagen wie diese: "Litauen einfach als baltischer Staat zu präsentieren, ist ein Fehler!" (LRT) Litauen habe eine spezielle Identität aufzuweisen, die sich auch von den beiden "baltischen" Nachbarn unterscheide. Also: lesen wir nach, und schauen wir vor Ort mal nach!

28 April 2022

Neues aus Vokietija

Wahre und falsche Anwälte

In den frühen 90iger Jahren, als Bundeskanzler Kohl sich noch scheute, die baltischen Staaten mal mit einem Besuch zu beehren, prägte sein Aussenminister Kinkel den Spruch von "Deutschland, Anwalt der Balten". Allerdings meldeten böse Zungen schon damals: "ein Anwalt, der mit seinen Klienten nie zum Gericht ging". (siehe auch: Helge Dauchert) Symbolpolitik anstelle von klaren Worten. Da muss selbst Andreas M. Klein in einem Beitrag für die Adenauer-Stiftung konstatieren: manchmal sei Deutschland auch eher "advocatus diaboli" gewesen, nämlich dann, wenn "wenn die baltischen Belange die Erreichung deutscher Ziele und insbesondere das Verhältnis der Bundesrepublik zu Russland zu beeinträchtigen drohten." Was Deutschland anbot, waren "ultraspannende" 3+1-Treffen, also einmal jährliche Routine-Fototermine der jeweiligen deutschen Außenminister mit den baltischen Amtskolleg/innen. 

Deutsche Schablonen

Deutschland steht in Litauen eher selten im Fokus. Manches scheint selbst-verständlich: die Stärke der deutsche Wirtschaft wird auch von Litauen nicht angezweifelt, nicht zuletzt weil ja viele litauische Arbeitsmigrant/innen in den verganenen Jahren ihren Arbeitsplatz in Deutschland fanden. Und im Tourismus begügen sich die Litauer/innen damit, dass viele Deutsche eben nur die Kurische Nehrung kennen, und manche es eben auch nur für "ehemaliges Deutschland" (also Ostpreußen) halten. Zudem kommt manchen Deutschen nicht einmal der Name der litauischen Hauptstadt Vilnius über die Lippen - es wird streng behauptet, der "deutsche Name" (aus welchen deutschen Zeiten?) sei Wilna. 

Unruhe im Wirtschaftsparadies

Nun aber, seit der "Zeitenwende", ändert sich aber offenbar die Tonlage. Da ist zum Beispiel Vytenis Šimkus, Chefökonom bei der "Swedbank". Beruflich also in einer sehr ähnlichen Position, was Gitanas Nausėda machte, bevor er Präsident wurde. Deutschland gelte als "eines der konservativsten Länder Europas", meint Šimkus, und damit ist offenbar nicht "Traditionspflege" oder Ähnliches gemeint. Nach der Wiedervereinigung habe man Deutschland "Europäischer Patient" nennen müssen, meint der litauische Ökonom. Staatliche Sparmaßnahmen hätten in Deutschland dazu beigetragen, die Binnennachfrage weiter zu dämpfen und die Arbeitskosten zu kontrollieren, auch mit Hilfe der Hartz4-Regeln.Und 2008 habe man eben diese Bestimmung eingeführt, dass das strukturelle Haushaltsdefizit 0,35 % des BIP nicht überschreiten. "Sparsamkeit als staatliches Prinzip", diagnostiziert Šimkus, "eine sicher kurzsichtige Politik" (LRT / delfi)

Das "erste Opfer" der deutschen Sparpolitik sei eben das Militär gewesen, meint der Banker, denn in Deutschland "habe Millitär eben einen schlechten Ruf". In den letzten 10 Jahren habe Deutschland eben nur 1,2% für die Verteidigung ausgegeben, und das habe eben weder für Modernisierung noch für Instandhaltung gereicht. Allerdings sei das Militär nicht das einzige Opfer gewesen - auch bei der Infrastruktur und bei der Digitalisierung habe Deutschland Nachholbedarf. Und bei der Energieversorgung habe Deutschland eben auf "eine billige russische Tankkarte" gesetzt. Šimkus zitiert Constanze Stelzenmüller, Analystin für internationale Beziehungen, mit den Worten: „Deutschland hat seine Sicherheit an die Vereinigten Staaten, seine Energiepolitik an Russland und sein Wirtschaftswachstum an China abgegeben.“ (LRT/ delfi)

Neue deutsche Tugend: allein der Geiz?

Letztendlich möchten auch Ökonomen wie Vytenis Šimkus für ein stärkeres Europa plädieren. Aus der litauischen Presse lässt sich die Tendenz erkennen, nun eher den Worten von Außenministerin Baerbock zu glauben, als sich an den Sozialdemokraten Scholz und Steinmeier zu orientieren, ebenso wie ihre Aussage: "Wir unterstützen das Recht der Ukraine, sich zu verteidigen." (delfi) Auch die Aussagen Baerbocks zu verstärkten deutschen Bemühungen, die NATO-Brigade in Litauen weiter auszubauen, werden registriert. Und auch ein neues "Wording" finden die Litauer/innen: Baerbock sei "Vokietijos diplomatijos vadovė" ("die Leiterin der deutschen Diplomatie") (LRT). Deutlicher kann wohl kaum ausgedrückt werden, wo der Wunschpartner (also die Partnerin) auf deutscher Seite zu finden ist. Bezüglich "Olafas Scholzas" ztiert die litauische Presse da schon eher Umfragen, denen zufolge viele Deutsche mit der Scholzeschen Vorgehensweise unzufrieden seien (Respublika). Und etwas unglücklich für die deutschen Sozialdemokraten wirkt sich der Umstand aus, dass eben vor allem Scholz mit Deutschland identifiziert wird - und zum Beispiel Gesprächsergebnisse der Bundestagspräsidentin Bärbas Bas (ebenfalls SPD) mit ihrer litauischen Amtskollegin Viktorija Čmilytė-Nielsen eher unbeachtet blieben (mfa / lrs)

Es bleibt aber dennoch zu hoffen, dass sich das neue litauische Selbstbewußtsein, angesichts neuer Gefahren besonders geschärft, sich nicht aufs Abarbeiten militärischer Wunschlisten beschränkt. Und schon gar nicht auf Rechthaberei und Hochmut - gepaart mit dem sicheren Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen - Ähnliches wurde in den 1990igern mal den "Wessis" vorgeworfen. Denn wir wissen ja: diejenigen auf die es in solchen Situationen ankommt, die wirklich in der Lage wären, Tendenzen und den Lauf der Dinge zu verändern - die merken sowas immer viel zu spät.

02 März 2022

Zeitenwende - in Deutschland und Litauen

Proteste vor der russischen Botschaft in Vilnius
Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat es uns überdeutlich gezeigt: etwas ist anders geworden. Wahrscheinlich ist die These einer "Zeitenwende" richtig - und die aktuell drängende Sorge um das Schicksal der Menschen in der Ukraine legt nahe zu sagen: jetzt wirkt alles Nachdenken über mögliche Fehler der Vergangenheit sinnlos. Jetzt ist alles anders. Gegenüber jemand, der keinen sachlichen Argumenten mehr zugänglich erscheint, der systematisch betrügt und auch Andersdenkende im eigenen Land gezielt ausschaltet - vor diesem Hintergrund sind wir gezwungen, uns von einigen Träumen zu verabschieden: von denen, dass Pazifismus Vorrang vor allem Waffengebrauch und Waffenproduktion haben könnte, und von der Absicht, Frieden in Europa nur mit gutem Willen erreichen zu können. 

