30 Juli 2012

Litauen schwimmt

Überraschende Medaillenhoffnung für Litauen:
Ruta Meilutyte
Montag, 30.Juli, kurz nach Mitternacht. Wird Litauen heute zu einer Schwimmer-Nation? Gut, Basketball ist immer noch Sportart Nummer Eins, aber aus verschiedenen Gründen sieht es dort ganz so aus, als ob Litauen bei Olympia 2012 weit außerhalb der Medaillenränge bleiben wird.
Da überrascht eine junge, erst 15-jährige Schwimmerin, die heute abend im Finale über 100Meter Brust mit guten Chancen an den Start geht: Ruta Meilutytė.
In England hat sich die junge litauische Sportlerin schon länger eingewöhnt, denn sie studiert am Collage in Plymouth.
"No stories about this athlete" - diese magere Nachricht im
Sportportal der britischen BBC wird sich voraussichtlich
sehr bald ändern
"Keine Nachrichten zu dieser Sportlerin" - diese schlichte Auskunft wird sich wohl sehr bald das Sportportal der britischen BBC auch nicht mehr leisten können.

Wer bei "This is Plymouth" dagegen vorbeischaut, erfährt schon wesentlich mehr: 2011 gewann Ruta bei der erstmals durchgeführten Jugend-Olympiade schon mal eine Goldmedaille, aber London 2012 wolle sie "zum Lernen" nutzen, sagt sie selbst vor Beginn der Spiele. Auch der Vater, Saulius Meilutis, ist in Plymouth ansässig und arbeitet mit Behinderten, so weiß es das Portal zu berichten.
Den bisherigen litauischen Rekord über 100m Brust von 1:07.30 min hat Ruta jetzt im Vorlauf bereits deutlich auf 1:05.21  min verbessert - der viertschnellsten je auf dieser Strecke geschwommenen Zeit, und gleichzeitig neuer Europarekord (das Foto auf Eurosport gibt wieder, wie überrascht sie selbst davon war).
In Plymouth wurde inzwischen Ruta's englischer Schwimmtrainer John Rudd interviewt (BBC Sport), der sich ebenfalls von den Erfolgen seines Schützlings überrascht zeigt, aber auch die 100m Brust zu Ruta's großer Stärke erklärt. Auch das Magazin "SwimmingWorld" sieht sich veranlasst vorauszusagen, dass Meilutyte die erste Medaillengewinnerin des unabhängigen Litauen im Schwimmen werden könnte. Die drei die es bisher gab schwammen für die Sowjetunion: Robertas Žulpa und Lina Kačiušytė gewannen Gold in Moskau 1980, Arvydas Juozaitis in Montreal 1976 Bronze. Alle drei in der Disziplin Brustschwimmen übrigens!
Auch die Zahl ihrer (Stand heute) erst 37 "Ruta"-Fans auf Facebook wird sich wohl schnell vermehren. Und das US-Sportportal ESPN macht die Story zur Schwimm-Überraschung Meilutyte mit der Schlagzeile auf: "am Tag, als sich alles änderte". Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite jedenfalls verschob ihre Rückkehr aus London um einen Tag, um sich heute das Finalrennen noch ansehen zu können.

Nachtrag, Montag, 30.Juli, 21.30 Uhr: Noch Fragen?

Dienstag, 31.Juli. Nachzutragen wäre die Reaktion der Presse.
Ruta and family - ein Foto aus der englischen "Daily Mail"
zwei Brüder, Vater und Oma (die Mutter starb bei
einem Autounfall als Ruta vier Jahre alt war)
In England ist man offenbar stolz auf das "Plymouth-Girl" - "unfortunately she's competing for Lithuania!" schreibt die "Daily Mail", und ergänzt die Berichterstattung mit einigen Fotos: Ruta mit Goldmedaille, Ruta mit Familie, Ruta mit weiteren drei Olympiateilnehmern des Plymouth College, Ruta bei der Siegerehrung."Von dem Moment an, in dem sie das Wasser berührte, dominierte sie die Konkurrenz" ist im "Independent" zu lesen. Und im "Guardian" äußerte sich eine Sprecherin des Plymouth-College stolz auf die Schülerin aus Litauen, denn die 1877 gegründete Schule sieht ihren Ruf jetzt erheblich gestärkt - trotz langer Tradition wurden hier bisher keine besonderen Sporttalente hervorgebracht. Erst vor 12 Jahren wurde in Plymouth die Entscheidung getroffen, ein 25m-Schwimmbecken zu bauen, und heute nutzen Sportler aus insgesamt 67 Ländern die verschiedenen neu entwickelten Sportanlagen, im Schwimmtraining sind Schülerinnen und Schüler aus 15 Ländern anzutreffen, die jeden Schultag um 5.30 Uhr morgens zum ersten Mal in den Pool springen. Fast hätte Turmspringer und Plymouth-Schüler Tom Daley am Vortag die erste Olympia-Medaillenernte einfahren können - er wurde Vierter. Ruta bügelte diese kleine Enttäuschung auch aus englischer Sicht aus.
Auch der "Standard" stimmt in die Euphorie ein: "How teenage Ruta stole a Nation's heart" - was aber wohl nicht bedeuten soll, jemand fühle sich bestohlen. Im Gegenteil: "we are so proud of her" - wir sind so stolz auf sie.

