15 Dezember 2010

Neues von Karolis

Vor zwei Jahren erregte er zum ersten Mal Aufsehen mit einem selbst produzierten Film über litauisch-deutsche Erfahrungen: Karolis Spinkis (siehe Bericht in diesem Blog). Nun kann Karolis noch einen Schritt weitergehen - eigentlich sind es ein paar Schritte zurück, und gleichzeitig viele Schritte voran: eine Filmproduktionsfirma nahm Kontakt zu ihm auf und wird nun in den nächsten Monaten das Thema "Litauer im Ausland" als professionelle Filmproduktion angehen - mit Karolis als Autor (Co-Autor ist Tilo Ullrich). "Wir werden in Šiauliai, in Kaunas und in Vilnius drehen," erzählt Karolis, "über Weihnachten und auch über Neujahr."

Das scheinen also ganz besonders produktive Festtage zu werden. Im Ergebnis wird dann nicht allein Karolis über seine Erlebnisse zwischen Litauen und Deutschland berichten, sondern es ist an einen Querschnitt verschiedener Eindrücke und Meinungsäußerungen mehrerer Personen gedacht. Aber vor allem soll auch das Land Litauen mit vorgestellt werden, also der Hintergrund und die Lebensumstände derjenigen, die sich zum "Auswandern" oder zwischenzeitlichen Arbeitssuchen im Ausland veranlasst sehen. Die Produktion beantragte bereits erfolgreich Fördermittel des Landes Thüringen (Karolis lebt in Jena) und die Beteiligten freuen sich nun darauf loslegen zu können.

Wer mehr wissen möchte, kann inzwischen auf Karolis' Webseite nachschauen.

06 Dezember 2010

Bauwerke, Litauisch

OFFENBAR "IN": Das Baugewerbe zählt sicherlich gerade unter Vorzeichen der Wirtschaftskrise zu den sensibelsten Bereichen, auch für Litauen. Überraschend viel Werbung für litauische Baukunstwerke ist zur Zeit in einigen Architekturforen zu lesen: "Total abgehoben wohnen" schreibt Marianne Kohler im Züricher "Tagesanzeiger" am 19.November, und meint damit Häuser des litauischen Architekturbüros Natkevičius. Oder ist es nur ein Beispiel geschickter Architekturfotografie? Weitwinkel einerseits, und die Illusion der Abwesenheit jeglicher Nachbarn scheinen hier maßgebliche Leitlinien zu sein. 

Dennoch: der Bau regt offenbar zur Diskussion an. "Ob man für so etwas in der Schweiz eine Baugenehmigung erhält?" fragen sich Leser/innen des "Tagesanzeigers". Andere schätzen die Bauidee auch als "ökonomischen und ökologischen Schwachsinn" mit fehlender Gemütlichkeit ein ("Zivilschutzbunker"), und - bezogen auf den Energiehaushalt des Hauses: "das Gebäude wird doch auch von unten gekühlt, wobei gleichzeitig die erdwärme sinnlos verpufft." Ein weiterer Leser, offenbar interessiert an weltweitem Architekturvergleich, sieht Parallelen zu einem bereits existierenden Bau in Brasilien
Ganz ähnlichen Widerhall findet der Bauentwurf auf der Designseite "Studio 5555". Das Urteil hier: "Nachempfunden ist es der Arche Noah, wobei die ganze Familie mit ihren Habseligkeit auf sicheren Boden haust." Und bei "Archdaily" gibt es Infos zum Auftraggeber des Gebäudes: "Der Kunde ist ein Unternehmer im Agrobusiness (Hühnereier / Schweine). Seine Frau ist Designstudentin an der Kunstakademie und sehr interessiert in Möbeldesign." Außerdem hat hier der Autor etwas zur Ursprungsidee des Architekturentwurfs zu sagen: es soll angeblich an zu einem Lagerfeuer aufgeschichtete Holzstücke erinnern. Bei "ArchZine" wiederum sind viele Innenraumfotos zu sehen, versehen mit der schlichten Bemerkung: "ein großartiges Beispiel für eine offene Garage, bei der das Haus als Dach die Autos vor Regen und Schnee schützt." 

OFFENBAR OUT: Wenig ernsthaftes Interesse internationaler Investoren gibt es offenbar an  dem Bau eines neuen Atomkraftwerks in Litauen. Wie jetzt verschiedenen Quellen in der Presse zu entnehmen ist, fand sich nach Ablauf der von der litauischen Regierung gesetzten Frist keine Firma zur Abgabe eines umfassenden Angebots bereit (Frankfurter Rundschau, Financial Times). Auch der südkoreanische Konzern Kepco (Korea Electric Power Corporation) hielt sich entgegen erster Ankündigungen zurück - angeblich auf Druck Russlands. 

Doch auch mit dem Rückbau des inzwischen geschlossenen "Tschernobyl-Modells" Ignalina gibt es offenbar bereits genug Probleme - ganz entgegen den manchmal anscheinend so "populären" Argumenten von der "sauberen" Atomenergie. So forderten Umweltschützer in Belorussland bereits den Rücktritt von Litauens Präsidentin Grybauskaite, da dem belorussischen Nachbarn nur sehr verzögert Informationen zu Problemen bei den Rückbaumaßnahmen zugänglich gemacht worden seien (siehe TELEGRAF). Am 20.Oktober, zwei Wochen nach einem Unfall im AKW Ingalina, habe Grybauskaite während eines Staatsbesuchs in Belorussland kein Wort zu den Problemen verlauten lassen. Gemäß der belorussischen Aktivisten soll es am 5.Oktober zu einem Unfall mit 300 Tonnen hochradioaktiven Flüssigkeiten bei Arbeiten am 2005 geschlossenen ersten Reaktor gekommen sein - einen Kommentar dazu veröffentlichte auch die russisch-norwegische Umweltorganisation "Bellona". Ein Beitrag in "Die Presse" macht den notwendigen Umfang der Arbeiten deutlich: 1000 Tonnen verstrahlten Materials müssen entfernt werden, was bis zu 35 Jahre dauern kann. Auch in weiteren Ländern rund um die Ostsee wachsen die Sorgen um die sichere Lagerung des Atommülls - trotz offiziell verkündeter Atombegeisterung ("Die Presse", Frankfurter Rundschau"). Wenig wahrscheinlich ist es da wohl, dass die durch die Wirtschaftskrise sowieso vorhandenen Probleme Litauens ausgerechnet durch eine weitere Fixierung auf Atomkraft gelöst werden könnten.

08 November 2010

Der blonde Standard

Litauen macht Schlagzeilen. Wo? Nein, weder in Litauen, noch in Deutschland. Allerdings in der internationalen Presse. Gäbe es eine Rubrik "verrückte Unwichtigkeiten", so würden diese Nachrichten hier landen. Oder dort, wo man gemeinhin das "Sommerloch" vermutet. 

Beamtenjogging
Manche Nachrichten scheinen auch geradezu durch die Welt zu reisen, als Produkt der Medienwelt. Da melden "Focus", "Hamburger Abendblatt", "Die Welt", "Spiegel" und viele mehr: "Staat setzt dicke Polizisten auf Diät". Oder ist es eher ein Produkt der gerade eben abgelaufenen ARD Themenwoche "Essen ist Leben"? Werde so Journalisten trainiert, aus dem großen Topf der täglichen Meldungen irgendwie Passendes zu liefern? Die NDR "Weltbilder" machen einen ganzen Filmbericht daraus. 
Die Themenwoche ist vorbei - die "Polizeidiät" hat offenbar Freunde gefunden. Der Redaktion der "Welt" zum Beispiel war es noch nicht genug, und berichtet nun über Litauen. Nicht über Cepelinai, nicht über schicke Restaurants in Vilnius, nicht einmal über das sonst im Herbst so beliebte Thema der Qualität litauischer Pfifferlinge. Nun sind es die Busfahrer, die angeblich zu dick sind. Das allein wäre ja noch keine Nachricht. Nun wird behauptet, eine litauische Firma wolle ihre Busfahrer nach Gewicht bezahlen: "Je dünner, desto fetter das Gehalt". Grundlage? Hm, das abgebildete Foto (ein städtischer Bus vor dem Hauptbahnhof von Vilnius) hat schon mal nichts damit zu tun. So klicken wir uns weiter, denn immerhin sind die Namen der betroffenen Firma (einem Busunternehmen aus Šiauliai), deren Chef und einer Gewerkschaftsvertreterin genannt. Auch die Quelle wird genannt: Ein Bericht der Regionalzeitung Šiaulių kraštas. Also: kein Witz leider, sondern nach den verschiedenen Berichten über deutsch-litauische Sozialprojekte und Hilftransporte in der vergangenen Woche auf Platz 3 der Litauen-Berichte.

