14 Juni 2016

Nachgefragt: bei den Poeten

Manchmal traut man sich kaum, Litauerinnen oder Litauer zu fragen, wie denn das Leben so sei in ihrem Land – zu präsent sind die Nöte, ausreichend gut bezahlte Arbeit zu finden, nicht auf unbefristete Wanderschaft durch halb Europa gehen zu müssen, um das eigene Einkommen zu sichern. Andere wiederum fürchten sich vor Russland, und Verhältnissen ähnlich wie in der Ukraine. Nicht so Litauens Dichter. Die Literaturwerkstatt Berlin hatte einige von ihnen versammelt im Rahmen des Poesiefestivals 2016, auch mit Blick auf den kommenden litauischen Schwerpunkt bei der Leipziger Buchmesse 2017. So diskutierten also am 9. Juni in der Akademie der Künste in Berlin Eugenijus Ališanka, Laurynas Katkus, Giedrė Kazlauskaitė und Rolandas Rastauskas über Heimat, die Selbsteinschätzung litauischer Schriftsteller und die Schönheit von Vilnius.

Mit Blickpunkt Litauen-Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse 2017
am Freitag 10. Juni Gäste auf dem POESIEFESTIVAL Berlin:
Eugenijus Ališanka (links), Giedrė Kazlauskaitė (2.v. links),
Laurynas Katkus (rechts), Rolandas Rastauskas (2.v. rechts).
In der Mitte Moderatorin Karolina Golimowska.
Nein, eine einfache Antwort auf die Frage nach der eigenen Heimat geben Poeten wohl selten; verbunden wird sie aber meist mit dem dezenten Hinweis auf die nur rund 3 Millionen Litauer/innen, die sich auf der Welt behaupten müssen. Die naheliegendste Heimat, erst recht für Schreibende, ist daher die litauische Sprache. „Sprachhalluzinationen“, wie sie Laurynas Katkus benannte, kennen wohl auch alle diejenigen in verschiedenster Form, die beruflich oder privat zwischen verschiedenen Ländern pendeln. In Litauen zu leben (die meisten der Anwesenden meinten damit Vilnius), in Litauen zu leben, dass sei einerseits ein Gefühl zwischen Ost und West, und andererseits sei man froh darüber, ein relativ ruhiges Leben führen zu können. Gemeint war damit, soviel wurde ergänzt, die Abwesenheit von jeglichem Totalitarismus. Oder, eine noch einfachere Antwort auf die Frage nach der Heimat gab Rolandas Rastauskas: ob man die Schnecke denn auch üblicherweise danach frage, wo ihr Haus sei? Offenbar verstehen sich Poeten mehrheitlich als eine Art Reisende (meine Heimat ist dort, wo ich schreiben kann?). Nicht wenige Schreibende gingen ja während der Sowjetzeit ins Exil: Tomas Venclova ist hier einer der bekanntesten Namen. Aber Litauen habe auch starke Autoren der litauischen Perspektive vorzuweisen: als Beispiel wurde Marcelijus Martinaitis genannt.
Giedrė Kazlauskaitė wiederum definierte ihren privaten Ausgangspunkt als von ihrem Stadtteil in Vilnius bestimmt, wo relativ viele Polen, Russen und Menschen anderer Herkunft lebten. Überhaupt, die Schönheit der litauischen Hauptstadt: Vilnius sei vielleicht wie eine Frau, stellte Rastauskas in den Raum – wer sie einmal geliebt habe, könne sie nie vergessen. Auch ein Satz von Czeslaw Milosz wurde zitiert: die Wolken über Vilnius seien der beste Barock.

Gefragt nach dem Verhältnis zu Polen wurde vieles Positive aufgezählt: Polen als Litauens Fenster zum Westen in der Sowjetzeit, gemeinsame Erfahrungen und Gefühlslagen der sowjetischen Okkupation. Der Hintergrund dafür sei aber nicht die sogenannte „gemeinsamer Geschichte“, betonte Eugenius Ališanka. Er erinnerte auch an das Projekt „Literaturexpress Europa 2000“, das ebenfalls interessante Gespräche u.a. zwischen Litauern und Polen gebracht habe. Für die Berliner Literaturwerkstatt war es damals ein Anfang des intensiven Austausches auch mit Litauen (100 Autoren aus 43 europäischen Ländern reisten per Eisenbahn durch Europa). DIE ZEIT notierte damals in Vilnius „Kneipengespräche“, der „Tagesspiegel“ fünf Programme und Schnee auf dem Hotelfernseher, „Freitag“ bemerkte „Free Jazz am Hauptbahnhof“ (was auch Thomas Wohlfahrt als erfrischendste Erinnerung an Vilnius notierte).

Nein, ein geringes Selbstbewußtsein hätten die litauischen Poeten nie gehabt, meinten die Podiumsteilnehmer/innen übereinstimmend. Im Gegenteil: in den zurückliegenden Jahrzehnten seien litauische Dichter immer ziemlich von sich überzeugt gewesen, so dass man vielleicht sogar sagen könne, sie hätten etwas auf andere herabgeschaut. Nun ja, ein hohes Image genießen Schriftsteller in Litauen tatsächlich. Jeder Litauer ein Poet? Nun ja, gibt Laurynas Katkus auf Nachfrage lächelnd zu – vielleicht heute nur noch jeder zweite. Die Literaturwerkstatt Berlin kündigte bis zur Leipziger Buchmesse 2017 noch mehr litauisch-deutsche Projekte an.

01 Juni 2016

Litauen ganz baltisch - in Venedig

Die Idee Litauen mit Estland und Lettland gemeinsam zu repräsentieren wird derzeit bei der BIENNALE in VENEDIG verwirklicht, die am 28. Mai eröffnet wurde. Seit der EXPO 2000 in Hannover, einer der ersten Präsentationen der baltischen Staaten im Ausland nach wiedererrungener Unabhängigkeit, war man an das "traute Nebeneinander" gewohnt: auf der Suche nach Aufmerksamkeit, am besten aber für sich selbst. Während Estland sich gerne zu den nordischen Ländern sortiert, und Litauen und Lettland gegenseitige Verwechslung in der ahnungslosen internationalen Öffentlichkeit beklagen (Hauptstadt von Litauen? Riga? Best besuchtes Tourismusziel Lettlands? Die Kurische Nehrung?), haben gemeinsame Projekte Seltenheitswert.

Das Architektenteam des "Baltischen Pavillions"
Nun also der "Baltische Pavillion", auf insgesamt 1600m². Die baltischen Staaten als "gemeinsamer Raum der Ideen" - so interpretiert es Litauen. Von "kürzlich aufgetretenen geopolitischen Entwicklungen rund um die baltischen Staaten" redet die Presseerklärung des litauischen Kulturministeriums, und einer sich daraus ergebenden "Dringlichkeit der Zusammenarbeit". Das schwingen im Hintergrund Stichworte wie "Krim" und "Ukraine" mit - aber konkret angesprochen wird es an dieser Stelle nicht.

Was blieb von bisherigen litauischen BIENNALE-Beiträgen? Aus Sicht der deutschsprachigen Medien fiel dem "Kunstbulletin" schon 2002 der litauische Künstler Deimantas Narkevičius auf, 2007 wusste das ART-Magazin von einer "lobenden Erwähnung" zu berichten; 2009 fiel der litauische Beitrag u.a. dem "Kunstforum" auf. 2011 notierte der "Spiegel" einen Sonderpreis für Litauen, 2013 schrieb die "Vogue" von einer "speziellen Erwähnung" (auch bei 3sat). Dass auch Jonas Mekas schon in Venedig präsent war, muss fast nicht extra erwähnt werden. Das ist - zusammengefasst - doch relativ viel Aufmerksamkeit für Künstler aus einem Land, dass nicht so regelmäßig im Zentrum des Interesses steht. Wer wie Žilvinas Kempinas einmal einen Beitrag in Venedig abgeliefert hat, braucht sich nicht um genug Stoff für alle nachfolgenden Presseberichte zu kümmern (aktuell: "Kulturzeitschrift").

Die bisherigen litauischen Beiträge in Venedig bezogen sich auf den künstlerischen Teil der Biennale. Zur gegenwärtigen Beteiligung auch an der Architektur-Biennale werden aus litauischer Regierungssicht weniger künstlerische als industriepolitische Zielsetzungen in den Vordergrund gestellt. In einem Atemzug werden politische Wunschprojekte vom Flüssiggas-Transportschiff "FSRU Independence" bis zur Schnellbahnstrecke "Rail Baltica" in Verbindung mit dem Venedig-Pavillon gebracht - solche Texte tauchen auch in der Selbstdarstellung des Pavillions wieder auf. - Veröffentlichungen in der lettischen oder estnischen Presse sind fast wortgleich. "Die Ausstellung erzählt nicht davon, was jedes der beteiligten Länder Besonderes hat, sondern von den Gemeinsamkeiten", so zitiert die Zeitschrift "IR" das Team der beteiligten Architekten. Nicht viel anders stellt es das estnische Zentrum für Architektur dar. "Die drei beteiligten Staaten haben im wesentlichen dem Projektteam vertraut", äussert der litauische Kurator Jonas Žukauskas in einem Interview auf "Arterritory", "staatliche Stellen waren mit dem Projekt nicht befasst." Auf litauischer Seite ist die "Stiftung für Architektur" (Archfondas) der Projektträger.Aber auf die Frage nach realen "baltischen" Gemeinsamkeiten fällt Žukauskas vorläufig auch nichts anderes ein, als auf den "Baltischen Weg" zu verweisen - das ist immerhin schon 27 Jahre her. Und er zitiert gleichzeitig den Philosophen Wittgenstein mit den Worten: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Auf das die drei beteiligten Staaten in Venedig eine gemeinsame Sprache finden mögen ...

