24 November 2019

Mutters Rückkehr ins Remigrantenland

Es ist ein aktuelles Thema derzeit in Litauen: die Diskussion um die vielen Arbeitsmigrant/innen, die auf der Suche nach angemessen bezahlten Jobs zeitweilig oder längerfristig in anderen EU-Ländern leben. Gerade aus Anlaß verschiedener Jahrestage - ob 30 Jahre "Baltischer Weg", oder "30 Jahre Mauerfall" - fühlen sich viele Litauerinnen und Litauer erinnert an die eigentlichen Ziele, die einmal für das eigene Land erträumt wurden. Viele würden es gerne sehen, wenn der Trend umgekehrt werden könnten und die Auswanderer "remigrieren" würden - zurück in die Heimat. Der litauische Regisseur Tomas Vengris versetzt uns mit seinem neuen Film "Motherland" (Gimtinė) in eine ebensolche Situation: allerdings als ein Rückblick auf das Jahr 1992.

Basis dieser Geschichte ist Viktorija (Severija Janušauskaitė), die 20 Jahre zuvor Litauen verlassen hatte und in die USA ging. Nun kehrt sie zusammen mit Kovas (Matas Metlevski), ihrem 12-jährigen Sohn, nach Litauen zurück. Zu Anfang des Films passiert in etwa das, was erwartbar ist: Ankunft am Flughafen Vilnius, Treffen mit Verwandten, Fahrten aufs Land. Der Film macht sich aber vor allem die Sichtweise von Kovas zu eigen: er scheint auf der Schwelle zu stehen zwischen Befolgung dessen, was seine Mutter gerne will, und der Suche nach der eigenen Identität. Mit fast ungläubigem Staunen nimmt er die schier unübersehbare Vielzahl angeblicher Verwandter wahr, und nimmt es gleichmütig hin, dass ihm die gleichaltrigen jungen Litauerinnen und Litauer die US-Kaugummis fast aus der Hand reißen.

Wie so oft in Filmen, in denen Audrius Kemežys für die Kameraführung verantwortlich zeichnet, ist es der Fokus für Details am Rande, feine, detaillierte Beobachtungen, die im Verlauf langsam den Zuschauern einen roten Faden anbieten. "Aha, die Ameriker sind da!", ruft einer der wieder entdeckten Verwandten angesichts des Besuchs aus der Ferne aus. Zunehmend verschiebt sich der Blickwinkel zugunsten von Kovas - während seine Mutter immer mal wieder telefonieren muss und klar wird: sie ist frisch geschieden und sucht hier im gerade unabhängig gewordenen Litauen auch einen persönlichen Neuanfang.

1992 ist der Gegensatz Ost-West noch groß und spürbar. Den "Wessis" scheinen dabei die Gesetzmäßigkeiten des litauischen Dorflebens, die Beziehungen der Menschen untereinander als ziemlich undurchschaubar. Dabei existieren keinerlei sprachliche Barrieren: auch Kovas spricht fließend Litauisch, aber seine Zurückhaltung bezieht sich auch daraus, dass er den wirklichen Absichten seiner Mutter erst auf die Spur kommen muss. Was will sie von Romas (Darius Gumauskas), der offenbar so etwas wie eine "Jugendliebe" der Mutter ist? Romas bietet Hilfe an bei den Versuchen, den alten Hof wiederzubekommen, der enteignet wurde als die (Groß-)Eltern abgeholt und ins Arbeitslager nach Sibirien gezwungen wurden. Die realen Verhältnisse, 20 Jahre nach der Emigration Richtung USA, erweisen sich als schwierig: die stark renovierungsbedürftigen Gebäude werden überraschend von einer verarmten russischen Familie bewohnt, die alles andere als gewillt scheint, ihren bisher wohl eher unauffälligen Wohnsitz so einfach aufzugeben.

Viktorija will jedoch nicht aufgeben und auch Romas scheint fest entschlossen, den Besitz zurückzufordern. Für Kovas indessen rückt Romas Tochter Marija (Barbora Bareikytė) in das Blickfeld. Während die erotischen Anbändeleien seiner Mutter und der schier allgegenwärtige Alkoholzuspruch ihn eher langweilen, lernt er von Marija zunächst mal was es bedeutet, sich in dieser engen, konservativen Wagenburg des litauischen Landlebens zu behaupten. Am Schluß wird deutlich, dass die allgemein menschlichen Attribute viel mehr weiterhelfen als die scheinbaren Vorteile der Wessis oder die sture Widerspenstigkeit der Dörfler.