Hauptsache Blond
Auf Platz 1 rangiert eine noch verrücktere Geschichte. Litauische Tourismuswerbung in Deutschland - da stellt man sich zunächst mal Kurische Nehrung, und vielleicht noch Vilnius vor. Jetzt hat es aber eine andere Schlagzeile in die internationalen Medien geschafft -nur schade, dass sie gar nicht in Litauen spielt. 
Schon Riga hatte in den vergangenen Jahren versucht, mit "Blondinen-Paraden" Aufsehen zu erzeugen. Aber was Lettland kann, das kann Litauen offenbar schon lange. Jetzt sorgt ein litauisch betriebenes Hotel für Ausehen, in dem ausschließlich nur blonde Mitarbeiterinnen vorzufinden seien.Der Betreiber ist die Firma Olialia“, verantwortlich eine Frau: Giedrė Pukienė. Allerdings gibt es das Hotel noch gar nicht: erst 2015 soll es auf den Malediven fertig gestellt werden, mit Hiilfe von Investoren aus Russland, Deutschland und England. Dem entsprechend stolz sind die Olialianer, dass Anfang Oktober das britische Boulevardblatt "Sun" die Geschichte mit großen Aufmacher herausbrachte - denn schließlich wären dessen Leser genau die potentiellen Kunden (siehe auch: BBC).
Zitiert wird in der britischen Presse gleichzeitig, dass es auf den Malediven Spannungen geben könnte, da konservative Islamisten diese touristischen Einrichtungen auf ihrer Insel wegen ihres offen propagierten exzessiven Alkoholausschanks kritisieren. Die blonde Kunde hat auch bereits die USA erreicht: auch CNN übernimmt offenbar gerne, was die litauischen Mangerin vorgibt: auch die anzustellenden Blondinen sollen mit einem speziellen Flugzeug zum Hotel gefolgen werden - assistiert von blonden Flugbegleiterinnen natürlich. Andererseits übernimmt "Olialia" gern, was andere schreiben: auch Kritik ist willkommen, ganz nach der Devise: Hauptsache jemand redet drüber.
Die Story zieht sich auch durch einen großen Teil der deutschen Medienlandschaft. Ob die einseitige Bevorzugung von Blondinen nicht "sexistisch" sein könnte, oder arbeitsrechtlich eine unrechtmäßige Bevorzugungen von Angestellten einer bestimmten Haarfarbe darstelle - es gibt viele schöne Argumente, über das Thema zu diskutieren (z.B. Frauenzimmer.de).
Und solange wie die Malediven noch "Zukunftsmusik" bleiben, bleibt "Olialia" aber nicht untätig. In Vilnius wurde ein "Olialia Blondinen-Nachtklub" eröffnet. Die Firma ist auf 75 verschiedenen Geschäftsfeldern tätig, von der "Olialia-Cola" bis zur IT-Branche.
Da fragt man sich doch langsam, wie abgehoben eine Tourismuswerbung noch sein kann - verglichen mit dem Litauen, was zumindest ich bisher kannte und schätzen lernte. Zwar sind die Cepelinai sowieso "blond", aber, liebe Litauerinnen, bleibt bitte wie ihr seid!

02 November 2010

West-östliche Partnerschaft: Last, but not least


Als letztes, aber deshalb nicht als geringer wertiges Land der Europäischen Union besucht der deutsche Außenminister Guido Westerwelle heute Litauen. Auch Bundeskanzlerin Merkel besuchte zuletzt erfreulicherweise nicht "das Baltikum", sondern jedes Land in einer sinnvollen aktuellen Perspektive. Dass die drei baltischen Staaten manchmal nur allzu neidisch aufeinander schauen, ist die eine Sache. 

Aber muss ein litauischer Regierungschef nervös werden, wenn ein deutscher Außenminister nach seinem Amtsantritt zunächst nur Estland besucht? Ich meine: Nein. So wie es damals für Westerwelle Sinn gemacht haben mag, nach Estland nach Asien weiterzu reisen, so ist es diesmal mit Litauen und Weißrussland. Litauen versteht sich längst als Mittler zwischen den EU-Staaten und den Staaten der "östlichen Nachbarschaft". In einer Reihe von Konferenzen und Arbeitsbesuchen hat Litauen Kompetenz aufgebaut, hier ein Netzwerk der Kooperation zu schaffen - und wenn nicht Zusammenarbeit, denn wenigstens Kennenlernen. Und es dürfte auch davon auszugehen sein, dass Ažubalis und Westerwelle sich bereits intensiv kennengelernt haben, da die Strukturen der EU-Zusammenarbeit eng gefasst sind: erst am 25.10. fand ein Treffen der EU-Außenminister zur östlichen Partnerschaft statt. Und als stellvertretenden litauischen Außenminister findet Westerwelle heute den langjährigen litauischen Botschafter in Berlin, Evaldas Ignatavičius wieder. Dessen vorrangige Aufgabe ist es heute, den litauischen Beitrag zur Partnerschaft mit den Ländern in der östlichen Nachbarschaft der EU mit zu entwickeln. Also widmet sich die Presse zurecht auch den gemeinsamen Problemzonen zu, wie zum Beispiel also Weißrussland. 

Westerwelle selbst sieht seinen Besuch in Litauen - wie es offenbar abgestimmte Position der gesamten Bundesregierung ist - in engem Zusammenhang der deutschen Beziehungen zu Russland. Dies zeigt schon die extra vom Amt herausgegebene "Reisekarte": vor dem Russland-Besuch nach Lettland zu reisen, oder in diesem Fall nach dem Besuch nach Litauen, das macht aus deutscher Sicht Sinn. Ebenso schlüssig ist es, den Besuch in Weißrussland gemeinsam mit dem polnischen Außenminister Sikorski zu bestreiten. 


Nur ein Wunsch bleibt noch offen: nennt doch bitte - denn unaussprechlich ist er nicht - die litauische Hauptstadt beim Namen, den sie hat: Vilnius.

15 Oktober 2010

Nicht wählen und falsch parken verboten

40 von 141 Abgeordneten des litauischen Parlament (Seimas) sind dafür, daß die Bürger ihres Staates künftig wie in der EU in Belgien, Griechenland, Zypern und Luxemburg an die Urne gezwungen werden sollen. Die Türkei und Australien kennen eine solche Regelung ebenfalls. Auf diese Weise, so meinen die Vertreter verschiedener politischer Kräfte, werde die politische Partizipation erhöht.

Welche Vor- und Nachteile eine Wahlpflicht mit sich bringt, ist seit langem umstritten. Es kann kein Zweifel bestehen, daß ein Parlament, welches von einer überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gewählt worden ist, eine höhere Legitimität besitzt. Eine geringe Wahlbeteiligung ihrerseits kann Ausdruck einer allgemeinen Zufriedenheit sein wie der lettisch-estnische Politologe Veiko Spolītis für den Fall Estland zu bedenken gibt, es kann aber auch ganz im Gegenteil Hoffnungslosigkeit ausdrücken, mit der eigenen Stimme etwas beeinflussen oder gar verändern zu können, wie Dorothée de Nève in ihrem Buch über Nichtwähler beschreibt.

Unabhängig davon sind in Litauen mit 48,6% bei den letzten Parlamentswahlen weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten an die Urnen gegangen. Zum Vergleich: Im benachbarten Lettland waren es diesen Oktober wie schon 2006 immerhin 62%. Freilich ist eine deutlich geringere Wahlbeteiligung als in Deutschland, wo viele Menschen ganz ohne Vorschriften Wählen als Bürgerpflicht empfinden, in demokratischen Staaten nichts Ungewöhnliches.

Die geringe Beteiligung hat in Litauen nach der Unabhängigkeit 1991 aber regelmäßig zu Problemen geführt. Das hiesige Grabenwahlsystem sieht vor, daß 71 Abgeordnete in Einmannwahlkreisen gewählt werden. Einst war eine Mindestbeteiligung von 40% vorgesehen, damit das Ergebnis überhaupt Gültigkeit erlangt und ein Kandidat als gewählt gilt. Da dies gelegentlich nicht erreicht wurde, blieben teilweise Mandate im Parlament unvergeben, weshalb das Wahlgesetz nicht nur einmal geändert wurde.

Ein post-sozialistisches Land mit Wahlpflicht könnte jedenfalls eine interessante neue Erfahrung für die Politikwissenschaft liefern.

09 Oktober 2010

Feuer auf LISCO GLORIA

In der Nacht von Freitag auf Samstag ist auf der DFDS-Fähre "Lisco Gloria", die zwischen Kiel und Klaipeda verkehrt, offenbar aufgrund einer Explosion ein Feuer ausgebrochen. Mehrere Schiffe eilten zu Hilfe, alle Passagiere konnten gerettet und an Land gebracht werden.
Folgende Quellen bieten interessante aktuelle Einzelheiten zum Unfallhergang:

Infos und Fotos auf "Forum-Schiff"

Dänischer Bericht bei  www.nyhederne.tv2.dk 

Gemeinsames Havariekommando der norddeutschen Küstenländer (mit Bildergalerie!)

Erst kürzlich hatte die "Nordsee-Zeitung" von einer Übung des Havariekommandos Cuxhaven berichtet. Bei dieser Übung waren 110 Verletzte von einem Schiff geborgen worden, auf dem eine Verpuffung als Unfallursache angenommen worden war. Zitat: >„So eine Übung hat natürlich immer etwas Künstliches“ räumte die Sprecherin des Havariekommandos, Ulrike Windhövel, ein. Das ausgeheckte Szenario (Verpuffung an Bord mit 170 verletzten Personen) wertete sie dennoch als realistisch.<

25 September 2010

Strahlender Herbst

Was wird vom September 2010 in Litauen in Erinnerung bleiben? Ach ja, Angie war da. Eigentlich ein wohl temperierter und vom Zeitpunkt her gut gesetzter Staatsbesuch: schließlich wünschen sich die baltischen Staaten ja immer auch Aufmerksamkeit für sich selbst, und nicht einfach die Einbindung von Staatsbesuchen in sowieso geplante Konferenzteilnahmen. 
In sofern war der Merkel-Besuch erfolgreich. Und auch aus Sicht von Litauen-Sympathisanten grundsätzlich sehr zu begrüßen. Vor Jahresfrist hatten die Besuchstermine in Litauen wegen des plötzlichen Rücktritts des deutschen Präsidenten noch kurzfristig abgesagt werden müssen. Jetzt fielen sie in den Windschatten der deutschen Aufregung um die politisch durchgedrückten Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke. 