Begleitend zur Ausstellung wird ein "Baltischer Atlas" erscheinen, eine Publikation, die Texte aller beteiligten Architekten enthält.

Webseite "the Baltic Pavillion" - Facebookseite1   - Facebookseite2

Nachtrag: ARTSY sieht den "Baltischen Pavillon" als einen der 10 besten in Venedig.  

04 Mai 2016

Schatten über Litauen

Was könnte der "Schatten von Litauen" sein? Korruption, oder vielleicht der Schwarzarbeit? Litauen ohne Militär? Schön wär's. Nein, die unter dem Motto “Lietuva be šešėlio” operierenden Organisationen sind offenbar von der Getränkeindustrie finanzierte Vereine, die möglichst effektive Aktivitäten gegen "schwarz" (illegal) gebrannten Alkohol entfalten sollen. "Pernod Ricard Lithuania" listet interessante Zahlen auf: 36% des in Litauen konsumierten Alkohols soll demnach aus illegalen Quellen stammen. Mittels der Initiative "Litauen ohne Schatten" sollen Litauerinnen und Litauer sogar dazu bewegt werden, Verkaufsstätten von illegalem Alkohol zu melden, in öffentlich einsehbare Karten einzutragen und so an den Pranger zu stellen.

Auf Karten eingezeichnet, scheint illegale Alkohol-
produktion oder -verkauf in Litauen
flächendeckend zu sein (Karten von Alkoholkranken
sind leider nicht an selbiger Stelle zu finden)
Aber auch "Rufschädigung der Alkoholindustrie" steht hier auf dem "Sündenzettel". In sofern scheinen die Ziele hier etwas zwiespältig zu sein: einfach "kein Alkohol trinken" scheint hier nicht das Ziel zu sein, auch die Erhöhung der Steuern auf Alkohol (selbstverständlich) nicht.

Zum 1.März 2016 waren in Litauen die Verbrauchssteuern auf Alkohol erhöht worden. Unter den Ländern in der Europäischen Union ist Litauen auf Platz 6 des Alkoholkonsums und sogar auf Platz 3 beim Konsum starker Spirituosen (es wird fast kein Wein, dafür relativ sehr viel Schnaps und Ähnliches getrunken); so stellen es Initiativen ander Art fest, die kritischer zum Alkoholgebrauch eingestellt sind, wie das "Alcohol Policy Youth Network - APYN", eine internationale Organisation, die u.a. von der EU- Exekutivagentur für Gesundheit und Verbraucher finanziell unterstützt wird, und in der sich u.a. litauische Medizinstudent/innen engagieren.


Keine Schnapsidee: Litauer suchen
"Moonshine"-Brenner nun per Drohne
Aber auch ganze andere Methoden sollen nun im Zusammenhang mit dem litauischen Alkoholkonsum zur Anwendung kommen: die litauischen Polizeibehörden wollen nun den illegalen Sprit-Produzenten mit fliegenden Drohnen zu Leibe rücken. Zwar sehen die Probemodelle, die einen Beitrag der litauischen Agentur LRT zu diesem Thema illustrieren (siehe auch Video), noch recht improvisiert aus, und die genannte Anzahl von 500 polizeilichen Untersuchungen pro Jahr gegen illegale Brennereien macht sich im Vergleich zu den von "Schattenlitauern" eifrig gezeichneten Sünderkarten fast gering aus - aber auch hier sind die Pernod-Finanzierten wieder mit vorne dabei. Ob die Alkoholhersteller nun auch die 20.000 Euro Anschaffungskosten für Spezial-Drohnen, ausgestattet mit thermischen Messinstrumenten, auf den Tisch der litauischen Staatsanfwaltschaft blättern werden? Das lässt LRT vorerst offen.Klar ist, dass Bürgerinnen und Bürger sich - mit etwas Fantasie - so ziemlich vieles vorstellen können, was Behörden nun wohl gerne in Zukunft aus luftiger Höhe bequem kontrollieren würden. Wenn es nur wegen einem guten Zweck geschieht.

18 April 2016

Bier-Renaissance, litauisch

Eigenwerbung litauischer
Bier-Bars: urig, ländlich, kräftig
(Šnekutis, Vilnius)
Bier war nie wirklich aus der Mode in Litauen - ich glaube, das kann man behaupten. In den vergangenen 25 Jahren haben nur die vielen Übernahmen litauischer Traditionsmarken durch ausländische Investoren die Qualität nicht immer befördert; nun aber hoffen die litauischen Brauerinnen und Brauer auf einen neuen Trend: alles redet von "Craft-Bieren". Vier Kennzeichen werden da besondern gelobt: kleinen Mengen, Unabhängigkeit von großen Konzernen, traditionelle Brauweise und eigener Charakter - na, da müssten litauische Biere doch wohl mithalten können?

Wein jedenfalls war in Litauen noch nie eine Alternative - oder, wie es die Weinexporteure aus Österreiche ausdrücken: "Aufgrund der geschichtlichen Entwicklung und des Klimas Litauens konnte sich keine „Weintradition“ bilden" (weinlogistik.at). Und nicht nur das, die Weinbranche konstatiert sogar: "Die Mehrheit der litauischen Weinkonsumenten zählt nicht unbedingt zu den Weinkennern". Während in Deutschland 28% des Alkoholkonsums in Wein getrunken wird, sind es in Litauen nur 8% (Bier-Universum).

Bier spielt also in Litauen die Hauptrolle. Kein Wunder also, dass gleich an mehreren litauischen Orten eigene Bier-Touren oder Brauereibesichtigungen für Gäste angeboten werden, wie etwa die Kaunas Bierroute, den Bierweg von Biržai, Bier-Wanderungen (wir berichteten), oder eine Brauereibesichtigung in Klaipeda.

ob "English bitter", "Altbier",
"Porter" oder "Stout" -
litauische "Bierblogger"
sortieren im Internet die Vielfalt
(im Bild: "Breadandbeer")
Die neuen Trends der sogenannten "Craft-Biere" spielen dabei den litauischen Brauereien nochmals in die Karten. Auch beim Streifzug durch das Nachtleben des hauptstädtischen Vilnius wird der Gast in zahlreichen Bars und Kneipen immer mehr Geschmacksrichtungen litauischen Gerstensaftes probieren können. Allerdings ist dabei die Frage: werden hier eigentlich litauische Biere getrunken? "Die Litauer wissen zwar, wie sie Bier brauen können - aber was fehlt, ist eine Bier-Kultur," meint Jonas Lingys, Sommelier bei Švyturys, der gegenwärtig einzigen großen Brauerei in Litauen, die nicht von ausländischen Investoren abhängig ist. Lingys meint auch, das typische geröstete Knoblauchbrot, das in der Regel in Litauen zum Bier gereicht wird, mit weiteren Snacks variieren zu können - um die Litauer auf den Geschmack unterschiedlicher Sorten zu bringen. "Vielleicht Räucherkäse, Schinken, Oliven, oder verschiedene Würstchen." (LRT)

In dieser Bibliothek stehen in einigen Regalen
Bier statt Bücher: die "Alaus Biblioteka" in Vilnius
"Manche Leute kommen ja tatsächlich rein und wollen ein Bier einer bestimmten Farbe," erzählt Tomas Bartninkas, Eigentümer der "Alaus biblioteka" (Bier-Bibliothek), "und wir versuchen ihnen dann zu erzählen, dass man es nach dem Geschmack auswählen sollte, nicht nach der Farbe!" Bitter oder süßer, stärker oder milder, hopfig, oder sogar schokoladig - die "Alaus Biblioteka" hat immerhin auch einige litauische Marken im Angebot. 15 verschiedene Marken im Ausschank zu haben, ist natürlich auch ein Wagnis - doch bisher scheint es zu funktionieren.

Ob mit solchen Bieren die Liebhaber
litauischer Fruchtweine überzeugt werden
sollen? Die litauischen Bierbrauer sind an-
gesichts der "Craft-Beer"-Mode ins heftige
Experimentieren geraten (
breadandbeer)
Auch im litauischen Internet wird mehr und mehr über Bier diskutiert: vom "alusalus", "beergeek", "breadandbeer", bis zu "Tikrasalus", "Modestas", "apiealu", "pingvi" oder "alusit" - die Vielfalt der "Bierglogger" scheint beinahe so groß wie die Auswahl der Biersorten selbst, und hierbei sind die verschiedenen Facebookseiten und -gruppen noch gar nicht genannt. Eine komplette Geschichte des litauischen Bieres ist zumindest in Englisch in finden (Sviekata) - dort kann man auch nachlesen, dass noch zu Sowjetzeiten biertrinkende Frauen in Litauen sehr ungewöhnlich gewesen sein sollen.

