30 Dezember 2009

Litauisches 2009 - kulturell


War 2009 ein litauisches Jahr? Viele Menschen in Litauen lässt es eher ernüchtert zurück. Nicht nur wegen zerplatzender Illusionen, die gerade frisch ins Amt gekommene konservative Regierung würde ein besseres und für die Litauerinnen und Litauer erträglicheres Krisenmanagement auf Lager haben als ihre Vorgängerregierung. Zwar steht Litauens Image international nicht so stark angekratzt da wie das Nachbarland Lettland - von Staatsbankrott kann noch keine Rede sein. Aber wenn immer mehr Menschen im eigenen Land keine Zukunft mehr sehen, keine Chance sehen sich etwas aufzubauen (und auf Arbeitssuche in ganz Europa ausschwärmen), dann ist auch das Selbstverständnis und das Selbstbewußtsein Litauens betroffen. Gleichzeitig wird keine Litauerin oder kein Litauer, der (vorübergehend?) im Ausland lebt, vom Stolz auf sein / ihr "Litauisch-Sein" so ohne weiteres Abstand nehmen - aber zunehmend wird das Bedürfnis artikuliert, das eigene Land müsse nicht den Rückblick auf wichtige Phasen der Geschichte betonen, sondern auch etwas für die Zukunft entwickeln.

Krise mit Feuerwerk
Vor allem die Auswirkungen der Wirtschaftskrise trafen Litauen hart. Zumindest hatten sich die Verantwortlichen das Projekts "Vilnius - Kulturhauptstadt Europas 2009", die am 28.November 2008 in der litauischen Botschaft in Vilnius ihre Planungen und Projekte vorstellten, vielleicht ein positiver verlaufendes Kulturjahr gewünscht. "Vilnius soll wichtiger als Basketball werden", so wurde der Schauspieler Marijus Jampolskis in der oberösterreichischen Presse zitiert. - Nun gut, von großen internationalen Basketball-Erfolgen Litauens war 2009 auch nicht viel zu hören.

"Wer einmal in Vilnius war, schwärmt von der Schönheit dieser baltischen Stadt und der Sorgfalt und Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner," solche Stimmungen - obwohl bei jedem Litauen-Besuch jederzeit leicht nachzuvollziehen - fanden sich in der deutschsprachigen Presse bezüglich Vilnius eher in den Vorberichten (in diesem Fall ein Zitat aus dem Schweizer Tagblatt vom 9.10.2007 - die gleiche Zeitung berichtete 2009 über die Kulturhauptstadt Vilnius übrigens nur ein mal: am 1.Januar). 

Vorfreude und Nachwehen
Aber es gab auch bei den Vorberichten schon nicht ausschließlich Begeisterung. Allerdings mahnen diejenigen, die Holocaust und Judenmord zurecht anprangern und etwas Ähnliches in der Zukunft verhindern wollen (inklusive latent vorhandenem Antisemitismus), auch völlig unabhängig vom Projekt Kulturhauptstadt - die litauische Seite hätte sich also sowieso mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, und wahrscheinlich wären auch die einen mit dem Ergebnis zufrieden gewesen sein, die anderen eher nicht. In Vorberichten aber schon Vilnius die Berechtigung zur Kulturhauptstadt absprechen zu wollen (wie zum Beispiel Andrew Baker in DIE WELT vom 6.7.2008), erscheint da doch eher als willkommene Chance zum Beleuchten der eigenen Sache im aufkommenden Lichte der Kulturhauptstadt. (das es auch anders geht, siehe das Gespräch von Cornelius Hell mit Irena Versaite beim ORF, zum Thema Antisemitismus in Litauen, oder auch Matthias Kolb im Deutschlandradio)

Licht - ein gutes Stichwort für den Start ins Kulturhauptstadtsjahr 2009. Im weltweiten Netz diskutierten einige noch lange über die technischen Einzelheiten von Gerd Hof's spektakulären Lichtevent rund um die Kathedrale von Vilnius. Ob es nun Halogen-Metalldampflampen HMI 2500W waren, oder doch Xenon-Kurzbogenlampen XBO 7000W- jedenfalls wurde der Name des offensichtlichen Sponsors häufig genug genannt.

Selbst ausgewiesene Sozialisten (und damit potentielle Sowjet-Romantiker) mochten beim Start des Kulturhauptstadtjahres nicht abseits stehen; "der baltische Tiger springt nach Europa" schrieb am 2.Januar das "Neue Deutschland". Aber wer den "Tiger" lobt, schürt ja vielleicht auch gleichzeitig dessen Gedanken an den anderen Spruch, in dem von einem "Bettvorleger" die Rede ist. So mancher hat es beim Anblick von im Himmel verglühenden Sylvesterraketen und der bunt bestrahlten Kathedrale in Vilnius vielleicht schon geahnt: dieser leuchtende Höhepunkt kam vielleicht zu früh, um nachhaltig Wirkung zu erzielen.

