20 März 2015

Zu Gast bei klingender Münze

Schon 25 Jahre ist es her, dass Litauen sich am 11.März 1990 für unabhängig erklärte und damit die Loslösung von der Sowjetunion vollzog - obwohl diese, in enger Abstimmung mit der deutschen Regierung, die sich im Prozess der Wiedervereinigung befand - zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig wahrhaben wollte.
Musikalische Höhepunkte Litauens, präsentiert am 25.Jahrestag
der Unabhängigkeit - im deutschen Finanzministerium,
wesentlich mitgestaltet von David Geringas
Wer sich einen Zeitabschnitt von 25 Jahren nicht richtig vorstellen kann, der mag vielleicht nachrechnen, wie schnell es nach 1918 dauerte, bis die Republik Litauen nicht mehr existierte. Schon nach 8 Jahren verabschiedete man sich vom Mehrparteiensystem und demokratischen Prinzipien. Das wäre dann, umgerechnet, bereits 1998 gewesen, ungefähr der Zeitpunkt, als Litauen sich erfolgreich um den Kandidatenstatus zum EU-Beitritt bewarb.
Als 1940 die litauische Unabhängigkeit verloren ging, waren seit ihrer Verkündung gerade einmal 22 Jahre vergangen. 25 Jahre Unabhängigkeit sind also für Litauen schon mal ziemlich viel - mal abgesehen von den gedeminischen und mindaugischen Zeiten.

David Geringas, eines der
kulturellen Bindeglieder zwischen
Deutschland und Litauen
Die Stabilisierung Litauens wird gegenwärtig allerdings ziemlich von drei anderen Faktoren überdeckt: die Situation in der Ukraine, die sämtliche Befürchtungen gegenüber dem großen russischen Nachbarn zu bestätigen scheinen, die immer noch unzureichende Situation der Wirtschaft, die weiterhin viele zur Arbeitsmigration quer durch Europa bewegen, und die heftigen Diskussionen um EU-Mitglied Griechenland, die ja auch die ökonomischen Strategien gegenüber anderen EU-Ländern beeinflussen.

Trat beim Schäuble-
Gastspiel gemeinsam mit
Sohn Dominykas als
"Cherry Duo" auf:
Petras Vyšniauskas,
Litauens bekanntester Jazz-
musiker
Doch im Land der "Singenden Revolution", wo mit großer Beharrlichkeit auch sowjetisch geprägte Zeiten überstanden wurden, und das 1990 von vielen auch vor allem mit gewaltlosen Aktionen identifizierten, scheinen zur Zeit die Gewichte verschoben und noch nicht alle Lektionen gelernt. Vielleicht kann Litauen doch mehr als einerseits Musterknabe der neoliberalen Weltordnung zu sein, und andererseits sich als Spielplatz für militärische Konfrontationsspielchen anzubieten? Klar, das System Putin scheint genauso eindeutig wie die Spielregeln der Marktwirtschaft. Die Unabhängigkeit wurde mehrfach Russland eher abgetrotzt als freundschaftlich gewährt. Und die Notwendigkeit des ökonomischen (Wieder-)aufbaus war zu sehr allgemein anerkannt als dass sich das Gefühl ausbreiten könnte, jetzt alles "verprassen" zu können.

Vytautas Kiminius, ein Meister
auf dem vielleicht "litauischsten"
aller Instrumente, der Birbyne
Bei Jubiläumsfeiern verblassen meist die Zwischentöne. Aber darauf mussten die Organisatoren der Reihe "So klingt Europa" - das deutsche Finanzministerium - keine Rücksicht nehmen. "In Litauen ist heute Feiertag!" meinte Moderator Stefan Rupp, und zog daraus die Konsequenz: "Das bedeutet: die Litauer haben heute frei. Daher konnten wir die Künstlerinnen und Künstler heute nach Berlin einladen." Nun ja, warum auch immer: selbst eine Euro-Beitrittsfeier wirkt für Litauen momentan, nur drei Monate nach Einführung der EU-Gemeinschaftswährung, nicht mehr sensationell. Während noch wenige Monate zuvor einige Initiativen eine Volksabstimmung zu dieser Frage in Litauen erzwingen wollten und sich damit auf der Seite einer "schweigenden Mehrheit" meinten, sorgte die alsbald nach dem 1.Januar einsetzende starke Nachfrage nach den neuen Münzen dafür, dass die Banken beinahe Auslieferungsprobleme bekamen. Litauen meisterte auch diesen Integrationsschritt in die Europäische Union mit auffällig unaufgeregter Selbstverständlichkeit.

Mit überragender Stimme und selbst komponierten
Liedern längst mehr als ein Geheimtipp für
Litauen-Fans: Alina Orlova
Dennoch: weit unumstrittener als der Glanz von Geldmünzen oder die manchmal starrköpfig erscheinende Angst vor Russland steht für Litauen die reichhaltige Kultur. David Geringas, am Moskauer Konservatorium ausgebildet, bereits seit 1976 in Deutschland lebend, mit einer Russin verheiratet und enge Kontakte nach Litauen pflegend, wirkte in Berlin daher auch wie "Schäubles erster Gast". Gelegentlich höre er auch andere Musik, aber die Klassik sei schon sein bevorzugtes Genre, gibt Schäuble auf Befragen dann auch gerne zu. Dem entsprechend, und im Bewußtsein des kulturellen Staraufgebots von Šenderovas, Kiminius, Trys Keturiose, Fort Vio bis hin zu Martynas, Alina Orlova und Vater+Sohn Vyšnauskas spielte Geringas seinen Part auch mit einem sichtbaren leichten Lächeln. Wirkliche kulturelle Hochkaräter allesamt, die diesen Abend im mit landesfarblicher Lichtstimmung gestalteten Ministerium litauisch gestalteten.

Virtuose am Akkordeon: Martynas
Fazit: Politisch, gesellschaftlich und ökonomisch mag in Litauen noch so manches diskutabel und unausgewogen sein - kulturell hat das 3-Millionen-Volk unglaublich viel zu bieten. Die Veranstaltung in Berlin mag deshalb auch als Beispiel dafür gelten, dass kein Konzertveranstalter in Deutschland - auch über die Klassik hinaus - Angst haben müsste einen ganzen Abend nur mit Künsterinnen und Künstlern aus Litauen zu gestalten. Leute, vergesst 'Youtube': solcherart kulturelle Erbauung sei also "live" und wahrhaftig noch weitaus häufiger einem breiterem deutschen Publikum gegönnt!
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