In Deutschland sind litauische Biere noch nicht so recht angekommen - offenbar müssen Interessierte wirklich einen Litauen-Urlaub einplanen. Weder die "Craft-Bier-Lounge", "Craftbeermarket", "Beercraftinfo", "Craftbeerstore", "Craftbier-Shop", und auch auf der "Craftbiermesse" in Mainz waren Litauer bisher noch nicht vertreten. Beim Shop der "Brewcomer" ist immerhin Estland schon verzeichnet, und einige deutsche "Bier-Blogger" haben die Litauer bereits entdeckt: "Alkoblog" - obwohl der Name eher auf "Menge statt Qualität" hindeutet - hat immerhin vier (allerdings sehr gängige) litauische Biere entdeckt, "Bierbasis" führt immerhin neun Brauereien in Litauen auf.

Litauische "Bierblogger"
schrecken offenbar vor
nichts zurück: Hauptsache
verrückter Name und Design
locken ...
Deutsche Anbieter sind auch schon beim "Craft-Beer-Zubehör" angekommen - wie zum Beispiel das Angebot von speziellen "Craftbier-Gläsern" zeigt. In Litauen dagegen müssen die Hersteller wohl auch hoffen, dass der Lebensstandard - also Einkommen und Lebensumstände - langsam besser werden. Bier nur für Touristen brauen, das widerspräche wohl litauischer Mentalität und Lebensart (und auch der Selbstachtung). Denn allzu verständlich ist es bisher, wenn viele nur nach dem billigsten Bier und dem größten Glas fragen. Also: į sveikatą , auf Litauen!

31 März 2016

Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse

Litauens Kulturszene hat sich ein arbeitsreiches Jahr vorgenommen: nicht nur das Jahr 2018 wird ein kulturelles Schwerpunktjahr werden, sondern ab sofort bereitet sich Litauen auf die eine Präsentation auf der Leipziger Buchmesse 2017 vor.

"Mindestens 15 Übersetzungen wollen wir im kommenden Jahr neu präsentieren!" so lässt sich Aušrine Žilinskiene, Direktorin des Litauischen Kulturinstituts, zitieren.Ganz genau haben die Litauer auch schon mal die Leipziger Statistiken gelesen: 260.000 Besucher seien es 2016 gewesen (10.000 mehr als im Jahr zuvor), 2.250 beteiligte Aussteller aus 42 Ländern waren beteiligt, und in Leipzig fanden 3.000 Veranstaltungen statt - so der Bericht. Jede solcher Präsentationen soll 2017 als Möglichkeit genutzt werden, "den Besuchern die Geschichte Litauens und seiner Bewohner zu erklären", man hofft auf "positive Presse". Nerijus Šepetys wird als Autor des Konzepts genannt für "Litauens Jahrhundert der Moderne" (1918-2018).

Litauische Präsentation in Leipzig: offen,
kommunikativ, gesprächsbereit
Nun ja, erst die letzten 25 Jahre dieses Jahrhunderts konnten wirklich frei und unabhängig gestaltet werden; doch Aušrine Žilinskiene ist sich sicher: "Wir haben inzwischen etwas Abstand gewonnen, um auch schmerzhafte Themen diskutieren zu können. Ob unser Verhältnis zu Polen, den Holocaust, das Thema Wolfskinder und anderes - wir werden das nicht verstecken."

Mehrfach ist im bisher vorliegenden Konzept die Rede von einem "Zug", der sich in Bewegung gesetzt habe. Ob sich da die Litauer vielleicht schon nach den Bahnverbindungen Vilnius-Leipzig erkundigt haben? Immerhin befindet sich der Leipziger Messebahnhof nur wenige hundert Meter entfernt vom Messegelände.

Präsent in Leipzig waren auch in diesem Jahr schon der litauische Schriftstellerverband (durch Jonas Jonynas) und der Verlegerverband (durch Aida Dobkevičiūtė). Aber auch der Vergleich mit den estnischen oder lettischen Präsentationen in Leipzig fällt vielsagend aus: während Estland diesmal ganz fehlte, wurden Nachfragen nach Neuerscheinungen von deutschen Übersetzungen lettischer Literatur meist mit Verweisen auf die 2018 bevorstehende Präsentation auf der Buchmesse London abgebogen. Nur: in London werden sich alle drei baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) gemeinsam präsentieren! Und während ja die eventuelle Existenz lettisch- oder englischsprachiger Bücher (über Lettland) ja für den deutschsprachigen Leser keine Entschuldigung sein kann, ihm keinen Lesestoff anzubieten, wies die litauische Seite zurecht darauf hin, dass es ja sogar auch noch andere kulturelle Ereignisse in Europa gibt, bei denen Litauen sich nicht etwa, mit der Entschuldigung für Leipzig arbeiten zu müssen, zurückzieht: die Architekturbiennale Venedig beispielsweise (wo es ebenfalls eine gemeinsame Präsentation mit Estland und Lettland geben soll - einen "baltischen Pavillon").

Litauen scheint begriffen zu haben, dass Kulturpolitik nicht nur Innenpolitik bedeutet - also mehr als eine Besänftigungsstrategie für diejenigen sein muss, die gerne ihre Selbstbestätigung in der Pflege kultureller nationaler Traditionen sehen. Dem entsprechend kann litauische Kulturpolitik auch nicht nur litauischsprachig sein - erst recht, wenn sie im Ausland vorgestellt wird. "Wir versuchen, uns auch mal aus der Perspektive der Nachbarn zu betrachten," sagt Aušrine Žilinskiene in einem Interview für die "Baltische Stunde". Der litauische Auftritt 1997 in Leipzig liegt schon fast eine ganze Generation zurück, 2002 in Frankfurt nicht viel weniger. Leipzig 2017 - wir freuen uns drauf!

25 Februar 2016

Essen für alle

Wer Litauen kennt und mag, wird sich vielleicht nicht so sehr wundern dass es immer wieder Themen gibt, wo es gar nicht so klar ist, in welche Richtung man sich eigentlich mehr Sorgen machen soll um Litauen: es gibt einfach verschiedene Sichtweisen. Wer dabei stärker auf die vor 25 Jahren wiedererkämpfte Unabhängigkeit Litauens schaut, könnte dabei heute vor allem froh sein, dass es diese Unabhängigkeit ÜBERHAUPT GIBT - im Hinblick auf die vielen komplizierten internationalen Entwicklungen und Verwicklungen, die sich seitdem aufgetan haben. Andere erwidern darauf: ja, richtig, aber mit dem Beitritt zur EU haben wir dann ja unsere Unabhängigkeit auch schon wieder aufgegeben.

Nichts von dem, was sich gegenwärtig in Europa so tut, erzeugt dabei viel Beruhigung hinsichtlich dessen, welche Konsequenzen eine negative Entwicklung für Litauen hätte. Gut, die einen meinen, Litauen vor Flüchtlingsströmen und Muslimen abschotten zu müssen, um Negatives zu vermeiden - oft ohne beides richtig zu kennen. Noch bedrohlicher erscheinen die militärischen Szenarien: aus litauischer Sicht war die Entwicklung in der Ukraine ein wichtiges Zeichen auch dafür, was gegenwärtig von einer russischen Regierung unter Putin zu erwarten ist: gewissermaßen der Versuch der Rettung von "Einflusssphären", und damit auch eine Reanimation von Stimmungen und Tendenzen, die zuletzt das Sowjetsystem für sich beanspruchte. Andere Stimmen, zumeist von europäischen Partnern Litauens, wie auch Deutschland, warnen eher vor dem "Aussen-vor-lassen" Russlands, möchten diese europäische Großmacht nicht zu absehbaren Gegenreaktionen treiben - weshalb auch lange Zeit ein offensives Agieren von NATO- oder US-Truppen in Litauen als Tabu galt.

Nun haben sich ja seit Einführung der gegenüber Russland ausgesprochenen "Sanktionen" schon seit mehreren Jahren die eher Putin-kritischen Stimmen eigentlich in der EU durchgesetzt. Und seit März 2014 sind die wegen des Vorgehens auf der Krim verhängten Sanktionen nicht wieder aufgehoben worden, zudem gibt es immer mehr Übungen von NATO-Soldaten in Litauen. Die Perspektive mancher Litauer hat sich offenbar mit verschoben: galten früher noch die Gegner von Sanktionen als irregeführte "Russland-Versteher", so soll gleiches Prädikat nun offenbar auch denen verliehen werden, die überhaupt über Möglichkeiten der Aufhebung dieser Sanktionen nachdenken. "Besser ohne Russland Politik machen als unter Russland", verkündete Vytautas Landsbergis kürzlich in der "WELT", Ex-Staatschef Litauens und heutiger EU-Parlamentarier. Er zielt dabei bewußt auf Deutschland, und vermutet dort eine "unterwürfige Politik des Rückzugs". 