Dass der Umgang zwischen Litauen und Deutschland anders geworden ist, zeigt schon der Satz des litauischen Präsidenten Gitanas Nausėda vom 10. Februar 2022: "Litauen betrachtet Deutschland als zuverlässigen strategischen Partner".
Hatten wir es bisher nicht zumeist anders herum verstanden? Als 2004 Litauen der EU beitrat - was werden die Litauerinnen und Litauer wollen? Viele Deutsche zögerten nicht, auf diese Frage mit "unser Geld" zu antworten.

Bei der Überlegung, was für die Zusammenarbeit zwischen Litauen und Deutschland bisher an erster Stelle stand, können wir zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das Auswärtige Amt zum Beispiel nennt bisher an erster Stelle die Städte Šilute und Klaipeda, Zitat: "Durch die frühere Zugehörigkeit Kleinlitauens (Memelland) mit den Städten Klaipėda (Memel) und Šilutė (Heydekrug) zum Deutschen Reich besteht eine besondere historische Verbindung zu Deutschland."

In der Werteskala folgen ein 1993 unterzeichnetes Kulturabkommen sowie die Eröffnung eines Goethe-Instituts in Vilnius. Aus deutscher Sicht scheint weiterhin wichtig zu sein, dass es litauenweit einen "Tag der deutschen Sprache" gibt, etwa 60 Städte- und Kreispartnerschaften und ein litauisch-deutschen Kriegsgräberabkommens aus dem Jahr 1996. 

Bedrohung aus dem Osten? - Nein, in diesem Fall
ist es nur Christian, Quartiermeister in Rukla ...

Im litauischen Rukla, wo 2017 "der Startschuss gefallen" war (wie es einige Berichte ausdrückten), führt seitdem die deutsche Bundeswehr ein Nato-Bataillon. Wahrscheinlich müssen heute viele zugeben: der These vom "Vorrücken der NATO nach Osteuropa" haben viele zwar nicht zugestimmt, jedoch die Betongung allen Militärischen erzeugte Unbehagen. Gerne wären wir beim Literaturaustausch, bei gemeinsamen Projekten der Wissenschaft, bei Diskussionen in Goethe-Instituten und bei Sprachkursen (Deutsch in Litauen, Litauisch in Deutschland) geblieben. 

Ich erinnere mich zum Beispiel an den Satz aus dem "German-policy-report", den deutschen Militäreinsatz in Litauen betreffend: "das Land, in dem die deutschen Besatzer ab Ende Juni 1941 gemeinsam mit ihren litauischen Kollaborateuren die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, wie Historiker berichten, 'rascher, radikaler und vollständiger betrieben' als anderswo im okkupierten Europa." Oder an die Schlagzeile der FAZ: "Deutsche Rüstungsfirmen profitieren von der Ukraine-Krise". An die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Litauen 2015 (FAZ). Und auch an den Bericht des Bayrischen Rundfunks vom Januar 2017: "Dass es zu Gefechten kommen werde, halten die Soldaten für unwahrscheinlich. Deshalb ist es auch kein offizieller Auslandseinsatz, sondern wird 'Mission' genannt." (BR).

Militärstrategisch war vom "Schließen der Suwalki-Lücke" die Rede - ein Begriff, der es unter anderem zu einem ausführlichen Wikipedia-Eintrag gebracht hat und von manchen auch als "Achillesferse der NATO" (Focus) oder auch "Nadelöhr nach Westeuropa" (Nordkurier) bezeichnet wird. Oder, wie die NZZ es jetzt aktuell im Hinblick auf Litauen formuliert: die "russische Zange". - Jetzt wurde in Deutschland "für Litauen trainiert" (Mittelbayrische). Und die "Bots" und "Fake-News"-Produzenten fingen ebenfalls an, sich an Rukla "abzuarbeiten". Schon im Februar 2017 war beim litauischen Parlamentspräsidenten eine E-Mail eingegangen, in der deutsche Soldaten beschuldigt wurden, ein litauisches Mädchen vergewaltigt zu haben (Stellungnahme Bundesregierung).
Und CSU-Politiker Brandl wurde mit der Auffassung in Bezug auf Rukla zitiert, "die Truppe sei darauf jedoch nicht eingestellt und auch nicht ausgerüstet" gewesen (Donaukurier). - Nebenbei bemerkt: fast gleichzeitig mit der Entsendung deutscher Truppen nach Litauen gab es im Frühjahr 2017 bei der Buchmesse Leipzig eine große Präsentation Litauens als Gastland. 

Bisher haben wir immer die Buchmessen und Kulturveranstaltungen besucht, nicht die Kasernen. Was wird zukünftig in der Darstellung der Beziehungen zwischen Deutschland und Litauen genannt werden (können)? Wird Rukla zukünftig an einem Schützengraben liegen, hinter dem sich Putin-Russland verschanzt hat? Werden zwischenmenschliche Kontakte, über diesen Schützengraben hinweg, unmöglich werden, und wird in Litauen die Angst regieren, das Regime Putin könnte die militärische Aufrüstungsspirale (die ja mit den deutschen "100 Milliarden" nun in Gang gesetzt ist) noch weiter treiben, und Litauens Unabhängigkeit und Existenzrecht ebenfalls massiv bedrohen? Antworten darauf gibt es derzeit noch keine.

09 November 2021

Kartoffelland

250 Gramm Kartoffeln isst ein durchschnittlicher Litauer (eine Litauerin) jeden Tag, so berichtet es die litauische Presse (LRT). Das würden pro Jahr etwa 100 kg ergeben. Aber gemeint ist hier eine Werbemaßnahme des litauischen Tourismus. Was wird beworben?

Liebhaber/innen der Erdäpfelklöße bekommen nun mehr Übersicht: präsentiert wird Litauens Zeppelini-Landkarte - also "nach Z sortiert", gewissermaßen. 

Auffindbar ist davon bei "Lithuania.travel" bisher allerings nur die litauischsprachige Variante. Vornehmliches Ziel scheint hier zu sein, Vielfalt zu demonstrieren: Zeppelini mit Buchweizen, Karotten, Käse, Pilzen, Sauerkraut - ja sogar mit Hanfsamen.

Nicht immer wurden die allgegenwärtigen Kartoffelklöße für tauglich befunden, im Ausland positiv für Litauen zu werben. Aber im Fokus stand eben auch bisher die traditionelle Variante: serviert mit Schmand und Specksoße. Nichts für Liebhaber/innen leichter oder vegetarischer Kost. Ob sich also die Varianten durchsetzen werden? Oder werden die Verbraucher/innen und Tourist/innen vielleicht genau anders herum denken: wenn schon Pilze, Karotten, Käse oder Hanfsamen - warum müssen dann Kartoffelklöße dazu?

Die Wochenzeitung "Freitag" überschrieb kürzlich einen Bericht über die künftige Europäische Kulturhauptstadt Kaunas mit "Led Zeppelini". Also? Vielleicht haben die Kartoffelklöße ja doch mehr Werbewirkung als vermutet?

09 Juni 2020

Coranse Brilonas

Briloner, hanseatisch gestimmt (mit
Mantel aus Rüthen?)
Nein, Zentrum der Hanse war Litauen nie. Aber Kaunas war zu mittelalterlichen Zeiten immerhin etwa 100 Jahre Mitglied des Städtebundes - und hat sich nun auch der sogenannten "Neuen Hanse" wieder angeschlossen. Als 2011 Kaunas der inter-nationaleTreffpunkt war (siehe Bericht), Ausrichter der "Internationalen Hansetage der Neuzeit", da werden vielleicht auch einige weitere Litauerinnen und Litauer diesen Zusammenhang begriffen haben. Und auch Berichte einiger damaliger Besucher*innen aus Deutschland erinnern noch daran (Soest, Frankfurt, Neuss, Kalkar, Lüneburg).

