21 August 2015

Litauischer Bernstein, teurer Bernstein

Werden die Souvenirs in Litauen demnächst erheblich teurer werden? Jedenfalls sind erhebliche Steuererhöhungen für die Bernsteingewinnung im Gespräch - Bernstein wird ja nicht nur, wie manche vielleicht glauben, von Sammeln am Strand gefunden, sondern auch in großen Mengen aus oberflächennahen Bernsteinschichten abgebaut. Wie das genau vor sich geht, haben die litauischen Bernsteinmuseen anschaulich (auch auf Deutsch) dargestellt (siehe Webseite). Diesen Angaben zufolge wird nahe des Ortes Prikulė schon seit Mitte des 19.Jahrhunderts industriell nach Bernstein gesucht, damals mit dampfbetriebenen Bernsteinbaggern.

Bernsteinstaub wurde ja angeblich früher als Opfer für die Götter verwendet - heutzutage wird das Opfer eher der Steuerbehörde gemacht. Die Bemessungsgrenze liegt dabei bei 40mm (0,4cm): Stücke die kleiner sind, sollen laut einem Vorschlag des litauischen Umweltministeriums künftig pro Kilogramm 280 Euro Steuerabgabe verpflichten, größere Stücke sogar 900 Euro.

Auf 120 Tonnen Berntstein wird das Vorkommen bei Juodkrante geschätzt. Gegenwärtig liegt der Steuersatz für jedes Kilogramm Bernstein auf 20,22 Euro. Die neuen Steuersätze würden also eine erhebliche Steigerung der Steuerbelastung bedeuten. Litauen hofft, aus dem Abbau dieses Bernsteins 21 Millionen Euro Steuereinnahmen zu erzielen - 70% dafür ginge dann ins Staatssäckel, 20% könnte die Gemeinde vor Ort verwenden und 10% würde dem Umweltschutz zu Gute kommen. 
Da seit der gespannten Situation mit Russland litauische Unternehmer nicht mehr so leicht an Lizenzen für den Import von Bernstein aus dem Gebiet Kaliningrad (Königsberg) gelangen können, wo 95% des Weltvorkommens von Bernstein vermutet werden, könnte litauischer Bernstein damit vor nicht unerheblichen Preissteigerungen besonders für den Verkauf von Souvenirs und Schmuck stehen (siehe "Baltic Course", "LRT", "Delfi")
Litauische Umweltschutzbehörden fordern zudem Einschränkungen der Bernsteingewinnung, falls dadurch "Natura2000"-Schutzgebiete betroffen sein sollten (siehe Umweltministerium). Nachdem der Import von Rohbernstein aus dem Kaliningrad-Gebiet von den russischen Wirtschaftssanktionen erfasst worden war, hatte das Ministerium Gutachten in Auftrag gegeben, ob und wenn ja wo Litauen sich selbst mit Bernstein versorgen könnte.

24 Juli 2015

Grüne Brücke, grüne Lücke ...

Widersprüchliche Nachrichten gibt es um die "Grüne Brücke" in Vilnius: einer der letzten Orte in der litauischen Hauptstadt, an der noch Zeugnisse der Sowjetzeit zu besichtigen waren. Nach den Zerstörungen des 2.Weltkriegs wurde die Brücke 1952 gebaut, also ein Produkt der Stalinzeit. Seit einigen Tagen wird es an dieser Stelle wohl zukünftig wesentlich unsensationeller zugehen.

Für die meisten Litauer standen die in heroischer Pose errichteten Skulpturen an den Uferseiten für Okkupation, Unterdrückung und die falschen Versprechungen des Sowjetsozialismus. So wurden die Figuren auch schon oft Opfer von Vandalismus, häufig von Farbbeutelanschlägen. Allerdings stehen die vier unterschiedlichen Ensembles inzwischen auch unter Denkmalschutz. Wer kennt Bernardas Bučas, Petras Vaivada, oder Neopoleonas Petrulis? Oder vielleicht Bronius Vyšniauskas, Juozas Mikenas, oder Juozas Kedainis? Das waren die Bildhauer, die Erschaffer der Figuren, damals alles bekannte Künstler. Den "Optimismus der sowjetischen Zukunft" sollten die Figuren darstellen, jede der vier eine andere Gruppe der Gesellschaft darstellend: Bauern, Industrie, Wissenschaft und - natürlich - Soldaten.

Seit Ende der Sowjetunion, seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens wird schon diskutiert, was mit den Figuren geschehen soll. Schon das Projekt "Grūtas Parkas" wurde ja auf der Basis alter Sowjet-Skulpturen geschaffen. Kurzzeitig hatten Künstler Installationen oder kurzfristige Umgestaltungen gewagt, dazu zählt auch das "Love Banks"-Projekt von Gitenis Umbrasas, der die Worte "Ich liebe dich", und "Ich dich auch" an den beiden Ufern der Brücke anbrachte. Von Umbrasas stammt auch der "Stebuklas"-Stein nahe der Kathedrale. 2013 wurde eine Plakette angebracht, die auf den Abzug der Sowjettruppen aus Litauen hinweist.

Die Veränderungen begannen zu Wochenanfang: Nun sind die Figuren also verschwunden, wurden am 20./21.Juli abgebaut und weggebracht. Endgültig? Vorläufig? Nach 63 Jahren sind die Bronzeskulpturen ganz sicher ausbesserungsbedürftig. Die Reaktionen decken ein breites Spektrum ab: "Götzen endlich raus aus Vilnius" (Lietuvos Rytas) tönen die einen, andere äussern Besorgnis, man stelle sich mit der Zerstörung von Denkmälern auf eine Stufe mit den Terroristen des Islamischen Staats (IS).

Regimius Šimašius, seit wenigen Wochen Bürgermeister von Vilnius und mit seinem Wahlspruch "Vilnius gali geriau" ("Vilnius kann besser sein") bekannt, empfängt nun auf seiner Facebook-Seite Glückwünsche für die von ihm veranlassste Aktion. "Viele haben ja gesagt, ohne die Figuren wird die Brücke langweilig und trist sein," meint er. "Ich habe es mir jetzt mal angesehen, und ich muss sagen: ganz nett! Wir werden die Brücke aber bald noch mit Blumen verschönern," versucht er Kritiker der Aktion zu begegnen.

Frühere Berichte in der Presse, denen zufolge die Skulpturen "keinesfalls" entfernt werden sollen (siehe Lithuanian Tribune) waren also vielleicht nur Teil einer Strategie zur Beruhigung der Diskussionen. Vor einigen Monaten gab es sowohl Demonstrationen für den Erhalt der Skulpturen, als auch für ihre Beseitigung. Und selbst wenn es noch Überlegungen geben sollte, die Figuren doch zu restaurieren - der frühere Bürgermeister Artūras Zuokas hatte 2013 schon einmal Geld dafür bereitgestellt - werden zwei Fragen im Raum stehen: erstens, soll dieses Geld wirklich für die Erneuerung von Sowjetsymbolen verwendet werden - die neue Mehrheit im Stadtrat wird sich wohl dagegen aussprechen. Zweitens, wird es einen neuen Platz geben für die Figuren? Angeblich habe die städtische Kulturkommission ihre Einwilligung nur für eine Restaurierung gegeben - aber erst im Herbst ist der nächste Sitzungstermin, um über ein weiteres Verfahren zu entscheiden.

Die betroffenen Künstler jedenfalls werden sich selbst nicht mehr wehren können. Erst kürzlich starb der letzte von ihnen, Bronius Vyšniauskas, im Alter von 92 Jahren.


03 Juni 2015

Buchen Sie litauisch!

Mehr Sicherheit für Touristen soll eine Gesetzesvorlage in Litauen bringen, die im litauischen Parlament kürzlich diskutiert und beschlossen wurde. Die meisten Schlagzeilen machte der Bankrott der litauischen Fluggesellschaft Air Lithuania - mit Wirkung zum 22.Mai wurden alle Flugbewegungen eingestellt.


Aber bei dem neuen Gesetz geht es eigentlich nicht um dieses Problem (viele Flüge der Air Lithuania wurden durch Air Baltic übernommen). Wer zukünftig in Litauen eine Lizenz als Reiseveranstalter beantragen möchte, muss nachweisen, dass die Firmengründer die vorhergehenden fünf Jahre nicht in einen Bankrott oder eine Insolvenz einer anderen Firma verwickelt waren (LRT). 2014 hatten sich gleich vier litauische Tourismusagenturen nacheinander bankrott erklärt: "Fresh Travel" , "Go Baltic Travel", "Go Planet Travel" and "Neoturas". 2015 stellte auch "Voyage Voyage" den Betrieb ein. Das abrupte Ende von "Fresh Travel" hatte verursacht, dass 470 litauische Touristen sich plötzlich ohne Rat und Hilfe in Ägypten und Portugal wiederfanden, und Tausenden von Kunden der Urlaub verdorben wurde oder ihr Geld verloren, der Gesamtschaden wurde auf über 600.000 Euro geschätzt. Schätzungen zufolge arbeiteten 37% der litauischen Tourismusanbieter bisher mit sehr geringen Rücklagen.