Ok. Wir müssen uns wohl ab jetzt daran gewöhnen, dass manche nur darauf gewartet haben, dass unsere Madame Merkel international als nicht mehr so stark gesehen wird (durch ihre vermeintlich einseitige Flüchtlingspolitik) - um nun ihre eigenen Süppchen als Patentrezepte verteilen zu können. Verglichen mit den möglichen Folgen von Zersplitterung Uneinigkeit und parallelen Gesellschaften, die in der Ukraine bereits Realität geworden sind, tut sich in Litauen bisher vergleichsweise Harmloses. Was machte da noch gleich kürzlich in Litauen aus dem militärischen Bereich Schlagzeilen? Die Essensverteilung.

Was ist da los? Werden die Soldaten nicht vernünftig ernährt? Wo haben die einen vielleicht böser Absichten Russland, und die anderen wachsenden Einfluß der bösen USA entdeckt? Nein, nichts dergleichen. Es läßt sich sehr gut schildern im Vergleich der beiden Berichte aus der "Lithuanian Tribune" und der "Jungen Welt", beide aus demselben Anlass.
Beim tatsächlichen Geschehen war offenbar kein Fotograf dabei: zur Illustration herhalten
müssen daher ein "US-Soldat in Afghanistan" ("Junge Welt") und "Litauische Wehrpflichtige"
(Lithuanian Tribune / delfi.lt)
Die "Lithuanian Tribune" prägt für die Ereignisse einen eigenen Begriff: "cheesed off" seien die litauischen Soldaten worden. Wie bitte? Zitiert wird hier die Aussage von Asta Galdikaitė vom Verteidigungsministerium Litauens, die behauptet, US-Soldaten hätten litauisches Essen verweigert. Daher sei man auf die Idee gekommen, ihnen etwas anderes anzubieten: mehr Brötchen, Pizza, Cornflakes, Dosenfrüchte und eben auch ... Käse. Statt nationale eben "universale Küche", so bezeichnet es Galdikaitė. Vermutlich müssen dann also auch alle anderen NATO-Soldaten, egal aus welchem Land sie kommen das essen, was die US-Vorkoster so bestellt haben. Ebenfalls erstaunlich dabei: die NATOesen bekommen neben mehr Früchten auch mehr Fleisch (als die Litauer).
Nun können wir uns denken, dass eine Devise "esst weniger Fleisch" bei den Litauern nicht automatisch Freude und Wohlgefallen auslösen würde. Nun soll aber, dem litauischen Journalisten Ignas Krupavičius zufolge, ausgerechnet der Ausruf "Schau mal, da ist Käse!" bei den Litauern Verwunderung und Verwirrung ausgelöst haben - denn ihnen sei von den Armeechefs erklärt worden, dieser Käse "sei nur für die Amerikaner". Vielleicht war es ja ein echter "Džiuga", ein "Sviestas", oder ein "Varškės sūrelis" - wir wissen es nicht. Oder etwas davon, was durch die Russland-Sanktionen nicht mehr verkauft werden konnte? Vielleicht auch nur eine langweile Scheibe Irgendeinkäse als "Burger"-Belag. Resumee jedenfalls: litauische Soldaten essen bei NATO-Manövern in Litauen für 5,40 Euro am Tag, diejenigen aus anderen Ländern für 8 Euro. "Finanziert wird das von den Allierten", den Aussagen von Frau Galdikaitė zufolge. "Wer zahlt, schafft an" ist hier offenbar noch das Prinzip - der litauische Bericht endet nicht mit einer Beschwerde.

Nun die "Junge Welt". Freudig berichtet wird hier -  aus demselben Anlass - von "Klassengegensätzen"; wie wunderbar! Freunde des Sozialismus, hier weiss man doch gleich wo man dran ist. Gleich im zweiten Satz darf dann auch behauptet werden, die NATO würde in Litauen das "Russenschießen" üben, und die Faktenquelle, Ignas Krupavicius, anderswo als "Journalist" bezeichnet, wird hier eher anhand seiner Facebook-Seite eingeordnet (wo er sich selbst als Freiwilligen der litauischen Armee bezeichnet). Jeder bastelt es sich so zurecht, wie es die Leser (vermutlich) lesen wollen, oder? Schon der Gewohnheit wegen. Es finden sich aber auch hier recht witzige und erstaunliche Aussagen. "Mit den »litauischen Nationalgerichten« – zum Beispiel in ausgelassenen Speckwürfeln gebratene Kartoffelpuffer – könne man sie nicht kampfbereit und kriegsgelaunt halten," dieser Satz wird ohne konkrete Quellenangabe abgedruckt - und schon wieder können die NATO-Soldaten, so ganz nebenbei, als "kriegsgelaunt" bezeichnet werden. Zu was man doch einen einzelnen Kantinenbesuch alles ausschlachten kann, erstaunlich! Abschließend wird Krupavicius, der das ganze Thema ja offenbar erst aufgebracht hatte, noch als "Muschkote" bezeichnet - eigentlich so etwas wie "einfacher Fußsoldat", ein Begriff, der eher abwertend gemeint ist und, Internetquellen zufolge, angeblich aus dem niedersächsischen Raum stammt. Oder sollen wir lieber bei "Lieder aus der DDR" (der gute Berthold Brecht, im Sinne der FDJ eingespannt) nachsehen? Dort heißt es: "Und es waren mächtge Zaren einst im weiten Russenreich. Und man sah sie niedertreten die Muschkoten und Proleten. Und sie speisten, in Pasteten, alle Hähne, die drum krähten. Und die Guten sah man bluten, und den Zaren war es gleich." Möööönsch, so schlaue Schreiberlinge habe die bei der "Jungen Welt"? Jede Vokabel ein kleiner Wink auf gewesene und noch ausstehende Revolutionen.

Bleibt zu hoffen, dass die Chefredakteure beiden Zeitungsredaktionen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch genug Käse kaufen - für die Kantine. Sonst schreibt noch jemand darüber.Immer friedlich bleiben, bitte!

15 Februar 2016

Echt Litauisch durch die Nacht!

Ehrlich gesagt: geht es Ihnen auch so? Welcher Litauen-Liebhaber würde nicht gerne mehr erfahren über innovative, gute litauische Produkte, die nicht nur als Souvenir von einer Reise mitgenommen werden können, sondern in Deutschland leicht zu beziehen wären?
Leider gibt es keine "Litauen-Shops", und bei vielen Produkten, wie etwa Textilwaren, Möbeln oder Fahrrädern ist am Endprodukt nahezu gar nicht mehr erkennbar, dass es in Litauen gefertigt wurde. Vielleicht ist uns die "Volkstümelei" auch längst überdrüssig geworden, also unbedingt das "typisch litauische" nicht nur probieren, sondern auch täglich zu Hause haben zu müssen.

Wie aber steht es mit innovativen, neuen Ideen? Am besten ähnlich erfolgreich wie das estnische "Skype": das Land Estland könnte auch ohne die Internet-Telefonie existieren, aber wer anders herum vom "skypen" und kostenlosem Internet-Zugang spricht, verweist eben in vielen Fällen auf Estland als Vorbild.

Da haben wir doch Glück, dass es ein aufmerksames Internet-Portal wie "VilNews" gibt, das sich selbst "The voice of international Lithuania" nennt. Diese Stimme würden wir Litauen-Freunde, wie gesagt, auch gerne öfter vernehmen, daher lassen wir uns doch gerne belehren und aufklären. "VilNews" deckt für uns das "Lithuanian pajama business" auf und stellt offenbar Ganzkörper-Pyjamas (einschließlich Füßen) als eine Erfindung litauischer Designer dar. Nun ja, nicht jeder benutzt überhaupt einen Nachtanzug, aber recht puschelig sehen die in bunt gemusterten Modellen abgebildeten Damen und Herren ja schon mal aus.

In Form eines kurzen Interviews mit dem Produzenten (Kajamaz) erfahren wir bei "VilNews" von den Vor- und auch von Nachteilen der Schlafbegleiter im litauischen Stil: die Produktion sei natürlich teurer als in China, Indien oder Pakistan - na gut, Kinderarbeit fällt also schon mal weg, ist ja kein Nachteil. Auch müssten die verwendeten Stoffe leider nach Litauen importiert werden, bedauert der Pyjama-Produzent, na ja.
Aber ob die eigenen Kinder es gut finden, wenn Papa und Mama plötzlich so aussehen, als hätten sie Babys Strampelanzug geklaut - die Frage wird den Produzenten leider nicht gestellt. Da sollten die an dieser Stelle so hoch gelobten litauischen Designer doch ihre Entwürfe noch mal überarbeiten - wenn es denn wirklich für den westlichen Markt gedacht ist.

Da tröstet uns auch nicht wenn der Hersteller betont, der Name des Produkts sei vom vierjährigen Sohn des Firmeninhabers gefunden worden, und jede Firma in Litauen müsse nun, in Folge von Gesetzesänderungen, mindestens drei litauische Angestellte oder Mitarbeiter haben. Gefragt nach dem bisherigen Geschäftserfolg, gibt der Kajamaz-Hersteller zu, bisher meist in "verschiedene europäische Länder" und in die USA verkauft zu haben, aber wenig in den baltischen Staaten selbst. Da erschrickt der potentiell interessierte deutsche Käufer vielleicht doch ein wenig: sollte jemand auf die Idee kommen, seinen Litauen-Urlaub im Ganzkörperschlafanzug zu verbringen, wären die Gastgeber vielleicht doch etwas verwundert, wenn der Gast dies als "bekanntes litauisches Produkt" vorstellen würde.

