26 September 2017

Verkostung Ost

Schmeckt Osteuropa anders? - Unter den Lebensmittelkonzernen hat wohl Pepsi Cola die längste Geschichte einer speziellen Geschmacksorientierung in Osteuropa: als infolge einer Übereinkunft zwischen Nikita Chruschtschow und Richard Nixon (1959) dem Pepsi Konzern erlaubt wurde den bräunlich-süßlichen Drink auch in der Sowjetunion zu verkaufen, war es rein ökonomisch ein Erfolg (im Austausch mit importiertem Wodka). Pepsi exportierte allerdings nur anfangs - später, ab 1974, wurde der begehrte Stoff in der Sowjetunion selbst hergestellt. Von nun an wurde Pepsi von den betroffenen Konsumenten als "sowjetisches Produkt" eingestuft - das konnte wohl kaum genauso gut schmecken wie im Westen. Auflösung gab es erst 1989 mit dem Fall des "eisernen Vorhangs": nun wurde der Markt in den Ex-Sowjetstaaten für Pepsi sogar zu einem ökonomischen Standbein, während in vielen anderen Ländern der Welt längst Coca-Cola der Marktführer war.

ein historisches Foto: Chruschtschow probiert
erstmals eine Cola (Quelle: ceuweekly)
Wir lernen: es ist nicht nur wichtig, wie es schmeckt, sondern auch wie die Erwartung davon ist, wie es wahrscheinlich schmecken wird. Auch Pepsi war keine reine Erfolgsgeschichte: vieles in Osteuropa sei schwer einzukalkulieren und wenig vorhersehbar. Weiterhin wurden die damaligen osteuropäischen Konsumenten als wenig markentreu eingeschätzt: natürlich trug man gern "Adidas", "Puma" oder "Nike", als die Bezugsquellen dafür noch nahezu unerreichbar (oder unbezahlbar) erschienen. Gleichzeitig jedoch wechselt man gern zu preisgünstigen Konkurrenzprodukten - oder trinkt in der Krise eben auch einfach Leitungswasser (so die Marktanalytiker). Zusammen mit Pepsi kamen später auch Ketten wie "Kentucky Fried Chicken" oder "Pizza Hut".

Wieviel davon gilt heute auch für Litauen? Versuchen wir also mal genauer hinzuhören, wenn der litauische Landwirtschaftsminister Bronius Markauskas Bedenken äußert; kürzlich hatte er die staatliche litauische Lebensmittelbehörde beauftragt, 33 Produkte identischer Marken aus Deutschland und Litauen genauer zu testen. Angeblich seien bei 23 davon deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung, aber auch in Geschmack, Farbe oder Konsistenz festgestellt worden. "Ein in der EU bekanntes Produkt sollte doch auch gleiche Qualität haben, egal ob in Lissabon, München oder Vilnius gekauft," so Markauskas. Wird hier ein alter Vorwurf gegen die EU-Bürokratie umgedreht? Gern sei an dieser Stelle der "Krümmungsgrad der Gurken" zitiert, den die EU ja angeblich mal vorgeschrieben hat. Völlig identische Einheitsprodukte in ganz Europa? Ist das wirklich wünschenswert?

In litauischen Medien sind Streitpunkte am häufigsten bei folgenden Produktgruppen genannt: Joghurt, Käse, Gebäck, Schokolade, Limonaden, Kaffee, Waschpulver. Genauere Zahlen lässt auch die Pressemitteilung der litauischen Kontrollbehörde leider offen. Als Grund für die Untersuchung gibt Darius Remeika, Chef der litauischen Lebensmittelüberwachung an, "8 von 10 litauischen Konsumenten" hätten behauptet von manchen Produkten "diskriminiert" zu werden. Allerdings habe man schnell festgestellt, dass in fast allen Fällen die Firmen "rein rechtlich" alles richtig gemacht hätten - also seien genauere Untersuchungen nötig gewesen.

Und, was wurde nun festgestellt? Konkret benannt wurden nur vier Beispiele, alle recht vage: Schokolade, die nicht 35% Kakao (wie eine der gleichen Marke in Deutschland), sondern nur 32% habe, Joghurt mit (in Deutschland) höherem Fruchtanteil, Nuß-Nougat-Creme mit ebenfalls höherem Kakaoanteil, und Sonnenblumenöl, das für Kartoffelchips benutzt wurde und in Litauen durch billiges (und umstrittenes) Palmöl ersetzt wurde.

Was das Palmöl angeht, so würde ich ja gern mal mit einem Litauer zusammen durch einen deutschen Supermarkt gehen und versuchen Produkte ohne Palmfett zu finden; kann es also sein, dass - wie schon in der Zeit kurz vor dem EU-Beitritt - die Unternehmen Litauen als "Testmarkt" nutzen? Wenn also Palmöl wirklich Geld spart, wird es dann wohl auch bald in Deutschland verwendet werden, anstatt dass Sonnenblumenöl zurückkehren wird.

Nun beschweren sich allerdings nicht nur die Litauer über angeblich schlechtere Produktqualität westlicher Marken, sondern auch Gäste in Litauen - nur auf ganz andere Art und Weise. "Ich kenne Pizza Hut. Der Fehler ist nur, sie versuchen hier, die Pizza auf litauische Art zu machen," schreibt ein Kunde auf "Travelblog" unter der Überschrift "Das schlechteste Essen in ganz Litauen." "Sie servieren es mit sehr wenig Tomatensauce, oder sogar mit verschiedenen Saucen zum selbst nachwürzen, sehr trockener Teig, und auch der Salat ist nur der Farbe nach vielfältig." Wenn schon Standardqualität, dann auch für ausländische Spezialitäten in Litauen? - Gespannt warte ich dann auf einen litauischen Prüfbericht, ob die Cepelinai in ganz Europa dieselbe Qualität aufweisen ...
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