01 Juli 2008

Gefährliche Straßen

Nicht zum ersten Mal werden Statistiken bekannt, nach denen Litauen das Land mit den meisten Verkehrsunfällen in Europa ist. Warum? Ist das immer noch dem Umstand zuzuschreiben, dass Litauer mit Vorliebe PS-starke Westmarken kaufen, um sie dann rücksichtlos (und möglichst noch in angetrunkenem Zustand) über ihre staubigen Straßen zu jagen? Das kann ja wohl nicht sein. Oder doch? Der Europäische Verkehrssicherheitsrat (ETSC) gab dieser Tage eine Statistik für das Jahr 2007 heraus, der zufolge in Litauen die Zahl der Verkehrstoten immer noch ansteigt - trotz aller internationalen Bemühungen um die Verkehrssicherheit. Zitat: "Litauen hält in Europa den Negativrekord". Interessant nur, dass sich die Situation beim Nachbarn Lettland - bislang ebenso betroffen von hohen Unfallzahlen - langsam verbessert.

Kommentare von litauischer Seite finden sich bisher selten. Auf der Webseite der litauischen Gemeinschaft in Frankfurt/Main wird die Tatsache lediglich vermeldet. Imagefördernd kann es allerdings kaum sein, wenn deutsche Medien schon seit Jahren schreiben, in Litauen sei es am gefährlichsten, sich in den Straßenverkehr zu wagen (z.B. Spiegel online 10.10.2007). Dabei gilt in Litauen ein ziemlich strenges Alkoholverbot im Straßenverkehr (o,4 Promille), während in Lettland immerhin 0,5 Promille im Blut noch keine Strafen mit sich bringt. Doch wo fast nichts erlaubt ist, erregen dann krasse Übertretungen wiederum besonderes Aufsehen: mit über 7 Promille im Blut sollen bei einem litauischer LKW-Fahrer schon mal festgestellt worden sein, zitiert genüsslich der "JuraBlog".

Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der Verkehrstoten - Ausgangsjahr ist hier 2001 - bis 2010 zu
halbieren. Den jetzt vorgelegten Zahlen für 2007 zufolge werden das in dieser Zeit aber voraussichtlich nur Frankreich, Portugal und Luxemburg erreichen. Dank einer seit 2001 langsam sinkenden Zahl von Verkehrstoten in Lettland wird das Erreichen dieses Zieles hier für 2015 prognostiziert (ebenso Deutschland).Die litauische Straßenbauverwaltung stellt diese Statistiken und Prognosen offenbar in einen ganz anderen Zusammenhang. Ganz nach dem Motto "Schuld waren unsere Vorgänger" werden hier die Unfallzahlen seit 1980 aufgelistet. Damit verglichen, wären die Unfallzahlen heute wieder etwa auf dem Stand von 1981 (6600 gegenüber 6329 damals), die Zahl der Toten im Straßenverkehr sogar kleiner (739 im Jahr 2007, 836 im Jahr 1980, mit einer Spitze von 1173 Toten im Jahr 1991 - da bekommt der Satz von der "road to independence" eine ganz neue Bedeutung ...).
Verletzte im Straßenverkehr gab es offenbar, diesen Zahlen zufolge, vor 25 Jahren weniger: 4673 waren es im Jahr 1980, 1991 ein Anstieg auf 6558, um im Jahr darauf wieder auf 4194 abzusinken, und heute bei 8234 Verletzten zu landen.
Verursacher von Verkehrsunfällen sind mit steigender Prozentzahl zu 75% die Autofahrer (14,9% Fußgänger, 6,9% Radfahrer).

Die Zahlen des Europäischen Verkehrssicherheitsrats ETSC hingegen beruhen weitgehend nur auf den Statistiken seit dem Jahr 1992. Im Zeitraum von 1992 bis 2006 seien im Straßenverkehr in Litauen insgesamt 10.000 Menschen getötet und etwa 60.000 verletzt worden, heißt es hier. Eine der häufigsten Unfallarten - neben überhöhter Geschwindigkeit (200 Tote hierdurch 2007), Alkohol am Steuer und Unachtsamkeit des Fahrers - seien immer noch Unfälle mit Fußgängern. Also: Augen auf besonders für diejenigen, die zu Fuß sich in Litauen bewegen! Die Zahl der Unfälle mit Radfahrern ging zuletzt leicht zurück (73 getötete Radler im Jahr 2007). Beim Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit gehen die Unfallzahlen auf den Autobahnen und Schnellstraßen zurück, während sie auf den Landstraßen steigen.

Vielleicht liegen die steigenden Unfallzahlen auch einfach in der wachsenden Anzahl von Autos auf litauischen Straßen begründet? Im Jahr 2000 waren in Litauen noch
1,28 Millionen Autos registriert (348 pro 1.000 Einwohner), 2007 ist die Zahl auf 1,97 Millionen angewachsen (585 Autos auf 1.000 Einwohner). (Quelle)

Im Laufe des Jahres 2003 reduzierte Litauen die erlaubte Geschwindigkeit innerhalb von Ortschaften von 60km/h auf 50km/h, was eine sofortige Reduzierung der schweren Unfälle um 12% für die restlichen Monate diesen Jahres und nochmals um 4% für 2004 mit sich brachte. In vielen Städten gibt es auch Zonen mit 40km/h Geschwindigkeitsbegrenzung, man überlegt zur Zeit eine Reduzierung auf 30km/h. Gemäß Aussagen der ETSC ist die gegenwärtig gültige Begrenzung auf 130 km/h auf Schnellstraßen noch zu hoch angesetzt - verglichen mit dem Straßenzustand.

Mut machen immer wieder die radelnden deutschen Touristen in Litauen. "Man kann ja auf einsame Nebenstraßen ausweichen", das ist immer noch der meistgelesene Rat für Furchtsame auf diversen Radler-Blogs und Infoseiten. Na denn: hoffen wir auf (zunehmend) einsichtige Autofahrer!

Weitere Infos:
Europäischer Verkehrssicherheitsrat (ETSC): Fact Sheet Lithuania (PDF-Datei, engl.)

Download der gesamten Studie zur Verkehrssicherheit in Europa 2008 (PDF-Datei)

Übersichtskarte der litauischen Straßenbauverwaltung zu besonders unfallträchtigen Stellen im litauischen Straßennetz
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