 
Pilze & Atompilze
Und genau hier beginnen auch die Bedenken. Schon seit Jahren wurde die auf Litauen bezogene Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland von nur wenigen Schlagworten geprägt: vom vor allem touristisch erfolgreichen Reiseziel "Kurische Nehrung", von Geldspenden für soziale Projekte in Litauen (also sowohl chronischer Finanznot wie auch vom allgemeinen Notstand im sozialen Bereich), und dann vom Schrottreaktor in Ignalina, der so fatal an alles immer noch Verstrahlte und Verseuchte in aus Richtung Tschernobyl erinnert.
Die Besorgnis vor den Gefahren der Atomkraft ist nicht weniger geworden. Wieso sollte sie auch? Selbst in diesem Blog zeigt sich das: bei den Zugriffszahlen auf einzelne Beiträge liegen die 2 Posts zu Radioaktivität und Pilzen aus Osteuropa weit vorn. Noch am 3.September schob das Umweltinstitut München einen aktuellen Bericht nach, in dem es heißt, vor allem Falschdeklarierungen würden anhaltende Probleme für Verbraucher verursachen.Im Klartext: Auf Pilzlieferungen aus anderen osteuropäischen Ländern wird einfach das Schild "Litauen" draufgeklebt, um die Lieferung dadurch unverdächtig erscheinen zu lassen. So kommt es aber, dass trotz des endlich abgeschalteten Atomreaktors mitten in den schönen Naturgebieten Nord-Ost-Litauens dennoch der Name Litauen mit gefährlicher Strahlung in Verbindung gebracht wird.

Unser "litauisches" Atomkraftwerk
Aber Litauen möchte ja offenbar davon auch gar nicht weg. Lauthals wird in notorischer Beharrlichkeit der Plan eines neuen "litauischen" AKWs immer wieder verkündet. Im Gegensatz zum Wiederaufbau eines Palastes wäre aber ein Großprojekt dieser Art nur durch internationale Mischfinanzierung hinzukriegen. Ein "rein litauisches" AKW ist also sowieso eine Illusion, und der rasche Blick zu (gleichfalls bereits armen und von Krediten abhängigen) baltischen Brüdern und Schwestern hilft dar nicht weiter. Somit ist vielmehr eine gewisse Doppelzüngigkeit zu vermuten: was in der litauischen Innenpolitik noch als "nationale Aufgabe" verkauft werden kann, ist zwischen denjenigen, die Chancen auf Beteiligung an Prämien und Sonderzulagen für den Fall eines Projektzuschlags hoffen können, längst zum Objekt von Streitigkeiten um persönliche Profite zu Vergünstigungen geworden. Im nördlichen Nachbarland Lettland hat die öffentlich so verhasste russische Gazprom soeben mit Millionenaufwand eine prestigeträchtigte Villa gekauft um von hier aus die Geschäftsbeziehungen mit der lettischen "Gazprom" zu festigen - trotz allen Streits um die Ostseepipeline. Für den Fall fortdauernder Liberalisierung des litauischen Energiemarktes ist hier Ähnliches zu erwarten. Und damit ist eines sicher: das Argument der "einseitigen Abhängigkeit von Russland" als Grund, ein AKW bauen zu müssen, ist hinfällig. Aus Polen kommt die Nachricht, dass Ministerpräsident Tusk ebenfalls einen langfristigen Liefervertrag mit Russland abschließen will (siehe Tagesschau). Und dass trotz Atomstrom der Energiepreis nicht billiger wird - denn die Anlagen werden ja gebaut, damit gerade die Konzerne ihre Profite sichern - das zeigt gerade der Fall Deutschland nur allzu offensichtlich.

Doppelzüngige Politiker
Offensichtlich sind auch Kanzlerin Merkel solche Widersprüche bewußt. Zwar spekulieren einige deutsche Medien (siehe Frankfurter Rundschau) zurecht, die flotte Angela könnte sich als Türöffnerin für neue Aufträge für die deutsche Atomindustrie im Ausland betätigen. Anderseits zeigt der Wortlaut der von der litauischen Präsidentin Dalia Grybauskaite und dem Bundeskanzleramt veröffentlichten Presseerklärung auch bei genauerem Hinsehen, dass die Litauer keineswegs der Illusion verfallen sollten, Merkel könnte zugunsten LITAUISCHER Interessen handeln. Auf die Frage eines Journalisten, was Deutschland beim Bau eines AKWs in Litauen konkret zu tun gedenkt, antwortet Merkel: "Wir werden alles tun, damit dieser politisch gewollte Bau von uns auch politisch unterstützt wird und damit gegebenenfalls auch Unterstützung geleistet wird, wenn die Bitte an bestimmte Investoren käme."
Solche Sätze muss man mehrfach lesen. Vorherrschend ist überall die Möglichkeitsform. Die Finanzierung bleibt unklar - AKWs in Litauen können ja nun wirklich nicht auch noch mit Belastungen des deutschen Steuerzahlers finanziert werden (und ob Merkel sich mit ihrer so eindeutigen Begünstigung der Atomlobby nicht auch das Ende der eigenen Kanzlerschaft eingeläutet hat, wird sich noch zeigen). In der Regel wird eine "Anfrage" an die Dienstleistungen von Atomfirmen aber erst dann konkret, wenn der "Besteller" auch Finanzen zur Verfügung hat. Gerade die Erfahrungen der Finanzkrise sollte doch lehren, dass nicht alles "politisch Gewollte" erstmal einfach auf Kredit finanziert werden kann - sonst wäre die wirtschaftliche Krisensituation in Litauen noch auf Jahre hinaus konserviert.

28 August 2010

Renaultas tankt litauisch

Es gibt Politiker, die bereits verkünden: die Krise ist vorbei. Schon die Erinnerung erscheint mühsam: es war ja eine Bankenkrise, die alles mitriss. Hochspekulative Anleger fielen tief, und Litauen kam knapp an einem Zusammenbruch der Wirtschaft vorbei. Nun ist es eine Bank aus Litauen, die offenbar wieder Geld für Investitionen und Imagewerbung hat. Das verlangt nähere Betrachtung. Aber es wird hier nicht für die einheimische litauische Wirtschaft geworben: im Blickpunkt steht der französische Autokonzern Renault.

An diesem Wochenende steht beim Rennen in Spa / Francorchamps erstmal ein gelber Renault mit litauischer Bankenwerbung am Start. 

Wer sich wundert, was Snoras in der Sportwerbebranche will, kann sich sowohl die Strategien von Renault wie auch der Bank mal näher ansehen: 
Formel-1-Piloten sind bei Renault gegenwärtig Robert Kubica und Vitaly Petrov, also zwei Osteuropäer. Hinter Petrov steht dabei das Geld russischer Investoren wie Gazprom. Spekulationen in der Motorsportpresse zufolge ist der Platz von Petrov - dem ersten Russen in der Formel 1 - für 2011 noch nicht sicher. Verhilft ihm also SNORAS dazu? Der russische Banker Vladimir Antonow ist Mehrheitseigentümer bei SNORAS. Antonov verschreckte kürzlich britische Fußballfans damit, dass er mit Angeboten zum Anteilserwerb bei britischen Fußballklubs in Verbindung gebracht wurde. 

SNORAS wiederum ist zu einem der größten Finanzinstitute Litauens aufgestiegen - wie Renault und Snoras gemeinsam per Presseerklärung stolz verkünden. Dem Ruf schadet es dabei offenbar nicht, dass Litauen wirtschaftlich gesehen oft auch mit anderen Schlagzeilen verknüpft war (na ja, es schadet dem Ruf von Banken ja offenbar auch nicht, dass einige nur mit öffentlichen Geldern gerettet werden konnten). SNORAS jedenfalls ist ja nicht nur in Litauen, sondern auch in Lettland (Krājbanka / Finasta) und in Großbritannien, in Estland, Belgien Tschechien und Weißrussland aktiv (fehlt eigentlich nur Frankreich ...). Snoras behauptet im eigenen Jahresbericht 2009 als einzige litauische Bank einen Gewinn gemacht zu haben. Ebenso kündigte die Bank eine andere Investition in den Sport an: finanzielle Unterstützung derjenigen Sportler, die sich auf die Olympischen Spiele 2012 in London vorbereiten. Keine Angst, liebe Litauer: in diesem Fall geht es tatsächlich um litauische Sportler.

Eine andere Variante wäre noch, den 19-jährigen litauischen Formel2-Pilot Kazim Vasiliauskas zu Renault zu holen. Der fuhr auch schon in der "Formal Renault". Zufall? Na ja, Rennsport ist eben ein teures Vergnügen, und die Hintergründe, warum hier jemand gewinnt oder verliert oft nicht so ganz durchsichtig.

