18 April 2016

Bier-Renaissance, litauisch

Eigenwerbung litauischer
Bier-Bars: urig, ländlich, kräftig
(Šnekutis, Vilnius)
Bier war nie wirklich aus der Mode in Litauen - ich glaube, das kann man behaupten. In den vergangenen 25 Jahren haben nur die vielen Übernahmen litauischer Traditionsmarken durch ausländische Investoren die Qualität nicht immer befördert; nun aber hoffen die litauischen Brauerinnen und Brauer auf einen neuen Trend: alles redet von "Craft-Bieren". Vier Kennzeichen werden da besondern gelobt: kleinen Mengen, Unabhängigkeit von großen Konzernen, traditionelle Brauweise und eigener Charakter - na, da müssten litauische Biere doch wohl mithalten können?

Wein jedenfalls war in Litauen noch nie eine Alternative - oder, wie es die Weinexporteure aus Österreiche ausdrücken: "Aufgrund der geschichtlichen Entwicklung und des Klimas Litauens konnte sich keine „Weintradition“ bilden" (weinlogistik.at). Und nicht nur das, die Weinbranche konstatiert sogar: "Die Mehrheit der litauischen Weinkonsumenten zählt nicht unbedingt zu den Weinkennern". Während in Deutschland 28% des Alkoholkonsums in Wein getrunken wird, sind es in Litauen nur 8% (Bier-Universum).

Bier spielt also in Litauen die Hauptrolle. Kein Wunder also, dass gleich an mehreren litauischen Orten eigene Bier-Touren oder Brauereibesichtigungen für Gäste angeboten werden, wie etwa die Kaunas Bierroute, den Bierweg von Biržai, Bier-Wanderungen (wir berichteten), oder eine Brauereibesichtigung in Klaipeda.

ob "English bitter", "Altbier",
"Porter" oder "Stout" -
litauische "Bierblogger"
sortieren im Internet die Vielfalt
(im Bild: "Breadandbeer")
Die neuen Trends der sogenannten "Craft-Biere" spielen dabei den litauischen Brauereien nochmals in die Karten. Auch beim Streifzug durch das Nachtleben des hauptstädtischen Vilnius wird der Gast in zahlreichen Bars und Kneipen immer mehr Geschmacksrichtungen litauischen Gerstensaftes probieren können. Allerdings ist dabei die Frage: werden hier eigentlich litauische Biere getrunken? "Die Litauer wissen zwar, wie sie Bier brauen können - aber was fehlt, ist eine Bier-Kultur," meint Jonas Lingys, Sommelier bei Švyturys, der gegenwärtig einzigen großen Brauerei in Litauen, die nicht von ausländischen Investoren abhängig ist. Lingys meint auch, das typische geröstete Knoblauchbrot, das in der Regel in Litauen zum Bier gereicht wird, mit weiteren Snacks variieren zu können - um die Litauer auf den Geschmack unterschiedlicher Sorten zu bringen. "Vielleicht Räucherkäse, Schinken, Oliven, oder verschiedene Würstchen." (LRT)

In dieser Bibliothek stehen in einigen Regalen
Bier statt Bücher: die "Alaus Biblioteka" in Vilnius
"Manche Leute kommen ja tatsächlich rein und wollen ein Bier einer bestimmten Farbe," erzählt Tomas Bartninkas, Eigentümer der "Alaus biblioteka" (Bier-Bibliothek), "und wir versuchen ihnen dann zu erzählen, dass man es nach dem Geschmack auswählen sollte, nicht nach der Farbe!" Bitter oder süßer, stärker oder milder, hopfig, oder sogar schokoladig - die "Alaus Biblioteka" hat immerhin auch einige litauische Marken im Angebot. 15 verschiedene Marken im Ausschank zu haben, ist natürlich auch ein Wagnis - doch bisher scheint es zu funktionieren.

Ob mit solchen Bieren die Liebhaber
litauischer Fruchtweine überzeugt werden
sollen? Die litauischen Bierbrauer sind an-
gesichts der "Craft-Beer"-Mode ins heftige
Experimentieren geraten (
breadandbeer)
Auch im litauischen Internet wird mehr und mehr über Bier diskutiert: vom "alusalus", "beergeek", "breadandbeer", bis zu "Tikrasalus", "Modestas", "apiealu", "pingvi" oder "alusit" - die Vielfalt der "Bierglogger" scheint beinahe so groß wie die Auswahl der Biersorten selbst, und hierbei sind die verschiedenen Facebookseiten und -gruppen noch gar nicht genannt. Eine komplette Geschichte des litauischen Bieres ist zumindest in Englisch in finden (Sviekata) - dort kann man auch nachlesen, dass noch zu Sowjetzeiten biertrinkende Frauen in Litauen sehr ungewöhnlich gewesen sein sollen.

In Deutschland sind litauische Biere noch nicht so recht angekommen - offenbar müssen Interessierte wirklich einen Litauen-Urlaub einplanen. Weder die "Craft-Bier-Lounge", "Craftbeermarket", "Beercraftinfo", "Craftbeerstore", "Craftbier-Shop", und auch auf der "Craftbiermesse" in Mainz waren Litauer bisher noch nicht vertreten. Beim Shop der "Brewcomer" ist immerhin Estland schon verzeichnet, und einige deutsche "Bier-Blogger" haben die Litauer bereits entdeckt: "Alkoblog" - obwohl der Name eher auf "Menge statt Qualität" hindeutet - hat immerhin vier (allerdings sehr gängige) litauische Biere entdeckt, "Bierbasis" führt immerhin neun Brauereien in Litauen auf.

Litauische "Bierblogger"
schrecken offenbar vor
nichts zurück: Hauptsache
verrückter Name und Design
locken ...
Deutsche Anbieter sind auch schon beim "Craft-Beer-Zubehör" angekommen - wie zum Beispiel das Angebot von speziellen "Craftbier-Gläsern" zeigt. In Litauen dagegen müssen die Hersteller wohl auch hoffen, dass der Lebensstandard - also Einkommen und Lebensumstände - langsam besser werden. Bier nur für Touristen brauen, das widerspräche wohl litauischer Mentalität und Lebensart (und auch der Selbstachtung). Denn allzu verständlich ist es bisher, wenn viele nur nach dem billigsten Bier und dem größten Glas fragen. Also: į sveikatą , auf Litauen!
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