Auch 2020 wollte Kaunas beim Internationalen Hansetag vertreten sein - neben Tallinn und Pärnu aus Estland und Riga aus Lettland. Diese Berichte werden nun fehlen, denn schon vor Wochen wurde der gesamte Hansetag abgesagt - wegen der Corona-Krise und der damit entstehenden Unmöglichkeit sicherer Planungen. Zwar erklärte der Veranstalter, die Stadt Brilon im Sauerland, das Ereignis kurzfristig als "Ersten digitalen Hansetag in der 660-jährigen Geschichte der Hanse". Doch ob sich die Waldstädter, die Partnerschaften in Frankreich, Belgien und Schottland unterhalten, damit wirklich einen Gefallen getan haben, bleibt offen: allzu kümmerlich gerieten die vorgefertigen Image-Filmchen, die nun eilig online gestellt wurden. Als Empfänger*in von hunderten Beileidserklärungen der Partner im Hansebund hatte man es dagegen leichter - nur die interne Vernetzung unter den Mitgliedern der "Neuen Hanse" wird wohl ziemlich normal gelaufen sein, ob nun aus dem "Homeoffice", oder als digitale Delegiertenkonferenz.

Internationales war "analog" in den Tagen vom 4.-7. Juni 2020 in Brilon nun nicht mehr zu entdecken. Die "Hansestädte, die im Stadtbild auftauchen" - es blieb bei billigen Roll-Ups aus einigen nahegelegenen Städten des Rheinlands und Westfalens. Aber wer mochte es den Brilonern übel nehmen? Die "Internationalen Hansetage" schrumpften so zu einem Gefälligkeitssonntag für die heimischen Unterstützer*innen. Fast schon wieder lustig der Gegensatz zur aktuell gültigen Stadtwerbung: während Brilon eifrig um Radler-Tourist*innen wirbt, war die Austeilung von "Überraschungstaschen" (Hanse-Souvenirs) ausschließlich Autofahrer*innen vorbehalten: eine anderthalbstündige Autoschlange, mit laufendem Motor wartend, vor der Verteilstation mit Bürgermeister.

In Litauen werden also die Kenntnisse über das Städtchen Brilon wohl weiter sehr begrenzt bleiben - Presseberichte zum "1. Digitalen Hansetag" gab es in Litauen offenbar keine. Und nicht nur das: in litauischer Sprache sind, bei Eingabe in entsprechende "Suchmaschinen", außer einem allgemeinen Wetterbericht, Hotelsuche und Autoverleih auch nicht einmal minimale Informationen über das Sauerlandstädtchen vorhanden.
Da ist es schon fast erstaunlich, dass im litauischen Online-Shop "Winnersport.lt" ein Damen-Wintermantel ausgerechnet mit der Bezeichnung "Brilon" angeboten wird - um 50% heruntergesetzt wartet er auf Käuferinnen. Wohl kein Hansetags-Souvenir.

Nun ja. Für die nächsten Jahre sind die Veranstalter der Hansetage bereits festgelegt - die Warteliste geht über mindestens 10 Jahre. Daher konnten die Hansetage 2020 auch nicht verschoben werden - die Briloner werden sich nun wieder "hinten anstellen" müssen, und 2021 in Riga, 2022 in Neuss, 2023 in Torun oder 2024 in Gdansk versuchen müssen, ihre Stadt international bemerkbar zu machen. Die "Coranse Brilonas" (Corona-Hanse) wird niemand wiederholen oder nachahmen wollen, das ist sicher.
(Eindrücke Hansetage 2020, Teil 1) 
(Eindrücke Hansetage 2020, Teil 2)
 (Eindrücke Hansetage 2020, Teil 3)

29 Juli 2019

Stabwechsel

Wenn es in Deutschland in der politischen Diskussion um Litauen geht, dann ist damit gegenwärtig meist die Entsendung von Einheiten der Bundeswehr gemeint. Gerne auch, wenn da etwas nicht klappt oder ein Flugzeug nicht startet (MDR / Süddeutsche). Die überraschende Ernennung der CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin, und auch der Abgang von Ursula von der Leyen nach Brüssel hat diesen Fokus noch verstärkt - auch weil "AKK" dann gleich das besonders von den USA ausgerufene "2%-Ziel" sich zu eigen machte. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) habe aber 2023 nur 44 Milliarden Euro eingeplant, zitiert "Die Welt" und rechnet vor: die Nato-Quote würde damit von 1,37 Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung auf 1,24 Prozent zurückgehen.

Wo sonst oft eher von "Frauenquoten" die Rede war, sollen jetzt "Rüstungsquoten" eingeführt werden? Oh, pardon - sie sind ja längst eingeführt; schon 2004, beim Beitritt der baltischen Staaten zur Nato, war davon die Rede - und es wurde kommentarlos ein "Nachlass" gewährt, da es ja völlig unsicher schien, ob diese Staaten wirtschaftlich stabil bleiben würden. Auch heute ist klar: wer in deutschen Medienberichten nach dem Wort "Litauen" sucht, wird zu einem hohen Prozentsatz Beiträge über deutsche Hilfssammlungen und karitative Spenden finden. Zehntausende Litauerinnen und Litauer sind ins Ausland gegangen, um eine angemessen bezahlte Arbeit zu finden.

Dr, Gitanas Nausėda im Oktober 2014 in einer
Bremer Straßenbahn - auf dem Weg zur Vorstellung
des Buches "Chro
nik der Schule zu Nidden"
(zusammen mit Dr. Gabrielė Žaidytė, damals
Kulturattaché der Litauischen Botschaft in Berlin)


Den Wechsel hat es in Litauen im Präsidentenamt gegeben: Gitanas Nausėda, man könnte ihn den "Vater des litauischen Euro" nennen, ist seit dem 12. Juli litauischer Präsident. Einen Teil seines Studiums hat er in Deutschland absolviert, er spricht Deutsch ausgezeichnet, also könnte er ja auch eine neue Farbe ins deutsch-litauische Verhältnis bringen. Das zeigt auch sein Interesse für Kulturgeschichte: beim Buch über die Schule von Nidden ist er Mitherausgeber, er selbst entdeckte die alte Schulchronik. Auch bei seinem Antrittsbesuch im Nachbarland Lettland gab es ein Buchgeschenk (lrp.lt) - und auch Präsident Steinmeier ist ja zu seinen Zeiten als Außenminister schon in Nidden gewesen (Baltic Times / AA), da liegen die Vorschläge für die nächsten Buchgeschenke nahe.

Was bedeutet der Wechsel für Litauen? Nun ja, einige beklagen, dass der litauische Präsident zwar von allen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern gewählt werde - aber mal wieder keine akzeptable Person zur Wahl gestanden habe. Zum Präsident wird eben doch nicht jede/r gewählt.

Vom "Ende der Ära der eisernen Lady" schreibt die lettische Presse, auf den Abschied Dalia Grybauskaites fokussierend (lsm). Gleichzeitig wird prognostiziert, der neue Präsident Nausėda könne sich nun wieder verstärkt den direkten Nachbarn Lettland, Polen und Estland zuwenden, nachdem Grybauskaite viel von der EU. den USA und dem Schicksal Europas geredet habe. - Einige in Litauen hatten sich wohl erhofft, Grybauskaite könne auf einem hohen Posten in Brüssel weitermachen.

