01 Juni 2016

Litauen ganz baltisch - in Venedig

Die Idee Litauen mit Estland und Lettland gemeinsam zu repräsentieren wird derzeit bei der BIENNALE in VENEDIG verwirklicht, die am 28. Mai eröffnet wurde. Seit der EXPO 2000 in Hannover, einer der ersten Präsentationen der baltischen Staaten im Ausland nach wiedererrungener Unabhängigkeit, war man an das "traute Nebeneinander" gewohnt: auf der Suche nach Aufmerksamkeit, am besten aber für sich selbst. Während Estland sich gerne zu den nordischen Ländern sortiert, und Litauen und Lettland gegenseitige Verwechslung in der ahnungslosen internationalen Öffentlichkeit beklagen (Hauptstadt von Litauen? Riga? Best besuchtes Tourismusziel Lettlands? Die Kurische Nehrung?), haben gemeinsame Projekte Seltenheitswert.

Das Architektenteam des "Baltischen Pavillions"
Nun also der "Baltische Pavillion", auf insgesamt 1600m². Die baltischen Staaten als "gemeinsamer Raum der Ideen" - so interpretiert es Litauen. Von "kürzlich aufgetretenen geopolitischen Entwicklungen rund um die baltischen Staaten" redet die Presseerklärung des litauischen Kulturministeriums, und einer sich daraus ergebenden "Dringlichkeit der Zusammenarbeit". Das schwingen im Hintergrund Stichworte wie "Krim" und "Ukraine" mit - aber konkret angesprochen wird es an dieser Stelle nicht.

Was blieb von bisherigen litauischen BIENNALE-Beiträgen? Aus Sicht der deutschsprachigen Medien fiel dem "Kunstbulletin" schon 2002 der litauische Künstler Deimantas Narkevičius auf, 2007 wusste das ART-Magazin von einer "lobenden Erwähnung" zu berichten; 2009 fiel der litauische Beitrag u.a. dem "Kunstforum" auf. 2011 notierte der "Spiegel" einen Sonderpreis für Litauen, 2013 schrieb die "Vogue" von einer "speziellen Erwähnung" (auch bei 3sat). Dass auch Jonas Mekas schon in Venedig präsent war, muss fast nicht extra erwähnt werden. Das ist - zusammengefasst - doch relativ viel Aufmerksamkeit für Künstler aus einem Land, dass nicht so regelmäßig im Zentrum des Interesses steht. Wer wie Žilvinas Kempinas einmal einen Beitrag in Venedig abgeliefert hat, braucht sich nicht um genug Stoff für alle nachfolgenden Presseberichte zu kümmern (aktuell: "Kulturzeitschrift").

Die bisherigen litauischen Beiträge in Venedig bezogen sich auf den künstlerischen Teil der Biennale. Zur gegenwärtigen Beteiligung auch an der Architektur-Biennale werden aus litauischer Regierungssicht weniger künstlerische als industriepolitische Zielsetzungen in den Vordergrund gestellt. In einem Atemzug werden politische Wunschprojekte vom Flüssiggas-Transportschiff "FSRU Independence" bis zur Schnellbahnstrecke "Rail Baltica" in Verbindung mit dem Venedig-Pavillon gebracht - solche Texte tauchen auch in der Selbstdarstellung des Pavillions wieder auf. - Veröffentlichungen in der lettischen oder estnischen Presse sind fast wortgleich. "Die Ausstellung erzählt nicht davon, was jedes der beteiligten Länder Besonderes hat, sondern von den Gemeinsamkeiten", so zitiert die Zeitschrift "IR" das Team der beteiligten Architekten. Nicht viel anders stellt es das estnische Zentrum für Architektur dar. "Die drei beteiligten Staaten haben im wesentlichen dem Projektteam vertraut", äussert der litauische Kurator Jonas Žukauskas in einem Interview auf "Arterritory", "staatliche Stellen waren mit dem Projekt nicht befasst." Auf litauischer Seite ist die "Stiftung für Architektur" (Archfondas) der Projektträger.Aber auf die Frage nach realen "baltischen" Gemeinsamkeiten fällt Žukauskas vorläufig auch nichts anderes ein, als auf den "Baltischen Weg" zu verweisen - das ist immerhin schon 27 Jahre her. Und er zitiert gleichzeitig den Philosophen Wittgenstein mit den Worten: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Auf das die drei beteiligten Staaten in Venedig eine gemeinsame Sprache finden mögen ...

Begleitend zur Ausstellung wird ein "Baltischer Atlas" erscheinen, eine Publikation, die Texte aller beteiligten Architekten enthält.

Webseite "the Baltic Pavillion" - Facebookseite1   - Facebookseite2

Nachtrag: ARTSY sieht den "Baltischen Pavillon" als einen der 10 besten in Venedig.  
Kommentar veröffentlichen