20 März 2015

Zu Gast bei klingender Münze

Schon 25 Jahre ist es her, dass Litauen sich am 11.März 1990 für unabhängig erklärte und damit die Loslösung von der Sowjetunion vollzog - obwohl diese, in enger Abstimmung mit der deutschen Regierung, die sich im Prozess der Wiedervereinigung befand - zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig wahrhaben wollte.
Musikalische Höhepunkte Litauens, präsentiert am 25.Jahrestag
der Unabhängigkeit - im deutschen Finanzministerium,
wesentlich mitgestaltet von David Geringas
Wer sich einen Zeitabschnitt von 25 Jahren nicht richtig vorstellen kann, der mag vielleicht nachrechnen, wie schnell es nach 1918 dauerte, bis die Republik Litauen nicht mehr existierte. Schon nach 8 Jahren verabschiedete man sich vom Mehrparteiensystem und demokratischen Prinzipien. Das wäre dann, umgerechnet, bereits 1998 gewesen, ungefähr der Zeitpunkt, als Litauen sich erfolgreich um den Kandidatenstatus zum EU-Beitritt bewarb.
Als 1940 die litauische Unabhängigkeit verloren ging, waren seit ihrer Verkündung gerade einmal 22 Jahre vergangen. 25 Jahre Unabhängigkeit sind also für Litauen schon mal ziemlich viel - mal abgesehen von den gedeminischen und mindaugischen Zeiten.

David Geringas, eines der
kulturellen Bindeglieder zwischen
Deutschland und Litauen
Die Stabilisierung Litauens wird gegenwärtig allerdings ziemlich von drei anderen Faktoren überdeckt: die Situation in der Ukraine, die sämtliche Befürchtungen gegenüber dem großen russischen Nachbarn zu bestätigen scheinen, die immer noch unzureichende Situation der Wirtschaft, die weiterhin viele zur Arbeitsmigration quer durch Europa bewegen, und die heftigen Diskussionen um EU-Mitglied Griechenland, die ja auch die ökonomischen Strategien gegenüber anderen EU-Ländern beeinflussen.

Trat beim Schäuble-
Gastspiel gemeinsam mit
Sohn Dominykas als
"Cherry Duo" auf:
Petras Vyšniauskas,
Litauens bekanntester Jazz-
musiker
Doch im Land der "Singenden Revolution", wo mit großer Beharrlichkeit auch sowjetisch geprägte Zeiten überstanden wurden, und das 1990 von vielen auch vor allem mit gewaltlosen Aktionen identifizierten, scheinen zur Zeit die Gewichte verschoben und noch nicht alle Lektionen gelernt. Vielleicht kann Litauen doch mehr als einerseits Musterknabe der neoliberalen Weltordnung zu sein, und andererseits sich als Spielplatz für militärische Konfrontationsspielchen anzubieten? Klar, das System Putin scheint genauso eindeutig wie die Spielregeln der Marktwirtschaft. Die Unabhängigkeit wurde mehrfach Russland eher abgetrotzt als freundschaftlich gewährt. Und die Notwendigkeit des ökonomischen (Wieder-)aufbaus war zu sehr allgemein anerkannt als dass sich das Gefühl ausbreiten könnte, jetzt alles "verprassen" zu können.

Vytautas Kiminius, ein Meister
auf dem vielleicht "litauischsten"
aller Instrumente, der Birbyne
Bei Jubiläumsfeiern verblassen meist die Zwischentöne. Aber darauf mussten die Organisatoren der Reihe "So klingt Europa" - das deutsche Finanzministerium - keine Rücksicht nehmen. "In Litauen ist heute Feiertag!" meinte Moderator Stefan Rupp, und zog daraus die Konsequenz: "Das bedeutet: die Litauer haben heute frei. Daher konnten wir die Künstlerinnen und Künstler heute nach Berlin einladen." Nun ja, warum auch immer: selbst eine Euro-Beitrittsfeier wirkt für Litauen momentan, nur drei Monate nach Einführung der EU-Gemeinschaftswährung, nicht mehr sensationell. Während noch wenige Monate zuvor einige Initiativen eine Volksabstimmung zu dieser Frage in Litauen erzwingen wollten und sich damit auf der Seite einer "schweigenden Mehrheit" meinten, sorgte die alsbald nach dem 1.Januar einsetzende starke Nachfrage nach den neuen Münzen dafür, dass die Banken beinahe Auslieferungsprobleme bekamen. Litauen meisterte auch diesen Integrationsschritt in die Europäische Union mit auffällig unaufgeregter Selbstverständlichkeit.

Mit überragender Stimme und selbst komponierten
Liedern längst mehr als ein Geheimtipp für
Litauen-Fans: Alina Orlova
Dennoch: weit unumstrittener als der Glanz von Geldmünzen oder die manchmal starrköpfig erscheinende Angst vor Russland steht für Litauen die reichhaltige Kultur. David Geringas, am Moskauer Konservatorium ausgebildet, bereits seit 1976 in Deutschland lebend, mit einer Russin verheiratet und enge Kontakte nach Litauen pflegend, wirkte in Berlin daher auch wie "Schäubles erster Gast". Gelegentlich höre er auch andere Musik, aber die Klassik sei schon sein bevorzugtes Genre, gibt Schäuble auf Befragen dann auch gerne zu. Dem entsprechend, und im Bewußtsein des kulturellen Staraufgebots von Šenderovas, Kiminius, Trys Keturiose, Fort Vio bis hin zu Martynas, Alina Orlova und Vater+Sohn Vyšnauskas spielte Geringas seinen Part auch mit einem sichtbaren leichten Lächeln. Wirkliche kulturelle Hochkaräter allesamt, die diesen Abend im mit landesfarblicher Lichtstimmung gestalteten Ministerium litauisch gestalteten.

Virtuose am Akkordeon: Martynas
Fazit: Politisch, gesellschaftlich und ökonomisch mag in Litauen noch so manches diskutabel und unausgewogen sein - kulturell hat das 3-Millionen-Volk unglaublich viel zu bieten. Die Veranstaltung in Berlin mag deshalb auch als Beispiel dafür gelten, dass kein Konzertveranstalter in Deutschland - auch über die Klassik hinaus - Angst haben müsste einen ganzen Abend nur mit Künsterinnen und Künstlern aus Litauen zu gestalten. Leute, vergesst 'Youtube': solcherart kulturelle Erbauung sei also "live" und wahrhaftig noch weitaus häufiger einem breiterem deutschen Publikum gegönnt!

23 Januar 2015

Ratschläge für Volk

Die Euro-Einführung ist problemlos absolviert, aber zu Jahresanfang macht Litauen andere Schlagzeilen. Eine kleine Infobroschüre sorgt für Aufsehen. Der Titel fordert fast zur Satire heraus: "Was Sie wissen müssen für einen Notfall oder Krieg" ("Ką turime žinoti apie pasirengimą ekstremaliosioms situacijoms ir karo metui“). Das deutliche Ausrufezeichen auf dem Titel macht klar: "nicht hingehen" wird als Antwort nicht reichen.

Ist das nun ein Zeichen dafür, dass Litauen nun endgültig nur noch vom Ukraine-Konflikt dominiert wird?
Rüstet Litauen für den Fall eines russischen Einmarsches? Minister Juozas Olekas verwendete bei der Vorstellung des fast 100 Seiten starken Büchleins einen Begriff, der immer mal wieder vom Westen für das angeblich unklakulierbare Handeln des russischen Präsidenten Putin verwendet wird: das Schlagwort vom "hybriden Krieg".

Was ist an der Situation in der Ukraine "hybrid" - bzw. was könnte es in Litauen sein? "Verschmelzung  traditioneller und unkonventioneller Mittel" heißt es im "Handelsblatt", eine "geschickte Mixtur aus klassischem Militäreinsatz mit plötzlichen Manövern über Desinformation und Computerangriffe bis hin zu Energieversorgung und wirtschaftlichem Druck", so beschreibt es die"Welt", und in der Regel werden dabei NATO-Quellen zitiert. Doch auch russische Stellen haben das Stichwort offenbar aufgenommen, wie ein Zitat der "Sputniknews" zeigt, wo die "hybride" Kriegsführung natürlich den USA unterstellt wird und so beschrieben wird: "eine Kombination von Sanktionen sowie von Diplomatie-, Wirtschafts- und Informationskrieg.“

Wenn also beide Seiten sich den Gebrauch "unkonventioneller" Mittel unterstellen, könnte da die litauische Broschüre beim Verständnis helfen? Auf den ersten Blick nicht. "Ruhe bewahren" und "Panik vermeiden" sind eigentlich doch zu profane Hinweise im Land der Waldbrüder. Ob das auch gegenüber Handlungen von Verantwortlichen gilt, denen offenbar eine Anheizung von Konflikten zwischen Staaten und Völkern nichts ausmacht? Ruhe bewahren und auf den "Sieg der Guten" hoffen? Über Wege, wie Frieden erhalten werden kann, verrät der Regierungsratgeber nichts.

"Auf Anfrage" habe man die Broschüre zusammengestellt, so die Pressesprecherin des litauischen Verteidigungsministeriums. Und dort finden sich dann Sätze wie dieser: "„Wenn eine Krise beginnt oder ein Krieg, dann werden Sie evakuiert. Falls dies nicht geschieht, suchen Sie eine Waffe und bleiben Sie drinnen." Ja, sie klingen schon ein wenig komisch, diese hybriden Verhaltensweisen. Der Satz "Ein Schuss hinter dem Fenster ist noch nicht das Ende der Welt" soll angeblich der Hinweis darauf sein, auch unter schwierigen Umständen "klaren Kopf" zu bewahren. Vielleicht sollten die Litauer diese schlauen Tipps probehalber mal in der östlichen Ukraine verteilen? Woran könnte erkannt werden, ob sich die Damen und Herren Einwohner gemäß den Wünschen ihrer Regierung verhalten? Und, wäre das im Kriegsfall überhaupt wünschenswert - sich exakt nach den Wünschen der Regierung zu richten?
"Dort, wo unfreundlich gesinnte Soldaten auftauchen, sollte sie nicht bleiben", meint das litauische Verteidigungsministerium. "Versorgen Sie sich als erstes mit Wasser", "wenn draußen geschossen wird setzen Sie sich nicht ins Auto", oder "falls in ihrem Haus Soldaten auftauchen und ihre Schränke durchwühlen, provozieren Sie keinen Konflikt". Süß, diese Sorge um einen "sauberen Krieg".Völlig zurecht weisen Kritiker des Satzes "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" darauf hin, dass der Krieg die Leute immer findet.
Ob auch auf fliegende Drohnen und deren mögliche Fehlschüsse hingewiesen wird? Es tut mir leid, liebe Kriegsexperten und Buchautoren: ich bin nach wie vor dafür, lieber noch etwas mehr für den Frieden zu tun, solange es ihn gibt.