16 Mai 2015

Umgeleitet - ohne Frack

Litauen in deutschen Kinos? Seit zirka einer Woche ist das der Fall. Da aber die Thematik nicht im Vordergrund der Filmwerbung steht, und auch ein Dreh in Litauen ("Originalschauplätze") wohl nicht als Attraktion für deutsche Kinobesucher zu gebrauchen ist, muss der Litauen-Liebhaber ein wenig Glück haben beim Kinobesuch, um diesen Film wirklich zu Gesicht zu bekommen (oder den Film schon in Litauen gesehen haben, wo er angeblich ein Erfolg war).

Kennen Sie litauische Flüche? "What the fuck" habe ich persönlich noch von keinem Litauer gehört - allerdings klärt "Lingvopedia" (ja, das gibt es auch!) uns auf: "Wenn Litauer das Bedürfnis haben zu fluchen, dann benutzen sie entweder russische oder englische Schimpfwörter."
Nun ja, auf dem Filmplakat wird versucht, das letzte Wort des Titels hervorzuheben: "Redirected?" Ja, deutsche Kinobesucher sollten vielleicht etwas "anglophil" sein, um diesen Film zu ergründen.

Vier Bachelors auf Irrfahrt: "umgeleitet" nach Litauen
Ein Titel wie "Umgeleitet?" hätte sicher noch weniger vielversprechend geklungen. In Litauen hatten bislang 300.000 Kinobesucher bereits seit Anfang 2014 das Vergnügen, in Großbritannien lief der Film Ende 2014 an. In Litauen war damit "Redirected" erfolgreicher als das Historienepos "Tadas Blinda".

Aus litauischer Sicht beginnt die Filmhandlung mit Typen, so wie sie in Litauen von den zügellosen Junggesellenparties britischer Touristen bekannt sind: brachial, nervös, roh, laut. Wer ständiges gegenseitiges Beschimpfen nicht mag, für den ist dies kein Film. "Eine Mischung aus gewalttätigen Männern, glücklosen Kriminellen, sexy Girls, Slapstick-Humor und Pyrotechnik", so beschreibt es "The Hollywood Reporter" ziemlich zutreffend.
Vytautas Šapranauskas in seiner
letzten Filmrolle
Slapstick und Komik wird üppig geliefert, aber das Drehbuch ordnet die Geschehnisse so, als ob es Witz und Situationskomik selbst nicht vertraut: von Anfang an zwingt der Film sich ein rasendes Tempo auf, im Hintergrund drohen immer wieder dunkle, rauchige Männerstimmen den nächsten Gewaltakt an, während die vier "Helden" nach einem vermeintlichen großen Coup und verhinderter rechtzeitiger Flucht ratlos und blutend durch Litauen irren. Nein, ein Urlaubsziel ist dieses Litauen nicht: die Polizei korrupt, die Taxifahrer hinterhältig. Selbst die Priester agieren hier gegen jede Sittenregel, die Prostitiuierten nehmen die Ausländer aus, und selbst das Kleingewerbe auf dem Lande stützt sich offenbar nur auf dunkle Geschäfte. Die Orte wirken entweder trostlos verlassen oder grau und bedrohlich. Auf ein kurzes Vergnügen mit viel Alkohol folgt böses Erwachen, das in vielen Fortsetzungen und Varianten nicht zu enden scheint. Und beim großen Showdown, mit Šakotis und Švyturis, einer Landkapelle und viel "blauen Bohnen" zeigen sich die örtlichen Gangs gar nicht so unvorbereitet für eine ordentliche Rauferei mit den dahergelaufenen Auslands-Gangstern.

Auch die Zentralheizung kommt in "Redirected" zu
unerwarteten Ehren ...
Für mich ein Film, der manchmal am Rande des Schamlosen spielt. Aber vielleicht ist es genau Absicht - und der Trick, warum es beim breiten Publikum vielleicht funktioniert - wenn die einen in der nächsten Szene noch mehr Gewalt befürchten, die anderen zuviel nackte Haut, und die dritten peinliche Gags - und keines davon eintritt. Die überraschenden Wendungen retten den Film mehrfach.

Eigentlich hat der Film drei Teile: ein Vorspiel in England, sehr englisch gestaltet mit braven Bobbies, bösen Jungs und trügerischem Vorstadtidyll. Ein turbulenter Mittelteil, in dem die Verfolger der gar nicht so braven Gelegenheitsräuber schnell die Oberhand zu bekommen und ein furchtbares Ende unvermeidbar scheint. Und dann der letzte Teil, in dem das litauische Landleben seine ganze Skurilität ausbreitet, aber auch mühelos den merkwürdigen Eindringlingen Paroli bietet. Wichtig auch, dass die Darstellung der litauischen Verhältnisse nicht ins Lächerliche abgleitet: nach dem Motto "im Grunde sind wir alle kleine Verbrecher" entkommen die Gehetzten aus dem Inselreich allem Unbill letztendlich knapp, nur um dann in noch schlimmere Gefilde zu geraten ...

Zahnglas und Sauerkraut. Und nicht vergessen: der Vodka
steht woanders ...
Regie bei "Redirected" führte Emilis Velyvis, der gelegentlich auch als Schauspieler aktiv ist - siehe Wolfgang Panzers Remake "Die Brücke", der in Deutschland auf Pro7 lief und teilweise im lettischen Kuldiga gedreht wurde. Produziert wurde "Redirected" von "Cinema Cult Distribution", die auch schon für "Das Ghetto" und "Die Brücke" verantwortlich zeichneten und dessen Eigentümer Norbertas Pranckus sein Geld mit "Vytautas"-Mineralwasser gemacht hat.

Im Aufgebot: die schönsten Menschen aus beiden
an der Produktion beteiligten Ländern
Für Vytautas Šapranauskas, Theater, Kino- und Fernsehschauspieler, Moderator, hier im Film in der Rolle eines Don Camillo auf Litauisch, war es der letzte Auftritt. Kurz vor seinem 55.Geburtstag hatte er am 18.April 2013 Selbstmord verübt und dies mehreren Freunden per SMS angekündigt. Doch dem Humorist wirkt nur der Humor glaubhaft. 

So steht gleich im Vorspann des Films ein Dank an Šapranauskas. Ob das deutsche Kinopublikum für dieses Werk die Kassen stürmt, muss abgewartet werden. Wer als Deutsche/r litauische Freunde und Bekannte hat könnte im Film einiges sehen, was Engländer und Litauer unterscheidet oder verbindet. "Wo ist der Frack?" - Ach ja, es war ein drastischeres Wort im Titel. Sei's drum.

02 April 2015

Mindestens? Litauen!

Wenn es nach den Berechnungen der sogenannten "Mindestlöhne" in Europa geht, findet sich Litauen eher am Ende der Skala. Aber angesichts dieser Statistiken ist es auch eine Überlegung wert, was sie eigentlich aussagen.

Statistische Erhebungen macht in der EU in der Regel "Eurostat". Damit ist zumindest eines gesichert: in jedem Land wird dieselbe Fragestellung angewendet. Bei der jüngsten Veröffentlichung zu den Mindestlöhnen findet sich Litauen auf dem drittletzten Platz wieder (von 24). Dahinter (darunter, von der Summe her gesehen) befinden sich nur noch Bulgarien und Rumänien. Für Litauen wird ein Mindestlohn von 300 Euro festgestellt (Lettland 360€, Estland 390€, Deutschland 1473€). In Deutschland ist ja eher der Stundenlohn Gegenstand der Diskussion: 8,50€ pro Stunde wurden kürzlich regierungsamtlich festgelegt. Diese kann aber nur funktionieren, weil sie mit der sogenannten "Berichtspflicht" verknüpft ist - alle Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern weniger als 3.000€ monatlich zahlen sind verpflichtet, die genauen Arbeitszeiten zu protokollieren. Maximal zulässig sind in Deutschland 348 Arbeitsstunden monatlich - das sind selbst bei 31 Tagen im Monat mehr als 11 Arbeitsstunden pro Tag. Litauen dagegen berechnet monatlich: die 300 Euro würden auch bei nur 8 Stunden pro Tag (x31) einen Stundenlohn von etwa 1,20 Euro "Mindestlohn" ergeben. So erscheint es noch logischer, warum so viele Litauer im EU-Ausland auf Jobsuche gehen müssen.

Doch Eurostat variiert die eigenen Statistiken ja auch selbst noch zweimal. Bezogen auf die Durchschnittsverdienste in den jeweiligen Staaten liegt der litauische Mindestlohn hier bei 53%, heißt es hier (Estland 40%, Lettland 50%, Deutschland 49%). Es gibt ja auch die Meinung, die Definition von "Armut" wäre bereits bei allen anzusetzen, die weniger als 50% des Durchschnittslohnes bekommen.Seit 2008 ging der Mindestlohn demzufolge nur in Griechenland zurück - in Litauen stieg er um 29%, in Lettland +57%, in Estland +40%.
Und dann rechnet Eurostat noch einen "Kaufkraftstandard" aus. Dort sollen dann "Preisniveau-Unterschiede" berücksichtigt werden. So gerechnet, landet Lettland plötzlich im Mittelfeld der Euro-Länder - der Mindestlohn von 360€ hat laut Eurostat einen "Kaufkraftwert" von 507 Euro. Estland landet, dieser Rechnung zufolge, bei 488€, Litauen bei 464€. Deutschland liegt auch nach dieser Rechnung übrigens weit vorn: mit 1481€ auf Platz 2 nach Luxemburg.

