15 August 2007

Litauische Familien - in deutschen Schlagzeilen

Vielleicht gehört es ja noch zu den "Sommerloch"-Themen, vielleicht gehört es auch einfach zur Abteilung "Statistiken sagen immer nur soviel aus, was der Auftraggeber gern hören will." Jedenfalls machen dieser Tage einige deutschsprachige Medien mit dem Thema auf: in Litauen existiert die schwächste Bindung an die Familie in ganz Europa.. Ist das gerechtfertigt?

Zugrunde liegt den aktuellen Presseberichten eine Studie von Paola Giuliano und Alberto Alesina von der Harvard-Universität in den USA, die bereits im April 2007 herausgegeben wurde, sie umfaßt 53 Seiten. Untersucht werden 78 Länder. Einbezogen wurden auch Untersuchungen zur zweiten Generation von Einwanderern in den USA. Zugrunde liegt eine simple These: in Gesellschaften mit starker Familienbindung liegt die Verantwortung für Einkommen und soziale Sicherheit eher in der Familie selbst. Im gegenteiligen Fall liegt die Verantwortung eher beim Arbeitsmarkt und dem Staat. Bei starker Familienbindung nehmen auch weniger Jugendliche und weniger Frauen am Arbeitsleben teil. Dann folgt eine interessante Aussage, die ebenfalls sehr einfach klingt: Familienbindung funktioniert nur dort, wo die Familienmitglieder eng zusammenleben. Hieraus ließen sich für Litauen wie für Deutschland ja erste Schlüsse ziehen: offensichtlich gibt es Gründe, warum Familien nicht mehr geografisch so eng zusammenleben. So muss auch die Untersuchung nach der gewählten Methodik zwangsläufig zu dem Ergebnis kommen: wenig Bindung vorhanden. Aber Vorsicht, Litauer und Deutsche: Auch diese Untersuchung wird uns nicht einreden können, dass wir unsere Familien nicht hoch schätzen. Zumindest für Litauen gilt ja (und das dürfte allen bekannt sein, die Litauen kennen und schätzen): wer momentan anderswo Arbeit sucht, zum Beispiel in Irland oder Großbritannien, der gibt ja damit nicht gleich seine privaten Werte auf.

Die deutschen Medien machen etwas anderes daraus. "In keinem Land der Welt zählt die Familie so wenig wie in Deutschland," schreibt das HANDELSBLATT. "Nur in Litauen sind die familliären Bande noch schwächer." Aus dem Text einer Mitteilung des INFORMATIONSDIENST WISSENSCHAFT könnte man sogar herauslesen, in Litauen und Deutschland sei "fehlender Respekt gegenüber den Eltern" zu konstatieren.
Der WDR schlußfolgert: "Menschen in Ländern mit starker Familienbindung geht es oft finanziell schlechter, sie sind aber oft glücklicher." Und: Familienbindung ist stärker in Süd- als in Nordeuropa.
SZIENZZ meint, Menschen mit starker Familienbindung würden die Frage, ob sie für mehr soziale Sicherheit auch mehr Steuern bezahlen würden, eher mit nein beantworten. Dieses Antwortverhalten wird dann in Beziehung gesetzt zur Familienbindung: "vermutlich deshalb, weil hier die Famile als 'Versicherung' einspringt". VERMUTLICH? Seit wann sind Vermutungen Wissenschaft? Und wie steht es mit der vorangegangenen These, das andersherum ein Schuh draus wird: arme Leute haben eben notgedrungen einen starken Familienzusammenhalt. Allerdings: weil sie bei dieser Befragung angeblich wenig Familienbindung zeigten, sind Litauerinnen oder Litauer auch noch nicht 'automatisch' reich - klar.

SZIENZZ meint auch: "
Der Untersuchung zufolge sind die familiären Bande in ehemals kommunistischen Staaten auch bald zwanzig Jahre nach der 'Wende' immer noch schwächer ausgeprägt als im Westen - Folge der Omnipräsenz staatlicher Regelungen." Gut, aber warum unterscheiden sich dann die Ergebnisse der Studie so zwischen diesen "ehemals kommunistischen Staaten"? In Estland und Lettland zum Beispiel sieht das Bild keineswegs ähnlich wie in Litauen aus (untersucht wurde bis Ende 2006).

Liebe Litauerinnen und Litauer (die ihr vielleicht auf der ganzen Welt zerstreut seid): was denkt ihr?

Übrigens: wer den Bericht von Konstantin Käppner liest, der über die Austauschorganisation "Youth for Understanding" fast im selben Zeitraum ein Jahr in Litauen verbrachte und das Land intensiv kennenlernte, kann sich ebenfalls einen eigenen Eindruck verschaffen. "Ein Volk wie eine große Familie" schreibt Käppner. Na also!

Infos:
"Familie, das Auslaufmodell" - bei Organic Society

"Schlußlicht in Sachen Familie" - bei SCIENZZ

"Familie - wie klappt's bei den Nachbarn?" - im WDR

"In Deutschland und Litauen zählen Familien am wenigsten" - Informationsdienst Wissenschaft IDW

"Zieht das Thema Familie?" - im Handelsblatt

Die Studie: "The power of the family" (Alberto Alesina and Paola Giuliano, Haward University - PDF-Datei)

YFU-Bericht von Konstantin Käppner
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