Nausėda seinerseits sprach sich sehr zeitig zugunsten einer Kandidatur Ursula von der Leyens zur EU-Kommissionspräsidentin aus (lrp.lt) "Litauen wird von ihrer Kenntnis der Sicherheitslage profitieren," so zitiert ihn die "Baltic Times". Laut aktuellen Umfragen sehen 73,7% der Litauerinnen und Litauer ihren Präsident gegenwärtig positiv (Baltic Times). Nausėda wird aber sicher noch daran arbeiten müssen, nicht nur als Präsident der Wirtschaftsbosse zu gelten - ein großer Teil der Bevölkerung erwartet, wieder mit größerer Zuversicht im eigenen Lande das Auskommen zu finden.
Und worauf warten die Deutschen? Na, vielleicht auf einen Staatsbesuch in Mannheim ... !

14 November 2018

Zwischen Litauen und Litauen

Als Denkmal für Klein-Litauen und dessen Bewohner wollen die Autor/innen und Herausgeber/innen ein neues Buch verstanden wissen, das am 7. November in den Räumen der Botschaft Litauens in Berlin vorgestellt wurde. Denn die Legenden über die alten litauischen Fürsten wie Mindaugas, Gedeminas oder Algirdas sind das eine - das Gebiet des damaligen Großfürstentums Litauen erstreckte sich vor allem nach Osten, in Regionen des heutigen Weißrussland, Polens und der Ukraine. Dafür war zunächst die Burg Trakai ein Symbol, 1323 wurde Vilnius gegründet.

Dr. Vaclovas Bagdonavičius mit Silke Brohm
(Übersetzerin) bei der Vorstellung des Buches in Berlin
Das erste gedruckte litauische Buch, dazu eine Bibelübersetzung ins Litauische, und auch die erste Grammatik der litauischen Sprache - das alles entstand in dem Gebiet von der Memel im Norden, Goldapp im Süden, und von Labiau im Westen bis zur litauischen Grenze im Osten.

Das jetzt frisch erschienene Werk hat den Titel "Preußisch-Litauen: Ein enzyklopädisches Handbuch / Mažosios Lietuvos enciklopedinis žinynas". Geschrieben haben dieses Buch über 300 Autorinnen und Autoren - die heute über die ganze Welt verstreut leben, von Kanada über Norwegen, Deutschland, den USA, Russland bis nach Australien. Die Idee entstand bereits 1983, 1985 wurde die "Stiftung Klein-Litauen" gegründet. Zwischen 2000 und 2009 konnten das fertige Werk in seiner litauischen Fassung (in vier Bänden) erscheinen. Für diese Ausgabe zeichnete der Philosoph und Literaturwissenschaftler Vaclovas Bagdonavičius verantwortlich.

Dr. Christiane Schiller
Die Projektleitung zur Erstellung einer deutschen Ausgabe dieses Werkes hatte Frau Dr. Christiane Schiller, Lituanistin und Baltistin. Es waren viele Aufgaben zu vergeben: die große Themenvielfalt bedingt es, dass sich Übersetzerinnen und Übersetzer sehr anstrengen mussten, um sorgfältig überprüfte Lösungen anbieten zu können. Da kam sicher zu gute, dass Frau Dr. Schiller auch Litauisch lehrt, also einen Teil der Schülerinnen und Schüler ansprechen konnte.

Also ein "Denkmal für die Westbalten"? Oder eher "Ostpreußen aus der Sicht der Litauer"?
"Nicht einmal die reichen Deutschen, die so viele verschiedene Enzyklopädien herausgaben, haben bisher ein Nachschlagewerk zu dem über Jahrhunderte von ihnen beherrschten und bewohnten Altpreußen und Ostpreußen erstellt, wenn sie auch Tausende von Arbeiten darüber schrieben," schrieb der litauische Historiker Algirdas Matulevičius schon 2001 für die "Annaberger Annalen". Aus litauischer Sicht war es also ein tiefes Bedürfnis, die Definition zu Geschichte, Kultur und Gegenwart der im Fokus stehenden Region nicht nur der deutschen Seite zu überlassen.
Prof. Dr. Manfred Klein
Mit dem vorliegenden Buch - dessen genaues Studium angesichts der Informationsfülle sicher längere Zeit dauern wird - haben nun auch deutsche Leserinnen und Leser ein Werkzeug, um eigene Schablonen und Sichtweisen mal auf die Probe zu stellen.

Auch der Historiker Dr. Manfred Klein, schon durch sein Buch "Das alte Litauen - dörfliches Leben zwischen 1861 und 1914" (siehe Annaberger Annalen) bekannt, beteiligte sich an der anschließenden Diskussion. Auch er hatte sich erst kürzlich mit einem eigenen Buch zu "Preussens Litauern" zu Wort gemeldet, wo Sätze zu lesen sind wie dieser: "Man kann Studien über Minderheiten in Deutschland oder der preußischen Gesellschaft lesen, in denen Ostpreußens Litauer nicht einmal erwähnt werden” - das dies sich ändert, auch dazu ist das neue Nachschlagewerk sicher nützlich. Alle Anwesenden waren sich einig: alle Beteiligten an der deutschen Ausgabe dieser neuen Enzyklopädie gebührt großen Dank, denn ohne ihr Engagement und ihre Leidenschaft wäre die Arbeit und der Zeitaufwand an diesem Projekt kaum realisierbar gewesen.

Preußisch-Litauen: Ein enzyklopädisches Handbuch / Mažosios Lietuvos enciklopedinis žinynas

18 März 2018

Von toten Pferden, notwendigen Paten, und neuem Aufbruch

Litauen hat sich etabliert auf dem deutschen Buchmarkt. Warum? "Vielleicht, weil die Deutschen immer schon die Kurische Nehrung kannten," bekomme ich am Litauen-Stand in Leipzig zu hören. Allerdings: warum wurde Litauen so lange aus deutscher Sicht ignoriert, wenn denn die Kurische Nehrung angeblich so bekannt war?

Litauen-Diskutanten in Leipzig 2018: Journalist Gregor Dotzauer,
Verleger Sebastian Guggolz,
Matthias Weichelt (Sinn und Form),
und Torsten Ahrend (Wallmann-Verlag)
Nein, keine Sorge, von Thomas Mann war an dieser Stelle nicht schon wieder die Rede. 2017 war Litauen-Schwerpunkt auf der Buchmesse Leipzig - ein sehr sonniges Wochenende war es übrigens - und 2018 war Nachbereitung angesagt (bei heftigem Schneeregen draußen). "Hilft der Gastland-Titel beim Bücherverkauf?" so das Thema einer halbstündigen Diskussionsrunde.

Von Pferden war die Rede. Nein, nicht von Tiertransporten aus Litauen, sondern von denen die anderen zum Erfolg verhelfen sollen: die Zugpferde. Vor allem Tomas Venclova wurde hier strapaziert - nicht ohne die besorgte Nachfrage, ob Venclova überhaupt in Litauen genauso beliebt sei wie im Ausland.

Pate Venclova

Es diskutierten: zwei Journalisten, die 2017 in den Genuß einer kostenlosen Geschäftsreise ins Buchmessen-Gastland spendiert bekommen hatten, und zwei Verleger, von denen aber nur einer ein (in Worten: ein) Buch eines litauischen Schriftstellers herausgegeben hatte. Ob auch tote Pferde taugen - wurde der Verleger gefragt, denn Antanas Škėma, der Autor eines der 2017 über 30 neu erschienenen Bücher aus Litauen, starb schließlich bereits 1961, weit entfernt von Litauen.