Aus deutscher Sicht wäre es interessant, mal umgekehrt darüber nachzudenken: wie fühlt sich das an, in Litauen zu arbeiten? Was brauche ich mindestens? Zwei Tipps dazu. Der eine stammt vom "Jugendnetz", einem von mehreren Jugendstiftungen betriebenen Infoportal. Hier findet sich eine Liste von "Lebenshaltungskosten", die für den Fall eines Praktikums oder Studiums im Ausland hilfreich sein sollen. Berücksichtigt werden hier: Getränke, Tabak, Nahrungsmittel, Bekleidung und Schuhe, Heizung, Wasser, Strom, Ausgaben in Hotels und Gaststätten, Aus- und Weiterbildung, Kraftfahrzeug-Betriebskosten, Gesundheitsausgaben. Für Litauen werden hierfür 300€ monatlich angesetzt (Lettland 400€, Estland 600€) - mit einem deutlichen Verweis auf das (teure) Leben in den Hauptstädten allerdings.
Nehmen wir nun eine der Quellen, das "European Job Mobility Portal" (EURES), so finden sich hier noch Angaben in Litas: 854Litas pro Haushalt und Monat (das wären knapp 270Euro) auf dem Lande und 923Litas (290€) in der Stadt. Allerdings bezieht sich das ausschließlich auf das Allernotwendigste: Lebensmittel, Wohnen, Wasser, Strom, Gas und andere Energieträger, für Gesundheitsvorsorge und Bildung. Freizeitgestaltung, Kultur und Vergnügen kostet extra.

Litauische Haushalte gaben (bezogen auf 2012) ein Drittel (33,7 %) aller Konsumausgaben für Lebensmittel aus. Wachsende Ausgaben für Lebensmittel werden auch dadurch beeinflusst - Zitat EURES - "dass die Einwohner häufiger zu Hause essen – die Ausgaben für Cafés, Restaurants und Mensen sanken." Bei Studierenden aus dem Ausland werden die Gewohnheiten sicher gern anders organisiert. 19,4% der Ausgaben in den Städten muss dann für Wohnen, Wasser, Elektrizität, Gas zurückgehalten werden. EURES fasst die Folgen so zusammen: "Mit dem Ansteigen der notwendigsten Ausgaben bei nahezu nicht gewachsenem Einkommen, sparen die Einwohner bei der Wohnungseinrichtung und Haushaltsausstattung, Freizeit, Kultur, Cafés und Restaurants." 

Tja, keine super Voraussetzungen, um in Litauen auch Litauerinnen und Litauer kennenzulernen: Während die Einheimischen aus ihren Vorräten zu Hause etwas zubereiten (wenn sie nicht gleich im Ausland arbeiten gehen müssen), sitzen die Auslandsstudenten und Touristen in den litauischen Restaurants und Kneipen, mit den Augen wahrscheinlich auf Preisvergleiche mit Deutschland. Schade eigentlich. Ironisch gesagt: daran kann auch Putin nichts ändern. Bevor es Litauen wirklich im europäischen Vergleich "gut" geht, ist noch viel zu tun!

20 März 2015

Zu Gast bei klingender Münze

Schon 25 Jahre ist es her, dass Litauen sich am 11.März 1990 für unabhängig erklärte und damit die Loslösung von der Sowjetunion vollzog - obwohl diese, in enger Abstimmung mit der deutschen Regierung, die sich im Prozess der Wiedervereinigung befand - zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig wahrhaben wollte.
Musikalische Höhepunkte Litauens, präsentiert am 25.Jahrestag
der Unabhängigkeit - im deutschen Finanzministerium,
wesentlich mitgestaltet von David Geringas
Wer sich einen Zeitabschnitt von 25 Jahren nicht richtig vorstellen kann, der mag vielleicht nachrechnen, wie schnell es nach 1918 dauerte, bis die Republik Litauen nicht mehr existierte. Schon nach 8 Jahren verabschiedete man sich vom Mehrparteiensystem und demokratischen Prinzipien. Das wäre dann, umgerechnet, bereits 1998 gewesen, ungefähr der Zeitpunkt, als Litauen sich erfolgreich um den Kandidatenstatus zum EU-Beitritt bewarb.
Als 1940 die litauische Unabhängigkeit verloren ging, waren seit ihrer Verkündung gerade einmal 22 Jahre vergangen. 25 Jahre Unabhängigkeit sind also für Litauen schon mal ziemlich viel - mal abgesehen von den gedeminischen und mindaugischen Zeiten.

David Geringas, eines der
kulturellen Bindeglieder zwischen
Deutschland und Litauen
Die Stabilisierung Litauens wird gegenwärtig allerdings ziemlich von drei anderen Faktoren überdeckt: die Situation in der Ukraine, die sämtliche Befürchtungen gegenüber dem großen russischen Nachbarn zu bestätigen scheinen, die immer noch unzureichende Situation der Wirtschaft, die weiterhin viele zur Arbeitsmigration quer durch Europa bewegen, und die heftigen Diskussionen um EU-Mitglied Griechenland, die ja auch die ökonomischen Strategien gegenüber anderen EU-Ländern beeinflussen.

Trat beim Schäuble-
Gastspiel gemeinsam mit
Sohn Dominykas als
"Cherry Duo" auf:
Petras Vyšniauskas,
Litauens bekanntester Jazz-
musiker
Doch im Land der "Singenden Revolution", wo mit großer Beharrlichkeit auch sowjetisch geprägte Zeiten überstanden wurden, und das 1990 von vielen auch vor allem mit gewaltlosen Aktionen identifizierten, scheinen zur Zeit die Gewichte verschoben und noch nicht alle Lektionen gelernt. Vielleicht kann Litauen doch mehr als einerseits Musterknabe der neoliberalen Weltordnung zu sein, und andererseits sich als Spielplatz für militärische Konfrontationsspielchen anzubieten? Klar, das System Putin scheint genauso eindeutig wie die Spielregeln der Marktwirtschaft. Die Unabhängigkeit wurde mehrfach Russland eher abgetrotzt als freundschaftlich gewährt. Und die Notwendigkeit des ökonomischen (Wieder-)aufbaus war zu sehr allgemein anerkannt als dass sich das Gefühl ausbreiten könnte, jetzt alles "verprassen" zu können.

Vytautas Kiminius, ein Meister
auf dem vielleicht "litauischsten"
aller Instrumente, der Birbyne
Bei Jubiläumsfeiern verblassen meist die Zwischentöne. Aber darauf mussten die Organisatoren der Reihe "So klingt Europa" - das deutsche Finanzministerium - keine Rücksicht nehmen. "In Litauen ist heute Feiertag!" meinte Moderator Stefan Rupp, und zog daraus die Konsequenz: "Das bedeutet: die Litauer haben heute frei. Daher konnten wir die Künstlerinnen und Künstler heute nach Berlin einladen." Nun ja, warum auch immer: selbst eine Euro-Beitrittsfeier wirkt für Litauen momentan, nur drei Monate nach Einführung der EU-Gemeinschaftswährung, nicht mehr sensationell. Während noch wenige Monate zuvor einige Initiativen eine Volksabstimmung zu dieser Frage in Litauen erzwingen wollten und sich damit auf der Seite einer "schweigenden Mehrheit" meinten, sorgte die alsbald nach dem 1.Januar einsetzende starke Nachfrage nach den neuen Münzen dafür, dass die Banken beinahe Auslieferungsprobleme bekamen. Litauen meisterte auch diesen Integrationsschritt in die Europäische Union mit auffällig unaufgeregter Selbstverständlichkeit.

Mit überragender Stimme und selbst komponierten
Liedern längst mehr als ein Geheimtipp für
Litauen-Fans: Alina Orlova
Dennoch: weit unumstrittener als der Glanz von Geldmünzen oder die manchmal starrköpfig erscheinende Angst vor Russland steht für Litauen die reichhaltige Kultur. David Geringas, am Moskauer Konservatorium ausgebildet, bereits seit 1976 in Deutschland lebend, mit einer Russin verheiratet und enge Kontakte nach Litauen pflegend, wirkte in Berlin daher auch wie "Schäubles erster Gast". Gelegentlich höre er auch andere Musik, aber die Klassik sei schon sein bevorzugtes Genre, gibt Schäuble auf Befragen dann auch gerne zu. Dem entsprechend, und im Bewußtsein des kulturellen Staraufgebots von Šenderovas, Kiminius, Trys Keturiose, Fort Vio bis hin zu Martynas, Alina Orlova und Vater+Sohn Vyšnauskas spielte Geringas seinen Part auch mit einem sichtbaren leichten Lächeln. Wirkliche kulturelle Hochkaräter allesamt, die diesen Abend im mit landesfarblicher Lichtstimmung gestalteten Ministerium litauisch gestalteten.

Virtuose am Akkordeon: Martynas
Fazit: Politisch, gesellschaftlich und ökonomisch mag in Litauen noch so manches diskutabel und unausgewogen sein - kulturell hat das 3-Millionen-Volk unglaublich viel zu bieten. Die Veranstaltung in Berlin mag deshalb auch als Beispiel dafür gelten, dass kein Konzertveranstalter in Deutschland - auch über die Klassik hinaus - Angst haben müsste einen ganzen Abend nur mit Künsterinnen und Künstlern aus Litauen zu gestalten. Leute, vergesst 'Youtube': solcherart kulturelle Erbauung sei also "live" und wahrhaftig noch weitaus häufiger einem breiterem deutschen Publikum gegönnt!