Immerhin können wir beim Blick ins Internet feststellen, dass es für die Kombination "Pyjama" und "Litauen" doch eine Reihe sehr unterschiedlicher Angebote gibt. Bei "Alibaba" werden Seidenhosen im orientalischen Stil und litauischem Design angeboten, bei "Seidenland" gibt es "Aleta"-Pyjamas, die mit in Litauen produzierten Leinen als Qualitätsprodukt werben (Litauen als "Mutterland der Leinenherstellung"), und bei "HessNatur" gibt es Pyjamas sogar aus türkischer Bio-Baumwolle, hergestellt in Litauen. Alles kein Beweis für flächendeckenden Gebrauch von Ganzkörper-Puschel-Kuschel-Pyjamas in Litauen - wohl aber ein Hinweis darauf, dass sich bei so manchem Textilprodukt durchaus der Hinweis auf das Herstellerland Litauen finden läßt.
Und wie verbringen Sie die Nacht? Na, sicherlich träumen Sie wenigstens von Litauen, oder?

12 Januar 2016

Sackgasse in Grellgelb

Es klingt tatsächlich noch wie ein günstiges Angebot: wer die Infoseiten des EXPOSEEUMS liest, wo einige restliche Fakten zu den Überbleibseln der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover zusammengesucht stehen, könnte in Versuchung geraten. "Litauische Firma will verkaufen!" steht da, als sie es eine kürzlich geschaltete Kleinanzeige, die nur auf mutige Start-Up-Unternehmer wartet. Die Wirklichkeit sieht wohl anders aus. Zudem ist auch die angegebene Webseiten-Verlinkung falsch (nicht amber-way.com, sondern amberway.lt). In Wahrheit rosten die Reste der litauischen EXPO-Vergangenheit weiter einfach still vor sich hin.

www.expo2000.de
Auch das, was eine Firma namens "Gintaro kelias / Amber way Ltd" da beschreibt, scheinen Relitäten von vorgestern zu sein: 1500 m² Fläche werden da zum Verkauf beworben, auf 2 Etagen und
eine Gebäudehöhe von 11,5 Metern. Aber als neueste Neuigkeit wird verkündet, man sei Eigentümer des Pavillions geworden, Datum: Oktober 2001. Angeblich habe die Firma das Gebäude für 40.000 Litas (ca. 11.500 Euro) bei einer Auktion ersteigert (15min.lt) - später geriet diese Versteigerung noch einmal kurz ins Fadenkreuz einer Diskussion, ob bei dieser Versteigerung alles mit rechten Dingen zugegangen sei (delfi). "Gintaro kelias" fabulierte von einem fiktivem litauischen Geschäftszentrum, das an diesem Ort entstehen und sowohl Messen wie auch Kulturveranstaltungen organisieren solle. An dieser Stelle gilt wohl noch die Devise: Das Internet vergißt nie. Da nutzt es auch nichts, wenn die ehemalige Kurzzeitnutzung hier immer noch wie ein langfristiges Konzept angeboten wird: ein "Bierpub" von 250 m² Größe und "charakteristischen Einrichtungselementen", 20 m² für den Verkauf von Souvenirs und 30 m² für ein Reisebüro.Und auch die Kritiker dieser Vorgänge glauben offenbar noch an den angeblichen Wert des  ehemals von AB "Panevėžio statybos trestas" (PST) erstellten Pavillons: 1 Million Litas (delfi).

inzwischen nur noch Motiv für Fotografen auf
der Suche nach skurrilen Objekten: der verrammelte
Eingang des ehemaligen Litauen-Pavillons
In Wirklichkeit ist das ehemalige EXPO-Gelände inzwischen eher Tummelplatz für Nachwuchsfotografen, auf der Suche nach skurrilen Objekten. Auch einige Medien haben es sich zur Aufgabe gemacht, gewissermaßen "runde Gedenktage" zu feiern. "Holland rottet vor sich hin", titelte NTV 2010, und bemerkt auch "Litauens gelben Guckkasten", inzwischen zugenagelt. Bei "Antenne Niedersachsen" ist es der litauische "Staubsauger", für den es angeblich Interessenten geben soll. Auch die WAZ hat offenbar Spaß an Schlagzeilen mit Ländernamen: "China und Litauen sind vernagelt, Spanien und Holland vergammelt, Polen hat gebrannt."

Fünf Jahre später ist es nicht besser geworden: ein "Paradies für Abenteurer" registriert der "SPIEGEL", der NDR sucht "was von den Träumen übrig blieb", die "Sächsische Zeitung" sieht ein "düsteres Erbe", das "Mindener Tageblatt" läutet die "Stunde der Abrissbirne" ein.  Das "Exposeum" hat nur noch etwa 1000 Besucher pro Jahr, das "Hamburger Abendblatt" zitiert die ehemaligen Träume der Stadt Hannover, hier vor allem Internet- und Hightech-Firmen anzusiedeln: "Doch dann platzte die Dotcom-Blase". Der "Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen" fällt auf, dass mitten im Verfall auch noch teure Ferraris verkauft werden, und im SPIEGEL wird süffisant daran erinnert, dass der türkische Pavillon, an den damals Prinz Ernst August von Hannover skandalträchtig pinkelte, heute immer noch steht.
Auch das "ART-Magazin" hat das Thema entdeckt. Die Einordnung auch hier: "das triste Erbe". Allerdings gilt diese Melancholie wohl eher für das angestrebte Konzept einer "nachhaltigen Nutzung", über die sechs Monate kurze EXPO-Zeit hinaus. Nun, ein litauisches Geschäftszentrum wäre schön gewesen - es war ja damals so ungefähr die erste große Gelegenheit für Litauen, sich in Deutschland Hunderttausenden von Besuchern so mit seinen Stärken und Vorzügen zu präsentieren, wie es Litauen gebührt. Heute, wo Europas Probleme vermeintlich woanders liegen und Litauen nicht nur als EU-Mitglied im Bewußtsein der deutschen Öffentlichkeit eine feste Größe geworden ist, wirkt dieses grellgelbe Objekt zwischen Brachflächen inzwischen nur noch wie ein seit langem gelandetes Raumschiff aus einer anderen Zeit.

Fotografen mit Thema "ehemaliges EXPO-Gelände":

Sven Otte / Niklas Liebig / Tinka und Frank Dietz / Martin Reißmann / HDR Experience

08 Januar 2016

Basteln am Wohlfühlfaktor

Zum Neuen Jahr 2016 gibt es in Litauen einige Änderungen und Neuerungen. Manches dabei wirkt wenig sensationell -so etwa die Erhöhung des Mindestlohns von monatlich 325 € auf 350 € und des Mindest-Stundenlohnes auf 2,13 €. Man wird sich weiter fragen müssen, wie man davon überhaupt überleben kann. Gegeben und genommen: dabei ist dann noch der Rentenbeitrag von 1% auf 2% des Monatslohns erhöht worden - der staatliche Rentenfond gibt weitere 2% dazu und der Staat noch einmal 2% des Durchschnittslohns. So hofft man, in Zukunft eine stabilere Alterssicherung aufbauen zu können. Die Durchschnittsrente liegt in Litauen derzeit bei 265 €, etwa 860.000 Litauerinnen und Litauer bekommen sie in dieser Höhe.
Zukünftig dürfen 200 € statt bisher 166 € dazu verdient werden, ohne das es versteuert werden muss.

Die staatliche Kommission zur Regulierung der Energiepreise (VKEKK) hat unveränderte Tarife zumindest für die erste Jahreshälfte 2016 zugesagt: 0,66 € per Kubikmeter Haushaltsgas, 0,42 € für Heizgas (3,99 €3.99.Weiterhin wird der bisherige Energieversorger "Lesto" sich mit "Lietuvos Dujos", dem litauischen Gasversorger, zusammentun - in Zukunft heißt dann das neue Unternehmen "Energijos Skirstymo Operatorius" (ESO).

Auch neu: an litauischen Tankstellen darf ab sofort kein Alkohol verkauft werden. (LRT) Eine von mehreren Maßnahmen des Gesundheitsministeriums beim Kampf gegen Alkoholismus; auch die Mehrwertsteuer auf Alkoholika soll demnächst erhöht werden. Einige Vorfälle auf der Grundlage exzessivem Alkoholgenuß machten im vergangenen Jahr Schlagzeilen: Gewalt, Selbstmorde, andere Verbrechen.

Auch das Flüchtlings-Thema bewegt Litauen, obwohl die Verantwortlichen sich bisher erfolgreich gegen eine europäisch geregelte verbindliche Flüchtlingsquote gewehrt hat. Das Parlament bastelt gegenwärtig an einer Gesetzesvorlage, die es den litauischen Behröden ermöglichen soll, Personendaten aller nach Litauen einreisenden Fluggäste von den Fluggesellschaften zu bekommen. Innenminister Saulius Skvernelis begründet das mit dem Kampf gegen Terrorismus.