21 August 2010

Litauische Wettkämpfer/innen auf allen Ebenen

Sportliche Hoffnungen
Nur noch wenige Tage bis zum Start der Basketball-Weltmeisterschaft 2010 in der Türkei. Für Litauer ein großes Thema, klar. Vielleicht wird ja von einem "Spätsommermärchen" geträumt. Neu ist, dass nun auch deutsche Medien vorab über litauische Basketballspieler berichten. Vielleicht brachte sich das litauische Team ja durch den Sieg beim "Supercup" in Bamberg eindringlich in Erinnerung.
Die Spielberichte loben dort besonders Linas Kleiza. Dessen überragende Form veranlasste wohl auch das Sportportal SPOX zu einem gesonderten Beitrag über Kleiza. Interessant dabei mitzuverfolgen, dass unter deutschen Basketballfans eine Überschrift wie "Toronto muss mich wie Bosh bezahlen" für Aufregung sorgt. Das verlangt einige Hintergrundinfos. "Eine Überschrift wie die BILD-Zeitung!" so die Rückmeldungen der Leser auf dieser Seite, und das sollte wohl kein Lob sein (die tatsächliche Aussage Kleizas ist auf derselben Seite nachzulesen). Gut, Kleiza spielt erfolgreich in den internationalen Basketball-Ligen - hier geht es nicht um Interna zwischen Vilnius und Kaunas, sondern zwischen Kanada, den USA und Griechenland; da kennen sich deutsche Sportfans aus. Übrigens bezeichnet Spox Keizas Heimatland als "Mini-Staat" - das reklamierte keiner. Die Basketballer Litauens geben wohl genügend sportliche Antworten.

Sommerloch in Litauen entdeckt?
Eigentlich gab es in den vergangenen Wochen wenig Grund zu denken, die Presse habe nichts anderes zu schreiben als überflüssige "Sommerlochthemen". Von zu vielen Überschwemmungen, Großbränden und Hitzeperioden war in letzter Zeit zu berichten. Was aber ist das erfolgreichste litauische Pressestichwort der Woche? Erstaunlicherweise "Grazolyte". Fast schienen einige Presseblätter froh, von dieser "Misswahl der Ziegen" berichten zu dürfen (Westfälische Nachrichten, Krone, N-TV, Saarbrücker Zeitung, Focus, Westline SWR3, Nürnberger Nachrichten, Ostsee-Zeitung, Augsburger Allgemeine). 
"Wir wollen so berühmt werden wie der Stierlauf in Pamplona,", so wird ein Vertreter der Gemeinde von Ramygala zitiert. Für ein paar Tage hat es kurzfristig funktioniert. Angeblich leitet sich der Name des Ortes von "Ožkauostis" her - Hafen der Ziegen. Die zahlreichen Fotos auch in der deutschen Presse scheinen zu beweisen (zum Beispiel N-TV), dass hier  "Ziegenreporter" vor Ort in Litauen waren. Oder hat hier ein einzelner Berichterstatter alle interessierten deutschen Medien versorgt? Leider war auch nicht von vemehrtem Absatz litauischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse die Rede. Gab es keinen Ziegenkäse? Dafür machte eben das Stichwort von "Grazolyte" die Runde - der Name der angeblichen Siegerziege (wer nur die deutschen Beiträge liest). Das Thema kam auch in die litauischen Medien. Dort wird allerdings wesentlich mehr landwirtschaftlich "fachgesimpelt", zum Beispiel bei Diena.lt, und es wird klar, dass hier mehrere Siegertitel verliehen wurden.

Während Ziegen also offenbar in Litauen gerade "in" sind, haben Biber einen ganz anderen Ruf. Mehrfach positionierten sich Litauer als potentielle Biber-Jäger. Als diesen Sommer in Riga eine Diskussion um Biber entstand, die sich im Rigaer Stadtpark mitten in der Stadt angesiedelt hatten, boten sich schließlich Litauer als ambitionierte Jäger an: "Bei uns werden die abgeschossen und zu Pelzen verarbeitet," hieß es da.Ähnliches berichtet jetzt "die Presse" in Österreich: nicht nur das litauische Forstbeamte Biber zur "Nagetier-Plage" erklären, sondern im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen. Als eßbare Delikatesse. Geräucherter Biberschwanz als litauische Delikatesse? Es wird vermutlich nicht vorwiegend positive Reaktionen verursachen. In Deutschland ist der Biber eine geschützte Tierart.

Nicht nur schöne Ziegen
Nein, wenn es um Schönheiten geht, hat Litauen aber nicht nur Ziegen zu bieten. Stolz verkündet das Außenministerium dieser Tage in einer Pressemeldung von neuen Maßnahmen im Kampf gegen Menschenhandel und Gewalt gegen Frauen. Die fürs Publikum gewohnten Laufstege kamen bei "Mrs Universe 2010" zum Einsatz.
Bei Youtube kann man bewundern, wie es jetzt offenbar im litauischen Außenministerium zugeht. Aber im Ernst: mehr Aufmerksamkeit für diese Thematik kann nicht schaden. Wenn schon die litauische Diplomatie so große Schwerigkeiten hat im Umgang mit engagierten Bürgern und unabhängig organisierten Initiativen (NGOs - siehe NGO FORUM Litauen), dann funktioniert es vielleicht eher bei Gelegenheiten, wo nach außen hin eigentlich nicht mehr als ein optischer Schönheitswettbewerb erwartet wird? Zumindest in Litauen war beiden Veranstaltungspartnern mehr Aufmerksamkeit gewiss.
Aber wo sind beim angesprochenen Problemthema eher die Schuldigen und die Verursacher zu suchen? Die schönen Frauen Litauens sind es nicht. Der Blick in die deutschsprachige Presse zum gleichen Thema aber irritiert: die "Badische Zeitung" berichtet zum Stichwort "Miss Universum" über schöne Frauen in Venezuela und missverständlche Kostümierung in Peru. "Die Presse" berichtete schon 2009 nach der Wahl einer Venezolanerin davon, dass diese davon schwärmte wie toll die US-Amerikaner ihr Kriegsgefangenencamp in Guantánamo organisierten. Alle anderen Presseberichte dieser Tage gehen davon aus, dass "Miss Universe 2010" in diesen Tagen in Las Vegas gewählt wird. Die gwohnten einschlägigen Fotos begleiten das Ganze, nirgendwo wird auf die Gefahr von Zwangsprostitution hingewiesen. Aber dann wird es auch "Spätzündern" klar: hier geht es nicht um junge Mädchen, sondern eher um "schöne Mütter"! Nicht "Miss", sondern "Mrs.". Schade, dass über diese Idee und die zugrunde liegenden Rahmenbedingungen (Sponsoren?) auf der Webeseite der Veranstalter wenig bis gar nichts zu lesen steht.
Eine Kandidatin aus Deutschland gab es übrigens in Litauen auch. Olena Koch spricht nach Angaben der Veranstalter fließend Ukrainisch, Weißrussisch, Russisch und Englisch. Das rundet das Bild ab, dass es sich hier offenbar eher um eine osteuropäische Veranstaltung handelt, die den Weg in die deutschen Medien dementsprechend nicht gefunden hat.

Bericht über Linas Kleiza bei Spox.com
Webseite zur Basketball-WM 2010

Webseite von Ramygala
Webseite der "Ziegenparade" (Ožkų parade)
Ziegenparade bei YouTube 

Webseite "Mrs Universe Litauen2010" 
Webseite "Miss Universe"

03 August 2010

"Lietuviškos knygos" vor dem Aus?