23 Januar 2015

Ratschläge für Volk

Die Euro-Einführung ist problemlos absolviert, aber zu Jahresanfang macht Litauen andere Schlagzeilen. Eine kleine Infobroschüre sorgt für Aufsehen. Der Titel fordert fast zur Satire heraus: "Was Sie wissen müssen für einen Notfall oder Krieg" ("Ką turime žinoti apie pasirengimą ekstremaliosioms situacijoms ir karo metui“). Das deutliche Ausrufezeichen auf dem Titel macht klar: "nicht hingehen" wird als Antwort nicht reichen.

Ist das nun ein Zeichen dafür, dass Litauen nun endgültig nur noch vom Ukraine-Konflikt dominiert wird?
Rüstet Litauen für den Fall eines russischen Einmarsches? Minister Juozas Olekas verwendete bei der Vorstellung des fast 100 Seiten starken Büchleins einen Begriff, der immer mal wieder vom Westen für das angeblich unklakulierbare Handeln des russischen Präsidenten Putin verwendet wird: das Schlagwort vom "hybriden Krieg".

Was ist an der Situation in der Ukraine "hybrid" - bzw. was könnte es in Litauen sein? "Verschmelzung  traditioneller und unkonventioneller Mittel" heißt es im "Handelsblatt", eine "geschickte Mixtur aus klassischem Militäreinsatz mit plötzlichen Manövern über Desinformation und Computerangriffe bis hin zu Energieversorgung und wirtschaftlichem Druck", so beschreibt es die"Welt", und in der Regel werden dabei NATO-Quellen zitiert. Doch auch russische Stellen haben das Stichwort offenbar aufgenommen, wie ein Zitat der "Sputniknews" zeigt, wo die "hybride" Kriegsführung natürlich den USA unterstellt wird und so beschrieben wird: "eine Kombination von Sanktionen sowie von Diplomatie-, Wirtschafts- und Informationskrieg.“

Wenn also beide Seiten sich den Gebrauch "unkonventioneller" Mittel unterstellen, könnte da die litauische Broschüre beim Verständnis helfen? Auf den ersten Blick nicht. "Ruhe bewahren" und "Panik vermeiden" sind eigentlich doch zu profane Hinweise im Land der Waldbrüder. Ob das auch gegenüber Handlungen von Verantwortlichen gilt, denen offenbar eine Anheizung von Konflikten zwischen Staaten und Völkern nichts ausmacht? Ruhe bewahren und auf den "Sieg der Guten" hoffen? Über Wege, wie Frieden erhalten werden kann, verrät der Regierungsratgeber nichts.

"Auf Anfrage" habe man die Broschüre zusammengestellt, so die Pressesprecherin des litauischen Verteidigungsministeriums. Und dort finden sich dann Sätze wie dieser: "„Wenn eine Krise beginnt oder ein Krieg, dann werden Sie evakuiert. Falls dies nicht geschieht, suchen Sie eine Waffe und bleiben Sie drinnen." Ja, sie klingen schon ein wenig komisch, diese hybriden Verhaltensweisen. Der Satz "Ein Schuss hinter dem Fenster ist noch nicht das Ende der Welt" soll angeblich der Hinweis darauf sein, auch unter schwierigen Umständen "klaren Kopf" zu bewahren. Vielleicht sollten die Litauer diese schlauen Tipps probehalber mal in der östlichen Ukraine verteilen? Woran könnte erkannt werden, ob sich die Damen und Herren Einwohner gemäß den Wünschen ihrer Regierung verhalten? Und, wäre das im Kriegsfall überhaupt wünschenswert - sich exakt nach den Wünschen der Regierung zu richten?
"Dort, wo unfreundlich gesinnte Soldaten auftauchen, sollte sie nicht bleiben", meint das litauische Verteidigungsministerium. "Versorgen Sie sich als erstes mit Wasser", "wenn draußen geschossen wird setzen Sie sich nicht ins Auto", oder "falls in ihrem Haus Soldaten auftauchen und ihre Schränke durchwühlen, provozieren Sie keinen Konflikt". Süß, diese Sorge um einen "sauberen Krieg".Völlig zurecht weisen Kritiker des Satzes "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" darauf hin, dass der Krieg die Leute immer findet.
Ob auch auf fliegende Drohnen und deren mögliche Fehlschüsse hingewiesen wird? Es tut mir leid, liebe Kriegsexperten und Buchautoren: ich bin nach wie vor dafür, lieber noch etwas mehr für den Frieden zu tun, solange es ihn gibt.

26 Dezember 2014

Säbel, Barrikaden und Moneten

Wie geht es Litauen zum Ausgang des Jahres 2014? International sind fast keine anderen Schlagzeilen geblieben außer die gespannte Situation gegenüber Russland. Gleichzeitig wird Präsidentin Grybauskaite nicht müde sich als scharfe Putin-Kritikerin zu profilieren. Russland einen "terroristischen Staat" zu nennen, wie es Grybauskaite kürzlich tat, entspricht den scheinbar ungeschriebenen Grundsätzen, stets nur die Machthaber und Lenker des übermächtigen Nachbarstaates persönlich haftbar zu machen für die politischen Zustände - und sich ansonsten mit Russinnen und Russen im alltäglichen Umgang unaufgeregt verständigen zu wollen.Litauen will der Ukraine auch durch Waffenlieferungen behilflich sein, und fast um das noch zu toppen, hat Präsidentin Grybauskaite ihre Teilnahme am 70.Jahrestag des Sieges über den Faschismus, den Moskau am 9.Mai 2015 mit breiter internationaler Beteiligung feiern möchte, schon jetzt lautstark ausgeschlagen.

Ach damals ...
Die Gewichte haben sich verschoben - gerade weil in diesem Jahr besondern häufig an den "Baltischen Weg" (Baltijos kelias) erinnert wurde. Damals fehlte im Westen jegliches Bewußtsein für die Befindlichkeiten an der östlichen Ostsee - weder Litauen als Land, noch Litauisch als Sprache hatten ihren Platz im gesamteuropäischen Bewusstsein. Die allgemein übliche Geschichtsschreibung erzählt heute, dass beides unter der Fahne der Gewaltlosigkeit und der "singenden Revolution" zurückerkämpft wurde - eine stark vereinfachende Version für das damalige Gefühl "keine Wahl" zu haben, aber sich vom verrotteten Sowjetsystem nicht mehr entmutigen zu lassen.

Wohin die heutige Entwicklung führen wird, ist vielleicht unklar - aber es ist doch zu hoffen, dass heute jede/r Litauer/in die eigenen Möglichkeiten nutzt um in demokratischem Sinne darauf einzuwirken. Es wird eben nicht nurmehr in Moskau, sondern auch in Vilnius und in Brüssel entschieden - obwohl manche national getränkte Seele sicher weiterhin gern dem Genossen Putin die alleinige Schuld an allem Übel zuschieben würde.

Schnelles Netz und flüssiges Gas
Es sei ein positives Jahr 2014 gewesen, meinte Regierungschef Butkevičius in seiner Weihnachtsansprache; schließlich sei es gelungen das LMG-Flüssiggas-Terminal in Klaipēda zu bauen und zum 1.1.2015 den Euro einzuführen. Ökonomen und Politiker führen gern allerlei Statistiken zum Nachweis - und so wurde gerade verkündet, Litauen biete das "schnellste öffentlich verfügbare drahtlose Internet" (WiFi) der ganzen Welt (gemessen von einem Tourismusportal). Eine kleine Nebensächlichkeit, dass auf Platz 3 Estland geführt wurde, der baltische Nachbar, der beim Euro vier Jahre voraus war. Diese Statistik sagt allerdings nichts aus über die Kosten der Internetnutzung in Litauen: etwa 57% aller Litauerinnen und Litauer nutzen das Internet täglich (in Deutschland gemäß dieser EU-Statistik bei 72%, anderen Zahlen zufolge bei über 80%). Aber immerhin 25% haben Internet auch noch nie genutzt (delfi - diesbezüglich misst sich Litauen dann lieber mit Rumänien und Bulgarien, wo 39% bzw. 37% ihre Interneterfahrung noch vor sich haben).

Der amerikanische Freund
Von einigen anderen Themen möchte die litauische Politik allerdings lieber nichts mehr hören. Geheime Gefängnisse der CIA auch in Litauen? "Dazu gibt es nichts Neues zu sagen", meint der litauische Sicherheitschef Gediminas Grina. Die "Washington Post" sowie einige NGOs hatten die These publiziert, eines dieser Foltergefängnisse habe sich damals in Litauen befunden (siehe auch: Craig Whitlock). Zwar hat die litauische Regierung sich auch bereits 2009 an die USA mit der Bitte um detailliertere Auskunft gewannt, aber erstens gab es keine ernsthaften Antworten, zweitens war auch damals der litauischen Seite das Nachfragen beim atlantischen Lieblingspartner eher unangenehm. Zu Spekulationen, welche hochrangigen litauischen Regierungsbeamte damals möglicherweise bei der Etablierung solcher Geheimgefängnisse geholfen haben könnten, wollte zumindest Grina sich nicht äußern: "Geeignete Schritte zu unternehmen, das muss die Politik entscheiden." Die Präsidentin ist sich bereits sicher: "Diese Untersuchungen werden unsere Beziehungen zu den USA nicht belasten."
Grybauskaite hingegen scheint auch von russischer Seite als "feindlich gesinnt" ausgemacht.Im Europaparlament wurden Textauszüge eines ins Englische übersetzten Buches mit dem Titel "die rote Dalia" verteilt, ein Versuch sie als eng verknüpft mit dem KGB darzustellen und so im eigenen Lande zu diskreditieren (siehe: Delfi). Allerdings schien die Buchautorin, Rūta Janutienė, von dieser englischen Übersetzung gar nichts zu wissen und distanzierte sich teilweise von den in Brüssel verteilten Auszügen.