23 Dezember 2015

Kaunas Bilanzen

Eine interessante Jahresbilanz für die Stadt Kaunas, Litauens zweitgrößte Stadt, zieht Daiva Repečkaitė für den "Lithuania Tribune" (siehe auch Delfi.lt). In Kaunas habe sich einiges geändert im Laufe des Jahres 2015: erneuerte Brücken, umgestaltete Fußgängerbereiche, bessere Straßen - und alles unter einem neu gewählten Stadtparlament. Nur die Mitbestimmung der Bürgerinnen und Bürger sei etwas auf der Strecke geblieben.

Visvaldas Matijošaitis, Unternehmer und einer der reichsten Männer Litauens, machte sein Geld vor allem mit Fischkonserven, Surimi-Fischbrei, und französischen Autos (Vičiūnai-Gruppe). Zu Sowjetzeiten noch im Militär Seit 2011 war er Mitglied im Stadtrat, seit einigen Monaten ist er Bürgermeister von Kaunas. "Bleib ruhig und stimm für Matijošaitis", so der Slogan der Wahlkampagne seiner Wahlliste "Vieningas Kaunas" ("Vereinigtes Kaunas"), einer Wirtschafts-nahen Vereinigung.

Während einige in Kaunas schon davon träumen, im Jahr 2022 "Europäische Kulturhauptstadt" werden zu können - ein Titel, den Vilnius 2009 trug - liegen die größten Probleme immer noch in der fehlenden Wirtschaftskraft und Abwanderung junger Leute - sowohl nach Vilnius, wie vor allem in andere europäische Länder wie Irland, Großbritannien oder auch Deutschland. Litauische Jugendliche müssen vor allem eine Chance auf einen Arbeitsplatz bekommen, damit sie "nicht ihre Heimatstadt verlassen, sondern ihr Leben gestalten und das Leben in ihrer Stadt mit gestalten“ - so bekamen es auch schon Besucherdelegationen aus Deutschland von Bürgermeister Matijošaitis zu hören (lippe-news).

Kritiker, wie Journalistin Repečkaitė hingegen, weisen eher auf den verschwenderischen Lebensstil des Ferrari-Fahrers Matijošaitis hin, der sich auch wohl kaum von den wirtschaftlichen Interessen der ihm gehörenden Firmen distanzieren könne, als kaum als neutral angesehen werden könne; so wie im Fall des alten Hotels "Respublikos" in Kaunas, das jahrelang als unfertige Ruine dastand und die Vičiūnai-Gruppe dann als möglicher Käufer auftrat. Andererseits: der zentrale Busbahnhof der Stadt zog vorübergehend an das Shoppingcenter "Akropolis" um, während der alte Platz umgebaut wird. Und Erleichterungen auch für kleine Unternehmer kündigte die Stadt - ganz modern - Neuerungen per Twitter unter dem Hashtag "#permainos_Kaune" an.

Kaunas wünscht, jede Bürgerin und jeder Bürger mögen
glücklich sein mit und in ihrer Stadt
Auch zu anderen Themen gibt es unklare Tendenzen: einerseits will die Stadt Teil der Altstadt Kaunas, mit Schwerpunkt auf die Architektur der Zwischenkriegszeit, auf die Liste des UNESCO Welterbes setzen lassen (15min); andererseits tue die Stadt nichts dagegen, dass gerade in diesem Bereich einige Hauseigentümer ihre Gebäude völlig verfallen lassen. - Während einige Universitäten in Vilnius, Kaunas, Šiauliai und Klaipėda ihre Kräfte zusammentun und Institute zusammenlegen, gab es in Kanaus Ärger um eine von der Polizei gewaltsam beendete Studentenaktion am 1.September, zu Beginn des neuen Schuljahres. Die Studierenden hatten ein "Glückrad" aufgestellt, und wer sich daran versuchte, konnte allerdings auch bei "Niedriglohnjobs", "Emigration ins Ausland" oder anderen schlechten Zukunftsprognosen landen. Obwohl selbst der Uni-Rektor sich für die Aktivisten einsetzte, wurde einer der Organisatoren sogar vor Gericht schuldig gesprochen, da er gemäß litauischen Gesetzen bereits vorher alle anzumeldenden öffentlichen Aktivitäten genau hätte beschreiben müssen.

Dann gab es eine Initiative von einigen Geschäftsleuten, den Fußgängerbereich der Laisves Allee teilweise für Autos zu öffnen - offenbar um wohlhabendere Kunden anlocken zu wollen. Die Bürger protestierten, aber es ist immer noch nicht sicher, dass die Stadt nicht doch Ähnliches plant. Beim Straßenbau wiederum änderte sich zwar einiges zum Besseren, aber ohne eine Förderung des Fahrradverkehrs - anders als in Vilnius, wo ein öffentliches Fahrrad-Verleihsystem relativ erfolgreich ist.
Die im November eröffnete neue Panemunė-Brücke lobten die Politiker wegen ihrer schnellen Fertigstellung - zur Deckung der 30 Millonen Euro Baukosten musste die Stadt neue Kredite aufnehmen. Von einer anderen, der Aleksotas-Brücke, wurden die alten Sowjetsymbole entfernt und die Brücke in "Vytautas-der-Große-Brücke" umbenannt. Auch durch die Inbetriebnahme der Rail-Baltica Eisenbahnlinie steht Kaunas noch Änderungen bei der Verkehrsentwicklung bevor.

Auch Sportfans können mit dem Sportjahr in Kaunas einigermaßen zufrieden sein: Žalgiris Kaunas wurde erneut litauischer Basketballmeister und in der Euroleague landete man vorerst unter den besten 16 Mannschaften. 
Ein neu gegründetes Filmbüro versucht, Kaunas als Kulisse für Filmproduktionen anzubieten, und ist froh, dass sowohl eine Neuverfilmung von "Anna Karenina" (Christian Duguay) wie auch ein Mercedes-Imagefilm ("die Geschiche der Silberpfeile") dies schon realisiert haben.

Um zu Daiva Repečkaitė zurückzukehren: eigentlich steht es gar nicht schlecht um Kaunas, lautet ihre Bilanz; einzig ob die Einwohner der Stadt wirklich bei der kommenden Entwicklung mitbestimmen können, das muss vorerst noch offen bleiben.

14 Dezember 2015

Baltische Lichterkette

Nein, kein Weihnachtsbaum wurde heute entzündet, aber immerhin die neue Energietrassen "Nordbalt" (mit Schweden) und "LitPol" (mit Polen) wurden heute symbolisch in Vilnius symbolisch in Betrieb genommen. Ein Ereignis, zu dem immerhin die lettische Noch-Ministerpräsidentin Straujuma und der estnische Regierungschef Rõivas neben schwedischen und polinischen Vertretern angereist waren, um jeweils ihr symbolisches Knöpfchen in dieser Lichterkette, installiert in der großen Halle des Präsidentenpalastes - drücken zu können (Pressedienst der Presidentin). 

Eine 700MW-Verbindung mit Schweden und eine 500MW-Verbindung mit Polen sollen in der Zukunft die Energieversorgung Litauens unabhängiger und ausgewogener machen. Präsidentin Gribauskaite betonte dabei auch, dass 25 Jahre nach Wiedererringung der Unabhängigkeit habe Litauen nun seine Eigenständigkeit konsolidiert und sei in der Lage, über wichtige Zukunftsfragen selbst zu entscheiden. Litauen sieht sich weiterhin auch als Vorreiter bei der Sicherung der Energieversorgung für die gesamte Region. "Eine Energie-Insel wurde zum Baltic Power Ring," so Präsidentin Gribauskaite.
Das LitGrid-System ist derzeit bemüht, in Zukunft zumindest digitale Transparenz zu bieten: die Webseite ist prall gefüllt mit animierten Echtzeit-Daten zur Stromerzeugung und Stromverbrauch. 
Von Litauen aus führt eine 400 kV Überlandleitung über 163 km über Alytus und Lazdijai in Litauen nach Podlachia, Warmia and Mazuren in Polen.
Das NordBalt-Projekt verweist stolz darauf, eines der längsten Seekabel der Welt gebaut zu haben - von Nybro nach Klaipeda (siehe Presseinfo). 

Noch wenig Konkretes wurde bekannt zur Preisentwicklung für die Verbraucher. Die Betreiber und die beteiligten Staaten sprechen vor allem von der Energie-SICHERHEIT, weniger von der Bezahlbarkeit der Energieversorgung. Die litauischen Energiekunden werden das also noch abwarten müssen. Eines dürfte aber klar sein: vom Land mit maroden Atomkraftwerken ist Litauen inzwischen auf dem Weg, Teil des nordischen Energieversorgungsnetzes zu werden - inklusive dem dort noch bestehenden Mangel an Zukunftssicherheit, der noch besteht: fossile Brennstoffe bilden noch 25% des finnischen Systems (und sogar 88% des polnischen), 41% der Energie in Schweden und 35% in Finnland kommen immer noch aus der Atomkraft. Ein Stück Unabhängigkeit hat Litauen gewiß nun erreicht - vor allem gegenüber einem möglichen russischen Marktdiktat - aber an der Zukunftssicherheit muss weiter gearbeitet werden. Ein Teil der Argumentation, neue Versorgungsleitungen bauen zu müssen, basierte auf steigendem Stromverbrauch in den baltischen Staaten - auch das bleibt ein Arbeitsfeld; bezüglich intelligenter Lösungen des Stromsparens bleibt Litauen noch Entwicklungsland.