Als "Books from Lithuania" - Bücher aus Litauen - oder mit der litauischen Bezeichnung "Lietuviškos knygos" warb Litauen für die Literatur, die Schriftsteller und für Übersetzungen in viele Sprachen. Damit soll nun, einer Pressemeldung der Einrichtung zufolge, Schluß sein. Von 1998 bis 2010 bestand unter diesem Label ein nichtkommerzieller Verein mit mehreren Angestellten, die für Interessierte und Projektpartner in vielen Partnerländern zur Verfügung standen. Auch deutsche Verlage, die sich für ein Nischenprodukt einer litauischen Literaturübersetzung entschieden, hatten in "Books from Lithuania" einen kompetenten und verlässlichen Gesprächspartner zu Verfügung. Highlight aus deutscher Sicht war sicher der Litauen-Schwerpunkt der Buchmesse Frankfurt 2002 - ohne "Books from Lithuania wäre er kaum denkbar gewesen. Ohnehin fragte man sich, ob ein so kleines Land wie Litauen einen eigenen Schwerpunkt auf der Welt grösster Buchmesse zu bilden wert ist - nachdem überall sonst in Deutschland ein sonderbares "Baltikum" angeboten wird, ein Gemisch aus drei verschiedenen Ländern, Kulturen und Sprachen, das mit der Wirklichkeit vor Ort wenig zu tun hat. 
"Books from Lithuania" bewies, das etwas möglich ist. Nicht nur auf Messen und Ausstellungen (außer 2002 in Frankfurt auch mit Litauen-Schwerpunkt 2005 in Göteborg und 2007 in Turin), sondern auch durch tatkräftige Unterstützung bei Einzelveranstaltungen, Lesungen, und in Ergänzung der Arbeit der Kulturattachés in den Botschaften Litauens. 
Diese Arbeit wird nun wohl eingestellt. "Die finanzielle Krise bewog das Kulturministerium Litauens unsere Einrichtung zu schließen", heisst es in der Pressemitteilung. Viele der bisherigen Ansprechpartner gerade in Deutschland werden das sicherlich bedauern. Zwar soll eine Übersetzungsförderung und die PR für litauische Literatur international natürlich nicht eingestellt werden, aber es ist doch sehr zu bezweifeln, ob die ministerial mit mehr Wohlwollen ausgestatteten Menschen von "e-koperator" die bisherigen Kontakte - gerade im nicht-englischsprachigen Bereich - genauso gut werden pflegen können. Zu dem ist für Deutschland zu befürchten, dass vieles an Unterstützung für litauische Kulturveranstaltungen in Deutschland noch etwas mehr zusammenbrechen wird, wenn die gegenwärtige in der Berliner Botschaft arbeitenden sehr engagierte Ansprechpartnerin Rasa Balcikonyte einmal in Richtung anderer Aufgaben Deutschland verlassen wird. 
Da scheint das "E" vor dem Namen doch eher Programm zu sein: Kontakte werden rein virtueller Natur sein. Ich vermute, Newsletter in Englisch wird es geben, und Ausschreibungstexte für Wettbewerbe, wo dann vielleicht zwei oder drei von den vielen Antragstellern eine Förderung finden werden (nach dem Motto: auch ein blindes Huhn...). Ein wenig fühle ich mich auch erinnert an das Kulturhauptstadtjahr 2009, dass mit einem (teuren) Feuerwerk in Vilnius und hochfliegenden Plänen begann, und dann mit der Entlassung von Kulturverantwortlichen und drastischen Einsparungen bis knapp über die Handlungsunfähigkeit beschnitten wurde. 
Da passt es nur ins Bild, dass das litauische Außenministerium jetzt die Rolle der "Deutschen aus Litauen" wieder stärker herausstellt. Wo Kulturkontakte, kompetente Kulturaktivisten und Fördergelder weggespart werden, da sollen offenbar "geborene Vermittler" (zunehmenden Alters, wie bei allen entsprechenden Vereinen, die eher auf geschichtlicher Vergangenheit und verblichener kultureller Bedeutung aufbauen) noch einmal zu Ehren kommen. "Menschliche Brücken" seien sie, so drückte es der stellvertretende Außenminister Šarūnas Adomavičius aus bei seinem Besuch bei einer Versammlung der “Landsmannschaft der Deutschen aus Litauen e. V., die sich in Vilnius traf. Nichts gegen diese Vereinigung - die eigentlich aus Deutschen besteht die heute in Deutschland leben. Aber eine Raute ist eine Raute, und sollte nicht zum Feigenblatt werden.

Bezüglich der aktiven Unterstützung die originäre litauische Kultur bleibt momentan nur, noch einmal ausdrücklich DANKE und Ačiū zu sagen für die bisherige Arbeit der engagierten Menschen bei "Lietuviškos knygos". Den an litauischer Literatur interessierten Initiativen in Deutschland wird vielleicht erneut die Rolle zufallen müssen, mehr einzufordern, wenn die Politiker beider Länder mal wieder sich nur auf erfüllten Einsparvorgaben auszuruhen gedenken.

19 Juni 2010

Auch Litauen möchte "nordisch" werden

Die Politik Litauens zielt darauf ab, eine gemeinsame Wertegemeinschaft mit den fünf nordischen und den drei baltischen Staaten zu bilden - das sagte zumindest der litauische Außenminister Audronius Ažubalis. Vielleicht war es auch die Art und Weise, WIE er es sagte: es wurde per "Telekonferenz" nach Tallinn zu einem Treffen der nordisch-baltischen Zusammenarbeit übermittelt.
Litauen nordisch? Nun, damit kann ja nicht nur gemeint sein, Nutznießer finanzieller Aufbauhilfe zu sein (wobei auch Norwegen eine wichtige Rolle für Litauen spielt). Ažubalis nannte den Austausch von Fernsehprogrammen sowie engere Zusammenarbeit von Historikern als Beispiel. Da gilt es aufzupassen, liebe Dänen, Schweden, Finnen, Isländer und Norweger: werden demnächst litauische Tele-Novelas über eure Bildschirme flimmern, oder werden mehr die schon in Deutschland so sattsam bekannten Naturfilme über die Kurische Nehrung herhalten müssen?

Der lettische Ex-Premier Valdis Birkas und der frühere dänische Verteidigungsminister Søren Gade bekommen nun die Aufgabe, die nordisch-baltischen Beziehungen zu evaluieren und dazu die Städte und Gemeinden, Universitäten und Geschäftsleute und Firmen besuchen und sie um ihre Meinung und Vorschläge bitten. Gade war erst vor wenigen Monaten in Dänemark als Minister zurückgetreten und hatte angekündigt, die Politik ganz verlassen zu wollen. Ein Evaluierungsbericht soll nun bis zum nächsten sogenannten "NB8-Treffen" (Treffen der nordischen und baltischen Regierungschefs) erstellt werden, das im August in Lettland stattfinden wird.

Doch die Balten sind besorgt, kommentiert der "Economist" die Lage. Zwar sind sie alle drei Mitglieder der NATO (Finnland und Schweden nicht) und auch in der EU (Norwegen nicht, Island noch nicht). In letzter Zeit sei unter den nordischen Nachbarn eine Art Wettbewerb ausgebrochen, wer die besseren Beziehungen zu Russland habe, konstatiert das britische Wochenblatt, so dass bei nordisch-baltischen Treffen nicht mehr viel Neues diskutiert werde. Welchen nordisch-baltischen Gemeinsamkeiten Litauen da nacheifern möchte - vielleicht werden es auch die Litauer erst noch herausfinden müssen.

05 Juni 2010

Wie Präsidentschaften enden

Gäbe es eine Rangfolge der am ehesten verzichtbaren Institutionen, dann stünde der Rat der Ostseeanrainerstaaten (Council of Baltic Sea States - CBSS) ganz oben. Das schrieb der Londoner "Economist" am 3.Juni, kurz nach Abschluß des jüngsten "Ostseegipfels", der diesmal in der litauischen Hauptstadt Vilnius stattfand. Ein Jahr lang hatte Litauen den Vorsitz im Ostseerat. Gab's was Neues in diesem Jahr? Hat es Litauen etwas gebracht?

Ruhmreicher Gründungsakt, blasse Gegenwart
Die deutschen Berufsdiplomaten zitieren gerne, dass der Ostseerat 1992 auf Initiative gegründet worden sei (siehe Auswärtiges Amt). Oft besteht die Hälfte des Textes auch der aktuellen Berichterstattung immer wieder aus dieser Information - so als ob den Deutschen immer wieder die Existenz dieses Gremiums erklärt werden müsste. "Der Ostseeraum ist eine Avantgarde" schreibt das Auswärtige Amt dennoch mutig - während alle sonstigen Aussagen der Abschlußerklärung (Vilnius declaration) seltsam blass bleiben. Warum fand dieses Treffen in Vilnius überhaupt statt? Und welche wegweisenden Beschlüsse wurden getroffen, wenn sich dort doch angeblich die "Avantgarde" trifft?

Es ist nicht mehr das Jahr 1992. Damals gab es noch kein Litauen als Mitglied der Europäischen Union, keine Reisefreiheit und keine verflochtenen Wirtschaftsbeziehungen. Auch der Fortbestand der Unabhängigkeit der baltischen Staaten war keineswegs gesichert. Dagegen sind heute fast alle Ostseeländer gleichberechtigte Mitglieder der Europäischen Union, und haben schon allein deshalb viele andere Wege der Kommunikation und Zusammenarbeit zur Verfügung. Populäres Argument bisher, warum der Ostseerat unbedingt erhalten werden müsse, war der Hinweis auf die notwendige Einbindung Russlands. Gerade dies aber könnte Litauen ganz anders sehen: ist man doch froh, viele Sachfragen zunächst einmal innerhalb der EU-Mitglieder klären zu können, bevor sie dann gemeinsam in den "EU-Russland-Rat" eingebracht werden. So hofft Litauen - ähnlich wie die baltischen Nachbarn Lettland und Estland - eine Situation vermeiden zu können ständig zum Spielball russischer innenpolitischer Interessen zu werden. Und auch die deutsche Bundesregierung betont ihrerseits ja stets die Wichtigkeit der deutsch-russischen bilateralen Beziehungen: im Gegensatz zum Ostseegipfel in Vilnius wurden diese Gespräche (terminiert für Freitag 4.6.) auch nicht abgesagt. Und bei ITAR-TASS lässt Viktor Zubkov, stellvertretender Premierminister Russlands, durchblicken: "Falls der Ostseerat in Zukunft nur noch als Instrument zur Umsetzung der EU-Ostseestrategie dienen sollte, steigen wir aus."