26 Dezember 2014

Säbel, Barrikaden und Moneten

Wie geht es Litauen zum Ausgang des Jahres 2014? International sind fast keine anderen Schlagzeilen geblieben außer die gespannte Situation gegenüber Russland. Gleichzeitig wird Präsidentin Grybauskaite nicht müde sich als scharfe Putin-Kritikerin zu profilieren. Russland einen "terroristischen Staat" zu nennen, wie es Grybauskaite kürzlich tat, entspricht den scheinbar ungeschriebenen Grundsätzen, stets nur die Machthaber und Lenker des übermächtigen Nachbarstaates persönlich haftbar zu machen für die politischen Zustände - und sich ansonsten mit Russinnen und Russen im alltäglichen Umgang unaufgeregt verständigen zu wollen.Litauen will der Ukraine auch durch Waffenlieferungen behilflich sein, und fast um das noch zu toppen, hat Präsidentin Grybauskaite ihre Teilnahme am 70.Jahrestag des Sieges über den Faschismus, den Moskau am 9.Mai 2015 mit breiter internationaler Beteiligung feiern möchte, schon jetzt lautstark ausgeschlagen.

Ach damals ...
Die Gewichte haben sich verschoben - gerade weil in diesem Jahr besondern häufig an den "Baltischen Weg" (Baltijos kelias) erinnert wurde. Damals fehlte im Westen jegliches Bewußtsein für die Befindlichkeiten an der östlichen Ostsee - weder Litauen als Land, noch Litauisch als Sprache hatten ihren Platz im gesamteuropäischen Bewusstsein. Die allgemein übliche Geschichtsschreibung erzählt heute, dass beides unter der Fahne der Gewaltlosigkeit und der "singenden Revolution" zurückerkämpft wurde - eine stark vereinfachende Version für das damalige Gefühl "keine Wahl" zu haben, aber sich vom verrotteten Sowjetsystem nicht mehr entmutigen zu lassen.

Wohin die heutige Entwicklung führen wird, ist vielleicht unklar - aber es ist doch zu hoffen, dass heute jede/r Litauer/in die eigenen Möglichkeiten nutzt um in demokratischem Sinne darauf einzuwirken. Es wird eben nicht nurmehr in Moskau, sondern auch in Vilnius und in Brüssel entschieden - obwohl manche national getränkte Seele sicher weiterhin gern dem Genossen Putin die alleinige Schuld an allem Übel zuschieben würde.

Schnelles Netz und flüssiges Gas
Es sei ein positives Jahr 2014 gewesen, meinte Regierungschef Butkevičius in seiner Weihnachtsansprache; schließlich sei es gelungen das LMG-Flüssiggas-Terminal in Klaipēda zu bauen und zum 1.1.2015 den Euro einzuführen. Ökonomen und Politiker führen gern allerlei Statistiken zum Nachweis - und so wurde gerade verkündet, Litauen biete das "schnellste öffentlich verfügbare drahtlose Internet" (WiFi) der ganzen Welt (gemessen von einem Tourismusportal). Eine kleine Nebensächlichkeit, dass auf Platz 3 Estland geführt wurde, der baltische Nachbar, der beim Euro vier Jahre voraus war. Diese Statistik sagt allerdings nichts aus über die Kosten der Internetnutzung in Litauen: etwa 57% aller Litauerinnen und Litauer nutzen das Internet täglich (in Deutschland gemäß dieser EU-Statistik bei 72%, anderen Zahlen zufolge bei über 80%). Aber immerhin 25% haben Internet auch noch nie genutzt (delfi - diesbezüglich misst sich Litauen dann lieber mit Rumänien und Bulgarien, wo 39% bzw. 37% ihre Interneterfahrung noch vor sich haben).

Der amerikanische Freund
Von einigen anderen Themen möchte die litauische Politik allerdings lieber nichts mehr hören. Geheime Gefängnisse der CIA auch in Litauen? "Dazu gibt es nichts Neues zu sagen", meint der litauische Sicherheitschef Gediminas Grina. Die "Washington Post" sowie einige NGOs hatten die These publiziert, eines dieser Foltergefängnisse habe sich damals in Litauen befunden (siehe auch: Craig Whitlock). Zwar hat die litauische Regierung sich auch bereits 2009 an die USA mit der Bitte um detailliertere Auskunft gewannt, aber erstens gab es keine ernsthaften Antworten, zweitens war auch damals der litauischen Seite das Nachfragen beim atlantischen Lieblingspartner eher unangenehm. Zu Spekulationen, welche hochrangigen litauischen Regierungsbeamte damals möglicherweise bei der Etablierung solcher Geheimgefängnisse geholfen haben könnten, wollte zumindest Grina sich nicht äußern: "Geeignete Schritte zu unternehmen, das muss die Politik entscheiden." Die Präsidentin ist sich bereits sicher: "Diese Untersuchungen werden unsere Beziehungen zu den USA nicht belasten."
Grybauskaite hingegen scheint auch von russischer Seite als "feindlich gesinnt" ausgemacht.Im Europaparlament wurden Textauszüge eines ins Englische übersetzten Buches mit dem Titel "die rote Dalia" verteilt, ein Versuch sie als eng verknüpft mit dem KGB darzustellen und so im eigenen Lande zu diskreditieren (siehe: Delfi). Allerdings schien die Buchautorin, Rūta Janutienė, von dieser englischen Übersetzung gar nichts zu wissen und distanzierte sich teilweise von den in Brüssel verteilten Auszügen.

Euro-Training
Diejenigen, welchen die bevorstehende Euro-Einführung mehr Sorgen bereiten, werden vielleicht die Trainingsmaßnahmen für bisher 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Banken, Handelsunternehmen und Postfilialen beruhigen, die mit Bargeld zu tun haben. Da passt die Meldung, dass wenige Tage vor der Verabschiedung vom Litas nun laut Umfragen endlich auch eine Mehrheit der Litauer positiv zum Euro stehen soll (63%, laut Delfi, gegenüber nur 50% noch im Juni). Stolz ist man auch auf die Umfragezahl, wonach nur 6% der befragten Litauerinnen und Litauer die EU für etwas Negatives halten. Doch Rolandas Pakas, Ex-Präsident und passionierter Flieger, versucht hingegen einer Doppelrolle gerecht zu werden: seine Partei „Tvarkos ir teisingumo“ (Ordnung und Gerechtigkeit) trägt die Regierung Litauens mit - aber im Europaparlament unterstützt er die EU-Skeptiker und die englische UKIP (im EU-Parlament heisst die Gruppe jetzt "Europa der Freiheit und der direkten Demokratie" EFD). Die Euro-Stimmung Litauens stört es offenbar nicht, wenn Paksas Anfang Dezember Nigel Farage nach Litauen zum Parteikongress einlud (siehe Delfi). Auch eigene Umfragen haben die Euroskeptiker in Auftrag gegeben, die - oh Wunder - 49% der Litauer als Euro-Gegner ausweisen. Da bewährt sich doch wieder das alte Sprichwort: Glaube nur den Statistiken, die Du selbst gefälscht hast.

Am 1.Januar ist jedenfalls Ähnliches geplant wie schon 2011 in Tallinn und 2014 in Riga: Regierungschef Butkevičius wird symbolisch die ersten Euroscheine aus einem Automat ziehen, flankiert von seinem estnischen Kollegen Taavi Rõivas und dem lettischen Außenminister Rinkēvičs. Im Euro vereint - "vorerst", sagen die einen. "Endlich", die anderen. 

21 Oktober 2014

Vilnius ist nicht Tokio

Rote Beete-Suppe (Šaltibarščiai) lieber fotografieren, als essen? Lieber bleiche Haut als Sonnenbaden? Kein Räucherfleisch, aber gerne Barockarchitektur? Solche Trends berichteten litauische Reiseagenturen kürzlich von Touristen aus Japan. In Litauen wird offenbar immer noch mit großen Erstaunen auf die sensiblen Bedürfnisse von Gästen aus Japan reagiert - jedenfalls wird das Thema in den litauischen Medien ausführlich behandelt.

Immer gern gesehen:Japaner mit Litauen-Fanschal.
(hier beim Besuch des litauischen Verteidigungs-
ministers Juozas Olekas in Japan, Februar 2014)

Foto des lit.Verteidigungsministeriums
Vitalijus Milkovas, litauischer Reiseleiter für japanische Gästegruppen, erzählte der Presse von seinen Erfahrungen (siehe "Delfi"). "Wenn man in der Altstadt von Vilnius umher geht, kann es schon mal sein, dass für einen Japaner etwas alt erscheint, was tatsächlich aber ziemlich neu ist", verdeutlicht er. Nicht immer laufen da Stadtführungen wie gewohnt. "Manchmal erzähle ich etwas über Napoleon, und die Gäste fangen plötzlich an ein kleines Kätzchen zu fotografieren. Vielleicht liegt das daran, dass es vorwiegend ältere Leute sind, die aus Japan kommen, für die lebende Dinge interessanter sind als abstrakte Darstellungen."