28 November 2015

Litauen - Modell für Europa?

Die drei Präsidenten der baltischen Staaten - genauer gesagt zwei Präsidenten und eine Präsidentin - trafen sich kürzlich im litauischen Badeort Palanga zum alljährlichen Gedankenaustausch.
"Ein Modell für Europa" titelt die Pressestelle der Präsidentin. Ein Modell, wofür? In Litauen kommt die "baltische Einheit" gefühlt dreimal so oft auf die Tagesordnung wie in den beiden Nachbarstaaten. Litauen sieht sich gern in der Rolle des Koordinators in Ostmitteleuropa - während ja zum Beispiel Estland kaum eine Gelegenheit auslässt, um sich eher dem Attribut "nordisch" statt baltisch anzunähern. Was also kann daran Litauen als modell- oder vorbildhaft empfinden?

Das Flüchtlingsthema kann es schon mal nicht sein. Litauen vorbildhaft? "Die chaotische Flüchtlingskrise", so nennt es Frau Präsidentin (siehe Presseerklärung). Diese Flüchtlingskrise vergrößere die Bedrohung durch den sogenannten "Islamischen Staat". Wie bitte? Wird hier nicht Ursache und Wirkung verwechselt? Die beiden Amtskollegen widersprachen offenbar nicht. Sicherung der EU-Grenzen und Registrierung aller Flüchtlinge seien die dringlichsten Ziele (siehe Presseerklärung des lettischen Präsidenten). Registrierungszentren wohl gemerkt in Griechenland und Italien, ergänzt Gribauskaite. Also alles möglichst weit weg von Litauen.

Interessant sind die Zwischentöne - Lesen zwischen den Zeilen. Offenbar hat der estnische Präsident Ilves etwas andere Töne angeschlagen als die beiden Kollegen. Bereits einige Tage vorher, auf dem "Churchill Europa Symposium" der Universität Zürich hatte er ausführlich an die vielen Flüchtlinge erinnert, mit denen Europa nach dem Weltkrieg fertig werden musste (siehe Redetext). Sein abschließendes "It can be done" klingt beinahe wie das Merkelsche "Wir schaffen das".

Litauen dagegen beschwört die "baltische Einheit" als Modell für Europa. Nun gut, wer sich an die eher kümmerlichen Versuche der Zusammenarbeit in der Zwischenkriegszeit erinnert, könnte wirklich auf das heute Erreichte stolz sein: wenigstens dann, wenn es um etwas mit Bezug auf die Ereignisse um 1990 / 1991 geht, kann der damalige Schulterschluß symbolisch wiederholt werden.

Ein weiterer Versuch einer "baltischen Einheit" war Anfang November die gemeinsame Erklärung der drei Justizminister, weiterhin eine Entschädigung von Russland (als Rechtsnachfolger der Sowjetunion) für die Okkupationszeit fordern zu wollen. Allerdings werden die drei Regierungen wohl auch diese Initiative mit sehr unterschiedlicher Intensität betreiben: wiederum ist es Estland, das wegen gerade kurz vor einer Lösung stehender Grenzfrage mit Russland nicht gerade neue, laute Streitigkeiten vom Zaun brechen möchte. Der estnische Regierungschef Rõivas sprach sich sogar gegen eine Entschädigungsforderung aus (DIE ZEIT), und die estnische Regierung gab bekannt, ein solcher Schritt sei überhaupt nicht im Ministerkabinett besprochen worden (ERR). Am 9.12. gab Rõivas bekannt, seine Regierung werde in keinem Fall eine Entschädigungsforderung an Russland richten, da dieser Weg eine Sackgasse sei (ERR).

Und so wird die Sache mit der "Entschädigung" eben geschickt formuliert: es werden keine Summen oder gar Zahlungsfristen genannt, sondern lediglich die Vereinbarung getroffen, mögliche Schäden "berechnen" zu wollen. Es klingt eher wie die Ankündigung einer unangenehmen Klassenarbeit für Mathe-Hasser - aber wer genug eigene Probleme hat, und auch auf europäischer Ebene sich momentan eher wegzuducken tendiert, der posiert eben gern in eingeübten Posen.

Nachtrag:
Wie leicht es fällt, das eigene Land sogar im Weltmaßstab an die Spitze zu schreiben, zeigt die präsidentiale Pressemitteilung vom 30. November zum Kilmagipfel in Paris. "Lithuania among world leaders in fighting climate change" heißt es da.
Litauen an der Weltspitze? Beim genauen Lesen fällt dann auf: gemeint war nicht das Land, sondern lediglich dessen Präsidentin. "President among world leaders" - also Frau Gribauskaite war dabei, als sich die "Weltenlenker" trafen, also: nicht Litauen unter den Führenden, sondern einfach Frau Präsidentin. Das muss doch reichen, oder?
Beim Blick auf die Fakten bleibt von litauischer Seite völlig unerwähnt, was die Mehrheit zumindest in Europa umweltpolitisch am meisten zum Aufatmen brachte, was Litauen angeht: das Abschalten des ehemals als größten Atomkraftwerks der Welt geplanten Meilers nahe Ignalina. Hier war wirklich Litauen führend - nur, im eigenen Land wollen immer noch einige AKWs neu bauen. Ob man also auf Litauens nachhaltig umweltfreundliche Entwicklung vertrauen kann? Es wird nicht reichen nur mit den "World leaders" einen Kaffee zu trinken, wie üblich.

26 Oktober 2015

Geburtsort: Litauen!

Erstaunlich, erstaunlich: 25 Jahre lang ist Litauen nun wieder ein unabhängiger Staat, spätestens seit dem EU-Beitritt 2004 sollte ja auch in Deutschland bekannt sein, dass es dieses Land gibt, und das es gar nicht mal soweit weg ist - sogar ein Telefongespräch mit entsprechenden Behördenkollegen wäre möglich, falls Zweifel aufkommen sollten.
Nun beschwert sich Litauen ganz offiziell darüber, viele Beschwerden von Litauerinnen und Litauern zu bekommen, die in Deutschland leben.

Deutsche Dokumente, die Litauern ausgestellt werden, haben offenbar bisher immer das Geburtsland als "Sowjetunion" ausgewiesen, wenn es um ein Datum zwischen 1940 und 1990 lag. Litauen (das litauische Außenministerium) erinnert nun daran, dass die Bundesrepublik Deutschland ja die Okkupation Litauens nie rechtlich annerkannt habe, also schon deshalb der Vorgang merkwürdig sei, wenn deutsche Behörden heute nun plötzlich einen Geburtsort "Sowjetunion" ausweisen wollen. Litauer sind stolz darauf in Litauen geboren zu sein! Zumindest das wird hier deutlich. Und nun, am 22.Oktober, meldeten die litauischen Behörden Erfolg: in einer diplomatischen Note des Auswärtigen Amtes in Berlin sei mitgeteilt worden, das deutsche Ministerium für Inneres darauf hingewiesen zu haben, dass als Geburtsort immer "Litauen" ausgewiesen werden solle.

Nur ein Stück Bürokratie? Postsozialisten und Poststalinisten reden und schreiben ja gern vom "postsowjetischen Raum" - obwohl zu sowjetischen Zeiten ja auch niemand einen "postlitauischen Raum" erkennen wollte. Ob "Novosti", "RTDeutsch" und "Sputniknews" da wieder "Geschichtsfälschung!" schreien werden?? - Die litauische Haltung scheint klar: Wir wurden in jedem Fall in Litauen geboren, das sollte doch einfach zu merken sein!

Ganz eindeutig liegt die Sache allerdings nicht - wenn man sich vergleichbare Fälle ansieht. Zwar zeigen sich die Litauer in dieser Sache hartnäckig, wie ähnliche Ersuchen in Richtung Belgien zeigen. Auf deutsche Verhältnisse übertragen könnten ja auch diejenigen klagen, in deren Dokumenten ein Ort der früheren DDR eingetragen ist, so wie im Streitfall der vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden Württemberg entschieden worden ist. Dort hatte eine Frau geklagt, in amtlichen Dokumenten ihren Geburtsort nur "Chemnitz" eingetragen zu sehen, und nicht etwa "Karl-Marx-Stadt, jetzt Chemnitz". Ihr Einspruch wurde vom Gericht mit der Begründung abgewiesen, die Umbenennug der Stadt Chemnitz, die seit 1953 auf Beschluß der DDR-Regierung  "Karl-Marx-Stadt" genannt wurde, sei "sachlich richtig" gewesen (1990 votierten 75% bei einer Volksabstimmung für die Rückbenennung). Es wurde allerdings zugestanden, dass es in den 16 Bundesländern auch unterschiedliche Rechtssprechung und Verfahrensweise geben könne, und die teilweise mit Abkürzungen versehene Ortsbezeichnung besonders im Ausland zu Irritationen führen könne.

