05 April 2007

Auswanderung aus Litauen

Die dunkle Seite der EU

"Wo bist du - in Paris, London ... oder auf den Plantagen Spaniens?"

So klingt es im Lied "Cafe Emigrant" gesungen von einer bunten Mischung von litauischen Schlagersängern.
Mag die Musik auch überkandidelt herzergreifend klingen, so trifft sie doch ein aktuelles Problem. Schätzungsweise 10-20 Prozent der litauischen Bevölkerung ist weg. Zahlen, die mit der Massen-Deportation der Litauer nach Sibirien im Zuge des Anschlusses an die Sowjetunion vergleichbar sind. Unklar, was in 50 Jahren über die EU in litauischen Geschichtsbüchern stehen wird. Aber dazu später mehr.
Innerhalb der europäischen Union sind die Grenzen zwar offen, da aber immer noch in den meisten Ländern Begrenzungen für Arbeitnehmer gibt, sind die meisten illegal.
"Der unsrigen sind so wenige übrig, hier im Herzen Litauens" - singen Nijole Narmontaite, Romas Dambrauskas, Edmondas Čivinskas und die Musikgruppe "Vairas". Wer im Sommer mit offenen Augen durch die Dörfer im Hinterland fährt, der sieht Alte, Kinder, vielleicht ein paar Betrunkene.
In London hingegen werden litauisch sprachige Grundschullehrer gesucht.

Die jungen, die ein bisschen Grips in der Birne haben, sind weg. Und so sieht die übliche litauische Schwarz-Weiß-Malerei aus: Die noch übrig sind, sind entweder in Beziehungsgeflechten etabliert oder schlicht und einfach zu blöd.
Und so ist es schon bemerkenswert, dass auf einer Veranstaltung zu Ehren der Punk-Rock Gruppe "Greenday", die Organisatoren allen ernstes dafür dankten, dass sie noch da sein. "Auch in Litauen kann man etwas machen".

Gefährlichere Tendenzen

"Verlust der litauischen Sprache und Kultur" heißt die wieder hoch kochende Angst auf der anderen Seite. Hatte "Multikulti" in Deutschland lange Zeit viele Fürsprecher, ist das in Litauen anders. An dieser Stelle würde der deutsche Nazi-Begriff der "Überfremdung" sehr gut passen. So sehe mehr sich täglich die Zahl der jungen Litauer mit Bomberjacken und Litauenflagge am Arm, die vor einigen Jahren noch völlige Exoten waren. Und in den Straßen tauchen Plakate mit der Aufschrift "Alle, die anders sind, sind unnütz" auf (was man inhaltlich am besten mit "Fremde sind hier nicht erwünscht" übersetzt). Verunglimpft werden Juden, Schwarze und Asiaten (letztere werden als Heuschrecken dargestellt). Zum Semesteranfang verteilte die "Litauische Nationale Front" an Studenten kostenlose Stundenpläne in einer Auflage von mehreren Hunderttausenden.

Geht die braune Saat auf?
Das sind die Zeichen. Die Diskussion um die "Zwei Litauen" - um die Gewinner und Verlierer des Wandels, vor allem um Dorf und Stadt - ist schon einige Jahre alt. Der Fall Rolandas Paksas, der als Präsident von Parlament und Verfassungsgericht abgesetzt wurde, um dieses Jahr als strahlender Sieger der Kommunalwahl zurück zu kehren, gehört dazu. Es ist die Entfernung zwischen den Regierenden, "der Macht" wie man in Litauen sagt, und den einfachen Menschen. Denen man das Gefühl gibt, Verlierer zu sein. Die Sündenböcke suchen.
Und leider muss man sagen, dass des soganannte "Brain drain" - der Abfluss von Hirnmasse - spürbar ist.
Trotz dieser litauisch gefärbten Schwarzmalerei die positive Nachricht: Was dabei herauskommt ist unklar. Genau so blüht die alternative Szene, mit bunten Punks und schwarzen "Grufties". Hinzu kommt, dass die Jugend des 21. Jahrhunderts weitgehend ideologiefrei und und undogmatisch ist. Wie schwach oder wie stark die Selbstheilungskräfte der jungen litauischen Zivilgesellschaft, wird sich zeigen müssen.
Auch was mir dieser Angst des Verlustes der "eigenen" Kultur in Europa - und vor allem in Mittel und Osteuropa - noch passieren wird. "Leitkultur, Islamo-Faschismus, No-Go-Areas" sind die Schlagwörter, die in Deutschland dazu benutzt werden. Zeit, mal ernsthaft darüber nachzudenken, was hier passsiert.

Links
Lied "Cafe Emigrant" hören
online oder als download (mp3) auf der russischsprachigen Seite zaycev.net
SKA RASTA FUNK PUNK Scene Vilnius
(auch "Antifa")
"Litauische Nationale Front"

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