Litauen auf der Buchmesse Leipzig 2018
Es gibt in Deutschland eigentlich keine Vorurteile oder Klischees gegenüber Litauen, stellte die versammelte Runde gemeinsam fest. "Vielleicht noch eine Spur Sowjetvergangenheit," meint Verleger Guggolz, "aber in meiner Generation steht das Baltikum für Aufbruch." -
Baltikum? - "Ich habe vor allem gelernt, diese drei Länder zu unterscheiden," meinten Ahrend wie auch Weichelt, "die drei Länder verstehen sich gar nicht als Baltikum. Das ist vielleicht nur unser grober, deutscher Blick." - Eine Erkenntnis, die allerdings offenbar nicht durchs Bücherlesen gewachsen ist, sondern durch "unser Privileg nach Litauen reisen zu dürfen".

Litauisch-lettische Geschwister

Ahrend erzählt anschließend von der Litauerin Irena Veisaite, die er als "Schwester von Valentina Freimane" bezeichnet (deren Buch 2015 im Wallstein-Verlag erschien). Oha, sensationelle neue kulturelle Verwandschaften? Nun ja, es ist wohl als eine kleine Rechtfertigung gemeint, denn in seinem Verlag erschien 2017 kein einziges der vielen neuen Litauen-Bücher. Ein Buch von Veisaite, das stehe nun aber bevor.
Gibt es eine "Literatur der Region"? fragt Moderator Dotzauer in die Runde, nicht ohne in seiner Frage tatsächlich den direkten Vergleich von "Balkan" zu "Baltikum" ziehen zu wollen und damit den vorher von den Kollegen so betonten Erkenntnisgewinn zu den Unterschieden wieder in Frage zu stellen. Guggolz weist auf den gemeinsamen Schwerpunkt der Buchmesse London hin - immerhin treten dort alle drei baltische Staaten gemeinsam auf. Guggolz wie auch Ahrend nutzten die Gelegenheit, auch ihre nächsten Buchprojekte zum Thema Estland gleich mit zu bewerben: "da geht es auch um Heimat, Nostalgie, Aufbruch und Verlorenheit".

Abschlußbild mit litauischen und deutschen Beteiligten
Immerhin durfte jeder der Podiumsgäste zum Abschluß noch ein paar andere seiner Litauen-Lieblingsbücher nennen - sonst wäre diese halbe Diskussionsstunde fast zu reiner Ankündigungs-rhethorik der jeweiligen Verlagsprojekte geworden. So kam auch Jonas Mekas noch zu Ehren, und sogar Ričardas Gavelis, dessen "Vilnius Poker" allerdings immer noch nicht auf Deutsch vorliegt.

Litauen - kaum zu toppen!

Jedenfalls auch die finanzielle Unterstützung der Übersetzungen sei reibungslos, das betonten die auf dem Podium vertretenen Verleger. Wie überhaupt der Buchmessen-Auftritt Litauens 2017 sensationell gut gelaufen sei. Sebastian Guggolz meinte sogar: "Es wird schwer sein, den litauischen Auftritt zu übertreffen!" Für ein Land von der Größe von Litauen sei Leipzig zudem besser gewesen als etwa Frankfurt. Die Zuständigkeiten seien sehr klar geordnet gewesen, und immer habe er Unterstützung von vielen Seiten gespürt, und auch die Zusammenarbeit mit den Übersetzer/innen sei sehr befruchtend gewesen. - Die Litauerinnen und Litauer im Publikum, besonders die Vertreterinnen des litauischen Kulturinstituts, werden es gern gehört haben.

26 September 2017

Verkostung Ost

Schmeckt Osteuropa anders? - Unter den Lebensmittelkonzernen hat wohl Pepsi Cola die längste Geschichte einer speziellen Geschmacksorientierung in Osteuropa: als infolge einer Übereinkunft zwischen Nikita Chruschtschow und Richard Nixon (1959) dem Pepsi Konzern erlaubt wurde den bräunlich-süßlichen Drink auch in der Sowjetunion zu verkaufen, war es rein ökonomisch ein Erfolg (im Austausch mit importiertem Wodka). Pepsi exportierte allerdings nur anfangs - später, ab 1974, wurde der begehrte Stoff in der Sowjetunion selbst hergestellt. Von nun an wurde Pepsi von den betroffenen Konsumenten als "sowjetisches Produkt" eingestuft - das konnte wohl kaum genauso gut schmecken wie im Westen. Auflösung gab es erst 1989 mit dem Fall des "eisernen Vorhangs": nun wurde der Markt in den Ex-Sowjetstaaten für Pepsi sogar zu einem ökonomischen Standbein, während in vielen anderen Ländern der Welt längst Coca-Cola der Marktführer war.

ein historisches Foto: Chruschtschow probiert
erstmals eine Cola (Quelle: ceuweekly)
Wir lernen: es ist nicht nur wichtig, wie es schmeckt, sondern auch wie die Erwartung davon ist, wie es wahrscheinlich schmecken wird. Auch Pepsi war keine reine Erfolgsgeschichte: vieles in Osteuropa sei schwer einzukalkulieren und wenig vorhersehbar. Weiterhin wurden die damaligen osteuropäischen Konsumenten als wenig markentreu eingeschätzt: natürlich trug man gern "Adidas", "Puma" oder "Nike", als die Bezugsquellen dafür noch nahezu unerreichbar (oder unbezahlbar) erschienen. Gleichzeitig jedoch wechselt man gern zu preisgünstigen Konkurrenzprodukten - oder trinkt in der Krise eben auch einfach Leitungswasser (so die Marktanalytiker). Zusammen mit Pepsi kamen später auch Ketten wie "Kentucky Fried Chicken" oder "Pizza Hut".

Wieviel davon gilt heute auch für Litauen? Versuchen wir also mal genauer hinzuhören, wenn der litauische Landwirtschaftsminister Bronius Markauskas Bedenken äußert; kürzlich hatte er die staatliche litauische Lebensmittelbehörde beauftragt, 33 Produkte identischer Marken aus Deutschland und Litauen genauer zu testen. Angeblich seien bei 23 davon deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung, aber auch in Geschmack, Farbe oder Konsistenz festgestellt worden. "Ein in der EU bekanntes Produkt sollte doch auch gleiche Qualität haben, egal ob in Lissabon, München oder Vilnius gekauft," so Markauskas. Wird hier ein alter Vorwurf gegen die EU-Bürokratie umgedreht? Gern sei an dieser Stelle der "Krümmungsgrad der Gurken" zitiert, den die EU ja angeblich mal vorgeschrieben hat. Völlig identische Einheitsprodukte in ganz Europa? Ist das wirklich wünschenswert?

In litauischen Medien sind Streitpunkte am häufigsten bei folgenden Produktgruppen genannt: Joghurt, Käse, Gebäck, Schokolade, Limonaden, Kaffee, Waschpulver. Genauere Zahlen lässt auch die Pressemitteilung der litauischen Kontrollbehörde leider offen. Als Grund für die Untersuchung gibt Darius Remeika, Chef der litauischen Lebensmittelüberwachung an, "8 von 10 litauischen Konsumenten" hätten behauptet von manchen Produkten "diskriminiert" zu werden. Allerdings habe man schnell festgestellt, dass in fast allen Fällen die Firmen "rein rechtlich" alles richtig gemacht hätten - also seien genauere Untersuchungen nötig gewesen.

