18 März 2018

Von toten Pferden, notwendigen Paten, und neuem Aufbruch

Litauen hat sich etabliert auf dem deutschen Buchmarkt. Warum? "Vielleicht, weil die Deutschen immer schon die Kurische Nehrung kannten," bekomme ich am Litauen-Stand in Leipzig zu hören. Allerdings: warum wurde Litauen so lange aus deutscher Sicht ignoriert, wenn denn die Kurische Nehrung angeblich so bekannt war?

Litauen-Diskutanten in Leipzig 2018: Journalist Gregor Dotzauer,
Verleger Sebastian Guggolz,
Matthias Weichelt (Sinn und Form),
und Torsten Ahrend (Wallmann-Verlag)
Nein, keine Sorge, von Thomas Mann war an dieser Stelle nicht schon wieder die Rede. 2017 war Litauen-Schwerpunkt auf der Buchmesse Leipzig - ein sehr sonniges Wochenende war es übrigens - und 2018 war Nachbereitung angesagt (bei heftigem Schneeregen draußen). "Hilft der Gastland-Titel beim Bücherverkauf?" so das Thema einer halbstündigen Diskussionsrunde.

Von Pferden war die Rede. Nein, nicht von Tiertransporten aus Litauen, sondern von denen die anderen zum Erfolg verhelfen sollen: die Zugpferde. Vor allem Tomas Venclova wurde hier strapaziert - nicht ohne die besorgte Nachfrage, ob Venclova überhaupt in Litauen genauso beliebt sei wie im Ausland.

Pate Venclova

Es diskutierten: zwei Journalisten, die 2017 in den Genuß einer kostenlosen Geschäftsreise ins Buchmessen-Gastland spendiert bekommen hatten, und zwei Verleger, von denen aber nur einer ein (in Worten: ein) Buch eines litauischen Schriftstellers herausgegeben hatte. Ob auch tote Pferde taugen - wurde der Verleger gefragt, denn Antanas Škėma, der Autor eines der 2017 über 30 neu erschienenen Bücher aus Litauen, starb schließlich bereits 1961, weit entfernt von Litauen.

Litauen auf der Buchmesse Leipzig 2018
Es gibt in Deutschland eigentlich keine Vorurteile oder Klischees gegenüber Litauen, stellte die versammelte Runde gemeinsam fest. "Vielleicht noch eine Spur Sowjetvergangenheit," meint Verleger Guggolz, "aber in meiner Generation steht das Baltikum für Aufbruch." -
Baltikum? - "Ich habe vor allem gelernt, diese drei Länder zu unterscheiden," meinten Ahrend wie auch Weichelt, "die drei Länder verstehen sich gar nicht als Baltikum. Das ist vielleicht nur unser grober, deutscher Blick." - Eine Erkenntnis, die allerdings offenbar nicht durchs Bücherlesen gewachsen ist, sondern durch "unser Privileg nach Litauen reisen zu dürfen".

Litauisch-lettische Geschwister

Ahrend erzählt anschließend von der Litauerin Irena Veisaite, die er als "Schwester von Valentina Freimane" bezeichnet (deren Buch 2015 im Wallstein-Verlag erschien). Oha, sensationelle neue kulturelle Verwandschaften? Nun ja, es ist wohl als eine kleine Rechtfertigung gemeint, denn in seinem Verlag erschien 2017 kein einziges der vielen neuen Litauen-Bücher. Ein Buch von Veisaite, das stehe nun aber bevor.
Gibt es eine "Literatur der Region"? fragt Moderator Dotzauer in die Runde, nicht ohne in seiner Frage tatsächlich den direkten Vergleich von "Balkan" zu "Baltikum" ziehen zu wollen und damit den vorher von den Kollegen so betonten Erkenntnisgewinn zu den Unterschieden wieder in Frage zu stellen. Guggolz weist auf den gemeinsamen Schwerpunkt der Buchmesse London hin - immerhin treten dort alle drei baltische Staaten gemeinsam auf. Guggolz wie auch Ahrend nutzten die Gelegenheit, auch ihre nächsten Buchprojekte zum Thema Estland gleich mit zu bewerben: "da geht es auch um Heimat, Nostalgie, Aufbruch und Verlorenheit".

Abschlußbild mit litauischen und deutschen Beteiligten
Immerhin durfte jeder der Podiumsgäste zum Abschluß noch ein paar andere seiner Litauen-Lieblingsbücher nennen - sonst wäre diese halbe Diskussionsstunde fast zu reiner Ankündigungs-rhethorik der jeweiligen Verlagsprojekte geworden. So kam auch Jonas Mekas noch zu Ehren, und sogar Ričardas Gavelis, dessen "Vilnius Poker" allerdings immer noch nicht auf Deutsch vorliegt.

Litauen - kaum zu toppen!

Jedenfalls auch die finanzielle Unterstützung der Übersetzungen sei reibungslos, das betonten die auf dem Podium vertretenen Verleger. Wie überhaupt der Buchmessen-Auftritt Litauens 2017 sensationell gut gelaufen sei. Sebastian Guggolz meinte sogar: "Es wird schwer sein, den litauischen Auftritt zu übertreffen!" Für ein Land von der Größe von Litauen sei Leipzig zudem besser gewesen als etwa Frankfurt. Die Zuständigkeiten seien sehr klar geordnet gewesen, und immer habe er Unterstützung von vielen Seiten gespürt, und auch die Zusammenarbeit mit den Übersetzer/innen sei sehr befruchtend gewesen. - Die Litauerinnen und Litauer im Publikum, besonders die Vertreterinnen des litauischen Kulturinstituts, werden es gern gehört haben.
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