Ausserdem geht es auch bei den Japanern - Architektur hin, Geschichte her - immer gern ums Shoppen. Die neu gebauten Einkaufszentren werden gerne und ausgiebig genutzt. Die traditionellen litauischen Gerichte werden auch von Japanern gerne bestellt, aber manches wird nur fotografiert und auf dem Teller liegen gelassen. Da wird eine unterschiedliche Herangehensweise deutlich: Essen soll Spaß machen, nicht in erster Linie den Magen füllen. Eines allerdings machen Gäste aus Japan in Litauen offenbar nicht: sie besuchen keine japanische Restaurants. Besonders dann nicht, wenn der Eigentümer kein Japaner ist. Und Soya-Soße, die fehlt ihnen - und sie wird, sofern verfügbar, gern bei allerlei Gerichten ergänzt.

gefunden auf "demotyvacijos.lt"
Dass Japaner in Litauen wenig Fleisch essen, führen die litauischen Tourguides auch darauf zurück, dass sie eben gesundheitsbewußt seien und auf den Rat ihrer Ärzte hören. Aber so wie es Rasa Levickaitė, ebenfalls litauische Reiseleiterin, erzählt, klingt es eher nach Medienmacht und Massenpfänomenen als nach ärztlichen Anweisungen: "Da wird mal im japanischen Fernsehen gesagt, mit Bier könne man gut einschlafen, und so wird Bier getrunken. Dann wird gesagt, zuviel Bier sei schlecht für den Schlaf, und sie trinken weniger Bier." Viele Trends seien auch von den USA übernommen, genauso wie der Yen an den Dollar gekoppelt ist. Auch den Trend zu mehr gesundheitsbewusstem Leben wird aus litauischer Sicht als US-amerikanischer Einfluß auf Japan gesehen. So zum Beispiel die Verbannung des Rauchens aus den Restaurants. "Vor 10 Jahren waren noch 30-40% der männlichen Gäste Raucher," berichtet Levickaitė. "Heute gibt es kaum noch einen Raucher unter ihnen."

Nun ja, das hätte sie auch bei Touristen aus Westeuropa berichten können. Vor allem wäre interessant, in wieweit sich diese Trends auch auf die Litauer auswirken. Angeblich haben japanische Touristen besonders Angst vor Quallen, achten Katzen mehr als Hunde, und wundern sich über Bettler auf litauischen Straßen.

Erkenntnisse, oder eher Stereotypen? Für Litauer wirkt jedenfalls der Blick auf die asiatische Kultur offenbar immer noch ungewöhnlich. Um 37,5% stieg der Touristenstrom aus Japan nach Litauen im ersten Halbjahr 2014, verglichen mit dem ersten Halbjahr des Vorjahres (lietuva.lt). In absoluten Zahlen erscheint das allerdings weit weniger sensationell und noch steigerungsfähig: in einem Interview mit der japanischen Botschafterin in Litauen, Shiraishi Kazuko (Lithuanian Tribune), werden Zahlen für 2011 genannt: 7654 japanische Gäste in Litauen, 1449 litauische Gäste in Japan. Die meisten sicher auf Geschäftsreise.

Was verbindet Litauen ansonsten mit Japan? Vor kurzem noch stellte ein japanisches Konsortium den Bau eines neuen Atomkraftwerks in Litauen in Aussicht - bis sich eine Volksabstimmung dagegen aussprach.
Weitgehend vergessen scheint dagegen Chiune Sugihara (1900 - 1986) zu sein, der als Konsul des japanischen Kaiserreiches in Litauen während des Zweiten Weltkrieges Tausende von Juden rettete (siehe Wikipedia, "Kosherdelight" oder auch "Freiburger Rundbrief"). Die litauischen Reiseleiter jedenfalls, die über die "Andersartigkeit" der Japaner lange Abhandlungen verfassen, erwähnen dieses Thema jedenfalls mit keinem Wort. Ein Grund könnte sein, dass sich das ehemalige japanische Konsulat und heutige "Sugihara-Haus" in Kaunas befindet, und es hier nur um Vilnius-Tourismus geht - nun ja, eigentlich keine Entschuldigung. Umgekehrt berichtet die japanische Presse aber sehr wohl über den litauischen Holocaust-Gedenktag (siehe Japan Times).

Es könnte sich ja auch um eine Neuentdeckung Japans handeln, was Litauen angeht. Immerhin war erst im Sommer 2014 die allererste Delegation des japanischen Parlaments zu Besuch in Litauen - erstaunlich, nach immerhin fast 25 Jahren Unabhängigkeit. Unter den Japan-Liebhabern Litauens kursiert die Idee, in Vilnius einen japanischen Garten (“Vilniaus japoniškas sodas”) zu schaffen; die dafür notwendigen 4 Millionen Euro Finanzmittel sollen durch Spenden aufgebracht werden.

Und was fällt Japanern zu Litauen ein? Leider kann ich kein Japanisch lesen. Eine Internetseite "Japan-Lithuania" scheint auf Messebeteiligungen aus zu sein, die Spalte "Lithuanian cuisine" jedenfalls ist noch leer.
"Little Lithuania" berichtet über einen kleinen Laden zum Verkauf von Leinen in Hiroshima. 
Die japanische Botschaft in Vilnius veranstaltet, neben Seminaren zur Reaktorsicherheit (offenbar gibt es noch Hoffnungen auf einen Deal), und Einladungen in einen "Sakura-Club", Wettbewerbe im Haiku-Dichten. Aus über 800 Einsendungen von 259 Einsendern wurde 2013 das folgende aus Litauen ausgewählt, Autor ist Andrius Luneckas (hier in litauischer und englischer Fassung, passend zum Herbst):

rudens vakaras
už aplyto lango
šešėlių teatras

autumn evening
beyond the wet window
shadow theater

28 August 2014

Litauen führt 2015 den Euro ein

Litauen führt 2015 den Euro ein Die Europäische Zentralbank hat im Frühjahr grünes Licht gegeben für die Einführung de Euro in Litauen. Der Staat erfülle nun die erforderlichen Kriterien.
Dabei gehört es zu den Randnotizen der Geschichte, daß Litauen nach dem Beitritt zu EU gemeinsam mit den baltischen Nachbarstaaten Estland und Lettland bereits 2007 versucht hatte, die Gemeinschaftswährung einzuführen. Damals scheiterte der Wunsch an 0,1% zu hoher Inflation. Eine Zahl, die nach der Griechenlandkriese und angesichts des Umstandes, daß es gerade Frankreich und Deutschland waren, die vor Jahren als erste die sogenannten Maastricht-Kriterien brachen, geradezu lächerlich wirkt.
Nun ist Litauen als das dritte und letzte Land im Baltikum, welches den Euro einführt. Die Einführung wird nun unterstützt von der Deutschen Bundesband in Frankfurt, welche 114 Tonnen Bargeld in Scheinen nach Litauen schicken will, das sind 132 Millionen Euro. Die Bank von Litauen will das Geld bis 2016 zurück geben sagte Zentralbank-Chef Vitas Vasiliauskas. Die Banknoten werden bis Dezember geliefert. Weitere 370 Millionen Euro in Münzen will Litauen in seiner eigenen Münzprägeanstalt produzieren.

26 Juli 2014

Herr Müller fährt nach Ignalina

Der Osten Litauens, mit seinen schönen Seen und reichhaltiger Kulturgeschichte, könnte aus vielen Gründen ein interessantes Reiseziel sein. Aribert Müller jedoch fährt aus rein beruflichen Gründen - und, erfreulicherweise für die Litauen-Interessierten - berichtet in einem eigenen Blog über seine Erlebnisse.

NUKEM-Projekt "Abfallbehandlungszentrums
für feste radioaktive Abfälle"
Sein Job hat mit dem stillgelegten AKW in Ignalina zu tun - fast war es zu vermuten, fällt doch der Name dieser Industrieanlage in der internationalen Presse sehr viel häufiger als diejenigen der touristischen Attraktionen der Gegend. Das 1983 gebaute AKW ist 2009 stillgelegt worden, und für die komplette Demontage des Kraftwerkes wurden 25-30 Jahre veranschlagt, berichtet Müller. Er ist einer derjenigen, die offenbar die Sicherung der Dekontaminationsanlagen gewährleisten müssen - im besonderen geht es um ganz bestimmte Fugenprofile. Vor drei Jahren waren sie angelegt worden, Anfang Juli 2014 fuhr Müller im Auftrag der NUKEM GROUP nach Litauen um zu sehen, wie es dort inzwischen aussieht.

Neben dem fachlichen kommen auch einige Aussagen über Litauen zum Ausdruck. Das Land sei wie "ein grünes Gemisch aus Mecklenburger Seenplatte und Uckermark" - nun ja, je nachdem was man vorher schon gesehen hat, würde ich sagen. Was es ansonsten zu sehen gab: "mit dicken Kopftüchern bekleidete Frauen" (wahrscheinlich aber nicht nur mit Kopftüchern bekleidet, oder?), "malerische Holzhäuser", die im Kontrast zu den "tollen Straßen" für Müller "wie aus der Zeit gefallen" wirkten.
Dann die "Trabantenstadt" Ignalina und Übernachtung in "Pension Idilė".

Nun ja, für Herrn Müller erscheint es wohl selbstverständlich, dass seine Profi-Fugen keinen Grund zur Kritik geben. Der "Atomdreck" scheint sicher verwahrt. Statt dessen aber ausführliches Erstaunen über die Stadt Ignalina: "Die Sauberkeit zwischen den Wohnblöcken und Straßen ist unglaublich. Es liegen keine Kippen herum, jeder Quadratzentimeter Nutzrasen ist gemäht und schon früh am Morgen fegen Frauen in hellgrünen Warnwesten an Stellen, wo es augenscheinlich nichts zu fegen gibt."

Eine wahre Stadt der Sauberfrauen also, dieses Ignalina. Doch Müller entdeckt auch "Jung-Visaginisten", und zwar in der örtlichen Pizzeria. Müller hat seinen Spaß, und außer dass ihm auch die angebotene Pizza hervorragend schmeckt, beschreibt er die Szene so: "...hier cruisen die Autos wie auf einer Fanmeile und hier trifft man die hübschesten Frauen in der östlichsten Ecke der EU – ein Augenschmaus. Leider haperte es mit der Verständigung, ..."

