16 Mai 2015

Umgeleitet - ohne Frack

Litauen in deutschen Kinos? Seit zirka einer Woche ist das der Fall. Da aber die Thematik nicht im Vordergrund der Filmwerbung steht, und auch ein Dreh in Litauen ("Originalschauplätze") wohl nicht als Attraktion für deutsche Kinobesucher zu gebrauchen ist, muss der Litauen-Liebhaber ein wenig Glück haben beim Kinobesuch, um diesen Film wirklich zu Gesicht zu bekommen (oder den Film schon in Litauen gesehen haben, wo er angeblich ein Erfolg war).

Kennen Sie litauische Flüche? "What the fuck" habe ich persönlich noch von keinem Litauer gehört - allerdings klärt "Lingvopedia" (ja, das gibt es auch!) uns auf: "Wenn Litauer das Bedürfnis haben zu fluchen, dann benutzen sie entweder russische oder englische Schimpfwörter."
Nun ja, auf dem Filmplakat wird versucht, das letzte Wort des Titels hervorzuheben: "Redirected?" Ja, deutsche Kinobesucher sollten vielleicht etwas "anglophil" sein, um diesen Film zu ergründen.

Vier Bachelors auf Irrfahrt: "umgeleitet" nach Litauen
Ein Titel wie "Umgeleitet?" hätte sicher noch weniger vielversprechend geklungen. In Litauen hatten bislang 300.000 Kinobesucher bereits seit Anfang 2014 das Vergnügen, in Großbritannien lief der Film Ende 2014 an. In Litauen war damit "Redirected" erfolgreicher als das Historienepos "Tadas Blinda".

Aus litauischer Sicht beginnt die Filmhandlung mit Typen, so wie sie in Litauen von den zügellosen Junggesellenparties britischer Touristen bekannt sind: brachial, nervös, roh, laut. Wer ständiges gegenseitiges Beschimpfen nicht mag, für den ist dies kein Film. "Eine Mischung aus gewalttätigen Männern, glücklosen Kriminellen, sexy Girls, Slapstick-Humor und Pyrotechnik", so beschreibt es "The Hollywood Reporter" ziemlich zutreffend.
Vytautas Šapranauskas in seiner
letzten Filmrolle
Slapstick und Komik wird üppig geliefert, aber das Drehbuch ordnet die Geschehnisse so, als ob es Witz und Situationskomik selbst nicht vertraut: von Anfang an zwingt der Film sich ein rasendes Tempo auf, im Hintergrund drohen immer wieder dunkle, rauchige Männerstimmen den nächsten Gewaltakt an, während die vier "Helden" nach einem vermeintlichen großen Coup und verhinderter rechtzeitiger Flucht ratlos und blutend durch Litauen irren. Nein, ein Urlaubsziel ist dieses Litauen nicht: die Polizei korrupt, die Taxifahrer hinterhältig. Selbst die Priester agieren hier gegen jede Sittenregel, die Prostitiuierten nehmen die Ausländer aus, und selbst das Kleingewerbe auf dem Lande stützt sich offenbar nur auf dunkle Geschäfte. Die Orte wirken entweder trostlos verlassen oder grau und bedrohlich. Auf ein kurzes Vergnügen mit viel Alkohol folgt böses Erwachen, das in vielen Fortsetzungen und Varianten nicht zu enden scheint. Und beim großen Showdown, mit Šakotis und Švyturis, einer Landkapelle und viel "blauen Bohnen" zeigen sich die örtlichen Gangs gar nicht so unvorbereitet für eine ordentliche Rauferei mit den dahergelaufenen Auslands-Gangstern.

Auch die Zentralheizung kommt in "Redirected" zu
unerwarteten Ehren ...
Für mich ein Film, der manchmal am Rande des Schamlosen spielt. Aber vielleicht ist es genau Absicht - und der Trick, warum es beim breiten Publikum vielleicht funktioniert - wenn die einen in der nächsten Szene noch mehr Gewalt befürchten, die anderen zuviel nackte Haut, und die dritten peinliche Gags - und keines davon eintritt. Die überraschenden Wendungen retten den Film mehrfach.

Eigentlich hat der Film drei Teile: ein Vorspiel in England, sehr englisch gestaltet mit braven Bobbies, bösen Jungs und trügerischem Vorstadtidyll. Ein turbulenter Mittelteil, in dem die Verfolger der gar nicht so braven Gelegenheitsräuber schnell die Oberhand zu bekommen und ein furchtbares Ende unvermeidbar scheint. Und dann der letzte Teil, in dem das litauische Landleben seine ganze Skurilität ausbreitet, aber auch mühelos den merkwürdigen Eindringlingen Paroli bietet. Wichtig auch, dass die Darstellung der litauischen Verhältnisse nicht ins Lächerliche abgleitet: nach dem Motto "im Grunde sind wir alle kleine Verbrecher" entkommen die Gehetzten aus dem Inselreich allem Unbill letztendlich knapp, nur um dann in noch schlimmere Gefilde zu geraten ...

Zahnglas und Sauerkraut. Und nicht vergessen: der Vodka
steht woanders ...
Regie bei "Redirected" führte Emilis Velyvis, der gelegentlich auch als Schauspieler aktiv ist - siehe Wolfgang Panzers Remake "Die Brücke", der in Deutschland auf Pro7 lief und teilweise im lettischen Kuldiga gedreht wurde. Produziert wurde "Redirected" von "Cinema Cult Distribution", die auch schon für "Das Ghetto" und "Die Brücke" verantwortlich zeichneten und dessen Eigentümer Norbertas Pranckus sein Geld mit "Vytautas"-Mineralwasser gemacht hat.

Im Aufgebot: die schönsten Menschen aus beiden
an der Produktion beteiligten Ländern
Für Vytautas Šapranauskas, Theater, Kino- und Fernsehschauspieler, Moderator, hier im Film in der Rolle eines Don Camillo auf Litauisch, war es der letzte Auftritt. Kurz vor seinem 55.Geburtstag hatte er am 18.April 2013 Selbstmord verübt und dies mehreren Freunden per SMS angekündigt. Doch dem Humorist wirkt nur der Humor glaubhaft. 

So steht gleich im Vorspann des Films ein Dank an Šapranauskas. Ob das deutsche Kinopublikum für dieses Werk die Kassen stürmt, muss abgewartet werden. Wer als Deutsche/r litauische Freunde und Bekannte hat könnte im Film einiges sehen, was Engländer und Litauer unterscheidet oder verbindet. "Wo ist der Frack?" - Ach ja, es war ein drastischeres Wort im Titel. Sei's drum.
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