21 Oktober 2014

Vilnius ist nicht Tokio

Rote Beete-Suppe (Šaltibarščiai) lieber fotografieren, als essen? Lieber bleiche Haut als Sonnenbaden? Kein Räucherfleisch, aber gerne Barockarchitektur? Solche Trends berichteten litauische Reiseagenturen kürzlich von Touristen aus Japan. In Litauen wird offenbar immer noch mit großen Erstaunen auf die sensiblen Bedürfnisse von Gästen aus Japan reagiert - jedenfalls wird das Thema in den litauischen Medien ausführlich behandelt.

Immer gern gesehen:Japaner mit Litauen-Fanschal.
(hier beim Besuch des litauischen Verteidigungs-
ministers Juozas Olekas in Japan, Februar 2014)

Foto des lit.Verteidigungsministeriums
Vitalijus Milkovas, litauischer Reiseleiter für japanische Gästegruppen, erzählte der Presse von seinen Erfahrungen (siehe "Delfi"). "Wenn man in der Altstadt von Vilnius umher geht, kann es schon mal sein, dass für einen Japaner etwas alt erscheint, was tatsächlich aber ziemlich neu ist", verdeutlicht er. Nicht immer laufen da Stadtführungen wie gewohnt. "Manchmal erzähle ich etwas über Napoleon, und die Gäste fangen plötzlich an ein kleines Kätzchen zu fotografieren. Vielleicht liegt das daran, dass es vorwiegend ältere Leute sind, die aus Japan kommen, für die lebende Dinge interessanter sind als abstrakte Darstellungen."

Ausserdem geht es auch bei den Japanern - Architektur hin, Geschichte her - immer gern ums Shoppen. Die neu gebauten Einkaufszentren werden gerne und ausgiebig genutzt. Die traditionellen litauischen Gerichte werden auch von Japanern gerne bestellt, aber manches wird nur fotografiert und auf dem Teller liegen gelassen. Da wird eine unterschiedliche Herangehensweise deutlich: Essen soll Spaß machen, nicht in erster Linie den Magen füllen. Eines allerdings machen Gäste aus Japan in Litauen offenbar nicht: sie besuchen keine japanische Restaurants. Besonders dann nicht, wenn der Eigentümer kein Japaner ist. Und Soya-Soße, die fehlt ihnen - und sie wird, sofern verfügbar, gern bei allerlei Gerichten ergänzt.

gefunden auf "demotyvacijos.lt"
Dass Japaner in Litauen wenig Fleisch essen, führen die litauischen Tourguides auch darauf zurück, dass sie eben gesundheitsbewußt seien und auf den Rat ihrer Ärzte hören. Aber so wie es Rasa Levickaitė, ebenfalls litauische Reiseleiterin, erzählt, klingt es eher nach Medienmacht und Massenpfänomenen als nach ärztlichen Anweisungen: "Da wird mal im japanischen Fernsehen gesagt, mit Bier könne man gut einschlafen, und so wird Bier getrunken. Dann wird gesagt, zuviel Bier sei schlecht für den Schlaf, und sie trinken weniger Bier." Viele Trends seien auch von den USA übernommen, genauso wie der Yen an den Dollar gekoppelt ist. Auch den Trend zu mehr gesundheitsbewusstem Leben wird aus litauischer Sicht als US-amerikanischer Einfluß auf Japan gesehen. So zum Beispiel die Verbannung des Rauchens aus den Restaurants. "Vor 10 Jahren waren noch 30-40% der männlichen Gäste Raucher," berichtet Levickaitė. "Heute gibt es kaum noch einen Raucher unter ihnen."

Nun ja, das hätte sie auch bei Touristen aus Westeuropa berichten können. Vor allem wäre interessant, in wieweit sich diese Trends auch auf die Litauer auswirken. Angeblich haben japanische Touristen besonders Angst vor Quallen, achten Katzen mehr als Hunde, und wundern sich über Bettler auf litauischen Straßen.

Erkenntnisse, oder eher Stereotypen? Für Litauer wirkt jedenfalls der Blick auf die asiatische Kultur offenbar immer noch ungewöhnlich. Um 37,5% stieg der Touristenstrom aus Japan nach Litauen im ersten Halbjahr 2014, verglichen mit dem ersten Halbjahr des Vorjahres (lietuva.lt). In absoluten Zahlen erscheint das allerdings weit weniger sensationell und noch steigerungsfähig: in einem Interview mit der japanischen Botschafterin in Litauen, Shiraishi Kazuko (Lithuanian Tribune), werden Zahlen für 2011 genannt: 7654 japanische Gäste in Litauen, 1449 litauische Gäste in Japan. Die meisten sicher auf Geschäftsreise.

Was verbindet Litauen ansonsten mit Japan? Vor kurzem noch stellte ein japanisches Konsortium den Bau eines neuen Atomkraftwerks in Litauen in Aussicht - bis sich eine Volksabstimmung dagegen aussprach.
Weitgehend vergessen scheint dagegen Chiune Sugihara (1900 - 1986) zu sein, der als Konsul des japanischen Kaiserreiches in Litauen während des Zweiten Weltkrieges Tausende von Juden rettete (siehe Wikipedia, "Kosherdelight" oder auch "Freiburger Rundbrief"). Die litauischen Reiseleiter jedenfalls, die über die "Andersartigkeit" der Japaner lange Abhandlungen verfassen, erwähnen dieses Thema jedenfalls mit keinem Wort. Ein Grund könnte sein, dass sich das ehemalige japanische Konsulat und heutige "Sugihara-Haus" in Kaunas befindet, und es hier nur um Vilnius-Tourismus geht - nun ja, eigentlich keine Entschuldigung. Umgekehrt berichtet die japanische Presse aber sehr wohl über den litauischen Holocaust-Gedenktag (siehe Japan Times).

Es könnte sich ja auch um eine Neuentdeckung Japans handeln, was Litauen angeht. Immerhin war erst im Sommer 2014 die allererste Delegation des japanischen Parlaments zu Besuch in Litauen - erstaunlich, nach immerhin fast 25 Jahren Unabhängigkeit. Unter den Japan-Liebhabern Litauens kursiert die Idee, in Vilnius einen japanischen Garten (“Vilniaus japoniškas sodas”) zu schaffen; die dafür notwendigen 4 Millionen Euro Finanzmittel sollen durch Spenden aufgebracht werden.

Und was fällt Japanern zu Litauen ein? Leider kann ich kein Japanisch lesen. Eine Internetseite "Japan-Lithuania" scheint auf Messebeteiligungen aus zu sein, die Spalte "Lithuanian cuisine" jedenfalls ist noch leer.
"Little Lithuania" berichtet über einen kleinen Laden zum Verkauf von Leinen in Hiroshima. 
Die japanische Botschaft in Vilnius veranstaltet, neben Seminaren zur Reaktorsicherheit (offenbar gibt es noch Hoffnungen auf einen Deal), und Einladungen in einen "Sakura-Club", Wettbewerbe im Haiku-Dichten. Aus über 800 Einsendungen von 259 Einsendern wurde 2013 das folgende aus Litauen ausgewählt, Autor ist Andrius Luneckas (hier in litauischer und englischer Fassung, passend zum Herbst):

rudens vakaras
už aplyto lango
šešėlių teatras

autumn evening
beyond the wet window
shadow theater
Kommentar veröffentlichen