Regisseur Tomas Vengris kann auf eigene Erfahrungen zurückblicken bei der Auswahl seines Filmthemas: er wuchs in Washington als Sohn litauischer Einwanderer auf und kam tatsächlich mit seiner Mutter Virginija Vengrienė und seiner Schwester Indre im Alter von 7 Jahren 1992 erstmals nach Litauen (moteris.lt). Vengrienė, langjährige Aktivistin der Litauischen Gemeinschaft in den USA und Mitarbeiterin bei "Voice of America", bekam 2018 aus den Händen des litauischen Außenministers einen Preis als Anerkennung für ihr Lebenswerk überreicht ("Global Lithuanian Award" - delfi). Die Filmgeschichte hat also nicht nur einen realen Hintergrund - sondern ist auch verbunden mit Personen, die in Litauen inzwischen fast jeder kennt; auch Tomas' ältere Schwester Indre, erfolgreiche Tänzerin und Modemacherin, die in die Rockefeller-Familie einheiratete (žmonės).
Im Pressegespräch erzählt Tomas Vingris von wichtigen Begegnungen auf der Berlinale 2015, als er seinen Kurzfilm "Squirrel" präsentieren konnte. "Dort habe ich auch die litauische Produzentin Uljana Kim kennengelernt", verrät er (Draugas).

Auf einen hohen Bekanntheitsgrad in Deutschland kann Hauptdarstellerin Severija Janušauskaitė bereits aufbauen - es muss nur an die Serie "Babylon Berlin" erinnert werden, wo sie als russische Doppelagentin glänzte und sogar einen Auftritt mit dem Song "Zu Asche, zu Staub" hatte (siehe Interview). Fans von Sverija wissen längst, dass sie bald auch wieder mit dem Moka Efti Orchester auf Deutschlandtour gehen wird.

Filmsohn Matas Medlevski (Kovas) dagegen konzentriert sich eher aufs litauische Publikum, wenn er im Interview bekennt "Ich liebe Litauen mehr als Amerika" (Respublika). Aufgewachsen ist der Film-Newcomer tatsächlich in den USA: in Manhattan, Kansas. Jemand wie ihn hatte Vengris offenbar gezielt unter den Mitgliedern der Litauischen Gemeinschaften in den USA gesucht.

Eine meiner Lieblingsszenen im Film: Mutter und Sohn sitzen inmitten den Resten einer sowjetlitauischen Kirmesanlage. Es ist wiederum der Kamerablick, der stets in großer Nähe zu den Darstellern bleibt, auch in diesem Moment, in dem die beiden Neu-Litauer fast wie abgeworfen wirken vom schnell sich drehenden litauischen Schicksalskarussel. Der Mutter wird klar, dass ihre Träume ohne eine kräftige Finanzspritze von Seiten ihres Ex-Ehemannes wohl keine großen Chancen haben, sie beginnt aber wahrzunehmen, dass ihr Sohn ganz eigene Erfahrungen im Heimatland der Mutter macht, dabei der Kontakt zwischen den beiden aber nicht verlorengeht.

Es gibt auch noch eine weitere super Szene - aber die hat mit dem Ende des Films zu tun, mit beiden jungen Leuten, und die möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten - ein Argument jedenfalls, dass der Film es schafft bis zum Ende Spannung zu erzeugen auch daraus, dass die Zuschauer die Mechanismen des allzu litauischen Beziehungsgeflechts langsam kennenzulernen beginnen - stabiles gegenseitiges Vertrauen den Turbulenzen zwischen dem zusamenbrechenden Sowjetsystem und aufblühenden Illusionen der frisch kapitalisierten Litauerwelt zu trotzen vermag. Selbst inmitten der schnellen Veränderungen von Gesellschaft und Staat im Jahre 1992 offenbaren sich Konstanten: am Ende bleibt die Liebe plus ein Stück Wagemut und menschlicher Wärme.

Tomas Vengris mit seiner Produzentin Uljana Kim
(als Preisträger des "
Eurimages Co-Production
Development Award")
Einen Teil seiner Qualität gewinnt der Film durch die Kamera von Audrius Kemežys, einem der besten Kameraleute Litauens, der es hier schafft immer sehr nahe an den Akteuren zu sein und so beim Zuschauer eine Verbundenheit zum Geschehen zu erzeugen. Ob durch halb geschlossene Türen, vorbei am Vorhang am Fenster, oder inmitten eines Pulks von Menschen, die zwar als miteinander verwandt angekündigt werden, aber doch sehr unterschiedliche Eigeninteressen vertreten. - Leider verstarb Kemežys, vierfachter Träger des Litauischen Kamerapreises, im Februar 2018 kurz nach Fertigstellung des Filmes.

"Motherland" ist eine Produktion unter Beteiligung von in vier Ländern: das Studio "Uljana Kim" in Litauen, "Locomotive Productions" in Lettland, Faliro House aus Griechenland und "Heimathafen Film" aus Deutschland. Das Projekt wurde unterstützt vom Litauischen Filmzentrum mit 360.000 Euro und vom Nationalen Filmzentrum Lettlands mit 60.000 Euro. Dazu kommen 130.000 Euro von Eurimages (der Kulturstiftung des Europarats) und einer Unterstützung für die Projektentwicklung vom "Creative Europe Programme - Media". (20.000 Euro). Im Verleih bei Alphaviolet (Trailer).

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