02 September 2011

Der Korb hängt hoch

85% der Leserinnen und Leser dieses Blogs glauben fest daran, dass Litauen die Basketball-Europameisterschaft, die nun bis zum 18.September in Alytus, Šiauliai, Kaunas, Klaipėda, Panevėžys und Vilnius ausgerichtet wird, auch selbst gewinnen kann.Ob das gelingt, muss abgewartet werden. Klar ist jedoch, dass Litauen nicht allein auf den sportlichen Erfolg setzt.

Positiv denken
Wer erinnert sich noch daran, dass im vorletzten Jahr Vilnius europäische Kulturhauptstadt war? Im Gegensatz zu den Gästerekorden in Tallinn dieser Saison schlingerte Litauen noch mitten in der Wirtschaftskrise. Zudem ging damals Litauens Airline pleite, plötzlich waren viele Reisemöglichkeiten blockiert. Aus deutscher Sicht gesehen, ist - abgesehen vielleicht von der Kurischen Nehrung - Litauen noch nicht so recht auf der touristischen Landkarte angekommen. Das soll nun die Basketball-EM ändern. Die Schließung der gemeinsam mit Estland und Lettland betriebenen Tourismuszentrale in Berlin lieber gar nicht erwähnen - und auf zu neuen Ufern. In sofern könnte das Wunsch-Halbfinale aus dieser Sicht lauten: Russland, Frankreich, Deutschland und Litauen, die vielleicht touristisch vielversprechendsten Nationen. 

Deutscher Dirk, litauische Hoffnung
Wie sieht es aus deutscher Sicht aus? Kann Litauen von deutscher Basketball-Begeisterung etwas gewinnen? Einiges spricht dafür, dass der Effekt sehr begrenzt bleiben wird.
Nowitzki, Nowitzki. Allein dass keines der EM-Spiele im öffentlich-rechtlichen, also im frei zugänglichen Fernsehen zu sehen sein wird, spricht schon gegen eine erhöhte Litauen-Aufmerksamkeit. Auch Berichte von "vor Ort", also aus Alytus oder
Panevėžys - Orte von denen meines Wissens nach noch nie ein deutscher Fernsehreporter berichtet hat - es sieht nicht so aus, als ob eines der vielen Spartenmagazine diese aktuelle Chance nutzen wollte. Vorberichte in deutschen Zeitungen? Ja. Der "Kurier" in Österreich findet es bemerkenswert, dass die EM in Litauen die zahlenmäßig stärkste ist (mehr Mannschaften als vorher), und dass es einen eigenen EM-Song gibt. Vielleicht stellt es schon ein Entgegenkommen dar, dass die österreichische Sportpresse nicht auch noch die kürzlichen litauisch-österreichischen Verstimmungen nachklingen lässt?
30.000 Gäste werden angeblich erwartet - das unterstreicht die touristischen Hoffnungen, denn die Sommersaison ist ja schon vorbei. "Litauen hofft auf rentable Basketball-EM" unterstreicht auch "Eurotopics" und lässt damit durchklingen, dass selbst ein zufriedenstellender Gästestrom zunächst einmal nur die vorab getätigten Investitionen ausgleicht.
DIE ZEIT stellt heraus, dass Basketball in Litauen "Religion" sei: "Drei Millionen Litauer wollen den Titel". Es folgen erfreulich kundige Bemerkungen zum litauischen Basketball, zur Basketballschule von Arvydas Sabonis, und die These: "Basketball ist der einzige Grund warum die Welt weiß, dass Litauen überhaupt existiert."
Ein wenig mehr auf die Situation im Lande geht die "Süddeutsche Zeitung" ein. Die Atmosphäre in Litauen sei ein wenig mit dem Fußball-Rausch in Deutschland des Jahres 2006 zu vergleichen. Ist das realistisch, oder entspricht das nur dem deutschen Ansinnen, alle Maße der Welt immer mit Fußballfeldern zu messen? "Im strömenden Regen warteten Tausende von Menschen", wird hier für deutsche Leser berichtet. Na immerhin, mehr warten wohl auch nicht vor einem Spiel der deutschen Basketball-Bundesliga. So schätzt es auch BBL-Geschäftsführer Jan Pommer ein, der optimistisch auf einen Popularitätszuwachs für Basketball in Deutschland durch die beiden Erstliga-Aufsteiger Bayern München (ein Markenname) und Würzburg (Heimatort Nowitzkis) hofft. Aber das wäre ja eher von einem möglichst guten deutschen Abschneiden abhängig. Zumindest die Litauer in Deutschland werden wohl bis zum18.September auf ihr Heimatland setzen - wo bisher die realistische Einschätzung regierte, vielleicht doch eher im Fußball sich noch verbessern zu können um litauisches Aufsehen auch in Deutschland zu erregen.

Sportmigranten
"Basketball als Tor zur Welt" - ein solcher Wahlspruch scheint realistischer und weist wohl einerseits hin auf die Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten litauischer Basketballer (sechs der aktuellen 12 Mitglieder des Nationalteams spielen in Vilnius oder Kaunas, die anderen im Ausland)."Basketball ist für die Litauer heilig", betont auch die Neue Züricher Zeitung und ergänzt aber süffisant, Artikel 14 der litauischen Verfassung garantiere aber Glaubens- und Gewissensfreiheit. Den Erfolg der EM würde eher die ungewöhnlich hohe Zahl von Profis aus der US-Liga NBA garantieren, so die Einschätzung. Die andere Einschätzung ist, dass die erste Hürde für Litauen das Spiel gegen Spanien sein könnte - immerhin 10% unserer Blogleser tippen auch auf einen spanischen Erfolg. Ginge es nach europäischen Kriterien, so hätten vielleicht auch die Griechen noch Nachholbedarf an Jubel. Aber allein mit einem Erfolg als Veranstalter werden sich die Litauer sicher nicht zufrieden geben.
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