08 Februar 2006

Eine Uni für die Nachbarn - Belorussen studieren in Vilnius

Eigentlich war die "European Humanities University" (EHU) Mitte der 90er Jahre als weißrussische Hochschule in Minsk gegründet worden. Bis vor einem Jahr war die Europäische Humanistische Universität (EHU) in Minsk die einzige private Hochschule Weißrusslands. Sie wurde geführt von einer neuen Generation, die vor allem den Dialog zwischen Ost- und Westeuropa voranbringen wollte. Mit ihrem humanistischen Bildungsideal war sie dem autokratisch regierenden Präsidenten Lukaschenko schon lange ein Dorn im Auge. Dem Rektor Anatoli Michailow wurde mehr als einmal gedroht, dass sein Leben in Gefahr wäre, würde er die Universität nicht sofort verlassen. Seit 2003 war die Universität Objekt vieler Schikanen der belorussishen Behörden - 2004 kündigte das Bildungsministerium der EHU kurzerhand den Mietvertrag.

Ohne Räumlichkeiten keine Lehre - inzwischen hat die EHU in der Hauptstadt des Nachbarlandes Litauen, in Vilnius, eine neue Heimat gefunden. Von "Bildungsasyl" schrieben die Macher der "Belarus-News". Das "Eurasische Magazin" spricht von "Intelligenz im Exil".

Der kurze Schritt zum Nachbarn
Die litauische Hauptstadt liegt nur 40 Kilometer von der Grenze zu Weißrußland. entfernt, rund 200 Kilometer sind es von Vilnius nach Minsk. „Die litauische Hauptstadt war für Weißrussen schon immer so etwas wie ein Tor zur Welt," so zitiert das "Eurasische Magazin" Vladimir Dounaev, Vizedirektor der EHU. Er pendelt jede Woche zwischen Minsk und Vilnius hin und her. Seinem Kollegen, Professor Anatoli Mikhailov, erteilte Lukashenko aber bereits Einreiseverbot. An der Weigerung, Mikhailov als Leiter abzusetzen, entzündete sich 2004 der Streit um die Schließung der EHU in Minsk. "Fast 1000 Studenten gingen daraufhin ausser Landes," berichtet Dounaev, "einige Studenten sind sogar auf eigene Faust in den Westen gereist, sogar bis nach Kanada und in die USA."

Geld für die Wiedereröffnung der EHU in Vilnius kamen aus den USA, Frankreich und Deutschland. Auf der EHU-Webseite sind inzwischen über 50 Hochschulpartnerschaften in Deutschland verzeichnet, darunter auch die Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder), die Fachhochschule des Bundes fur öffentliche Verwaltung (Brühl), das Institut fur Recht der Wirtschaft an der Universität Hamburg, die Universitäten aus Greifswald und Hamburg, die Gesamthochschule Essen, und die Kunstakademie Munster.

Neuer Anfang
Seit Oktober 2005 gibt es 170 Undergraduate und 100 Magisterstudenten an der EHU in Vilnius. Einer Sendung des Deutschlandradios zufolge sind zusätzlich sind 600 Studenten für ein Fernstudium eingeschrieben.
Die EU-Kommission und das Nordic Council of Ministers haben am 29. Dezember 2005 einen Vertrag über die finanzielle Unterstützung der EHU unterzeichnet. Einige Länder (z.B. Schweden, Holland, Luxemburg) arbeiten jetzt an spezifischen Projekten. Auch an der Universität Leipzig gibt es Aktivitäten zur Unterstützung der EHU. Die deutsche Robert-Bosch-Stiftung finanziert eine halbe Dozentenstelle an der EHU, und das Auswärtige Amt gab per Pressemeldung vom 18.10.05 bekannt, dass die Gründung der EHU in Vilnius mit 50.000 Euro von deutscher Seite unterstützt werde. Informationen der Neuen Züricher Zeitung zufolge verdankt die "Exil-Uni" in Vilnius ihren raschen und erfolgreichen Start auch der großzügigen Unterstützung der katholischen Kirche in Vilnius. Im gleichen Artikel gibt die NZZ auch interessante Äusserungen von Mitarbeitern der weißrussischen Botschaft in Vilnius wieder - die sich mit gewundenen Stellungnahmen über den angeblich "übertriebenen" Medienrummel um die EHU zu wundern vorgeben.


Auf den Diplomen, die die Exilstudenten bei der EHU ausgehändigt bekommen - so schreibt "Belarus-News" unter Bezug auf Spiegel-online - ist ein Stempel von Litauen, daneben ein Siegel der EHU-International mit der Ortsangabe Vilnius/Minsk. Doch anerkannt werden diese Diplome nirgendwo, weder in Litauen noch in Belarus noch in Deutschland. Das Europäischen Parlament in Straßburg hat allerdings bereits eine Resolution verabschiedet, die alle europäischen Universitäten und Bildungseinrichtungen auffordert, die Exil-Diplome als qualifizierte Abschlüsse anzuerkennen.

Wie kann es weitergehen?
Peter Liesegang, Vorstandsmitglied der deutsch-belarussischen-Gesellschaft und Mitarbeiter der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) hat zur Lage einen Offenen Brief geschrieben an alle deutschen Stellen, die sich für Weißrussland interessieren könnten. Er schätzt, dass bisher etwa 600 Initiativen in Deutschland Kontakte nach Belarus pflegen - meist mit den Themen "Atomunfall Tschernobyl" oder "Aufarbeitung der Geschichte". Seiner Meingung nach sollte alles getan werden, um eine völlige Isolation gerade der jungen Belorussen zu vermeiden. Jede Möglichkeit von Austausch und Begegnung sollten also genutzt werden.
"Solange es noch in Belarus möglich ist," schreibt Liesegang, "sollte versucht werden, Bildungsprojekte im Land zu unterstützen, die sich an nichtstaatlichen Einrichtungen befinden oder die unter ausländischer Trägerschaft laufen."

Problematisch scheint dabei nur, dass Studierende aus Belorussland, die sich in den Augen von Lukashenko oder den ihm hörigen Behörden unliebsam verhalten, erhebliche Schwierigkeiten im Heimatland bekommen können. Was ist, wenn diese dann nach einem Stipendium oder Austauschaufenthalt nicht wieder nach Hause fahren können? Solche Fälle hat es schon gegeben, und jedem Deutschen sind noch die Schwierigkeiten von Ex-Aussenminister Fischer vor Augen, im Zusammenhang mit angeblich zu "lascher" Visavergabe.

Die junge Generation in Belorussland, die sich nicht mit den gegenwärtig sehr eingeschränkten Verhältnissen im eigenen Land abfinden will, geht jedenfalls einen schwierigen Weg. Selbst beim Studium in Litauen sind die täglichen Kosten weit höher als daheim in Minsk. EHU-Vizedirektor Dounaev schätzt die Perspektiven so ein: "Das Lukaschenko-Regime stütze sich auf den günstigen Zugang zu Erdöl und Erdgas aus Rußland. Solange sich in Moskau nichts ändert, bestehen nur geringe Chancen auf einen politischen Wechsel. Aber alle Diktatoren werden irgendwann fallen ...."
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