Und, was wurde nun festgestellt? Konkret benannt wurden nur vier Beispiele, alle recht vage: Schokolade, die nicht 35% Kakao (wie eine der gleichen Marke in Deutschland), sondern nur 32% habe, Joghurt mit (in Deutschland) höherem Fruchtanteil, Nuß-Nougat-Creme mit ebenfalls höherem Kakaoanteil, und Sonnenblumenöl, das für Kartoffelchips benutzt wurde und in Litauen durch billiges (und umstrittenes) Palmöl ersetzt wurde.

Was das Palmöl angeht, so würde ich ja gern mal mit einem Litauer zusammen durch einen deutschen Supermarkt gehen und versuchen Produkte ohne Palmfett zu finden; kann es also sein, dass - wie schon in der Zeit kurz vor dem EU-Beitritt - die Unternehmen Litauen als "Testmarkt" nutzen? Wenn also Palmöl wirklich Geld spart, wird es dann wohl auch bald in Deutschland verwendet werden, anstatt dass Sonnenblumenöl zurückkehren wird.

Nun beschweren sich allerdings nicht nur die Litauer über angeblich schlechtere Produktqualität westlicher Marken, sondern auch Gäste in Litauen - nur auf ganz andere Art und Weise. "Ich kenne Pizza Hut. Der Fehler ist nur, sie versuchen hier, die Pizza auf litauische Art zu machen," schreibt ein Kunde auf "Travelblog" unter der Überschrift "Das schlechteste Essen in ganz Litauen." "Sie servieren es mit sehr wenig Tomatensauce, oder sogar mit verschiedenen Saucen zum selbst nachwürzen, sehr trockener Teig, und auch der Salat ist nur der Farbe nach vielfältig." Wenn schon Standardqualität, dann auch für ausländische Spezialitäten in Litauen? - Gespannt warte ich dann auf einen litauischen Prüfbericht, ob die Cepelinai in ganz Europa dieselbe Qualität aufweisen ...

18 Juli 2017

Sportlermarkt: sind Litauer halbe Wikinger?

Litauer erfreuen sich steigener Beliebtheit in Deutschland - das scheint vor allem im Sport zu gelten. Vor allem im Handball und im Basketball. "Einen Litauer einkaufen" - damit bereiten sich gleich mehrere Bundesligisten auf die neue Saison vor. Der 24-jährige Marius Grigonis, der jetzt bei "Alba Berlin" unterschrieb, absolvierte zu Anfang seiner Karriere ebenso die Alvydas-Sabonis-Basketballschule wie Žygimantas Janavičius, der mit seinen 28 Jahren bereits ein erfahrener Spieler ist, und es jetzt bei den "Basketball-Löwen" in Braunschschweig versuchen wird. Im Interview wird deutlich, dass auch der deutsche Basketball vielleicht noch etwas von Litauen lernen kann: "Ich bin bereit, meine Erfahrungen aus der litauischen Basketballschule und aus den besten Klubs in Litauen, für die ich gespielt habe, nach Deutschland und zu den Löwen zu bringen."
Würzburgs Trainer Dirk Bauermann beantwortet
Fragen nach dem Wert litauischer Basketballspieler
Erst 18 Jahre alt war Eimantas Stankevičius, als er 2016 als Jugendnationalspieler nach Weißenfels zum MBC (Mitteldeutscher Basketball Klub) kam - auch er aus der Arvydas-Sabonis-Basketballschule in Kaunas.

Richtig fündig werden wir aber bei "S.Oliver Würzburg", wo gleich zwei Litauer neu hinzugekommen sind. Hier muss Trainer Dirk Bauermann (der selbst schon als Trainer in Litauen tätig war) schon Fragen beantworten muss, warum er so viele Litauer holt (diesmal zwei: Osvaldas Olisevičius und Vytenis Lipkevičius). Seine Antwort: es sind einige der talentiertesten Spieler Litauens, sie passen zu unserer europäischen Ausrichtung, und: "Sie gehen auch schon mal mit blutigen Knien und blutigen Ellenbogen nach Hause." Außerdem seien sie "halbe Wikinger" meint Bauermann mit dem Verweis seiner eigenen Erfahrungen in Litauen. Bauermann war 2013 bei "Lietuvos Rytas Vilnius" tätig, wo er jedoch nach nur wenigen Monaten entlassen wurde (siehe "Spiegel").

Es gibt natürlich auch Basketball-spielende Litauerinnen in Deutschland: gerade eben erst sicherte sich der deutsche Meister TSV Wasserburg die Dienste der Litauerin Santa Okockytė (ovb-online). 2016 holten die "Veilchen Ladies" in Göttingen die litauische Nationalspielerin Inesa Visgaudaite und stiegen in die 1.Bundesliga auf.

Einige weitere deutschsprachige Medien und Portale haben eher wegen "Yellow-Press"-Schlagzeilen Interna der litauischen Basketball-Liga entdeckt: so ging zum Beispiel Ex-NBA-Spieler Linas Kleiza kürzlich als neuer Vizepräsident zu Lietuvos Rytas (LR) (BBLprofis). Allerdings wird die eigentliche Ursache des Vorgangs nicht immer mit genannt: Kleiza erwarb ein ordentliches Aktienpaket vom Eigentümer, Ex-Pokerspieler und Politiker Antanas Guoga (weitere Anteile hält die Stadt Vilnius sowie der Unternehmer Darius Gudelis). Die Tatsache, dass Guoga überhaupt der Mehrheitseigentümer ist, verdanken wir wohl (außer seiner eigenen Selbstdarstellung) der Tatsache, dass er sein Vermögen durch Pokerspielen erwarb und die entsprechenden Seiten immer noch über ihn berichten (siehe "PokerFirma") - "Die Welt" sortierte ihn mal unter die "schillernsten EU-Ageordneten"; Guoga verdient gewissermaßen doppel am Basketball: das eigene Portal "Tonybet" nimmt die Wetteinsätze entgegen.
Guogas Vorgänger im Amt des LR-Präsidenten, Gedvydas Vainauskas, (derselbe, der auch Bauermann frühzeitig rausschmiss) war mit der Aussage aufgefallen, nie mehr als zwei "Schwarze" in seinem Team haben zu wollen, weil diese dann "Gangs bilden" würden. Die öffentlichen Proteste, vom litauischen Basketballverband wie auch von litauischen Ex-NBA-Spielern waren so groß dass er sich genötigt sah, seine Anteile zu verkaufen und zurückzutreten.

23 März 2017

Frühling heißt Litauen!

Wo liegt Rukla? Keine Sehenswürdigkeit für Touristen, aber immerhin der Ort wo seit kurzem deutsche Soldaten in Litauen stationiert sind. Ein Aufregerthema, sollte man meinen - zumindest die russischen Staatsmedien sehen es genauso, und wirken in ihren Schlagzeilen schon fast verzweifelt-ironisch: "NATO-Bataillone auf der Suche nach russischen Aggressionen" titelt RTDeutsch. Das klingt schon sehr bemüht, das Thema am Kochen zu halten. - Derweil sind die deutschen Feuilletons voll mit litauischen Themen: inspiriert und injiziert vom Litauischen Kulturinstitut (nicht zu verwechseln mit dem Litauischen Kulturinstitut in Hüttenfeld) ist es offenbar gelungen, in diesem Jahr den Slogan auszugeben: Frühling heißt jetzt Litauen! 