Nun ja, so war das immer schon mit den "Experten" aus dem Westen - nur sind die "Schönheiten" inzwischen nicht mehr so leicht greifbar, und müssen ab 2015 ja auch in Euro bezahlt werden. Am See baut die EU einen neu gestalteten Strandbereich, beschreibt Müller noch. Für ihn ist es eine Reiseempfehlung: "von Berlin aus ist man in wenigen Stunden da!"

Aktuell hat Ignalina wohl auch noch andere Sorgen. Aufgrund des Ausbruchs der "Afrikanischen Schweinepest" im östlichen Litauen besteht für die Stadt die Gefahr, dass durch diese zusätzlichen Warnungen (kein Fleisch als Souvenir mitbringen!) jetzt noch weniger Gäste in diesem Sommer die Gegend besuchen. Über dieses Thema informiert die Webseite der Stadt vorerst nur in Litauisch.

Blog "Fugenmontage im AKW Ignalina in Litauen"

NUKEM Technologies Projekt 1 / NUKEM Technologies Projekt 2 /
NUKEM-Projekt "Abfallbehandlungszentrums für feste radioaktive Abfälle"

Stadt Ignalina / Touristinfo Ignalina / Regionalzeitung "Mūsų Ignalina" (litauisch)

29 Juni 2014

Litauische Gallier

Dass in Litauen dieses Wochenende ein ganz besonderes sein könnte, ist den internationalen Presseschlagzeilen nur schwer zu entnehmen. War es den Regierungen in Estland und Lettland gelungen, vor Einführung des Euro den politischen Lauf der Dinge als "alternativlos" hinzustellen, so stört die innenpolitische Situation in Litauen noch eine mit Hilfe von 300.000 Unterstützerunterschriften erfolgreich durchgesetzte Volksabstimmung an diesem Sonntag.

Zwar steht nicht der Beitritt zum Euroraum zur Abstimmung, aber wenn eine Mehrheit der Litauerinnen und Litauer sich heute gegen die Möglichkeit des Landverkaufs an Ausländer aussprechen würde, so wäre doch eines der viel zitierten Grundsätze des gemeinsamen EU-Markts gekippt.
Für die Außenpolitik Litauens ein Störfaktor. Die Zeitschrift "Freitag", eine der wenigen Blätter die das Thema überhaupt eines Beitrags wert hielten, erklärt denn auch gleich die Litauer zu "Galliern des Ostens". Alle anderen halten es wohl für äußerst unwahrscheinlich dass die wichtigste Bedingung für eine Gültigkeit des Referendums erfüllt wird: mehr als 50% der Wahlberechtigten müssen sich an der Abstimmung beteiligen - eine Hürde, an der in der Vergangenheit schon verschiedene andere Volksabstimmungen gescheitert sind.

Jetzt, zu Beginn der Ferienzeit, sollen also alle zu den Wahlurnen eilen? Wirklich unwahrscheinlich. Alle reden über die Ukraine, über die Zustände in Russland, vielleicht auch über die Unzulänglichkeiten der litauischen Politik, die viele dazu zwingt ihr Auskommen im EU-Ausland zu verdienen. Aber über die Zustände zu schimpfen, oder sie versuchen zu ändern, das waren schon immer zwei unterschiedliche Dinge. Da bleibt auch dem "Freitag" nichts als ironisch zu spekulieren: "wer weiss, möglicherweise entpuppen sich die Litauer doch als Gallier, denen ihre Druiden magische Tränke brauen können, welche plötzlich totale Lust auf Stimmabgabe verleihen." Seit Mittwoch bereits ist die Stimmabgabe möglich, und alles deutet auf eine eher niedrige Beteiligung hin. 

Der aktuellen EU-Politik würde dieser Vergleich sowieso nicht entsprechen: auch in Frankreich ist die aktuelle Politik weit davon entfernt, mutige Demokraten als Leitfiguren hervorzubringen (EU- und Euro-Gegner erträumen sich vielleicht auch eher eine litauische "Farage"-Variante, nicht gallisch, sondern very britisch ...). Aber die meisten Litauer werden sich auch nicht einfach den plumpen EU-Hassern anschließen wollen, die besonders auf einigen Internetseiten sehr aktiv sind. Die 300.000 Stimmen zur Durchführung des Referendum scheinen mehr ein Appell an die eigene Regierung zu sein, Litauen möge auch in der EU bitte schön den Mut haben einen eigenen Weg zu gehen.

Litauische Wahlkommission 

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Nachtrag:  Einer Mitteilung der litauischen Wahlkommission zufolge nahmen am 29.Juni 379.915 Wahlberechtigte, das entspricht 14,97%, an der Volksabstimmung teil. 268.920 der Abstimmenden befürworteten dabei die vorgelegte Gesetzesinitiative (72,83%), 100.249 (27,16%) lehnten sie ab. Damit wurden die 50% Beteiligung, die gesetzlich vorgeschrieben sind um das Referendum für gültig zu erklären, klar verfehlt, und mit 268.920 Befürwortern wurden sogar weniger Ja-Stimmen gesammelt als sich vorher für die Durchführung der Abstimmung per Unterschrift eingesetzt hatten.

03 Juni 2014

Nach der Wahl: die Posten und die Kosten

Die litauischen Repräsentanten fürs EU-Parlament sind gewählt, die Präsidentin darf weitermachen - da ist es wohl Zeit, nun unangenehmere Fragen auf die Tagesordnung zu bringen: die Kosten fürs Militär sollen erhöht werden. Der gegenwärtige Haushalt sieht 0.8% der zur Verfügung stehenden Mittel für Verteidigung vor - das wollen Regierung und Präsidentin bis 2020 ändern. Die häufig erwähnten 2% Militärausgaben gelten in NATO-Kreisen zwar nicht als Pflichtzielsetzung, wohl aber als Vergleichsmaßstab.

Präsidentschafts-Gegenkandidat Balčytis hatte sich in diesem Punkt zuletzt zurückhaltender gezeigt, in dem er argumentierte, jegliche Hast zur Erhöhung der Militärausgaben sei unbegründet, schließlich befinde man sich nicht im Krieg. Balčytis soll allerdings Litauens neuer EU-Kommissar werden - so wollen es die regierenden Sozialdemokraten, und müssen, sollte dieser Vorschlag Realisierungschancen haben, auf Kompromisskurs mit der Präsidentin gehen. Am Europawahltag entstand die kuriose Situation, dass Sozialdemokrat Zigmantas Balčytis bei zwei Wahlen gleichzeitig antrat: als Kandidat fürs EU-Parlament und fürs Präsidentenamt. Die Sozialdemokraten erreichten 17,26% und zwei Sitze - einen weniger als bisher. Ex-Sozialministerin Vilija Blinkevičiūtė, ebenfalls seit 2009 EU-Parlamentarierin, bekam sogar mehr Stimmen als ihr Kollege Balčytis.

Einige bekannte Politikerinnen und Politiker werden jetzt also ihren Weg im Europaparlament fortsetzen. Rolandas Paksas gehört dazu, vor 10 Jahren vom Parlament als Präsident abgesetzt, seitdem wirken viele seiner Wahlkämpfe immer noch wie Feldzüge für seine persönliche Rechtfertigung. "Tvarka ir teisingumas" (Ordnung und Gerechtigkeit) heisst konsequenterweise seine Partei, deren 14,25% Stimmenanteil diesmal nur für einen EU-Sitz reichten (bisher 2).

Auch Viktor Uspaskich(as) ist in Litauen sattsam bekannt. Ob als sogenannter "Gurkenkönig" und erfolgreicher Unternehmer, Ex-Wirtschaftsminister, der wegen einer gefälschten Diplomurkunde zurücktreten musste, oder als von der litauischen Staatsanwaltschaft Beschuldigter, der - um der Verhaftung zu entgehen - auch schon mal für über ein Jahr nach Russland floh. 12,81% Stimmanteil für seine "Darbo Partija" (Arbeitspartei) reichten um sein EU-Parlamentsmandat zu erneuern.

Auch Valdemar Tomaševski arbeitet nach erfolgreicher Wahl für die litauische polnische Wahlaktion bereits seit 2009 im Europaparlament und war dort bisher Mitglied der Fraktion "Europäische Konservative und Reformisten" die als "Euroskeptiker" gelten (Mitglieder sind auch die britischen Konservativen und die polnische PiS). 8,05% der gültigen Stimmen und damit wiederum einen Sitz.

Den litauischen Christdemokraten (Tėvynės sąjunga - Lietuvos krikščionys demokratai) gelang es zwar um wenige Hundert Stimmen, wieder stärker als die Sozialdemokraten aus den Wahlen hervorzugehen, aber die 17,43% reichten gleichfalls nur für zwei Sitze. Somit darf also Ex-Außenminister Algirdas Saudargas seinen EU-Sitz behalten und wird nun durch einen Nachkommen der landesweit bekannten Familie Landsbergis unterstützt: Gabrielius Landsbergis ist, was den Bekanntheitsgrad seiner Familie angeht, vielleicht ähnlich den von Lambsdorffs in Deutschland einzuschätzen. Und im Gegensatz zu allen politischen Nachkommen von Willy Brandt ist er ein echter Enkel - von Vytautas Landsbergis, dem Urgestein der litauischen Unabhängigkeitsbewegung. Im Wahlkampf musste sich Gabrielius wehren gegen Anfeindungen, der "Landsbergis-Clan" würde hier seine Interessen ins Trockene bringen - aber die Wählerinnen und Wähler seiner Wahlliste setzten ihn noch vor Saudargas auf den ersten Platz, und damit auch vor die beiden Spitzen-Frauen auf der christdemokratischen Liste: Laima Liucija Andrikienė und Radvilė Morkūnaitė-Mikulėnienė waren bisher im EU-Parlament, die Wiederwahl aber scheiterte diesmal.