Da sehen die Reaktionen in der deutschen Presse doch etwas anders aus. Sportlich wird der litauische Sieg hauptsächlich als Rückschlag fürs US-Team geschildert (so wie in der Rheinischen Post oder Sport1 : "15-Jährige düpiert Weltmeisterin Soni"). Bei Spiegel online, Bravosport, Sport-Bild und TAZ dagegen wird Ruta Meilutyte nur in Zusammenhang mit der 16-jährige Chinesin Ye Shiwen genannt, die über 400m Lagen gewann. Im Leserforum des Spiegel beschwert sich sogar jemand, dass der Erfolg der Chinesin negativer gesehen wird in der deutschen Öffentlichkeit als derjenige der Litauerin. Ja, wie alt war denn "Franzi" von Almsiek, als sie ihre erste Olympiamedaille gewann? Deutsche "Schwimmfans", bisher medaillenlos, werden zu zynischen "Experten". "Komisch finde ich das schon, dass es SchwimmerInnen gibt, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen und sofort auf Weltspitzen-Niveau schwimmen," solche Ansichten sind scheinbar opportun und karrierekompatibel für die deutsche Öffentlichkeit (Zitat Sigrid Deitelhoff im TAZ-Blog). Ok, es gab schon litauische Radrennfahrer, die erst Tour-de-France-Etappen gewonnen und sich dann als fleissige Doper herausstellten - aber ist das wirklich der einzige Aspekt, wenn deutsche Journalisten über die Sportszene in Ländern berichten wollen, die sie offenbar nicht kennen? Da wird die Überraschung offenbar auch zur eigenen Entschuldigung genutzt, sich damit nicht näher befassen zu müssen. Schade.

Dann kämen noch die litauischen Medien. In allem Überschwang und bei aller Freude scheint da ein leichter Ton der Selbstkritik mitzuschwingen: Ruta Meilutytė steht NICHT für hervorragende Sportförderung ihres Landes, das sie so gern auf dem Siegertreppchen vertritt. "Komm nach England, es ist besser für Dich" sagte ihr Vater, und steht damit für viele, die unter den gegenwärtigen Lebens- und Arbeitsbedingungen in Litauen keine Chance sehen, oder als Arbeitslose sogar gezwungen sind, sich irgendwo anders eine Chance zu suchen. Aber ich denke, die meisten Litauer wissen das: für große Sporterfolge braucht man in einem so kleinen Land auch eine Menge Glück. Nur könnte vielleicht der Neid auf "die ins Ausland fliehen" in Zukunft vielleicht etwas weniger werden. Nicht wenige werden, wenn sie das Land verlassen, als "Verräter" beschimpft. Vielleicht wird es auch durch die Erfolge von Ruta etwas leichter, die Chancen und Risiken in Europa auch aus litauischer Sicht etwas gelassener zu diskutieren.

Noch ein Nachtrag, 2.August. Liebe Leute von (deutschsprachigen) Wikipedia: es war interessant zu beobachten, wie eure Schreiber diesen kleinen Post über meine Vorahnung vom litauischen möglichen Schwimmsieg als einzige deutschsprachige Quelle zitierten, und einiges daraus inhaltlich übernahmen - zwischen dem 30.7. um 21.36 Uhr (erster Wikipedia-Beitrag) und dem 31.Juli 8.11 Uhr morgens. Dann schlug die "Schwarmintelligenz" zu, ehemalige Quellen sind nicht mehr wichtig, in der neuen Fassung wird "Spiegel online" als Quelle angegeben. Na gut. Positiv ist, dass nun auch litauischsprachige Quellen ergänzt sind.
Auch interessant, dass die Argumente dabeistehen, warum andere, ehemals hier übernommene Inhalte inzwischen im deutschen Wikipedia-Beitrag zu Meilutyte wieder weggestrichen wurden. Zum Beispiel, Zitat Wikipedia-Autor: "Die Nennung der anderen litauisch/sowjetischen Sieger ist hier unnötig. Es wird ja explizit gesagt, sie sei die erste des unabhängigen (!) Litauen. Da muss man nicht noch Sieger aus der Ära vor der Unabhängigkeit nennen."
Beim Blick ins litauischsprachige Wikipedia sehe ich (Stand heute), dass dort ebenfalls die sowjetisch-litauischen Schwimm-Medaillengewinner im Beitrag zu Meilutyte (noch?) nicht genannt sind. Verschiedene Seiten von Euphorie offenbar - aber meinerseits schreibe ich lieber über persönliche Eindrücke als über schwarmgeschminkte Fakten. Und ich glaube auch nicht, dass diejenigen litauischen Sportler, die zu Sowjetzeiten ihre Erfolge erungen haben, im Litauen von heute vergessen sind. Das nur am Rande, weil es so interessant war zu beobachten, wie gesagt. 
Und auch der Leser/innenansturm ist nach Rücknahme der Wikipedia-Verlinkung wieder aufs Normalmaß gesunken, puuh. Ende Hausmitteilung.
Kommentar veröffentlichen