09 Dezember 2006

Verbessern was gut ist

Wie kann die deutsch-litauische Zusammenarbeit wieder verbessert werden? Die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer von den Botschaften beider Länder und dem litauischen Außenministerium unterstützten Konferenz am 4.Dezember 2006 in Vilnius gingen vorsichtig miteinander um. "Litauen und Deutschland - neue alte Nachbarn" hieß das Motto. Eingeladen waren neben verschiedenen offiziellen Funktionsträgern der deutschen und litauischen Diplomatie auch Unternehmer, Vertreter von Stiftungen und Kultureinrichtungen, Wissenschaftler und in Partnerschaftsprojekten engagierte Bügerinnen und Bürger beider Länder.

Veranstalter war das "Litauisch-Deutsche Forum", dessen Gründung auf eine Anregung der Präsidenten beider Länder, Adamkus und Köhler, zurückgeht. Im September hatte sich der deutsche Zweig der neuen Organisation im Rahmen einer Veranstaltung in Berlin vorgestellt.

Unterschiedliche Erwartungen?
Zeit genug blieb diesmal, Erwartungen und Wünsche auf litauischer Seite an eine Zusammenarbeit mit Deutschland zu hören. Allzu selbstverständlich ist dieses geg
enseitige Zuhören nicht: die meisten Litauer verbinden mit Deutschand nicht viel mehr als ein paar Schlagworte wie Schiller & Goethe, Helmut Kohl und Michael Schumacher, so stellten zur Konferenz vorgelegte Umfrageergebnisse fest. Es sei auch gar nicht so einfach gewesen, überhaupt genug geeignete Simultanübersetzer/innen für die Konferenz zu finden, so die Organisatoren.
Von litauischer Seite wurde deutlich, dass dort Aktivitäten eines "Litauisch-Deutschen Forums" vor allem als für die Unterstützung von staatlicher und politischer Seite geeignet ansieht. Da wirkte es nicht ganz glücklich, dass auf deutscher Seite zwei von drei Bundestagsabgeordneten ihre Teilnahme an der Konferenz kurzfristig absagten: Konferenzteilnehmer Gerd Höfer wurde so zum viel gefragten Gesprächspartner, da sein Kollege Henry Nitsche kurzfristig erkrankt war und Dr. Christel Happach-Kasan schlichtweg ihr Flugzeug verpaßt hatte.

Miteinander ins Gespräch kommen

Deutsche Teilnehmer waren - abgesehen vom Vorstand des in G
ründung befindlichen "Deutsch-Litauischen Forums" und abseits der eingeladenen Referent/innen - nur wenig vertreten. Dennoch galt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verständnis aktueller Themen auszuloten, und das wurde in Form von drei Arbeitsgruppen versucht. Zumindest war es leicht möglich, einmal der litauischen Seite zuzuhören, wie die Erwartungen an eine Zusammenarbeit mit Deutschland aussehen.
Im Bereich Wirtschaft wurde klar, dass die zahlenmäßig starke Arbeitsemigration von Litauern ins Ausland im eigenen Land weiterhin stark diskutiert wird. Sind dies nur experimentierfreudige junge Leute, die nach einiger Zeit zurückkommen, oder muss Litauen mit einer längerfristigen Auswandererwelle rechnen? Im Vergleich sind litauische Löhne mit denjenigen anderer EU-Länder, die ihre Arbeitsmärkte für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten geöffnet, nicht konkurrenzfähig. Gleichzeitig steht spätestens mit einer erneuten Erweiterung der EU ein Zustrom von arbeitssuchenden Menschen aus Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder der Ukraine bevor. Da ist es wohl schon als Fortschritt zu sehen, wenn deutsche Geschäftspartner solche Perpektiven in Litauen überhaupt wahrnehmen, und längerfristig ihre ökonomischen Strategien so aufbauen, dass auch der litauische Partner seine Stellung im eigenen Lande stärken kann.

Bunte Kulturprojekte
Hartmut Holzapfel, als Kultusminister 1994 Unterzeichner der hessisch-litauischen Vereinbarung zur Zusammenarbeit und heute Landtagsabgeordneter in Hessen, fasste als Berichterstatter aus dem Arbeitskreis Kultur verschiedene Ideen für die zukünftige Arbeit des Deutsch-Litauischen Forums zusammen. Eine der Perspektiven ist ja bereits allgemein bekannt: 2009 wird Vilnius Europäische Kulturhauptstadt sein. Also könnte eine der Zielsetzungen sein, Litauen und seine Hauptstadt auch in Deutschland bekannter zu machen. Aber auch Konferenzen von Studierenden, litauische Sonntagsschulen, und bildungspolitische Initiativen wurden als Themen für Aktivitäten benannt. Auch die Zukunft der Baltistik an deutschen Hochschulen wurde bereits diskutiert.

Zwischen Vilnius, Brüssel und Berlin
Politische Interessen offen zu diskutieren, fiel da deutlich schwerer. Von litauischer Seite wurden wiederholt große Erwartungen an die Große Koalition zwischen CDU und SPD formuliert, was offensichtlich vor allem auf einer Überschätzung der Machtposition einer konservativen Kanzlerin beruhte. Träume von einer neuen "konservativ-liberalen Bewegung" waren ja schon durch die Abwesenheit eines Teils der Bundestagsabgeordneten der entsprechenden deutschen Parteien konterkariert. Hoffnungen, dass Europa im Sinne Litauens auch einmal "mit einer Stimme sprechen" könne (und solle), richtete die litauische Seite vor allem auf den Bereich der Energiepolitik (im Sinne des litauischen Wunsches einer Wiederbelebung der Atomenergie).
Aber Andreas von Below (für die Adenauer-Stiftung) sowie Werner Jostmeier (für die CDU in NRW) machten deutlich, dass zum Thema eines EU-Beitritts der Türkei zumindest die CDU in Deutschland eine andere Position vertrete als die litauische Regierung.
Mehr Einigkeit bestand da schon in Fragen der Zusammenarbeit der Länder an der zukünftigen EU-Ostgrenze, und auch gegenüber dem litauischen Wunsch nach mehr Sensibilität für litauische Belange gegenüber Russland herrschte großes Verständnis.

Gründungsprozess abgeschlossen?
Mit dieser ersten gemeinsamen Veranstaltung des deutschen und litauischen Teils des Deutsch-Litauischen Forums könnte der Gründungsprozeß der neuen Vereinigung als fast abgeschlossen angesehen werden. Einzig die wirklich aktive Einbeziehung von Aktiven aus den vielen privaten deutsch-litauischen Projekten steht erst am Anfang. Auf litauischer Seite zeigten bisher eher Diplomaten, Beamte und Unternehmer Interesse an den litauisch-deutschen Kontakten, und auf deutscher Seite steht die erste Mitgliederversammlung erst noch bevor.
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