Russland-Kontakte als Leitthema
Deutschland redet also fast immer gleichzeitig auch mit Russland. Und was macht Litauen? "Litauen ist interessiert an engeren Beziehungen zu Deutschland", so die Überschrift zur Merkel-Ersatz-Pressekonferenz mit Staatssekretär Werner Hoyer am 1.Juni in Vilnius. Litauen möchte gerne dass die NATO dauerhaft den litauischen Luftraum militärisch überwacht - hier war schon mehrfach die Bundeswehr im Einsatz. Na gut, das könnte man auch bei einem NATO-Treffen besprechen. Ansonsten besteht diese Presseerklärung aus litauischen Wunschvorstellungen:
- Deutschland könnte wichtiger Handelspartner sein (aber selbst die Presseerkärung gibt zu, dass Deutschland momentan beim litauischen Export erst hinter Russland und sogar Lettland rangiert)
- Litauen bringt gebetsmühlenartig das Thema Energiesicherheit auf die Tagesordnung (nach Abschaltung des AKW Ignalina, fehlender Strategie für eine nachhaltig umwelt- und klimafreundliche Energieversorgung, und falscher Hoffnung auf wiedererwachende Begeisterung für Atomkraft in Deutschland)
- Litauen sieht sich gern als Mittler zwischen Europäischer Union und weiteren Staaten in Mittelosteuropa (Ukraine, Georgien, sogar für die Lukashenko-Diktatur in Belorussland). Nur: was hat das noch mit Ostseekooperation zu tun?

Ostseeratspräsident zu sein könnte also eine sehr ungeliebte Position beinhalten. Wenn aber kein wichtiger Inhalt einer gemeinsamen Erklärung zu erwarten ist, so betont man wenigstens, dass "die Chefs der Ostseestaaten sich in Vilnius versammeln". Doch war das wirklich so? Genauer nachgezählt hatben ausgerechnet die chinesischen Medien, die gegenwärtig mit deutschsprachigen Mediendiensten gerne den Eindruck erwecken, sie könnten bezüglich Publikationsfreiheit mit Westeuropa mithalten. Lediglich die Staatschefs Norwegens und Finnland waren in Vilnius anwesend, heißt es dort. Die litauische Presseerklärung zum gleichen Thema kann auch noch die Ministerpräsidenten Estlands, Lettlands und Islands als anwesend ergänzen. Ansonsten kann man allen Pressetexten eigentlich nur entnehmen: es war eine schöne Dienstreise für alle Beteiligten. Ach ja: und hätte nicht gleichzeitig das Baltic Development Forum (BDF) in Vilnius stattgefunden, das von der Wirtschaft finanziert und getragen wird - wer wäre dann eigentlich gekommen? Litauen wiederum wird nicht müde zu betonen (siehe Presseerklärung), dass beim BDF-Treffen vor allem die litauischen Pläne zum Ausbau der Atomkraft präsentiert worden seien. Wieviele Sackgassen will man da eigentlich noch freiwillig sich selbst schaffen?
Wirtschaftskrise? Welche Wirtschaftskrise?
Alles zusammen soll es ein Probelauf für die EU-Präsidentschaft Litauens im Jahr 2013 gewesen sein, betont Litauen gerne. Vielleicht war dieses Wirtschaftstreffen im Ostseemantel ja ein Versuchsballon dafür, dass die Interessen der Bürgerinnen und Bürger bis 2013 tatsächlich völlig ausgeblendet werden könnten. Es wurden ja bereits unvorstellbar hohe Geldbeträge in die "Rettung von Banken" gepumpt, um Spekulanten ihre den Fortbestand ihrer riskanten Geschäfte zu sichern, die den gesamten Wohlstand nicht nur der Ostseeregion aufs Spiel stellen. Aber das war in Vilnius sicherlich kein Thema. Schade eigentlich - hier hätte der Name der litauischen Hauptstadt mit einer entsprechend klaren Ansprache wirklich Schlagzeilen machen können.
Auslaufende Präsidentschaften eben. Auch in den USA gelten Präsidentschaften kurz vor der Übernahme von Nachfolgern als "lahm". Und wenn Litauen im Ostseerat "den Köhler" oder "den Lafontaine" gemacht hätte - es hätte mehr Aufmerksamkeit erregt als dieses sicherlich teure Zusammenschreiben von allgemeinen Absichtserklärungen. Oder, wie es ein aktueller Beitrag bei "EurAktiv.de" schildert: "Neue EU-Mitglieder finden wenig Gehör." Auch das wäre ein interessanter Ansatz gewesen. So aber streuen sich ein paar Berufsdiplomaten gegenseitig Sand in die Augen - nur gut, dass sonst keiner hinschaut.

27 Mai 2010

Keine Trendsetter in Hotpants

Nein, diesmal machten es ihnen die "baltischen Nachbarn" nicht vor. Die Eurovisions-Siege von Estland 2001 und Lettland 2002 scheinen Lichtjahre zurück zu liegen. Gewissermaßen "sang- und klanglos" schieden beide diesmal im 1.Halbfinale aus, werden also am Samstag im Finale nicht dabei sein. Sehr optimistisch waren die Litauer diesmal mit ihrem "Gute-Laune-Song aus Osteuropa", das zeigt zum Beispiel dieses Video (siehe unten), aufgenommen offenbar auf der EXPO in Schanghai .... Groupdance für Asiaten, mindestens genauso erfolgreich wie Karaoke. Allerdings: auch Litauen scheiterte schon im europäischen Halbfinale. Eurovision  diesmal also ganz "unbaltisch".


"Es gibt nur zwei Möglichkeiten: man hasst sie oder man liebt sie" schreibt der STERN über INCULTO aus Litauen, der übrigens das Finale ansonsten als "17 gegen Lena" ansieht. Die "Nürnberger Nachrichten" stellen beim litauischen Beitrag einen "seltenen Hang zur Selbstironie" fest. Der VORWÄRTS, ganz Politmagazin, hat sich da schon eher um angebliche politische Parallelen gekümmert - immerhin in Form eines langen Interviews, und Aussagen zu Litauen lassen sich hier offenbar von den zuständigen Redakteuren besser unterbringen als im sonstigen Tagesgeschäft der deutschen Presse, wo Litauen sehr selten ein Thema ist. "Litauens Beitrag zum diesjährigen Song Contest passt wie kein anderer ins Konzept der Eurovision", so die VORWÄRTS-Redaktion, "es greift Gefühl vieler osteuropäischer Mitgliedsstaaten der EU auf, nicht wirklich zu Europa zu gehören." Aha. Dann mal sehen, ob diese Gefühl reicht, dass auch Nachbarstaaten den Song zu ihrem Favoriten erklären.

Traditionell fiebern in Deutschland die Schwulenmagazine immer sehr begeistert bei der Eurovision mit. Aber aus dieser Ecke kommt nur ein müder Kommentar zu den in "glitzernden Hotpants" auftretenden Litauern: "die Schamgrenze liegt bei den Litauern recht niedrig" (QUEER). So unterschiedlich können solche Beurteilungen sein: das Schweizer Boulevardblatt "20min" stellt dem gegenüber beim gleichen Beitrag einen " homophilem Einschlag" fest.

Aber es bleibt dabei: Eurovisions-Ergebnisse sind sehr schwer vorauszusagen. In der WELT rief Ex-Experte Jan Feddersen Aisha aus Lettland zur "Geheimfavoritin" aus - gut, das war VOR dem Halbfinale. Wer Litauen zum Favoriten erklärt sehen will, könnte in den UETERSENER NACHRICHTEN nachgraben. Auch das ist jetzt nur noch Geschichte. Aber für einen Straßenauftritt in der nächst gelegenen Fußgängerzone, oder eine Einladung in eure nächst gelegene Szene-Kneipe sollten die INCULTO-Jungs doch auf jeden Fall taugen!
Wer war noch diese Lena?

18 April 2010

Ein unbekanntes Land wie Litauen?


Island, Europa und Litauen
Viele sehen sich dieser Tage veranlasst, ein paar schöne Glossen über das Verhältnis der Deutschen zu kleinen Ländern zu schreiben. Auch bei Witzen wie "erst verbrennen sie unsere Kohle, und dann schicken sie uns noch die Asche rüber" wissen die meisten, wer und was gemeint ist. "Vielen Dank, liebes Island, aber es reicht jetzt wirklich!" schreibt heute "DIE WELT" etwas genervt, und dann weiter: "Es gibt Länder, über die weiß man erfreulich wenig: Litauen zum Beispiel. Auch Laos und Benin machen dem Planeten keine Scherereien. Andere Staaten hingegen drängen, obzwar gering an Fläche und Bevölkerungszahl, permanent in die Nachrichten."

Dass Island ein ganz besonders gutes Verhältnis zu den baltischen Staaten hat und vor 20 Jahren die sich unabhängig erklärenden Staaten mit als erste anerkannten, das wird an dieser Stelle natürlich aus deutscher Sicht vergessen. Aber auch in der Realität sind die Beziehungen von Deutschland ins südliche der drei baltischen Staaten wohl sehr viel ausgeprägter, als es die großen Schlagzeilen so vermuten lassen. Würde man die Regional- und Lokalnachrichten in Deutschland sorgfältiger lesen, so taucht dort Litauen in schöner Regelmäßigkeit ziemlich oft auf. 

Überall Litauen! Kulturell, alt und jung, sozial.
In Erkelenz im Rheinland zum Beispiel. Dort bringt es ein litauisch-schwedisch-deutsches Austauschprogramm mit sich, dass in dieser Woche im dortigen Gymnasium litauische Schüler musizieren. Oder im niedersächsischen Beverstedt, wo der Kirchenchor aus Klaipeda kürzlich zu Gast war, und in Duisburg, wo durch Musik einer Partnerschule geholfen wird. Beim Thorgauer "Elbe-Day" steht dieser Tage auch eine litauische Band auf der Bühne, in Kassel war litauisches Tanztheater zu Gast, beim "Danzfescht" in Bad Urach waren Litauer zu Gast, und im niederrheinischen Emmerich wiederum wurden Veranstaltungsgäste mit litauischen Osterbräuchen bekannt gemacht. Jugendliche aus dem westfälischen Steinfurt wiederum fuhren nach Litauen und bauten dort einen Hochseilgarten, in Nottuln war eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern zu Gast. Und in Ahrenshoop an der Ostsee lassen sich die Werke der beiden litauischen Künstler Neringa und Mindaugas Bumbliai bewundern. 