Somit gibt es tatsächlich bis auf eine Sozialdemokratin keine Frauen für Litauen im Europaparlament. Mit 16,55% überraschend viele Stimmen erreichte die Liberale Union      (Lietuvos Respublikos liberalų sąjūdis) und errang damit zwei Sitze. Einer davon geht Antanas Guoga, auch "Tony G" genannt, ein professioneller Pokerspieler, der schon mehrere Millionen Dollar bei Pokerturnieren gewonnen hat; weitere Kenntnisse sind von ihm nicht bekannt, außer dass er als Kind auch mit dem Zauberwürfel ganz gut gewesen sein soll. Der zweite EU-Sitz geht an Petras Auštrevičius, einen erfahrenen Diplomaten und Politiker. Nur auf Platz 3 setzten die Wählerinnen und Wähler den eigentlichen Spitzenkandidaten der Liste, Ex-Bildungsminister Gintaras Steponavičius.
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Und ein Mandat ging auch an die gemeinsame Liste Bauernpartei & Grüne, die damit neu im EU-Parlament sein werden. Gewählt wurde Ramūnas Karbauskis, ein Agrarunternehmer. Offenbar hat die Partei aber vor, dieses Mandat an Bronis Ropė, den zweitplazierten auf der Wahlliste und Bürgermeister von Ignalina, abzugeben.

16 April 2014

Eins aus sieben

Kandidatenreihe mit Amtsinhaberin, streng
alphabetisch
Manche werden es vielleicht mit Überraschung registrieren: es gibt tatsächlich sieben Kandidatinnen und Kandidaten für die am 11.Mai stattfindende Präsidentschaftswahl in Litauen! Amtsinhaberin Dalia Grybauskaite hatte nun mehrfach Gelegenheit, auch europaweit bekannt zu werden, und ihren Landsleuten das Bild zu vermitteln sich für sie in Europa einzusetzen.
Bei vergangenen Wahlen war eher darüber diskutiert worden, welche Machtbefugnisse ein Präsident in Litauen hat - im Vergleich zu seinen estnischen und lettischen Kollegen zum Beispiel. Heute scheint der Einfluß der Präsidentin auf die Innenpolitik schon selbstverständlich - tatsächlich hat Grybauskaite schon Minister, die der Regierungschef vorschlug, abgelehnt - wegen fehlender Sprachkenntnisse zum Beispiel. Das alles scheint darauf hinzudeuten, dass sich Grybauskaite als "litauische Präsidentin in Europa" versteht, also als Fürsprecherin litauischer Interessen in Europa. Die litauische EU-Ratspräsidentschaft im vergangenen Halbjahr war sicher eines der wichtigsten Ereignisse ihrer Amtszeit.
Die erste Frage, nachdem am 11.Mai alle Stimmen gezählt sind wird sein, ob Dalia Grybauskaite mehr als 50% der Stimmen erhält und damit gleich im ersten Wahlgang gewählt ist. Alle anderen Kandidaten hoffen darauf, dass die Zustimmungsrate für die Amtsinhaberin noch sinkt (Umfragen weisen zur Zeit knapp über 40% aus).


Die Reihe der Mitbewerber/innen ums Präsidentenamt wirkt fast so wie ein litauischer Popularitätstest: alle bereits bekannten Figuren, die nur eben für verdächtig gehalten werden könnten ihre Beliebtheit im Volke testen zu wollen, sind dabei.

Artūras Paulauskas. Er kann sicher schon als "alter Hase" der litauischen Politik bezeichnet werden. Irgend etwas hinderte ihn bisher immer, ganz nach oben zu kommen: 36-jährig von Vytautas Landbergis zum litauischen Generalstaatsanwalt berufen, unterlag er schon 1997 knapp dem damals gewählten Präsidenten Valdas Adamkus. Paulauskas gründete die „Naujoji Sąjunga“ (Neue Union) und wurde Parlamentsvorsitzender erst unter Regierungschef Rolandas Paksas, dann unter Algirdas Brazauskas. 2006 trat er nach einem Mißtrauensvotum von dieser Funktion zurück. 2008 trat er auch als Parteivorsitzender zurück. Nun also eine Rückkehr, gleich ins höchste Amt? Schwer vorstellbar.Wahrscheinlich bleibt es bei einigen Wochen "kommissarischer" Amtszeit  (6.4.2004 bis 12.7.2004) als Rolandas Paksas seines Amtes enthoben wurde. 

Artūras Zuokas. Von ihm wissen auch viele außerhalb Litauens, dass er gern mal Falschparker mit Panzerwagen überfährt. Populistische Gebährden halten einige für die kennzeichnende Charakteristik des (mehrfachen) Bürgermeisters von Vilnius. Zweimal war er sozusagen "Steigbügelhalter": sowohl für Valdas Adamkas wie auch für Rolandas Paksas arbeitete er im Wahlkampfteam. Trotz vieler Korruptionsvorwürfe einer der ernsthaften Konkurrenten der Amtsinhaberin.

Valdemaras Tomaševskis. Polnischer Litauer, und als Repräsentant seiner Volksgruppe schon Stadtratsmitglied in Vilnius, stellvertretender Bürgermeister, Parlamentsmitglied und seit 2009 im Europaparlament. Außerdem noch Vorsitzender der "Lietuvos lenkų rinkimų akcija LLRA" (Wahlaktion der Polen Litauens). Als Präsidentschaftskandidat wird es wohl nicht mehr als ein Achtungserfolg werden.

Zigmantas Balčytis. Der Sozialdemokrat war eigentlich schon mal fürs Regierungsamt vorgesehen, nachdem Algirdas Brazauskas 2006 zurücktrat. Statt seiner wurde dann aber Gediminas Kirkilas Ministerpräsident, und Balčytis, der immerhin auf Erfahrungen auch als Verkehrs- und Finanzminister zurückblicken kann, ging 2009 ins Europaparlament. Steigende Umfrageergebnisse und hohe Wahlkampfspenden für die Sozialdemokraten könnten ihn in die Stichwahl gegen die Amtsinhaberin bringen.

Naglis Puteikis Mit der für einen Präsidentschaftskandidaten recht ungewöhnlchen Profession eines Archäologen hofft der international eher unbekannte Kandidat der Vaterlandsunion und der litauischen Christdemokraten bis zum Wahltermin noch Profil zu gewinnen und schreibt eifrig in seinem Blog politische Kommentare. Der Einzug in die Stichwahl wäre für ihn sicher ein Erfolg und der Beweis, dass nicht alle Anhänger seiner Partei auch Unterstützer der amtierenden Präsidentin wären. Puteikis fällt außerdem dadurch auf, dass er nicht wie die meisten anderen aus Vilnius kommt, sondern aus Klaipėda.

Bronis Ropė. Bisher Bürgermeister von Ignalina, die Stadt die nach der Abschaltung des litauischen AKW nach Alternativen der Entwicklung sucht. Der studierte Maschinenbau-Ingenieur ist stellvertretender Vorsitzender des Bundes der Bauern und der Grünen Litauens. Auch wenn ihn sein eigener Parteivorsitzender "einen der beliebtesten Bürgermeister Litauens" nennt, ist der Schritt zum Präsidenten zu werden doch noch sehr weit.

Diese sieben Kandidatinnen und Kandidaten konnten rechtzeitig die geforderten 20.000 Unterstützer-Unterschriften vorlegen. Zwölf weitere Persönlichkeiten schafften diese Voraussetzung nicht. Der Mai wird also Wahlmonat in Litauen: Präsidentschaftwahl, Europawahl, und parallel dazu eventuell noch eine Präsidentschafts-Stichwahl. Und auch der Juni hält noch Wahlurnen bereit: am 29.Juni soll das Referendum stattfinden, mit dem die Initiatoren den Verkauf von Land an Ausländer verhindern wollen (siehe LRT und Beitrag in diesem Blog)

23 Februar 2014

Das Land und das Geld

Vielleicht haben sich die zuständigen Beamten und Politiker in Litauen die Einführung des Euro doch etwas zu einfach vorgestellt. Seit einigen Tagen ist klar, dass das litauische Verfassungsgericht keine Einwände hat gegen ein beantragtes Volksbegehren, das sich gegen den Landverkauf an Ausländer richtet. 2004 hatte sich Litauen dies trotz EU-Beitritt für eine Übergangszeit als Ausnahme gesichert, 2014 sollte diese Sonderbestimmung nun auslaufen. Aber dagegen wurden nun bereits 300.000 Unterschriften gesammelt, bei einer zum gleichen Thema durchzuführenden landesweiten Volksabstimmung müssten sich dann mindestens 50% der litauischen Wahlberechtigten beteiligen um das Ergebnis als gültig erklärt werden zu können.

Die Initiatoren aber planen auch zur Euro-Einführung ein weiteres Referendum. "Die litauische Regierung wird nun erklären müssen, welche Gründe es für eine so rasche Einführung des Euros in Litauen gibt," meint Mit-Initiator Romualdas Ozolas, der selbst auf eine bunt schillernde Vergangenheit zurückblicken kann als Mitglied der litauischen Kommunisten, dann der Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis, und 1996-2000 Parlamentsabgeordneter. Ozolas schrieb auch an der neuen litauischen Verfassung von 1992 mit, gründete aber auch 1988 die Organisation "Vilnija", die eine völlige Lituanisierung des Vilnius-Gebiets zum Ziel hat und damit als ziemlich rechts im politischen Spektrum stehend gesehen wird. Seit 1993 ist der Philologe und Philosoph Ozolas Mitglied der Litauischen Zentrumsunion (Lietuvos centro partija) und war 1990/91 auch schon mal stellvertretender Ministerpräsident.
Andere Gegner des Landverkaufs sind bei der Partei "Lietuvos valstiečių ir žaliųjų sąjunga" (Litauischer Verand der Bauern und Grünen) und deren Vorsitzendem Ramunas Karbauskis zu finden, einem der größten Landbesitzer Litauens.

Per Volksbegehren soll der litauische Litas in der Verfassung als einzige litauische Währung festgeschrieben werden, entsprechend auch die Nationalbank als einzig mögliche zuständige Institution. Änderungen daran sollen nur per Referendum möglich sein - eben genau wie es jetzt zur Abstimmung gestellt werden soll.