Euro-Training
Diejenigen, welchen die bevorstehende Euro-Einführung mehr Sorgen bereiten, werden vielleicht die Trainingsmaßnahmen für bisher 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Banken, Handelsunternehmen und Postfilialen beruhigen, die mit Bargeld zu tun haben. Da passt die Meldung, dass wenige Tage vor der Verabschiedung vom Litas nun laut Umfragen endlich auch eine Mehrheit der Litauer positiv zum Euro stehen soll (63%, laut Delfi, gegenüber nur 50% noch im Juni). Stolz ist man auch auf die Umfragezahl, wonach nur 6% der befragten Litauerinnen und Litauer die EU für etwas Negatives halten. Doch Rolandas Pakas, Ex-Präsident und passionierter Flieger, versucht hingegen einer Doppelrolle gerecht zu werden: seine Partei „Tvarkos ir teisingumo“ (Ordnung und Gerechtigkeit) trägt die Regierung Litauens mit - aber im Europaparlament unterstützt er die EU-Skeptiker und die englische UKIP (im EU-Parlament heisst die Gruppe jetzt "Europa der Freiheit und der direkten Demokratie" EFD). Die Euro-Stimmung Litauens stört es offenbar nicht, wenn Paksas Anfang Dezember Nigel Farage nach Litauen zum Parteikongress einlud (siehe Delfi). Auch eigene Umfragen haben die Euroskeptiker in Auftrag gegeben, die - oh Wunder - 49% der Litauer als Euro-Gegner ausweisen. Da bewährt sich doch wieder das alte Sprichwort: Glaube nur den Statistiken, die Du selbst gefälscht hast.

Am 1.Januar ist jedenfalls Ähnliches geplant wie schon 2011 in Tallinn und 2014 in Riga: Regierungschef Butkevičius wird symbolisch die ersten Euroscheine aus einem Automat ziehen, flankiert von seinem estnischen Kollegen Taavi Rõivas und dem lettischen Außenminister Rinkēvičs. Im Euro vereint - "vorerst", sagen die einen. "Endlich", die anderen. 

21 Oktober 2014

Vilnius ist nicht Tokio

Rote Beete-Suppe (Šaltibarščiai) lieber fotografieren, als essen? Lieber bleiche Haut als Sonnenbaden? Kein Räucherfleisch, aber gerne Barockarchitektur? Solche Trends berichteten litauische Reiseagenturen kürzlich von Touristen aus Japan. In Litauen wird offenbar immer noch mit großen Erstaunen auf die sensiblen Bedürfnisse von Gästen aus Japan reagiert - jedenfalls wird das Thema in den litauischen Medien ausführlich behandelt.

Immer gern gesehen:Japaner mit Litauen-Fanschal.
(hier beim Besuch des litauischen Verteidigungs-
ministers Juozas Olekas in Japan, Februar 2014)

Foto des lit.Verteidigungsministeriums
Vitalijus Milkovas, litauischer Reiseleiter für japanische Gästegruppen, erzählte der Presse von seinen Erfahrungen (siehe "Delfi"). "Wenn man in der Altstadt von Vilnius umher geht, kann es schon mal sein, dass für einen Japaner etwas alt erscheint, was tatsächlich aber ziemlich neu ist", verdeutlicht er. Nicht immer laufen da Stadtführungen wie gewohnt. "Manchmal erzähle ich etwas über Napoleon, und die Gäste fangen plötzlich an ein kleines Kätzchen zu fotografieren. Vielleicht liegt das daran, dass es vorwiegend ältere Leute sind, die aus Japan kommen, für die lebende Dinge interessanter sind als abstrakte Darstellungen."

Ausserdem geht es auch bei den Japanern - Architektur hin, Geschichte her - immer gern ums Shoppen. Die neu gebauten Einkaufszentren werden gerne und ausgiebig genutzt. Die traditionellen litauischen Gerichte werden auch von Japanern gerne bestellt, aber manches wird nur fotografiert und auf dem Teller liegen gelassen. Da wird eine unterschiedliche Herangehensweise deutlich: Essen soll Spaß machen, nicht in erster Linie den Magen füllen. Eines allerdings machen Gäste aus Japan in Litauen offenbar nicht: sie besuchen keine japanische Restaurants. Besonders dann nicht, wenn der Eigentümer kein Japaner ist. Und Soya-Soße, die fehlt ihnen - und sie wird, sofern verfügbar, gern bei allerlei Gerichten ergänzt.

gefunden auf "demotyvacijos.lt"
Dass Japaner in Litauen wenig Fleisch essen, führen die litauischen Tourguides auch darauf zurück, dass sie eben gesundheitsbewußt seien und auf den Rat ihrer Ärzte hören. Aber so wie es Rasa Levickaitė, ebenfalls litauische Reiseleiterin, erzählt, klingt es eher nach Medienmacht und Massenpfänomenen als nach ärztlichen Anweisungen: "Da wird mal im japanischen Fernsehen gesagt, mit Bier könne man gut einschlafen, und so wird Bier getrunken. Dann wird gesagt, zuviel Bier sei schlecht für den Schlaf, und sie trinken weniger Bier." Viele Trends seien auch von den USA übernommen, genauso wie der Yen an den Dollar gekoppelt ist. Auch den Trend zu mehr gesundheitsbewusstem Leben wird aus litauischer Sicht als US-amerikanischer Einfluß auf Japan gesehen. So zum Beispiel die Verbannung des Rauchens aus den Restaurants. "Vor 10 Jahren waren noch 30-40% der männlichen Gäste Raucher," berichtet Levickaitė. "Heute gibt es kaum noch einen Raucher unter ihnen."

Nun ja, das hätte sie auch bei Touristen aus Westeuropa berichten können. Vor allem wäre interessant, in wieweit sich diese Trends auch auf die Litauer auswirken. Angeblich haben japanische Touristen besonders Angst vor Quallen, achten Katzen mehr als Hunde, und wundern sich über Bettler auf litauischen Straßen.

Erkenntnisse, oder eher Stereotypen? Für Litauer wirkt jedenfalls der Blick auf die asiatische Kultur offenbar immer noch ungewöhnlich. Um 37,5% stieg der Touristenstrom aus Japan nach Litauen im ersten Halbjahr 2014, verglichen mit dem ersten Halbjahr des Vorjahres (lietuva.lt). In absoluten Zahlen erscheint das allerdings weit weniger sensationell und noch steigerungsfähig: in einem Interview mit der japanischen Botschafterin in Litauen, Shiraishi Kazuko (Lithuanian Tribune), werden Zahlen für 2011 genannt: 7654 japanische Gäste in Litauen, 1449 litauische Gäste in Japan. Die meisten sicher auf Geschäftsreise.

Was verbindet Litauen ansonsten mit Japan? Vor kurzem noch stellte ein japanisches Konsortium den Bau eines neuen Atomkraftwerks in Litauen in Aussicht - bis sich eine Volksabstimmung dagegen aussprach.
Weitgehend vergessen scheint dagegen Chiune Sugihara (1900 - 1986) zu sein, der als Konsul des japanischen Kaiserreiches in Litauen während des Zweiten Weltkrieges Tausende von Juden rettete (siehe Wikipedia, "Kosherdelight" oder auch "Freiburger Rundbrief"). Die litauischen Reiseleiter jedenfalls, die über die "Andersartigkeit" der Japaner lange Abhandlungen verfassen, erwähnen dieses Thema jedenfalls mit keinem Wort. Ein Grund könnte sein, dass sich das ehemalige japanische Konsulat und heutige "Sugihara-Haus" in Kaunas befindet, und es hier nur um Vilnius-Tourismus geht - nun ja, eigentlich keine Entschuldigung. Umgekehrt berichtet die japanische Presse aber sehr wohl über den litauischen Holocaust-Gedenktag (siehe Japan Times).

Es könnte sich ja auch um eine Neuentdeckung Japans handeln, was Litauen angeht. Immerhin war erst im Sommer 2014 die allererste Delegation des japanischen Parlaments zu Besuch in Litauen - erstaunlich, nach immerhin fast 25 Jahren Unabhängigkeit. Unter den Japan-Liebhabern Litauens kursiert die Idee, in Vilnius einen japanischen Garten (“Vilniaus japoniškas sodas”) zu schaffen; die dafür notwendigen 4 Millionen Euro Finanzmittel sollen durch Spenden aufgebracht werden.