Beinahe noch häufiger als in den Bereichen Jugendaustausch oder Kultur ist von sozialen Projekten die Rede. In Drensteinfurt wurden vom Malteser-Hilfsdienst Rollstühle und Rollatoren für Litauen gesammelt, und auch in Damme sind es die Malteser, die Hospitale und Altenheime in Litauen unterstützen. In Heek (Münsterland) ist es die Kolpingfamilie, die für Litauen sammelt, in Kerpen gingen die Kolpingmitglieder mit ihren litauischen Gästen auf Wandertour. In Hude  und in Bookholzberg (Niedersachsen) denkt man an Kinder als zu Beschenkende. Auch das Rote Kreuz im württembergischen Münsingen steht mit Litauen in Kontakt, gleiches gilt für Metzingen, wie ebenso in der Region Wesermarsch und in Allerbüttel. Die Big-Band der Bundeswehr unterstützte in Rheine ein Projekt mit Behinderten in Litauen, und auch in der Region Cloppenburg (Barßel, Elisabethfeen) hat man die Litauenhilfe wieder aufgenommen.

Auch Nachhaltiges für die Zukunft
Gelegentlich geht es sogar um Zukunftsprojekte oder Vergangenheitsbewältigung - beides gleich wichtig. in Wittenberge machte man sich um alternative Energiegewinnung Gedanken, und in Westerstede befragten deutsche Gymnasiasten auch Litauer nach ihren Erfahrungen nach Ende des 2.Weltkriegs.

Und manchmal stecken hinter den Kooperationsprojekten und deutsch-litauischen Treffen auch Litauerinnen und Litauer, die in Deutschland leben. In Osnabrück wird eine Litauerin Preisträgerin im Bereich "Ankommen im Beruf". Und in Niederdorla in Thüringen, wo litauische Rezepte und Gerichte für den Ausruf sorgten "Essen wie Gott in Litauen!"

Also, liebe deutsche Presse: so "unbekannt" scheinbar Litauen ist, so viel näher rücken sich aber die Menschen anlässlich der Vielzahl von Begegnungen und Projekten der Zusammenarbeit. Zitiert sind hier nur ein paar "Lokalberichte" der vergangenen Wochen. In diesem Sinne kann Litauen vielleicht sogar unbekannt bleiben, den Abwesenheit aus den großen Schlagzeilen hat manchmal auch sein Gutes.

06 März 2010

Litauisch Frühstücken, Osteuropa in den Genen

Litauens Mittel gegen die Kälte
Nicht selten ist über Litauen in der deutschsprachigen Presse Seltsames zu lesen. Auch die Essgewohnheiten der Engländer sind oft eher Gegenstand mitleidigen Lächelns.
Aber ein litauisches Frühstück als Mittel gegen die Kälte? Das meinte zumindest ein deutschsprachiges Presseportal in dieser Woche (PR Presse). Grund: Da in Litauen das Frühstück "gekocht" würde, sei es besser geeignet zum Überstehen kalter Wintertage (im Gegensatz zu Müsli mit "kalter" Milch, oder Brot und Brötchen).
Also: von Litauen lernen, heißt offenbar das Frieren vergessen. Solange man noch eine warme Mahlzeit am Tag hat.

Osteuropa in den Genen
Da war der "Vorwärts", das Parteiblatt der deutschen SPD, mal schnell. Noch bevor der von den deutschen Öffentlich-Rechtlichen eingekaufte Stefan Raab seine Nachwuchs-Sternchen durch alle Achtel-, Viertel- und Halbfinals gebracht hat, entdeckt das "als Zentralorgan gegründete Blatt" (so die Selbstdarstellung) im Vorwärts-Blog "modernes Musiktheater mit politischem Anspruch". Wo? Beim litauischen Sieger der Vorentscheidung "ein Lied für Oslo" (also der Eurovision). Wer möchte, kann es auf Youtube selbst nachempfinden: ist das nun "Klamauk mit Plastikinstrumenten", oder "ein Touch von politischem Straßentheater" (wie der Autor des Vorwärts-Blogs, Martin Schmidtner, meint).
Dankbar können wir Schmidtner sein, der uns schon mal einige Zeilen dieses Songs ins Deutsche übersetzt liefert:
Ihr solltet uns eine Chance geben, wir sind doch Opfer der Verhältnisse,
haben die Roten und zwei Weltkriege überlebt.
Ja, Sir, wir sind legal, auch wenn wir nicht ganz so legal wie Sie sind.
Nein, Sir, gleich sind wir nicht, auch wenn wir beide aus der EU sind,
wir bauen Ihre Häuser und waschen Ihr Geschirr,
halten Sie Ihre Hände ruhig weich und sauber,
aber eines Tages werden Sie erkennen, dass Osteuropa in Ihren Genen ist.
Steh auf und tanze mit mir……


Webpage InCulto 

MusicExport Lithuania über InCulto

15 Februar 2010

Kinder, Kuchen und Bier: was Litauen-Blogs berichten

Waren Sie schon mal in Litauen? Im Urlaub, oder sogar für länger? Vielleicht ein Berufspraktikum, ein Studienjahr, ein Arbeitsaufenthalt, oder als freiwilliger Helfer in einem sozialen Projekt? 
Gut, dass es das Internet gibt. Auf der Suche nach persönlichen Erfahrungen und Berichten aus Litauen muss zumindest virtuell nicht lange gesucht werden. 

Von Trolleybussen, fettem Essen, und Männern in Jogginghosen
Da wäre zum Bespiel Lilli. Beschwerden hat sie wenige, aber wenn sie keine Fotos ins Netz stellt von ihren Aufenthalt in Kaunas, dann bekommt sie welche - schreibt sie zumindest. Das Ergebnis liest sich sehr anschaulich für alle, die auch einmal an Eindrücken aus dem litauischen Alltag interessiert sind. 9 Monate war die Österreicherin Lilli als freiwillige Mitarbeiterin in einem Kinderheim in Litauen: Trolleybus-Fahren lernen, Abenteur beim litauischen Friseur, und Essen "4mal so fett wie daheim". Sich nicht öffentlich zu schneuzen scheint in Litauen "out" zu sein,  Karaoke-singen dagegen um so populärer. Jungs laufen in Kaunas nur in Jogginghosen rum, die Madels alle ziemlich "aufgetusst" - aber beim KaunasJazz" kann man wunderbar abchillen. Die spontane Entscheidung, nach Litauen ("mein Litauen") zu gehen, hat Lilli jedenfalls nicht bereut.

Ständige Dröhnung
Männererlebnisse in Litauen sind da offenbar ganz anders. Schon nach wenigen Zeilen ist "Zulu", der ansonsten wenig Privates von sich preisgibt, "total voll" und macht sich lustig darüber, dass Litauer diesen Zustand offenbar ausnutzen und ihn um ein paar Litas anpumpen. "Ein Euro, scheißegal, ich lach' mich tot". Offenbar ist es also in Litauen lustig ("alles ist hier billiger außer Shampoo, Haargel"). Besoffene Litauer beobachten, diese mit dem Handy filmen und auslachen. Offenbar eine echt deutsche Freizeitbeschäftigung und der Beweis, dass nicht jeder Blog lustig zu lesen ist. "Zulu" kann hier nur ärgern, dass die Litauer immer im Basketball gewinnen. Was fehlt hier wohl dazu, für einen "geiler Typ" gehalten zu werden? Andere nennen sowas wohl eher ein "verwöhntes Muttersöhnchen", dem kein Essen schmeckt außer dem, wo er zeigen kann was er mit seinem mehr an Taschengeld sich alles leisten kann ("Bigmac Pommes Coke, also ein normales Menu").
Und es heisst ja immer, solche schönen Geschichten würden ja auch zukünftige Arbeitgeber lesen? Bei manchen Zitaten hier kommt mir der Wunsch auf, dass sie das wirklich tun (z.B. "alle in diesem bus scheinen deutsch zu sprechen außer monsieur busfahrer. der würde in deutschland höchstens als säufer durchkommen"). Kaum zu glauben, dass hier ein Student schreibt.

Viele Handys - und Laubharken als Volkssport
Wesentlich leichter lesbar, ansprechender aufgemacht ist da der Blog von Julia (Julibö), die  im Rahmen des Freiwilligendiensts in einem Kinderbetreuungszentrum in Elektrenai ("Elektro-City") mitarbeitet.
Ob deutsch-türkische Filme mit litauischen Untertiteln, Supermarktshoppen auch am Wochenende, oder litauischen Jugendliche die mehrere Handys besitzen - hier ist die eigene Haltung zum Geschehen klar nachvollziehbar, und wer etwas über Litauen erfahren möchte, wird nicht mit selbstsüchtigem Gesülze belästigt. Was ist neu in Litauen? Vielleicht Laubharken als Volkssport, Rollschuh-Clubs, Black-Taxis als Konkurrenz für Busse, oder der "Ballermann von Litauen"?  Da verlieren "Plattenbauten" ihren Schrecken, und "Maxima" wird zum "besten Freund" - aber Versuche, Kümmel aus dem litauischen Brot zu verbannen, bleiben allerdings nur vorübergehend erfolgreich.