Andere Abstimmungs-Befürworter argumentieren so, dass selbst wenn die Annahme stimme, Litauen habe sich mit dem EU-Beitritt 2004 auch für den Euro ausgesprochen, dann sei der Zeitpunkt der Einführung dennoch eine nationale Angelegenheit. Der EU-Beitritt vor 10 Jahren wurde wie auch in Estland und Lettland durch eine Volksabstimmung untermauert: auch damals stimmte Estland zuerst ab, es folgte Lettland und - als klar war, das Land würde sonst "außen vor" bleiben - auch Litauen. Ob diese Logik auch auf das Jahr 2014 anwendbar sein wird? Gegenwärtig scheint, auch wegen der bevorstehenden Europawahlen, vieles an der litauischen Europabegeisterung unsicher.

Das Referendum gegen die Erlaubnis des Landverkaufs an Ausländer soll nun zwischen Mai und Juli 2014 durchgeführt werden. Im Ergebnis wäre ein erfolgreiches Referendum - egal ob gegen Landverkauf oder dann gegen den Euro - vielleicht von ähnlicher Wirkung wie die kürzliche Entscheidung der Schweiz zur Begrenzung der Zuwanderung. Auch Länder wie Ungarn, Rumänien oder Bulgarien hätten sich gern den Verkauf von Land nur ihren Staatsangehörigen vorbehalten. Politiker der litauischen Regierungsparteien fürchten daher eine Schwächung der Stellung Litauens gegenüber Brüssel - gerade durch ein erfolgreiches Referendum.

Politiker wie Ex-Regierungschef Landsbergis riefen bereits dazu auf, Unterschriften zugunsten eines Referendums wieder zurückzuziehen. Aber im Mai werden in Litauen auch noch Präsidentschaftswahlen abgehalten - da fühlen sich Kandidaten wie Amtsinhaberinnen geneigt Stellung zu nehmen. Präsidentin Dalia Grybauskaite kandidiert für eine weitere Amtszeit, und ihre Stellungnahme klingt nicht nach klarer Ablehnung der Anti-Landkauf-Stimmung. "Land, und besonders kultiviertes Land, sollte schon hauptsächlich den Staatsbürgern gehören" sagte sie der litauischen Nachrichtenagentur ELTA.

08 Februar 2014

Selten per Bahn


Was ist eigentlich los zwischen Litauen und Estland? Einig Themen scheinen wie geschaffen für speziellen Streit gerade zwischen Esten und Litauern zu sein. War lange Zeit eher Lettland und die Bevorzugung einer Strecke Riga-Moskau der Faktor für Zweifel am "Rail-Baltica"-Projekt, das die drei Länder mit einer schnellen Bahnverbindung ausstatten soll, so werfen sich neuerdings Litauer und Esten hier gegenseitig Inkompetenz vor. "Nur Trottel streiten über dieses Projekt!" sagte der estnische Wirtschaftsminister Juhan Parts dem "WallStreetJournal" und meinte damit offensichtlich die Litauer.

Die EU hat ja bereits zugesagt, 85% dieses Projekts zu finanzieren. Rail Baltica wurde per Beschluß von Parlament und Rat bereits 2004 als Vorrangiges Projekt Nr. 27 des Transeuropäischen Verkehrsnetzes identifiziert. In einer Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2007 heißt es: " Das existierende Nord-Süd-Streckennetz ist von schlechter Qualität, Service- und Geschwindigkeitsniveau sind niedrig und die Interoperabilität mit dem Rest der EU ist eingeschränkt durch unterschiedliche Standards, besonders durch die unterschiedlichen Spurweiten."

Werbeseite der "Rail-Baltica" Litauen:hier ist die Variante
über Kaunas scheinbar doch schon selbstverständlich
Nun ändert ja dieses eine Projekt fast nichts an diesem Zustand - wer die Preise des "RailBaltica" zahlen kann, wird - wenn die Strecke dann endlich gebaut wird - auch schnell nach Tallinn, Riga oder Vilnius kommen können, und wieder weg. Die Studie sagte es mit anderen Worten: für einen Betreiber von Personenverkehr ist das Projekt nicht rentabel.
Der Rest der Bevölkerung muss ja mit den alten Strecken und Spurweiten sowieso noch länger leben. Nochmals Zitat aus der Studie: "Die Hauptidee von Rail Baltica ist die Entwicklung qualitativ hochwertiger Verbindungen für den Personen- und Güterverkehr sowohl zwischen den Baltischen Staaten und Polen wie auch zwischen den Baltischen Staaten und den anderen EU-Ländern über den Hub Warschau."

Es geht also eher um den Güterverkehr. Die Studie sah drei mögliche Varianten vor - keine davon über Vilnius! Schon damals hätten also die Litauer sich schon einschalten müssen, wenn denn Bahnverkehrsinteressen im Spiel gewesen wären. Nun meinte ja Estlands Regierungschef Ansip, die Routenführung sei Gegenstand von Verhandlungen zwischen der EU und Litauen. Vielleicht meinte er mit dieser Wortwahl auch eher: lasst euch von der EU mal erklären, auf welchem Planungsstand wir eigentlich sind! Dem hält der litauische stellvertretende Verkehrsminister Arijandas Sliupas eine offenbar genauso "taktisch" gemeinte Frage entgegen: alles müsse innerhalb einer gemeinsamen, noch zu gründenden Joint-Venture geklärt werden, die das Projekt dann bauen und betreiben soll. (will sagen: wenn Du uns beleidigst, machen wir gar nicht mit!). Eine Tochterfirma von "Rail Baltica Statyba" ist in Litauen bereits gegründet, 650.000 Euro stellen die Litauer angeblich bereit (siehe ERR). Die litauischen Einwände, vielleicht lieber doch Vilnius einzubeziehen, hatte erst 2013 das litauische Parlament beschlossen.

Da möchte man doch wissen, wer überhaupt mal Bahn fährt in diesen Ländern ...!
Es sieht alles nicht nach konstruktiven Überlegungen von Bahnfans aus. Ob "Rail-Baltica" nun wirklich und endlich realisiert wird, ist leider aus diesem Streit nur sehr schwer abzulesen. Eine gute Alternative zu Billigfliegern und Schnellstraßenausbau wäre schon gut.

Weltmeister im Zugfahren sind übrigens die Schweizer (gemäß dem Internationalen Bahnverband UIC) - sie legten im Jahr 2012 durchschnittlich 2274 km im Zug zurück. Am Ende dieser Statistik stehen, wen wundert es: Lettland, Litauen und Estland. Hier wurde die Bahn (durchschnittlich) nicht mehr als 4mal pro Jahr benutzt.

Aber nutzt "RailBaltica" überhaupt diesen drei Ländern? In Estland wird der neue Schnellzug zum Beispiel nur in Pärnu und in Tallinn halten, in Lettland außer in Riga nur in Jelgava. Daher auch die Diskussion in Litauen: warum Geld ausgeben, wenn nur Kaunas als "Durchgangs- und Umsteigestation" vorgesehen ist?Aber auch die Geschwindigkeit mit der die Züge auf der  "Rail Baltica"-Strecke fahren sollen, ist offenbar noch unklar: 240km (wie es dem Passagierverkehr angemessen wäre), oder doch weniger (um dem Güterverkehr entgegen zu kommen?). Den regionalen Betreibern von Güterverkehr - auch im Zusammenhang mit den baltischen Häfen - wird ebenfalls wenig Interesse an einer Bahnstrecke Richtung Polen bzw. Talinn nachgesagt. Trotz einiger blumiger Ankündigungen: Wer gerne Bahn fährt, wird sich in und um Litauen weiter gedulden müssen.

03 Januar 2014

nach 13

"Endlich ist es vorüber - das verflixte dreizehnte Jahr!" Wer in Litauen so denkt, hatte vielleicht in den vergangenen Monaten mit der Abwicklung der litauischen EU-Ratspräsidentschaft zu tun. Die Reaktion der internationalen Presse konzentriert sich nun auf die Präsidentschaft Griechenlands - die hier manchmal aufkommende Frage "Präsidentschaft, können die das?" hatte Litauen niemand gestellt. Litauen, ein normales EU-Mitglied.

Das präsidentschaftslose 2014 beginnt für Litauen mit einer Diskussion über Olympia in Sotschi. In dieser Hinsicht gilt den lettischen Nachbarn offenbar Dalia Grybauskaite als die bessere Präsidentin: während der Lette Bērziņš frühzeitig seine Teilnahme in Sotschi zusicherte, registrierten die Litauer aufmerksam nach der Absage des Deutschen Gauck auch das "Njet" der frisch mit dem Aachener Karlspreis geehrten litauischen Dalia. Ramūnas Vilpišauskas, Direktor des Instituts für internationale Beziehungen an der Universität Vilnius, nennt auch Gründe für die präsidiale Ablehnung. Die im Oktober ziemlich plötzlich verkündete Einfuhrsperre für Milchprodukte (sieht "Top-Agar" oder "Schweizerbauer") wurde für litauische Verhältnisse relativ leise international kommentiert - was auch an den präsidialen Aufgaben gelegen haben kann. Im Gegensatz zu Joachim Gauck hatte Grybauskaite ihren Sotschi-Verzicht mit der Menschenrechtssitutation in Russland, der Behandlung anderer osteuropäischer Länder (gemeint sein könnte z.B. die Ukraine), sowie auch den Handelskomplikationen. Bērziņš dagegen hatte die Idee eines Boykotts als seiner Meinung aus den Zeiten des Kalten Kriegs stammend abgetan.

Nun sind litauische Medaillen bei Winterspielen auch ein eher seltenes Ereignis - um Medaillen zu feiern, müsste schon bis zurück zu Sowjetzeiten zurückgerechnet werden: 1988 in Calgary gewann die Skilangläuferin Vida Vencienė (geb. in Ukmerge) Gold über 10km klassisch. Vielleicht hält Grybauskaite ihre Unterstützung für den litauischen Wintersport auch schon damit für abgeschlossen, dass sie der US-Amerikanerin Isabella Tobias nun doch noch eine litauische Staatsbürgerschaft so rechtzeitig genehmigte, dass sie in Sotschi zusammen mit ihrem litauischen Partner Deivid Stagniūnas im Eistanz antreten kann. Aber Medaillen sind eher unwahrscheinlich - daher interessiert die meisten immer noch mehr der Basketball: Mantas Kalnietis und Lina Pikčiūtė wurden zu Basketballspielern des Jahres 2013 ernannt.