Aller Anfang ist schön
Rund um den vergangenen Jahreswechsel waren die Kulturhauptstadt-Schlagzeilen am positivsten: "Auftakt zum Kulturmarathon" (news.de), "eine Tausendjährige tief im Osten" (Sächsische Zeitung), "vom Rand ins Zentrum Europas" (der Standard), "baltische Perle, blank poliert" (Die Presse) oder gar "verliebt in Vilnius" (Münstersche Zeitung).

Was danach kam, war eher so etwas wie "feiern trotz Krise". Von einer "Sparversion" war dann zu lesen, wenn die Rede auf Vilnius kam. Schon im November 2008 waren in der "Kleinen Zeitung" Warnungen zu vernehmen ("Litauen feiert sich mit teuren Werbespots"). Bereits am 3.Januar - also die Gerd Hofs Lichter waren kaum ausgegangen - schrieb der "Mannheimer Morgen": "Ein Land desertiert vor der eigenen Kultur" und schrieb von Kürzungen des Kulturhauptstadtetats um 50%. Zwei Tage später stand in der Basler Zeitung etwas von "Ein Land, verloren in der Mitte Europas" und beschrieben waren Hindernisse im Kulturaustausch mit Litauens Nachbarn Weißrussland und Kaliningrad. Und die Frankfurter Rundschau hatte schon zu Sylvester die Situation mit "schmaler, kürzer, ärmer" gekennzeichnet. Die WAZ schrieb am 12.Januar: "Neujahr strahlten sie noch, jetzt wird gespart". Nur DIE WELT wollte auch am 9.Januar 2009 ausschließlich "freudige Aufbruchstimmung" in Vilnius registriert haben.

Im März war auch bei der kommenden europäischen Kulturhauptstadt, Essen, angekommen, dass in Vilnius kaum Austauschmöglichkeiten übrig geblieben waren. Während in Bremen noch ein mehrtägiges Kulturprogramm zur Vorstellung der Kulturhauptstadt Vilnius über die Bühne gehen konnte, war anderswo von der Absage eines Treffens des Netzwerks europäischer Kulturhauptstädte (ECOC) zu lesen, dass in Vilnius hätte stattfinden sollen. Aus Protest gegen die Entlassung der Leiterin des Kulturhauptstadtbüros in Vilnius, wurde betont. Der "Österreichische Rundfunk" (ORF) - wegen der parallel erkorenen Kulturhauptstadt Linz immer besonders auch an Vilnius interessiert (und auch in vielen Sendungen darüber berichtete), bezeichnete die Vorgänge in Litauen am 9.März als "kulturpolitisches Lehrstück".

Und die Künstler?
Ja, es lässt sich durchaus beklagen, dass die kulturellen Leistungen und Veranstaltungen selbst oft leider viel weniger Schlagzeilen machen und "öffentliche" und "veröffentlichte" Meinungen beeinflussen, als die Rahmenbedingungen, ein bestimmtes "Image" eines Landes oder einer Stadt, Trends und Moden, wirtschaftliche oder politische Rahmenbedingungen. Ich habe noch keinen Jahresrückblick in der deutschsprachigen Presse gelesen, der rückblickend Vilnius als Europäische Kulturhauptstadt gewürdigt hätte. Bei keiner der inflationär gerade während Feiertagen sich vermehrender Fernsehquizsendungen wurde eine Frage nach Vilnius gestellt.
Tja, hätte mal Boris Becker seine (wievielte?) Hochzeit in Vilnius gefeiert, irgendeine Schauspielerin ihren neuen Film dort vorgestellt, Barack Obama seine Anti-Atomwaffen-Rede nicht in Prag gehalten, oder wenigstens deutsche Politiker mit (heimlichen?) Freundinnen in Litauen gesehen und fotografiert (was schon vorgekommen ist!).

Nun, immerhin: bis auf den absehbaren Geldmangel und den Personalwechsel zu Anfang des Jahres wurden in Vilnius keine weiteren Skandale produziert, die an die deutschsprachige Presse gedrungen wären. Die "Schuldfrage" wurde etwas verlagert: "die Presse" schrieb im April vom "harten Diktat des IWF" und meinte damit die (Spar-)bedingungen des Währungsfonds bei der Kreditvergabe an Litauen. Ähnlich beschrieb die Süddeutsche im gleichen Monat "Länder im Regen", und spielt dabei auf eine der möglichen Herleitungen des Namens "Litauen" an.
Ein Sängerfest wurde gefeiert - parallel zu Estland dieses Jahr - musste das sein? DIE WELT berichtet zwar, schreibt aber seltsamerweise von einem "baltischen Sängerfest". Ein "Pflichtbericht", wo doch wenigstens das Schlagwort "Sängerfeste" in Deutschland bekannt ist? Na ja, viele haben sich damit abgefunden, dass auch die drei "baltischen" Hauptstädte ständig verwechselt werden.

