23 Januar 2015

Ratschläge für Volk

Die Euro-Einführung ist problemlos absolviert, aber zu Jahresanfang macht Litauen andere Schlagzeilen. Eine kleine Infobroschüre sorgt für Aufsehen. Der Titel fordert fast zur Satire heraus: "Was Sie wissen müssen für einen Notfall oder Krieg" ("Ką turime žinoti apie pasirengimą ekstremaliosioms situacijoms ir karo metui“). Das deutliche Ausrufezeichen auf dem Titel macht klar: "nicht hingehen" wird als Antwort nicht reichen.

Ist das nun ein Zeichen dafür, dass Litauen nun endgültig nur noch vom Ukraine-Konflikt dominiert wird?
Rüstet Litauen für den Fall eines russischen Einmarsches? Minister Juozas Olekas verwendete bei der Vorstellung des fast 100 Seiten starken Büchleins einen Begriff, der immer mal wieder vom Westen für das angeblich unklakulierbare Handeln des russischen Präsidenten Putin verwendet wird: das Schlagwort vom "hybriden Krieg".

Was ist an der Situation in der Ukraine "hybrid" - bzw. was könnte es in Litauen sein? "Verschmelzung  traditioneller und unkonventioneller Mittel" heißt es im "Handelsblatt", eine "geschickte Mixtur aus klassischem Militäreinsatz mit plötzlichen Manövern über Desinformation und Computerangriffe bis hin zu Energieversorgung und wirtschaftlichem Druck", so beschreibt es die"Welt", und in der Regel werden dabei NATO-Quellen zitiert. Doch auch russische Stellen haben das Stichwort offenbar aufgenommen, wie ein Zitat der "Sputniknews" zeigt, wo die "hybride" Kriegsführung natürlich den USA unterstellt wird und so beschrieben wird: "eine Kombination von Sanktionen sowie von Diplomatie-, Wirtschafts- und Informationskrieg.“

Wenn also beide Seiten sich den Gebrauch "unkonventioneller" Mittel unterstellen, könnte da die litauische Broschüre beim Verständnis helfen? Auf den ersten Blick nicht. "Ruhe bewahren" und "Panik vermeiden" sind eigentlich doch zu profane Hinweise im Land der Waldbrüder. Ob das auch gegenüber Handlungen von Verantwortlichen gilt, denen offenbar eine Anheizung von Konflikten zwischen Staaten und Völkern nichts ausmacht? Ruhe bewahren und auf den "Sieg der Guten" hoffen? Über Wege, wie Frieden erhalten werden kann, verrät der Regierungsratgeber nichts.

"Auf Anfrage" habe man die Broschüre zusammengestellt, so die Pressesprecherin des litauischen Verteidigungsministeriums. Und dort finden sich dann Sätze wie dieser: "„Wenn eine Krise beginnt oder ein Krieg, dann werden Sie evakuiert. Falls dies nicht geschieht, suchen Sie eine Waffe und bleiben Sie drinnen." Ja, sie klingen schon ein wenig komisch, diese hybriden Verhaltensweisen. Der Satz "Ein Schuss hinter dem Fenster ist noch nicht das Ende der Welt" soll angeblich der Hinweis darauf sein, auch unter schwierigen Umständen "klaren Kopf" zu bewahren. Vielleicht sollten die Litauer diese schlauen Tipps probehalber mal in der östlichen Ukraine verteilen? Woran könnte erkannt werden, ob sich die Damen und Herren Einwohner gemäß den Wünschen ihrer Regierung verhalten? Und, wäre das im Kriegsfall überhaupt wünschenswert - sich exakt nach den Wünschen der Regierung zu richten?
"Dort, wo unfreundlich gesinnte Soldaten auftauchen, sollte sie nicht bleiben", meint das litauische Verteidigungsministerium. "Versorgen Sie sich als erstes mit Wasser", "wenn draußen geschossen wird setzen Sie sich nicht ins Auto", oder "falls in ihrem Haus Soldaten auftauchen und ihre Schränke durchwühlen, provozieren Sie keinen Konflikt". Süß, diese Sorge um einen "sauberen Krieg".Völlig zurecht weisen Kritiker des Satzes "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" darauf hin, dass der Krieg die Leute immer findet.
Ob auch auf fliegende Drohnen und deren mögliche Fehlschüsse hingewiesen wird? Es tut mir leid, liebe Kriegsexperten und Buchautoren: ich bin nach wie vor dafür, lieber noch etwas mehr für den Frieden zu tun, solange es ihn gibt.
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