Ein anderes Ereignis dagegen soll 2014 besonders erinnert werden: gemäß dem Willen einer eine Mehrheit im litauischen Parlament soll in diesem Jahr der Schlacht von Orscha gedacht werden. Per Parlamentsbeschluß wird hier wieder mal den großherzoglichen angeblich glorreichen Zeiten gedacht, als 1512 die Russen eine Schlacht verloren (Orscha im heutigen Weissrussland, siehe Wikipedia). Allerdings gehört dann wohl auch dazu, dass einige litauische Chronisten damals diesen Erfolg durch völlig falsche Angaben zu angeblich getöteten Gegnern hochspielten. Es ging damals übrigens nicht um die Verteidigung Litauens, sondern um den litauischen Anspruch auf das Gebiet Smolensk. Erstaunlich.

Immerhin soll das Jahr 2014 für Litauen auch zum Gedenken an Kristijonas Donelaitis genutzt werden, der vor allem durch seine "Jahreszeiten" (Metai) bekannt wurde. Die UNESCO führt "Metai" als eines der "Literaturmeisterwerke Europas".

Was steht sonst in Aussicht für 2014? Die Vorarbeiten zum Euro-Beitritt Litauens zum 1.1.2015 - so erhofft es sich wiederum Präsidentin Grybauskaite.Sie erhofft sich danach die Möglichkeit, auch Renten und Löhne in Litauen stufenweise wieder anzuheben - falls das Wirtschaftswachstum dann dafür ausreicht. Wir sind gespannt; erstmal heisst es: frohes neues 2014.

03 Dezember 2013

Es gipfelt

Litauen hatte sich sehr viel Mühe gegeben. Für das halbe Jahr ihrer EU-Präsidentschaft sollte vor allem die „Östliche Partnerschaft“ Schwerpunkt werden, Thema des EU-Gipfeltreffens vom vergangenen Wochenende. Aber Europa geht nicht mit "Heldenschritten" voran, das wissen wohl die meisten, die mit den entscheidenden Fragen an verantwortlicher Stelle befasst sind. Die heroischen Zeiten, aus deutscher Sicht der Fall der Mauer, aus litauischer Sicht der Kampf um die Unabhängigkeit, sie sind lange vorbei.

Vielleicht stehen über den gegenwärtigen Zeitungsberichten auch die falschen Überschriften. Gut, der ukrainische Präsident Janukowitsch hat das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterschrieben. Die litauische Präsidenschaft hätte es sich sicher gewünscht, hier im Umfeld des eigenen Landes mehr Europa-Freunde zu gewinnen, mehr Verlässlichkeit und weniger auf der ewigen Klippe des "entweder-oder" entlang spazieren zu müssen. Aber manchmal hilft sich bewußt zu machen, wie es hätte auch (anders) kommen können.

Der Litauen-Freund hat es ja nicht immer leicht. Nun sind wir also zunächst damit zufrieden, dass es Litauen es geschafft hat eine "ganz normale" EU-Präsidentschaft abzuliefern. Aus Brüsseler und deutscher Perspektive war es gut "angewärmt" durch die Karlspreis-Verleihung an Präsidentin Grybauskaite. Die litauischen Partner ehren, bevor sie gebraucht werden - es sieht aus wie die richtige Reihenfolge. Manche Litauer hatten es ja so gesehen: Baltischer Weg, Wiedererlangung der Unabhängigkeit, Beitritt zur EU und NATO - und nun die Präsidentschaft. Das Ende des langen Wegs zurück nach Europa.

Ganz abgesehen von den fehlenden großen Erfolgen des Gipfelwochenendes ist es doch erstmal begrüßenswert, dass Litauen so ein halbes Jahr unauffällig, aber professionell abwickelt. Begleitet mit einem verstärkten Kulturprogramm in Deutschland waren litauische Zusammenhänge oft im Blickpunkt in diesen Monaten. Es hat schon wankelmütigere (litauische) Präsidentschaftsperioden gegeben - mir fällt da zum Beispiel die litauische Präsidentschaft im Ostseerat ein, wo Sätze fielen wie "ach wissen Sie, es gibt so viele verschiedene Kooperationen" (siehe NGO-Blog). Prioritäten, Ziele, Standards des Umgangs miteinander? Damals noch unbekannt.
Auch das Kulturhauptstadtjahr 2009 hatte Litauen nicht sehr viel Positives gebracht, und das nicht nur wegen der ausbrechenden Wirtschaftskrise. Gegenwärtig steht Litauen dagegen erstmal in der gewünschten guten Position: mit gutem Kontakt sowohl zur Brüsseler EU-Zentrale, wie auch in die östlichen EU-Nachbarschaftsländer.

Ob die übrigen EU-Länder auch bezüglich Litauen dazu gelernt haben, bleibt vorerst unentschieden. Immerhin klingt der Name "Vilnius" etwas selbstverständlicher als Bezeichnung einer "normalen europäischen Hauptstadt". Auch die litauische Präsidentin kennen in Deutschland inzwischen schon einige - auch wenn viele dieser Geschichten eher von Mythen und Legenden ausgehen als von tatsächlichen Machtverhältnissen.

Wie es in der Ukraine weitergeht werden die Menschen dort entscheiden müssen. Schon seit der "Orangenen Revolution" war klar geworden, dass dieses Land ziemlich zwischen Ost und West zerrissen ist, und selbst wer in Kiew dominiert hat Donezk noch nicht für sich gewonnen. Der amtierende Präsident Janukowitsch ist durch eine zumindest halbwegs reguläre Wahl an die Macht gekommen, nachdem sich die Oppositionsparteien heillos zerstritten hatten und mit gegenseitigen Vorwürfen überschütteten. Auch bezüglich der Ex-Ministerpräsidentin Timoschenko behauptet ja gegenwärtig keiner der Politiker aus dem Westen, die sich für sie einsetzen, sie sei ungerechtfertigt verurteilt worden - nein, man möchte ihr nur einen Krankenhausaufenthalt an einem besseren Ort ermöglichen und so auch etwas Pulver aus dem Faß nehmen.

Fast vergessen ist der Einfuhrboykott Russlands für einige Lebensmittel aus Litauen.Er kam - wie man das von Russland gewohnt ist - unvorhergesehen und unbegründet: "Stop" heißt auf Russisch eben genau "Stop". Auch in diesem Punkt blieb Litauen sachlich, verlangte den Nachweis der angeblichen verringerten Lebensmittelqualität, aber verzichteten darauf eine breitere Anti-Russland-Front aufzubauen, die allerdings wegen der westlichen Interessen in und an der Ukraine diesmal sowieso vorhanden zu sein scheint. Über Gründe dieser russischen Sperren ist aus neutraler Quelle wenig zu lesen; folgt man einem Bericht bei "Schweizerbauer" dann scheinen die Lieferungen von Lebensmitteln nach Russland vielfach noch auf das Prinzip "haben wir immer schon so gemacht, machen wir wieder so" zu bauen.

Gar nicht aufgetaucht im Bewußtsein der europäischen Öffentlichkeit während der litauischen EU-Präsidentschaft: die Atomkraftfrage. Zwar tauchten kurzfristig in der litauischen Presse Schlagzeilen auf, Regierungschef Butkevičius wolle eine neue Volksabstimmung ansetzen, um den Neubau eines AKW doch noch durchzusetzen. (15min). Solche Aussagen lassen sich jedoch auch anders interpretieren: WENN ihr denn unbedingt ein AKW durchsetzen wollt, DANN müsst ihr MINDESTENS eine neue Volksabstimmung ansetzen, ausreichend Beteiligte haben, und dabei die Mehrheit gewinnen.
Den litauischen Atomfreunden hat sicherlich der kürzliche Rücktritt des lettischen Ministerpräsidenten Dombrovskis ebenfalls einen Strich durch die Rechnung gemacht. In Zeitungskommentaren ist zu lesen, bis zum regulären Termin der Parlamentswahlen im Herbst 2014 sei nun keine starke lettische Regierung mehr zu erwarten. "Stark" in diesem Sinne, dass ein "Ja" zu einer lettischen Beteiligung an der Finanzierung eines (teuren) neuen Atomkraftwerks auch notfalls ohne Volksbefragung in Lettland durchgesetzt wird. Das wird also vorerst auch nicht passieren, Litauen, magst ruhig sein. 

09 November 2013

Gestresste Reiseleiter

Schock für die kommende Touristensaison: die Reiseleiter in Litauen streiken! Nun, ganz so weit ist es noch nicht, aber zumindest beschweren sie sich lautstark. Für deutsche Verhältnisse erstaunlich allein schon, dass litauische Reiseleiter und Stadtführer in einer eigenen Gewerkschaftgruppierung zusammengeschlossen sind: Mitglieder von "Solidarität" (Solidarumas) demonstrierten Mitte Oktober sogar vor dem Präsidentenpalast in Vilnius. "In Litauen wird von Reiseleitern verlangt, dass sie einen Universitätsabschluß vorweisen können, dann spezielle Kurse besuchen müssen, einen Test in litauischer Geschichte ablegen und dann auch noch ihre Tourenleiter-Fähigkeiten testen lassen müssen," so erzählt es Gewerkschaftsvertreter Ričardas Garuolis. "In keinem anderen EU-Land gibt es so viele Einzelbestimmungen für Reiseleiter."