Hochsommer mit Palastfassade
Dann ein weiterer Höhepunkt. Zwar musste die Wiedereröffnung des ehemals zerstörten Großfürstenpalasts etwas "abgespeckt" werden, aber sie fand statt. Für den Rheinischen Merkur war Litauen damit "auf der Suche nach der nationalen Seele". "Das ist keine Hollywood-Fassade", wird hier ein örtlicher Palast-Guide zitiert, und der neue Kulturhauptstadt-Chef Kvietkauskas beteuert im Blick auf die vorgenommenen Einsparungen (jetzt ist von 40% die Rede): "die Ideen bleiben unverändert."

Vielleicht sollte man eher die Urlaubszeit abwarten mit der Berichterstattung. Da können in den Reisebeilagen verschiedener Presseorgane ungestört von öffentlicher Diskussion die "must-see" Sehenswürdigkeiten dargestellt werden: ein wenig Užupis, ein wenig "Hauptstadt der Kirchen", dazwischen einige Opern- und Theateraufführungen, bildlich stimmhaft erhänzt manchmal sogar von Luftaufnahmen der Kurischen Nehrung. Die neue Züricher Zeitung findet am 10.August mit "Leben wie die Cowboys" eine eher ungewöhnliche Überschrift für einen Überblick zu dargebotenen Vielfalt in Vilnius (geschichtlich, kulturell, aktuell). Die in Litauen durchaus nicht unbeliebten Countryfestivals werden (wie der Titel es vielleicht vermuten ließe) allerdings nicht erwähnt.

Am 24.August bietet die Deutsche Welle schon Ansätze einer Bilanz - klar, die Hauptsaison scheint vorüber. Motto: Die Litauer lassen sich ihre Freude über ihr Vilnius nicht nehmen.
Im September greift der MDR schließlich auf die bevorstehenden Jahrestage von "Mauerfall" auf (so sie deutsche Sicht - der Jahrestag des Baltischen Wegs war ja schon im August), und spiegelt die Ereignisse des litauischen Kampfes für die Unabhängigkeit in einer Sendung.

Zum Jahresende macht der Evangelische Pressedienst schließlich noch aufmerksam auf ein "Kulturhauptstadtkreuz", das im Rahmen einer Vielzahl von Veranstaltungen auf Wanderschaft gehen soll, auch 2011 in "Tallin". Na gut, so etwas hätte auch im katholischen Litauen vielleicht Anklang gefunden - aber von dort wurde ja immer wieder betont, eher ein modernes Litauen dem Ausland darstellen zu wollen, abseits von Vorurteilen und Schablonen. Nun, ob in Essen gerade das Kreuz innovativ wirkt (und ob es dann auch in Tallinn ankommt), muss abgewartet werden.

Und was tun, wenn nicht fliegen?
Nein, das Programm der Kulturhauptstadt Vilnius 2009 war kein bewusst umwelt-grün-angestrichenes. Auch wenn zu Jahresanfang der Zusammenbruch der halbstaatlichen Fluggesellschaft FlyLAL umweltfreundliches Reisen hätte nahelegen können - Konkurrent AirBaltic eröffnete die Direktverbindung Berlin-Vilnius pünktlich zum Jahresabschluss. Nie wurden im litauischen Kulturhauptstadtjahr so viele Litauer/innen in Riga und in Bremen gesehen (nächste erreichbare Billigflieger). 10.000 Mitarbeiter/innen der Touristikbranche hätten im Zuge der Flieger-Pleite ihren Job verloren, war bei der Deutschen Welle zu lesen. Nein, dass bei solchen Zahlen Vilnius unbesucht von Touristen bleibt, und die Litauer/innen selbst auf Arbeitssuche in Europa gehen müssen, dass ist diesem schönen Land wirklich nicht zu wünschen.
Deutschsprachige werden allerdings ein wenig raten müssen, was die Kulturhauptstadt Vilnius 2009 eigentlich war - ein großer Teil der bereits erstellten deutschsprachigen Seiten wurden wieder vom Netz genommen. Da bleibt uns zur Kommunikation - falls nicht Lithuanist/in - nur "the most popular language of the world: bad English".
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