Besonders beim Rückblick auf das Jahr 2009, als die vielversprechenden Ansätze der Kulturhauptstadt Vilnius in der Wirtschaftskrise und internen Streitigkeiten untergingen, überrascht in diesem Jahr die flächendeckende Präsenz der litauischen Bücherthemen: eigentlich kann es sich in diesen Tagen keine deutsche Tageszeitung, kein Internetportal, kein Radiosender leisten, Litauen nicht zu thematisieren. Dabei hilft auch die große Auswahl an frisch übersetzten Büchern: vom litauischen Exil-Klassiker Antanas Škėma (das weiße Leintuch),kultur-übergreifenden Themen wie Undiné Radzevičiūtė (Fische und Drachen), jüdisches von Grigori Kanowitsch (Die Freuden des Teufels) oder dem Vilnius-Band bei Hentrich&Hentrich, über Gespräche und Erinnerungen des Weltbürgers Tomas Venclova (der magnetische Norden), bis zur Zusammenstellung junger litauischer Literatur von Jurgita Ludavičienė. Dazu kommen Autorinnen und Autoren, die nicht zum ersten Mal auf dem deutschen Buchmarkt vertreten sind: Kestutis Kasparavičius (Die Reise ins Schlaraffenland), Laurynas Katkus (Moskauer Pelmeni), Ruta Sepetys (Salz für die See), Alvydas Šlepikas (Der Regengott), Eugenijus Ališanka (Risse), Romualdas Granauskas (die traurigen Flüsse) und Jurgis Kunčinas (Tūla), der im Dezember 2002 verstarb, aber noch einer der Gäste beim Litauen-Schwerpunkt damals in Frankfurt gewesen war. Nicht zu vergessen Giedra Radvilaviciute (Langer Spaziergang auf der kurzen Mole), eine wirkliche Neuentdeckung. Und damit sind nicht einmal alle Neuerscheinungen genannt.

Über die bloße Präsenz Litauens in den Kulturspalten hinaus wird es interessant sein mitzuverfolgen, in welche Richtung Rezensionen, Wertungen, Einordnungen und längerfristige Beachtung gehen werden. Inzwischen ist schon eine lange Reihe verschiedener Beiträge nachzulesen.
Da geht es manchen zunächst um ganz grundsätzliche Fragen ("Wo liegt eigentlich Litauen?", MDR, "Fernes, nahes Land" LVZ), ("Was ist neu?" Port01). Oder die Frage wird strapaziert, warum ein Land wie Litauen Buchmessenschwerpunkt wird ("Einfacher wäre es anderswo", NZZ), auch in Bezug zu Einwohnerzahl und Größe ("Kleines Land plant große Buchmesse", Morgenpost, NWZ). Speziellere Fragen stellt die Deutsche Welle ("Was die Litauer gerne lesen - und was man über sie lesen kann").

Andere sehen litauische Literatur auch auf dem Weg zum menschlichen Wohlbefinden ("Dichtung gegen das Glück", Deutschlandradio). Nicht vergessen wird auch, wie viele Schwierigkeiten Litauen bisher zu bewältigen hatte ("Land der Umbrüche", börsenblatt). Oder man nimmt die stolzen Litauer in den Fokus ("Selbstbewußte Community", Deutschlandfunk), Freiheitsbewußte ("Land der freien Dichter", Welt) oder die Schicksalsfragen ("Tick tack hinter der Wand", Süddeutsche Zeitung).

Andere sehen Litauen vor allem im digitalen Zeitalter angekommen ("Weniger Bücher, mehr Wlan", Deutschlandradio), oder geben gar alternative Trendvorschläge ("Poesie statt Panzer", The European).
Litauische Literatur wird auch im Zusammenhang mit europäischen Fragen gesehen ("Alltag am Rande der EU", idw), den EU-Nachbarn ("An der Grenze zwischen Europa und Nichteuropa", LVZ), oder zumindest in Zusammenhang mit dem Zustand Europas ("Sanfte Patrioten", Spiegelonline, oder "Sensibler Seismograph", SRF, ganz ähnlich der Deutschlandfunk).
Manche ziehen auch schon Schlüsse daraus ("Die Langsamkeit der Zukunft", Tagesspiegel), oder stellen noch immer einen Blick auf die Vergangenheit fest ("In der Erinnerungsschleife", NZZ). Nur für sehr wenige folgt daraus eine eher negative Bewertung der Situation in Litauen ("In den Strudeln der Vergangenheit", Neues Deutschland), um das dann aber mit weiteren Beiträgen zu relativieren ("Jung aber nicht böse", Neues Deutschland).

Auch sprachliche Freudenausbrüche lassen sich finden ("vier Tage geballte Liebe", NZZ), manchmal auch voller Bewunderung für mutige Schriftsteller/innen ("Zaubern und jonglieren", LVZ). Eine andere Strategie ist es, die kulturvermittelnden Übersetzer/innen erzählen und erläutern zu lassen: so wie Claudia Sinnig im Börsenblatt, Litauen-Kenner Cornelius Hell (beim Bayrischen Rundfunk), oder auch von den eigenen Kulturredakteur (Jörg Plath im DeutschlandradioKultur). Es gibt auch eigenwillige Einschätzungen ("Selbstironie und skurille Tragik", Tagespost), andere sind bereits überzeugt: Litauen ist ein Literaturland! (ARTE)

Kritische Worte gibt es zu lesen von Übersetzer Markus Roduner z.B. in der Tiroler Tageszeitung und bei Europeonline ("Verleger zu wenig risikobereit"). Andere thematisieren, dass die Lage allgemein kritisch sei ("Buchmesse Leipzig gibt sich stark politisch", Deutsche Welle,  "Buchmesse jongliert Politik und Literatur", ebenfalls Deutsche Welle).
In seltenen Fällen werden sogar Bücher vorgestellt, die gar nicht zu den 26 von Litauen offiziell vorgestellten und finanziell unterstützten Publikationen gehören ("Der 2.Weltkrieg aus osteuropäischer Perspektive", FAZ-Blog)

Manche Journalisten haben es auch bereits vor Beginn der Messe zu Einzelrezensionen geschafft ("Unter Luftgreisen", Süddeutsche Zeitung oder auch "Sind wir nicht alle auf der Flucht und im Exil?", Welt). Hoffentlich ist das Medieninteresse nicht schnell wieder erloschen - wir warten auf mehr!

06 Februar 2017

Ein neues, baltisches Berlin?

Sonderstatus Berlin (West): Wunschbild
für Vilnius heute) ?
Die NATO solle doch bitte die baltischen Staaten genauso behandeln wie West-Berlin zu Zeiten des Kalten Krieges - so schreibt Edward Lukas, britscher Journalist, Redakteur der Wochenzeitschrift „The Economist“, von 1998 bis 2002 Korrespondent in Moskau, Autor des Buches „The New Cold War". Lukas, der auch schon mal als Anti-Snowden Advokat auftrat (siehe FAZ), schrieb diese Worte aus Anlaß des 10. sogenannten "Snow-Meetings", das am 12. und 13. Januar 2017 in Paunguriai in der Nähe von Trakai stattfand. Nein, in diesem Fall ist nicht "Snowden" gemeint, sondern ein informelles Treffen von litauischen und internationalen außenpolitischen Experten.