Touristenströme in Litauen - wer profitiert?
Auf der anderen Seite ist es offenbar möglich - die EU-Bestimmungen zur Freiheit von Dienstleistungen bringen es mit sich - dass ausländische Reiseleiter sich nur kurz mit den litauischen Behörden verständigen müssen und dann einfach als "vorübergehend zugelassener" Reiseleiter auch in Litauen arbeiten können. Dagegen haben nach Darstellung der Gewerkschaft bereits 4000 Litauerinnen und Litauer die speziellen Kurse für Reiseleiter absolviert - aber nur 600 von ihnen haben bisher auch die Zulassung bekommen. "Auf diese Weise werden viele litauische Reiseleiter ersetzt durch Polen, Deutsche oder Letten. Besonders bei den polnischsprachigen Kollegen sind die Zahl der verloren gegangenen Arbeitsmöglichkeiten hoch."

Getrübt werden diese klaren Aussagen, die vielleicht auch Nicht-Litauern ja Verständnis für litauische Reiseleiter entlocken können, vielleicht durch die Zusatzinformation, dass derselbe Herr Garuolis, der hier so eifrig Partei für die Unterschätzten und Benachteiligten ergreift, gleichzeitig auch aktives Mitglied im "Lietuvių tautininkų sąjunga" (Bund der litauischen Nationalisten) ist. Das bedeutet also - deren Parteiprogramm ernst genommen - er ist kein ausgeprochen eifriger Freund der Demokratie, sondern bevorzugt den "Volkswillen" und starke Führer. "Litauische (Reise)Führer für Litauen?"

Bei Gründung seiner Tourguide-Gruppierung innerhalb der "Solidarumas" im Jahr 2010 benannte Garuolis auch Ziele: bessere Arbeitsbedingungen und eine stärkere Position bei Verhandlungen um das Preisniveau für touristische Dienstleistungen. Bessere soziale Absicherung durch die auftraggebenden Agenturen. Der Stundenlohn für litauische Guides wurde damals mit 120-150 Litas (35-45Euro) benannt.

45 Euro pro Stunde? Damit - wenn man es als wenig bezeichnet - können ja nur Stadtführer gemeint sein; weniger die Tourguides, die tage- und wochenlang unterwegs sind (und froh sind wenn sie 100 Euro pro Tag bekommen). Zudem gibt es ja gerade bei deutschen Firmen die Gewohnheit, einen eigenen "Firmen"-Reiseleiter nach Litauen mitzuschicken, dem dann nur noch ein "örtlicher" Reiseleiter zur Seite gestellt wird. Während dann der deutsche "Kollege" eher die Hotelbetten und die gehobenen Restaurants "testet", darf der "örtliche" Partner sich um die organisatorischen Schwierigkeiten und den (landes-)sprachlichen Kontakt zu den "Einheimischen" kümmern. Nicht aber darum, ob es den deutschen Kunden gut geht - denn schließlich hat der Firmenreiseleiter schon vielfache Reisen des gleichen Typs hinter sich und glaubt zu wissen, was die (Stamm-)kunden wünschen (oder die Firmenleitung?), während litauische Kollegen nur "zugekauft" und kurzfiristig agieren. Solchen Erfahrungen zufolge müssten eigentlich deutsche und litauische Reiseleiter in DERSELBEN Gewerkschaft aktiv sein, bevor Abhilfe in Sicht sein könnte.

Ein anderer Punkt sind noch die Sprachkenntnisse. Muss ein deutscher Reiseleiter oder Guide, der sich in Litauen registrieren lassen möchte, eigentlich Litauisch beherrschen? Das wäre zu befürworten. Genauso ist es aber wünschenswert, dass in Litauen nicht einfach beliebige Arbeitslose "auf Reiseleiter" umgeschult werden, die Deutsch nur in dem Sinne verstehen dass sie die Wünsche der Deutschen verstehen und dienstbar zum Erfüllen derselben bereit stehen. Ein wenig tieferen Einblick in beide Länder zu haben, kann von großem Nutzen sein. Und aus dieser Sicht ist einfach der Trend zu beobachten, dass zu viele über eine Zwischenstation "Tourguide" dann doch lieber den Job in Deutschland annehmen, der besser bezahlt ist (und mit einem"normalen" Arbeitsvertrag lockt). Eine ganze Generation junger Sprachenkundiger, die nach 2004 in Litauen anzutreffen war, ist offenbar inzwischen nach Deutschland oder Brüssel weitergereist.
Es wird interessant sein, wie diese Diskussion weitergeht. Immerhin positiv aus litauischer Sicht ist noch, dass litauische Veranstalter von Rundreisen kein Problem haben auch Dienstleistungen in Lettland und Estland anzubieten und (in Deutschland) zu verkaufen. Zumindest aus Lettland war auch schon zu hören und zu lesen, dass litauische Firmen das Geschäft der deutschen "Baltikum"-Rundreisen dominieren - aber vielleicht profitieren davon nur die Agenturen, nicht die Guides.

Datenbank litauischer Tourguides  / Litauische Vereinigung "Solidarumas"

30 Oktober 2013

Von Vilne nach Vilnius

Bibliotheksdirektor Andreas Degkwitz begrüßte die 
Gäste im Namen der Veranstalter
"Die Geschichte meines Landes ist ohne die Geschichte der litauischen Juden nicht denkbar." So sagte es Deidivas Matulionis, Botschafter Litauens in Deutschland, zur Eröffnung einer Tagung mit dem Titel "Vilno - Wilna - Wilno - Vilnius". Zwei Tage trafen sich Wissenschaftler und Interessierte in den Räumlichkeiten der Adenauer-Stiftung in Berlin, um aktuelle Forschungsprojekte zur Frage der jüdischen Kultur, ihrer Vergangenheit, dem Holocaust und den Spuren in der Gegenwart auszutauschen. Vorangegangen war eine Auftaktveranstaltung im Jakob-und-Wilhelm-Grimme-Zentrum in Berlin, zu dem auch Davidas Geringas, einer der bekanntesten Musiker Litauens, zusammen mit Tänzerin Emi Hariyama vom Staatsballett in Berlin ihren Beitrag geleistet hatten.

Kulturminister Šarūnas Birutis und 
Botschafter Matulionis als aufmerksame Zuhörer
Grimmscher Märchen auf Jiddisch 
Eine "Topographie zwischen Moderne und Mythos" versprach die Veranstaltung zu liefern. Das lässt - gerade in Berlin - an die "Topographie des Terrors" und damit an die massenhafte Ermordung der Juden in Litauen zu Zeiten des 2-Weltkriegs denken. Bei der Eröffnung mühten sich die angereisten litauischen Politiker, Verbundenheit zu zeigen mit dem Schicksal der litauischen Juden: wenn schon das "litauische Jerusalem" unwiderbringlich verloren scheint, so gilt es ganz besonders, heute einzustehen für eine Aufarbeitung des Geschehens und eine Stärkung dessen, was noch da ist oder neu im Entstehen begriffen ist in Vilnius. So beeilte man sich also zu versichern, die Rechte aller Minderheiten seien im heutigen Litauen gesichert. Stolz weist man auf vorhandene Denkmäler und Gedenksteine und -tage hin, auf Litvaken-Kongresse und Gedenkreden der Präsidenten Litauens und Israels. "Vielfalt bedroht nicht die litauische Identität" - erneut ein Satz von Botschafter Matulionis, der andauernde Diskussionen in Litauen nur erahnen lässt. Unumstritten dagegen die kritische Rückschau auf die Sowjetzeit: "die Nazis haben das Judentum physisch vernichtet, die Sowjets geistig" - solche Statements konnte man auch von Seiten Holocaust-Überlebender, die nach dem Krieg in Litauen blieben, hören.

Von wieder aufzubauenden jüdischen Gebäuden und von zukünftigen Sommerlagern für die jüdische Jugend sprachen Artūras Zuokas, Bürgermeister von Vilnius, und Kulturminister Šarūnas Birutis. Vertretern des jüdischen Litauen wie Emanuelis Zingeris war es wichtig zu betonen, dass Informationen zur jüdischen Kultur inzwischen auch Stoff in litauischen Schulen geworden sei. Historikerin Ruth Leiserowitz erinnerte sich daran, 1997 erstmals mit deutschen und litauischen Historikern zu diesem Thema diskutiert zu haben - die Aufarbeitung des Themas in der litauischen öffentlichen gesellschaftlichen Diskussion werde daher sicher noch einige Zeit dauern, meinte sie.

Wissenschaftler wie der Historiker und Buchautor
Christoph Dieckmann stellten in Berlin Erkenntnisse
aus ihren Forschungsarbeiten vor
Die hauptsächliche Ausrichtung der gesamten Veranstaltung schien eher auf einer Zusammenfassung des aktuellen Standes der Wissenschaft zum Thema des jüdischen Vilnius zu liegen. Dabei wird ein Teil der Problematik schon im Städtenamen deutlich: "Vilne" ist Vergangenheit, Wilna war die polnische Stadt - Zusammenwachsen müssen die zukünftigen Interessen in Vilnius. Ob die litauisch-jüdischen Sympathiebekundungen der Politiker im heutigen, demokratischen Litauen Realisierungschancen haben - das muss wohl bei anderen Veranstaltungen, dann möglichst in Vilnius, diskutiert werden.

Bekannte Gesichter unter Interessenten am 
jüdischen Vilnius: Historikerin Ruth Leiserowitz
(geb. Kibelka, links) und Kulturwissenschaftlerin
Anna Lipphardt
Die Veranstaltung war auch als Auftakt weiterer Zusammenarbeit der verschiedenen Organisatoren gedacht, die sich hier zusammengefunden hatten - die Motivation hierzu wurde besonders stark von Julius H. Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums mit Sitz in Potsdam, vertreten. Die zwei Tage in der Adenauer-Stiftung hätten ansonsten auch als konzentrierten Blick auf die Beziehungen zwischen dem jüdischen Berlin und Vilnius gelten können - ein Teil derjenigen Referenten, die andere deutsche Bezüge hätten berichten können, war nicht präsent (entweder nicht eingeladen, oder unpässlich). Bleibt also zu hoffen, dass die durch demokratische Grundlagen gestärkte Diskussion um das jüdische Vilne in Zukunft selbstverständlicher wird in einem modernen Vilnius - je nach Perspektive mit notwendiger schmerzlicher Erinnerung, oder auf einen selbstkritischen Blick aufbauendes gestärktes Selbstbewußtsein.