Ob also Litauer in Deutschland wirklich auf eine formelle Distanzierung von ihrer Sowjetvergangenheit Anspruch haben werden? Es gibt sicher noch andere Beispiele, dass nachträgliche Änderung der staatlichen Zugehörigkeit eher unüblich ist. So gibt es Menschen, die im Elsaß geboren wurden, als es zu Deutschland gehörte (1940-45 "deutsch besetzt"), bei Ostpreußen könnten ähnliche Fragen auftauchen - in beiden Fällen wird niemand nachträglich sich als geborenen Franzosen, Russen oder Polen ausweisen wollen. Wer allerdings nur den Zusatz "DDR" zu seiner Geburtsstadt löschen lassen möchte, soll auch schon erfolgreich gewesen sein. - "Back in the USSR" sangen 1968 die Beatles, und setzten fort "you don't know how lucky you are". Manche unterstellten ihnen damals Sympathie für die Sowjetunion. Allerdings gaben sie später zu: "Wir wussten fast nichts über die UdSSR, als wir das Lied schrieben." "Geboren in Sowjet-Litauen" ist nun offenbar im Land Lietuva ein "No-Go" geworden. 

30 September 2015

Palast mit Vergangenheit

Der Sportpalast in Vilnius ist heute eine eher einsame Stätte: das "Žalgirio stadionas", 1950 zunächst mit Fußballsplatz, Aschenbahn und Westtribüne eröffnet, später mit Ringtribünen aus Stahlbeton weiter ausgebaut, heute als Überrest vermeindlich heroischer Sowjetzeit leerstehend. Es grüßen noch zwei schöne, mit Reliefs geschmückte Eingangstore. Zu Zeiten des Baus mit 18.000 Zuschauern das größte von damals drei Stadien in Vilnius, 1955 noch durch ein Hallenbad ergänzt - das allerdings bereits 2004 abgerissen wurde.
In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich der von Eduardas Chlomauskas projektierte Sportpalast, dem wegen des üppig zur Schau gestellten Baumaterial (béton brut) das Stichwort "Brutalismus" zugeordnet wird.
Zuletzt einige Jahre ungenutzt: der inzwischen unter
Denkmalschutz gestellte Ex-Sportpalast in Vilnius
Angeblich sei der Entwurf nur vom Sportpalast in Minsk kopiert worden, meinen Architekturkritiker, andere wiederum meinen auch Parallelen in Westeuropa zu erkennen. 6.000 Gäste sollten im Inneren Platz finden, und zu Sowjetzeiten gab es ein Restaurant, zu dem nur hochrangige Parteimitglieder Zutritt hatten.
Auch der zweite Kongress der "Sajudis" tagte einmal hier. Im Januar 1991, nachdem die sowjetischen Sondereinheiten der "Schwarzen Barette" versucht hatte die Volksfront-Regierung zu stürzen, waren einige Tage die Toten der Ereignisse rund um den Fernsehturm im Sportpalast aufgebahrt.

Einen etwas anderen Blick auf den Sportpalast gewinnen diejenigen, die sich auch für die jüdische Vergangenheit von Vilnius interessieren. Da ist - neben den reichhaltigen Beiträgen jüdischer Kulturschaffender zum unabhängigen Litauen, der sowjetischen Besetzung wie der durch die Nazis, und dem darauf folgenden Holocaust - auch die Nachkriegszeit interessant. Die sowjetischen Behörden taten wenig bis nichts, um die jüdische Gemeinde zu fördern. Der Historiker Götz Aly schrieb dazu in einem Beitrag für die Berliner Zeitung: "Von den 60.000 Juden Wilnas tauchten nach dem Rückzug der Wehrmacht im Sommer 1944 einige Hundert wieder auf. Sie eröffneten eine Volksschule, ein Museum und feierten von 1944 bis 1946 ihre Gottesdienste in der stark beschädigten, etwas hergerichteten und reparablen Großen Synagoge."
Das schwer beschädigte Gebäude der Große Synagoge wurde dann abgerissen, den berühmten Friedhof im Stadtteil Šnipiškes ebnete man ein - genau, um Platz zu schaffen für den Bau des Sportpalastes.

So bleibt auch noch ein Stückchen Diskussion um die zukünftige Nutzung des Gebäudes. 2009 wehte Vilnius dann ganz offiziell die Dynamik dieser Diskussion ins Gesicht: nicht nur, dass die Litauer gerade in diesem Jahr von der weltweiten Wirtschaftskrise überrascht wurden und viele gute Projektideen unrealisiert blieben, sondern auch die Überbeibsel unvollständig oder gar nicht aufgearbeiteter jüdischer Geschichte der Stadt flogen den Organisatoren damals ins Gesicht (siehe Zeitungsbeiträge wie WELT, Süddeutsche Zeitung,

Gegenwärtig bemüht sich der litauische Ministerpräsident Algirdas Butkevičius in Gesprächen mit Vertretern der jüdischen Gemeinde Vilnius eine gemeinsame Basis zu finden für die Zukunft. Denn abgerissen werden wird der Sportpalast zwar nicht, aber Butkevičius hatte das Versprechen abgegeben, künftige Projekte an diesem Ort nur dann zu realisieren, wenn die jüdische Gemeinde zustimmt. Auch mit seinem Amtskollegen in Isreal, hatte der litauische Regierungschef das Vorhaben erörtert.
Nun soll das Gebäude also als Ort für Konferenzen und Kongresse modernisiert werden. Ein neues Zugeständnis ist nun, dass in der Halle keine Konzerte stattfinden sollen. Ein kleines, eher symbolhaftes Zugeständnis in Erinnerung an diesen Ort.
Geplant ist der Kauf des Geländes durch die staatliche "Turto Bankas", die 5,6 Millionen Euro dafür bereit stellt. Ein Teil des Geländes war bisher im Besitz der inzwischen bankrotten "Ūkio Bankas Investicinė Grupė", ein anderer wird von der "Žalgirio Sporto Arena" angekauft.
Butkevičius äußerte die Hoffnung, das neue Konferenzzentrum im Jahr 2018 fertiggestellt zu sehen, pünktlich zum 100.Jubiläum der wieder hergestellten litauischen Unabhängigkeit.

21 August 2015

Litauischer Bernstein, teurer Bernstein

Werden die Souvenirs in Litauen demnächst erheblich teurer werden? Jedenfalls sind erhebliche Steuererhöhungen für die Bernsteingewinnung im Gespräch - Bernstein wird ja nicht nur, wie manche vielleicht glauben, von Sammeln am Strand gefunden, sondern auch in großen Mengen aus oberflächennahen Bernsteinschichten abgebaut. Wie das genau vor sich geht, haben die litauischen Bernsteinmuseen anschaulich (auch auf Deutsch) dargestellt (siehe Webseite). Diesen Angaben zufolge wird nahe des Ortes Prikulė schon seit Mitte des 19.Jahrhunderts industriell nach Bernstein gesucht, damals mit dampfbetriebenen Bernsteinbaggern.

Bernsteinstaub wurde ja angeblich früher als Opfer für die Götter verwendet - heutzutage wird das Opfer eher der Steuerbehörde gemacht. Die Bemessungsgrenze liegt dabei bei 40mm (0,4cm): Stücke die kleiner sind, sollen laut einem Vorschlag des litauischen Umweltministeriums künftig pro Kilogramm 280 Euro Steuerabgabe verpflichten, größere Stücke sogar 900 Euro.

Auf 120 Tonnen Berntstein wird das Vorkommen bei Juodkrante geschätzt. Gegenwärtig liegt der Steuersatz für jedes Kilogramm Bernstein auf 20,22 Euro. Die neuen Steuersätze würden also eine erhebliche Steigerung der Steuerbelastung bedeuten. Litauen hofft, aus dem Abbau dieses Bernsteins 21 Millionen Euro Steuereinnahmen zu erzielen - 70% dafür ginge dann ins Staatssäckel, 20% könnte die Gemeinde vor Ort verwenden und 10% würde dem Umweltschutz zu Gute kommen. 
Da seit der gespannten Situation mit Russland litauische Unternehmer nicht mehr so leicht an Lizenzen für den Import von Bernstein aus dem Gebiet Kaliningrad (Königsberg) gelangen können, wo 95% des Weltvorkommens von Bernstein vermutet werden, könnte litauischer Bernstein damit vor nicht unerheblichen Preissteigerungen besonders für den Verkauf von Souvenirs und Schmuck stehen (siehe "Baltic Course", "LRT", "Delfi")
Litauische Umweltschutzbehörden fordern zudem Einschränkungen der Bernsteingewinnung, falls dadurch "Natura2000"-Schutzgebiete betroffen sein sollten (siehe Umweltministerium). Nachdem der Import von Rohbernstein aus dem Kaliningrad-Gebiet von den russischen Wirtschaftssanktionen erfasst worden war, hatte das Ministerium Gutachten in Auftrag gegeben, ob und wenn ja wo Litauen sich selbst mit Bernstein versorgen könnte.