Und was fällt Japanern zu Litauen ein? Leider kann ich kein Japanisch lesen. Eine Internetseite "Japan-Lithuania" scheint auf Messebeteiligungen aus zu sein, die Spalte "Lithuanian cuisine" jedenfalls ist noch leer.
"Little Lithuania" berichtet über einen kleinen Laden zum Verkauf von Leinen in Hiroshima. 
Die japanische Botschaft in Vilnius veranstaltet, neben Seminaren zur Reaktorsicherheit (offenbar gibt es noch Hoffnungen auf einen Deal), und Einladungen in einen "Sakura-Club", Wettbewerbe im Haiku-Dichten. Aus über 800 Einsendungen von 259 Einsendern wurde 2013 das folgende aus Litauen ausgewählt, Autor ist Andrius Luneckas (hier in litauischer und englischer Fassung, passend zum Herbst):

rudens vakaras
už aplyto lango
šešėlių teatras

autumn evening
beyond the wet window
shadow theater

28 August 2014

Litauen führt 2015 den Euro ein

Litauen führt 2015 den Euro ein Die Europäische Zentralbank hat im Frühjahr grünes Licht gegeben für die Einführung de Euro in Litauen. Der Staat erfülle nun die erforderlichen Kriterien.
Dabei gehört es zu den Randnotizen der Geschichte, daß Litauen nach dem Beitritt zu EU gemeinsam mit den baltischen Nachbarstaaten Estland und Lettland bereits 2007 versucht hatte, die Gemeinschaftswährung einzuführen. Damals scheiterte der Wunsch an 0,1% zu hoher Inflation. Eine Zahl, die nach der Griechenlandkriese und angesichts des Umstandes, daß es gerade Frankreich und Deutschland waren, die vor Jahren als erste die sogenannten Maastricht-Kriterien brachen, geradezu lächerlich wirkt.
Nun ist Litauen als das dritte und letzte Land im Baltikum, welches den Euro einführt. Die Einführung wird nun unterstützt von der Deutschen Bundesband in Frankfurt, welche 114 Tonnen Bargeld in Scheinen nach Litauen schicken will, das sind 132 Millionen Euro. Die Bank von Litauen will das Geld bis 2016 zurück geben sagte Zentralbank-Chef Vitas Vasiliauskas. Die Banknoten werden bis Dezember geliefert. Weitere 370 Millionen Euro in Münzen will Litauen in seiner eigenen Münzprägeanstalt produzieren.

26 Juli 2014

Herr Müller fährt nach Ignalina

Der Osten Litauens, mit seinen schönen Seen und reichhaltiger Kulturgeschichte, könnte aus vielen Gründen ein interessantes Reiseziel sein. Aribert Müller jedoch fährt aus rein beruflichen Gründen - und, erfreulicherweise für die Litauen-Interessierten - berichtet in einem eigenen Blog über seine Erlebnisse.

NUKEM-Projekt "Abfallbehandlungszentrums
für feste radioaktive Abfälle"
Sein Job hat mit dem stillgelegten AKW in Ignalina zu tun - fast war es zu vermuten, fällt doch der Name dieser Industrieanlage in der internationalen Presse sehr viel häufiger als diejenigen der touristischen Attraktionen der Gegend. Das 1983 gebaute AKW ist 2009 stillgelegt worden, und für die komplette Demontage des Kraftwerkes wurden 25-30 Jahre veranschlagt, berichtet Müller. Er ist einer derjenigen, die offenbar die Sicherung der Dekontaminationsanlagen gewährleisten müssen - im besonderen geht es um ganz bestimmte Fugenprofile. Vor drei Jahren waren sie angelegt worden, Anfang Juli 2014 fuhr Müller im Auftrag der NUKEM GROUP nach Litauen um zu sehen, wie es dort inzwischen aussieht.

Neben dem fachlichen kommen auch einige Aussagen über Litauen zum Ausdruck. Das Land sei wie "ein grünes Gemisch aus Mecklenburger Seenplatte und Uckermark" - nun ja, je nachdem was man vorher schon gesehen hat, würde ich sagen. Was es ansonsten zu sehen gab: "mit dicken Kopftüchern bekleidete Frauen" (wahrscheinlich aber nicht nur mit Kopftüchern bekleidet, oder?), "malerische Holzhäuser", die im Kontrast zu den "tollen Straßen" für Müller "wie aus der Zeit gefallen" wirkten.
Dann die "Trabantenstadt" Ignalina und Übernachtung in "Pension Idilė".

Nun ja, für Herrn Müller erscheint es wohl selbstverständlich, dass seine Profi-Fugen keinen Grund zur Kritik geben. Der "Atomdreck" scheint sicher verwahrt. Statt dessen aber ausführliches Erstaunen über die Stadt Ignalina: "Die Sauberkeit zwischen den Wohnblöcken und Straßen ist unglaublich. Es liegen keine Kippen herum, jeder Quadratzentimeter Nutzrasen ist gemäht und schon früh am Morgen fegen Frauen in hellgrünen Warnwesten an Stellen, wo es augenscheinlich nichts zu fegen gibt."

Eine wahre Stadt der Sauberfrauen also, dieses Ignalina. Doch Müller entdeckt auch "Jung-Visaginisten", und zwar in der örtlichen Pizzeria. Müller hat seinen Spaß, und außer dass ihm auch die angebotene Pizza hervorragend schmeckt, beschreibt er die Szene so: "...hier cruisen die Autos wie auf einer Fanmeile und hier trifft man die hübschesten Frauen in der östlichsten Ecke der EU – ein Augenschmaus. Leider haperte es mit der Verständigung, ..."

Nun ja, so war das immer schon mit den "Experten" aus dem Westen - nur sind die "Schönheiten" inzwischen nicht mehr so leicht greifbar, und müssen ab 2015 ja auch in Euro bezahlt werden. Am See baut die EU einen neu gestalteten Strandbereich, beschreibt Müller noch. Für ihn ist es eine Reiseempfehlung: "von Berlin aus ist man in wenigen Stunden da!"

Aktuell hat Ignalina wohl auch noch andere Sorgen. Aufgrund des Ausbruchs der "Afrikanischen Schweinepest" im östlichen Litauen besteht für die Stadt die Gefahr, dass durch diese zusätzlichen Warnungen (kein Fleisch als Souvenir mitbringen!) jetzt noch weniger Gäste in diesem Sommer die Gegend besuchen. Über dieses Thema informiert die Webseite der Stadt vorerst nur in Litauisch.

Blog "Fugenmontage im AKW Ignalina in Litauen"

NUKEM Technologies Projekt 1 / NUKEM Technologies Projekt 2 /
NUKEM-Projekt "Abfallbehandlungszentrums für feste radioaktive Abfälle"

Stadt Ignalina / Touristinfo Ignalina / Regionalzeitung "Mūsų Ignalina" (litauisch)

29 Juni 2014

Litauische Gallier

Dass in Litauen dieses Wochenende ein ganz besonderes sein könnte, ist den internationalen Presseschlagzeilen nur schwer zu entnehmen. War es den Regierungen in Estland und Lettland gelungen, vor Einführung des Euro den politischen Lauf der Dinge als "alternativlos" hinzustellen, so stört die innenpolitische Situation in Litauen noch eine mit Hilfe von 300.000 Unterstützerunterschriften erfolgreich durchgesetzte Volksabstimmung an diesem Sonntag.

Zwar steht nicht der Beitritt zum Euroraum zur Abstimmung, aber wenn eine Mehrheit der Litauerinnen und Litauer sich heute gegen die Möglichkeit des Landverkaufs an Ausländer aussprechen würde, so wäre doch eines der viel zitierten Grundsätze des gemeinsamen EU-Markts gekippt.
Für die Außenpolitik Litauens ein Störfaktor. Die Zeitschrift "Freitag", eine der wenigen Blätter die das Thema überhaupt eines Beitrags wert hielten, erklärt denn auch gleich die Litauer zu "Galliern des Ostens". Alle anderen halten es wohl für äußerst unwahrscheinlich dass die wichtigste Bedingung für eine Gültigkeit des Referendums erfüllt wird: mehr als 50% der Wahlberechtigten müssen sich an der Abstimmung beteiligen - eine Hürde, an der in der Vergangenheit schon verschiedene andere Volksabstimmungen gescheitert sind.

Jetzt, zu Beginn der Ferienzeit, sollen also alle zu den Wahlurnen eilen? Wirklich unwahrscheinlich. Alle reden über die Ukraine, über die Zustände in Russland, vielleicht auch über die Unzulänglichkeiten der litauischen Politik, die viele dazu zwingt ihr Auskommen im EU-Ausland zu verdienen. Aber über die Zustände zu schimpfen, oder sie versuchen zu ändern, das waren schon immer zwei unterschiedliche Dinge. Da bleibt auch dem "Freitag" nichts als ironisch zu spekulieren: "wer weiss, möglicherweise entpuppen sich die Litauer doch als Gallier, denen ihre Druiden magische Tränke brauen können, welche plötzlich totale Lust auf Stimmabgabe verleihen." Seit Mittwoch bereits ist die Stimmabgabe möglich, und alles deutet auf eine eher niedrige Beteiligung hin. 