Allerdings ändern sich die Rahmenbedingungen beständig: die leicht überhebliche Feststelltung von Lukas, "Putin sei nun auch schon 63, der Ölpreis und der Rubel-Dollar-Wechselkurs immer noch stabil" (CEPA) geht davon aus, dass Russlands Stellung international weiterhin eher geschwächt ist - während spätestens mit Amtsantritt Trumps, aber auch mit dem Desaster in Syrien und dem offenbar vorerst endlosen Gerangel in der Ukraine den meisten klar wird, dass es eine Wunschvorstellung ist, Russland so leicht in den Schranken halten zu können. Lukas' Rezept jedenfalls ist einfach: "We should be checking our locks, not opening doors". 

Nun klingt diese Devise allerdings - zumindest in ihren Auswirkungen - verblüffend ähnlich dem, was Trump laut mit seinem "Amerika first" verkündet. Abschottung, Grenzen zu, Hauptsache alle Türen sind fest verschlossen? Ob Herr Lukas sich die Unterschiede zwischen den heutigen baltischen Staaten und dem damaligen Berlin genau angesehen hat? 
  • - Berlin war kein Teil der Bundesrepublik (Status mit Sonderregeln, festgelegt im Viermächte-Abkommen, Text) 
  • - West-Berlin war ein Paradies für Spione und militärische Geheimdienste aller Seiten, für Gerüchte und Verschwörungsfanatiker.
  • - West-Berlin und Ost-Berlin waren durch Todesstreifen, Stacheldraht und Mauer voneinander getrennt. 
  • - In Berlin-West wurden die Bundestagsabgeordneten nicht vom Volk gewählt (und in Berlin-Ost war das nur scheinbar anders)
  • - Bürgerinnen und Bürger West-Berlins leisteten keinen Wehrdienst
Nun können wir uns ja mal vorstellen - für den Fall Litauens zum Beispiel - das heutige Litauen wäre wie das Kalte-Kriegs-Berlin (West). Sollen die baltischen Staaten einen Sonderstatus bekommen, oder haben sie den bereits? Als Tummelplatz für allerlei Geheimdienste kann Litauen sicher heute schon mithalten. Nur wenig anderes müsste noch neu eingeführt werden:
  • An der östlischen Grenze der Aufbau eine Mauer mit Stacheldraht (ist im Bau)
  • Litauen wählt keine Abgeordneten mehr ins EU-Parlament, sie werden einfach von der Regierung entsandt
  • Litauerinnen und Litauer leisten keinen Wehrdienst innerhalb der NATO
Es ist leicht zu erkennen, dass der Status von Berlin-West fast nichts "heldenhaftes" hatte, das sich heute als Vorbild eignen würde. In ein paar vergessenen Winkeln der Stadt entstand Platz für verrückte Ideen und Andersdenkende, ok (ist daran Mangel im heutigen Vilnius?). - Aber dass es 1961 wegen Mauerbau und Kuba-Krise nicht zu einem Krieg kam, wem ist das zu verdanken? Viele, gerade im Westen, hätten sich damals ein "Einschreiten" gewünscht - und schnell, bei anderen weltpolitischen Rahmenbedingungen, wäre auch damals das "Abschecken" wohl in einem "Erschrecken" geendet. Dazu kommt auch, dass ein "West-Berlin" immer auch ein "Ost-Berlin" bedingt hat - denn wer sich den Berlin-Status herbeiwünscht, sollte in der Lage sein, sich die Interessen aller Seiten vorstellen zu können. An diesem Punkt fallen dann vielleicht doch Parallelen zur heutigen Ukraine auf, mit der Aufteilung in zwei Interessengebiete. Aber ukrainische Zustände wünscht sich selbst ein Herr Lukas - hoffentlich - nicht, auch nicht für Litauen.


09 Juli 2016

Liddl in Lidltuva

Eigentlich hatte das niemand erwartet in Litauen: die deutsche Lebensmittelkette "LIDL" schien schon vor 10 Jahren die baltischen Märkte verloren zu haben. "Scheitern im Baltikum" schrieb 2006 das "Manager-Magazin", und die "Wirtschaftswoche" urteilte: "Lidl scheitert im Norden." Damals wurden bereits erworbene Grundstücke wieder verkauft, und Lidl-Vertreter wurden mit der Aussage zitiert, die baltischen Staaten seien als Markt einfach zu klein.

Inzwischen ist Litauen "Maxima"-Land. Gegründet 1992 von inzwischen legendären zwei Medizinstudenten, inzwischen im Besitz der Holding "Vilnius Prekyba", gibt es inzwischen 235 "Maxima"-Supermärkte in Litauen. 550.000 Kunden in Litauen pro Tag zählt die Maxima-Geschäftsleitung, und 1,4 Milliarden Euro Umsatz. 16.000 Beschäftigte in Litauen, 30.000 in Lettland, Polen, Weißrussland und Litauen insgesamt. Daneben gibt es in Litauen auch noch Märkte von IKI, RIMI, NORFA und AIBÈ.

Leben wie im Werbespot:
konsumieren was geht ...
Und nun LIDL. Kommentare in litauischen Medien zeigen. dass der große Zuspruch der neuen Läden überrascht - lange Schlangen vor vielen Geschäften, große Euphorie der Litauerinnen und Litauer auf der Suche nach Preisnachlässen und Sonderangeboten (siehe Video). Vielleicht hat überrascht, dass die Marke "LIDL" bei Litauerinnen auch schon einen hohen Bekanntheitsgrad hatte - aber schließlich gibt es schon seit einiger Zeit den Einkaufstourismus mittels Billigflieger, der eigentlich nur vor einheimischen Produkten halt macht.

"2015 gab es die bemerkenswerte Situation, dass es in Litauen überhaupt keine Discounter gab", sagt Jekaterina Smirnova in ihrem Blog bei Euromonitor (siehe auch: delfi.lt). Sie weist auch darauf hin, dass es in letzter Zeit sowohl einen zunehmenden Strom von Einkaufstourimus Richtung Polen gegeben habe, wie auch sogar einen Boykott verschiedener Geschäfte wegen hoher Preise. Andererseits stünden bei LIDL nur 20% einheimische Produkte im Regal - auf dieses Argument baute u.a. MAXIMA sehr stark. Es gibt aber nur vier Lebensmittel-Großhändler in Litauen - Maxima LT, Palink, Norfos Mazmena and Rimi Lietuva - MAXIMA hält dabei mit 36% den größten Anteil.

Rein ökonomisch braucht also die Konkurrenz in Litauen zunächst keine Angst vor LIDL zu haben - so schnell wird Litauen nicht zu LIDLTUVA. Auffällig aber vor allem die vielen abwertenden Kommentare in den "sozialen" Netzwerken: Spott für die Schlange Stehenden. Vielleicht sehen die einen hier irregeleitete Konsumjünger, für andere ist offenbar der "Homo Sovieticus" auferstanden, der eben Schlange stehen gewöhnt sei. Es wird aber auch daran erinnert, dass viele in Litauen mit 500 Euro monatlich auskommen müssen, also müsse man doch denjenigen danken, die Waren "zu humanen Preisen" anbieten. In den ersten Verkaufstagen Anfang Juni soll es sogar Schwächeanfälle bei älteren in den Warteschlangen Stehenden gegeben haben - Rettungswagen waren im Einsatz, Trinkwasser musste bereit gestellt werden. Auch ein schon zu anderen Anlässen erprobtes "Lockmittel" kam zum Einsatz: billige Bananen.

Ob LIDL allerdings Litauen als Markt so richtig ernst nimmt, muss abgewartet werden. Die Schwarz-Gruppe, zu der LIDL gehört, plant (laut "Manager-Magazin") 2018 einen noch wesentlich größeren Markt zu erobern, sicherlich auch mit wesentlich höherem Risiko: die USA.