Auch Katja arbeitet in Litauen mit Kindern, auch sie schreibt ausführlich darüber in ihrem Blog. Aber vor allem ist Katja auch eine "Kollegin" von Julia, und wer zuerst den einen Blog gelesen hat, kann danach ähnliche Dinge aus einer zweiten Perspektive kennenlernen.


Ich bin freiwillig hier ...
Eine etwas andere Perspektive bietet Uli (Uli Rohde),die offenbar teilweise in Deutschland (Hamburg) und teilweise in Litauen (Kaunas) lebt und seit 2007 von ihren Erfahrungen schreibt. Ausgangspunkt ist hier ein Auslandssemester (Studium). Uli genießt das Leben in Litauen bei Degtine, Theater, Gesang und Kepta Duona, und wer ihre Notizen liest, kann auch ein paar Schilderungen bzw. Erläuterungen dazu finden. Interessant zu lesen außerdem die kleine Distanzierung: "ich bin freiwillig hier, und habe nicht wie andere nur woanders keinen Platz mehr bekommen."
"Man gera cia (mir geht es gut hier)", schreibt Uli, "Hier ist fast alles schön und es gibt sogar Kuchen (siehe Photo) der einen anlacht, ganz im Gegensatz zu den Litauern auf der Straße." Es finden sich auch herrlich formulierte atmosphärische Eindrücke wie zum Beispiel diesen hier: "Bei dem ganzen Nippes, den die Litauer so auf ihren Schränken stehen haben, könnte man auch meinen, man sei auf einer Bad-Taste-Party eingeladen. Ach und die Litauer sind einfach herrlich unkompliziert. In der Küche standen große Plastikschüsseln, in denen man eben noch die Füße gebadet oder den Pansen für die Hunde gewaschen hat, um nun die Salatunmengen darin zu verarbeiten. Da läuft einem das Wasser doch im Munde zusammen."
Und Uli scheut sich auch nicht, mal ein paar Sätze aus der Sicht einer Frau loszulassen: "Aber schon krass diese Rollenverteilung hier in Litauen; die sind echt konservativ und ich habe es beinahe schon aufgegeben hier noch irgendetwas ändern zu können. Lieber fahre ich nach hause und erziehe meinen eigenen Mann. Das ist einfacher, als die Litauer zu bändigen." Obendrauf noch eine nette Sprachübung für Litauisch-Kundige, ebenfalls eine Fundsache aus Ulis Blog: ""Jei ne grybai ir ne uogas, dzuku mergos butu nuogas..." (kleiner Tipp noch nebenbei: Uli bietet in Hamburg an, privat Litauisch-Unterricht zu geben)

Aus litauischer Sicht
Erstaunlicherweise machen sich teilweise auch Litauerinnen die Mühe, auf Deutsch etwas von ihrem Land zu erzählen. Das ist mutig, denn die Gefahr besteht natürlich dass sich andere über nicht ganz 100%ige Deutschkenntnisse amüsieren. Agne bemüht sich vor allem, einige typische Kennzeichen ihres Landes vorzustellen: Basketball, die Hauptstadt Vilnius, Klaipeda, und die wichtigsten Tatsachen über Litauen. Ausbaufähig!

Etwas anders liest es sich schon, wenn (Deutsch-)Schüler/innen in Litauen aufgefordert werden, etwas über ihr Heimatland zu schreiben. "Fachbegleitender Deutschunterricht" nennt sich das denn, und hier ist es offenbar die (litauische) Deutschlehrerin, die Beiträge ihrer Schüler/innen in den Blog stellt. Da mag es helfen, wenn gleich mal ein Lebenslauf mit reingestellt wird - aber echte Meinungsäusserungen der eigentlichen Autor/innen sind dermaßen "beaufsichtigt" dann wohl eher nicht zu finden. Hier finden sich lediglich Aussagen wie "Mein Praktikum hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Es war sehr interessant," oder "Litauer sind freudliche Menschen". Na ja, die Frau Lehrerin wird's zufrieden sein.
Nachwuchsprobleme beim Blogschreiben über Litauen gibt es offenbar keine: gleich mehrere bereits eröffnete Blogs kündigen kurz bevorstehende Litauen-Aufenthalte an. Judith (Judyweiny), die - wie sie selbst schreibt - "ihre Lebensreise im Alter von 15 Jahren Jesus übergab", betreut als Coach die baltischen Staaten bei der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG), dies schließt auch gelegentliche Aufenthalte in Litauen ein.
Wie es sich anfühlt, kurz vor Start eines längeren Litauen-Aufenthalts, beschreibt Jonas, der seine Beiträge beim "Jugendnetz International" einstellt und auch schon aus England Beiträge geschrieben hat: "Ein Jahr Spaß haben, mitnehmen was geht, außer Aids und andere Dinge."

Die Blogs zum Nachlesen: 
Lilli
KatjaJulia - Zulu
Uli in Litauen   -  Agne's Blog "Gelb-grün-rot"
"Deutschlernende über Litauen"
Judyweiny - Jonas

23 Januar 2010

Zeit zum Aufräumen

Eigentlich ist es ja kein Wunder, dass viele Regierungen zu Zeiten von Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten kommen - besonders die von kleineren Ländern. Nun kann man sich beim Blick auf die Lage in Litauen darüber streiten, ob das, was sich da im Moment tut, mehr positive oder eher negative Vorzeichen bedeuten. 

1.Variante: die Präsidentin räumt auf
Manche sehen in Dalia Grybauskaite, der seit einigen Monaten neu im Amt befindlichen Präsidentin Litauens, eine Unterstützung für einen etwas "russlandfreundlicheren" aussenpolitischen Kurs. Ein Anzeichen dafür könnte sein, dass die staatliche russische Nachrichtenagentur RIAN sich bemüht, präsidiale Neuigkeiten immer sehr schnell berichtet. Aber auch Hannes Gamillscheg schätzt es für "Die Presse" nur einen Tag später ähnlich ein. "Grybauskaite tritt für eine vorsichtigere Linie gegenüber Moskau und dem schwierigen Nachbarn Weißrussland ein."
Aber das allein kann ja kein Rücktrittsgrund sein. Wer einem amtierenden Minister vorwirft, die Außenpolitik "als Geisel für seine persönliche Profilierung" zu benutzen", da muss schon mehr passiert sein, auch im Umgangston. Die Präsidentin hat laut litauischer Verfassung zudem noch eine relativ starke Stellung, und vor allem auch mehr Einfluß auf die Außenpolitik als zum Beispiel der deutsche Amtkollege, oder auch die baltischen Nachbarn.

2.Folgen US-amerikanischer Verpflichtungen?
Auffälliger noch sind die Schlagzeilen, der Rücktritt von Außenminister Usackas hänge mit der komplizierten Diskussion um die Geheim-Gefängnisse des US-amerikanischen CIA zusammen. Litauische Untersuchungsausschüsse tagen wochenlang, und manch litauischer Politiker wird vielleicht eher mit der Haltung da reingehen, lieber nichts Belastendes für die litauische Seite finden zu wollen. Ex-Minister Ušackas die Position zugeschrieben, dass es diese CIA-Gefängnisse zwar gegeben habe, aber deren tatsächliche Nutzung ja nicht bewiesen sei. Als ob die bloße Existenz einer solchen Vergehensweise - also die Zusammenarbeit bestimmter Geheimdienstkreise zur Einrichtung von Foltergefängnissen, an der Politik vorbei - nicht schon Skandal genug wären. Auch gibt es daran, dass US-Flugzeuge mit Gefangenen an Bord in Litauen gelandet sind, keine Zweifel mehr. Bleibt nur noch zu spekulieren, was Litauen den amerikanischen Bündnispartnern zugesagt hat, um uneingeschränkte Unterstützung für einen schnellen NATO-Betritt zu bekommen. Allein die Möglichkeit der Spekulation darüber kann Litauen kaum dienlich sein.

3. Oder doch Anzeigen einer Regierungskrise?
Aber kaum sind ein paar Tage vergangen, hat die internationale Presse schon wieder Futter aus Litauen."Vize-Minister Skikas in U-Haft", schreibt der "Standard" aus Österreich. Was ist da wieder passiert? Von "Annahme von Bestechungsgeldern" ist die Rede, und schon ist auch Präsidentin Grybauskaite wieder zu vernehmen, die auch von Gesundheitsminister Juozas Galdikas Konsequenzen fordert.
Die betroffenen Minister sehen offenbar zumindest gegenüber dem Ausland wenig Erklärungsbedarf. Auf der englischsprachigen Seite des litauischen Aussenministeriums steht lediglich zu lesen: "Am 21.Januar überreichte Litauens Aussenminister Vygaudas Ušackas dem Ministerpräsidenten Andrius Kubilius sein Rücktrittsschreiben." In der litauischen Fassung ist viel von "Ehre und Freude" die Rede, für das "ausgezeichnete Team" von Regierungschef Kubilius gearbeitet zu haben, verbunden mit einem Dank an seine eigenen Mitarbeiter/innen und seine Familie.
Welche Zeichen für Litauens Zukunft jetzt gesetzt werden, und wo persönliche Ambitionen oder interne Anfeindungen vorherrschend werden, ist eher schwer zu beurteilen.