Der aktuellen EU-Politik würde dieser Vergleich sowieso nicht entsprechen: auch in Frankreich ist die aktuelle Politik weit davon entfernt, mutige Demokraten als Leitfiguren hervorzubringen (EU- und Euro-Gegner erträumen sich vielleicht auch eher eine litauische "Farage"-Variante, nicht gallisch, sondern very britisch ...). Aber die meisten Litauer werden sich auch nicht einfach den plumpen EU-Hassern anschließen wollen, die besonders auf einigen Internetseiten sehr aktiv sind. Die 300.000 Stimmen zur Durchführung des Referendum scheinen mehr ein Appell an die eigene Regierung zu sein, Litauen möge auch in der EU bitte schön den Mut haben einen eigenen Weg zu gehen.

Litauische Wahlkommission 

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Nachtrag:  Einer Mitteilung der litauischen Wahlkommission zufolge nahmen am 29.Juni 379.915 Wahlberechtigte, das entspricht 14,97%, an der Volksabstimmung teil. 268.920 der Abstimmenden befürworteten dabei die vorgelegte Gesetzesinitiative (72,83%), 100.249 (27,16%) lehnten sie ab. Damit wurden die 50% Beteiligung, die gesetzlich vorgeschrieben sind um das Referendum für gültig zu erklären, klar verfehlt, und mit 268.920 Befürwortern wurden sogar weniger Ja-Stimmen gesammelt als sich vorher für die Durchführung der Abstimmung per Unterschrift eingesetzt hatten.

03 Juni 2014

Nach der Wahl: die Posten und die Kosten

Die litauischen Repräsentanten fürs EU-Parlament sind gewählt, die Präsidentin darf weitermachen - da ist es wohl Zeit, nun unangenehmere Fragen auf die Tagesordnung zu bringen: die Kosten fürs Militär sollen erhöht werden. Der gegenwärtige Haushalt sieht 0.8% der zur Verfügung stehenden Mittel für Verteidigung vor - das wollen Regierung und Präsidentin bis 2020 ändern. Die häufig erwähnten 2% Militärausgaben gelten in NATO-Kreisen zwar nicht als Pflichtzielsetzung, wohl aber als Vergleichsmaßstab.

Präsidentschafts-Gegenkandidat Balčytis hatte sich in diesem Punkt zuletzt zurückhaltender gezeigt, in dem er argumentierte, jegliche Hast zur Erhöhung der Militärausgaben sei unbegründet, schließlich befinde man sich nicht im Krieg. Balčytis soll allerdings Litauens neuer EU-Kommissar werden - so wollen es die regierenden Sozialdemokraten, und müssen, sollte dieser Vorschlag Realisierungschancen haben, auf Kompromisskurs mit der Präsidentin gehen. Am Europawahltag entstand die kuriose Situation, dass Sozialdemokrat Zigmantas Balčytis bei zwei Wahlen gleichzeitig antrat: als Kandidat fürs EU-Parlament und fürs Präsidentenamt. Die Sozialdemokraten erreichten 17,26% und zwei Sitze - einen weniger als bisher. Ex-Sozialministerin Vilija Blinkevičiūtė, ebenfalls seit 2009 EU-Parlamentarierin, bekam sogar mehr Stimmen als ihr Kollege Balčytis.

Einige bekannte Politikerinnen und Politiker werden jetzt also ihren Weg im Europaparlament fortsetzen. Rolandas Paksas gehört dazu, vor 10 Jahren vom Parlament als Präsident abgesetzt, seitdem wirken viele seiner Wahlkämpfe immer noch wie Feldzüge für seine persönliche Rechtfertigung. "Tvarka ir teisingumas" (Ordnung und Gerechtigkeit) heisst konsequenterweise seine Partei, deren 14,25% Stimmenanteil diesmal nur für einen EU-Sitz reichten (bisher 2).

Auch Viktor Uspaskich(as) ist in Litauen sattsam bekannt. Ob als sogenannter "Gurkenkönig" und erfolgreicher Unternehmer, Ex-Wirtschaftsminister, der wegen einer gefälschten Diplomurkunde zurücktreten musste, oder als von der litauischen Staatsanwaltschaft Beschuldigter, der - um der Verhaftung zu entgehen - auch schon mal für über ein Jahr nach Russland floh. 12,81% Stimmanteil für seine "Darbo Partija" (Arbeitspartei) reichten um sein EU-Parlamentsmandat zu erneuern.

Auch Valdemar Tomaševski arbeitet nach erfolgreicher Wahl für die litauische polnische Wahlaktion bereits seit 2009 im Europaparlament und war dort bisher Mitglied der Fraktion "Europäische Konservative und Reformisten" die als "Euroskeptiker" gelten (Mitglieder sind auch die britischen Konservativen und die polnische PiS). 8,05% der gültigen Stimmen und damit wiederum einen Sitz.

Den litauischen Christdemokraten (Tėvynės sąjunga - Lietuvos krikščionys demokratai) gelang es zwar um wenige Hundert Stimmen, wieder stärker als die Sozialdemokraten aus den Wahlen hervorzugehen, aber die 17,43% reichten gleichfalls nur für zwei Sitze. Somit darf also Ex-Außenminister Algirdas Saudargas seinen EU-Sitz behalten und wird nun durch einen Nachkommen der landesweit bekannten Familie Landsbergis unterstützt: Gabrielius Landsbergis ist, was den Bekanntheitsgrad seiner Familie angeht, vielleicht ähnlich den von Lambsdorffs in Deutschland einzuschätzen. Und im Gegensatz zu allen politischen Nachkommen von Willy Brandt ist er ein echter Enkel - von Vytautas Landsbergis, dem Urgestein der litauischen Unabhängigkeitsbewegung. Im Wahlkampf musste sich Gabrielius wehren gegen Anfeindungen, der "Landsbergis-Clan" würde hier seine Interessen ins Trockene bringen - aber die Wählerinnen und Wähler seiner Wahlliste setzten ihn noch vor Saudargas auf den ersten Platz, und damit auch vor die beiden Spitzen-Frauen auf der christdemokratischen Liste: Laima Liucija Andrikienė und Radvilė Morkūnaitė-Mikulėnienė waren bisher im EU-Parlament, die Wiederwahl aber scheiterte diesmal.

Somit gibt es tatsächlich bis auf eine Sozialdemokratin keine Frauen für Litauen im Europaparlament. Mit 16,55% überraschend viele Stimmen erreichte die Liberale Union      (Lietuvos Respublikos liberalų sąjūdis) und errang damit zwei Sitze. Einer davon geht Antanas Guoga, auch "Tony G" genannt, ein professioneller Pokerspieler, der schon mehrere Millionen Dollar bei Pokerturnieren gewonnen hat; weitere Kenntnisse sind von ihm nicht bekannt, außer dass er als Kind auch mit dem Zauberwürfel ganz gut gewesen sein soll. Der zweite EU-Sitz geht an Petras Auštrevičius, einen erfahrenen Diplomaten und Politiker. Nur auf Platz 3 setzten die Wählerinnen und Wähler den eigentlichen Spitzenkandidaten der Liste, Ex-Bildungsminister Gintaras Steponavičius.
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Und ein Mandat ging auch an die gemeinsame Liste Bauernpartei & Grüne, die damit neu im EU-Parlament sein werden. Gewählt wurde Ramūnas Karbauskis, ein Agrarunternehmer. Offenbar hat die Partei aber vor, dieses Mandat an Bronis Ropė, den zweitplazierten auf der Wahlliste und Bürgermeister von Ignalina, abzugeben.

16 April 2014

Eins aus sieben

Kandidatenreihe mit Amtsinhaberin, streng
alphabetisch
Manche werden es vielleicht mit Überraschung registrieren: es gibt tatsächlich sieben Kandidatinnen und Kandidaten für die am 11.Mai stattfindende Präsidentschaftswahl in Litauen! Amtsinhaberin Dalia Grybauskaite hatte nun mehrfach Gelegenheit, auch europaweit bekannt zu werden, und ihren Landsleuten das Bild zu vermitteln sich für sie in Europa einzusetzen.
Bei vergangenen Wahlen war eher darüber diskutiert worden, welche Machtbefugnisse ein Präsident in Litauen hat - im Vergleich zu seinen estnischen und lettischen Kollegen zum Beispiel. Heute scheint der Einfluß der Präsidentin auf die Innenpolitik schon selbstverständlich - tatsächlich hat Grybauskaite schon Minister, die der Regierungschef vorschlug, abgelehnt - wegen fehlender Sprachkenntnisse zum Beispiel. Das alles scheint darauf hinzudeuten, dass sich Grybauskaite als "litauische Präsidentin in Europa" versteht, also als Fürsprecherin litauischer Interessen in Europa. Die litauische EU-Ratspräsidentschaft im vergangenen Halbjahr war sicher eines der wichtigsten Ereignisse ihrer Amtszeit.
Die erste Frage, nachdem am 11.Mai alle Stimmen gezählt sind wird sein, ob Dalia Grybauskaite mehr als 50% der Stimmen erhält und damit gleich im ersten Wahlgang gewählt ist. Alle anderen Kandidaten hoffen darauf, dass die Zustimmungsrate für die Amtsinhaberin noch sinkt (Umfragen weisen zur Zeit knapp über 40% aus).


Die Reihe der Mitbewerber/innen ums Präsidentenamt wirkt fast so wie ein litauischer Popularitätstest: alle bereits bekannten Figuren, die nur eben für verdächtig gehalten werden könnten ihre Beliebtheit im Volke testen zu wollen, sind dabei.

Artūras Paulauskas. Er kann sicher schon als "alter Hase" der litauischen Politik bezeichnet werden. Irgend etwas hinderte ihn bisher immer, ganz nach oben zu kommen: 36-jährig von Vytautas Landbergis zum litauischen Generalstaatsanwalt berufen, unterlag er schon 1997 knapp dem damals gewählten Präsidenten Valdas Adamkus. Paulauskas gründete die „Naujoji Sąjunga“ (Neue Union) und wurde Parlamentsvorsitzender erst unter Regierungschef Rolandas Paksas, dann unter Algirdas Brazauskas. 2006 trat er nach einem Mißtrauensvotum von dieser Funktion zurück. 2008 trat er auch als Parteivorsitzender zurück. Nun also eine Rückkehr, gleich ins höchste Amt? Schwer vorstellbar.Wahrscheinlich bleibt es bei einigen Wochen "kommissarischer" Amtszeit  (6.4.2004 bis 12.7.2004) als Rolandas Paksas seines Amtes enthoben wurde. 

Artūras Zuokas. Von ihm wissen auch viele außerhalb Litauens, dass er gern mal Falschparker mit Panzerwagen überfährt. Populistische Gebährden halten einige für die kennzeichnende Charakteristik des (mehrfachen) Bürgermeisters von Vilnius. Zweimal war er sozusagen "Steigbügelhalter": sowohl für Valdas Adamkas wie auch für Rolandas Paksas arbeitete er im Wahlkampfteam. Trotz vieler Korruptionsvorwürfe einer der ernsthaften Konkurrenten der Amtsinhaberin.

Valdemaras Tomaševskis. Polnischer Litauer, und als Repräsentant seiner Volksgruppe schon Stadtratsmitglied in Vilnius, stellvertretender Bürgermeister, Parlamentsmitglied und seit 2009 im Europaparlament. Außerdem noch Vorsitzender der "Lietuvos lenkų rinkimų akcija LLRA" (Wahlaktion der Polen Litauens). Als Präsidentschaftskandidat wird es wohl nicht mehr als ein Achtungserfolg werden.

Zigmantas Balčytis. Der Sozialdemokrat war eigentlich schon mal fürs Regierungsamt vorgesehen, nachdem Algirdas Brazauskas 2006 zurücktrat. Statt seiner wurde dann aber Gediminas Kirkilas Ministerpräsident, und Balčytis, der immerhin auf Erfahrungen auch als Verkehrs- und Finanzminister zurückblicken kann, ging 2009 ins Europaparlament. Steigende Umfrageergebnisse und hohe Wahlkampfspenden für die Sozialdemokraten könnten ihn in die Stichwahl gegen die Amtsinhaberin bringen.

Naglis Puteikis Mit der für einen Präsidentschaftskandidaten recht ungewöhnlchen Profession eines Archäologen hofft der international eher unbekannte Kandidat der Vaterlandsunion und der litauischen Christdemokraten bis zum Wahltermin noch Profil zu gewinnen und schreibt eifrig in seinem Blog politische Kommentare. Der Einzug in die Stichwahl wäre für ihn sicher ein Erfolg und der Beweis, dass nicht alle Anhänger seiner Partei auch Unterstützer der amtierenden Präsidentin wären. Puteikis fällt außerdem dadurch auf, dass er nicht wie die meisten anderen aus Vilnius kommt, sondern aus Klaipėda.

Bronis Ropė. Bisher Bürgermeister von Ignalina, die Stadt die nach der Abschaltung des litauischen AKW nach Alternativen der Entwicklung sucht. Der studierte Maschinenbau-Ingenieur ist stellvertretender Vorsitzender des Bundes der Bauern und der Grünen Litauens. Auch wenn ihn sein eigener Parteivorsitzender "einen der beliebtesten Bürgermeister Litauens" nennt, ist der Schritt zum Präsidenten zu werden doch noch sehr weit.

Diese sieben Kandidatinnen und Kandidaten konnten rechtzeitig die geforderten 20.000 Unterstützer-Unterschriften vorlegen. Zwölf weitere Persönlichkeiten schafften diese Voraussetzung nicht. Der Mai wird also Wahlmonat in Litauen: Präsidentschaftwahl, Europawahl, und parallel dazu eventuell noch eine Präsidentschafts-Stichwahl. Und auch der Juni hält noch Wahlurnen bereit: am 29.Juni soll das Referendum stattfinden, mit dem die Initiatoren den Verkauf von Land an Ausländer verhindern wollen (siehe LRT und Beitrag in diesem Blog)

23 Februar 2014

Das Land und das Geld

Vielleicht haben sich die zuständigen Beamten und Politiker in Litauen die Einführung des Euro doch etwas zu einfach vorgestellt. Seit einigen Tagen ist klar, dass das litauische Verfassungsgericht keine Einwände hat gegen ein beantragtes Volksbegehren, das sich gegen den Landverkauf an Ausländer richtet. 2004 hatte sich Litauen dies trotz EU-Beitritt für eine Übergangszeit als Ausnahme gesichert, 2014 sollte diese Sonderbestimmung nun auslaufen. Aber dagegen wurden nun bereits 300.000 Unterschriften gesammelt, bei einer zum gleichen Thema durchzuführenden landesweiten Volksabstimmung müssten sich dann mindestens 50% der litauischen Wahlberechtigten beteiligen um das Ergebnis als gültig erklärt werden zu können.

Die Initiatoren aber planen auch zur Euro-Einführung ein weiteres Referendum. "Die litauische Regierung wird nun erklären müssen, welche Gründe es für eine so rasche Einführung des Euros in Litauen gibt," meint Mit-Initiator Romualdas Ozolas, der selbst auf eine bunt schillernde Vergangenheit zurückblicken kann als Mitglied der litauischen Kommunisten, dann der Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis, und 1996-2000 Parlamentsabgeordneter. Ozolas schrieb auch an der neuen litauischen Verfassung von 1992 mit, gründete aber auch 1988 die Organisation "Vilnija", die eine völlige Lituanisierung des Vilnius-Gebiets zum Ziel hat und damit als ziemlich rechts im politischen Spektrum stehend gesehen wird. Seit 1993 ist der Philologe und Philosoph Ozolas Mitglied der Litauischen Zentrumsunion (Lietuvos centro partija) und war 1990/91 auch schon mal stellvertretender Ministerpräsident.
Andere Gegner des Landverkaufs sind bei der Partei "Lietuvos valstiečių ir žaliųjų sąjunga" (Litauischer Verand der Bauern und Grünen) und deren Vorsitzendem Ramunas Karbauskis zu finden, einem der größten Landbesitzer Litauens.

Per Volksbegehren soll der litauische Litas in der Verfassung als einzige litauische Währung festgeschrieben werden, entsprechend auch die Nationalbank als einzig mögliche zuständige Institution. Änderungen daran sollen nur per Referendum möglich sein - eben genau wie es jetzt zur Abstimmung gestellt werden soll.

Andere Abstimmungs-Befürworter argumentieren so, dass selbst wenn die Annahme stimme, Litauen habe sich mit dem EU-Beitritt 2004 auch für den Euro ausgesprochen, dann sei der Zeitpunkt der Einführung dennoch eine nationale Angelegenheit. Der EU-Beitritt vor 10 Jahren wurde wie auch in Estland und Lettland durch eine Volksabstimmung untermauert: auch damals stimmte Estland zuerst ab, es folgte Lettland und - als klar war, das Land würde sonst "außen vor" bleiben - auch Litauen. Ob diese Logik auch auf das Jahr 2014 anwendbar sein wird? Gegenwärtig scheint, auch wegen der bevorstehenden Europawahlen, vieles an der litauischen Europabegeisterung unsicher.

Das Referendum gegen die Erlaubnis des Landverkaufs an Ausländer soll nun zwischen Mai und Juli 2014 durchgeführt werden. Im Ergebnis wäre ein erfolgreiches Referendum - egal ob gegen Landverkauf oder dann gegen den Euro - vielleicht von ähnlicher Wirkung wie die kürzliche Entscheidung der Schweiz zur Begrenzung der Zuwanderung. Auch Länder wie Ungarn, Rumänien oder Bulgarien hätten sich gern den Verkauf von Land nur ihren Staatsangehörigen vorbehalten. Politiker der litauischen Regierungsparteien fürchten daher eine Schwächung der Stellung Litauens gegenüber Brüssel - gerade durch ein erfolgreiches Referendum.

Politiker wie Ex-Regierungschef Landsbergis riefen bereits dazu auf, Unterschriften zugunsten eines Referendums wieder zurückzuziehen. Aber im Mai werden in Litauen auch noch Präsidentschaftswahlen abgehalten - da fühlen sich Kandidaten wie Amtsinhaberinnen geneigt Stellung zu nehmen. Präsidentin Dalia Grybauskaite kandidiert für eine weitere Amtszeit, und ihre Stellungnahme klingt nicht nach klarer Ablehnung der Anti-Landkauf-Stimmung. "Land, und besonders kultiviertes Land, sollte schon hauptsächlich den Staatsbürgern gehören" sagte sie der litauischen Nachrichtenagentur ELTA.